Franz Schuberts Lebenslied

Part 18

Chapter 183,635 wordsPublic domain

Knarr, knarr! Die Wetterfahne hat sich umgedreht. Knarr, knarr! Als ob der rostige Stab mitten durch die Brust ginge, das Herz ward dabei schier entzweigedrückt. »So hätt' er nimmer suchen wollen, im Haus ein treues Frauenbild! Der Wind spielt drinnen mit dem Herzen wie auf dem Dach, nur nicht so laut, was fragen sie nach meinen Schmerzen? -- Sie ist ja eine reiche Braut!«

Das längst gesungene Lied wacht auf mit allen Schmerzen, jetzt ist es Begebenheit geworden.

Er nimmt sein Cello zwischen die Knie und streicht ganz zärtlich und sacht über die Saiten. Es weint und schluchzt jetzt für ihn, indessen er den anderen zum Tanz aufspielt, die unten mit heißem Atem Brust an Brust herumschwenken. Was im Innern vorgeht, man merkt es ihm nicht an, was kümmert's auch die andern! Er hat sein phlegmatisches Gesicht aufgesetzt. Nur daß der Kopf einige Zoll tiefer und schwerer über dem schluchzenden Cello hängt. Diddel dum!

Melusine, die Nixenkühle, tanzt in des andern Arm. Nicht des Besten Braut ist sie geworden, sondern des Reichsten! Der hat sie ihm vor der Nase weggeschnappt. So geht's im Leben. Diddel dum!

Einer hat sich zu ihm geflüchtet, der Frack ist ihm hinten zerrissen, wie ein Häufchen Elend hockt er am Podium dicht bei Franz.

»Was ist mit dir, Schwind? Geh', schau', du bist ja ganz zerrissen!«

Der hebt ein zuckendes Gesicht zu ihm empor.

»Zerrissen? Ja, das bin ich. Zerrissen -- inwendig -- ganz in Fetzen zerrissen!«

»So, so!« Franz sagt nicht mehr. Er weiß schon, was los ist. Die Aufregung Schwinds vorhin, der hat einen schwerwiegenden Entschluß gefaßt -- mein Gott, wo alles liebt .... »und jetzt bist du ....«

Der Zerknirschte nickt traurig und ergänzt den Gedanken: »-- abgeblitzt!«

Fiedelbum!

»Hab' ich's nicht immer gesagt -- diese Hönigs!« raunt es vom Cello herab.

Der unten am Podium hockt, möchte vergehen vor Weh und Ach. Traurige Hochzeitsgäste, diese zwei, der Musikant und sein Leidensbruder.

»Du tust, als ob dir nichts geschehen wäre ...« gibt der unten zurück.

»Sei still, sonst ....« klingt's hinter dem Cello hervor.

Fiedelbum!

Nachts am Heimweg gehen die zwei stumm nebeneinander her.

»Mich leidet es nimmer daheim,« fängt endlich der Cherubim an. »Ich muß fort, hier kommt man auf keinen grünen Zweig ... Ich gehe mit meiner Kunst ...«

»Und das Herz? Kannst du das auch mitnehmen? Das ist verwachsen mit dieser Luft, aber auch die Kunst ist verwachsen mit diesem Herzen, mit dieser Luft, mit diesem Boden, mit dieser Stadt, dieser verruchten, miserablen, in Grund und Boden verwünschten, treulosen, undankbaren, launenhaften und leider viel zu sehr geliebten ... Eine Buhlin ist sie, die sich wegwirft an den, der das meiste Geld hat .... man hat zu viel Herz, daran geht unsereiner zugrunde ...«

»Herz?!« Der Cherubim tut, als ob das Herz für ihn keinen Sinn hätte. »Herz? Man hat es in den Staub getreten, zertrampelt, ich fühle nichts mehr da drin als wie eine namenlose Abscheu ....«

Der andere seufzt: »Sie ist eine reiche Braut ...«

»Reden wir nicht mehr darüber, Servus!«

»Servus!«

E -- fis -- g -- h -- ais -- --

Der Verzweiflungsakkord kommt nicht mehr zur Ruhe.

Das Leben geht fort, es macht sich von selbst. Franz wundert sich jeden Morgen, daß immer wieder ein neuer Tag anbricht, trotzdem er oft meint, es müßte aus sein. Mit seiner Bewerbung um die Kapellmeisterstellen ist er durchgesaust. Ihm ist es einerlei. Ganz Wurst! Er erzählt es mit einer Art Galgenhumor den Freunden.

»Ist doch allen hier so gegangen, die etwas Großes und Ernstes gewollt haben, warum soll's denn mir anders gehen?! Sie haben den Mozart nicht wollen, wie man sieht, wollen sie auch den Grillparzer nicht und setzen ihm einen Dämpfer nach dem anderen auf, daß er sich ganz menschenscheu verkriecht, und Beethoven -- für den soll im Ausland gesammelt werden, wie man hört; im Vergleich mit diesen Großen bin ich ja herrlich daran -- ich dürfte mich ja eigentlich gar nicht beklagen, wenn ich auf die anderen hinsehe ....«

»Freunde, auswandern! Ich gehe nach München, dort lebt die Kunst!«

Bauernfeld haut fürchterlich auf. Er schimpft über diese Zustände wie ein Rohrspatz. Aber auswandern? »Nein, Freunde --« Er ist durchaus dagegen.

»Wohin soll denn der Österreicher auswandern? Gibt es doch keinen Fleck auf der Erde mehr, der so schön ist als gerade seine Heimat. Hier wurzelt seine Gefühls- und Denkweise, er muß so singen, reden, schreiben, malen können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Die Stimme des Genius loci will erklingen -- sie redet nirgends so laut als hier. Die Welt hat ihr Herz entdeckt -- und dieses Herz der Welt ist Wien und Österreich. Was dieses Herz ist, haben wir der Menschheit zu verkünden, Schubert, Schwind, Grillparzer und wir alle zusammen. Wo können wir es besser als hier, wo unsere inneren Quellen springen, wo unsere Kraft wurzelt? Und von hier sollen wir fortgehen? Das wäre eine Viecherei; unser Bestes schöpfen wir hier, vergiß das nicht, lieber Bruder Schwind! Hier sind wir glücklich, obschon wir leiden; und wir leiden, obschon wir glücklich sind ...«

Franz horcht aufmerksam zu, er nickt stumm mit dem Kopf, es ist etwas Wahres daran an dem, was der beredsame Bauernfeld sagt.

Schober ist auch seiner Meinung, obschon aus einem Grund, der weniger tief liegt. »Man findet es nirgends besser auf der Welt, meistens weit schlechter,« läßt er sich vernehmen; »diesen Tabak, diesen Kaffee, diesen Wein und diese Weiber -- so herrlich wachsen sie nicht einmal in Sachsen!«

»Schäker!«

Aber der Schwind wird ernstlich bös über den liebenswürdig eitlen, tändelnden Schober.

»Du hast dir noch nicht ein Stückel Brot selber verdient, also weißt du einen Schmarrn vom Leben! Ein Kerl, der den ganzen Tag nichts tut als vor dem Spiegel stehen und Weiberkitteln nachrennen, der hat hier nicht mitzureden. Um schaffen zu können, muß der Mensch leben, er muß essen, das Nötige verdienen -- hier kann der Mensch, wenn er sonst nichts hat als sein Talent, verhungern. Und darum bleibt nichts anderes übrig als zu gehen.«

Mayrhofer, der Lodernde, am inneren Feuer Verglühende, hat Anfälle von Reue; in solchen lichten Augenblicken kommt er aus seiner freiwilligen Verbannung und Einsamkeit hervor, sitzt in dem geselligen Kreis der Jungen, um dann wieder um so menschenscheuer und grollender in seine mönchische Weltflucht zurückzukehren.

Was da geredet wurde, ist Wasser auf seine Mühle. Er hat das Zeug zum Freiheitsapostel und Demokraten und hält jetzt eine wilde Rede gegen Bevormundung, Unterdrückung und Polizeigewalt. »Denkfreiheit, Redefreiheit, Aktionsfreiheit,« das sind seine Schlagworte.

Das wäre alles sehr schön, meint Bauernfeld, wenn es nicht bloß die Faust in der Tasche wäre. Wie es denn käme, daß Mayrhofer trotzdem als Zensurbeamter weiter helfe, den Geist der Freiheit zu knebeln anstatt zu befreien -- eine Einwendung, die den zwiespältigen Mayrhofer wieder gehörig verschnupft.

»Daß die lieben Zeitgenossen doch immer nur dazu da sind, sich dem Bedeutenden hemmend in den Weg zu stellen!« eifert Bauernfeld. »Drum, Freund, müssen wir dableiben und gegen diese erbärmliche Welt so lange protestieren, bis sie sich zu schämen anfängt, daß sie es so ausgezeichneten Kerlen, wie wir sind, so sauer hat werden lassen.«

Die Stimmung wird immer lauter und gemütlicher; die Seelenverfassung der Freunde ist dem Gedeihen des Galgenhumors recht günstig. Äußerlich geht es oft bei unbändiger Lustigkeit her; aber das ist äußerlich. Wie es bei Franz innerlich aussieht, das weiß keiner so recht; allerdings, die Lieder sind Verräter. Seine »Winterreise« erscheint, die Freunde schütteln den Kopf, zunächst mehr befremdet als ergriffen.

»Hie und da ist an den Bäumen manches bunte Blatt zu sehn, und ich bleibe vor den Bäumen oftmals in Gedanken stehn; schaue nach dem einen Blatte, hänge meine Hoffnung dran; spielt der Wind mit meinem Blatte, zittr' ich, was ich zittern kann. Ach, und fällt das Blatt zu Boden, fällt mit ihm die Hoffnung ab. Fall' ich selber mit zu Boden, wein' -- wein' auf meiner Hoffnung Grab, wein' -- wein' auf meiner Hoffnung Grab ...«

Mit heimlichem Grauen starrten die Freunde in dieses Tal der Tränen. Düstere Nachtgemälde rollten sich in den Liedern auf, der Schmerz wühlte darin, und das Licht der Hoffnung schien erloschen.

»Gar so melancholisch ...«, meinte der eine wie der andere. »Mehr Heiterkeit, mehr Lebensfreude -- Kopf in die Höhe, Franz!«

Sie haben leicht reden, diese anderen; aber die Melancholie kommt eben daher, daß die Seele den grausamen Nüchternheiten des Lebens allzusehr unbewehrt und verwundbar gegenübersteht; sie leidet, aber dieses Leiden ist zugleich der Zoll, den sie bezahlen muß dafür, daß ihr gegeben ist, soviel auszusagen. So wendet sich alles Leid wieder zum Segen, es wird ein neuer Schatz für die Menschheit -- das Herz, das die Welt hier entdeckt hat in der Wiener Heimat, in diesen Liedern zuckt und blutet es.

»Wißt ihr denn auch, wie die Ausgabe der Liederserie ›Winterreise‹ zustande gekommen ist? Fragt den Freund Lachner!«

Lachner ist aus München nach Wien gekommen, ein junger Musiker, der als Feldherrnstab den Dirigentenstock im Tornister trägt. Einstweilen muß der Feldherr des Orchesters buchstäblich das Kalbfell schlagen, er ist aushilfsweise Paukenschläger in der Oper, und das ist auch keine Kleinigkeit. Aber seine Sehnsucht ist zurück auf die Münchener Heimat gerichtet, er wartet nur auf den günstigen Wind, um mit vollen Segeln zurückzusteuern geradewegs zum Dirigentenpult als Ziel. Daß er Schwind mitnimmt, das scheint schon ziemlich abgemacht. Auch Schubert hat er sich dick angefreundet, sie stecken immer beisammen.

Franz ist wie gewöhnlich in Geldnot und will rasch etwas verklopfen. Eine Liederserie liegt bereit, Lachner soll sie zum Verleger Haßlinger tragen und trachten, soviel als möglich herauszuschinden. Von Geschäftssachen versteht er auch soviel wie der Esel vom Zitherspiel, allerdings hat er den guten Willen. Er soll keineswegs ohne Geld kommen, verkitscht muß werden um jeden Preis -- also gut.

Mit den Noten unterm Arm macht sich Lachner auf den Weg. Was er da trägt, ist ein Vermögen -- in Geld umgesetzt, es kann ein hübsches Sümmchen geben. Siegesbewußt ist er ausgegangen -- gedeftet kommt er heim; der Erlös, den er Schubert auf den Tisch legt, beträgt bare -- sechs Gulden.

»Ist das alles?« fragt Schubert. »Für alle Lieder?!«

Kleinlaut erwiderte Lachner: »Schmählich, nicht wahr? Das hab' ich schlecht gemacht -- ich hätte die Noten nicht dort lassen sollen -- weißt du was, ich trag's Geld wieder zurück!«

Kaltblütig steckt Franz das Geld ein. »Zurückgeben?! Was fang' ich denn an? Der Verleger ist zwar schäbig -- aber was dich betrifft, du hast es ausgezeichnet gemacht!«

Sechs Gulden -- das ist in Anbetracht des hingegebenen Wertes ein Bettelpfennig. Damit macht man keine weiten Sprünge. Und was dann? Morgen, übermorgen, nächste Woche? Man läßt den lieben Gott sorgen dafür. Der schafft Rat. Summt dem Franz schon wieder ein Lied im Kopf -- wirklich, der liebe Gott schafft Rat, alle Tag' und alle Stund'.

»Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann, und mit starren Fingern dreht er, was er kann. Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her, und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer. Und er läßt es gehen, alles wie es will, dreht, und seine Leier steht ihm nimmer still. Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehen? Willst zu meinen Liedern deine Leier drehen?«

Die »Winterreise« setzt sich fort, dafür ist gesorgt. Er und der Leiermann -- die sind schier eins.

»Ist's euch zu melancholisch, Freunde?!« Wollen sie es nicht begreifen, daß seine Schöpfungen nicht nur aus seinem musikalischen Gefühl entspringen, sondern daß sie auch aus seinen Schmerzen entstanden sind und darin am tiefsten greifen? Sie möchten ihn lustig sehen.

»Nun denn, bin ich nicht auch lustig unter euch?«

Ja, das ist er, fröhlich unter den Fröhlichen. Bauernfeld sagt's ja immer: »Franz, der hat die rechte Mischung von Idealem und Realem -- die Erde ist ihm schön ....«

Das Rechte aber weiß eigentlich keiner.

Für die Aufheiterung ist in der Tat auch reichlich gesorgt. Es scheint, daß ein stillschweigender Pakt unter den Freunden besteht. Im Gasthaus zum »grünen Anker« sind sie fast täglich abends zu fröhlicher Runde vereinigt. Spaun ist nach Wien übersiedelt und führt ein großes Haus. Glänzende Schubertiaden finden hier statt, aber nachher geht's immer noch zum »grünen Anker«; die Stimme des Herzens klingt immer erst voll aus, wenn man so gemütlich und zwanglos beieinander sitzt. Man kann sich schwer trennen in solchen befeuerten Stunden, wo der Wein die Zungen löst, und so sitzt man hübsch lange beieinander, das ist begreiflich. Vor Mitternacht denkt keiner ans Heimgehen, meistens wird es geraume Zeit nach Mitternacht.

»Wirtshaus, wir schämen uns -- hat uns ergötzt; Faulheit, wir grämen uns -- hat uns geletzt!« so jubiliert Bauernfeld.

Zugleich aber schwärmt man fleißig aus ins Grüne, wenn es die Jahreszeit und der Geldbeutel erlauben; Fahrten nach Atzenbrugg werden unternommen, in größerer Gesellschaft oder zuweilen auch im engsten Vereine, Franz, Schwind und Bauernfeld, die in innigster Schicksalsverwandtschaft zueinander stehen und darum ein unzertrennliches Kleeblatt bilden. Der bischöfliche Schloßherr auf Ochsenburg würde das Kleeblatt allzu liederlich finden, man begnügt sich mit der Unterkunft bei der Aumüllerin in Atzenbrugg und nimmt aus Sparsamkeit nur ein Zimmer, sie müssen zu dritt in einem breiten Ehebett schlafen.

Diese äußerlich dürftigen Umstände kitzeln wieder die humoristische Ader, und die Lustigkeit wächst; die Atzenbrugger Tage sind immer eine Festzeit. Man lacht und ist guter Dinge, aber die Seele weint; es ist zwar keine Wetterfahne auf dem Dach, aber man spürt das Knarren inwendig, und die alten Wunden bluten. »Was fragen sie nach meinen Schmerzen?«

Dem Schwind ergeht es ähnlich. Doch einer verbirgt den Schmerz vor dem anderen, jeder tut auf seine Weise rauh und unverwundbar. Sind beide im Herzen große Kinder.

Den einen wie den anderen überkommt gelegentlich das Verlangen, aus der inneren Einsamkeit vollends hervorzugehen, die Seelenkammern weit aufzuschließen und sie dem Auge der Freundschaft und der Liebe zu zeigen. Jeder macht immer wieder einmal einen Anlauf dazu und redet so um die Dinge herum.

Franz, zuweilen philosophisch aufgelegt, macht einen Vorstoß. »Keiner, der den Schmerz des andern, und keiner, der die Freude des andern versteht! Man glaubt zueinander zu gehen, und man geht immer nur nebeneinander. O Qual für den, der dies erkennt!«

Schwind versteht, was er sagen will, er leidet unter derselben Qual. Sie machen beide die Erfahrung, daß die Einsamkeit der innere Schutz der Seele, zugleich aber auch der Kerker dieser Seele ist. Sie rütteln beide an den verschlossenen Türen und reiben sich wund an den ehernen Mauern. Ihr Tiefstes und Bestes möchten sie voreinander aussagen und können es nicht.

»Wir alle gleichen Gefangenen in unterirdischen Burgverließen,« erklärt sich Schwind, »jeder ist verurteilt, mit einem bestimmten Teil seines Wesens allein zu sein in der Kammer seiner Einsamkeit, und wir können uns höchstens durch ein sinnreiches Klopfsystem untereinander verständigen. Die Poesie und Kunst sind in den Verließen der Einsamkeit geboren, sie sind das Klopfsystem, die Gleichnisse, durch die wir einander erraten können ...«

Wie groß auch die Hingabe der Freundschaft ist, wie rein auch das Herz ist von Trug, wie unverbrüchlich auch die Treue ist und die Aufrichtigkeit, sie kommen oft über das Nächste und Einfachste nicht hinaus. In dieser Not suchen sie die Sterne, suchen sie Gott, der sie ihre Kunst gelehrt, suchen sie das Schweigen, denn in dem Schweigen erraten sich die getrennten und doch so verwandten Seelen am leichtesten. Es ist der tiefste Punkt des Verstehens -- eine Gemeinsamkeit von Einsamkeit.

In dieser Kunst des beredten Schweigens sind beide Meister. Sie können stundenlang im Grünen sitzen beim Wein und den schweigenden Gedanken zuhören, die durchs Gemüt sinken. Höchstens daß der eine oder andere einmal seufzend unterbricht: »Ja, ja!« oder daß es dem einen oder anderen zu dumm wird und daß er ungeduldig auffährt: »So, jetzt aber schweigen wir von was anderem!«

Nicht weniger eifrig als früher lenkt Franz seine Wanderschritte hinaus nach Heiligenstadt oder Grinzing, wo der liebe Gott mit dem Finger winkt, das heimliche große Licht ist draußen verborgen, Ludwig van Beethoven, um so lieber wandelt man die Wege nach diesem klassischen Wiener Boden.

Sitzt Schwind am Zeichentisch und mag sich nicht trennen von seinen Gesichten, die er mit dem Stift verewigt, dann weiß Franz eine Zauberformel: »Horch, horch, die Lerch' im Ätherblau ...« Dieser Lockung kann Schwind nicht widerstehen. Ein paar Stunden Ätherblau im Grünen ist reicher an künstlerischer Eingebung als viele Tage am Zeichentisch. Also auf und hinaus! Aber sie bleiben nicht allein, der Schober ist mit von der Partie, der Bauernfeld, zuweilen der Spaun oder an seiner Stelle der Lachner. Bald sind sie ihrer fünf und freuen sich im Grünen.

Ein gottseliges Leben ist in den Heiligenstädter, Grinzinger oder Sieveringer Hausgärten, wo der Heurige ausgeschenkt wird. Unter ein paar Bäumen sind rohgezimmerte Bänke und Tische in die Erde gerammt, hier sieht die Welt friedvoll und heiter aus. Der Salamucci geht um mit ungarischer Salami, mit echter Veroneser und Mortadella, mit Emmentaler Käs' und Butter, und wer nicht sein Geselchtes im Papierl mitgebracht hat -- es gibt auch Schlemmer, die nicht ohne Brathendel in der Rocktasche auf den Plan treten --, der kann sich für billiges Geld vom Salamucci Wurst und Käse aufschneiden lassen. Es langt fürs leibliche Wohlsein und paßt gut zum Wein. Unaufhörlich kräht der Brotschani mit hellem Sopran: »Schani Brot! Schani Brot!« Es geht zu wie im Himmelreich, alle Mühsal und Pein ist von der Seele genommen.

Franz hebt das Glas, der rauschselige, trostbringende, grüngoldene Wein ist der Hüter seiner Muse, die Vergangenheit wird lebendig, der Traum von Glück verklärt das Herz.

Man ist Gottes voll. Und was tut man, wenn man Gottes voll ist? Man hebt zu singen an, als säße man auf einer lichten Wolkenbank, so ein rechter Himmelsmusikant, und schaut gemütlich auf diese bucklige Welt herab. So gesehen, schaut sie recht schön aus, man könnte schier seine Freude daran haben. Da ist die Stadt, hier der liebe Wienerwald und dann über Berg und Tal noch manches andere, wohlbekannte Städtlein, und wachsen viele schöne Mädchennamen da und dort. Man hat sie alle gekannt, sie sind dem Herzen nahe, eine wie die andere, und jetzt, wo man tief ins Weinglas hineinschaut, sieht man manch holdes Bild aufsteigen.

So sitzen die fünf im Grünen, sie sind augenblicklich ein gar fröhliches Quintett und singen aus Leibeskräften, als säßen sie neben geflügelten Engelsköpfen hoch oben auf einem Kirchenchor. Und ist es auch nichts Heiliges, was sie singen, so ist es darum just auch nichts Schlechtes, denn was sie singen, das sind diese süßen Mädchennamen, die dem Herzen, ach! allzu nahe stehen. Fanny, Therese, Anna, Rosa, Karoline, Josephine, Netty, Melusine!

Am besten von allen singt Franz, der arme Schulmeisterssohn; darum lieben sie ihn auch alle so sehr, die Freunde, die mit ihm zechen, der Forellenbach, der ihm die Geheimnisse von der Mühle und von der schönen Müllerin zuflüstert, und am meisten liebt ihn der Wein, der all sein Elend, all seine Tränen, all seinen Schuldenbettel, all sein Herzeleid in Gold verwandelt. Die süßen Mädchennamen fließen in dem Gesang der Liebe zusammen in eins, es ist die unsterbliche Geliebte, die er besingt, die bald so und so hieß und eigentlich aber nur einen Namen hatte. Es ist die Heimatstadt Wien selbst, die er in Melusine, in Fanny, in Karoline, in Rosa, in Josephine, in Therese so unglücklich liebte, diese unsterbliche Geliebte, die ihm die tiefen Herzenswunden geschlagen, und die ihn mit Schmerz gesegnet, auf daß er seine Freude singen möge.

Die süßen Namen der Liebe, das Herz der Menschheit, die schmerzverklärte Freude, dies alles und noch viel mehr ist in Franz Schuberts Lebenslied.

Die Welt des Haders und der Zwietracht horcht auf, die fünf singen im Grünen wie die Jünglinge im Feuerofen, im Weinbergsfeuerofen -- der finster blickende Herr Ludwig van Beethoven, der große Tragiker, der sich in den bäuerlichen Weinbergshäusern versteckt und in seiner großen Menschheitssinfonie das Lied der Freude singt, der hätte ein Vergnügen an dem Quintett gehabt.

Die Seele hat soviel Kraft und Gesundheit, um auch in diesen trüben Zeiten Augenblicke zu finden, wo der Himmel offen steht.

G -- d -- g -- fis -- g -- a -- -- --

Aber der schwer erkaufte Frieden hält nicht lange.

Der Himmel über ihm ist wolkenlos, doch am Horizont lauert schon neues Unheil. Es bricht immer dann am stärksten hervor, wenn er glaubt, daß alles überwunden sei. In steilen Linien auf und ab bewegt sich die Schicksalskurve, heute hoch oben, morgen tief unten. Sonnige Werke entstehen neben den Ausbrüchen tiefster Verzweiflung und Seelenqual. Das heitere Es-Dur-Trio neben dem grausigen Nachtstück der »Winterreise«.

»Fröhlich, Freunde, fröhlich! Sagt ihr, es wohne nicht die Fröhlichkeit unter meinem Dach?! Spitzt jetzt gefälligst eure Ohren, dann werdet ihr sie vernehmen!«

Die Freunde rasen vor Entzücken über das Es-Dur-Trio.

»So gefällst uns! Ein echter Schubert! Erfüllt das Herz mit heiterem Glück bis in alle Winkel! Scheucht alles Dunkle auf, jagt alle Nachtgespenster von dannen .... erquickt die Seele mit neuem Lebensmut, reißt den Himmel auf über ihr, daß sie hineinschaue in wogendes Weiß und Blau und Ströme von Glückseligkeit niederstürzen fühlt aus leuchtenden Höhen ...«

Das ist schon wahr, was die Freunde in ihrer überschäumenden Begeisterung sagen.

»Aber diese schauerlichen Lieder der ›Winterreise‹, die wollen mir noch nicht ein ...« meint Spaun.

Sie vermögen es alle nicht zu erkennen, daß in diesen »schauerlichen Liedern« Franz am meisten er selbst ist. Seine tiefsten persönlichen Ahnungen sprechen sich darin aus, in die dunkelsten Abgründe seiner Seele lassen die Lieder hineinblicken. Ihre ergreifende Größe und Schmerzensgewalt läßt sie dem Buch Hiob vergleichbar erscheinen. Ein solcher Leidensmann ist der nun Dreißigjährige, der sich zugleich zu dieser kindlich jubelnden Höhe seines Trios aufzuschwingen versteht.

In diesen jähen Gefühlslinien bewegt sich sein Lebenslied: eine heitere Liedweise als Grundton, dann ein jähes Abbrechen, ein qualvoller Aufschrei der gemarterten Seele: e -- fis -- g -- h -- ais .....

Es fehlt nicht an Anlässen, die tief in sein empfindliches Seelenleben hineingreifen und diesen erschreckenden Umschlag bewirken. Er hat die verhängnisvolle Gabe, den Anstoß wie eine rollende Kugel in der gleichen Richtung weiterzutreiben, bis alle Seelentiefen aufgepeitscht sind .... In dieser Widerstandslosigkeit seiner Seele gegen die Schläge des Schicksals ist er Empfangender; er gleicht den Stoß in seinem Innern aus, indem er sich durch sein Schaffen befreit, insofern ist er ein Gebender. Was er dafür hingibt, ist ein Stück Leben. Der Erlös dafür? Dieser Schandlohn von sechs Gulden, wenn es nur der einzige Fall wäre! Ein Werkelmann verdient mehr!

Aber das ist es nicht, was ihn um und um stürzt. Das Leben ist auch sonst gespickt mit tragischen Ansätzen, die die Neigung haben, auszuwachsen und die Seele zu erschüttern.