Franz Schuberts Lebenslied

Part 16

Chapter 163,833 wordsPublic domain

Mit stiller Trauer bog Ferdinand in die Wollzeile ein, dann in die nahe Schulerstraße, die weniger lärmend war, und blieb vor dem Gasthof »König von Ungarn« stehen. Es war knapp vor Zwölf, also beschloß er, hier zu Mittag zu essen. Im Hof drin war es schön zu sitzen unter den Efeuwänden und den Oleanderbäumen. Er zerschnitt ein saftiges Stück Rindfleisch, tunkte es in Semmelkrenn, die Küche war gut, es waren nur wenige Gäste da, und in dem schönen Hofraum herrschte eine patrizierhafte Ruhe und Ordnung. Die Mittagsglocken von dem nahen St. Stephan tönten herüber in hallenden, zitternden Wellenkreisen, es war schön anzuhören, aber Ferdinand war in Gedanken bei seinem Rindfleisch und zugleich bei Franz, und die Stadt hatte schier keinen Klang mehr, weil dieser Genius fort war. Die Glocken schwiegen; in der momentanen Stille fiel es Ferdinand auf, daß feierlich geläutet worden war. Er sah auf, in dem dreieckigen Giebel des weißgetünchten Hofes war eine Uhr zu sehen, die eben jetzt die Mittagsstunde anschlug. Sie begann zu schlagen, und als die zwölf Schläge vorüber waren, spielte sie mit einer feinen, metallenen Stimme ein Musikstück. Einen Walzer.

»O Gott! Was ist denn das? Das ist ja -- ein Walzer von Franz? Ein Schubertscher Walzer!« Der Bissen blieb ihm im Munde stecken, dem Ferdinand -- unwillkürlich stürzten Tränen aus seinen Augen und fielen salzig auf den Teller vor ihm.

Es war ja gerade so, als ob Franz ihn riefe mit Geisterstimme, die dort oben in der Uhr aufklang!

Das Uhrwerk schwieg, Ferdinand saß noch eine Weile da, ganz ergriffen und wehmutsvoll, dann ging er eilends heim, er mußte schreiben, sofort nach Zelez schreiben, was ihm begegnet war.

Aber die Scheu, sein Innerstes vor dem Bruder zu zeigen, läßt es nicht zu, den Satz zu vollenden; er deutet mit halben Worten an, was er sagen will. Brüder sind oft so zueinander, bei aller Liebe und Freundschaft.

Franz hat in Zelez sein altes Zimmer bezogen; er sieht durch das grünumlaubte Fenster hinaus auf den Ententeich und auf die Straße jenseits der Linden, wo die Post vorüberfährt. Er hört das Horn in der Ferne erklingen -- »was hat es, daß es so hoch aufspringt, mein Herz?«

Alles scheint unverändert wie vor so vielen Jahren, dieselben Leute sind noch da, dieselben Gewohnheiten, dieselbe Tageseinteilung, nur statt Rosa, die nicht Nein sagen konnte, bedient ihn eine alte Magd, die mürrisch und halb taub ist. Um so besser -- so gibt es keinen Plausch, kein Augenverdrehen, nichts -- er ist nicht aufgelegt zu solchen Dingen. Der Kammerdiener behandelt ihn mit wohlwollender Herablassung als guten Bekannten, und im Inspektorflügel ist er ein gern gesehener Gast.

Im Herrenhaus ist regeres Leben als früher, in einem fort gibt's Besuch, Kavaliere und Damen, zu Pferd und zu Wagen, Ausflüge und Jagden werden veranstaltet, sonst aber geht die einfache Lebensweise fort. Die beiden Komtessen Marie und Karoline sind stattlich herangeblüht, aber sie sind noch immer so schlicht und herzgewinnend wie früher, besonders die Karoline. Freilich, mit dem kindischen Herumtollen, Arm in Arm mit Franz, mit dem großen Übermut und Glück der ersten Jugend ist es vorbei. Wenn sie es nicht selbst gesagt hätte, Franz wußte es gleich am ersten Tage durch den mitteilungsbedürftigen Kammerdiener, daß der schlanke, dunkeläugige Kavalier, Graf Folliot von Creeneville, Karolinens Verlobter ist, und daß der junge Graf Breuner, das blonde, schmächtige Gegenstück zu Folliot, für die dunkeläugige Komtesse Marie ausersehen ist, die sich zu einer recht kapriziösen Schönheit herausgemaust hat.

Franz ist ganz steif vor Verlegenheit und Verwirrung, als er sich der Komtesse Karoline wieder gegenübersieht, aber ihre anmutige Unbefangenheit hilft ihm, daß er sich nach und nach wieder erfängt. Im Herbst ist Hochzeit, und Karoline freut sich, daß Franz hier ist; er muß es ihr versprechen, bei der Tafel zu sein, sie möchte ihn in ihrer Nähe wissen.

Er zappelt von einem Bein aufs andere und stammelt so eine Art Glückwunsch daher. Natürlich fängt er es dabei wieder drollig ungeschickt an: »Jessas, Komtesse, wie mich das freut -- nun, ich gratuliere herzlich dazu; der Herr Graf, ein so feiner Kavalier -- aber daß ich bei der Tafel bin, das wird doch nicht recht gehen -- ich schau' ja gar nichts gleich!«

Neben dem eleganten Edelmann schaut er freilich gar nichts gleich, ein ziemlich ruppiges Singerlein, aber die Komtesse hat ein unbändiges Vergnügen an seiner drolligen Unbeholfenheit, und die frühere Herzlichkeit ist im Nu wieder hergestellt.

Daß ihn die Verlobung Karolinens gar so freut, das war doch ein bißchen dick aufgetragen; er hat einen verwunderten Blick Karolinens aufgefangen -- ob sie es wohl nicht übelnimmt? Es war das einzige Zeichen, daß die Liebesstunde nicht vergessen ist, ein kleines Geheimnis, von Vertrauen und Freundschaft behütet.

Mit den beiden jungen Edelleuten weiß sich Franz so gut wie nichts anzufangen. Die reden meistenteils von Jagen und Reiten und Pferden und Hunden; davon versteht er nichts; und von der Musik verstehen die anderen nichts.

Unter den Dauergästen befindet sich auch Karl von Schönstein, der einzige, der mit der Schubertschen Musik wirklich vertraut ist und bei der Schicksalsfügung, die Franz wieder nach Zelez gebracht hat, den Drahtzieher gespielt hat; er ist mit dem väterlichen Grafen Esterhazy intim befreundet, die beiden unterhalten sich gern auf eigene Faust; um was es dabei geht, hat Franz an dem zufällig aufgeschnappten Wort erkannt, als der eine von den beiden von seiner herzigen Rozier sprach, die Franz dem Namen nach kannte -- eine vom Ballett; die unter Geflüster und Gelächter geführte Unterhaltung war also nichts für fremde Ohren.

Zuweilen kamen Zigeuner und spielten unter der Linde; Franz saß in seinem Zimmer, rauchte sein Meerschaumpfeiflein, dachte vergangener Zeiten und vergaß in diesem wehmütigen Glück die Gegenwart. Oder er komponierte, er hatte Zeit und Ruhe; oft vergingen Tage, ohne daß man ihn begehrte, es sei denn, daß Schönstein singen wollte, oder die Komtesse Karoline eine vierhändige Übung versuchte, aber auch dies nur selten, oder daß er eine seiner Sachen vorspielte, für die indessen außer den beiden Komtessen und Schönstein kaum jemand im Herrenhaus ein besonderes Verständnis aufbrachte.

Verträumt, verraucht, vergeigt, so fließen die Tage gleichförmig hin, einer wie der andere.

Nur wenn die Post vorüberfährt, springt das Herz auf.

Der Vater hat geschrieben, er gibt ihm gute Lehren. Er ist ja Jugendlehrer, der immer gern moralisiert, aber aus dem Tadler ist ein Tröster geworden. »Wir dürfen, ja wir wollen sogar die unschuldigen Lebensfreuden froh und mit dankbarem Gemüte zu Gott mäßig genießen,« ermuntert er den Franz, »wir müssen aber auch in trüben Umständen den Mut nicht sinken lassen; denn auch Leiden sind eine Wohltat Gottes und führen den, der standhaft ausharrt, zum erhabensten Ziel. Wo ist auch ein großer Mann in der Geschichte zu finden, der nicht durch Leiden und standhaftes Ausharren den Triumph errungen hätte. Darum möchte ich auch jene, die ich vorzüglich liebe, zu solchen Gesinnungen stimmen!«

Daß er soviel Liebe in ein paar Briefseiten legen kann, mehr als man je im Leben aus seinem Munde erfahren hat, das hätte man doch nicht erwartet. Dem Franz gehen fast die Augen über vor Rührung.

Und nun gar der Bruder Ferdinand mit seinen Tränen, als er beim »König von Ungarn« Schuberts Walzer in der Uhr spielen hörte, und sich fast schämt, es hineinzuschreiben, daß ihm richtige Tränen entrollt waren beim Rindfleisch mit Semmelkrenn .....

»Warum getraust du dich nicht, mir das zu schreiben?« erwidert Franz in seinem Brief.

»Es werden die Tränen gewesen sein, die ich so oft geweint habe, und die in meinen Liedern und Walzern klingen, darum ist es so über dich gekommen, als du beim »König von Ungarn« die kleine lustige Sache von mir in der Uhr spielen hörtest .... oder kamen dir alle die Tränen, die du mich schon weinen sahst, ins Gedächtnis? ... Damit dich diese Zeilen nicht vielleicht verführen, zu glauben, ich sei nicht wohl oder nicht heiteren Gemüts, so beeile ich mich, dich des Gegenteils zu versichern. Freilich ist es nicht mehr jene glückliche Zeit, in der uns jeder Gegenstand mit einer jugendlichen Glorie umgeben scheint, sondern jenes fatale Erkennen einer miserablen Wirklichkeit, die ich mir durch meine Phantasie (Gott sei es gedankt!) soviel als möglich zu verschönern suche ..«

Er schreibt sich alles von der Seele herunter, in Briefen und in Musik, und wenn die miserable Wirklichkeit Macht gewinnt, zündet er sein Pfeiflein an und sieht in den blauen Wölkchen die Menschen und Dinge neuerdings von jugendlicher Glorie umgeben. Dann steht die Sehnsucht auf, er muß seiner Bedrängnis Luft machen, nochmals Papier und Feder her, niemals fühlt er die Freunde so nahe als jetzt, da er mit ihnen von Seele zu Seele redet.

»Wären wir nur beisammen, du, Schwind, Kupel und ich,« schreibt er dem Schober, »dann sollte mir jedes Mißgeschick nur leichte Ware sein, so aber sind wir getrennt, jeder in einem anderen Winkel, und das ist eigentlich mein Unglück. Ich möchte mit Goethe ausrufen: Wer bringt mir eine Stunde jener goldenen Zeit zurück! Jener Zeit, wo wir traulich beieinander saßen und jeder seine Kunstkinder den andern mit mütterlicher Scheu aufdeckte, das Urteil, welches Liebe und Wahrheit aussprechen würden, nicht ohne einige Sorgen erwartend; jener Zeit, wo einer den anderen begeisterte und so ein vereintes Bestreben nach dem Schönsten alle beseelte. Nun sitz' ich allein hier im tiefen Ungarland, in das ich mich leider zum zweiten Male locken ließ, ohne auch nur einen Menschen zu haben, mit dem ich ein gescheites Wort reden könnte ...«

Und dem lieben Schwind gelten folgende Worte: »... ich würde mich hier recht wohl befinden, hätte ich dich, Schober und Kupelwieser bei mir, so aber verspüre ich, trotz des bewußten anziehenden Sternes, manchmal eine verfluchte Sehnsucht nach Wien ....«

Vielleicht ist es ein Zeichen der wiederkehrenden Gesundheit, daß er sich heftig fort sehnt. Oder ist es der anziehende bewußte Stern, der still und klar über seinen Träumen steht und nun zitternd zu entschwinden droht?

Eine heftige Unruhe ergreift ihn -- die Hochzeitsvorbereitungen nehmen im Herrenhaus ein schnelles Tempo an.

»Ich alter Esel,« schlägt er sich vor die Stirn, »was kümmert's mich?«

Der Herbst ist schön wie damals, das stimmt traurig.

Morgen ist Polterabend, da muß Franz spielen, Schönstein singt und dann wird getanzt. Und übermorgen?

»Aber Sie versprechen mir, bei der Tafel zu sein?!« drängt Karoline.

»Ich möchte schon jetzt alles Glück und Wohlergehen fürs Leben wünschen, aber ich bitt' tausendmal um Verzeihung -- nicht wahr, bei der Tafel muß ich nicht sein?! Ich pass' ja gar nicht hin -- ich wüßt' nicht einmal, was ich reden sollt'! Die hohen Herrschaften -- ja wirklich, da bin ich immer ganz dumm im Kopf!«

Also nein, um keinen Preis wäre er dazu zu bringen.

Karoline gibt ihm die Hand. Er beugt sich nieder, die Hand zu küssen.

»Bleiben wir gute Kameraden!« sagt sie, und ihre Stimme zittert leicht; sie will noch etwas sagen, aber sie hält inne und drückt und schüttelt seine Hand wie ein richtiger lieber Kamerad, der von dannen geht. Franz rennt weg, um nicht aufzuheulen. Es waren die letzten Worte mit Komtesse Karoline. Ein Abschied für immer.

Am Hochzeitstag geht er nicht aus seiner Kammer. Während sie drüben tafeln im Herrenhaus, sitzt er hinten und hat seine eigene, schmerzlich-selige Feier für sich. Er zündet seine Pfeife an, der Opferrauch steigt, der anziehende bewußte Stern tritt aus dem bläulichen Gewölk hervor, die schlanke Komtesse Karoline, wie sie im herbstlichen Park vor so und so vielen Jahren ihre edel geformten Arme um seinen Hals geworfen hat .... er pafft und pafft, das zarte Bild entschwindet -- in den dicken Nebeln, die ihm Herz und Hirn umwallen, steht eine andere Erscheinung auf und erfüllt ihn mit brennender Sehnsucht: Melusine ....

Er wischt sich über die Wangen, sie sind trocken, und trocken ist sein Auge. In seiner Brust tönt ein weher Klang, er weiß es nicht, daß seine Tränen nach innen fallen. Aber drinnen sind sie, in seinen Liedern und Gesängen, und die Verse, die er sucht und vertont, die kommen ihm nicht von ungefähr zu; sie sind wie Spiegel, darinnen er seine eigenen Züge erblickt.

»Gefrorene Tropfen fallen von meinen Wangen ab; ob es mir denn entgangen, daß ich geweinet hab'? Ei, Tränen, meine Tränen, und seid ihr gar so lau, daß ihr erstarrt zu Eise wie kühler Morgentau, und dringt doch aus der Quelle der Brust so glühend heiß, als wolltet ihr zerschmelzen des ganzen Winters Eis ....«

Aber das Eis zerschmilzt nicht, es bleibt alles hübsch drinnen in der Brust und in den Gesängen, und nicht jeder spürt's, wie es Bruder Ferdinand einmal, nur einmal gespürt hat, als der Walzer aus der Uhr hervortanzte und plötzlich Tränen niederfielen.

G -- d -- g -- fis -- g -- a -- --

Das Lebenslied klingt so heiter, aber wißt ihr denn, was dahinter steht?

E -- fis -- g -- h -- ais -- --

In Graz liegt's versperrt in einer Schublade, unvollendet -- aber in Franz klingt es weiter, immer klingt es von neuem auf, immer wieder ein Anfang, ein heiter-tröstlicher Aufblick; immer wieder ein hervorquellender Schmerz, ein Zusammenbrechen .... Franz schaut so phlegmatisch drein wie ein wurstiger Gesell; ihm merkt man nichts an.

Schönstein ist wütend auf ihn bei der Heimreise.

»Dieser Schubert mit seinem Phlegma!« Hat er das Wagenfenster am Rückteil eingeschlagen, daß der kalte Ostwind hereinfährt und die herzige Rozier, die dem Schönstein entgegengereist war, beinahe einen Schnupfen gekriegt hätte!

Die Rückkehr nach Wien ist allemal ein Seelenfest für Franz und die Freunde. Johanna Lutz, die Mütterliche, hat ihre helle Freude an ihm, weil er so gut aussieht.

»Schubert scheint gesund und ist himmlisch leichtsinnig ....« schreibt sie ihrem Erwählten nach Rom.

»Daß Kupel noch immer nicht da ist!« klagt Franz. »Und Schober, der schönste Mann Wiens, der Abgott aller Weibsen! Was tut der in Breslau so lange?«

»Den Kasperl spielt er, es ist seine Glanzrolle!« gibt Schwind trocken zurück. »Ist das nicht ein tiefer Fall von der Höhe seiner Pläne und Erwartungen?«

»Er hält die Welt zum besten, die einzig mögliche Art, mit ihr zu verkehren ....« Das ist die Meinung Schuberts.

Sie lassen den lieben fernen Freund hoch leben. Die Gläser klingen zusammen, man ist wie ausgehungert auf heitere Geselligkeit, wenn man nach Wien zurückkommt und hat soviel einzuholen. In Zelez hat man sich kasteit, jetzt darf man das Rädchen wieder ein bißchen laufen lassen. Wein, Punsch, Kaffee, Tabak, die unsterblichen Güter der Heimat -- die sind doch für die Seele da und nicht für den Leib, und Franz ist immer mehr für die Seele gewesen. Also lebt man wieder himmlisch leichtsinnig. Oder tut wenigstens so. Dieser Franz mit seinem Phlegma, wer kennt sich denn aus bei ihm?

»Wo nur der Mayrhofer steckt?« Beim Wein, der die Zungen und Herzen löst, kommt es zur Sprache.

»Die Freundschaft mit ihm ist Absterbens, Amen!« erklärt Franz auf die Frage Schwinds.

»Eifern tut er, euretwegen. Er glaubt, es wird ihm was genommen, weil wir, du, Schober, ich und Spaun so gut harmonieren. Er will der einzige und ausschließliche Freund sein, die anderen will er kaltgestellt wissen. Und weil ich dafür nicht zu haben bin, ist er unverträglich geworden. Schad' um ihn, er war mir ein lieber Freund ....«

Hin ist hin. So mancher, der im Laufe der Jahre nicht mithalten konnte, ist abgefallen, sang- und klanglos wie der Holzapfl, aber keiner so beklagt wie der gemütstiefe Mayrhofer, der sich grollend in die Einsamkeit zurückzieht. Sein Verstummen schmerzt Franz, vielleicht bedarf es nur des erlösenden Wortes, um ein neues, besseres Verstehen anzubahnen. Aber jeder schweigt. Es ist auch manchmal so unter denen, die sich lieben und verstehen sollten.

Ein anderer ist dafür gewonnen, der die Freundschaft mit Schubert ernst und heiß nimmt. Der junge Eduard von Bauernfeld. Er ist Dichter und nebenher Beamter, ein Sprudelkopf, der tausend Ideen hat, unzufrieden ist, über die Politik schimpft, und bei all diesen Vorzügen nur einen kleinen Mangel hat, nämlich kein Geld. Er besitzt also alle Eigenschaften, die notwendig sind, um in den Freundeskreis eintreten zu können. Vor allem ist er ein »Kanevas«. Jahrelang ist er auf Schuberts Spuren, endlich gelingt es ihm, die nähere Bekanntschaft zu machen. Schwind ist der Vermittler.

Franz wohnt jetzt in Schwindien, er hat ein hübsches Zimmer gleich im Haus nebenan, wo das Wirtshaus ist. Sie stecken ja sowieso immer beisammen, er und der Cherubim, der einzige Vertraute, den er jetzt in Wien hat; also ergibt sich das von selbst, daß sie so nahe beieinander wohnen.

Abends rückt ihm Schwind mit Bauernfeld auf die Bude. Der neue Bundesgenosse hat einige wenige Sachen mitgebracht, Tagebücher, Entwürfe, Dichtungen. Es wird vorgelesen. Zuerst Stellen aus dem Tagebuch. Bauernfeld hat seit Jahren alle seine Eindrücke aufgezeichnet. Die stärksten heißen Schubert. Franz kann es jetzt hören, was Bauernfeld schon vor Jahren schrieb, »Kärntnertortheater, Goethes ›Laune des Verliebten‹ machte kein Glück, das Beste ein Quartett von Schubert. Ein herrlicher Mensch! Den muß ich kennen lernen.«

So lange hat es gebraucht, bis sich die Wohlgesinnten wirklich finden. Jetzt aber muß der Bund besiegelt werden, man will Bruderschaft trinken. Dazu gehört natürlich edles Getränk. Franz kehrt die Taschen um und um, kein luckerter Zweier fällt heraus, Schwind unterzieht seine Taschen ebenfalls einer vergeblichen Brandschatzung, das gleiche tut Bauernfeld, sie bringen beim besten Willen das Nötige nicht zusammen. Schuldig bleiben!

»Leicht gesagt, mein Lieber, aber der Wirt hat schon die Kreide verschrieben!«

»Verdient es denn diese infame Welt, so ausgezeichnete Kerle zu besitzen, wie wir drei sind?« haut Bauernfeld auf.

»Gemach, lieber Freund!« gebietet Franz und öffnet ein Fach im Schrank. Hier liegen noch ein paar Stückel Zucker vom Frühstückskaffee. Am Tisch steht eine Flasche Wasser, davon schenkt er drei Gläser voll.

»Warum soll die Freundschaft nicht das Wunder vollbringen und Wasser in Wein verwandeln?« Dann tut er in jedes Glas ein Stück Zucker, jeder rührt mit einem Löffel um und um und dann stoßen sie mit den Gläsern an und trinken Bruderschaft mit Zuckerwasser. Das Feuer der Begeisterung bringen sie aus Eigenem auf, das Zuckerwasser in Schwindien schmeckt besser als der Tokaier in Zelez.

»Laßt Rauch aufsteigen! Die Freundschaft verlangt ein Brandopfer!« gebietet der Cherubim mit priesterlicher Würde und schmeißt seinen Tabaksbeutel hin: »Hier ist der Goldstaub.« Neue Verlegenheit. Eine dritte Pfeife fehlt.

»Was liegt denn dort?« Der spähende Schwind hat ein passendes Ding entdeckt.

»Du, sei so gut -- mein Augengläserfutteral!«

»Das hat uns ein Gott gesandt!« erwidert Schwind und hat im Handumdrehen eine Pfeife daraus fabriziert. Franz muß es geschehen lassen. Der Rauch steigt auf, ein wenig brenzlig zwar, aber der Himmel ist dem Opfer gnädig, es ist keinem schlecht geworden dabei. Bei Zuckerwasser und Tabaksqualm wird gelesen bis in die Nacht. Ein Drama ist es, das Bauernfeld zu Gehör bringt.

»Du wärst mir der Rechte für eine neue Oper!« erklärt Franz. Der Löwe hat wieder Blut geleckt. Er denkt an die »bezauberte Rose«. Bauernfeld soll ihm das Gedicht dramatisieren. Aber dem geht ein »Graf von Gleichen« durch den Kopf -- Janitscharen und Rittertum, romantische Minne und Gattenliebe, ein türkisch christliches Brouillon.

»Uj jegerl,« schreit Schwind auf, »wenn's nur nicht ein zweiter Fall ›Alfonso und Estrella‹ wird!«

»Laß gut sein!« wehrt Schubert den besorgten Schwind ab. Und nun geht's an ein Entwerfen und Planen die ganze Nacht lang. Und als die liebe Sonne am anderen Morgen warm ins Zimmer scheint, findet sie die drei Kunstzigeuner im tiefen Schlaf, der eine im Bett, der andere auf dem Kanapee, der dritte auf ein paar zusammengeschobenen Stühlen -- der Traum von Kunst, Ruhm und Liebe geht weiter.

So läßt sich alles gut an bei seiner Rückkehr. Kann man denn irgendwo glücklicher sein als hier zu Haus? Wenn Franz, als er in Zelez war, an Wien dachte, ging es glühendheiß in seinem Herzen auf. Die Stadt verdichtete sich zu einem Frauenbild, und das Frauenbild, darin er Wien sah, hatte die Züge der Melusine, ihre Augen, ihr Lächeln .... O Liebe, Liebe! War es die Sehnsucht nach Wien, oder war es die Sehnsucht nach Melusine, die ihn trieb? Es war beides in einem. Und er war so kühn in der Ferne, wenn er an die Geliebte dachte, und war so zaghaft, wenn er sie sah, die Liebliche, Hohe, Feine ....

Die Zeit verschärfte seine Sehnsucht, es ist schon so lange her, daß er Melusine nicht mehr gesehen, er hatte sich geschämt, weil er durch die Krankheit so heruntergekommen ausgesehen hatte -- aber jetzt war er, Gott sei es gedankt, so leidlich wieder in Ordnung, er brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Nur schade, schade, daß es gerade bei den Hönigs war, wo man Therese begegnen konnte. Sie verkehrte jetzt viel in diesem Haus.

»Ich kann mir nicht helfen, aber der junge Hönig gehört zu den wenigen Menschen, gegen die ich von vornherein eine instinktive Abneigung habe; er hat mir nichts getan, im Gegenteil, er behandelt mich so vorsichtig und apart, wie ein dreckiges Hölzl, immer nur mit Handschuhen, aber es ist etwas an ihm, das mir gegen den Strich geht, ohne daß ich recht weiß was!« erklärt sich Franz dem Schwind, als sie unterwegs sind zu den Hönigs.

»Hm -- und die Netty?« wirft Schwind lauernd ein.

»Ach, die ist ja ein ganz lieber Kerl!« meint Franz so oben hin.

Schwind leuchtet auf. »Nicht wahr? Ach, die, sie ist ein herziger Schatz! Die und keine andere! Du mußt wissen: treu wie Gold!«

Franz pfeift leise vor sich hin, ein Lied, das er irgendwo gesungen; er weiß gar nicht mehr, daß es von ihm selber ist. Wo war es nur, daß es ihm zuerst in den Sinn kam? War es nicht in Atzenbrugg? »Er hätt' es eher bemerken sollen, des Hauses aufgestecktes Schild, so hätt' er nimmer suchen wollen im Haus ein treues Frauenbild ...«

»Ja, ja, in Atzenbrugg!« Schwind bestätigt es. Dort war es zum erstenmal gesungen worden.

Mit leisem Bangen treten sie bei den Hönigs ein. Man hat immer ein leises Bangen, wenn man in der Liebsten Haus eintritt. Aber es ist noch etwas anderes dabei. Eine brennende Unruhe, ein böser Argwohn. Die Netty ist ein lieber Kerl, das ist wahr, aber sie ist zu sehr verzuckert, es ist nicht alles echt -- und treu wie Gold, das ist schon ganz und gar ein Unsinn, denn weniger treu als Gold kann auf Erden kaum etwas sein.

Sie ist so zuckersüß, die Netty, aber in ihrem Gesicht sitzen lauter Spotteufeln drin.

Franz sieht sich rasch um, Therese ist nicht da. Seine Unruhe steigert sich, er kann sich schließlich nicht enthalten zu fragen.

»Ja,« lautet etwas gedehnt die Antwort aus Nettys Mund, »wahrscheinlich hat sie keine Zeit -- vielleicht auch keine Lust.«

Das hat es neulich auch schon geheißen und jedesmal, wenn Franz gekommen ist. Er bemerkt, wie Netty mit dem Bruder einen raschen Blick wechselt und beide eine höhnische Miene aufsetzen. Franz wird stumm, sein Gemüt verdüstert sich. Die Lustigkeit um ihn herum wird lauter, er versinkt immer tiefer in Trauer. In Gedanken ist er weit, weit weg, er hört die Wetterfahne auf dem Dach, der rostige Stab dreht sich um und um und quietscht auf in der eigenen Brust, als ob er tief drin im Herzen steckte. Der Schicksalswind hat wieder umgeschlagen und spielt drinnen mit dem Herzen wie auf dem Dach, nur nicht so laut.

»Was fragen sie nach meinen Schmerzen ....«

Unbändiges Gelächter ist um ihn herum. Cherubim wird hereingeführt in Weiberkleidern, die er auf Nettys Geheiß anziehen mußte.

»Hier ist Kolombine,« sagte sie zu Franz, »ich gratuliere Ihnen zu dieser lieblichen Braut. Jetzt müssen Sie aber fein artig sein und brav den Wurstel weiter spielen.«

»Wurstel? Bin ich ein Wurstel?!«