Part 11
Ein herziges Mädel -- er wüßte schon eins. Hat Augen wie die Melusine, lacht ebenso, nur Kuß hat sie ihm noch keinen gegeben. Aber das kann kommen. Eine große Schranke ist zwischen ihm und Melusine, und alle Sehnsucht fliegt nicht drüber, wohin also Herz mit deiner Liebe? Da muß man sich schon an einfachere Kost halten, die Kinder des Volkes sind nicht so gespreizt, und schön sind sie auch, ebenso schön, und haben solche Augen und ein solches Lächeln. Das ist Fanny im Wirtshaus am Himmel.
»Eine Mühle seh' ich blinken aus den Erlen heraus ..«
Wenn es auch keine Mühle ist, so sind es doch die Erlen am Bach; und ist nicht Rädergebraus, so ist doch Blätterrauschen ums trauliche Haus, und die Fenster sind blank, und Fannys Augen sind so licht, so licht und klar wie die Blumen am Bach. »Ich frage keine Blume, ich frage keinen Stern, sie können mir alle nicht sagen, was ich erführ so gern. Ich bin ja auch kein Gärtner, die Sterne stehen zu hoch, mein Bächlein will ich fragen, ob mich mein Herz belog ...«
Er wandert mit Müllerliedern im Herzen, er gibt ihnen Klang und Ton und denkt dabei an Fanny.
»Ich schnitt es gern in alle Rinden ein, ich grüb' es gern in jeden Kieselstein, ich möcht' es sä'n auf jedes frische Beet mit Kressensamen, der es schnell verrät, auf jeden weißen Zettel möcht' ich's schreiben ....«
Nur seinem Mund gebietet er Schweigen.
»Und ich bleibe dabei, der hat eine heimliche Gspusi,« schwört Stein und Bein der ewig in Liebesnöten schmachtende Hüttenbrenner; »so tut nur einer, der irgendwo ein Mädel hat und es nicht anschaun lassen will, Duckmauser, vertrackter!«
Aber der Franz verrät nicht, mit wem er geht.
Er blinzelt nur listig aus seinen Brillengläsern hervor. »Mit wem ich geh'? Mit wem sonst als mit meinem Stecken, mein Wanderstecken ist mein Gespons!« und lächelt wieder so listig, daß ihm die anderen erst recht nicht glauben.
»Du kannst mir's ja sagen, was du für ein Pantscherl hast!« drängt der Hüttenbrenner, bringt aber nichts heraus und gibt schließlich selber zu: »Gib einem guten Freunde dein Leben in die Hand, deine Ehre, dein Gut und Geld -- er wird dich nicht betrügen und belügen; gibst du ihm aber dein Mädel zum Pfand, dann mach's Kreuz drüber!« Er muß es wissen, er hat Erfahrung, der lockere Zeisig! Das hat Franz aber ohne ihn gewußt und hat fein geschwiegen dazu.
Am Hof steht der gelbe Wagen, mit dem fährt man hinaus ins Ätherblaue. Fährt oft hinaus, der stille Franz, und vergißt darob manche Einladung bei guten Leuten, denen er auf vieles Drängen zugesagt hat, und weiß gar nicht, wo er die Entschuldigungen hernehmen soll. »Ach, wenn Sie wüßten, wie unmöglich es mir gemacht wurde, Sie würden mir gewiß verzeihen!« Der liebe Gott, der die Verliebten zusammentreibt, der weiß es, das genügt!
Sitzt also Franz in dem gelben Rumpelkasten und fährt ins Land der Liebe, daß ihm alle Knochen wehtun. Unterwegs springt er aus: »Halt! Muß schauen, was die Frau Mutter macht!«
Und biegt in die Säulengasse ein, nachmittags, wenn der Herr Vater Schule hält. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen. Aber die Frau Mutter, die hat allemal ein paar Taler im Strumpf, und da fällt für einen armen, notleidenden Musikanten immer etwas ab.
»Schau' nur, daß dich der Vater nicht sieht! Aber wart', auf ein Schalerl Kaffee kannst noch sitzen bleiben!«
So bleibt er noch sitzen auf die Länge eines Schalerl Kaffee. Hätte sich aber beinahe verplaudert, Himmelfix ...! Guckt richtig der Herr Vater bei der Tür herein.
»Ja schau', der Herr Franz!« Diese förmliche Anrede bedeutete nichts Gutes. Und bald geht's los aus einem anderen Ton.
»Ist doch zum Disparatwerden!« jammert der Alte. »Daß die Kinder so verschieden sind und daß grad' du daneben geraten mußt. Franz, Franz!« Der Alte greift sich an den grauen Schädel und tanzt vor ihm herum.
»Sind doch keine zwei Menschen gleich auf der Welt, warum sollen denn die Kinder nicht verschieden sein, jedes auf seine Art ....?! Ist deswegen noch lange keine Ursache, von daneben geraten zu reden!« wehrt sich der Sohn. Dann mault wieder der Alte. Aber der Sohn beharrt eigensinnig: »Ist doch ein Glück, daß die Menschen verschieden auf die Welt kommen und nicht alle gleich wie die Rechenpfennig, muß daher jedes auf seine eigene Art werden und gehen, wohin es jedes treibt. Bringt doch jedes sein eigenes Schicksal mit auf die Welt, das muß doch der Herr Vater endlich einsehen! Menschen sind keine toten Sachen, mit denen man beliebig schaltet und waltet .... und so ist es mit den Kindern. Die sind auch kein Eigentum, mit dem man beliebig verfährt, vielmehr sind sie den Eltern vom Himmel verliehen worden mitsamt der Pflicht, darauf zu achten, daß jedes in der ihm eigenen Richtung wachsen kann und darf.
Ja, Herr Vater, der liebe Gott weiß schon, was er will, und was der Mensch als sein Eigenstes hat, das hat er nicht vom Herrn Vater und nicht von der Frau Mutter, das hat ihm schon der liebe Gott gegeben, und zwar vom Mutterleib an. Oder soll der Herr Vater das Geheimnis von der wahren göttlichen Empfängnis nicht verstehen, das sich immer und immer wieder bei jeder Mutter vollzieht?! Habt ihr mir das Talent gegeben, hat es irgend jemand in unserer Familie gehabt? Nein. Es ist mir geworden, wie dem Menschen überhaupt je die Gaben werden -- das wird kein Sterblicher ergründen! Es ist nicht immer leicht, dem Guten zu dienen, das einem im Leben vorgezeichnet ist -- macht mir's nicht schwerer, als es ist, Herr Vater!«
Der Alte war fassungslos über diese Rede. Es muß etwas dabei gewesen sein, das jeden Widerspruch erstickte -- er wußte es nicht, was man darauf sagen sollt', und weil ihm wirklich nichts Rechtes einfiel, und der väterliche Respekt doch irgendwie den Schein retten wollte, so tat er ganz erbost und stapfte aus dem Zimmer hinaus.
»Jetzt hast ihn aber wirklich bös gemacht, Franz -- aber ganz unrecht hast du nicht in dem, was du sagst ...«
Die Mutter, die selber ein Kind unter dem Herzen trug, war empfänglicher für eine große, einfache Wahrheit.
Franz ging; er litt, weil der Vater litt -- aber die Wahrheit mußte heraus, und bei allem Leid war es ihm leichter ums Herz.
Der Flieder duftet, ein Vogel singt, und draußen am Sieveringer Bach singt auch schon das eigene Herz: »War es also gemeint, mein rauschender Freund? Dein Singen, dein Klingen war es also gemeint? Zur Müllerin hin! so lautet der Sinn. Gelt, hab' ich's verstanden? Zur Müllerin hin! Hat sie dich geschickt, oder hast mich berückt? Das möcht' ich noch wissen, ob sie dich geschickt, ob sie dich geschickt. Nun, wie's auch sein mag, ich gebe mich drein, was ich such', ist gefunden, wie's immer mag sein ....«
Ja, in Sievering, da ist's zaubervoll! Da ist der Wind ein Kuß, da rauscht in den Brunnen der Wein, da schaut die Liebe aus jedem Fenster heraus, aus jedem blauen Äuglein! Da kommen ihm schon die alten Weiber entgegen, die Lotterieschwestern vom Agnesbründl, mit bunten Papiermützen auf dem Kopf, das Gesicht voll Rausch, und gewinstsichere Lotterienummern in der Tasche, die sie nachts in der Quelle der heiligen Agnes erschaut haben.
Rechts geht der Gspöttgraben hinauf, der führt zum Himmel. Ein weißer Kleiderzipfel funselt ihm vor den Augen. Schon ist er im Gebüsch verschwunden. Ein Liebespaar, das nicht gesehen werden mag!
Franz denkt: »Nur keine Angst, ich schau' ohnedies nicht hin, also nein, bitte! Geniert euch nur nicht! Ich hab' nur so vorbeigeblinzelt, nicht mehr!« Also nur keinen Spott! Wer im Gspöttgraben spottet, dem passiert leicht was Unangenehmes. Und wer auf Liebeswegen geht, der muß sich ganz besonders vor Unannehmlichkeiten hüten. Überdies, wenn Franz ein Liebespaar sieht, ist er selber mehr verlegen als die Verliebten. Ob's denen auch so geht? Ihm geht es so!
Steil geht's aufwärts. Droben am Himmel rauschen hundertjährige Bäume um den Saal des Gasthauses. Ein Klavier steht drinnen, verstaubt und verstimmt, das nimmt nun Franz, wenn er kommt, fest in die Arbeit. Und was ihm unterwegs eingefallen ist, das blüht jetzt hervor zu einem blühenden Strauß von Tönen. Die lachende Fanny bringt ihm den Wein, sie hört ihm gern zu, dem seltsamen Musikanten.
»Nach Arbeit ich frug, nun hab' ich genug, für die Hände, fürs Herze, vollauf genug, vollauf genug!«
An freien Nachmittagen kommt junges Wienervolk hier zusammen, um zu tanzen. Sie tanzen nicht Menuett wie die feinen Leute in der Stadt, sie tanzen Ländler und Walzer zu einer Klarinette, einer Gitarre und einer Ziehharmonika. Ist das ein Schleifen und Wirbeln, ein rhythmisches Wiegen, Walzer, Walzer! Ach und die herzigen Mädeln, und dazu der Fliederhauch des Abends und der heitere Kuß der Sommernacht, und vor allem die stumme, gotterfüllte Ekstase des Tanzes!
Sie sind auch nicht geziert und gespreizt, diese kleinen, netten Verkäuferinnen, Modistinnen, Näherinnen und was sie sonst alle sind. Hier fragt man nicht nach Herkommen, nach Stellung und Würde, hier will man tanzen und lieben und weiter nichts. Hier ist man Mensch und genießt den Augenblick, der so reich ist an Glück!
Stolze, schöne Fee Melusine, dort unten in der Stadt, wie sollt' man das vergebliche Sehnen ertragen, wenn nicht deine niederen, aber nicht weniger schönen Schwestern wären, mildtätig genug, dieses Liebessehnen zu stillen!
Wenn man nicht ganz genau hinsieht, so kann man sich einbilden, die Fanny hat genau denselben Mund und dasselbe Lächeln wie Melusine. Der Kuß schmeckt fast ebenso, endlich hat er ihn auch hier bekommen -- ist wohlfeil übrigens hier draußen! Und was ihm etwa noch fehlen sollte, das ersetzt er reichlich durch die Menge. Wie feuriger Sternenregen regnen die Küsse durch die blauschwarze Frühlingsnacht, der tramhaperte Wienerwald sieht mit verschränkten Armen gemütvoll zu; unzählbar die Liebespaare, die er in seinen schützenden grünen Falten birgt.
Fanny ist innig und beglückt, als sie mit Franz Arm in Arm auf den einsamen Waldpfaden im Umkreis der Wirtschaft herumspaziert. Mit rührender Aufrichtigkeit gesteht sie: »Es war seit undenklicher Zeit mein innigster Wunsch, einmal so mit einem Herrn zu gehen, und jetzt hat sich der Wunsch erfüllt!«
Süßer Fratz! Was soll man da für eine Antwort geben? Man gibt ihr einen schallenden Kuß, die Leute mögen schauen, wie sie wollen, es ist jetzt die Reihe an den anderen, verlegen zu werden, und obendrein sind ohnehin keine Leute da.
Aber damit war es gefehlt. »Ha!« schreit eine Stimme auf, ein junger Mensch mit einem Mädel im Arm sitzt auf einer halbversteckten Waldbank, zehn Schritte von dem verstörten Franz. Franz glaubt, er müßte in die Erde versinken: »Also du, Hüttenbrenner!«
Der lacht verschmitzt und doch zugleich etwas verlegen und ruft ihm zu: »Hast nicht den Schober gesehen, er ist nicht weit!« und kichert in sich hinein.
Sie erholen sich alle von dem anstrengenden Minnedienst am Hof der schönen Melusine. Hier am Himmel gibt es keine kalte Koketterie, kein feurig tuendes Fischherz -- hier ist alles selbstverständliche Erfüllung, nahrhafte Kost fürs Herz, Hausmannskost.
Jetzt weiß man, wo Franz die vielen Tänze her hat, die er schreibt, die sogenannten »Deutschen« und die Walzer, die er jedesmal wie einen Strauß frischer Waldblumen von einer solchen heimlichen Reise ins Land der Liebe heimbringt. Dort draußen sind sie ihm entgegengeblüht, auf all den Schubertschen Wegen, die in den grünen, liebreichen und weinseligen Wienerwald führen.
Schwind steht Kopf vor Entzücken über die Deutschen, über diese Walzer. »Das ist die blühendste Musik, die ich je gehört hab', quellfrisch aus dem Herzen, aus dem Herzen des Wienerwalds --« vor allem aus Schuberts Herzen -- Schwind kann nicht genug kriegen, Franz muß sie immer und immer wieder spielen.
Drinnen in der Stadt fangen die feinen Töchter schon an, Walzer zu tanzen. Das haben sie ihm zu danken, der den Tanz im Grünen erlauscht, erlebt und aufs neue zum Erklingen gebracht hat. Jetzt sitzt er ihnen in den Klavierfingern, dann geht er siedend ins Blut und jetzt wirbelt er schon in den Beinen.
Und der den Zaubertrank schöpfte, den geheimnisvollen Jungbrunnen des Wienerwalds -- der geht still und unscheinbar dahin, nur im engen Kreis gekannt und geliebt; für die anderen ist er ein Name wie tausend andere, flüchtig genannt, vergessen und verweht. Noch denkt man nicht daran, daß man sich ihn merken müsse.
VI.
Der Sommer brachte einige Veränderungen. Das Schicksal warf die Freunde durcheinander wie Spielbälle. Den einen riß es dahin, den andern dorthin. Der treue Spaun war bereits seit einiger Zeit nach Linz versetzt worden, in seine Heimatstadt, und schrieb sehnsüchtige Briefe, daß Franz doch kommen und eine Zeitlang in der schmucken Donaustadt verleben möchte. Jenger mußte von Amts wegen nach Graz -- in seinen freien Stunden fungierte er als Sekretär des dortigen Musikvereins; Anselm Hüttenbrenner zog ihm nach.
»Zehn Jahre werden vergehen, ehe man dich wieder sieht!« prophezeite Franz dem Hüttenbrenner beim Abschied. Es schien, als sollte er recht behalten.
Anselm suchte eine Stellung, er bekam sie durch Jenger und wurde Dirigent des Steyrischen Musikvereins. Was Franz, der begnadete, trotz aller Anstrengungen, trotz aller vorzüglichen Zeugnisse und Empfehlungen, trotz Meisterschaft nicht erlangen konnte, das fanden die kleinen Talente im Handumdrehen, Würden, Ämter, Einkommen. Es ging mit seltsamen Dingen zu; woran lag es, daß er, der Berufene, nicht den Weg zu den leichten Erfolgen fand. War es ein Verhängnis, war es ein Glück?
Daß es auch in Graz hübsche Mädchen gebe, das erfuhr man bald aus Anselms Briefen. Auch daß er in einem Zauberkreis festsitze und darüber alle Welt vergäße. Der losen Mädchen wegen die Freunde zu vergessen, das mochte dem Franz nicht gefallen. »So hol' doch der Teufel alle Mädeln,« wetterte er in einem Brief, »wenn du dich gar so von ihnen behexen läßt.«
Erst hinterher kam es heraus, daß es die Position war, die Anselm in Graz festhielt.
Beide, er und Jenger, wollten in Graz den Boden lockern für das Verständnis Schubertscher Schöpfungen. Freilich komponiert Anselm selber, zwei Sinfonien hat er in Arbeit, aber herzeigen tut er nichts, so sehr ihn Franz mit Freundeseifer drängt. Er ist lieb und gut, der Anselm, aber -- was soll man denken? »Immer ein wenig versteckenspielen -- mir gefällt die Leisetreterei nicht!« polterte Mayrhofer.
Franz bleibt arglos. »Recht hat er, jetzt kann er sagen wie Cäsar, lieber in Graz der Erste, als in Wien der Zweite. Gott gesegne es ihm!«
Also das muß man sagen, Neid kennt der Franz nicht; er läßt jedem seine persönliche Art und bleibt bei der seinigen. Er berichtet ganz offenherzig nach Graz über sein eigenes Leben und Schaffen. Daß er, Franz, auf Vogls Veranlassung die Musik zu einem Singspiel geschrieben hat, daß es aber trotz Vogl schwer sei, »wider Kanaillen wie Weigl, Treitschke usw. zu manövrieren. Drum gibt man statt meiner Operette andere Ludern, wo einem die Haare zu Berg stehen ....« daß ihm aber trotzdem allerhand neue Operngedanken durch den Kopf gehen und so weiter.
Ferner, daß Schober eine Sommerreise unternommen, und daß er, Franz, sein Heim bei Mayrhofer in der Wipplingerstraße aufgeschlagen hat. Sein Zimmer bestünde dort allerdings nur aus einem winzigen Alkoven, gerade groß genug für das Bett und einen grünen Vorhang, aber es sei angenehm und freundlich zu hausen in dem halbrunden Zimmer mit den vielen Fenstern, den schönen Büchern, dem Klavier und dem philosophisch angelegten Freund Mayrhofer.
So führten sie eigentlich ein recht ungeniertes Junggesellenleben zu zweit, das in der Hauptsache der Musik, der Dichtkunst und der philosophischen Unterhaltung gewidmet sei. Der Bruder Anselms sei jetzt häufig da; Joseph Hüttenbrenner, der geradewegs aus der Schule Sokrates-Plato käme und sich liebevoll bemühe, Anselms verwaiste Freundesstelle einzunehmen.
Eine elegische Bemerkung fließt ein über das allzu rasche Schwinden des Liebesfrühlings -- daß der wilde Rosenstrauch der Liebe draußen am Himmel am Verblühen ist, sagte er gerade nicht, das gehört auf ein anderes Blatt, aber der Freund mag sich's denken, zumindest kann er es daraus entnehmen, daß Franz so auffallend heftig alle Mädchen zum Teufel wünscht. Er bringt jetzt nur mehr wenig Walzer und Tänze von seinen Streifzügen mit heim -- auch das gibt zu denken, wenn Anselm versteht, zwischen den Zeilen zu lesen. Er habe jetzt ernstere Sachen im Kopf, er denke viel an die Milder, und dabei habe er sich immer mehr in die Therese verschaut, Melusine, die er seine tragische Muse nennt. Von einer geht ein sanftes Band zur anderen, das ihn gefangen hält. Man weiß schon, wohin es ihn zieht. Zum Theater.
Unter den Freunden gibt es darüber nicht geringes Aufsehen. Joseph Hüttenbrenner schärft seinem Bruder Anselm in den Briefen ein: »Für dermalen laß dir's angelegen sein, für Schubert ein Opernbuch zu schreiben; es fällt nebstbei auch ein Honorarium aus. Eure Namen werden in Europa genannt werden -- Schubert wird wirklich, ein neuer Arion, am musikalischen Himmel glänzen usw. usw.«
Holzapfl, obgleich nur mehr selten im Freundeskreis gesehen, berichtet nach Linz an Stadler, einen gemeinsamen Konviktsfreund: »Ich weiß, er (Franz) schreibt auf Vogls Veranlassung und also nicht ohne Ursache, aufzuführende Operetten, Opern und andere große Dinge, die ich weder weiß noch höre; aber es ist so ....«
Einer sagt's dem andern, keiner weiß was Genaues, alle spitzen die Ohren, jeder dichtet und hat schon einen großartigen Opernstoff in petto -- die Zaunkönige möchten mit dem Adler fliegen -- das Theater, ja, das Theater ist das Tor zur Weltberühmtheit. Die Freunde ereifern sich, jetzt muß Schuberts Stern leuchtend aufgehen, er lächelt und läßt sie reden in ihrem blinden Enthusiasmus. Was helfen die trügerischen Worte -- das Leben macht sich von selbst und meist anders, ganz anders als man denkt.
So stehen die Tage im Hochsommer.
»Kauft's ein'n Lavendel, zwei Kreuzer ein Büschel Lavendel! Ein'n Lavendel kauft's!«
Der einförmige Klagegesang des Lavendelweibes zieht durch die sommerstillen Gassen.
Das lockt und zieht -- ein Gruß aus duftenden Sommerwiesen, Wald und Bergwiesen, die von fern in die Stadt leuchten, grüngoldener Wienerwald. Der läßt einen nicht in Ruh'. Am wenigsten ein sinniges Musikanten- und Poetengemüt, wie es Franz zu eigen war.
Die Liebe liebt das Wandern -- also auf und ins Grüne hinaus jeden freien Nachmittag und Abend. »Fanny, liebe Fanny!« so hat es vor kurzem noch geheißen. Aber die Sonnenwende ist herum, oder war es die Herzenswende?
»Fanny, Herzensfanny, was haben sie denn mit dir gemacht?« Das Wienerwaldkind am Himmel hat wenig Zeit für das Singerlein. »Mit so einem Herrn zu gehen, war immer deine größte Sehnsucht, soviel ich weiß -- und jetzt?« Die Frage hat er auf der Zunge, sie rutscht ihm endlich heraus.
Sie ist schnippisch, dreht ihm flink den Rücken und sagt: »Ja, das war im Mai -- jetzt ist Juli, da ist es mir zu heiß.«
»Dummes Mädel, mich hältst du nicht für einen Narren ...« Er läßt sich eine Zeitlang nicht blicken.
Dann aber treibt ihn wieder ein ungewisses Etwas. Also wandert er mit seinem Stock das Gspöttgräblein wieder hinauf -- »denn die Liebe liebt das Wandern.«
Summt sich dabei eins: »O Bächlein meiner Liebe, was bist du heut so stumm, will ja nur eines wissen, ein Wörtchen um und um, ein Wörtchen um und um. Ja, heißt das eine Wörtchen, das andere heißet Nein, die beiden Wörtchen schließen die ganze Welt mir ein.«
Das Haus am Himmel steht einsam an Wochentagen, so ist es der Liebe recht. »Fanny, liebste Fanny, wo steckst du heut?« Sie hat ihn gewiß kommen gesehen und läßt ihn heute zappeln. »Schaut sie auch nicht zum Fenster heraus, so schaue ich doch zum Fenster hinein -- ist also einerlei!«
Da steht der kleine Musikus vor dem etwas hochgelegenen Fenster, ein wenig muß er sich an dem Gesims emporziehen, und späht in den Raum hinein.
Nein, Fanny hat ihn nicht kommen gesehen, ahnungslos sitzt sie drin an einem Tisch und neben ihr sitzt so ein frecher Kerl beim Wein und hat den Arm um sie geschlungen. Sie sitzen allein in der Stube, und sie schauen sich so sengend heiß an, als ob sie jeden Moment Feuer fangen müßten.
Auch dem Franz schießt Feuer in die Augen -- oder war es das Wasser? Einen kleinen Bremsler hat es ihm doch gegeben, er rennt vom Haus weg und waldein. »Mit so einem Herrn zu gehen, das war immer meine Sehnsucht!« Er hört die Worte noch immer, sie klingen jetzt wie Hohn. Dem andern sagt sie gewiß dasselbe, und der ist bezaubert davon, so wie es auch er war. Ach, der Zauber ist süß, und wer ihn verliert, der ist elend dran.
Franz ist ins Grüne hineingerannt, jeder Weg war ihm recht. Nur immer fort ins Grüne: »In Grün will ich mich kleiden!« Feuer und Wasser stehen ihm in den Augen.
»In Grün will ich mich kleiden, in grüne Tränen weiden -- will suchen einen Zypressenhain, eine Heide von grünen Rosmarein --«
Feuer und Wasser, das lebt wie Hund und Katz'. Dem Franz ist jetzt wirklich traurig zumute. Aber es dauert nicht lange, so haben Feuer und Wasser einander aufgefressen, und wären es Hund und Katz' gewesen, so wäre kaum ein Schwanzstückl übriggeblieben.
Jetzt muß Franz schon lachen über sich selber. Er hat nämlich eine Stimme in sich, die in allen lächerlichen oder empfindsamen Situationen erwacht und leise fragt: »Franz, dummer Kerl, schämst dich nicht?« Gegen diese innere Stimme war nicht aufzukommen. Sie pflegte, wenn nichts anderes half, einen schlechten Witz zu reißen, und dann war alles Krankhafte, Sentimentale geliefert. So gesund war Franz innerlich, so kerngesund!
Und jetzt lachte er schon im seligen Humor: »Grabt mir ein Grab im Wasen, deckt mich mit grünem Rasen -- kein Kreuzlein schwarz, kein Blümlein bunt, grün, alles grün so rings und rund -- so rings und rund --«
Und lief so rings und rund -- so rings und rund und lief sich gesund, ganz gesund im grünen Wienerwald. Es war völlig dunkel, als er am Haus am Himmel wieder vorbeiging, die Fenster waren ohne Licht, die Türen geschlossen, alles schlief. Klopfenden Herzens schlich Franz näher, ein kleiner Spotteufel ward in ihm rege, er wollte nicht fortgehen ohne Abschied. »Will dich im Traum nicht stören, wär' schad' um deine Ruh' -- schreib' im Vorübergehen ans Tor dir: Gute Nacht! Damit du mögest sehen, an dich hab' ich gedacht!«
Schreibt also im Vorübergehen ans Tor ihr: Gute Nacht! und hat ein kleines Sterbekreuzel daneben hingemalt.
Gute Nacht! Die Liebe ist gestorben -- wo, wo ist sie gestorben im grünen, grünen Wienerwald? Wo findet ihr den Zypressenhain, wo das Grab im Wasen, wo das Kreuzlein schwarz (außer an der Tür!)? Nichts kündet euch den Liebestod, grün ist alles, so rings und rund! Ist die Liebe wirklich gestorben?
Nein, sie lebt, sie lebt in den Tänzen, Liedern und Weisen, die Franz bei seinem Wandern im grünen Land der Liebe heimgebracht hat.
Das grüne Wogen ist darin, die heitere Sinneslust, die gotterfüllte Ekstase, das Schleifen und Wiegen -- vielleicht auch die heimliche Träne, die aus dem Herzen hineingeflossen ist, das Schönste und Ergreifendste daran, sein Eigenstes!
Aber es konnte nicht immer bei dem bleiben -- denn die Liebe liebt das Wandern -- Gott hat sie so gemacht! -- von einem zu dem andern -- Gott hat sie so gemacht!
Franz steigt zur Stadt ab, in der da und dort noch Lichter glühen. Er ist getröstet und beruhigt. Ein inniger Quell von Trost erquickt ihn, wie immer. Er denkt an die Stadt unten, die so unendlich viel umschließt, und denkt recht eigentlich an die Eine, Unvergleichliche, die unter den Freunden Melusine genannt wird und die alles verkörpert, was das Herz im unbestimmten Verlangen ersehnt: die Kunst, die Liebe, die Stadt, alles dies und noch viel mehr drückt sich in seiner Sehnsucht aus, und diese Sehnsucht hat den Namen Melusine. Wenn ein kleiner Liebeskummer einbricht, dann steht ihr Bild groß vor Augen, eine anziehende magische Kraft, die verhütet, daß sich das Herz in kleinen Liebeständeleien verirrt oder gar verliert.