Part 17
Er sagt es mit einer solchen tragischen Bitterkeit, daß das Gelächter mit vermehrter Heftigkeit hervorbricht. Schwind, von Netty am Narrenseil geführt, spielt die Rolle weiter. Mit verstellter Stimme beteuert er als Kolombine seine Liebe zu dem Wurstel und will ihm um den Hals fallen. Er merkt es nicht, daß dem Franz der ungehörige Spaß über die Hutschnur geht.
Die Komödie ist voll böser Anspielungen, Franz spürt es und steht bleich und ernst unter den Lachenden da. Mit einem Ruck schleudert er den nichts ahnenden Cherubim von sich, rafft seine Noten zusammen und geht schweigend aus dem Zimmer.
Das Gelächter erstarrt, alle sehen sich verlegen an.
»Es war doch nur ein ganz unschuldiger Scherz ...« beteuert Netty etwas beschämt.
»Natürlich, nur ein unschuldiger Scherz!« bestätigt Schwind und eilt dem Freunde nach. »Franz, ein unschuldiger Scherz -- geh', komm', sei nicht kindisch ...«
Franz stürmt hinaus und fort.
Unverrichteter Sache kehrt Schwind in das Gesellschaftszimmer zurück, er hat noch immer die Weiberkleider an. Jetzt ist aber allen das Lachen vergangen. Die Netty hat ein böses Gewissen: »Versteht er denn so wenig Spaß?« Schwind zuckt die Achseln: »Man kennt sich nicht aus mit ihm!«
Zum ersten Male, daß eine Verstimmung zwischen den engsten Freunden eingetreten ist. Mit den Hönigs ist er jetzt fertig, Franz. Schwind, der Netty verteidigt, mag jetzt sagen, was er will. Franz ist kein Freund von derben Späßen; sein zur Schau getragenes Phlegma täuscht viele Menschen. Sie halten ihn für einen Dickhäuter. Aber dabei hat sich Netty verrechnet. War nicht die äußerlich zur Schau getragene Rauheit und Wurstigkeit ein bloßer Schutzmantel für die allzu empfindliche Seele? Das Heiligste seines Herzens verträgt keinen Hohn, nicht einmal leisen Spott, wenn er auch sonst für Humor und gute Laune Sinn hat. Hier ist eine Grenze gezogen, er duldet nicht, daß sie jemand verletze. Das demütige Meisterlein kann Unglück und Verkennung duldend hinnehmen, er bleibt gleichmütig gegen die Schläge des Schicksals, sie nennen ihn darum einen Phlegmatiker; aber wehe, wer vermessen genug ist, die Seele herunterzuziehen! Ein gerechter edler Stolz flammt empört auf -- man ahnt nicht, welche Hoheitsgefühle in dem bescheidenen Mann wohnen; bei aller Demut, er weiß, wer er ist.
Schwind, der so tief in die Brust des Freundes blickt, hätte es wissen müssen -- er weiß es wohl und leidet an dem Unrecht, zugleich ist aber auch der Trotz über ihn gekommen, die Liebe hat ihn geschlagen, und er vergißt darüber fast den Freund. Jetzt ist das Schmollen an den beiden -- die Verstimmung ist da, sie dauert fort, weil sich jeder scheut, das Vorgefallene noch einmal zu berühren und reinen Tisch zu machen.
Franz ist entschlossen, sein Dasein auf eine gesicherte Basis zu bringen -- er will sein Recht auf Glück in diesem Leben geltend machen. Er geht direkt aufs Ziel los.
Salieri ist in Pension gegangen. Es werden zwei Stellen frei, die eines Vize-Hofkapellmeisters und die eines Opernkapellmeisters. Franz bewirbt sich um die eine wie um die andere. Jetzt können ihm die Zeugnisse und Anerkennungen von Graf Dietrichstein und anderer Machthaber den rechten Dienst erweisen. Er richtet sein Gesuch direkt an den Kaiser. Was aber die stärkste Wirkung tun wird, ist der ausdrückliche Nachweis, daß er bei Hofkapellmeister Antonio Salieri das Komponieren gelernt hat.
Das Gefühl der Beschämung beschleicht ihn einen Augenblick lang, daß er, dessen geniale Meisterschaft in der Welt feststeht, sich auf läppische Schulzeugnisse berufen muß. Aber die Formalität verlangt es. Hat er es denn wirklich von Salieri gelernt? Er hätte besser sagen müssen, daß er es vom lieben Gott gelernt hat! Das müßte man wissen! Wie aber, wenn die Welt der Formalitäten auf Antonio Salieri ein größeres Gewicht legt als auf den lieben Gott selber? Dann konnte von Salieris Gnaden jeder Erstbeste, der kräftigere Protektion besaß, den Vorrang gewinnen ....
Nun aber, man muß nicht gleich das Schlimmste denken, vom inneren Beruf aus war Franz der Erste, daran konnte niemand mehr zweifeln, also hatte man eine schöne und berechtigte Hoffnung. Als wohlbestallter Hofkapellmeister brauchte man sich nicht mehr zu scheuen -- und das Glück, das einst auf dem Kalbelwagen märchenhaft in seine Gasse gefahren kam, konnte man dann ohne Umstände ergreifen und festhalten. Melusine hieß das Glück, und der Kalbelwagen konnte dann ein richtiger Brautwagen sein, in dem sie beide zur Kirche fuhren.
G -- d -- g -- fis -- g -- a -- --
Wie in ganz frühen Tagen jubelt aufs neue eine ganz helle Hoffnungsfreude auf.
Es muß was geschehen, auch Schober schreibt es, er meint, der Enthusiasmus für Franz müßte aufs neue im Publikum belebt werden, und es wäre gut, wenn es bald geschähe.
Franz arbeitet ja mit Bienenfleiß. Ein quellender Reichtum von Melodien entsteigt blühend seiner Brust. Aber es ist schwer, die Begeisterung der Menge auf ihrer ursprünglichen Höhe fortzuerhalten. Es bedürfte wieder einer ganz großen Tat -- Schober hat vielleicht recht, wenn er andeuten will, daß seit Jahren ein Stillstand eingetreten ist, wenn auch nur scheinbar. Es bedürfte einer ganz großen Tat -- einer gelungenen Oper etwa, Bauernfeld ist jetzt seine Hoffnung -- oder vielleicht eines großen Konzerts mit einer neuen Instrumentalsache, einer Sinfonie -- er trägt sich mit dem Gedanken daran -- ein großes Konzert, wie es Beethoven veranstaltet -- vielleicht über ein Jahr, dann wird Franz hervortreten, bedeutender, stärker als je. Der Lebensplan ist fertig, mit neuer, entschlossener Kraft schreitet Franz dem Gipfel zu.
Zunächst also diese Sinfonie -- Landeinsamkeit will er dazu, grüne Berge, einen Ort, wo man Gutes genossen und einiges Glück erfahren hat.
Im Mai ist Vogl wieder auf sein Steyrer Landgut gegangen, er denkt an Kunstreisen in Oberösterreich und Salzburg und kann Franz dabei nicht entbehren. Dem sind seit seinem Zwist mit Schwind die Wiener Tage leer und unersprießlich geworden, ein paar Tage will er in Linz bleiben, ehe er nach Steyr geht, den lieben Spaun will er ans Herz drücken, einem Freund muß er sich erschließen können, jetzt, wo er in Wien keine Seelenzuflucht hat -- kurz, eines schönen Morgens ist er zum Schrecken Schwinds dahin und sitzt alsbald in Linz, wo er sich vor ärgerlicher Verzweiflung die Haare rauft, denn Spaun ist über alle Berge, ein paar Tage vorher ist er von Amts wegen nach Lemberg abgereist und wird vor Jahr und Tag kaum an die Wiederkehr denken können.
»Aufhängen könnt' ich mich vor Kummer und Verzweiflung,« schreibt er im drolligen Ärger dem Freund nach Lemberg. »Da sitze ich jetzt in Linz, schwitze mich halbtot in der schändlichen Hitze, habe ein Heft neuer Lieder, und der Freund ist nicht da! Ein Glück, daß der Jägermayer ein gutes Bier hat und daß auf dem Pöstlingberg ein anständiger Wein zu haben ist, das gibt neuen Lebensmut ...« Ottenwalt, der Schwager Spauns, ist entzückt von dem Gast, der ganze Linzer-Kreis schwelgt in Begeisterung, kein Wölkchen trübt die blauselige Heiterkeit der Linzer Tage. Dazu noch ein lieber, offenherziger Brief von Schwind -- das hat gerade noch gefehlt, um das innere Gleichgewicht so halbwegs wiederherzustellen.
Er hat es nicht ausgehalten, der Cherubim; das ganze Ärgernis ist ihm nahe gegangen. Man kann doch eines kleinen Mißverständnisses wegen eine Freundschaft nicht preisgeben, die mit dem ganzen bisherigen Leben verknüpft ist. Oder es geht doch gleichzeitig mit ein Stück Seele darauf. Und das ist schon der halbe Tod. Also frisch von der Leber weg geredet -- diese verteufelten boshaften Späße, die er nicht habe unterdrücken können, so sehr sie ihm selber wehe tun. »Da kommen die anderen und spotten und lauern in Verbindung mit Gedanken herum ... und wir lassen sie anfangs gewähren, dann tun wir selber mit .... nun ja, der Mensch ist schon einmal so unüberlegt .... und so verliert sich Unersetzliches um den Spottpreis ....«
Er kann die qualvollen Gedanken nicht los werden, er muß durch ein offenes Bekenntnis seine Seele befreien. Er ist doch gewohnt, solange er Franz und Schober kennt, sich in allen Dingen verstanden und geliebt zu sehen. So möge das Böse aus der Welt geschafft sein, indem man sich ordentlich ausredet. Franz möge ihm hierüber antworten so grob und so aufrichtig, als er es nur vermag, aber nur nicht dieses Schweigen, das ihm ans Herz greift. Dann habe er noch von Netty zu sagen, daß sie es wirklich nicht so arg gemeint habe. Sie bereue schon aufs heftigste ihre unüberlegte Stichelei, sie sei ganz unglücklich darüber, daß Franz schlecht über sie denke, sie ist wirklich nicht so, wie sie scheint.
Es hätte nicht halb so vieler Worte bedurft, um Franz wieder zu versöhnen, der ja nur darauf wartet, daß der andere ein gutes Wort gibt. Er ist ja auch gar nicht bös, und was die Netty betrifft -- ach, diese unvermeidliche Netty! -- so soll sie sich nur keinen Kummer machen, er denkt ja gar nicht mehr daran, es sei ja ohnedies alles in schönster Ordnung. Schwind zu verlieren, das ist ihm ganz undenkbar. Sie gehören nun einmal zusammen für dieses Dasein, und keine Netty der Welt sei imstande, das Freundschaftsband, das stärker ist als das dickste Tau, zu durchschneiden. Nun wäre auch das wieder ins richtige Geleise gebracht -- o Gott, ginge es doch so auch mit anderen Dingen, die man ungeklärt durchs Leben schleppt und die das Herz so schwer machen, daß man ins Gras hinuntersinken möchte und vermeint, nicht mehr aufstehen zu können. Jetzt heißt es wieder: »Grabt mir ein Grab im Wasen, deckt mich mit grünem Rasen, kein Kreuzlein schwarz, kein Blümlein bunt ...« Aber um wieviel schmerzlicher klingt das Lied heute als in den Herzenständeleien vor so und so vielen Jahren.
Die schönen Linzer Tage gehen vorüber wie im Traum, in Steyr wendet sich bereits das Schicksalsblatt.
»Werde ich hier noch einmal so glücklich sein wie einst?«
Er weiß nicht wie, eine geheime Anhänglichkeit an Josephine lockt ihn dabei. Sie ist ja in manchem geziert und unnatürlich, aber sie hat ein gutes Herz, dafür ist er dankbar wie ein Kind. Er ist zum Manne gereift, aber eigentlich ist er im Herzen ein Kind geblieben wie damals, da er noch als Sängerknabe neben den pausbäckigen Engelsköpfen auf der Empore saß.
Unterwegs nach Steyr ist er im Stift St. Florian zu Gast und sitzt in dem gewaltigen Gotteshaus an der Orgel, die ein Wunder an Größe und Klangfülle ist. Himmlische Musik entströmt seinen Händen. Selige Erinnerungen quellen auf aus der Sängerknabenzeit, eine echt Schubertsche Liedweise fließt ein, dann drohende Tremoli und der eigensinnige Aufschrei aus einer geängstigten Seele, der das Menschenherz erschüttern muß.
»Wo er es nur hernimmt, der kleine, unscheinbare Meister?« denken auch die geistlichen Herren im Stift, dasselbe, was alle schon gedacht haben. »Der liebe Gott hat's ihn gelehrt!« es gibt kein schöneres Wort. Aber auch kein tieferes. Für die Welt ist er ein Gebender -- in der Stunde der Schöpfung ist er ein Empfangender, ein von Gott Empfangender. Ein Kind ist er geblieben mit seinem naiven Wunderglauben, aber auch mit seinen Fieberträumen, ein Kind in der Hand Gottes. Gerade dieses Kindsein befähigt ihn zum Aussprechen dieses Tiefsten, er stammelt es wie ein Gebet. Es ist nicht mit dem Verstand gemacht, es ist mit dem Herzen gemacht, und darum ist soviel Herzblut darin und soviel aufseufzende kindliche Glückseligkeit, und zugleich sind so viele Tränen darin, die nach innen geweinten ....
Vogl sagt immer, daß er nicht mit Bewußtsein schaffe, und daß ihm das Geschaffene oft selbst nicht verständlich sei. Aber die in Linz, Ottenwalt und der ganze Kreis um ihn, waren bezaubert von der Tiefe und Klarheit seines Erkennens. Franz saß unter ihnen wie Jesus im Tempel. So heiter und jugendlich sorglos war es nicht mehr wie vor Jahren beim Katzengeschrei, aber es war doch auch ein inniges Fest der Seelen. Ottenwalt wußte so schön zuzuhören und mußte immer mehr erstaunen über diesen Geist, dem das Tiefste einfach war wie jede echte Wahrheit. Er verstand Franz besser: »Wie kann man sagen, daß ihm die eigene Kunst kaum offenbar und verständlich sei? Der Schlichtheit und Kindlichkeit seines Gemüts ist mehr offenbar, als wir uns alle in unserer Schulweisheit träumen lassen. Die Kindlichkeit ist ein Beweis seines Genies ....«
Der Ottenwalt verstand es eigentlich besser als Vogl. In Linz hatten sie begriffen, was Franz war. Sie erlebten ihn wie ein Stück Natur, wie einen Baum, einen Berg, den Wind. So erlebte ihn auch Schwind, der ähnlich war, so erlebten ihn Spaun, Schober und Bauernfeld. Darum liebten sie ihn alle so sehr.
Franz an der Orgel in St. Florian phantasierte und dachte an die Linzer Freunde und dachte voraus an das kleine Glück in Steyr, und die Orgel jubelte und sang dazu. Ein vergangenes Glück noch einmal erleben zu dürfen, welche Gnade! Seine Seele war geöffnet dem Unendlichen, sie empfing von Gott und wußte um neue Schätze, die sie zu geben hatte. Sie war zur Fruchtbarkeit gestimmt und kannte nichts Seligeres, als mit all ihrem Reichtum zu verströmen.
Die Sehnsucht trieb ihn weiter, altem Glück entgegen. Er dachte innig an Josephine, das Weibliche zog ihn an, denn es war auch das Mütterliche. Er war wieder ganz Kind und seine Seele suchte Zuflucht bei der Freundin.
Vor zwei Jahren, als er sich in Not und Krankheit im Hause Vogls verbarg, da war sie freilich etwas sonderbar gewesen, die gute Freundin.
»Sie müssen wissen, daß ich ein Tagebuch führe,« hatte sie ihm gesagt, »man erlebt soviel, auch Sie kommen darin vor ...«
»Schneegans!« hatte er damals gedacht und war ärgerlich über dieses Blaustrumpfgetue. Diese Sentimentalität war ihm zuwider, er machte sich lustig über sie und hatte sie ziemlich schlecht behandelt.
»Es ist nicht mehr dasselbe wie früher,« sagte sie beim Abschied, »etwas ist am Tod da drinnen.« Und dann zog sie das Tagebuch hervor und fügte hinzu: »Meine Liebe ist in diesem Buche begraben.«
»Wird nicht schad' drum gewesen sein ...« dachte er und drehte sich um.
Aber alle diese herzlosen Narreteien waren vergessen, er war von Zärtlichkeit erfüllt, je näher er der Stadt kam.
»Könnte ich wieder so glücklich sein wie damals ... Es wird nicht so ernst gewesen sein mit dem Absterbens-Amen der Liebe, sie kann eben nicht leben ohne Marotte, aber im Grunde ist sie doch eine treue Seele ....« Und er nahm sich vor, recht gut zu sein, er war jetzt dankbar für das bißchen Herz.
Man soll dasselbe nicht zweimal erleben, er hat die Enttäuschung schon in Zelez erfahren und muß nun neuerdings daran glauben.
Wo war die Josephine geblieben mit ihrer Verliebtheit, ihrer Sucht nach den kleinen Abenteuern des Herzens, mit dem Kult, den sie um das Meisterlein trieb?
Sie hatte den Krämer gegenüber geheiratet, sie war steif und dumm geworden, keine Spur von der früheren Originalität, es war wirklich etwas tot in ihrem Herzen ..
»Mein Mann ist Kaufmann, Kaffee en gros ...« Sie legte Wert auf den Zusatz »Kaffee en gros«. Und wiederholte bei jeder Gelegenheit: »Kaufmann, aber ich bitte, Kaffee en gros ....«
Franz lächelte über diese provinzlerische Großmannssucht: »Kaffee en gros ...« Es war doch wirklich zu dumm. »Kaffee en gros --« Schade um sie, oder wenigstens um die hübsche Erinnerung. Aber dieses »Kaffee en gros« zog alles ins Lächerliche.
Und Vogl? Ei, der war auch nicht mehr derselbe. Auch er ging auf Freiersfüßen, der Weltweise, den Alter nicht vor Torheit schützte, und gedachte seine achtzehnjährige Schülerin zu heiraten. So suchte jeder ein Stück realen Glückes zu verwirklichen, und er, der Begnadete, mußte still und arm vorübergehen.
E -- fis -- g -- h -- ais -- --
Dieser eigensinnige Aufschrei der gequälten Seele.
Das Glück hängt nicht am Ort, wo wir es zu finden wähnen, dachte er, wir können es nicht suchen außerhalb uns; in der eigenen Seele muß es zu finden sein, es existiert nirgends sonst auf Erden.
Und er war fest entschlossen, es aus eigener Kraft zu schöpfen.
Noch einmal zog Vogl aus mit ihm zu Kampf und Sieg. Sich selbst zur Verherrlichung, Franz war nur der Schleppträger seines Ruhms. In Gmunden lebten sie, Franz wohnte beim Kaufmann Traweger, der ein schönes Klavier besaß und ein stiller Verehrer seiner Kunst war. Was in einer seligen Stunde auf der Orgel zu St. Florian erklungen, als er in weltentrückten Träumereien auf der Empore gesessen war, das brach mit neuer, wunderbarer Kraft hervor, indessen der musikfreundliche Herr Traweger aufhorchend auf dem Kanapee saß, andächtig wie in der Kirche, und nicht genug staunen konnte über den wundersamen Gast. Und auch er mochte denken:
»Wo er es denn her hat?«
Der am Klavier stammelte, jauchzte und weinte wie ein Kind. Gott hat es so gewollt. Er hat's ihn gelehrt. Nicht er sang, es sang in ihm, alle Menschenlust und Erdenpein, das Herzblut strömte darin. Stückweise entquoll die sinfonische Dichtung der kindlichen Seele und der meisterlichen Hand.
So war es in Salzburg, und in den Pausen, wo die Unlust und Erdenschwere über ihn kam, schrieb er Reisebeschreibungen für seinen Bruder, ein äußerliches Bild der gesehenen Dinge, uff! daß ihm die Schwarten krachten.
Und dann, Gastein, wo er Gast des Bischofs Pyrker war, seines Gönners, der ihm für die Wandererphantasie einmal eine schöne Handvoll Dukaten zufließen hat lassen. Das war ein bischöflicher Segen, der dem Leib und der Seele wohlgetan hat.
Hier sprang der heiße Quell aus dem Erdinnern, dicht neben dem Eishauch der Gletscher.
Und der Quell, der so heiß im Innern glüht, und der kalte Hauch, der von draußen her weht, die feindlichen Gegensätze des Lebens, sie waren mit drinnen in dem, was er sang und dichtete. Und die Berge waren drinnen, die steingrauen Städte, und was er dort erlebte, das verwehte Glück, die Liebe, der Schmerz.
Gasteiner Sinfonie, so nannte er die Bruchstücke, sie sollten eine Stufe sein zu dem Lebensbau.
Das große Konzert, vielleicht auch die Oper, die ihm Bauernfeld versprochen, das wohlbestallte Amt eines Vize-Kapellmeisters, das wären Dinge! Das Kind erwachte in der Seele und baute ein luftiges Kartenhaus. In Träumen wohnt alles so schön beisammen. Aber es sind doch alles Dinge, die möglich sind, nicht nur möglich, sondern höchst wahrscheinlich. Er ist jetzt entschlossen, das Glück mit fester Hand zu ergreifen. Er braucht es nur bei sich zu suchen, in seinem eigenen Willen, dann ist das Kartenhaus nicht mehr Kartenhaus, ein festgebautes Schloß, mit einem schönen kupfernen Dachhelm, mit einer Wetterfahne darauf, die knarrt und knarrt, der Wind spielt mit ihr auf dem Dach so laut, daß man es im Schlafen hört, aber der Wind, der Schicksalswind, spielt nicht mehr drin mit dem Herzen, das ist ruhig und in sicherer Hand, in seiner Liebsten Hand, die hält das Glück, die hält sein Herz, er braucht nur zu kommen und sagen: Hier bin ich, das hab' ich, und jetzt nimm mich, nimm mich, wie ich bin, ein ganzes Kind, und du, meine Geliebte, du bist mein Gefährte, mein Stab, meine Zuflucht, mein Trost, mein alles, du, die eine, so bin ich gesegnet mit Weh und Glück, du treues Frauenbild, du geliebte Melusine, zu der mein Genius aufblickt, ich lebe durch dich -- für dich -- sei mein!
IX.
Diddel dum, diddel dum, diddel dum -- diddel dei, diddel dei, diddel dei -- diddel dum, diddel dei! Die Klarinette girrt und gellt vor Lachen, von der brummbärigen Baßgeige in die Höhe geschwenkt beim Tanz, ehrbarlich zappelt das Klavizimbel mit, getreulich geführt von dem behaglichen wohlgesetzten Cello -- diddel dei, diddel dei, hei, hei, hei, hei -- diddel dum, diddel bum, dum, dum, bum, bum!
Franz schabt das Cello, dunkeltönig jubeln die Saiten, als wären sie vom lieben Gott selber gestrichen, Franz spürte es inwendig, bis in die Gedärme hinein. Er spielt mit einigen Freunden zur Hochzeit auf, Johanna Lutz und Kupel, der endlich aus klassischem Land Heimgekehrte, sind nun ein Paar. Diddel dei, diddel dum!
Das Blondhaar glänzt wie Goldgeschmeide auf dem sinnenden Haupt der zarten Lutz. Sie sieht heute gar elfenhaft aus neben dem großen, gebräunten Kupel, der wie ein junger, iliadischer Krieger anzuschauen ist. Er hat den Arm leicht um die Lutz gelegt: »Vivat Kupel, du hast den Preis gewonnen!« So denkt Franz, der vom Podium herab die Tafel überschaut: Ein schönes Paar die zwei -- diddel dum, diddel dum!
Neben Johanna sitzt Schwind, der ist heute so seltsam, er dreht Brotkügelchen, spielt mit den Fingern, preßt dann fest die Hände ineinander, schaut öfters stier in die Luft -- was hat er denn? Er hat was, Franz bemerkt es von oben, wie fleißig er auch fiedelt. Netty Hönig sitzt neben ihm unten, die sind beide so einsilbig, Schwind und die Netty. Da geht was vor. Diddel dum!
Weiter an der Tafel sitzt groß und stattlich wie eine Märchenfee die rätselhaft schöne Melusine. Ein magisches Band ist gewoben von ihm zu ihr, und seine Blicke schweifen immer herunter auf sie. »Ja, ja, weil unsere Lieb' ist immer grün, weil grün der Hoffnung Fernen blühn --« diddel dum, diddel dum! Ob sie noch das grüne Lautenband besitzt? Warum sie es nicht in den Locken trägt -- wie damals? Sie hat ja 's Grün so gern?! Diddel dum! Sie hat es wohl tief versenkt in die Nähe des Herzens .... Diddel dum! »Dann weiß ich, wo die Hoffnung wohnt, dann weiß ich, wo die Liebe thront ...« Diddel dei, diddel dei, diddel dum, dum, bum!
Ist der Schober aber redselig, spielt wieder den verfluchten Kerl -- alle Weibsen um ihn herum verzückt wie vor einem Halbgott -- und dieses verliebte Geschau -- hält er sie alle zum besten oder ist es ihm ernst damit? Halb Don Juan, halb Don Quichote -- daß er nur wieder da ist! Diddel dum! Musik und Gedanken geraten dem Franz wie italienischer Salat durcheinander, während er das Cello schabt.
Diddel dum! Der Hönig, dieses ausgewässerte Gesicht, gar nicht genugtun kann er sich mit übertriebener Aufmerksamkeit für Melusine. Will sie nach einer Pomeranze greifen, schwupp hat er schon den Fruchtaufsatz in der Hand, die Serviette fällt ihr herunter, wie ein Käsperl ist er in der Versenkung verschwunden. Sie greift nach der Fingerschale, die ohnehin ganz bei ihr steht, aber nein, der zudringliche Kerl greift ihr wieder zuvor, er muß die Schale halten, indessen sie ihre rosigen Fingerspitzen eintaucht -- und dieser ekelhaft lüsterne Blick von ihm, hat er nicht etwas Affenartiges? Ja, das ist's, ein kompletter Affe! Merkt er denn noch immer nicht, daß sie, die Wald- und Quellenfee, ihm kaum einmal dankend zunickt, Luft ist er für sie, vollständig Luft, o die Holdselige!
Jetzt schaut sie wieder herüber, Franz senkt sich tiefer auf das Cello, es schluchzt und jubelt. Diddel dum, diddel dum, diddel dum!
In dem Geschrei, Gelächter und Gefiedel schwingt sich eine Stimme empor, die Ruhe gebietet. Das ist einer von den Freunden Hönigs. Franz denkt nicht gut von diesen Freunden. »Was soll mir diese Reihe von ganz gewöhnlichen Studenten und Beamten? Was gehen die mich an? Ist es nicht der Mohn? Oder ist es der Bruchmann? -- Nein, der Mohn ist es!« Er bittet um Ruhe.
Alles schweigt, Musik, Gelächter und Geträtsche, mäuschenstill ist alles. »Was sagt der Mohn? Hör' ich recht? Lauter, lauter, oder ich schmeiß' dir meinen Fiedelbogen in das verlogene Maul ...«
Die Stimme Mohns ist klar und vernehmlich: »... das alles möchte ich euch zu wissen geben, ihr lieben Freunde, daß neben dem geliebten und verehrten Hochzeitspaar soeben eine Verlobung stattgefunden hat: Fräulein Therese Puffer und der liebe Freund Hönig, sie leben hoch! Dreimal hoch! Musik! Einen Tusch! Ha, faules Musikantenvolk!« Der Dirigent am Cello rührt sich nicht.
»Dreimal hoch!« Der ganze Chor brüllt es, die Gläser fahren zusammen, die Klarinette, die Baßgeige, das Klavizimbel, sie fallen mit ein, unordentlich, kopflos, es klingt ein klein wenig wie Katzenmusik. Das Cello rührt sich nicht. Schier die Darmsaiten sind ihm abgerissen, heftig und schmerzlich, als ob sie Franz im Leib hätte.