Franz Schuberts Lebenslied

Part 15

Chapter 153,696 wordsPublic domain

»Hm, ja, nicht übel! Wirklich ganz hübsch! Aber der dramatische Versuch ist doch nicht gelungen!«

Der Streich war heimgezahlt. Karl Maria erhob sich und verabschiedete sich kalt und gemessen. Das Ende der Bekanntschaft war bedeutend weniger freundlich als der Anfang, und von »Alfonso und Estrella« war in Dresden keine Rede mehr.

Dafür gelangte in Wien die »Rosamunde« zur Annahme.

Bei allem, was Schwind gegen die Textdichterin einzuwenden hatte, die Aufführung war ihr zu danken. Die Chezi hatte nämlich die Gewohnheit, so lange lästig zu fallen, bis man Ja und Amen sagte, um nur Ruh' zu haben vor ihr. So war es in der Oper.

Was Schwind befürchtet hatte, traf ein. Es war ein nicht zu verhüllender Mißerfolg, den der unerträglich geschmacklose Text verschuldet hatte.

Schwind, Joseph Hüttenbrenner, Mayrhofer, alle Freunde und Schubert gingen mit Herzklopfen hinein.

»Diese heillose Frau von Chezi!« so beginnt Schwinds Bericht an Schober, der wieder unterwegs ist und sich selber sucht. »Franz hat wieder einen ganzen Reichtum von Perlen hingestreut, die auch gebührend beachtet wurden, besonders die Ouvertüre. Wie ich immer sage: ein Ziselieren im Kleinen, eine lyrische Ausbeutung des einzelnen Wortes, was in dem geschwätzigen, inhaltslosen Text leider zu lauter verpufften Wirkungen führt. Ein herrliches Feuer, an dem sich das Herz der Menschheit erwärmen müßte, wird hier mißbraucht, um dichterische Wassersuppen gar zu kochen. Sie mundete niemand. Der arme Schubert! Er hätte einen Stoff gebraucht, der machtvoll ist durch die Größe und Einfachheit des Wortes. Hat wieder einen Fehlgriff getan, der sich bitter rächen muß. Daß es ein sanfter Durchfall war, läßt sich leider nicht leugnen. Die Aufführung hat ihm mehr geschadet als genützt, er hat buchstäblich umsonst gearbeitet ....«

Ungefähr so lautete das Urteil des Freundes, der den Schlag härter empfand, als wenn er ihm geschehen wäre.

Auch damit hatte er recht, Franz hatte buchstäblich umsonst gearbeitet. Nach dem Mißerfolg der »Rosamunde« trauten sich die Bühnen erst recht nicht an seine Opern heran. In rascher Folge waren neue Bühnenwerke entstanden, »Fierrabras«, »Die Verschworenen oder der häusliche Krieg«, ein vielversprechendes Fragment »Sakontala«, sie lagen alle neben »Estrella« und »Rosamunde« friedlich in der Tischlade oder kehrten nach vergeblichen Rundreisen über die Theaterkanzleien dahin zurück. Wieviel Lebenskraft und Schöpferwille ward hier fruchtlos vertan!

Auf die Epoche des glänzenden Aufstieges schien eine Zeit der Mißgeschicke gekommen zu sein. Sind es die biblischen sieben Jahre, in denen sich der Schicksalsstern entweder in aufsteigender oder wie jetzt in absteigender Linie bewegt? Man weiß es nicht, man nimmt's gleichmütig hin, man kann nichts Besseres tun als seine Pflicht und warten, bis günstigere Zeiten kommen.

»Wenn nur der Verleger nicht so gewissenlos wäre!«

Damit ist der Diabelli gemeint, der ihm das Verlagsrecht für seine erfolgreichsten Liederhefte für ein Butterbrot abzuluchsen verstand und ihn bei den kommissionsweisen Sachen noch obendrein übers Ohr haute nach Noten. Um der Unverschämtheit die Krone aufzusetzen, schließt er jetzt eine Rechnung ab, bei der Franz, anstatt Geld zu bekommen, noch fünfzig Gulden zu zahlen hätte.

»Ein sauberer Patron!« Franz wirft ihm die ganze Wahrheit an den Kopf. Sie ist knüppeldick genug, um dem Faß den Boden auszuschlagen. Es ist nicht nur die ewige Betrügerei -- die Skrupellosigkeit dieses Geschäftsmannes vergreift sich auch an dem geistigen Gut, die Lieder und Tänze kommen vielfach verstümmelt und mit entstellenden Zusätzen heraus, die nach des Verlegers Meinung die Schöpfungen »publikumsreifer« machen sollten. Der geduldige Franz ist darüber aus dem Häuschen; in einer Aufwallung des gerechten Zorns richtet er eine geharnischte Absage an seinen Ausbeuter, und damit war ein für allemal reiner Tisch gemacht.

Das Suchen von Verleger zu Verleger geht nun erst recht an. Wie es manche verstehen, die üble Lage des Künstlers auszunützen! Da sind einige, die würden mit ein oder zwei Stücken den Anfang machen (werden sich freuen!), nur zahlen wollen sie nichts -- als Entgelt einige Freiexemplare! Später, ja, wenn sie den Profit gemacht hätten, würden sie ihm für weitere Sachen eine bare Entschädigung geben; er wird mit Phrasen abgespeist, als ob er noch ein blutjunger Anfänger wäre.

Wien schwelgt in Schubertscher Musik, sein Ruhm ist begründet auch in anderen Städten -- dabei ist er arm wie eine Kirchenmaus. Ein schwieriges Problem, ohne Amt und ohne festes Einkommen der Kunst zu leben. Er will es fertigbringen!

Ein Es-Dur-Trio, unter Brüdern hundert Gulden wert, bietet er der Firma Probst an.

Sie möchte gern, o ja! -- Nur ein Haken ist dabei.

»Gern sind wir erbötig, zur Verbreitung Ihres Künstlerrufes beizutragen .... leider wird der eigene, sowohl oft geniale als wohl auch mitunter etwas seltsame Gang Ihrer Geistesschöpfungen in unserem Publikum noch nicht genug verstanden ....«

Immer die nämlichen, geschraubten Wendungen, die den Vertrieb der Werke schwierig hinstellen, um den Preis zu drücken.

»Ja, wenn einmal das Eis gebrochen ist ...« Sie versprechen ihm goldene Berge, aber für später, später .... Zukunftsmusik!

Kurz und gut, statt der verlangten hundert Gulden schickt ihm die Firma zwanzig Gulden.

»Wenn es Ihnen zu wenig ist, dann schicken Sie das Geld gefälligst wieder zurück ....«

Wenn die Not am höchsten, ist der Hungerlohn am nächsten! Die zwanzig Gulden haben schon hundert Herren, also ist vom Zurückschicken kaum die Rede! Grausame Heimtücke!

Da ist noch Artaria, aber der ist wirklich anständig, schier ein Mäzen, der zahlt dreihundert Gulden für eine Sinfonie, freilich muß er noch ein kleines Klavierstück darauf kriegen -- das Heft kostet sechs Gulden Ladenpreis, hundert Hände greifen danach im Augenblick des Erscheinens -- die Zahlen werfen ein Streiflicht auf die Verlegerbriefe.

Nun, Gott sei Dank, wenn es auch nicht Geld regnete, so tröpfelt's doch hin und wieder, und wenn vollständige Dürre eintritt, dann helfen die Dedikationen über das Gröbste hinweg. Der Gesellschaft der Musikfreunde hat er eine Sinfonie gewidmet, sie weist ihm einen Ehrensold von hundert Gulden an. Die Hand Sonnleithners ist dahinter zu spüren. Klingende Münze kann man gut brauchen in so sündteuren Zeiten, aber es glückt nicht immer. Schöne Worte fallen häufiger ab als Dukaten.

Der Herr Bischof von Dankesreither in St. Pölten bedankt sich schönstens und ist freigebig mit schmeichelhaften Redensarten, aber es fällt ihm gar nicht ein, etwas springen zu lassen. Die Linzer Musikfreunde ernennen ihn zum Ehrenmitglied, die Grazer tun dasselbe auf Betreiben Jengers. Anselm Hüttenbrenner tut sehr wichtig mit der Überweisung der Urkunde -- es ist eine Ehre für Franz, er kann sich das Blatt vor den Spiegel stecken, er kann aber auch den Mund an den Nagel daneben hängen, er kann es ganz leicht, weil's nicht immer was zu beißen und zu nagen gab.

Aber trotzdem -- Franz läßt sich nicht lumpen, er will dem Musikverein ein Geschenk machen, das mit seinem Menschheitswert das Blatt vorm Spiegel himmelhoch übertrumpft.

»Um auch in Tönen meinen lebhaften Dank auszudrücken, werde ich mir die Freiheit nehmen, dem löblichen Verein ehestens eine meiner Sinfonien in Partitur zu überreichen ....«

Er spürt in seiner Brust ein neues Wogen und Singen: einen vertraulichen Klang aus früher Zeit.

G -- d -- g -- fis -- g -- a .....

Die Geigen in seiner Brust schreien es in die Höhe; und immer wieder kehrt die Melodie, immer wieder reißt sie ab und sucht mit rührender Sorgfalt das Gesangsthema in neuen Variationen zu ergreifen .... Das sinfonische Tongemälde wird ein Abbild seiner Seele, ein erschütterndes Bekenntnis.

Er ist kein armer Mann, er ist ein Krösus, der aus vollen Händen gibt.

Draußen in den Weindörfern, in Währing, Weinhaus, Heiligenstadt, Grinzing, verbirgt einer sein Haupt in grüner Einsamkeit, ein ganz Großer, zu dem Franz jetzt aufsieht wie zu dem einzigen Stern über sich. Der geht auch einem unsichtbaren Wegweiser nach, unbegangene Pfade, weitab von allem Gewöhnlichen und hoch durch unwegsame Gebirge der Seele. Einer, der die Märtyrerkrone um seiner Kunst willen trägt, und zu dem das Meisterlein mit Ehrfurcht emporstarrt. Das ist Ludwig van Beethoven.

Er möchte sich ihm nähern, aber eine unüberwindliche Scheu vor diesem Gewaltigen zwingt ihn, im weiten Bogen auszuweichen. Er getraut sich nicht; heimlich geht er auf den Spuren des Gewaltigen, draußen zwischen den Weinbergen und kleinen Winzerhäusern.

G -- d -- g -- fis -- g -- a ....

Dieses Lebenslied mit all den hoffnungsvollen Anfängen darin läßt ihn nicht mehr los.

Franz schafft mit Zyklopenhänden. Jahr um Jahr, ohne Unterlaß -- das Arbeitsfieber ist sein normaler Zustand, er denkt nicht daran, daß es anders sein könnte. Erlösung, Vergessen, alle Rauschseligkeiten des Glücks gibt ihm diese heiße, verzehrende Arbeit. Sein Genius leuchtet auf wie eine mächtige Flamme, aber Franz merkt nicht, daß er der Kerze gleicht, die an beiden Enden brennt.

»Was ist mit mir?« sagt er eines Tages zu Schober. »Das Essen schmeckt mir nicht, ich kann nachts nicht schlafen, die Töne hämmern mir im Hirn, die Noten fliegen nur so zu, aber wenn ich nachts aufstehe, um sie festzuhalten, sind sie entflohen, ausgelöscht, nicht zu fassen .... Am Morgen ist mir dann der Schädel dumpf und schwer, ich ziehe an der Arbeitslast, als wäre sie ein Wagen voll Pflastersteine, und muß ziehen, ziehen, weil ich muß und nicht anders kann ....«

»Du mußt dich schonen, Freund, du bist überarbeitet, lasse es sein auf kurze Zeit, sammle deine Kräfte, und alles wird wieder flott gehen ...«

Aber der hatte schön reden. Man brauchte Geld und mußte verdienen. Wenn man statt hundert Gulden nur zwanzig bekommt und die hundert braucht, muß man fünfmal mehr machen oder fünfmal so schnell arbeiten.

Aber das ist es nicht allein.

»Weißt du denn nicht, daß Arbeiten das Paradies und Nichtarbeiten die Hölle für mich ist!« und jeden Tag kämpft er sich durch, aus der Hölle in das Paradies empor, um wieder hoffnungslos in die Hölle seiner Ohnmacht zurückzusinken. Aber die Sinfonie muß werden, mag auch ein Stück Gesundheit darauf gehen, das bringt man alles wieder ein, nur das Werk soll nicht erkalten, rein und volltönig muß es erklingen wie eine Glocke, es gibt vorher keine Schonung, und nun alles daran, was an Kraft aufzubieten ist! Ein Lebenslied, diese H-Moll-Sinfonie, sein Höchstes und Tiefstes soll es umfassen ..

Und wieder jubeln die Geigen in die Höhe: g -- d -- g -- fis -- g -- a ..... um nach kräftigen, harten Akkorden wieder abzureißen. Er schleppt sich hin, ist krank und weiß nicht, wie und wo. Die Schmerzen sitzen bald da, bald dort, der Kopf ist müde, es ist, als ob die Kraft plötzlich irgendwie einen Knick bekommen hätte.

E -- fis -- g -- h -- ais ...

Geigen, Violen und Fagotte brachen in ein herzzerreißendes Klagen aus, die Bässe sinken hoffnungslos herab auf das tiefe C; wie einzelne Lichtblicke brechen Teile des Gesangsthemas durch, um sogleich wieder in dem düsteren Nachtgemälde zu ersterben, die Celli und Kontrabässe wälzen dunkle Tonfluten herauf, c -- c -- c -- gleich gewitterhaften Wolkenmassen, schmetternde Blechakkorde fallen ein wie strahlende Blitze, dazu ein helles Geigenmotiv, das empor will wie zu Anfang, um gleich wieder nach hartem, erbittertem Kampf zusammenzubrechen .... Die Erschöpfung ist eingetreten, noch ehe das sinfonische Gemälde, ein Bild seines Lebens, vollendet ist.

Franz ist zusammengebrochen. Die Nervenkraft ist erschöpft. Seltene Träume suchen ihn heim. Er fühlt sich als Bruder vieler Brüder und Schwestern, die Vergangenheit wogt daher in phantastischen Bildern, er sieht die Leiche seiner Mutter, der Vater erscheint ihm, er hat Streit mit ihm und entflieht; er wandert in ferne, unbekannte Gegenden, es ist ihm, als ob Jahre in dem Traum vorübergingen, seine Lieder umtönen ihn, die Liebe, die er gesungen, fühlt er als Schmerz, und der Schmerz, den er singt, wandelt sich in Liebe. Ein Traumbild jagt das andere. Sie haften in seinem Gedächtnis, er schreibt sie nachträglich auf wie eine allegorische Erzählung und schließt mit den Worten ».... und ich fühle die ewige Seligkeit wie in einen Augenblick zusammengedrängt. Auch meinen Vater sah ich versöhnt und liebend. Er schloß mich in seine Arme und weinte. Noch mehr aber ich.«

Franz liegt im Spital, er hat alle Haare verloren. Als er nach Wochen das Krankenhaus verläßt, präsentiert er sich seinen Freunden in einer gemütlichen Perücke. Er kommt überdies nicht mit leeren Händen. Die Krankheit war im gewissen Sinne eine Wohltäterin. Es war die Zeit der Ruhe und des Kräftesammelns. Aber die Katz' kann das Mausen nicht lassen, im Spitalbett hat er wieder zu komponieren angefangen. Kleine, leichte Sachen zwar, ein paar Dutzend Deutsche, einer schöner als der andere, galante, liebliche, bacchantische und fugierte -- zum Entzücken Schwinds, der alles getreulich an Schober berichtet, der noch immer in der Welt herumirrt und es wieder mit der Schauspielerei hat. Er ist in Breslau und möchte genau wissen, wie es Franz geht.

»Er hat wieder seine Perücke abgelegt und zeigt einen lieblichen Schneckerlanflug,« berichtet Schwind nach Breslau.

Und später heißt es, Franz habe sich einer neuen Behandlung unterzogen, und dann erst habe sich die Krankheit gebrochen. Aber er müsse mit sich vorsichtig umgehen wie mit einem rohen Ei ... »-- er lebt noch immer einen Tag von Banaderln, den anderen von einem Schnitzel und trinkt schwelgerisch Tee, dazu geht er öfters baden und ist unmenschlich fleißig ....«

Unmenschlich fleißig, das ist er wohl. Er fühlt sich verjüngt und will wieder losstürmen. Aber halt, so wie früher geht's doch nicht mehr. Rasch tritt die Erschöpfung ein, der alte Zustand ist wieder da. Schlaflose Nächte und ein Hirn, das fort und fort rattert wie eine leere Maschine. Ein tüchtiges Glas Wein abends, ja, das hilft noch -- den Tee hat er über, etwas Bettschwere abends hilft ihm eher, heitere Geselligkeit, die Freunde; wie in allen seinen Lebenskrisen sind sie Trost und Rettung. An die Liebe wagt er jetzt kaum zu denken. Er hofft auf später. Alles läßt sich noch einholen, alles Versäumte und Verfehlte. Nur Zeit!

Das Lebensbild in H-Moll liegt noch da, unvollendet.

Rasch entschlossen tut er die unfertige Sinfonie in ein Kuvert und schickt sie nach Graz als Geschenk an den Steiermärkischen Musikverein. Er löst sein Wort ein und gibt ein Werk von erschütternder Gewalt hin für einen nichtigen Wisch Papier.

Anselm Hüttenbrenner als Musikdirektor empfängt es und verschließt es in eine Schublade. Was für ein Dämon hat Freund Anselm behext? Das ist ja gerade so, als wollte er den ergreifenden Aufschrei einer Seele mit einem Bahrtuch ersticken?! Wenn Franz das wüßte ... Aber der ahnt nichts und vertraut dem Freunde.

Langsam will er hinaufklimmen zur Höhe seiner alten Kraft. Langsam, langsam. Manchmal hat es ja den Anschein, als wäre er wieder ganz oben, manchmal. Er schreibt schon lange an einem Oktett, es sprüht von Lebenskraft, gerät fast außer Rand und Band, wuchert über an Schönheit und Wohllaut, etwas eigenwillig und barock in der Form, so recht süddeutsch, so recht österreichisch, ein ganzer und echter Schubert. Mit dem größten Eifer schreibt er daran; langsam, langsam geht es vorwärts. Schwind kommt zu ihm, Franz schreibt und schreibt. Er sagt nur, ohne aufzublicken: »Grüß dich Gott! Wie geht's?«

»Gut!« -- Jetzt kann aber Schwind lange warten, bis der andere wieder einen Ton von sich gibt. Der schreibt und schreibt und läßt sich nicht beirren. Der liebe Besuch, so lieb er ihm auch ist, er kann getrost wieder gehen. Wenn Franz bei der Arbeit ist, gibt's keine Audienz.

Aber dann kommen Tage, wo er sich wieder von der stolzen Höhe seiner Kraft herabgeschleudert fühlt und wie zerschmettert am Boden liegt.

Vielleicht wenn er aufs Land ginge, die Natur hat verborgene Heilkräfte. Er fühlt etwas Sehnsucht nach Bergen, nach Waldluft. Er möchte sich verkriechen wie ein verwundetes Tier in Einsamkeit. »In Grün will ich mich kleiden ...«

Ein Glück, daß ihn Vogl mitnimmt nach Steyr.

Er fühlt das Leiden wie eine dunkle Nacht über sich, und er findet sich bald ein Gleichnis dazu, dem er aus tiefster Herzensnot eine Stimme geben kann. Ist es nicht, als ob ihm eine Krähe folgt, der sein Leib bereits verfallen ist? Wenn er flieht, dann zieht sie ihm nach.

»Eine Krähe war mit mir aus der Stadt gezogen, ist bis heute für und für um mein Haupt geflogen. Krähe, wunderliches Tier, willst mich nicht verlassen, meinst wohl, bald als Beute hier meinen Leib zu fassen? Nun, es wird nicht weit mehr gehn an dem Wanderstabe. Krähe, laß mich endlich sehn Treue bis zum Grabe!«

Er lebt in Steyr bei Vogl in tiefster Einsamkeit, fast verborgen, und kehrt nach einigen Wochen nach Wien zurück. Die Krähe, die ihm von der Stadt aufs Land gefolgt war, begleitete ihn vom Land in die Stadt.

Franz redet nicht gern über seinen Zustand; er schweigt und brütet vor sich hin, wenn er gefragt wird. Anders ist es, wenn er mit einem abwesenden Freunde brieflich eine Zwiesprache hält. Beim Schreiben drängen die zurückgestauten Gefühle mit Macht hervor, und so kommt der herzergreifende Brief zustande, den er an den Freund Kupel schreibt, der nach Rom gegangen ist, um die Sehnsucht seines Herzens an der Antike zu stillen. Als ob die Entfernung geeignet wäre, die Seelen einander näherzubringen, so schüttet Franz in dem Brief an Kupel sein Herz aus:

».... mit einem Wort, ich fühle mich als den unglücklichsten, elendesten Menschen auf der Welt. Denk' dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will und der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht, denk' dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zu nichts geworden sind, dem das Glück der Liebe und Freundschaft nichts bieten als höchstens Schmerz, dem Begeisterung für das Schöne zu schwinden droht, und frage dich, ob das nicht ein elender, unglücklicher Mensch ist? -- Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmermehr -- so kann ich wohl jetzt alle Tage singen, denn jede Nacht, wenn ich schlafen gehe, hoffe ich nicht mehr zu erwachen, und jeder Morgen kündet mir nur den gestrigen Gram. So freude- und freundelos verbringe ich meine Tage, wenn nicht manchmal Schwind mich besuchte und mir einen Strahl jener vergangenen süßen Tage zuwendete ....«

Sein Gemüt ist düster umwölkt -- er trinkt den Leidenskelch auf seinem Ölberg.

Was wird aus diesem Leben -- geht es wieder aufwärts, oder kommt es ganz auf den Hund?

VIII.

Johanna Lutz, die Feine, Liebliche, geht an dem Haus auf der Stubenbastei vorbei, wo jetzt Franz wohnt. Sie hat von Schwind gehört, daß er sich auf Anraten seines Arztes vierzehn Tage einschließen und fasten will. Im Vorbeigehen schaut sie hinauf und ist zu Tod erschrocken.

»Mein Gott, da sind ja alle Fenster offen! Da muß etwas geschehen sein! Das ist rein so, als ob jemand herausgestorben wäre!«

Sie weiß, daß Franz nie ein Fenster öffnet. Solange er zu Hause ist, bleibt alles bumfest zu, so luftscheu ist er.

Sie traut sich gar nicht zur Hausmeisterin hinein, um zu fragen, was denn geschehen ist.

»Dumm von mir!« schilt sie sich, als sie zu Hause ist. Es läßt ihr keine Ruhe. Eilends ein paar Zeilen an Schwind, er soll doch nachsehen, was los ist. Es käme ihr alles so sonderbar vor.

Am Nachmittag kommt Schwind zu ihr, bringt ihr einige neue Schubertsche Lieder und Deutsche und die Nachricht dazu: »Ja, ja, Franz ist ausgeflogen und wird sobald nicht wieder zu sehen sein. Darüber kann ein halbes Jahr vergehen. Tief im Ungarland sitzt er -- in Zelez!«

Die zarte Lutz atmet auf. »Gott sei Dank, mir ist ein Stein vom Herzen!« Sie hat soviel mütterliche Sorge um die Freunde Kupels, besonders um Franz, über den sie fleißig ihrem Verlobten nach Rom berichtet, der im Café Greco sitzt und mit den Gedanken in der Heimat weilt -- er will genau wissen, was vorgeht; Franz macht ihm Sorge.

Der Cherubim wettert und flucht über das saure Leben.

»Der Kupel ist fort, der Schober flaniert in Breslau herum, und nun hat auch Franz die Schnapsidee und ist zu den Schnauzbartlern gegangen .... Himmel! Teufel! Da sitzt man mutterseelenallein -- ohne Geld, ohne Freund. Uff! Rein zum Verrecken! Die andern Freunderln? Hol' sie der Kuckuck -- einer ist pflichtig, der andere zweifelhaft, der dritte fad und der ganze Haufen gar nichts! Franz, Franz, Schober, Kupel -- warum habt ihr mir das angetan? Wenn ich jetzt nicht Sie hätte, Johanna, und die Netty Hönig, ach, die liebe Netty, wissen Sie -- die Netty -- ach, ich kann Ihnen gar nicht sagen -- wenn ich nicht wüßte, daß die Netty -- -- Ich weiß oft gar nicht, bin ich es oder bin ich es nicht -- o Franz, Franz, Franz!«

Er ist ganz komisch in seiner Mischung von Ärger und Liebe, Verzweiflung und Seligkeit. Er greint und raunzt über Franz, aber er meint es nicht bös damit, er hat ihm selbst zugeredet, den Antrag des Grafen Esterhazy anzunehmen und wieder nach Zelez zu gehen.

Franz hätte es vielleicht nicht mehr getan. Der erste Aufenthalt war schon nicht sehr ersprießlich gewesen, es war damals eine kleine Zeit des Stillstandes für ihn. Zwar hat er ja manche liebe Erinnerungen mitgenommen und bewahrt -- zweimal dasselbe birgt die Gefahr der Ernüchterung. Aber die Zeiten waren jetzt anders, er mußte leben wie eine Pflanze, und der Stillstand war ihm ein Schutz. Er brauchte ein Asyl, regelmäßiges, einfaches Leben unter einem gemessenen sanften Zwang, vor allem keine Sorgen. Er fühlte sich innerlich als Menschenruine; das Lebenshaus war halb eingesunken, der Regen fiel ihm durchs Dach, die Türen und Fenster klapperten, die Dielen ächzten, der Tod ging um, und draußen, ja draußen flog die Krähe um und um.

Das Wankende mußte gestützt werden, Zeit und Ruhe waren nötig, die Schäden auszuflicken, dafür war Zelez der rechte Ort. Ein Asyl, ein Asyl!

Der Bruder Ferdinand, Schulleiter in der Rossau, hat in der schweren Zeit ein wachsames Auge auf Franz. Nun aber waren schon drei Wochen vergangen, die Brüder hatten sich nicht gesehen. Franz kam doch sonst alle Wochen einmal zu ihm hinaus, seit er nicht mehr im Schulhause wohnte; er brachte den Nachmittag und Abend bei Ferdinand zu, und nach dem gemeinsamen Essen ging er beizeiten heim, um noch vor Torschluß sein Quartier auf der Stubenbastei zu erreichen. Allerdings, Franz hatte eine Fastenkur vor, die vierzehn Tage dauern sollte; er wollte einsiedlerisch leben und so wenig als möglich vor die Türe gehen. Nun aber sind es drei Wochen her, das macht den Ferdinand unruhig. An einem schulfreien Tag macht er sich auf, selbst einmal nachzusehen, was denn auf der Stubenbastei los sei.

»Seit acht Tagen ist er fort, nach Ungarn -- wie heißt es denn gleich?« sagt die Hausmeisterin, die zugleich bei Franz Bedienerin ist. »Zelez -- ja, so hat's geheißen!«

»Daß er mir gar nichts geschrieben hat!« verwundert sich Ferdinand.

»Ja, es war halt ein bisserl geschwind!« erklärt die Hausmeisterin. »Am Tage vorher hat er mir noch gesagt, daß er nach Ungarn gehen soll, er hätte aber wenig Lust dazu; nun, und am anderen Tage war schon der Reisewagen des Herrn Grafen vorm Haus.«

Es ging dem Bruder Ferdinand so wie den andern Freunden; die Stadt war mit einemmal leer und stumm für sie, seit Franz dahin war.