Franz Schuberts Lebenslied

Part 12

Chapter 123,772 wordsPublic domain

Todmüde wirft sich Franz um Mitternacht ins Bett, ein bleierner Schlaf drückt ihn nieder, er erwacht am anderen Morgen mit einem katzenjämmerlichen Gefühl. Etwas hat man verloren, und war es auch nur eine Illusion. Aber das Dasein besteht nur aus Illusionen, also hat man ein Stück Dasein verloren. Das Leben ist wieder um einen Schatten tiefer.

Ein Glück, daß ein Brief von Vogl da ist, der sich zum Sommer in seiner Vaterstadt Steyr befindet. Vogl fühlt sich einsam, er möchte sich mit neuer Musik auffrischen, Schuberts Lieder sind ein Jungbrunnen für ihn, Franz möge doch nach Steyr kommen und den Sommer mit ihm in Oberösterreich zubringen.

Wenn von Steyr die Rede ist, geht auch dem Mayrhofer das Herz auf. Er ist ja selber Steyrer. »Die Steyrer singen gern,« rühmt Mayrhofer, »das kommt von der blauen Enns, die so stattlich um die Stadt rauscht, oder von der grünen Steyr, die ihr singend in die Arme stürzt -- also merk' auf, Steyr ist was für dich! Vor den Mädeln nimm dich in acht, haben Augen blau wie die Enns, spielen aber die grünen Lichter der Steyr drin -- ist ihnen nicht zu trauen, diesem Blau und diesem Grün, haben gefährliche Tiefen, Wirbel und Strudel, es reißt dich hinein, du weißt nicht wie ...« Spielt sich gar zu sehr auf den väterlichen Warner hinaus, der weiberfeindlich gesinnte Mayrhofer.

Jetzt hat die Sonne wieder neues Licht. Vogls Einladung, das läßt man sich nicht zweimal sagen. Man sieht dabei ein Stück Welt, besucht in Linz die Freunde, die schon so oft geschrieben haben, ob er denn gar nicht kommen mag -- also jetzt wird es Ernst. Es treibt ihn förmlich hinaus. Kleingeld hat er in der Tasche, »Die Zwillingsbrüder«, wenn auch nicht aufgeführt, haben wenigstens einen Vorschuß gebracht; es langt. Ach, Berge, Städte, Freunde! Die Brust wird wieder weit.

Ja -- die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht -- von einem zu dem andern, Gott hat sie so gemacht!

Die Reisetasche her: sie hat einen mächtigen Bügel, aber die schöne Stickerei auf der Außenseite ist längst verblichen; die Tasche ist vom Herrn Vater, dem hat sie schon vor langen Jahren auch gedient. Bedachtsam schiebt Franz die wenigen Habseligkeiten hinein, die er braucht, etwas Wäsche, ein Paar Schuhe, einen Anzug -- der alte dient auf der Reise und auf der Wanderschaft -- so, das wäre jetzt alles, bis auf die Noten und das Notenpapier, es nimmt den größten Raum ein. Zum Platzen vollgestopft ist die Tasche, und schwer! Schwer von der musikalischen Fracht, der geschriebenen und der ungeschriebenen.

Jetzt wird noch das Ränzel gespickt mit allerhand Kleinigkeiten, die man unterwegs braucht, vor allem mit guten Freßsachen. Andächtig schiebt er ein Päckchen ums andere hinein, die er vormittags eingekauft hat, steckt ab und zu einmal die Nase zum Papier, hm! duftet fein! Zwei Paar Tiroler Landjäger, davon kann ein Mensch acht Tage lang leben, ein Stück ungarische Salami, noch etliche andere Wurstzipfel, einen echten Emmentaler, ein Stück ungarischen Paprikaspeck, eine Anzahl Brote, damit ist man versorgt -- jetzt kann kommen, was mag, man ist gegen die Wechselfälle des Schicksals für mannigen Tag vorgesehen. Am Abend wird der Abschied gefeiert, Mayrhofer, Schwind, Holzapfl, Joseph Hüttenbrenner sind dabei. Jeder verspricht nachzukommen, in einem Monat vielleicht, in drei Wochen, in vierzehn Tagen. Beim Abschied schwelgt man schon in der Freude des Wiedersehens. Man hat soviel Vorsätze und genießt es im voraus, oft der einzige Genuß. Den lassen sich die Freunde nicht entgehen, sie sitzen und trinken und schwärmen bis tief in die Nacht.

Am anderen Morgen in aller Früh geht der Postwagen. Der Schlaf ist verflogen, als Franz beim Kutscher vorne sitzt und die Linzer Straße hinausfährt. Die Stadt versinkt hinter seinem Rücken: Leb' wohl, schöne Fee Melusine! Der Wienerwald erhebt sich links und rechts schwellend grün, Kuppe über Kuppe, ein wogender Ozean von Grün. Und drüben, ja drüben, ist das versunkene Haus am Himmel. »Leb' wohl, Fanny, leb' wohl auf Nimmerwiedersehen! Der Teufel hol' die Mädels!« So schnell kriegt ihn jetzt keine mehr dran.

Ist das eine Seligkeit, so drauflos zu fahren ins grüne Meer von Niederösterreich. Der Wagen geht dahin wie ein gelbes Schiff durch die grünen Fluten von Wiesen und Wäldern. Alles ist neu und festtäglich, was man sieht, die Bauersleute, die zu Fuß oder zu Wagen dahinziehen, das Treiben in den Herbergen beim Pferdewechsel, es geht zu wie im ewigen Leben. Die Sorgen, die Schmerzen hat man zu Haus gelassen, man fühlt sich wie Gott in Frankreich. Fast so wie auf der Reise nach Zelez, eigentlich aber besser, denn nach Zelez ging's doch in eine wenn auch sanfte Abhängigkeit, hier aber reist man der ungebundenen Freiheit entgegen. Kein Amt, keine Pflicht wartet und legt am Ziel neue Fesseln an. Ein ganzer Sommer steht noch bevor, ein Sommer der Kunst und des heiteren Daseins, der vegetative Mensch lebt und atmet Glück.

Die tausend Fenster rechts, das ist das Melkerstift, die funkelnden Türme gehören dazu, jetzt blitzt der Silberstreifen der Donau auf, weiter draußen das Kirchlein am Berg, das ist Maria-Taferl, weiße Schlösser, Burgruinen, Wein, Strom und Wald -- die Augen können sich nicht satt trinken an all diesen Herrlichkeiten, die Augen und das Herz! Kaum hat man es erschaut, ist es schon vorbei, das gelbe Gefährt schwankt wieder in den Wogen von Grün dahin, andere steingraue Städtlein stehen auf, einzelne breite Gehöfte lugen zwischen Obstbäumen hervor. Das Land trägt ein buntes Gesicht und gleicht einem gesegneten Garten, es ist das liebliche Oberösterreich. Ein Fluß wälzt schäumende Fluten daher, das ist die Enns.

Endlich am zweiten Abend schwankt der gelbe Wagen zwischen engen Gassen, hinauf, hinab, über ein holperiges Pflaster, ein Engpaß von Gemäuern schließt sich zusammen, eine Menge Läden sind darin, Menschen und Wagen drängen sich durch, dann tut sich ein unendlich weiter, schmuckvoller Platz auf mit alten, reichverzierten Patrizierhäusern, kunstvoll verschnörkelten Wirtshausschildern aus Schmiedeeisen, rostbraun und golden, hinter den steinernen Toren stille klösterliche Haushöfe mit weißen Arkaden und pendelnden Blumen -- das ist die schöne Stadt Steyr, um die sich die blaue Enns und der grüne Steyrfluß zu einer blaugrünen Masche knüpfen.

Man ist am Ziel.

Franz klettert vom Wagen herab, die Knochen im Leib sind ihm förmlich zerdroschen von der Ratterei des Wagens, kaum daß er auf den Beinen stehen kann. Da ist er schon von einer Menge Leute umringt, die ihn herzlich und teils sogar respektvoll begrüßen, der gravitätische Vogl an der Spitze, der ihn gönnerhaft den Honoratioren vorstellt, dem Herrn Silvester Paumgartner, Hausbesitzer, Vizefaktor der Eisengewerkschaft, Besitzer einer wertvollen Instrumentensammlung; dem Herrn Advokaten Schellmann, Freund Vogls und leidenschaftlicher Klavierspieler, in dessen Haus am Platz für Franz ein Zimmer im zweiten Stock reserviert ist; dann dem Herrn Kaufmann Joseph von Koller und seiner Tochter Josephine, die als Sängerin und Pianistin einen k. k. Provinzialruhm genießt; endlich die Frauen, Töchter und deren Freundinnen, eine Schar von Mädchen und alle blitzsauber! Wird ihm gleich etwas bang dabei, die Sehnsucht fängt zu schwellen an, die Traurigkeit gewinnt Oberhand. »Was machen's denn für ein Gesicht!« stößt ihn Vogl an, der immer gern ein wenig hofmeistert.

Franz redet sich auf seine Müdigkeit aus, im übrigen denkt er, der Mensch wird doch ein Gesicht machen dürfen, wie es ihm paßt. Es ist ihm zuwider, daß Vogl gar zu gern den Protektor hervorkehrt. Immerhin, er meint's gut, aber zuwider ist es doch ...

Eine richtige Schwelgerei in Musik geht los. Die Steyrer sind ganz baff über die Kunst, die Franz im Verein mit Vogl hervorzaubert. Wenn Vogl singt und Franz ihn am Klavier begleitet, so daß sie in solchen Augenblicken eins zu sein scheinen, dann reißen die Zuhörer Mund und Augen auf, fassungslos vor Staunen und Entzücken. Daß es so was gibt, ist für sie völlig neu und unerhört.

Wenn in der k. k. Provinz die Begeisterung entfesselt ist, dann gehen die Wogen sehr hoch. Es sind gesunde, ungebrochene Naturen, die können was leisten. Dem Franz kommt's vor, als ob von nun an alle Tag Sonntag wäre.

Der neue Kreis von lieben, eifrigen Menschen gibt sich alle erdenkliche Mühe, um ihm das Leben so angenehm als möglich zu machen. Am rührendsten ist Silvester Paumgartner. Er führt ihn in der Stadt umher, zeigt ihm diese und jene Besonderheit und weiß von allen Dingen die Geschichte. Am liebsten freilich läßt sich Franz in die Eigentümlichkeiten der Stadt von Josephine einweihen, die ihn immer häufiger zu Spaziergängen einladet. Im Haus bei Schellmann sind allein acht Mädchen, mudlsauber alle, und alle gehen dem jungen Meister liebreich um den Bart. Er ist Hahn im Korb und läßt sich wohl geschehen.

Wenn nicht am hübschesten, aber doch am interessantesten ist die Josephine. Sie gibt sich exzentrisch und spielt sich auf die Weltdame hinaus. Es liegt ihr nichts daran, daß die Leute die Köpfe zusammenstecken und sich ein wenig mokieren über sie. Wenn sie nicht so überschlank wäre, dann könnte man an die Fee Melusine denken, überlegt Franz; freilich mit dem weiteren Unterschied noch, daß Therese im wirklichen Sinn Dame ist, während die exzentrische Josephine trotz ihrer anscheinend freien Art nicht ganz das Provinzielle abstreifen kann.

»Genau so habe ich Sie mir vorgestellt!« sagt sie ihm schon in den ersten Tagen.

Er aber denkt: »Mich kriegst du nicht dran!« Sie gehen am Vormittag über die Ölstiege zur Enns hinab auf den Schiffweg. Der dunkle Stationsweg mit den roten ewigen Lichtlein an den Heiligenbildern in diesem steinernen Schacht hat so eine eigene Stimmung. Das Mädchen bleibt gerne stehen auf den steinernen Stufen in dem halbdunklen Gang, plaudert und schaut ihm ins Gesicht. Ihre Augen geben grüne Lichter -- Mayrhofer hat recht: »Nimm dich in acht, der Zauber ist gefährlich ...«

Am Schiffweg unten kommt schon die blaublickende Enns daher mit Singen und Rauschen. Wundervoller Sang, die rollenden Kiesel am Ufer klingen geheimnisvoll mit. Josephine angelt mit den Augen. Die sind jetzt hell und klar und blau wie die Wasser der Enns. Forellen schießen im Strom daher, dem Franz ist es so wohl wie den Fischen im Wasser, und er denkt: »Angle nur zu, mich fängst du so wenig wie die Forellen, solang es vor mir so klar und licht ist ..«

Josephine redet von der Liebe. »Den ich einmal wollte, der ist gestorben, und den ich jetzt möchte, der weiß es nicht, oder tut er vielleicht nur so?«

Franz hütet sich zu fragen: »Wer?« Er greift fest ins Klavier, sie spielen vierhändig. Ein neues Werk wächst unter seinen Händen, das Singen und Rauschen der Enns ist darin, das Schießen der Forellen, das Haschen und Fangenwollen, das hurtige Enteilen; in munteren Läufen trillert eine Stimme, die rollenden Kiesel am Schiffweg singen mit. Sonnenschein und Frohsinn ist darüber -- ein volles Glück neigt sich herab, Franz tut es der Forelle gleich, die in glashellen Fluten aufwärts schwimmt -- in Laune und Übermut ringt er sich nach heiteren Höhen empor.

Tagelange Fahrten werden ins Land unternommen, nach Kremsmünster, nach Florian in die geistlichen Stifte, überall sind die Sänger, Künstler und Freunde in Ehren empfangen und gefeiert. In Kremsmünster schließt sich ein Student der Sängerfahrt an, er will nach Wien reisen, er verbummelt seine Tage, so stark hält ihn Schuberts Musik gefangen. Endlich reißt er sich los, sonst wird ihm das Geld zu knapp. »Er soll in meinem Bett schlafen für die Tage, die er in Wien weilt!« so schreibt Franz dem Mayrhofer. »Sie haben doch ein gutes Herz!« sagt Josephine, die dabei ist, als Franz dem Studenten den Empfehlungsbrief zum Abschied gibt.

»Sie haben doch ein gutes Herz!« wiederholt sie später öfter, wenn sie die Ölstiege zum Schiffweg hinabgehen, und bleibt stehen: »Sie verdienen dafür belohnt zu werden.« Sie macht dabei so eigentümliche Augen, daß der Franz wegsehen muß, sonst zappelt er wirklich wie die Forelle an der Angel.

»Kriegst mich nicht dran!« denkt er beharrlich, aber so ganz selbstsicher ist er nicht.

Das begonnene Werk wächst weiter, es will sich glücklich vollenden.

»Sie komischer Mensch, wenn ich ein Mann wäre wie Sie, ich würde mir die Trauben nicht in den Mund hängen lassen, ohne sie zu verkosten.«

Die Trauben in den Mund hängen lassen, ohne sie zu verkosten, das will er auch nicht, dazu ist er Mann genug; aber es ist ihm zuwider, wenn sie sich gar so aufdrängen, die Trauben; da verlieren sie an Reiz, und er denkt sich: Justament nicht! Ein Glück, daß er am nächsten Tag nach Linz muß auf ein paar Tage, die Sehnsucht nach den Freunden drängt, sonst hätte er, wer weiß es, wirklich zugeschnappt.

Mayrhofer und Schwind kommen ja doch nicht, trotz aller guten Absichten, aber Spaun in Linz, den man so lange schon nicht gesehen hat, und Stadler, ein Konviktsgenosse, der ihn als Musikfreund näher kennt, die will er bei dieser Gelegenheit sehen. Vielleicht, daß sie dann einen Gegenbesuch in Steyr machen.

Linz an der Donau mit dem Pöstlingberg, das ist eine schmucke Stadtschöne. Mit Spaun und Stadler kommt er zu Linzer Kunstfreunden, er ist da und dort zu Besuch, die Menschen sind stilvoll wie alte Porträts, am Kaffeetisch werden ihm zu Ehren die kostbaren Porzellanschränke aufgetan, er trinkt aus alten vergoldeten und kunstreich bemalten Schalen, er betrachtet die Bilder an den Wänden, die schweren eingelegten Möbel, die schönen illustrierten Bücher in den Schränken, alles, was er sieht und kennen lernt, ist gesättigt mit Kunst und Geschmack; es ist eine neue wundervolle Welt im Kleinen.

Abends vereinigen sich die jungen Freunde in einem alten gewölbten Lokal, wo man den besten Wein kriegt und der aus dem Stift Kremsmünster stammt. Zum Nachtmahl gibt's eine Hausspezialität: »Katzengeschrei.« Dreierlei Fleisch in Würfel geschnitten, Kalbfleisch, Schweinefleisch, Rindfleisch, mit würziger Sauce und großen Semmelknödeln dazu -- es schmeckt herrlich. Und dann der Wein drauf -- kein Wunder, daß allen das Herz aufgeht und die Zunge überfließt. Was tut man, wenn der Wein endlich Herz und Zunge aufgeriegelt hat? Man singt. Man singt, daß die Gasse klingt und die Leute in den dunklen Fenstern die Köpfe herausstecken und die halbe Nacht lang andächtig zuhören.

Schließlich aber ist der Wein der Stärkere, der Gesang wird übermütig, er gluckst, hopst, lacht, torkelt, lallt -- es wird ein richtiges Katzengeschrei. Da schließen sich die Fenster, denn es wird bald wirklich zum Steinerweichen.

Aber es ist nichts Arges dabei, man geht in Seligkeit von dannen. Und merkwürdig. Wie kann man denn, wenn einem die Trauben schon in den Mund hängen, vergessen, zuzubeißen? Es will dem Franz jetzt nicht aus dem Sinn. Blaue Augen mit grünen Lichtern funkeln vor ihm noch im Traum. Die ganze Nacht denkt er an Josephine.

Zappelt jetzt die Forelle an der Angel?

Am nächsten Tag kehrt er nach Steyr zurück. Die Enns rauscht und singt. Er hat ihr Rauschen und Singen eingefangen, ein sonniges, glühendes Werk ist ihm entstanden, die frohen Steyrertage sind darin, sein ganzes Glück dieser Zeit -- Forellenquintett heißt es, er schenkt es dem Silvester Paumgartner, der sich trotz des Altersunterschiedes als wärmster und aufmerksamster Freund erwiesen hat.

Eigentlich wollte er es der Josephine schenken. Aber im letzten Augenblick besann er sich eines anderen. Sie sprach wieder von der Liebe und neckte ihn, weil er tat, wie der keusche Joseph. Er aber hatte schon Feuer gefangen -- die Trauben, die so tief hangen, die wollte er nun doch nicht unverkostet lassen.

Aber blitzschnell bog sie ihm aus. »Nein, nein!« In ihren Augen blitzten die grünen Lichter. »Vor einigen Tagen war ich bereit -- alles hätte ich gewährt, ich hatte es mir fest vorgenommen -- warum sind Sie, anstatt mich zu erwarten, nach Linz gefahren?«

»Warum?« Jetzt wußte Franz, sie spielt gern die Verwegene und Leidenschaftliche, aber sie ist es gar nicht; sie tut nur so und hält ihn zum besten. Sie glaubt, das ist jetzt à la Mode, und meint weiß Gott, was für gefährliche Abenteuer sie überstanden hat.

»Warum? Das will ich Ihnen auf dem Klavier sagen.«

Jetzt hat Franz das Heft in der Hand; ein paar Takte, ein kleiner Sang: »Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht, von einem zu dem andern, Gott hat sie so gemacht!«

Das Liebesspiel ist aus, wer hat das Nachsehen? Auf alle Fälle hat Franz gewonnen; was er gewonnen, klingt fort in seinem Forellenquintett, fort ins Ewige.

Ade, du muntere, fröhliche Stadt, ade! Der Herbst ist da, aber das Scheiden von hier ist nicht leicht.

Ein so voller, schöner Sommer -- und zum Schluß die unausgesprochene bange Frage: »Wann werde ich je wieder so glücklich sein?«

VII.

Im Gundelhof ist alle Freitag musikalische Soiree bei dem Wiener Rechtsanwalt Dr. Ignaz von Sonnleithner. Der alte Herr von Sonnleithner scheint im Leben ein ziemlich trockener Patron, eine etwas nüchterne und schwunglose Advokatennatur, nur bei der Musik hat er sein Herz entdeckt. Eine kleine Gesellschaft von Musikfreunden findet sich seit Jahren an den Freitagabenden bei ihm ein, der Andrang ist mit der Zeit so groß, daß Eintrittskarten verabreicht werden; was zuerst eine private Liebhaberei war, wird nach und nach eine mehr und mehr öffentliche Einrichtung; die Gesellschaft der Wiener Musikfreunde bildet sich als Pflegestätte edler Musik heraus. Sie wird so groß, daß sie einen Ableger entsendet, den kleinen Musikverein, der sich auf intimere Veranstaltungen verlegt und ebenfalls aus dem Privatsalon in den Konzertsaal hinüberwächst.

Schubert ist dort kein Unbekannter mehr, wenigstens dem Namen nach; als er noch der Schulgehilfe vom Himmelpfortgrunde war, ist eine Kantate von ihm im Gundelhof aufgeführt worden. Der Sohn Leopold von Sonnleithner, ebenfalls Konviktszögling, hat seither eifrig Schubertsche Blätter gesammelt, die in Abschriften von Hand zu Hand gingen, und die ihm neuerdings durch Joseph Hüttenbrenner reichlicher zufließen.

Den Mittelpunkt der Gesellschaft der Musikfreunde bilden drei liebliche Schwestern, die in ihrer Dreieinheit die Wiener Muse des Gesangs verkörpern. Sie heißen Schwestern Fröhlich. Wenn der Name genannt wird, dann leuchten die Gesichter auf, ein freundliches Lächeln erwacht. So groß ist die Wirkung, die von den Schwestern ausgeht.

Zu den Fröhlichs in der Singerstraße kommt Leopold eines Tages mit Noten von Franz. »Die Lieder sind von einem jungen Menschen -- vielleicht probiert ihr sie; sie sollen recht gut sein.« Mehr sagt er nicht. Die Schwestern sollen selber sehen, was dran ist.

Die Lieblichste von den Dreien, Kathi, setzt sich gleich ans Klavier, versucht die Begleitung und singt mit halber Stimme. Das erste Lied ist der »Erlkönig«. Im Nebenzimmer befindet sich der Vetter Sonnleithners, der junge und schon vielgenannte Dichter der »Ahnfrau«, Franz Grillparzer, Kathi ist seine Braut. Das ist der, von dem Schubert des öfteren schwärmt und den er so gern zu seinen Freunden zählen möchte. Außer Grillparzer ist Gymnich da, ein junger, blasser Mensch, brustleidend, Besitzer einer außerordentlich schönen Stimme, in seinen Nebenstunden Beamter -- die meisten sind Beamte in ihren Nebenstunden, auch so Große wie Grillparzer, die Kunst ist brotlos, und Genies wie Schubert und Schwind müssen darben.

Auf einmal horcht Gymnich auf, tritt ins Klavierzimmer zu Kathi: »Was spielen Sie denn da? Ist das Ihre Phantasie?«

»Nein! Ein junger Mensch hat es gemacht, ich kenne ihn nicht näher, doch warten Sie: wie heißt er? Schubert! Den Namen hab' ich schon nennen gehört, aber ich weiß nicht wann und wo -- einerlei. Schön, nicht wahr?«

Gymnich ist außer sich. »Das ist ja herrlich, das ist etwas ganz Außergewöhnliches! Lassen Sie doch sehen!«

Jetzt singt er, Kathi begleitet ihn. Die Männerstimme bringt es jetzt klar heraus, was in dem Lied steckt, alle Schauer, alle Abgründe -- die Zuhörer sind hingerissen.

Die anderen Blätter werden durchgespielt, man kann sich kaum mehr trennen davon, den ganzen Abend lang werden diese Lieder gesungen und wieder gesungen.

»Und der Mann lebt in Wien? Und wir kennen ihn nicht? Sonnleithner, das ist eine Schande! Sie müssen ihn zu uns bringen, und zwar gleich, in diesen Tagen noch, morgen, übermorgen. Verstanden?!«

»Ja.« Leopold Sonnleithner hat verstanden. Am dritten Tage kommt er mit Franz, den er am Rockärmel hält. Es war nicht ganz leicht, fast mit Gewalt und Joseph Hüttenbrenners Unterstützung hat man ihn hergeschleppt. Die Aussicht, Grillparzer zu treffen, den er so gern kennen lernen möchte, wirkte eher als Abschreckung, so geniert fühlte er sich. Da standen sich nun die beiden gegenüber, sie waren neugierig aufeinander und fanden nicht das rechte Wort, das die Brücke hätte sein können von Herz zu Herz.

Grillparzer war verschlossen seiner Gewohnheit gemäß, Schubert war scheu und ging gleich ans Klavier; was aber die Worte nicht zu binden vermochten, das vollbrachten die Töne, die unter den meisterlichen Fingern dem Instrument entstiegen, und außerdem wußten die drei Schwestern als freundliche Grazien mit den beiden, die sich schwer taten, so umzugehen, daß allen leicht und wohl wurde. So entstand eine wortlose, zurückhaltende Freundschaft, von der man nicht mehr wußte, als daß sie da war, und daß sanfte und liebreiche Frauenhände die Bande zu einem ganz haltbaren Knoten geschlungen haben. Zu den Schwestern Fröhlich kam nun Franz öfter und öfter.

Bald hernach sang Gymnich den »Erlkönig« im Gundelhof an einem Freitag abend. Die Leute waren bezaubert.

»Wie geht es denn eigentlich zu, daß so ein Mensch nicht schon längst berühmt ist, eine anerkannte Größe in der Welt?!« Dem alten Sonnleithner war es völlig unbegreiflich.

»Wie es zugeht? Ungerecht geht's zu in der Welt, elend -- fragen Sie den Herrn Verleger Diabelli oder Haßlinger, dann wird es Ihnen klar sein ...« so redet Joseph Hüttenbrenner, der ein getreuer Famulus Schuberts geworden war und immer eifriger begann, den Verwalter des Genius zu spielen. Er erzählte wahrheitsgetreu, wie die Lage war.

»Unsinn, ist doch ein aufgelegtes, gutes Geschäft, wenn man's so betrachten will, vom Verlegerstandpunkt,« entgegnete der alte Sonnleithner in seiner etwas barschen, trockenen Weise; »da muß halt was getan werden, warum soll denn der Verleger nicht wollen? Werd' einmal selber reden mit ihm.«

Es hat aber dem Herrn Advokaten nicht viel genützt, weder bei dem einen, noch bei dem anderen, keiner traut sich recht, einen Pfennig anzulegen, sind alle mitsamt erbärmliche Drücker, die ein Geschäft erst machen, wenn sie den Profit schon von vornherein gesichert und bar auf dem Tisch liegen haben.

Wenn doch der Herr Doktor und die vielen Freunde sich zusammentäten und die Kosten aufbrächten, dann wollte sich der Herr Verleger schon eher bereit finden lassen, die Sache in Kommission zu nehmen und den Profit einzustecken -- nun ja, warum denn nicht! Man tut ja gern was für ein junges Genie; aber auf Verlegerunkosten -- nein! Wütend geht Sonnleithner heim, er wendete hin und her, wie sich's machen ließe -- jedenfalls, jetzt gibt's kein Lockerlassen mehr!

Inzwischen findet ein öffentlicher Abend im kleinen Musikverein statt, Gymnich singt den »Erlkönig« im Konzertsaal. Das hat jetzt eine durchschlagendere Kraft als alle früheren Veranstaltungen in privaten Zirkeln und Wohltätigkeitsakademien. Das Publikum ist rasend, der Komponist wird herausgestampft, diesmal haben ihn die Freunde nicht entwischen lassen. Hüttenbrenner, Schober, Mayrhofer, sie haben zu tun, ihn vom Künstlerzimmer aus aufs Podium zu bringen. Jetzt steht er oben mit etwas verwursteltem Frack, macht ein paar linkische Kratzfüße vor der begeisterten Menge -- und weg ist er, fluchtartig herunter und verschwunden. Keine Macht der Erde bringt ihn mehr herauf, er ist froh, daß es überstanden ist. Aber soviel steht fest, der junge Meister ist entdeckt.