Part 9
Rosa huscht ins Zimmer herein, lautlos wie ein Kätzchen. Und hat sich schon an Franz geschmiegt beim Fenster. »Ein Brief vom Liebchen da?« Sie möchte gar zu gern etwas Näheres über den Herzensbefund des verschlossenen Franz wissen. Ob er nicht doch ein Liebchen hat, daß er so gar nicht verstehen will, wenn sie ihm ihr eigenes Herz schon auf dem Präsentierteller entgegenbringt. Ach, die Rosa ist feurig, sie weiß ihn gehörig in die Enge zu treiben beim dicht umblätterten Fenster, wo der Herr Beschließer durchs Schlüsselloch nicht hinblicken kann. Aber Franz weiß sich immer noch aus der Schlinge zu ziehen, obzwar es ihm manchmal selber schwer genug ankommt. Wenn er sich einmal vergäße, denkt er, dann ist kein Halten mehr! Und wie leicht ist es geschehen.
»Halt, Fräulein Rosa, ich glaube, der Beschließer ..!« das war bisher immer noch von der Wirkung eines kalten Wasserstrahls, um Rosas glühendes Verlangen in geziemenden Schranken zu halten. Aber wer weiß, was jetzt geschehen wäre, wenn nicht der Herr Schwager draußen sein gelbes Gefährt angehalten und Briefe an den Herrn Kompositeur Franz Schubert abgegeben hätte.
Rosa läßt sich alles haarklein berichten, wer geschrieben hat und was in den Briefen steht, sie kann es nicht glauben, daß einer so streng gegen sich und schier ohne Liebesbegehren sein mag, wenn er nicht doch am Ende irgendwo ein Liebchen versteckt hätte. Aber es sind wirklich nur Briefe von den Anverwandten. Der Herr Vater schreibt sogar eigenhändig, es freue ihn, daß es dem Sohn gut gehe und daß er bei so hohen Herrschaften Anerkennung und Stellung gefunden habe -- es scheint, daß er sich mit dem Sohn in seinem Herzen ausgesöhnt hat, nachdem dieser doch etwas wie ein Amt bekleidet.
Also, ein ganz verlorener Musikant, das ist der Franz nun doch nicht mehr. Der Bruder Ferdinand berichtet, daß die Frau Mutter den gewünschten Nachtrab von Schnupftüchern, Halstüchern und Strümpfen schickt und daß die bestellten kasimirnen Beinkleider unterwegs seien; sie denke in mütterlicher Sorgfalt an Franz .... Die Briefe klingen alle etwas steif und hölzern, es ist keine rechte Erlösung darin. Wo bleiben die Freunde, daß sie kein Wort schreiben?
»Die Post bringt keinen Brief für dich, mein Herz, mein Herz, was drängst du denn so wunderlich, mein Herz, mein Herz!«
Die arme Rosa kennt sich gar nicht mehr aus mit dem wunderlichen Musikanten, der ihr dieses eigen komponierte Liedchen von der Post vorträllert; sie hat schon ganz den Kopf verloren, wie wird das noch enden, wie?
»Sie schlimmer Herr Franz!«
Der Sommer vergeht, der Herbst kommt, und immer dieses Leben, dieses wohlgemessene, äußerlich glückvolle, sorgenfreie, innerlich drangvoll begehrende und immer wieder spröd sich versagende! Hundertmal fährt der Postillon vorüber, immer wandern die Gedanken mit, man möchte aufschreien: halt, Schwager, halt, nimm mich mit! Zurück in die Stadt! Zurück in die sehnsüchtig begehrte Wienerstadt, die alles einschließt, was das Leben an Glückseligkeit gewähren kann. O Wien, Wien, Wien!
»Willst wohl einmal herübersehen und fragen, wie es dort mag gehen, mein Herz -- mein Herz?!«
Ja, ja, so fragt das Herz, das allzu unruhige, stürmende, pochende! Die Herbstabende sind lau und gnadenvoll, die Bäume im Park prangen in den Farben der Dukaten, alten Münzen, Medaillen, grün und gold -- es ist eine Jahreszeit zum träumerischen Sinnen.
Nach dem Abendessen an der gräflichen Tafel wird noch ein kleiner Spaziergang gemacht. Zigeuner treten auf den grünen Plan und bringen der Herrschaft ein Ständchen. Ein schäumender Trank, diese Musik, die das Blut rebellisch macht und den Zwang doppelt unerträglich!
Komtesse Karoline hatte sich mit Franz unter den dunklen Bäumen des Parks verloren. Er redet etwas von den Empfindungen, die diese Musik auslöst.
»Diese braunen Kerle, sie leben das richtige Künstlerdasein. Das Leben verraucht, verträumt, vergeigt, so ist es auf göttergleiche Art genossen. Und dann kommen sie und spielen einem die Seligkeiten ihres genossenen Glückes vor, daß einem die Brust zerspringen möchte ..«
Er hatte nicht vollendet, da fühlte er sich plötzlich umfaßt, zwei weiße, weiche Arme warfen sich um seinen Hals, ein schlanker, dufthauchender, gertenhaft biegsamer Körper zog ihn an sich, ein frischer Mund suchte seine Lippen und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.
»Franz, lieber Franz, ich hab' dich ja so lieb ....«
Er wußte jetzt wirklich nicht, wie ihm geschah. Das schöne, adelige Fräulein -- die Liebe hatte ihn jetzt umfangen, diese Seligkeit, die still Angebetete in seinen Armen zu halten, und zugleich die Qual, nein, die Scham, sie spröd von sich weisen zu müssen. Er machte ihre Hände los, die sich um seinen Nacken fest ineinander gekrampft hatten.
»Komtesse Karoline -- ich bitte -- bedenken Sie doch -- ich bin nur ein ganz elender bürgerlicher Erdenwurm, der nicht die Augen so hoch zu erheben sich vermessen darf -- meine unbegrenzte Verehrung -- aber wir müssen doch vernünftig sein -- der Herr Papa -- und die Frau Mama ....«
Ja, es war zum Heulen. Und wenn er zugrunde gehen hätte müssen -- das Vertrauen mißbrauchen, nein! Der mit allem Schein der Freundlichkeit und Milde verhüllte Abstand, den die Gräfin aufrechtzuerhalten wußte, das wirkte auf ihn mit einer stärkeren Zucht, als es der brutale Hochmut des Grafen oder die Furcht vor dessen Zorn sein konnte; der Graf würde vor nichts zurückschrecken, auch nicht vor einem Totschlag -- aber das war nicht der Grund, weswegen Franz sich eine so übermenschliche Herrschaft auferlegen konnte; es war der innere Takt, der bei aller Liebe zu dem Mädchen sich als Hüter ihrer Ehre fühlte und nur zu gut wußte, daß der Abstand zweier Welten zwischen ihm und ihr lag -- sie mußte am jenseitigen Ufer bleiben.
Manches liebe Wort ward unter den Bäumen noch gesprochen, es gab Tränen und eine letzte Süßigkeit, die im freiwilligen Entsagen liegt -- der Kies knirscht, wie sie mit elastischen Schritten wegeilt, zum Schloß hin, rein und weiß schwebt sie durch das späte Dämmerlicht.
Die Zigeuner spielen jetzt fern, an der Linde beim Ententeich; Franz ist allein in der Einsamkeit seines Zimmers; draußen ist helles frohes Leben, Tanz und Lust bei der Linde -- die Welt scheint hier so ruhig und so licht!
Aber so elend, so elend war er nie, wie jetzt; er war es nie, wenn die Stürme tobten, wie er es jetzt ist, in der Stille dieses Lebens.
»Ich wußte, daß Sie hier auf mich warten -- alle sind bei den Zigeunern, auch der Beschließer, der gemeine Kerl! Franz, haben Sie denn kein Herz?«
Eher zu viel als zu wenig! Aber es gehört der einzigen Geliebten, mit der er am liebsten allein ist, die er in seinem Zimmer, in seinem Klavier, in seiner Brust verbirgt und die ihm alle Geständnisse abverlangt, alle Prüfungen und Nöte der Liebe, alles sehnsüchtige Verlangen und schmerzliche Entsagen.
Aber die Stunde ist gefährlich, und Jungfer Rosa setzt ihm hart zu. Wie wird dieses Herz bestehen zwischen der keuschen, reinen Liebe des adeligen Mädchens und dem glutvollen Verlangen dieses unbekümmerten Volkskindes? Und diese Musik, die so verführerisch und sinnenerregend herüberklingt -- aber man ist kein frivoler Laffe, und man hat es schwer mit sich selbst. Die widersprechenden Empfindungen beschwören einen solchen Konflikt, man kämpft einen schweren Kampf, und die Liebe, wenn sie einmal kommt und ihn segnen will, vermehrt nur seine Pein. Im Lied allein kann er hoffen, seine Erlösung zu finden.
Am anderen Morgen ist Sonntag, Franz ist in der Dorfkirche unten, er hört sich die Predigt an. Wo bleibt diesmal die befreiende Stimmung, die er im Gotteshause immer gefunden? Liegt es an ihm, oder ist der polternde Kapuziner auf der Kanzel schuld, der auf die Bauernschädel herabdonnert, mit Ludern und Kanaillen herumwirft, einen Totenkopf von der Kanzel herab zeigt: »Da seht her, ihr gukerscheckigen Gfrieser, so werdet ihr einmal ausschauen ....« und dann hebt erst recht die Moralpauke an: »Da geht der Bursch mit dem Mensch ins Wirtshaus, tanzt die ganze Nacht, dann legen sie sich besoffen nieder und stehen ihrer drei wieder auf ....«
Dem guten Franz wird es unerträglich, er trachtet hinauszukommen ins Freie. Hier unter den Bäumen ist wahrer Gottesdienst.
Der Schwager Postillon war da und hat Briefe gebracht. Bruder Ferdinand möchte das Klavier von Franz kaufen, er tut dabei so zimperlich, als ob er nicht dem Bruder, sondern einem wildfremden Menschen schriebe. Es ist wirklich zum Ärgerlichwerden -- schenken will ihm Franz das Klavier, aber nur nicht so schreiben soll er, so devot und vorsichtig, es ist wirklich kränkend.
Aber aller Ärger ist verflogen, als er den nächsten Brief öffnet, den die Freunde zusammen schreiben. Ein wahres Freudengeschrei erhebt er, es ist, als ob er die Lieben, einen nach dem anderen, selbst in den Armen hielte, so berauscht ist er von Glück.
Die Briefe der Freunde, so spärlich sie auch kommen, sie sind das einzige und wahre Glück, das er in diesen Tagen genießt. Er kann es ihnen nicht dringend genug auftragen, soviel wie möglich zu schreiben, er darbt danach, jede Zeile von ihnen ist Himmelsbrot.
»Lieber Schober! Lieber Spaun! Lieber Mayrhofer! Lieber Schwind! Lieber Soundso! Daß ihr mir ja gleich wieder schreibt, hört ihr? Sonst, sonst, sonst ...«
So stürmt es in seinen Briefen an die Freunde.
Sie fehlen ihm zu seinem vollen Glück.
Das Leben ist hier leicht und schön, Frauengunst blüht ihm, der Sorgen ist er entbunden -- aber es ist doch nicht das Rechte. Das Glück, wo ist das Glück? Es ist dort, wo seine Freunde sind. Es ist dort, wo die süße, weiche, melodienreiche, harbe, laute Weanasprach erklingt.
So still verfließt das Dasein hier! Man hat viel freie Zeit, aber es ist nicht die Freiheit, die man braucht. Man steht wie ein Rößlein an der Krippe und ist schließlich des goldenen Hafers überdrüssig. Man zerrt an der Kette und beneidet die wilden Gefährten, die mit dem Sturmwind um die Wette jagen. Wo bleibt der Sturm, das Lebenshaus zu durchrütteln mit seiner prachtvoll schauerlichen Musik, die alle Seelentiefen aufrührt und alle Winkel mit frischem, lebendigem Hauch erfüllt? Der Künstler braucht es, die Geruhsamkeit tut ihm auf die Dauer nicht gut, das Blut wird träg im Wohlleben, und der schöpferische Born droht in der Einförmigkeit des Daseins zu versiegen.
Die Zigeuner, die das Leben verrauchen, verträumen und vergeigen, sie haben nach Künstlerermessen das bessere Los gewählt.
Die späten Herbsttage drücken schwer auf das Gemüt mit ihrer Melancholie. Franz zählt die Tage, Stunden, bis es wieder heimwärts geht nach Wien und die Bürde von Stellung und Beruf wieder von ihm genommen ist, die härter drückt als alle kleinen Lebenssorgen, denen er vor einem halben Jahr entronnen war.
»Ach, daß die Luft so ruhig, ach, daß die Welt so licht! Als noch die Stürme tobten, war ich so elend, so elend nicht!«
Die Post kommt und geht wie immer, und endlich, o glücklicher Tag, nimmt sie Franzens Reisegepäck auf. Die Liederfracht ist schwer, aber das Herz ist leicht. Die Rosa muß es nun wohl glauben, daß er in der Ferne ein liebes Liebchen hat -- doch wie es heißt? Sie hätte es gar zu gern gewußt. Sie hat geschmollt, weil er ein gar so sprödes Herz besaß, und endlich hat sie den Beschließer erhört, denn das war ihr Fehler und ihre Tugend, daß sie halt nicht nein sagen konnte!
Adieu Rosa, »und wenn Sie es durchaus wissen wollen, wie mein liebes Liebchen heißt, so sei es jetzt gesagt: Wien heißt es, Wien, das geschmähte, verlassene, verwünschte -- vor allem aber geliebte und mit Sehnsuchtsgedanken behütete!«
Rosa lacht und dreht ihm den Rücken.
Als Franz beim Schwager vorne saß und die lichte Straße in der verhaltenen Stimmung eines graublauen Herbsttages hinfuhr, nahm er immer wieder einen mit Seidenpapier umwickelten Gegenstand aus der Brusttasche, um ihn innig zu betrachten; -- eine kleine Meerschaumpfeife mit einem silbernen Wappen darin, ein Abschiedsgeschenk der Komtesse Karoline, für das sie das Nadelgeld eines ganzen Monats aufgewendet hatte.
So endete ein Idyll, dem ewige Fortdauer beschieden sein sollte, denn jedesmal, wenn die Wolken dem Pfeifchen entstiegen, mußte in dem seligen Zustand der Entrücktheit ihr Bild in dem bläulichen Flor der Wolken aufschimmern.
Er mußte lächeln bei diesem Gedanken -- das Herz jubelte der Wiener Heimat und den Freunden entgegen, aber in dem Jubel war eine Träne, sie galt der heimlich und entsagend geliebten Gräfin Karoline.
V.
Die Freunde sitzen wieder beisammen und singen wie die Jünglinge im Feuerofen. »Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!«
Der schwärmerische, geheimnisvolle Ton der Männerstimmen zittert weich und kraftvoll, eine tönende Woge, ein sanfter, klingender Hauch, der anschwillt wie Orgelgebraus, wie Waldrauschen, wie Bergstromgetos -- so klingt »der Gesang der Geister über den Wassern«. Die eigentümlich ergreifende Schönheit des Männerchors war Schuberts Entdeckung. Aus dem Kreis der Freunde wuchs ein Quartett hervor, das sich zuweilen zu einem achtstimmigen Chor verdoppelte. Jeden Donnerstag fanden sich die jungen Kerle zusammen, um ihrer Singlust zu genügen.
Hier schöpfte Franz die Anregung zu einer neuen Kunstgattung, er war so eigentlich der Begründer des Männerquartetts. Jeden Donnerstag mußte er neue Noten in der Tasche haben, sonst war es gefehlt. Da fielen sie über ihn her: »Was, du hast nichts Neues? Du hast wirklich nichts Neues? Schandkerl, wir schlagen dich tot. Mausetot! Noten her oder das Leben!«
So erpicht waren sie alle auf neue Gesänge. Herrgott, das war ein Druck, dem schwer zu widerstehen war. Da mußte die schöpferische Ader ergiebig sein, wenn solch gute Geister wachten und die Faulheit zum Teufel jagten. Da gab's also keine Ausrede. Vogel, sing' oder stirb!
Jetzt sitzen sie alle da, wollen den Schnabel aufreißen und brauchen dazu musikalische Atzung. »Ist doch deine Pflicht, Franzl, dafür zu sorgen!«
Ist in tausend Verlegenheiten, der gute Franz, hat an diesem Donnerstag richtig nichts in der Tasche. Hat es vollständig verschwitzt, daß Donnerstag das Quartett stattfindet und um jeden Preis ein neues Stückl singen will. Sie freuen sich ja alle so, die ganze Woche darauf, und jeder ist schon neugierig, was er sich denn zum nächsten Male wieder zusammengedichtet haben wird, der verflixte Herrgottsmusikant!
Aber dieses eine Mal kommt er wirklich mit leeren Händen. Nicht einen Fetzen Noten hat er bei sich. Er sieht das unverhohlene Leidwesen seiner Freunde, sie sind enttäuscht -- das geht ihm nahe.
»Enttäuschung? -- Nein, das sollt ihr nicht erleben an mir! Laßt mich jetzt fünf Minuten in Ruh' -- dann sollt ihr sehen!« Hat er auch die Noten nicht auf dem Papier, so hat er sie doch in der Brust. Ein Gedicht trägt er in der Tasche. »Leise, leise klopf' ich mit gekrümmtem Finger ....« Das Gedicht hat er sich abgeschrieben. Es ist von einem, den sie einmal zu den größten zählen werden. Ein junger Poet, Franz kennt ihn nicht und fühlt sich dennoch mächtig zu ihm hingezogen. Vielleicht daß Mayrhofer, der Zensurgewaltige, Rat weiß. Doch später, später davon! Jetzt das Gedicht und der Gesang! Das Gedicht hat er sich aus einem Musenalmanach abgeschrieben, und jetzt sitzt er in der Ecke, weltvergessend, bezaubert von den Versen, die Noten fliegen und purzeln nur so aus seiner Hand aufs Papier; nach einer Viertelstunde wendet er sich zu den Freunden: »So, jetzt haben wir's!«
»Leise, leise klopf' ich mit gekrümmtem Finger ...«
Bebend vor verhaltener Glut und Kraft, entfalten sich die blühenden Männerstimmen des Quartetts: Leise, leise .. Zuerst wie ein schmeichelnder Windhauch, der mit Blättergeflüster und Fliederduft die Geliebte umschmeichelt und dann immer stürmischer und drängender -- wie könnte die Erkorene der werbenden Kraft dieses Ständchens widerstehen?
Eine der blühendsten Schöpfungen ist im Handumdrehen entstanden. So mir nichts, dir nichts. Wo er es nur hernimmt, in dieser Geschwindigkeit, dieser unglaubliche Franz? Das ist das Rätsel. Gibt es ihm ein Gott ein? Wird wohl so sein. Tut unter dem Anhauch eines genialen Dichters, eines persönlichen Erlebnisses, eines rätselhaften Drängens in seiner Brust die Seele weit und horchend auf, daß die himmlischen Geister des Unendlichen auf ihn einströmen. Er hört sie singen, die himmlischen Heerscharen um Gottes Thron, oder wenn ihr so lieber wollt, die sphärischen Mächte, er hört sie singen draußen in der Unendlichkeit und eigentlich tief drinnen in der eigenen Brust, er braucht nur hineinzuhorchen in sich und in Noten abzuschreiben, was er drinnen hört, und gibt es dann hin -- sein eigenes Herz und seine Seele ist mit dabei. Ja, seht ihr, so wird's gemacht!
»Teufelskerl, himmlischer, laß dich umarmen!« Schober gebärdet sich wie verrückt; der hohe, schlanke, junge Mann hebt den kleinen, untersetzten Schubert im Sturm der Begeisterung hoch, wirbelt ihn ein paarmal um die eigene Achse herum, auch die anderen müssen ihn stürmisch umarmen, sie gebärden sich wie die Tollhäusler. Dann singen sie wieder wie die Jünglinge im Feuerofen, im Feuerofen der Liebe, der Freundschaft, der Begeisterung.
Man sieht es klar, was diese Freundschaft wert ist. Sind alle junge Kampeln, nicht sehr einflußreich, sie können alle zusammen nicht bewirken, daß dem armen Schubert aus seiner genialen Schaffenskraft ein wenn auch noch so kärglicher Verdienst fließt, wenigstens soviel Lohn, als ein Packträger die Woche verdient -- sie geben sich alle Mühe, aber es gelingt nicht, und wirklich scheint es, als ob die Schöpfung Gottes, die so viele unnütze Kostgänger ernährt, gewöhnliche und wertlose Kreaturen, nur für den begnadeten Genius, dem Bringer neuer Schönheit und neuer Kunst, den Tisch zu decken vergessen hätte. Nicht soviel können die Freunde bewirken, daß der gute Franz Kost, Quartier und anständige Kleider bestreiten kann -- je reicher die Welt an ihm wird, desto ärmer ist er.
Die Freunde selbst bereichern sich an ihm, es fließt ihnen soviel Schönheit und Kraft von ihm her zu, und sie haben ihren kleinen Egoismus dabei. Die meisten von ihnen sind Dichter, Schober, Mayrhofer und so weiter, sie wissen, daß der Weg zur Ewigkeit ihrer Schöpfungen nur über Schubert geht, der ihre Verse vertont. Andere, wie Vogl und Schönstein, glänzen durch den Vortrag der Lieder, aber den Löwenanteil des Ruhmes ernten sie selbst. Sie geben sich alle Mühe um Franz, sie tun es ja sich selbst zuliebe, nur schade, daß Franz so wenig davon hat.
Es kommt ihm aber auch gar nicht darauf an. Er denkt nicht nach darüber -- es täte auch gar nicht gut -- der Wert der Freundschaft liegt für ihn wo anders. Daß er zum freudigen Schaffen so gedrängt und gestachelt wird, das verdankt er ihnen. Und das ist das Größte und Wertvollste, das er sich wünschen mag. Darin zeigt sich im rechten Sinn, was Freundschaft bedeuten kann. Sie macht ihm Mut zu sich selbst, zu seinem Können, zu seiner Bestimmung, das ist unendlich mehr als Pump und Borgerei. Vor ihren Augen ist er nicht arm, sondern ein großer und reicher Geber, von dem sie alle empfangen, und wenn sie ihm auch gelegentlich unter die Arme greifen mit dem Nötigsten, was man für den Alltag braucht, so ist keine Rede von Leihen und Zurückgeben, sondern es ist nur eine kleine Erkenntlichkeit in der geringsten Form, für das große Empfangene.
Und wenn sie beisammen sitzen, ist alle Bangigkeit und Schicksalsfurcht vergessen, die in einsamen Stunden jeden überkommt, jetzt ist Freude, Hoffnungsmut und Überwinderstolz um sie, ein Gastmahl von Königen, wenngleich sie nur vom Blatt essen, Wurst in Papier, und dünnes Bier dazu trinken. Eine Kraftquelle sind die Freunde für ihn, ein Ansporn und eine Seelenzuflucht, aber auch er ist Mutspender und Kraftquelle für die Freunde.
Schwind, der tiefe und verstehende, drückt es aus.
»Nichts ist so wichtig für den Künstlermenschen, als zu wissen, wo er schöpfen muß. Du gehörst da her, Schubert, wo du zu Haus bist! Zelez war nichts für dich! Hier in Wien springen deine Quellen, deine inneren Quellen!«
Schubert schmaucht aus dem Meerschaumpfeifchen. Sein Blick geht den entschwebenden Wölkchen nach, ein süßes Traumbild will vor seinen Augen zerfließen.
»Na na -- Zelez hat auch sein Gutes gehabt!« und dabei betrachtet er zärtlich sein Meerschaumpfeifchen.
Aber ganz unrecht hat Schwind nicht. In Zelez hat er gelebt wie der Mops im Paletot -- was war denn dabei herausgekommen? Einige Lieder, die von seinen kleinen Schmerzen erzählen. Das Herz der Menschheit ist darin, ja, ja, aber die großen Werke, die er sich vorgenommen hat -- wo sind die geblieben? Zelez war ein Stück längst begehrter sorgloser Freiheit -- Großes hat er dort gestalten wollen; aber die Zeit zerrann unter seinen Händen. Das Große und Neue erstand erst wieder, als er daheim war in der geliebten Vaterstadt, wo ihn soviel bedrückte, im Kreis der Freunde, die eifersüchtig wachten, daß er sich ja keine Ruhe gönne. Hier war ihm wieder der Knopf aufgegangen -- warum nicht dort, wo die Umstände äußerlich viel günstiger waren? Es ist wirklich der Rede wert, er spricht sich mit den Freunden darüber aus.
Der Schwind hat wieder das rechte Wort gefunden.
»Das in Zelez war nicht die Freiheit -- das war nicht Herrentum, sondern nur versüßter Lakaiendienst, Herr deiner selbst, deiner Zeit, deiner Wege bist du hier, wo du keinem Geringeren untertan bist als dir selber. Und wenn du hier auch zehnmal nichts hast, so hast du doch die Freiheit, zu leben, zu denken, zu reden, zu singen, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Verhungern wirst du nicht. Also kann dir überhaupt nichts geschehen. Der Künstler kann nur einen Herrn über sich vertragen, und das ist er selber. Sei du -- du, dann ist Gott mit dir! Man sieht es ja: was hast du alles aus dem Ärmel gebeutelt in den paar Wochen, seit du wieder hier bist. Das sind Gewächse, die im Herrschaftshaus zu Zelez nicht gezogen werden können. Dort gedeihen sie nicht. Na, hab' ich recht, oder hab' ich unrecht?!«
Recht hat er, der gedankentiefe, romantische und doch so weltkluge Schwind. Natürlich hat er recht! Das weiß Schubert ganz genau, so gescheit ist er auch; was Schwind sagt, das hat er längst gefühlt. Wortlos nickt er ihm zu.
Freilich, ein kleiner innerer Vorbehalt ist dabei. Was Zelez nützte, das kann man nicht wissen. Alles Erleben und Umsetzen in Kunst vollzieht sich geheimnisvoll. Oft ist die Zeit des Müßiggangs die fruchtbarste. Man kann nicht mathematisch nachrechnen, ob ein Eindruck, eine Erfahrung auch wirklich befruchtend war. Sie wirkten oft erst in der dritten Potenz, mittelbar. Und wenn es nichts weiter war als die Zeit der Ruhe, der Entspannung, so war es von um so größerem Wert. Seine Kraft hat geruht, seine Gesundheit ist gefestigt, sein Aussehen blühend. Sein Vorrat an schöpferischer Essenz vermehrt.
Der Mensch braucht einen gewissen Überschuß, von dem er zehren kann. Wer weiß, ob er jetzt soviel neue und herrliche Sachen hätte aus dem Ärmel schütteln können, wenn nicht diese kurze Brachzeit vorangegangen wäre.
Wenn er so sein Pfeifchen in Brand hält, geht ein Strom von Liebe und feurigen Gedanken auf ihn ein. Dieses Pfeifchen ist nicht nur ein Nasenwärmer, sondern vor allem ein Seelenwärmer. Und wieviel man ihm verdankt an zarten Empfindungen, die wieder ausklingen und in der menschlichen Seele einen verwandten Ton erwecken, das ist gar nicht zu ermessen. Rosa ist vergessen; sie war von gewöhnlichem Schlag und hatte nichts zu geben, was Wert behielt. Aber das Grafenkind -- etwas Liebes und Feines ging von ihr aus, das spürte er jetzt stärker als früher, und das war gut.
Mit diesem Pfeiflein, das Liebe erweckte und die Seele fruchtbar machte, konnte man sich nicht mehr arm fühlen, auch wenn man sonst nichts besaß. Die kasimirne Hose hatte ihren Glanz längst eingebüßt und war ein bißchen zerfranst, die Wäsche, die Frau Mutter geliefert hatte, war nicht immer in bester Ordnung gehalten, und das Geld, das man in Zelez ersparte, hatte wie immer einen heilen Schweif. Es war nicht zu halten.