Part 14
»Grüß Gott, edler Kupel!« Die Anrede klingt schon wärmer, als sie dem Hönig geklungen hat. Aber der lange Kupel, der sich mit einem Satz hinaufschwingt, dicht neben die zarte Lutz hin und Hand in Hand mit ihr zusammensitzt, der gehört mit in die priesterliche Kaste der Kanevas.
»Klim bim, klim bim, schrum, schrum!« greift Schubert in die Saiten der Gitarre. Worte hat er nicht viel zu geben, er sagt's lieber in Tönen, was ihn erfüllt. Eine stille Heiterkeit ist über ihn gekommen, er fühlt sich wunschlos glücklich neben der schönen Melusine.
»Die Musik klingt aber traurig!« ist Hönig vermessen genug, zu sagen.
»Dummer Kerl,« brummt Schubert und gibt's ihm zurück, »haben Sie schon eine lustige Musik gehört? Ich nicht!« Der Hönig ist blamiert, man sieht, er ist kein Kanevas, sonst wäre ihm eine so alberne Äußerung nicht passiert. »Wie kann denn Musik lustig sein, wenn sie von dem Herzen singt? Wenn sie von Lust singt, klingt es wie Weh, und wenn sie von Weh singt, ist es die Lust!«
Das könnt' er dem Pfründner jetzt sagen, der sich mit all seinem Geld nicht einen Fuß breit von dem Seelenland kaufen kann, so gern er möchte, wo er, Franz, unumschränkter König und Gebieter ist mitsamt den paar Getreuen, die an seiner Seite sind. Er könnte ihm jetzt das auseinandersetzen, was er denkt, aber wozu denn? Es steht gar nicht dafür!
»Klim bim, klim bim, schrum, schrum!« Mit Gitarregezirp, Gelächter und Fröhlichkeit geht's von Haus zu Haus, wo Freunde wohnen, die mitkommen.
»An mein Herz, geliebter Cherubim!« so lautet der Gruß in Schwindien.
Schwind will sich neben Therese setzen, der heimliche Ritter neben die Quellenfrau Melusine. Aber neben Melusine hat sich bereits das listige Fledermäuslein eingenistet, Hönig, und läßt nicht locker.
»O du abscheulicher Flederwisch mit den ewig feuchten Lippen, von denen die klebrige Schmeichelrede trenzt -- was soll denn das viele Schwatzen?!« Die Schöne wendet sich lachend von ihm ab, aber der Häßliche hat die Gabe der unterhaltenden Worte, sie muß halt immer wieder hinhören, und wenn ein schiecher Kerl hübsch zu plaudern weiß, so dauert's nicht lange, und er gleicht einem Apoll.
»Wirst dir aber wenig herausfetzen, wenn auch deine Rede Honig ist, du garstiges Schwatzmaul!« dachte Franz und zupfte seine Gitarre.
Schwind hat sich neben Netty Hönig gesetzt, es scheint, daß er dem munteren Mädchen sein Herz verpfänden will.
Mit Klimbim und Trara ging's also die Alleen entlang und zwischen Hügeln und Kornfeldern hin.
Klim bim! zirpte die Gitarre, und eine Stimme summte dazu: »Ich hab' das Grün so gern, ich hab' das Grün so gern! Weil unsere Lieb' ist immer grün, weil grün der Hoffnung Fernen blühn, drum haben wir es gern, drum haben wir es gern! Nun schlinge in die Locken dein das grüne Band gefällig ein, du hast ja 's Grün so gern, du hast ja 's Grün so gern! Dann weiß ich, wo die Hoffnung wohnt, dann weiß ich, wo die Liebe thront, dann hab' ich 's Grün erst gern, dann hab' ich 's Grün erst gern!«
Summte und sang es der Fee Melusine ins Ohr.
Sie hatte auch das Grün so gern und ging auf den Spaß ein und ließ das grüne Lautenband um ihre festgesteckten Locken flattern. Dafür band sich Franz die Gitarre mit einem Stricklein über die Schultern fest. »Mit all deinen honigbestrichenen Leimruten, lieber Hönig, wirst du nichts fangen!« Die Musik war die stärkere Lockung, und das Herz hing in dem Lautenband wie das Vöglein in einer Schlinge.
In nächster Nähe von Atzenbrugg thronte auf einem Hügel das Schloß Ochsenburg, dem Bischof Hofrat von Dankesreither gehörig; in diesen Tagen aber machte der elegante Neffe Schober die Honneurs, bewirtete die Wiener Freunde drei Tage lang. Der Wagen fuhr in den Hauptplatz mit der schönen, wolkengetürmten Dreifaltigkeitssäule, die ein kleiner Zwillingsbruder der Säule am Graben in Wien zu sein schien, die Herren sprangen ab, die Dämchen durften sitzen bleiben, indessen der zweispännige Wagen langsam den Hügel hinaufkroch und durch den breiten, kühlen Flur zwischen den gewaltigen, halbrunden Ecktürmen in den weinbewachsenen Hofraum einfuhr. Gott, war es da schön in dem grasbestandenen Hof mit dem alten Ziehbrunnen, so recht ein Schmaus für das romantische Gemüt Schwinds.
Einfach war das Mobiliar in dem langen Speisesaal, den weiten Wohnräumen und den Schlafzimmern, altes, gebrechliches Gerümpel in dicken, gewölbten, weiß getünchten Mauern, in Wänden, sanft gekrümmt unter der Last des Alters, voll Runzeln wie ein Greisenantlitz und zugleich wetterhart und eisenfresserisch in der trotzigen Wucht mit dem gewaltigen Dachhelm und der knarrenden, rostigen Wetterfahne oben.
Jetzt war junges Leben in den alten hallenden Gängen und luftigen Arkaden oder den Hofgewölben und Vorratskammern, drei Tage lang in der Zeit, da der Herr Bischof und Oheim in der Gasteiner Ache sein Zipperlein kurierte. Die Knechte und Mägde rissen Maul und Augen auf über das lustige Leben, in der Küche drehte sich der Spieß, als ob ein ganzer Ochse in der Ochsenburg gebraten werden müßte. Alle Hände der dienstbaren Geister hatten vollauf zu tun, wenn der Herr Neffe als Flottwell mit seinen Freunden kam.
Ein dreitägiges Fest mit Landpartien, Schmaus, Tanz und Musik -- es vergeht wie ein Traum. Die Kunst war die Hauptsache bei dem Gastmahl, und Franz ward infolgedessen, ohne es recht zu wollen, oder vielleicht auch ohne es recht zu ahnen, der geistige Mittelpunkt des Festes. Wie immer wurde etwas daraus, das den Namen Schubertiade erhielt. Um Musik, Gesang und Dichtung war die Lebensfreude gruppiert, und siehe da, der Bescheidenste, Borstigste, Scheueste, Einsamste ward zum König des Tages.
Der Kleine am Klavier hatte alle am Bändel -- er hätte sich kraft seines Genius als Herrscher fühlen mögen, aber er saß in Demut da und schien zu darben bei dem Fest, dem er so recht eigentlich die seelische Weihe gab. Therese sang seine Lieder, die er begleitete, ihr junger, blühender Körper erbebte unter dem Sturmlied der Leidenschaft und Sehnsucht, die ziellos verströmte. Seine Finger gingen mechanisch über die Tasten, er hatte ein unendlich trauriges und wehmütiges Gefühl.
»Wie kommt es denn nur,« mochte seine innere Stimme fragen, »daß ich nicht weiterkomme mit all meiner Liebe? Da steht sie, die Herrliche, geschüttelt wie ein junges Bäumchen unter dem Frühlingsbrausen, das mit Verzweiflung und Tränengewalt kommt, und ich stehe dabei dreifach geschlagen und gebunden, ein armer, hilfloser Narr, und weiß mir nicht zu helfen, indessen dieser Hönig, der dreiste Bengel, so tun darf, als hätte er gewonnenes Spiel! Warum soll ich nicht auch so tun? Hab' ich nicht zehnmal mehr Recht darauf? Aber --«
Dieses Aber, das er vor sich nicht gelten lassen wollte! Er schlug in die Tasten hinein, der inneren Stimme Schweigen zu gebieten. Bum, bum, bum! Aber der Macht der inneren Stimme kann keine Tongewalt der Erde Herr werden.
»Weil du nichts bist und nichts hast und es deshalb nicht wagen darfst, das schöne Kind aus dem reichen Hause für dich zu begehren. Und wenn du es wolltest, wer sagt dir, daß sie dich liebt und daß sie dich nicht mit einem mitleidigen Lächeln vertröstet und heimschickt mit dem Zuckerbrot einer unverbindlichen Liebkosung wie damals? Wenn es dem Hönig einfiele, ihre Hand zu begehren, der brauchte nicht viel um Liebe zu fragen, der fordert sie einfach, und was er fordert, wird ihm gegeben werden. Warum, warum? Mit welchem Recht? Mit dem Recht der Seele? O nein! Du altmodischer, idealistischer Tor! Mit dem Recht des Geldes, dem schmutzigsten und ungerechtesten Recht --«
So haderte seine Seele mit dem Schicksal und behauptete mit blindem Eigensinn: »Es ist so!« obgleich im verlöschenden Bewußtsein die Erkenntnisspur verblieb: »Es ist auch wieder nicht so!« Aber daran war kein Zweifel, daß seine Lieder und alles, was er schuf, aus dem Aufruhr seiner Gefühle hervorquoll und von dem Schmerz seiner Seele geboren war. Wenn es ihnen auch unbegreiflich schien, so mußten es jene ahnen, die um ihn waren, als er ihnen seinen »Wanderer« vorsang. Am meisten ahnte es vielleicht Therese. Es ist wahr, die Sänger im Konzertsaal sangen das Lied kunstvoll, aber keiner so ergreifend bei aller Schlichtheit als Franz selber. Melusine, die Feine, hatte es sogleich erraten.
»Ich wandle still, bin wenig froh, und immer fragt der Seufzer, wo?«
Noch ehe der Gesang beginnt, dämmert die Wehmut dieser Verse in den einleitenden Akkorden auf. Das heiter-wehmütige Gefühl der Sehnsucht mit all den heftig aus dem Gefühl hervordrängenden Fragen versinkt in die Trostlosigkeit jener dumpfen Akkorde, die alles dunkel Geahnte zur hoffnungslosen, tragischen Gewißheit bringen: »Wo du nicht bist, dort ist das Glück!«
Die Musik gleicht seiner eigenen Seelenlandschaft, hohe, leuchtende Gipfel sind darin, wo alles Selige und Heitere lebt, danach sich das Gemüt sehnt, aber die edlen Schatten der Melancholie lagern auf dem Weg in der Tiefe, den Franz wandert. Doch der Weg der Seele führt über Berg und Tal in stark bewegten Kurven und ist bald im Tale der Tränen und bald wieder auf den lichten Höhen der Seligkeit. Sie stehen dicht beieinander, diese Höhen und Tiefen -- das tragische Bild seines inneren Lebens.
»Es ist so,« schreit die Seele auf in ihrer Qual -- »es ist wieder nicht so!« lächelt der nächste Augenblick.
Und was er vorhin von Hönig dachte und von Therese, das hat sich jetzt ganz und gar widerlegt, als Melusine beim Gute-Nacht-Sagen das grüne Band hervorzog und ein gutes herziges Wort daran knüpfte.
»Nie hab' ich so frei und leicht gesungen als heute, ich bin abergläubisch -- vielleicht hat's dieses da gemacht --«
Dabei schob sie das verblichene Lautenband in ihren Busen: »Hier will ich es tragen -- gute Nacht!« und war verschwunden wie eine flüchtige, klingende Welle.
Franz lag im Bett und konnte nicht schlafen.
»Warum hab' ich ihr nicht gesagt, wie es mir ist da drin? Warum?« Aber er hat es so schwer mit sich selbst, er kann sich nicht erschließen. Die Worte sind zu hart, zu dürftig, zu klobig, es müßte über ihn kommen wie ein Gewittersturm, wie ein Erdbeben, das die Klüfte aufreißt -- er kann seine Seele nicht zeigen, es sei denn in Einsamkeit, und dann wird es Musik.
Sie versteht ihn, aber sie versteht ihn doch wieder nicht!
Das alte Spiel: es ist so -- es ist doch wieder nicht so!
Morgen wird er ihr es sagen, all sein Fürchten, all sein Hoffen. Morgen, wenn der große Augenblick wiederkehrt. Aber er weiß schon wiederum auch: er kehrt nicht wieder ....
Knarr, knarr! singt die Wetterfahne auf dem Dach.
»Sie pfeift dich aus!« denkt der Schlaflose in seiner Kammer. »Es ist des Hauses aufgestecktes Schild -- ein Narr, der hier sucht ein treues Frauenbild.«
Der Wind spielt mit seinem Herzen wie auf dem Dach, nur nicht so laut!
Knarr, knarr!
Das Schicksal pfeift ihn aus, und seine innere Stimme lacht auf wie zum Hohn: »Ha, ha! Laß ab -- sie ist eine reiche Braut!«
Er ist nicht der einzige Schlaflose in diesem Gemäuer. In der Kammer nebenan liegt Schwind, auch er hört die Wetterfahne und denkt und denkt. Er hat sein Herz vollends verloren an Netty Hönig.
Knarr, knarr! krächzt die Fahne auf dem Dach mit rostiger Stimme. Das Herz knarrt dazu, als ob der eiserne Stab sich darin um und um drehte. »Ach Netty, Netty -- wärst du nicht eine so reiche Braut!«
Ja, sie haben's nicht leicht, diese beiden!
Die Festtage vergehen, der ersehnte Augenblick hat sich nicht wiederholt, das Herz ist voll und schwer von Liebesworten, die nicht gesprochen wurden. Nichts kann mehr brennen als solche feurige Worte, die man hinunterschlucken muß und deren Qual nur gemildert wird von verschluckten Tränen, die nach ihnen geweint werden.
Franz fragt sich vergebens: »Warum ist dies alles?«
Aber nicht einmal dem intimsten Freunde vertraut er sich an, dem Schwind, der die gleichen Schmerzen trägt.
Äußerlich ist es nur eine stille Traurigkeit, die man ihm anmerkt, aber das ist man bei Franz gewohnt, wenn er gerade nicht lichterloh in Flammen steht.
»Es ist einmal so!« sagt eine Stimme inwendig.
Die Abreise kommt, das erlösende Wort ist nicht gesprochen. Es schnürt ihm die Kehle zu, wenn er daran denkt; keinen Laut brächte er hervor. Melusine ist gleichmäßig freundlich und liebreich, aber ihr Wesen ist allzu geglättet, jeder Versuch, ihr näher zu kommen, gleitet ab; wenn sie nicht will, ist es vergebens. Das erfährt auch der Hönig, diese dreiste Hufeisennase.
»Auf der Heimfahrt, auf der Heimfahrt!« denkt Franz und reimt sich schon manches liebe Wort zusammen.
Aber mit der gemeinsamen Heimfahrt wird es nichts. Schober hat es im Rat der Götter anders beschlossen. Man weiß ja: er trägt sich mit einem Opernstoff, den Schubert komponieren soll. Ach ja, das ist der Weg zum neuen Ruhm, zu dem heißersehnten Ziel, wo er stehen möchte neben dem großen Wolfgang Amadeus oder zumindest neben dem volksmäßigeren Karl Maria.
»Du wirst höher greifen als Weber im ›Freischütz‹! Ja, das wirst du!« Die Freunde wissen es.
Einer, der hinter jedem Vers den heroischen Schritt des Dramas aufklingen läßt, der ist berufen, der Oper neues Leben zu geben.
»Es verpflichtet dich, vorsichtig zu sein in der Wahl des Stoffes!« warnt der treue Schwind. »Du brauchst einen Text, darin die Worte sparsam gewählt und mit Kraft gesättigt sind -- dann wirst du einen neuen Opernstil schaffen. Verzettle deine Kraft nicht an dem geschwätzigen Schund, der sich fast in allen Werken dieser Art breit macht. Laß dir deine Erfahrungen mit den ›Zwillingsbrüdern‹ und der ›Zauberharfe‹ zur Warnung sein!«
Schober gibt seine halb vollendete Dichtung »Alfonso und Estrella« zum besten, Franz ist entzückt, Schwind schüttelt denklich den Kopf. Der Cherubim ist in einer unangenehmen Zwickmühle. Er möchte Franz vor einer unnötigen Zeitvergeudung der kostbaren Kraft bewahren und andererseits dem geliebten Schober nicht wehe tun. Was tun also? Den Freund dem Freunde opfern? Ein Schuft, wer mit der Wahrheit allzu ängstlich umgeht!
»Tu's nicht, Franz,« ratet Schwind, »es ist nichts daran an der ganzen Großmutsgeschichte. Eine unklare Handlung, ein breites Geschwätz, Liebe, Politik und Langweile durcheinander gemischt. Das spanisch-maurische Kostüm kann es nicht retten. Geh' vorsichtig um mit deiner Kraft, verwende sie aufs beste, sonst kommst du leicht auf den Holzweg. Es wäre schade um dich und um deine gute Sache.«
Aber Franz ist blind und taub gegen diese Einwendungen. So begeistert ist er von Schobers Dichtung.
»Am besten, wir lassen das lose Pack allein heimfahren und richten uns hier häuslich ein!« schlägt Schober vor.
»Im Herbste kommen wir nach Wien zurück und haben die fertige Oper in der Tasche. Dann, Freund, mit fester Hand den Lorbeerbaum geschüttelt, daß es nur so die Dukaten herunterregnet!«
Der Plan ist verführerisch. Warum sollte er nicht gelingen? Schober hat Beziehungen zur Bühne, Vogl wird das Seine tun, die Anna Milder in Berlin hat sich selber angetragen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, wenn eine Rolle für sie darin ist, also bitte, warum denn nicht?
Nun stand Franz als Minneheld zwischen zwei Frauen, der irdischen und der himmlischen Liebe. Und sollte sich für die eine oder andere entscheiden. Es war wirklich schwer, Mensch zu sein.
Soll er nun schmachtend auf dem Kalbelwagen neben der Fee Melusine sitzen und herumdrücken an dem, was er sich doch nicht recht zu sagen getraut, oder soll er dem Wink seiner Muse folgen und den Weg des Einsamen gehen?
Es müßte nicht Franz Schubert sein, wenn er sich nicht sofort des Rechten bedacht hätte. Also tapfer den aufquellenden Schmerz hinuntergewürgt und Adieu gesagt der berückenden Fee Melusine. Den rätselhaft tiefen Blick aus ihren graublauen Augen wird er nicht vergessen, der drückt ihm das Herz nun gar wehvoll zu Boden. Aber eine Hoffnung blüht: mit der neuen Oper in der Hand ist er ein gemachter Mann. Hat sie Erfolg, was gar nicht zu zweifeln ist, dann bedeutet's Ehre und Gewinn. Und dann macht ihm kein Hönig, und wär' er der protzigste Geldsack, sein Recht auf dem Wagen der Liebe streitig. Also vorläufig, und immer vorläufig tapfer entsagen, um den hohen ewigen Preis zu gewinnen.
Er muß sich rasch umwenden, als die Fräuleins mit ihren Rittern tücherschwenkend davonfahren, Hönig neben Melusine.
»Dummer Junge, möchtst heulen wie ein Schloßhund, pfui Teufel, schäm' dich!« meldet sich die Stimme inwendig.
Es reißt ihn auf dem Absatz herum und im Sturm hinauf ans Klavier. Den Schmerz muß er in der Tonflut ersäufen.
»Was vermeid' ich denn die Wege, wo die andern Wanderer gehn, suche mir versteckte Stege, durch verschneite Felsenhöhn? Habe ja doch nichts begangen, daß ich Menschen sollte scheun, welch ein törichtes Verlangen treibt mich in die Wüsteneien? Weiser stehen auf den Wegen, weisen auf die Städte zu, und ich wandere sondermaßen ohne Ruh' und suche Ruh'. Einen Weiser seh' ich stehen unverrückt vor meinem Blick, eine Straße muß ich gehen, die noch keiner ging zurück ....«
Wenn er sein Leben überdachte, dann sah er einen Weg, den keiner ging; unsichtbaren Wegweisern war er gefolgt, sie weisen weiter und weiter, und er wußte schon, daß er folgen werde, wenn er auch allein gehen mußte.
Einstweilen hatte er ja einen lieben Gefährten bei sich.
Schober schmiedete Verse aus Leibeskräften, und Franz ließ herrliche Melodien daraus entstehen, leicht und blühend waren die Gedanken, die aus seinem musikalischen Herzen hervorwuchsen.
»In sehr glücklicher Jugendschwärmerei, aber auch in sehr großer Unschuld des Geistes und Herzens,« berichtet Schober nach Wien, »wird das Werk gezeugt -- es gedeiht!«
O Unschuld! Die beiden Kumpane lebten recht vergnüglich hin, was das äußere Leben betrifft. Der Oheim kehrte aus Gastein zurück, den Dichtergenossen wurde es in Ochsenburg zu eintönig, sie verlegten ihr Quartier in das nahe St. Pölten, wo sie sich in einem Zimmer mit zwei Ehebetten, einem Sofa, einem Fortepiano häuslich und heimisch eingerichtet haben. Als sie im Spätherbst nach Wien kamen, konnten sie sich fühlen wie Hans im Glück, der einen Goldschatz im Ränzel trug.
Aber mit diesem Schatz geht das Leiden an. Die Oper wandert von Kanzlei zu Kanzlei, sie hat nach Art der Brieftauben die verhängnisvolle Neigung, immer wieder zum Ausgangspunkte zurückzukehren. Spaun in Linz, der sich immer auf dem Laufenden erhält, brennt vor Neugier.
»Möcht' es doch endlich sein!« wünscht er aus tiefem Herzen. Trübselig genug schreibt Franz dem Freunde: »Mit der Oper ist es in Wien nichts, ich habe sie zurückbegehrt und erhalten. Auch ist Vogl wirklich vom Theater weg. Ich werde sie in kurzem entweder nach Dresden, von wo ich von Weber einen vielversprechenden Brief erhalten, oder nach Berlin schicken. Mir ginge es sonst ziemlich gut, wenn mich die schändliche Geschichte mit der Oper nicht so kränkte ....«
Die Hoffnung auf Berlin hing mit der angebeteten Milder zusammen. Sie schreibt ihm, wie sehr sie seine Lieder entzückten und welchen Beifall sie in der Gesellschaft finden. Sie möchte haben, daß er ein Gedicht eigens für sie komponiert, aber es ist ein Pferdefuß dabei, denn sie fügt hinzu, es müßte für ein großes Publikum berechnet sein. Was heißt das? Sie hat außerdem vernommen, daß er Opern geschrieben hat, und fragt ihn, ob sie sich nicht für ihn bei der Berliner Intendanz verwenden soll.
»Aber natürlich!« Die Protektion ist gut zu brauchen, also flugs mit der Oper nach Berlin.
Aber auch diese Hoffnung ist trügerisch. Die Milder schreibt, daß »Alfonso und Estrella« durchaus kein Glück in Berlin machen würden. Und damit ist die Sache erledigt.
Franz hat ihr den »Gesang der Zuleika« und einige andere Konzertsachen gewidmet, aber es ist nicht das, was die Milder für das große Publikum meint. Sie schreibt ihm darüber: »Zuleikas zweiter Gesang ist himmlisch und bringt mich jedesmal zu Tränen. Es ist unbeschreiblich, allen möglichen Zauber und Sehnsucht haben Sie da hineingebracht, so wie im ersten Gesang der Zuleika und im >Geheimnis<. Zu bedauern ist nur, daß man alle diese unendlichen Schönheiten nicht dem Publikum vorsingen kann, weil die Menge leider nur Ohrenschmaus haben will ....«
Ach du lieber Himmel!
Aber schon der nächste Brief berichtet, daß die Zuleika dennoch unendlich gefallen habe; die Milder war zu ängstlich wie alle Theaterleute, wenn es ums liebe Publikum geht; daran scheitert soviel Kunst.
Aber auch mit Karl Maria von Weber, der sich in Dresden für ihn verwenden soll, ist es eine so eigene Sache.
Karl Maria kommt nach Wien zu den Proben seiner Oper »Euryanthe« und wird als musikalische Berühmtheit, die von »draußen« kommt, in den Salons serviert. Bei Sonnleithner lernt ihn Schubert kennen. Der Meister des »Freischütz« weiß genau, daß der junge Wiener Genius die Welt mit Licht zu überstrahlen berufen sei ... Als Konkurrent hilft man nicht gern einem, der groß zu werden verspricht und das eigene Licht verdunkeln könnte. Kurzum, Karl Maria ist bei aller Liebenswürdigkeit auf der Hut.
Franz weiß nichts von Kollegenneid und ist naiv genug, zu glauben, daß alles mit rechten Dingen zugeht. Er ist begeistert vom »Freischütz« und zollt dem berühmten Genossen unverhohlene Bewunderung. Und gibt zugleich mit seinem Vertrauen das Herz hin.
»Frau von Chezi, die Textdichterin Ihrer ›Euryanthe‹, hat auch mir ein Buch geliefert -- ich bin schon mit Feuereifer an der Arbeit. Sie sehen also, daß wir schon vom Parnaß her verwandt sind ...«
Das ist ein echter Franz. Die Mißerfolge können ihn nicht klein kriegen. Neue Opernwerke wachsen aus Herz und Hirn hervor. »Rosamunde« entsteht, trotzdem Schwind wettert: »Dieser verhängnisvolle Blaustrumpf, den hat der Teufel nach Wien gebracht! Daß gerade du zum Opfer fallen mußt!«
Karl Maria scheint nicht sehr erbaut über die Eröffnung.
Franz hat ihm Stücke daraus vorgespielt. Die Ouvertüre war zuerst für »Alfonso und Estrella« geschrieben, Franz hatte sie als zu aufhauerisch verworfen, in »Rosamunde« war sie gut zu verwenden. Das reizende, schlanke, feingliederige Musikstück entzückte die Freunde.
Nur Weber blieb kühl.
»Hm ja, wirklich nicht übel, ganz hübsche Einfälle -- aber soviel kann ich Ihnen voraussagen: der dramatische Versuch als Ganzes wird nicht gelingen.«
Neidhammel!
Schwind war entrüstet über die absprechende Meinung.
Er selbst hatte schwere Bedenken wegen des Textes, aber »Versuch« -- das war eine glatte Gemeinheit. Und »hübsch« -- ei verflucht! »Hübsch, das sagt man von einem Kravattel!« erboste sich Schwind. »Und Versuch -- das müßte er doch wissen, daß die ›Rosamunde‹ kein Versuch ist, der Herr Kollege, der anscheinend an der musikalischen Gelbsucht leidet!«
Weber dirigierte die Erstaufführung seiner »Euryanthe« selbst. Natürlich ging Franz hinein, fünf Gulden der Platz -- er zahlte auch für Schwind das Billett, macht zehn Gulden -- davon konnte man damals einen Monat lang leben; aber Franz war kein Sparer und kein Knicker, am allerwenigsten, wenn es um die Kunst ging oder um die Freundschaft. Wer gerade Geld hatte, zahlte -- Franz tat es gern, denn Schwind war fast noch schlechter daran, sein Genius konnte in Wien gar keine Anerkennung finden, und Geld hatte er fast nie in der Tasche.
Mit Weber, der sich in den Tagen seines Wiener Aufenthaltes dem Freundeskreis angeschlossen hatte, saßen sie fast täglich im Bognerschen Café und abends im »grünen Anker« zusammen.
»Nun, wie hat Ihnen meine Oper gefallen?!« fragte Karl Maria am Tage nach »Euryanthes« Premiere.
Franz war immer ein Michel Gradaus, er verübelte es auch anderen nicht, wenn sie ihre Meinung rund heraus sagten, nur ehrlich mußte sie sein.
Er nahm sich auch jetzt kein Blatt vor den Mund: »Einiges hat mir recht gut gefallen, aber für meinen Geschmack ist zu wenig Melodie daran -- wissen Sie was: Der ›Freischütz‹ ist mir lieber!«
»Bravo!« applaudierte Schwind. Der hätte jetzt hinzufügen können: Der Text ist miserabel, aber daran ist die verflixte Chezi schuld ... Doch Schwind verkniff sich diese Äußerung und legte einen vergifteten Pfeil auf seinen Köcher.