Part 10
Der Herr Vater war abermals bös geworden, weil Franz sein herrenloses Musikantenleben aufs neue aufnahm, die Verbindung mit dem Elternhaus war wieder einmal unterbrochen. Eigenes Heim besaß der Franz nicht, er lebte bei Schober in der Tuchlauben, hatte ein Zimmerchen dort mit einem Klavier, einen Tisch, ein paar wacklige Sessel, einen Schrank, eine Bettstelle, alles sehr dürftig und nicht eben freundlich, denn das einzige Fenster des Zimmerchens ging in einen lichtarmen Hof hinaus. Man war eben Gast und mußte sich bequemen.
Franz sah übrigens nicht sonderlich auf diese äußerlichen Dinge, wenn er nur ein Obdach hatte und schreiben konnte -- während der Arbeit war er in einer lichtvollen, seligen Welt.
Schober selbst hatte zwei Zimmer nach vorne, ein kleines Schlafzimmer und ein gediegenes Arbeitszimmer mit schweren Empiremöbeln, wie es einem jungen Bonvivant jener Tage angemessen war. Aber ein prunkvolles Arbeitszimmer allein macht nicht glücklich. Auch Schober hatte sein Leid, so gut wie Mayrhofer und alle andern. Sie waren tragische Freunde, nur mit dem Unterschied, daß jeden der Schuh wo anders drückte.
Schober sprach nicht gern von seiner Kunstreise, es war eine Enttäuschung gewesen. Er hatte sich als Schauspieler versucht, aber so leicht ging es doch nicht, als er sich's vorgestellt hatte. Er war mehr Komödiant des Lebens, spielte den verfluchten Kerl, war unwiderstehlich vor den Frauen -- aber auf der Bühne versagten die glänzenden Eigenschaften des Weltmannes. Es bedurfte dort anderer, grellerer Mittel, die ihm nicht zu Gebote standen. Kurz und gut, Schober redet nicht gern davon. Er ist begnadeter Dilettant und hat ein neues Steckenpferd, das er jetzt mit Hingebung reiten will: den Pegasus. Eine neue Lust, noch mehr aber ein neuer Schmerz.
Ein anderer ist, dem die Dichtkunst ebenfalls mehr Schmerz ist als Lust: Mayrhofer. Er steht der Literatur nahe von Beruf und aus Neigung. Von Beruf aus ist er dazu verhalten, dem Flügelroß die Schwingen zu beschneiden, daß es nicht allzu freiheitlich ausgreife und die Staatsraison vor den Kopf schlage. So muß er denn von Staats wegen für diesen ungezügelten Renner eine Zwangsjacke bereithalten. Das ist sein Amt als Zensor.
Der geschworene Feind der dichterischen Freiheit ist aber selbst Dichter -- hier klafft der Riß. Neigung und Pflicht stehen miteinander in Konflikt. Aber Pflicht ist Pflicht. Seine Dichterneigung ist Privatsache, sie verstößt nicht gegen sein Beamtengewissen. Täte sie es doch! Hier ist der tragische Punkt in seinem Leben. Er fühlt es dunkel: als Dichter lebt er aus zweiter Hand. Der Quell rauscht nicht in seinem Innern, er trinkt aus fremden Bechern. Er ahmt nicht nach, aber es fehlt ihm doch das Echte, Ursprüngliche. Was er schreibt, ist Almanachpoesie. Sein Leben krankt daran. Sein Geist versinkt oft in trübe Melancholie -- wenn Schubert nicht wäre, o Leben, es wäre zum Verzweifeln!
Aber Schubert gibt den lahmen Versen Flügel. »Gib uns ein Stück von dir!« So meint Mayrhofer und meint Schober. Vielleicht wäre dann jeder ein ganzer Dichter. Schober findet für das, was ihm fehlt, einen inneren Ausgleich durch seine gesellschaftlichen Triumphe. Er lebt als Mann des guten Geschmacks, der angenehmen Geselligkeit, des Kunstverständnisses, des Sammlers -- auch ein Beruf. Er sammelt Spazierstöcke und ist Schuberts Freund -- bei Gott, es gibt sehr viele Menschen, die weniger leisten.
Bei Mayrhofer sitzt der Stachel tiefer. Zensor zu sein, ist keine große Ehre, besonders wenn man selber Dichtersmann sein will. Er ringt um den Segen der Muse: »Ich lass' dich nicht, es sei denn ....« Aber die Muse verhüllt schamhaft ihr Angesicht vor ihm, sie wendet sich ab, mehr erschreckt als beglückt von seinen gewalttätigen Liebkosungen. Verbitterung bemächtigte sich seines Gemüts; darunter begannen auch die Freunde zu leiden, besonders Schubert.
Franz liebte den Freund; der war um so und so viele Jahre älter, sehr belesen, tief und ernst angelegt, krankhaft ehrgeizig und wunderlich durch seine unselige Leidenschaft zur Poesie. Als Dichter erging es ihm so wie früher als Priester, er hat es nie zu den letzten Weihen gebracht. Um so härter war er im Urteil über andere. Das war nun gar nicht nach Schuberts Sinn.
Mayrhofer hatte allerlei zu kritisieren an den Versen: »Leise, leise ...« Spürte er den kommenden Genius, den er leugnen wollte, weil er klein gegen ihn erscheinen mußte?
»In diesem Punkte gehen unsere Wege auseinander!« erklärte Schubert resolut. Und bewies, wie herrlich die Verse seien, aus echtem Gefühl entsprungen, aus einem Guß. Das verstimmte Mayrhofer noch mehr. Er vergrub sich in Trotz und Einsamkeit und ließ sich tagelang nicht sehen. Dann kam er wieder -- er brauchte ein Stück Schubert, ein bißchen Illusion, neue Hoffnung auf Gelingen, sonst war das Leben nichts wert. Aber alles, was recht ist -- in diesem einen Punkt mußte man Franz nachgeben: er duldete nicht, daß man gelungene Leistungen anderer heruntersetzte.
Mit Spaun und Hüttenbrenner betritt Mayrhofer Schuberts Klause in der Tuchlauben. Sie finden ihn eben dabei, als er die »Wanderlieder« von Kreutzer durchspielt.
»Laß das Zeug,« sagt Hüttenbrenner, »und sing' uns lieber ein paar Lieder von dir!« Das ist auch die Meinung der anderen.
Sind aber schön angekommen alle Drei. »Wie kann man so ungerecht sein? Die Lieder sind sehr schön, ich wollte, ich hätte sie geschrieben!«
So war er; er war zu sehr ein Eigener und war zu reich an Können und Gemüt, als daß er auf andere hätte scheel hinsehen mögen. Er vergönnte jedem das Seine und war eher zu einem Lob als zu einem Tadel bereit.
So wäre es ja ein ganz sorgloses Dasein gewesen, man hätte guter Dinge sein können und war es ja auch, wenn man mit den Freunden beisammen saß und die Leistung der arbeitsreichen Tagesstunden zum besten gab. Da war die Sorge und die Furcht vor dem Morgen und Übermorgen verscheucht, aber freilich nur so lange, bis der Alltag mit seinen niederen, hundsgemeinen Anliegen anklopfte.
Aber der Alltag ist schon ein solcher ruppiger Gesell, ein Beutelschneider, der einem schwer auf dem Geldsack liegt und alle fünf Minuten andere Forderungen hat. Er katzenbuckelt, ein grinsender Lakai, wenn man wie ein gnädiger Herr tief hineingreifen und die Goldstücke springen lassen kann; er wird sackgrob wie ein Packträger, aufdringlich wie ein Schuldenmahner und unverschämt wie ein Skandalmacher, wenn man mit den Moneten nicht nachkann.
In aller Früh schon geht es an. Ein Blick in den Spiegel, der stellt sofort die unverschämt vertrauliche Frage: Herr von Schubert, wollen Sie sich nicht vielleicht zum Bartscherer verfügen, gleich links um die Ecke in der Naglergasse? Es wäre schon die höchste Zeit! -- Aus notgedrungener Sparsamkeit denkt man, es hat Zeit bis morgen, und geht den ganzen Tag herum wie ein Gezeichneter, ein Sträfling, dem die Stoppeln im Gesicht stehen. Oder der Spiegel sagt: Herr von Schubert, frische Wäsche -- ein unsauberer Kragen, ein zerknittertes Hemd, beide kleiden schlecht!
Ja freilich -- wo ist denn die Büglerin geblieben, die vor acht Tagen die Wäsche hätte bringen sollen? Es wird doch nicht wegen der lumpigen Rechnung sein, die schon zweimal stehen geblieben ist? Läuft man denn davon, ist das Geld nicht sicher? Ungehöriges Mißtrauen! Soll man deswegen herumrennen wie ein Schwein? -- Aber so ist der Alltag: wer nicht zahlen kann, der soll sich schämen, über die Straße zu gehen.
Im Gasthaus, im Café hat man ja etwas Kredit. Ab und zu verdient man auch ein paar Groschen, es wird diese oder jene kleine Komposition bestellt, Kirchensachen, na, das wirft ja gerade soviel ab, um kleine Schulden zu bezahlen, dann lebt man wieder weiter -- auf Kreide.
Aber was man notwendig braucht, Theater und Konzert, das kann man nicht auf Pump nehmen. Und teuer sind die Eintrittskarten -- als ob wirklich nur reiche Leute ein Kunstbedürfnis hätten, wenngleich es unter den Freunden ausgemacht ist, daß sie von dem wahren Wesen der Kunst am wenigsten verstehen.
Abends singt die Milder in der Hofoper. Bei dem Wort Milder wird allen wonnig zumut. Der Vogl und die Milder. Höheres gibt es nicht in der dramatischen Gesangskunst. In diesem Urteil sind die Freunde einig.
Was die Milder betrifft, so kommt noch hinzu, daß neben der Künstlerin auch das Weib zur Begeisterung und leidenschaftlichen Verehrung entflammt. Sie war früher in Wien und ist jetzt in Berlin; sie kommt nur mehr gelegentlich als Gast an die Wiener Hofoper. Schober kennt sie aus seinen oberflächlichen Beziehungen zum Theater; er hat ihr einige Lieder Schuberts geschickt und besitzt einen sehr herzlichen Brief von ihr; tagelang geht die Schwärmerei um die Sängerin, doch so, daß die Aufzählung ihrer weiblichen Reize den größeren Teil ausmacht und fast wichtiger scheint, als die Bewertung ihrer unzweifelhaft großen künstlerischen Mittel.
Wenn es von einem Frauenwesen hieß: »Du, die hat Augen wie die Milder,« oder: »die lächelt ein Mildersches Lächeln,« so bedeutete es soviel, als daß die Betreffende eine ausgemachte Schönheit sei und daß man nichts Eiligeres zu tun hätte, als sich Hals über Kopf unglücklich in sie zu verlieben. Wer es nun immer war, ein Kind der Dienstbarkeit, ein Mädchen aus dem Volke, eine Dame der Gesellschaft, man sah sie nur mehr durch diese Augen oder durch dieses Lächeln, und dann waren alle unsterblich in sie verschossen. Darin glich einer dem andern.
Die Abende, an denen die Milder sang, zu versäumen, wäre eine solche Kardinalsünde, daß man dafür verdiente, in der Hölle zu schmoren. Das Leid darob wäre für den armen Schubert eine dreifache Hölle gewesen; der muß ein so frommes Gemüt, wie er, zu entgehen wissen. Also muß Freund Schober für die Billette aufkommen.
»Aber selbstverständlich, lieber Freund!« Er ist immer so nett, der scharmante Schober. Es ist freilich etwas dabei, das dem Franz gegen den Strich geht. Er ist und bleibt empfindlich. Ein so harter und schwieliger Schuldenmacher zu werden, der kaltblütig alles für sich begehrt, ohne Entgelt, das kann er nicht.
Er leidet immer mehr unter dem Druck der Verhältnisse. Schober weiß es nicht, er hätte es ihm gewiß ausgeredet. Aber es ist nicht die Art des Franz, sich über so heikle Dinge zu erschließen. Nur zu Schwind äußert er sich gelegentlich und nur ganz beiläufig; denn zu Schwind kann er reden wie zu sich selbst, der steht ihm innerlich am nächsten, mit ihm ist er am meisten verwandt, sie sind beide gleich arm an Gut und Geld und gleich reich an Kunst und gleich groß an Gefühl.
»Nicht wahr,« hebt Franz an, »man kann bei einem guten Freunde wohnen, man kann sich bewirten lassen, aber man kann nicht das Taschengeld von ihm nehmen, man kann nicht seine Stiefel anziehen, man kann nicht seine Beinkleider tragen -- mit einem Wort, man kann sich von ihm weder ein Gewand schenken lassen, noch auf seine Kosten einen neuen Anzug machen lassen ....«
Schwind versteht ihn, bei dem bedarf es nicht vieler Worte, der weiß um alle Lebensnot und Künstlersehnsucht, und wenn beide in Schweigen beisammen sitzen, so geht ein Strom von Trost und Linderung von einem auf den andern über.
Einsam ist jeder, aber es tut wohl zu wissen, daß der Mitbruder in der Zelle nebenan um alle Gebundenheit dieses Erdendaseins weiß und mit seinem Mitgefühl nahe ist. Auch darin liegt etwas von der Kostbarkeit der wahren Freundschaft.
Die Abende in der Oper gleichen dem Traum vom Paradies. Die Musik ist Blech, die Bühne ist Pappendeckel, die Sänger und Sängerinnen sind beschmierte Larven, aber Leben, Schönheit, Wohlklang, Seele bekommt alles erst, wenn die Milder auf der Szene steht. Wenn sie geht, sinkt alles wieder in die nichtige Armseligkeit zurück. Wenn sie singt, dann fällt alles Weh ab, man vergißt, daß man ein unruhig klopfendes Herz hat, einen brummigen Schädel von der Hitze, brennende Augen von der schlechten Beleuchtung, einen knurrenden Magen und andere menschliche Übel; man fühlt sich in einer beglückenden Seelengemeinschaft mit der schönen Besitzerin dieser herrlichen Stimme, dieser strahlenden Augen und dieses berückenden Lächelns, und hat nur das eine dumpfe Bedauern, daß, wenn sie jetzt von der Szene abgeht, alles nur holde Lüge war, und daß man wieder in Dumpfheit und Verlassenheit allein dasteht, ein armseliger Schlucker, beschwert mit einer großen, unerfüllbaren Sehnsucht.
Nach der Vorstellung soll Schubert, von Schober geführt, in der Garderobe der Künstlerin erscheinen. Sie will den Schöpfer der Lieder kennen lernen, die sie in Berlin gesungen und mit denen sie viel Aufsehen gemacht hat.
Als Schober sich nach dem Freunde umsieht, war der weg. Einfach entwischt. »Was ist das für eine Art? Was wird die Milder dazu sagen?«
Schober ist außer sich. Er kann die Torheit nicht begreifen. Zuerst Sehnsucht, Begeisterung, Schwärmerei, man könnte sagen Verliebtheit, und wenn es drum und drauf ankommt, reißt er aus und versteckt sich wie ein furchtsames Knäblein. »Schämen soll er sich!«
»Das verstehst du eben nicht!« erklärt Schwind, dem die draufgängerische Art Schobers zuwider ist. »Ich an seiner Stelle hätte es genau so gemacht.«
»Was gibt es da zu verstehen? Feigheit ist es, Mangel an guter Art, Launenhaftigkeit ....« Nein, Schober versteht es wirklich nicht. Aber Schwind versteht es, der blickt tiefer und erkennt Zusammenhänge, die der andere nicht ahnt.
Anna Milder ist abgereist. Ein neuer Stern ist auf dem Horizont der Freunde aufgetaucht, Therese Puffer. Sie ist eine der eleganten Frauen, die in den Wiener Salons verkehrt, wo Musik gepflegt wird. Sie ist Konzertsängerin, aber nicht aus Beruf. Die Kunst ist nicht der Zweck, sondern vielmehr der Schmuck ihres Lebens.
Die Freunde streiten, wer schöner sei, die Milder oder die Puffer.
»Die Milder hat eine schönere Stimme!« sagt der eine. »Aber die Puffer hat die edlere Gestalt!« meint der andere. »Die Augen hat sie von der Milder!« entscheidet der Dritte. »Nein, das Lächeln hat sie von ihr!« behauptet der Vierte.
»Jedenfalls verdient sie, daß man sich so unglücklich als möglich in sie verliebt!« erklärt der kundige Schober. Es war gar nicht nötig, das erst zu sagen, denn heimlich träumt schon jeder von ihr. Schwind zeichnet sie als Melusine, Franz gedenkt ihrer in seinem Lied »Des Schäfers Klage ...« »Da stehet von schönen Blumen, da stehet die ganze Wiese so voll; ich breche sie, ohne zu wissen, wem ich sie geben soll. Und Regen, Sturm und Gewitter verpass' ich unter dem Baum. Die Türe dort bleibet verschlossen; doch alles ist leider ein Traum ..«
Die Türe dort bleibt verschlossen .... Nämlich die Türe vom »roten Igel«, dem Vereinshaus, wo Konzertabend ist. Da drinnen hinter den hellerleuchteten Bogenfenstern mit weißen Sprossen, die wie Sonnenstrahlen ausgreifen, sitzt eine erlesene Gesellschaft; Therese Puffer singt. -- Was singt sie? Ein Lied von Schubert. »Und Regen, Sturm und Gewitter verpass' ich unter dem Baum ....«
Die schöne dunkle Frauenstimme breitet ihren weichen Flor über die entzückten Hörer, auf den einsam Lauernden draußen fällt noch ein verwehender Klang ab. Der steht draußen und paßt an der Tür, und nun bricht der Sturm los, Händeklatschen und Beifallsjubel der Menge.
Der Beifall will nicht enden, er schwillt an wie ein Orkan, und da ist ihm, als ob er in dem Brausen seinen Namen hörte.
In der Tat, sie rufen drinnen nach ihm! Schubert soll sich zeigen! Sie klatschen wie wütend, sie schreien seinen Namen, sie trampeln mit den Füßen. Er steht draußen und weiß nicht, ob er fliehen soll oder in den Saal hineineilen. Es drängt ihn zur Flucht -- ganz wie neulich, als er die angebetete Milder hätte sehen sollen. Warum, Warum? Schwind hat es begriffen. Der -- ja, dem ist nichts Menschliches fremd.
Franz sieht sich bei dem armen Öllicht, das vor der Tür hängt, prüfend von oben bis unten an, ehe er es wagen würde, auf die Klinke zu drücken, prüft genau seine abgetragenen Schuhe, seine verknitterte Hose, seinen schäbigen Rock -- nein, nein, um keinen Preis da hinein! Er will fliehen, sich verstecken -- die Armut bedrückt ihn, er mag sich den Leuten nicht so zeigen, wie es wirklich um ihn steht.
Das ist es, was Schwind sofort verstanden hat, und was Franz doch nicht sagen wollte aus seelischer Schamhaftigkeit. Und diese Schamhaftigkeit hält ihn jetzt wieder ab, dem Ruf zu folgen. »Und Regen, Sturm und Gewitter verpass' ich unter dem Baum -- die Türe dort bleibet verschlossen, doch alles ist leider ein Traum.«
Franz will fort, und doch ist es, als ob der Lärm drinnen eine magische Gewalt über ihn hätte, die ihn festbannt. Er bleibt stehen wider Willen, lauschend auf das, was nun kommt, auf das Stühlerücken und das Stimmengewirr -- und da fliegt schon die Türe auf, ein blendender Lichtkegel fällt in die dunkle Straße, ein Strom von Menschen quillt hervor mit erhitzten, geröteten Gesichtern und befeuerter Seele; er hat gerade noch soviel Zeit, sich unter das dunkle Gesims zu ducken -- die festlich gestimmten Frauen und Mädchen gehen vorbei, die schwärmen von Schuberts Lied, aber ihn kennen sie nicht, sie gehen achtlos an ihm vorüber, die eine oder andere schaut gleichgültig den wildfremden und unscheinbaren Menschen an, niemand hat eine Ahnung, daß er es ist, von dem sie schwärmen, und den sie sich wahrscheinlich ganz anders vorstellen, als jungen, verklärten Helden im himmelblauen und rosaroten Licht.
Das Glück ist mit Weh gemischt wie immer; die Freude über den Erfolg und die kleine Bitternis, mit seiner Person im Dunkeln stehen zu müssen -- Armut ist ein brennendes Hemd, und wer damit bekleidet ist, zeigt sich nicht gern vor Menschen. Vielleicht wäre man schon weiter in der öffentlichen Gunst und in der äußeren Wohlfahrt, wenn man es besser verstände, sich öffentlich zu zeigen, sich zu inszenieren, den Tageshelden zu spielen -- aber just das ist ihm verwehrt. Vogl hat recht: »Sie sind zu wenig Komödiant, zu wenig Scharlatan!« Das heißt mit anderen Worten: Sie werden es in dieser Welt schwer haben, sich durchzusetzen. Sie werden für Ihre Kunst leiden und ihr zuliebe die Märtyrerkrone tragen müssen -- wie übrigens jeder echte Künstler, der das Tiefste geben will.
Aber Franz hat nicht Zeit, nachzudenken, alles das liegt keimhaft in seinem Gefühl, im winzigen Aufleuchten eines Augenblicks offenbart sich ihm diese ganze Erkenntnis. Dort hört er schon eine wohlbekannte liebe Stimme, die sagt: »Ich möcht' doch eigentlich wissen, wo der Kerl steckt! Wenn mich nicht alles täuscht, so ist es eine heimliche Liebschaft!«
Der so daher redet, das ist ein ganz Feiner, der selber bis über den Kopf in den Techtel-Mechteln steckt. Der Anselm Hüttenbrenner ist es, und zu dem er es sagt, das ist der Salonlöwe Schober. Sie kommen als die Letzten heraus. Jetzt ist das Entrinnen schwer. Im nächsten Augenblick mußten sie ihn entdecken. Da ruft schon der Schober freudig aus: »Da ist er ja!« Und eine süßflötende Frauenstimme wiederholt entzückt: »Da ist er ja!« Es ist die Stimme der Melusine, die sich in Begleitung der beiden Ritter befindet: Therese Puffer.
Von den Freunden ans Licht gezogen, steht er nun vor der Schönen und ist ganz behext von ihren sprechenden Augen und ihrem zauberhaften Lächeln. Er will etwas stammeln, ein paar Worte des Dankes, und geht auf sie zu, sie aber, noch ganz beglückt, förmlich berauscht von dem Triumph, den sie nicht nur ihrer Schönheit, sondern diesmal ganz bestimmt den Schubertschen Liedern verdankt, breitet unwillkürlich die Arme aus und ruft in überströmender Gefühlsseligkeit: »Es war zu schön, ich kann nicht anders, ich muß Ihnen dafür einen Kuß geben.«
Ein paar volle Arme, weich und rund, ein stürmisch atmender Busen, graublaue Nixenaugen, so tief, daß man schwer zurückfindet, ein seltsam verlockendes Lächeln, ein blühender Mund -- für den Augenblick ist Franz in diese Herrlichkeiten hineingesunken -- ach, es war nur ein einziger, winziger Augenblick, und dann war es vorbei -- beide waren etwas verlegen, Franz über und über rot -- so muß dem Adam im Paradies zumute gewesen sein.
Gern hätte er die ewige Seligkeit hingegeben für die Wiederholung dieses Augenblicks, der ein ganzes Paradies erschloß, aber es war nun einmal vorbei, die schöne Fee Melusine, wie sie unter den Freunden genannt wurde, faßte sich rasch und ward wieder ganz Dame. Es nützte also nichts, daß die beiden Kavaliere Schober und Hüttenbrenner für sich eine ähnliche Gunst begehrten.
»Es hat dem Künstler gegolten!« sagte sie und verstand es vortrefflich, die aufflammende Begehrlichkeit der beiden Ehrenkavaliere in Schranken zu halten. Oder wenn das Feuerlein gar zu sehr unter die Asche kroch, soweit zu schüren, daß sie wieder in sanftem Glühen standen. In diesem Zustand des Glühens wußte sie die ganze Männergesellschaft zu halten. Wenn aber irgendeiner in verheerenden Brand auszuarten drohte, dann hatte sie auch die kalte Dusche bereit.
»Sie ist eine Kokette!« behauptete Schober ärgerlich und verriet dadurch, daß er nichts erreicht hatte.
»Sie hat ein Fischherz!« lästerte Hüttenbrenner, der noch empfindlicher abgeblitzt war.
»Sie ist eine Donaufrau,« sagte Schwind, »nixenkühl und gefährlich. Sie trinkt Seelen aus!« Die Seele hat er dazu gegeben, der sie als Melusine zeichnete, und einen Ritter dazu, der unter Felsen und seltsam verschlungenen Baumwurzeln am träumerischen Waldquell ihrer Stimme lauscht. Der Ritter war er selber, verloren an die romantische Melusine. Schubert sagte nichts. Sein Herz stand in weißer Glut. Der selige Augenblick war kurz, aber die Erinnerung blieb -- ein heißer Quell, bis ans Lebensende wird er ihn nicht vergessen. Und der heiße Quell drängt brausend empor, wird Lust, wird Leid und wird Genesung.
Der Winter vergeht, der Frühling ist da, mit lichtgrünen Händen winkt der traumhäuptige Wienerwald in die Stadt herein, winkt und winkt, daß einem ganz eng ums Herz wird. Die Mauern sind eine drückende Umschnürung, man will wieder frei atmen können, atmen mit dem Windhauch auf wogenden Wiesen, atmen mit dem tiefen Waldaufrauschen! Hinaus, hinaus!
»Morgen ist Lämmerhüpfen bei der Karoline Pichlerin,« berichtet Schober, »fünfzig junge Mädchen, weiß wie Schnee und rosenrot -- die Pichlerin läßt dich grüßen, du sollst kommen. Also Franz, sei kein Narr, das sind Menschen, die du brauchst, lauter junges Mädchenvolk mit Klavierfingern und Piepsstimmen und Herzen wie Vogelnestern, darin deine Liedlein nisten können. Also komm' und leg' deine musikalischen Kuckuckseier hinein!«
»Laßt mich in Ruh'! Soll ich die Augen verdrehen und Süßholz raspeln? Soll ich affig tun und gespreizt und geziert Menuett tanzen, hab' ich diese fade und lächerliche Mode nicht längst auf der Weste? Also, lieber Freund, geh' nur allein, wenn du es nicht lassen kannst!«
Nein! Da müßt' man schon ein Zierbengel sein wie der gute Schober selber, um Gefallen darin zu finden, vor allem müßte man was Anständiges anzuziehen haben, und das hat man eben nicht. Aber der liebe Himmel weiß am Ende vielleicht doch, warum er dem Franz aus einem so lächerlichen und rein äußerlichen Grund vielerlei Entsagung auferlegt. Die Vorsehung verschließt ihm viele Wege und treibt ihn auf andere, wo vielleicht mehr für den inneren Menschen zu holen ist, und der Künstler eine größere Ausbeute gewinnt als im seichten Gesellschaftsgetriebe. Was haben einem die Leute zu sagen? Nichtige Schmeicheleien -- die vom wahren Wesen der Kunst was verstehen, die sind doch sehr selten.
Es treibt ihn von den Menschen weg hinaus zum Stadttor, wo ihm der Petrus den grünen Schlüssel gibt; dort bedarf es keiner schönen Kleider, keiner Geckerei, keiner Komplimente, dort kann man sein, wie man mag, dort ist man mit sich und seinem Gott allein. Und wenn einen Gott recht lieb hat, dann gibt er einem ein herziges Mädel dazu. So gehörte sich's zur waldgrünen Einsamkeit.