Part 13
Sein Schaffen im Verborgenen war einem Strom vergleichbar, der viel verzweigte unterirdische Gänge wählt und nur da und dort mit einer prachtvoll strömenden Welle an die Oberfläche tritt. In der Tiefe wühlt er sein Bett und sammelt im Verborgenen seine Gewässer; kann aber nimmer lang dauern, da muß der Strom hervorbrechen ans Tageslicht in voller Kraft und Herrlichkeit, der Welt ein neues Licht zu geben. Wer hineinschaut, sieht Sonne, Mond und Sterne darin, und das eigene Herz und das Rauschen singt jedem, der es hört, in der eigenen Brust drin.
Das war so jetzt um diese Zeit.
Mit einem Male wird es an allen Ecken und Enden lebendig. Der Opernsänger Jäger hat in Wien und in Dresden gesungen, der Vogl singt die herrliche Ballade vor einer adeligen Damenakademie im Konzertsaal, die Zeitungen fangen an, sich zu interessieren, sie bringen spaltenlange Berichte, das Publikum ist wie rasend -- Franz ist ein gemachter Mann. Der Hofmusikgraf Dietrichstein, der Operndirektor Mosel, der Hofmusikdirektor Salieri, sie stellen ihm alle glänzende Empfehlungsschreiben aus -- schöne Worte, verdientes Geld wäre ihm aber lieber gewesen, dem Franz, der jetzt unter einer wahren Traufe von Anerkennungen steht und dabei arm ist wie eine Kirchenmaus.
Die Freunde feiern den Gefeierten. Sie kommen aus Vogls Konzert ins Stammbeisel, wo sie Schubert erwartet. Sie sind noch ganz aufgeregt und erhitzt von dem Erlebten.
»Vogl hat den ›Erlkönig‹ wiederholen müssen, so begeistert waren die Leute!« schreit ihm der erste gleich entgegen. Und nun geht es an ein eifriges Erzählen und Luftschlösserbauen.
Schwind, der sonst Verträumte und Wortkarge, ist jetzt der Eifrigste, den Erfolg des Freundes zu rühmen und die Wirkung auszumalen, die Schuberts Wunderhorn auf die Seelen ausgeübt hat. Er selber hat Erlkönige in der Mappe, er, der malende Schubert, die Musik ist seine stille Liebe; was Franz geleistet hat, er kann es am besten sagen.
»Da haben die Leute, denen sonst die Ohren verstopft sind, doch endlich gemerkt, daß hier ein völlig neuer, noch nie dagewesener Ton erklungen ist -- der hat sie in der Seele gepackt, daß sie auf einmal gar nicht gewußt haben, wie ihnen geschieht ...«
Und nun geht es an ein schwärmerisches Nachgenießen, ein jeder will sagen, worin das Geheimnis Schuberts besteht, am besten gelingt es dem Schwind.
»Franz soll weghören, er könnt' mir am Ende zu eitel werden!« hebt er also an.
Franz denkt tiefer in sein Glas hinein; sie können reden, was sie wollen, er hat seine eigenen Gedankenwege.
»Seht also her!« erklärt Schwind, den sie den Cherubim nennen, sich und den anderen: »Wieviel Musik in der deutschen Sprache ist, das wissen wir jetzt durch unseren verflixten Franzl. Das hat keiner vor ihm verstanden, und wer weiß, ob je einer nach ihm es je wieder vermögen wird.«
Da wirft einer ein: »Nun, und Karl Maria Weber, ist der gar nichts? Und Meister Wolfgang Amadeus? Die beiden haben doch auch Melodien aus dem grauen Dasein herausgeklopft, wie weiland Moses Wasser aus dem Felsen ....« Der kleine Widerspruchsteufel ist der Holzapfl.
»Ganz richtig!« entgegnet der Cherubim und dreht den Spieß um. »Nimm also zum Vergleich Karl Maria und selbst den himmlischen Wolfgang Amadeus. Haben herrliche Melodien erfunden, darüber ist nicht zu streiten. Aber der wundervolle Klang tritt unbekümmert auf dem Text herum, Musik und Worte tun so, als ob sie nichts miteinander zu tun hätten. Bilden zusammen eine schlechte Ehe, darin jedes auf eigene Faust sein Vergnügen sucht. Mit dieser Luderei hat Franzl tüchtig aufgeräumt. Wenn der ein Wort in die Hand nimmt, klingt es auf voll Leben und Musik, daß man ganz betroffen ist. Er setzt es hin, daß es seinen richtigen Tonwert hat, mit einemmal kommt Farbe, Bewegung in die Sprache, du hörst das Gefühl hinter dem Wort aufklingen, und hinter dem Gefühl das Urgefühl, wodurch es mit allen Menschenherzen aufs gleiche verbunden ist. So wie er hat es noch keiner fertig gebracht, in das Innere der Handlung zu greifen.
Vergegenwärtigt euch nur einmal, wie er in der Melodieführung die abwechselnden Gefühle des Vaters, des Kindes und des Erlkönigs dramatisch herausarbeitet, verstärkt, steigert, daß es einem eiskalt über den Rücken läuft, während die Begleitmusik das Äußere der Handlung hinzubringt, den Galopp des Pferdes, das Brausen des Sturmes, daß einem nur so gleich die Haare zu Berg stehen. Das Tragische in dem Gedicht ist nicht durch süßliche Glätte verschmiert, hier wird es im Gegenteil durch eine schroffe, und eher eckige als schmiegsame Melodie zu einem markerschütternden Aufschrei gebracht, der die ganze furchtbare Tiefe der Dichtung aufreißt, das mystische Tor, hinter dem der Tod lauert .... Das haben die versulzten Hirne endlich begriffen -- Franz, es kann dir nichts mehr geschehen, du bist oben! Prost! -- mir ist wohl und leicht, deinetwegen!«
Der kongeniale Freund war ein guter Fürsprecher, sein Herz schlug im gleichen Takt, ihm kam es zu, das Wesen Schuberts auszusprechen. Das Tiefste freilich vermochte niemand zu sagen, wenn im liebevollen Drängen der Freunde immer wieder die bewundernde Frage auftauchte, wo er sie denn hernimmt, die vielen genialen Gedanken, der Himmelsakra übereinand?!
Je nun, wo er sie hernimmt, der Himmelsakra? Das weiß nur einer, in dem die Himmelsmächte fast ebenso rumoren, wie in dem stillen Franz, von dem ein gutes Wort sagt, der liebe Gott hat's ihm gegeben. Es gibt kein besseres, wenn es nur recht verstanden wird; Cherubim weiß es, er schweigt fein still zu den Fragen und lächelt Franz zu -- es geht die anderen nichts an.
Holzapfl setzt einen Dämpfer auf.
»O du essigsaures Holzapflgesicht!«
Er läßt sich aber nicht irre machen, er muß den Tropfen Wermut in den Freudenbecher tun: »Also daß die Begeisterung des Publikums wohl auch für den ›Wanderer‹ auf gleicher Höhe geblieben, aber bei dem ›Gesang der Geister über den Wassern‹ bedenklich herabgesunken und sich eigentlich in Befremden verwandelt hätte.«
»Das ist eben ein Beweis,« braust Schwind auf, »daß die verfilzten Ohrwascheln der lieben Zeitgenossen erst noch ganz gehörig aufgestemmt werden müssen, ehe sie für die Offenbarungen des Genius empfänglich werden. Den ›Erlkönig‹ haben sie glücklich begriffen und meinen, jetzt müßte alles drehorgelhaft im Erlkönigton weitergehen -- lauter Erlkönige, damit die faule Bande in ihrer angeborenen Denkfaulheit und Bequemlichkeit nicht gestört werde. Daß sie durch den ›Gesang der Geister über den Wassern‹ durch einen neuen Geniestoß aus der süßen Gewohnheit aufgeschreckt werden, das geht ihnen schon gegen den Strich.
Jetzt kann es zehn Jahre dauern, bis sie diesen zweiten Streich verdauen. Dann stehen sie Kopf voll Entzücken, indessen der Künstler schon wieder weiß Gott wo ist. Bedenkt doch, ihr Lieben, daß der ›Erlkönig‹ schon vor fünf Jahren komponiert worden ist -- es ist verhältnismäßig ohnehin schnell gegangen mit seiner Popularität. Es wäre aber interessant, auszurechnen, wie viele Jahrzehnte die Allgemeinheit in der Regel braucht, um den Genius wirklich zu begreifen.« Und mit einem boshaften Seitenblick fügt er hinzu: »Soviel aber wird dem Publikum klar -- der Holzapfl fällt nicht weit vom Stamm!«
Der hat jetzt sein Teil.
Dafür rächt sich Holzapfl wieder auf seine Art und bringt in den nächsten Tagen ein Zeitungsblatt mit einer Kritik, die er den Freunden nicht ganz ohne heimliche Genugtuung vorsetzt. »Der Tonsetzer,« so lautet der Konzertbericht, »gleicht in solchen Kompositionen einem Großfuhrmann, der achtspännig fährt, bald rechts, bald links, also ausweicht, dann umkehrt und dieses Spiel immerfort treibt, ohne auf eine Straße zu kommen ....«
In dem geheimnisvollen Auf und Ab und Hin und Her der wallenden Geister will der Kritiker einen Großfuhrmann erkennen, der achtspännig fährt. Darüber erhebt sich im Freundeskreise ein unverlöschliches Gelächter.
Dem beispiellosen Erfolg hat es übrigens kaum geschadet, daß der »Gesang der Geister über den Wassern« vorderhand unverstanden bleibt. Hat ebensowenig geschadet, daß die beiden ersten Opern Schuberts, »Die Zwillinge« und die »Zauberharfe«, erfolglos geblieben. Geld hat er keines mehr gesehen dafür, es war verlorene Arbeit. Ein erster tastender Versuch. Schlechte Texte, ja, das war das Malheur. Aber einer, der als Lyriker in den vertonten Gedichten eine so gewaltige dramatische Kraft bekundete, der war für die Oper geboren. Von dem war Neues und Unerhörtes zu erwarten, nur Zeit! Zeit, einen guten Stoff, vor allem aber einen sorgenfreien Kopf und ungestörte Arbeitsruhe. Aber da hapert's schon. Zeit, Sorgenfreiheit und Arbeitsruhe, das bedeutet Geld, Geld und wiederum Geld. Woher nehmen und nicht stehlen?
Was ist das für ein Zustand? Ein Mann steht auf der Höhe der Meisterschaft, erntet Ruhm, Anerkennung, aber es hilft alles nichts. Er steht da, gebunden an Händen und Füßen, ohne Geld, ohne Verleger -- wie soll da ein Mensch weiter kommen? »Ihr seht, das Beste, was man hat und macht, das ist und bleibt brotlose Kunst.« Aber Schwind weiß es besser: »Brotlose Kunst hat die Eigenschaft, sich mit der Zeit in Gold umzusetzen, man muß nur warten können.«
»Nun ja, warten, warten -- meinetwegen; um Gold ist mir nicht zu tun, sondern um Schaffen; aber ein Mensch, der arbeiten will, der muß auch leben können. Anerkennungen, Lobeserhebungen, schöne Worte -- davon kannst nicht abbeißen, kannst keinen Zins bezahlen, keinen Schneider entlohnen, nichts, nichts; höchstens das Maul auf den Nagel hängen, als das einzige, das einem übrigbleibt.«
Geduld, Geduld, alles kommt. Die Freunde schießen durcheinander. Joseph Hüttenbrenner geht bei Sonnleithner aus und ein, dort bereitet sich eine ernste Sache vor.
Die beiden Sonnleithner, Vogl, Schönstein, Grillparzer, die Schwestern Fröhlich, ein ganzer Kreis von Verehrern bilden ein Komitee, sie wollen den »Erlkönig« auf eigene Kosten stechen lassen und bei Diabelli kommissionsweise verlegen.
Franz hat sich wieder in seine Arbeit eingesponnen und sitzt in seiner Klause. Ist der einzige Trost, die Übel der Welt gehen an der Tür vorüber, wenn man bei der Arbeit sitzt.
Sonnleithner ist schon ganz ärgerlich, Franz müßte sich mehr zeigen, er sollte einer Sängerin, dem Fräulein Linhardt nämlich, den »Jüngling« einstudieren, für seinen Geisterchor am Freitagabend. »Warum kommt er denn nicht? Warum kommt er denn nicht?!« setzt sich hin und schreibt dem Hüttenbrenner ein paar ärgerliche Zeilen, er müßte sich billig wundern, daß Schubert sich gar nicht bei ihm sehen ließe, da er doch wegen seinem »Erlkönig« und wegen anderer Angelegenheiten ihn dringend zu sprechen habe.
Diese »anderen Angelegenheiten« sind indessen schon im Gang, am nächsten Freitagabend kann Sonnleithner den Gästen verkünden, daß die Ballade erschienen sei -- noch am selben Abend haben hundert ihre Namen in die Subskriptionsliste gezeichnet. Macht ein schönes Geld aus, der Preis ist nicht gering, die Kosten kommen glatt herein, ein schöner Überschuß dazu -- der fließt in die Tasche Schuberts.
Der Anfang ist gemacht, die Sache zieht, Diabelli merkt, hier kann man einen Schnitt machen. Es dauert nicht lange, erscheint wieder ein Heft und wieder eines, ein Geriß ist darum wie beim Bäcker um die frischen Semmeln. Alle drei, vier Wochen ein neues Heft mit mehreren Liedern. Kein Konzert wird gegeben, wo nicht eine oder mehrere Sachen von Schubert gesungen werden. Die Zeitungen singen sein Lob in allen Tonarten. Das Meisterlein steht auf der Höhe seines Ruhms.
Jetzt klimpern auch die Taler um ihn herum. Es ist ja verhältnismäßig bescheiden, was er einnimmt, aber trotzdem, einen solchen Wohlstand hatte er noch nie gehabt wie jetzt.
G -- d -- g -- fis -- g -- a -- ! --
Der tröstliche Satz klingt immer wieder durch sein Gemüt. Er löst sich auf, verschwebt und kommt unversehens wieder hervor, immer wieder ein verheißender Anfang.
Jetzt hat die ängstliche Sparerei ein Ende, ein Flascherl Tokaier mehr für die lieben Freunde, was liegt da daran, man läßt die paar Kröten springen, in ein paar Wochen sind sie wieder hereingebracht, es erscheint ein neues Heft, der Born ist unerschöpflich, und wenn ihm wirklich einmal der Draht ausgeht, so ist schon dafür gesorgt, daß andere Quellen springen. Das haben die lieben Freunde getan. »Die Anerkennungsschreiben von den Herren Gönnern, was sind sie denn wert, wenn man sie nicht zu Geld machen kann?«
Der schlaue Hüttenbrenner weiß guten Rat. Er besorgt den Verkehr mit dem Verleger, führt Rechnung, nimmt Franz alle Geschäfte ab, schreibt Briefe für ihn, tut alle Sekretärdienste, und tut es mit einer Hingebung, als ob es um das eigene Wohl und Wehe ginge. Der sorgt auch dafür, daß die Hefte mit Dedikationen erscheinen.
Meistens lassen es die also geehrten Gönner bei schönen Dankesworten bewendet sein, zuweilen aber bringt es einen Ehrensold ein, so von dem Grafen de Fries und von dem Erzbischof Ladislaus von Pyrker, der als Dichter einen nicht unbedeutenden Ruhm genießt und von dem ihm gewidmeten »Wanderer« entzückt und ergriffen ist.
Eine Hand voll Geld fällt bei diesen Gelegenheiten für Franz ab, der kann's gut brauchen, es wächst ihm kein Moos und kein Schimmel darauf.
Unheimlich, wie unter den freundlichen Sonnenblicken des Schicksals die Arbeitsleistung wächst. Der Schädel brummt zwar gewaltig, als ob er zerspringen wollte, nach der Fieberhitze des Schaffens hämmert es drinnen lange nach und will gar nicht zur Ruhe kommen -- da hilft nichts als die Zuflucht ins Grüne oder am besten noch in die feuchtfröhliche Tafelrunde der Freunde, um mit einem Glas Wein das Arbeitsfieber zu schlagen. Fieber gegen Fieber -- aber am nächsten Morgen ist er wieder geladen mit allen Schöpferkräften der Unendlichkeit, sie zersprengen schier das Gefäß -- die Losung ist arbeiten, er meint, es müßte ihn sonst zerreißen.
Sein Ruhm hat mit einemmal schnelle Beine und rennt mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt. Wien, Dresden, Berlin -- überall bekommt der Name Schubert einen Klang. Die Hefte gehen reißend ab. Wieviel der Diabelli verkauft, weiß man nicht genau. Der Joseph Hüttenbrenner hat seine liebe Not. »Bandit!« flucht er und wirft eifrig die Angel aus, ob denn nicht ein anständiger reichsdeutscher Musikverleger zu gewinnen wäre.
»Besitzt doch Wien dermalen wieder ein Talent, das bereits die allgemeine Aufmerksamkeit erregt und schon zum Liebling des hiesigen Publikums geworden ist -- kurz und ohne Übertreibung gesagt, es ist ein zweiter Beethoven; dieser unsterbliche Mann sagt von ihm gar, dieser wird mich noch übertreffen ....« So schreibt Joseph Hüttenbrenner nach Leipzig an K. F. Peters.
Aber auch dieser Verlagsgewaltige ist harthörig; man müsse doch erst abwarten -- welche Menge früherer Werke Mozarts sei überhaupt nicht gedruckt worden, da müsse sich ein junger Künstler schon bescheiden, die Erfahrung allein muß lehren, ob er den ganz Großen gleichzustellen sei, kurz, ein Hin- und Herreden, halb ja, halb nein, man weiß nicht recht, will er, will er nicht, aber soviel steht fest, das ganze Manöver hat doch den einzigen Zweck, den Preis zu drücken. Ist doch der eine einen Groschen, der andere einen Pfifferling wert! Er will bitter werden, aber er besinnt sich. Geduld also -- man kann ja warten, bis der Rechte kommt. Es eilt nicht. Einstweilen ist man ja bei Diabelli in sicheren Räuberhänden.
Überall, wo konzertiert wird, erklingt auch Schubert. Graz kann nicht zurückbleiben, wo so treue Eideshelfer wirken wie Jenger und Anselm. Von den Grazer Aufführungen melden alsbald die Zeitungen, ebenso von den Linzer, wo Spaun und Freunde hinter der Sache her sind.
Aber der Anselm ist ein wunderlicher Kauz, den läßt der Ruhm des »Erlkönig« nicht schlafen. Der Ehrgeiz stachelt ihn, er möchte den jungen Meister übermeistern. Fiedelbum! Flugs hat er aus dem »Erlkönig« einen Erlkönigwalzer komponiert. Fiedelbum! Ei verflucht!
Schwind ist ehrlich entrüstet: »Das ist mir aber ein lieblicher Kauz! Der versteht's! Was Schubert fürs Herz entdeckt hat, macht er für die Beine zurecht! Daran mögt ihr erkennen, wie der unseren Franz verstanden hat!«
Für den Spott brauchte der treue Anselm jetzt nicht zu sorgen. Fiedelbum!
»Na, na!« winkt Franz ab. Er rechnet dem Freunde in Graz die Entgleisung nicht allzu schwer an. Fiedelbum! Der hat's selber zu tragen und wird sich ein zweites Mal hüten. Fiedelbum!
Mehr denn je stehen dem Liechtentaler Schulmeisterssohn die Türen der Salons offen -- mehr denn je sucht er den Händen zu entwischen, die nach ihm greifen. Die Arbeit und die Freundschaft sind die Gottheiten, deren Dienst er fast ausschließlich geweiht ist. Und selbst die Freundschaft muß sich zuweilen bescheiden, denn eine dritte Gottheit ist, die ihn mit magischer Gewalt zu sich heranzieht -- die Einsamkeit. Das können viele nicht begreifen.
Der alte Doktor Sonnleithner wird fast ernstlich bös über die notorische Unverläßlichkeit des Schützlings. »Für den man soviel getan hat!«
»Also warum kommt er nicht? Warum kommt er denn nicht?!«
»Mit Verlaub, der Herr Schubert ist in Atzenbrugg!« entschuldigt Joseph Hüttenbrenner.
»Also immer auf Duliäh -- muß denn das Gerstel auf einmal durchgebracht sein!« knurrt der Alte.
»Entschuldigen's, Herr Doktor, aber so ist es auch wieder nicht!« sagt Joseph zur Verteidigung des Freundes.
»Nein, gewiß nicht! Gearbeitet hat er wie ein Pferd, mein Gott, wenn ich das alles denken müßte, mir ging der Kopf auseinander. Ein paar Tage aufs Land, das wird er sich doch vergönnen dürfen, nach all den Strapazen .....«
Dagegen läßt sich allerdings nichts einwenden.
»Auf nach Atzenbrugg!« Das ist ein Ruf, dem Franz nicht widerstehen kann.
Schober ist der Rädelsführer; bei Atzenbrugg hat sein Oheim ein Schloß, dahin werden Wanderfahrten unternommen, an denen fast der ganze Freundeskreis teilnimmt.
Franz fühlt sich müde und ausgepumpt, er weiß nicht recht, soll er oder soll er nicht. An der Wand hängt die Gitarre, eine Saite ist gerissen, das grüne Band fängt an zu bleichen. Sie hat schon lange nicht im fröhlichen Verein gezirpt auf einer lustigen Fahrt ins Grüne und Blaue. »Schade um das schöne, grüne Band, daß es verbleicht hier an der Wand. Ich hab' das Grün so gern, ich hab' das Grün so gern!« Das ist die innere Stimme, die immer guten Rat weiß, es ist gut, ihr zu gehorchen.
»Also auf nach Atzenbrugg!«
Lieblich ist's, zwischen den Pappelreihen hinzufahren, die die weiße Landstraße grün besäumen und mit ihren aus- und eingeschwungenen Zeilen hoch in der Landschaft stehen. Weit, weit kann man die grüne Wand verfolgen, die sich über Tal und Hügel schwingt. Man fährt in einer offenen Chaise, die viele Querbänke hat und ganz besetzt ist mit lustigem Volk. Zeiserlwagen, so nennt ihn ein launiges Wort. Aber die Wiener Laune ist meistens etwas gepfeffert und hält sich an drastische Ausdrücke. Sie zieht es vor, dieses Gefährt vergleichsweise einen Kalbelwagen zu nennen. Der edle Reisewirt, der den Kalbelwagen für den Freundeskreis gestiftet hat, ist Schober, der sich auf der Fahrt nach Atzenbrugg als Mäzen fühlt.
»Ich fahre mit,« erklärt Schubert, »aber eine Bedingung ist dabei -- daß Melusine kommt, und daß mir der Platz an ihrer Seite bleibt!«
»Mir blutet das Herz,« versichert Schober treuherzig scheinheilig, »aber den Platz an der Sonne tret' ich dir ab, weil du es bist.«
Franz wohnt im Rossauer Schulhaus bei seinem Bruder Ferdinand, der vom Schulgehilfen längst zum Schulleiter vorgerückt ist und knapp vor der Beförderung zum Schulinspektor steht. Mit Bruder Ferdinand hat Franz seit jeher ein wärmeres Verhältnis gehabt. Aus der Blutsverwandtschaft wird die höher geartete seelisch bestimmte Lebensfreundschaft. Ferdinand ist stolz, den berühmten Bruder zu beherbergen, von dem jetzt alle Welt redet. Er weiß, daß der Herr Vater ganz von Hochachtung erfüllt ist für den genialen Franz, dessen junger Ruhm einen Lichtstrahl auf das bescheidene Elternhaus und dessen Insassen wirft. Der Bruder Ferdinand, der in der Rossauer Schule wohnt, hat sich's nun nicht nehmen lassen, Franz zu beherbergen, solange dieser bei ihm wohnen mag.
Und jetzt das Aufsehen, als Schober zur festgesetzten Stunde mit dem Kalbelwagen vorfährt, zweispännig, Peitsche und Pferdemähnen bändergeschmückt, wie zu einer Maifahrt, und richtig: auf der ersten Bankreihe sitzt groß und stattlich Melusine, märchenhaft anzusehen, wie eine Wald- und Quellennymphe, die geradewegs aus der Legende auf einem Kalbelwagen mitten in die staunende Stadt fährt. Dem Franz pumpert das Herz, als er mit dem Ränzel um die Schultern und der Gitarre in der Hand, an der das grüne Lautenband weht, hinaufsteigt in den Zeiserlwagen und neben der holden Therese Platz nimmt. In allen Fenstern liegen neugierige Köpfe und munkeln über das wundersame Gefährt: »Macht er denn Hochzeit, der Bruder des Herrn Schulleiter?! Ist wohl eine reiche Braut -- mein Gott! Und schön zum Verrücktwerden! Schaut sie's an, die wunderbaren Haar, leuchten wie eine Krone, und die Augen sind blau und tief wie zwei Edelsteine, und das liebe Gesichtel, und der Mund wie ein Röserl, und die Gestalt, viel größer als er, gewachsen wie ein Bäumerl und rundum was dran, nun ja, freilich, alles was sich gehört -- nur so zum Anbeißen, rein zum Vergaffen!«
Ein Peitschenknall, die Pferde greifen aus, weg sind sie; die Leute der grünen Torgasse haben Gesprächsstoff noch gut für zwei Tage, ein Märchenschimmer war in ihre Gasse gefallen.
Dem Franz ist selig zumut wie einem richtigen Märchenprinzen. Da kommt die Liebe auf dem Zeiserlwagen in seine Gasse gefahren, er sitzt mit der bändergeschmückten Gitarre neben ihr, wie er es geträumt hat, er schaut in ihre rätselhaft tiefen Augen, ein seltsamer, quellfrischer Hauch geht von ihr aus, er ist ganz verzaubert. Aber es wird ihm gleich auch bänglich zumut, denn er findet nicht die rechten Worte, die Schöne zu unterhalten. Wenn er allein ist, dann wüßte er viel zu sagen, aber vor ihr ist er befangen, und er kommt sich stockdumm vor. Ein Glück, daß sie nach kurzer Fahrt wieder vor einem Haus halten.
Da springt ein junges, nicht unhübsches, lebhaftes Mädchen hervor, Netty Hönig, eine Freundin Theresens, und ihr Bruder Hönig, beide geschniegelt und gebügelt, sind ja wohlhabender Leute Kind und geldstolz; reiben sich gern an Künstlern, mit denen sie freilich scharmant umzugehen wissen. Hätte ihnen der Geldstolz auch wenig gefrommt in einem Kreis, wo der einzige gültige Adelsbrief auf die Schubertsche Formel lauten mußte: »Kann er was?«, eine Geniemarke, die im Sprachgebrauch der Freunde auf die Scherzform abgeglättet wurde: »Kanevas?« Hönig war kein Kanevas, und all sein Geld half ihm höchstens zu einem geduldeten niederen Laientum, mit dem besonders der ungeschminkte Schubert nicht viel Geschichten machte: »Also hockt's auf, Gesindel!«
Aber mit dem Aufhocken geht's nicht so schnell. Sie müssen auf eine Dritte warten, die jetzt aus dem Hausflur herauskommt, die liebliche Johanna Lutz, mit ihren blonden Stirnfränschen über den hellen, gescheit blickenden Augen in dem herzigen Gesicht. Das ist die Braut des Leopold Kupelwieser, sie muß sich hinter der Netty Hönig verschanzen, damit kein dummes Gerede entsteht, während hinwiederum die Netty als Gardedame ihren Bruder mit dem Fledermausgesicht hat. Auch für Therese ist Netty das Paravent der Sitte und Ehrbarkeit, kurz eines muß dem anderen Mauer stehen, um solcherart der albernen Konvention ein Schnippchen zu schlagen, darin ja die Jugend nicht verlegen ist.
Da kommt er schon daher, der Leopold »Kupel«, wie ihn die Freunde mit einer beliebten Abkürzung nennen, ein hoher, gerade gewachsener Bursch mit schwärmerisch in die Ferne blickenden Augen, als Maler das klassische Gegenstück zu dem romantischen Schwind. Er schaut nach Rom und nach der Antike aus, genau so schwärmerisch, wie Schwind nach den mittelalterlichen Burgen, nach Rittern, Waldgeistern und Elfen ausschaut.