Part 19
Daß Jenger aus Graz nach Wien zurückgekehrt, das wäre ja ein freudiger Anlaß. Aber was alles drum und dran hängt! Sein erster Weg ist in das Frühwirtsche Haus auf der Wieden nächst der Karlskirche, wo Franz noch immer wohnt. In Schwindien also. In aller Frühe kommt er angestiefelt, Franz liegt noch im Bett. Die gestrige Nachtschwärmerei -- es ist wieder hoch hergegangen im »grünen Anker« -- vielleicht geniert er sich auch ein bißchen: »Du mußt wissen, ich bin nicht so ganz auf der Höhe -- es wird nimmer so recht mit der Gesundheit -- Leib und Seele wollen nicht mehr zusammenhalten -- außer bei einem Glas Wein, da hat man ja einen so täuschenden Schein von Kraft und Courage, aber sonst -- man gibt zuviel her bei der Arbeit ...« Ist ja auch was Wahres dran.
Franz läßt sich das Schalerl Kaffee mit den zwei Kipferln, die die Quartiergeberin bringt, schmecken, indessen Jenger bei ihm am Bettrand sitzt und erzählt und erzählt. Alle Grazer Neuigkeiten schüttet er aus, einen ganzen Sack voll.
»Also du mußt nach Graz kommen! Du hast Freunde dort, nicht zum sagen! Das Ehepaar Pachler ist geradezu vernarrt in deine Musik, na, wie überhaupt alle. Sind recht liebe Leute, die Pachlers. Wohnen großartig im Hallerschlössel ganz nahe bei der Stadt, das ist was für dich. Grazer Patrizier, mußt du wissen, du sollst ein paar Wochen bei ihnen wohnen, sie laden dich ein, ich möchte ihnen nur gleich schreiben, daß du wirklich kommst ....«
Vom Hundertsten kommt er ins Tausendste, auf einmal sieht er auf die Uhr und springt auf.
Warum er es denn so eilig hat? Er möchte noch vormittags hinaus in die Schwarzspanierstraße -- Apropos, es ist wahrscheinlich, daß auch der Anselm Hüttenbrenner her muß. »Gebe Gott, daß es nicht so schlimm wird.«
»Was ist denn los? Schwarzspanierstraße? In die Beethovensche Gegend?«
»Ja, weißt du denn nicht --? Man fürchtet, es geht zu Ende mit ihm .... seit acht Tagen ringt er mit dem Tod. Schindler, sein Vertrauter, hat's geschrieben.«
Mit einem Satz ist Franz aus dem Bett.
»Beethoven am Sterben? O Gott!« Das große Licht, zu dem er anbetend aufblickt, am Erlöschen?
Jenger ist schon bei der Türe hinaus.
Hastig kleidet sich Franz an. Die Gefühle wirbeln durcheinander. Er kann keinen klaren Gedanken fassen. Der Tag vergeht, heute kann er keine Note schreiben. Er versucht dies und das und legt es wieder hin. So voll Unruhe ist er. Er fühlt es ganz genau: es kommt etwas daher, das ihn trifft wie einen persönlichen Verlust. Wie hat er sich hingesehnt nach dem Gewaltigen, der ihm wie ein Wegweiser erscheint nach den höchsten Zielen ... Aber er hat es nicht gewagt, er hat Angst vor dem ganz Großen, seine Erfahrungen mit Goethe haben ihn ganz eingeschüchtert. Wie oft hat er dem Olympier nach Weimar geschrieben, er hat ihm Stöße von Liedern geschickt -- mit keiner Zeile hat er geantwortet, Franz existiert für ihn nicht, die Hekatombe hat nicht Gnade gefunden in den Augen des Göttlichen.
Aber das war noch zu ertragen. Beethoven steht ihm näher als Vorbild auf seinem ureigensten Felde. Er fürchtet, es könnte ihm mit dem Schöpfer der »Eroika« und der unsterblichen »Neunten« ähnlich ergehen. Es wäre ein Verdammungsurteil für das zaghafte Meisterlein -- nein, er versucht's lieber nicht ....
Und jetzt krampft sich ihm das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß er etwas versäumt hatte und daß es etwa zu spät sein könnte .... Da lebt man in derselben Stadt, begegnet einander zuweilen in den Straßen oder in den einsamen Feldwegen, weiß sich im Geist so nahe und kehrt lieber um auf halbem Wege aus begreiflicher Scheu ..... und erfährt erst durch Leute, die von fern kommen, daß der Tod an sein Haus pocht. So groß ist die Einsamkeit um den Titanen, daß keiner den Weg zu ihm findet, bis auf einen .... es greift Franz kalt an die Brust: auch seine Einsamkeit wird keiner durchdringen, bis auf einen .....
»Wann ist es denn gewesen, daß ich Beethoven zuletzt gesehen habe?« Franz denkt nach. »Bei seinem letzten großen Konzert war es, wo er selbst die ›Neunte‹ dirigierte, diese Sinfonie der Menschheit ....«
Ganz richtig, es ist das letztemal gewesen, da man Beethoven am Dirigentenpult gesehen hat. Er ist damals schon entrückt gewesen, menschenentrückt durch seine Taubheit und Unnahbarkeit, weltentrückt durch seinen Genius .... Das waren keine irdischen Klänge mehr, deren Glanz er vor den Hörern ausbreitet, die kamen aus höheren Welten, über den Schrei der verzweifelten Menschheit rauschten die Stimmen der Seligen auf. Er hörte sie nicht mit dem leiblichen Ohr, aber mit dem geistigen vernimmt er sie um so gewisser.
Der letzte Ton verklingt, die Zuschauer wagen es nicht, sich zu rühren vor Andacht und Ehrfurcht, der Meister steht noch oben mit dem Taktstock, blickt starr auf das Pult vor sich hin und dirigiert weiter aus dem Gedächtnis. Die geschriebene Sinfonie ist zu Ende, der letzte Ton verhallt, ein Musiker nach dem andern verläßt still das Podium, nur der Tragiker steht noch oben und gibt den Takt. Seine Taubheit ist so groß, daß er sein eigenes Werk nicht mit dem leiblichen Ohr gehört hat, aber die Hellhörigkeit seiner Seele ist so unendlich, daß er den Weltgesang weiter hört und fort und fort den Takt dazu gibt. Die Sinfonie ist nicht zu Ende für ihn .....
Die Leute sitzen unten und wagen es nicht, sich zu rühren, sie sind erschüttert von dem tragischen Anblick, viele weinen vor Rührung. Da wagt es einer der Musiker, der hinter ihm in den Saal geschlichen ist, den Lauschenden, von ewigen Harmonien Umfluteten leise am Rock zu zupfen. Beethoven wendet sich um, wie aus allen Himmeln gestürzt, mit einem Blick des Entsetzens schaut er sich um und flieht.
Der Vorgang schneidet ins Herz, diesen entsetzten Blick vergißt keiner, der ihn gesehen. Franz sieht alles klar wieder vor Augen. Die bloße Erinnerung ergreift ihn mit der gleichen Heftigkeit wie jener Augenblick. War es nicht so, daß der Geist des großen Meisters damals schon entrückt war über die Menschen hinweg in lichte Seligkeiten und dem himmlischen Wegweiser in seiner Einsamkeit folgte eine Straße entlang, »die noch keiner ging zurück«?
Das Zerren an dem Rock riß ihn zurück in die Wirklichkeit, vor der sich sein Blick entsetzte. Er floh, er vergrub sich vor den Menschen, und jetzt rüstete seine Seele zum letzten Male zur großen Heimreise. »Wird ihn noch einer zurückrufen können, soll er gehen, ohne daß ich ihn gegrüßt und ihm gedankt habe?«
Einige Tage verstrichen. Das große Sterben drüben in der Schwarzspanierstraße machte endlich von sich reden. Die Trauer breitete ihren Flor aus. Das Herz der Stadt zitterte, man hörte den Tod, wie er durch die Gassen ging.
Jenger ließ sich nicht blicken. Endlich, endlich kam er zurück. Anselm mit ihm. Schwarze Röcke, Zylinder, Flöre an dem Arm. Ihre Mienen verkündeten schon von weitem: Beethoven tot!
In der Tiefe wühlte und bohrte der Schmerzensquell, aber er brach nicht hervor unter dem Schutt und Geröll. Das Phlegma, sagen die Leute.
Mit diesem anscheinenden Phlegma ging Franz in der Mitte zwischen Jenger und Anselm Hüttenbrenner.
»Wenn schon nicht im Leben, so will ich im Tod bei ihm gewesen sein!« sagte Franz mitten unter dem Schweigen.
Sie gingen hinüber ins Trauerhaus.
»Schindler erzählt, daß oft von dir die Rede war bei Beethoven!« weiß Jenger. »Er hat viel Gutes von dir gesagt, es war ihm aber aufgefallen, daß du dich immer versteckst ... ›Der kommt nach mir,‹ soll der Meister einmal gesagt haben.«
Franz ging stumm zwischen den beiden, das Herz schlug ihm gewaltig, je näher sie dem Schwarzspanierhause kamen. Beim Tor wurde ihm ganz schwach, er mußte ein wenig verschnaufen. Keine Macht hätte ihn die Stiege hinaufgebracht, wenn er allein gewesen wäre. Diese zwei nahmen ihn unterm Arm und stiegen hinauf. Im Vorzimmer oben empfing sie ein grauhaariger Mensch, der nur flüsterte und den dreien durch Zeichen mit der Hand bedeutete, einzutreten. Sie durchschritten ein Zimmer; der Flügel stand darin, Stöße von Noten lagen darauf und am Boden umher, eine schreckliche Verwahrlosung und Verödung grinste aus allen Winkeln, Leichengeruch schlug ihnen entgegen ...
Im nächsten Zimmer lag der große Tote. Franz starrte in das zerklüftete Antlitz, in diese Züge, die nach innen gewendet waren und entrückt von dem Hinaushorchen und Lauschen unendlicher Harmonien .... jetzt war es ein zertrümmertes Steingebirge mit den gewaltsamen Spuren eines beendeten Götterkampfes. Einer schreckensvollen Ruine glich dieser irdische Rest, nachdem der Geist entflohen war.
Es war zu qualvoll, in diese Walstatt zu sehen, Franz riß sich los und stürmte fort. Am nächsten Tag ging er im Trauerzug als Kerzenträger. An dem Zyklopentor des Währinger Friedhofs hielt Anschütz eine gewaltige Rede von Grillparzer, der Sarg schwankte wie ein schwarzes Schiff in diesen Hafen, Franz hatte zuweilen das Gefühl, als ging' es mit ihm selber zu Grab. Gottes Finger rührte an sein Herz, aus der dunkelsten Tiefe der Seele antwortete eine Stimme diesem Pochen, und was sie antwortete, sollte später im Hiobsbuch seiner »Winterreise« stehen:
»Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht. Allhier will ich einkehren, hab' ich bei mir gedacht. Ihr grünen Totenkränze könnt wohl die Zeichen sein, die müde Wanderer laden ins kühle Wirtshaus ein. Sind denn in diesem Hause die Kammern all besetzt, bin matt zum Niedersinken, bin tödlich schwer verletzt. O unbarmherzige Schenke, doch weisest du mich ab? Nun weiter denn, nur weiter, mein treuer Wanderstab, nun weiter denn, nur weiter, mein treuer Wanderstab!«
Besonders in diesem letzten Wirtshaus winkt Gottes Finger fast wie beim Heurigen.
Zwei Freunde begleiten Franz am Heimweg. Unterwegs kehren sie noch ein und sitzen in der Weinstube auf der »Mehlgrube«. Franz ist ganz in sich gekehrt. Er schenkt das erste Glas voll, erhebt es und leert es in einem Zug auf das Andenken des Heroen, den sie eben zu Grabe geleitet haben. Er schenkt ein zweites Glas ein, er sieht die beiden anderen ernst an und sagt: »Und jetzt trink' ich das zweite Glas auf den, der ihm von uns als Erster nachfolgt ....«
Damit hat's noch seine guten Wege. So viele Wirtshäuser man schon gesehen und darin zur kühlen Rast geweilt hat, man wird noch durch manches Wirtshäuslein kommen, ehe man zu dem letzten anlangt. Und der sich matt zum Niedersinken fühlt und tödlich schwer verletzt, der muß sich nun schon weiter helfen, weiter, nur weiter, an seinem treuen Wanderstab.
Unter den vielen Wirtshäuslein, die Franz auf seiner Lebensfahrt als erquickliche Stationen befunden hat, gilt das »Blumenstöckel« im Ballgassel als keines der schlechtesten. Es ist ein gemütliches Beisel, wie er es gern hat, mit einem Glassalon nach der Hofseite, wo ein paar Bäume stehen. In dem weißen Glassalon ist es gut zu sitzen in den linden Sommernächten, wenn der herbe Geruch des Götterbaumes durch die geöffneten Fensterflügel hereinstreicht.
Anna Milder ist wieder zum Gastspiel in Wien, ihre Augen, ihr Lächeln, ihre Stimme riegelt alle bittersüßen Erinnerungen auf, ganz traumselig geht Franz mit Spaun und Mayrhofer, dem wieder einmal Umgänglichen, nach dem Opernabend ins »Blumenstöckel«.
Mayrhofer und Spaun schimpfen über die Wiener, die um die warme Jahreszeit nicht mehr ins Theater zu bringen sind. Die »Iphigenie« wurde vor einem fast leeren Hause gesungen. Um so voller war es dafür beim »Blumenstöckel«. Mit Mühe und Not erobert man einen leeren Tisch im weißen Glassalon.
Beim Essen und Trinken vergeht leicht die Zeit, es ist bald an Mitternacht; die Leibesstärkung hat die Seelenkraft erhöht, die Begeisterung über die Eindrücke des Abends strömt in lauten Worten aus. Es geht ziemlich ungeniert her, der Glassalon ist um die späte Stunde fast leer geworden, nur am Nebentisch sitzen einige Gäste, die jedes Wort aufschnappen. Die Augen, das Lächeln, die Stimme der Anna Milder, in allen Tönen der Bewunderung wird sie gepriesen. Vor allem diese Stimme!
Franz schwärmt irgend was von dem Ideal der dramatischen Gesangskunst. Da fängt einer am Nebentisch laut zu höhnen an, Spaun kennt ihn, es ist ein Universitätsprofessor; er hat vielleicht schon zu tief ins Glas geguckt, jedenfalls scheint er zur Stänkerei aufgelegt. Und legt auch schon los, so halb und halb zum Freundestisch herüber.
»Das nennt man Stimme? Gekräht hat sie wie ein Hahn; die kann ja überhaupt nicht singen, weder Läufer noch Triller versteht sie zu machen, ist doch eine Schande, die als Primadonna herzubringen -- das soll man sich vorsetzen lassen für sein gutes Geld ....?!«
»So ein unverschämter Kerl!« Fast zugleich springen Mayrhofer und Schubert auf; Franz schmeißt sein gefülltes Glas hin, so kochend vor Wut hat man ihn noch nie gesehen. Er könnte dem Kerl am Nebentisch an die Gurgel springen, mit Mühe wird er zurückgehalten. Es ist nicht das erstemal, daß er ganz aus dem Häuschen gerät, wenn sich einer an dem versündigt, was ihm heilig ist. Ein Schimpfduett hebt an, daß es schauerlich anzuhören ist.
Aber der andere drüben ist auch nicht maulfaul, und ein Dickschädel ist er obendrein, von Nachgeben ist keine Rede. Es gibt einen richtigen Wirtshausskandal. Franz ist kaum mehr zu halten, eine blutige Keilerei scheint unvermeidlich, die Begleiter des ungebärdigen Professors sind besonnen genug, den Halbbetrunkenen unterm Arm zu fassen und hinauszuexpedieren.
Die drei Freunde bleiben allein im Glassalon zurück. Sie haben wohl das Feld behauptet, aber die wüste Wirtshausstreiterei ist gerade auch kein erquickliches Erlebnis. Man fragt sich, wo nimmt denn so ein gemeiner Kerl das Recht her, in den Seelengarten des anderen einzubrechen und die schönsten Blumen zu zerstampfen? Wenn man auch seinen Mann gestellt und den Kerl zu Paaren getrieben hat, so bleibt doch ein widerwärtiges Gefühl zurück.
Man ist in seinen zartesten und reinsten Empfindungen gedemütigt, mißhandelt, besudelt worden, und dazu hat man das niederdrückende Gefühl, daß man der Dummheit und Gemeinheit wehrlos ausgeliefert ist. Da soll doch ein Himmeldonnerwetter dreinfahren! Die ganze erbärmliche Welt könnte man zerschmeißen. Es kocht in Franz, kreideweiß sitzt er vor dem Tisch, eine Zeit vergeht, er redet kein Wort.
Da packt er plötzlich ein Glas und schmeißt es in die Ecke. Klirr! ist es in tausend Scherben. Das wirkt wie eine Entspannung. Ein zweites Glas fliegt nach. Klirr! ist das eine Freude, wenn alles in Scherben geht! Die Wasserflasche, ein Schock Teller, die Karaffe mit Essig und Öl, die Salzfässer, der Senftiegel -- klirr, klirr, tschin! Jetzt sind auch ein paar Fensterscheiben des Glassalons durch. Es hagelt Glas.
Die Kellner stürzen herbei, stehen an der Tür, reißen Maul und Augen auf und lassen es gewähren. Sie denken schon mit heimlicher Schadenfreude an die fabelhafte Rechnung, die sie hernach schreiben werden.
Mayrhofer und Spaun sind nicht imstande, Franz zu bändigen, der außer sich ist. Riesenkräfte sind in dem kleinen, etwas aufgeschwemmten Körper lebendig geworden. Elektrische Schläge gehen von den plötzlich straff gespannten und steinhart gewordenen Muskeln aus, die Freunde, die ihm in die Arme fallen wollen, fliegen unter der heftigen Abstoßung weg, als wären sie Spielbälle.
Und nun packt Franz mit seinen zarten Händen den großen Wirtshaustisch, hebt ihn hoch in die Luft und bum! fliegt der schwere Tisch in die Ecke zu den Scherben, daß das Glas aufspritzt wie Wasser. Dann der nächste Tisch, Bum und Krach! die Stühle nach, und nicht eher ist Ruhe, als bis der ganze Glassalon einem Trümmerhaufen gleicht.
Alles Elend, aller Ärger, alle Demütigung und Zurücksetzung, alles Leid und aller Hohn, die ihm in diesem Leben zuteil geworden sind, drängen herauf aus der Seele, die sich befreien will. Und mit jedem Stück, das hinfliegt und in Scherben geht, löst sich ein Stück Unrecht, das man erdulden hat müssen; es ist wie ein Erbrechen aus Ekel über den ganzen Unrat dieser erbärmlichen Welt, den man hinunterwürgen hat müssen. Nur daß er selber am Schluß auf diesem höllischen Misthaufen liegt, ein armer, schmerzverkrümmter Hiob.
So schaut der Franz mit seinem Phlegma aus?! Wer soll sich da auskennen? Man weiß nicht, was in diesem sonderbaren verschlossenen Gemüt steckt!
Kopfschüttelnd lesen die Freunde das unselige Meisterlein auf, das jetzt einem hilflosen Kinde mitten im zerschmetterten Spielzeug gleicht. Er ist kaum seiner Sinne mächtig und kann sich nicht allein erheben. Wie gelähmt ist er am ganzen Körper. Er wird in einen Wagen gehoben, die Freunde bringen ihn heim. Dann liegt er tagelang zu Bett und ist krank. Das Übel, das ihn vor Jahren befallen und ihn nie mehr ganz verlassen hat, ist schlimmer als je geworden. Die Krähe, die Krähe -- stärker vernimmt die Seele das Fittichschlagen dieses Todesboten.
»Eine Krähe ... ist bis heute für und für um mein Haupt geflogen ...«
Er summt das Lied aus der »Winterreise« vor sich hin, als ob er Zwiesprach' halten würde mit dem Symbol.
»Nun, es wird nicht mehr weit geh'n an dem Wanderstabe, Krähe, laß mich endlich sehn, Treue bis zum Grabe ....«
Der Skandal beim »Blumenstöckel« hatte flinke Beine wie jeder Skandal und lief besonders hurtig um in einer Stadt wie Wien, die seit jeher ein empfängliches Ohr für solche Chronik hat und mit ihrer angeborenen Göttergabe der Phantasie die Geschichte auszuschmücken versteht, bis sie so klingt, wie es die Leute am liebsten hören. Weil die Menschen sich am größten vorkommen, wenn sie die Schadenfreude in Mitleid hüllen können, so hören sie es am liebsten, daß einer ganz herunter ist, bis auf den Grund; es gewährt ihnen das Gefühl der Erhebung, den leidenden Mitbruder so in Staub zu sehen wie den armen Zöllner -- »Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie jener ...« es ist das fadenscheinige Mäntelchen der Nächstenliebe, aus deren Löchern allzuoft die scheinheilige Selbstgerechtigkeit der sittlichen Entrüstung wie ein schmutziger Hemdzipfel hervorguckt ....
»Haben Sie schon das Neueste gehört? Im Rausch hat er alles krumm und klein geschlagen -- der Bsuff!
Schad' um den talentierten Menschen -- es geht bergab mit ihm -- ein rechter Bruder Saufaus ist er geworden --«
In dieser Form gelangt die Legende den Schwestern Fröhlich zu Ohren. Sie sind von aufrichtigem Mitgefühl bewegt -- daß Franz sich vom gesellschaftlichen Verkehr immer mehr zurückzieht und nur mehr im Kreis seiner Wein-, Punsch- und Kaffeebrüderln gesehen wird, wenn er nicht allein herumschwärmt, ist freilich eine bedauerliche Bestätigung der bösen Mär.
Die Schwestern veranstalteten ein Ständchen zu Ehren der Gosmar, ihrer einstigen Schülerin und besseren Freundin, Franz hat für dieses Fest einen Chor nach Grillparzers Versen »Zögernd leise ...« für Mädchenstimmen komponiert -- er soll es selbst dirigieren, das war die Verabredung.
Die Schülerinnen der Fröhlich, ein weißer Mädchenflor, werden in drei Stellwagen am Hof gestopft, die gelben Wagen holpern mit Singsang hinaus zum Langschen Haus in Döbling, wo die Gosmar wohnt, ein Klavier wird heimlich unter ihre Gartenfenster geschoben -- alles klappt, nur der Musikus ist nicht da. Kathi nimmt sich vor, ihm gehörig den Kopf zu waschen.
Schon am nächsten Tag hat sie ihn aufgestöbert, er lächelt: »Ach ja, ich hab' ganz vergessen darauf!«
Es bleibt ihm aber nicht geschenkt. In einigen Tagen bringen die Schwestern das Ständchen im Musikvereinssaal in der Tuchlauben zur Aufführung, man sollte schon beginnen -- wer wieder nicht kommt, das ist der Franz.
Der Kathi ist gar zu leid. »Schade, daß er es auch heute nicht hören sollte!« sagt sie zu Jenger. Ein Hofrat Walcher ist da, der weiß Bescheid, »Musikanten trinken gern -- wahrscheinlich sitzt er wieder bei Wanner ›zur Eiche‹ auf der Brandstätte, dort gibt's gutes Bier, die Musiker kommen dort gern zusammen --«
»Natürlich schon wieder im Wirtshaus!« ruft Kathi ärgerlich aus, Jenger muß sich sofort auf die Strümpfe machen und Franz herbeiholen. Richtig sitzt er dort in aller Gemütlichkeit, aber er hat sich sofort aufgemacht und ist mit Jenger gerade noch zur rechten Zeit ins Konzert gekommen.
»Nun?!« Kathi hat Haare auf den Zähnen, was sie einmal anfaßt, läßt sie nicht mehr locker. »Nun?!« ihre erwartungsvolle Frage nach der Aufführung. Franz ist ganz verklärt: »Wahrhaftig, ich hab' nicht gedacht, daß es so schön wär' ....« Die Stimmung ist so versöhnlich, sie hat wirklich nicht das Herz, jetzt mit der Moralpauke loszulegen -- aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nächstens also, in der eigenen Wohnung, dann wird sie es ihm gründlich besorgen.
Da kann sie aber lang warten. Mit keinem Auge ist Franz zu erblicken. Argwöhnisch, wie Kathi ist, meint sie, er gehe ihr geflissentlich aus dem Weg. Ein Zufall führt sie mit ihm auf der Straße zusammen, sie nimmt ihn gleich ordentlich ins Gebet, die handfest Zupackende.
Ob er nicht wüßte, wie ihre Adresse laute -- und ob er nicht immer offene Türen in ihrem Hause gefunden habe?! Was das also jetzt für eine Art sei?! Und das mit dem Trinken -- ein Wirtshausbrüderl, ein Liederlich, ein Nachtschwärmer, ein Trunkenbold -- o pfui!
Sie meint es so gut und aufrichtig und möchte ihn auf den rechten Weg zurückbringen, es ist ihr heilig damit. Er spürt die edle Absicht und ist darum gar nicht böse. Er lächelt nur ein bißchen zu ihren Worten und lenkt ganz sachte ab: »Schönen Dank für die gute Meinung, aber soviel als mir die Leute andichten, könnt' ich ja gar nicht vertragen -- jetzt schon gar nicht, bei meiner wackeligen Gesundheit -- nur grad' soviel, als sich gehört, um ein bißchen bei Stimmung zu bleiben, oder das bißchen Schlaf zu finden -- also nur grad' soviel, als der liebe Gott erlaubt hat, keinen Tropfen drüber, ist doch eine heikle Sache wie mit jeder Medizin --«
Er lächelt so weh dazu, daß ihr gleich die Strafpredigt vergeht und daß sie in liebreichen, tröstenden Worten auf ihn einredet, die gütig Verstehende, er möge sich nur nichts abgehen lassen, immer auch kräftig essen dazu und sich's wohl schmecken lassen, die Medizin -- --
Das sieht sie jetzt klar; die Leute haben gelogen, ein Bsuff ist er nicht, o nein! Ein ganzer, wirklicher, tiefer und darum leidender Mensch ist er -- -- sie weiß nicht warum, aber auf einmal stehen ihr die Augen voll Tränen ......
Der September läßt sich wunderschön an, Wetter- und Geldverhältnisse sind gleich gut wie selten im Jahr, die Sorgen, die Krankheit scheinen entrückt -- die Krähe schwebt hoch und fern -- ein kleines schwarzes Pünktchen, nicht größer wie eine Schwalbe im Himmelblau.
Mit dem Grazer Ehepaar hat ein gar freundlicher Briefwechsel stattgefunden -- Jenger ist mit Franz über alle Berge zu Besuch im Hallerschlössel. Vier Wochen sind sie aus -- dem Franz hat's wohlgetan. Sein gewitterbanges Herz hat einen Sonnenstrahl empfangen, der trotz der Wolken nicht mehr vergeht -- in diesem Sonnenfleck des Herzens taucht das Hallerschlössel mit seinen vier Ecktürmen auf, der Grazer Schloßberg, die Stadt mit ihren Kirchen, das lachende Antlitz der steirischen Landschaft mit grünschwellenden Hügeln, Obstgefilden und Weingärten, das gastfreundlich eifrige Ehepaar Pachler, die Gesangsvereine, die Mädchen und Frauen, das liebevolle Drängen und Feiern um ihn und er mitten drinnen, hochgeehrt und gepriesen -- von diesem Sonnenblick kann er auch in den trüben Tagen Freude und Trost schöpfen wie aus einem unerschöpflichen Brunnen von Licht.
»Wien will mir noch nicht recht in den Kopf,« lautete sein Dankbrief an die Pachlerin, »'s ist freilich ein wenig groß, dafür aber leer an Herzlichkeit, Offenheit, an wirklichen Gedanken, an vernünftigen Worten und besonders an geistvollen Taten. Man weiß nicht recht, ist man gescheit oder dumm, soviel wird hier durcheinander geplaudert, und zu einer innigen Fröhlichkeit gelangt man selten oder nie. 's ist zwar möglich, daß ich selbst viel schuld daran bin mit meiner langsamen Art, zu erwärmen. In Graz erkannte ich bald die ungekünstelte und offene Weise, mit- und nebeneinander zu sein ...«