Part 8
Es war, als ob eine unsichtbare rettende Hand eingegriffen hätte, um den Schmachtenden von dem unerträglichen Druck der niederen kleinen Alltagssorgen, die am schwersten drücken, zu befreien. Ein Sommer auf dem Land, die Ferne, eine neue Welt und noch dazu sorgenfrei -- das war die ersehnte Freiheit! Auch Schober ging für eine Zeit weg, Goethes Wilhelm Meister ließ ihm keine Ruh', er wollte es einmal in diesem Stil versuchen, halb Schauspieler, halb Dichter, halb Mäzen, dilettierender Künstler auf allen Gebieten, der seine vielseitigen Gaben im Strome des Lebens versuchen will.
Spaun, Mayrhofer bereiteten sich auf längeren Urlaub vor, Schwind geht auf eine Studienwanderung, der große Kreis von Familien, in denen man verkehrte, geht im Sommer »aufs Land«. Die Fenster in den heißen Gassen schließen sich, sie senken gleichsam die Lider, Wien versinkt in seinen Dornröschenschlaf. Nur wer kein Geld hat und wirklich nicht anders kann, bleibt da.
Die Vorsehung hat diesmal für Franz ein gnädiges Erbarmen gehabt. Auf nach Ungarn! Auf Wiedersehen im Herbst! Adieu, lieber Spaun! Adieu, lieber Schober! Adieu, lieber Schwind! Bruderherz! Grüßt mir den Vogl! Behüt' Gott alle miteinander! Behüt', behüt', behüt'!
Behüt' dich Gott, liebes Wien!
IV.
Vierzig schnatternde Gänse reißen den guten Franz aus dem Morgentraum. Vierzig ungarische Gänse, die zu gleicher Zeit zu schnattern anfangen, als müßten sie das Kapitol retten -- dagegen kann der bleiernste Schlaf nicht bestehen. Franz fährt wirr in die Höhe. Er ist noch gar nicht bei sich.
»Was ist denn los!« Er reibt sich die Augen, schaut um sich -- da hängt ein farbig gestickter Klingelzug, in einer halbrunden Nische steht ein zylindrischer glasierter Kachelofen, dort ein Waschtisch, in der Mitte ein einfaches Tischchen mit weißem Tintenzeug aus Steingut, zwei Stühle mit geblumten Polstersitzen, ein geblumtes Fauteuil, ein altes Klavier, durch das kleine Fenster schaut grünes Gezweig herein, silbergrau flimmert es durch das Blattwerk: die Morgendämmerung.
Eine neue, ungewohnte Umgebung. »Wo bin ich?« Franz hat Mühe, seine Gedanken zusammenzuholen. Das ohrenzerreißende Schnattern draußen -- reden ungarisch, die Gänse -- jetzt hat er sich zusammengeklaubt und zurechtgefunden.
»So also sieht das Zimmerchen aus, das für die Dauer des Sommeraufenthaltes auf Schloß Zelez mir gehört! Nicht übel! Das Fenster, das Grün davor, der Ofen, die blumigen Stühle -- es hat Stimmung!«
Der Klingelzug -- mit heiliger Scheu betrachtet er ihn. Ein breites Band mit bunter Kreuzsticharbeit bedeckt, wahrhaftig eine Zier der kleinen Stube. Er braucht im Bette nur die Hand auszustrecken, ein Riß, und es müssen schon die Diener des Schlosses herbeifliegen, nach den Wünschen des Gastes zu fragen. Es zuckt in seinen Fingern -- aber möge ihn der Himmel bewahren, wirklich zu ziehen! Gestern abend bei der Ankunft hat ihm der Herr Kammerdiener gesagt, es sei nicht üblich, die Klingel zu ziehen. »Es wird ohnehin gesorgt werden, daß es zur rechten Zeit da ist, was dem Herrn Professor zukommt. Also, angenehme Nachtruhe, Herr Professor!« Sagt es und zieht sich mit würdevoller Miene zurück.
Der gräfliche Herr Kammerdiener muß wissen, was Sitte ist. Seine Gnaden, der Herr Kammerdiener wünschen auch nicht übermäßig gestört zu werden, ist aber sonst ein umgänglicher Mann, wohlwollend, herablassend, ganz nach Herrenart. Er geizt mit Titeln nicht, er ist den »Professor« gewissermaßen sich selber schuldig; mit geringeren Leuten würde er sich gar nicht abgeben. Franz hätte aus Bescheidenheit ohnehin nie den Klingelzug angerührt, aber jetzt malt ihm seine erregte Phantasie die beschämenden Folgen aus, wenn er sich wirklich vergessen würde. Nein, nein, lieber sollte ihn doch gleich die Erde verschlingen.
Mit einem Satz ist er aus dem Bett heraus, zum Fenster hin. Die wundervolle Morgenluft, die da hereinströmt! Köstlich, das erste Erwachen auf dem Lande! Diese Würze -- die Erde hat hier einen anderen Geruch als daheim. Ein fremdes Land. Man ist gespannt auf die Entdeckungen, die bevorstehen. Gestern abend, diese Müdigkeit, man hat gar nicht Zeit und Sinn gehabt, sich umzusehen. Man war ja wie zerschlagen nach der langen Fahrt im Postwagen. Aber schön war es, seltsam schön.
Jetzt kehren die Bilder zurück, die man unterwegs erschaut hat. Auf dieser Fahrt durch die Ebene, die weit geöffnet dalag wie die Hand Gottes, eine riesige Blumen- und Fruchtschale. Unaufhaltsam ging's weiter durch endlose alte Alleen, staubweiße Straßen, vorbei an kühlen, dunklen Kirchen, geduckten Dörfern, hellen Schlössern, immer weiter, weiter gegen Osten. Fliegende Wolkenschatten huschten gleich wandernden Gedanken über das klare Antlitz der Ebene, sie atmete sichtbar und erregt, wenn sich der Wind in die hohen Pappeln legte, und war still und traurig, wenn sich der Himmel trübte, und war ein Lächeln über und über, wenn die Sonne aus den Wolken trat. Die Felder standen fruchtschwer, und die Weiber mit den roten Kopftücheln sahen aus wie Mohnblüten im gelben Stroh. Ein schönes Stück Welt hat man im Flug gesehen, aber das Beste sollte erst kommen, denn hier im Schlosse begann ein neues ungewohntes Leben für Franz.
Dort im Grünen watschelten die weißen Gänse und riefen den heraufziehenden Morgen an. In niedrigen Zeilen gingen die Wirtschaftsgebäude hin bis hinunter zum Ententeich, der, von hier gesehen, wie ein kleiner Handspiegel draußen lag. Uralte Bäume schoben ihre mächtigen Häupter über die hochgezogenen Dächer der Wirtschaftsanlagen empor. Der Park von Zelez! Die Lage war schön, das hat man gestern bei der Ankunft schon gemerkt. Freilich, hier, im Hintertrakt des Schlosses, wo sich das Zimmerchen für den Herrn Musikus befand, war noch nicht viel zu sehen.
Mit dem Schlaf war es jetzt vorbei. Schnell in die Kleider geschlüpft, leise, um niemanden zu stören, und hinaus in die Morgenfrische! Aber draußen war es inzwischen auch schon lebendig geworden. Um vier Uhr früh regt sich schon das Leben auf dem Gutshof. Es ist nicht so wie in der Stadt, wo man sich um acht Uhr morgens den Schlaf aus den Augen reibt.
Da guckt ein hübscher Kopf zur Tür herein. Das Stubenmädchen. »Guten Morgen, Herr Musikdirektor!« Sie hat ihn gestern abend so freundlich angelacht und erkundigt sich nun, ob er gut geschlafen oder ob er schon das Frühstück wünsche, und nach hundert anderen Kleinigkeiten. Wahrhaftig, eine gute, mitfühlende Seele! Man hat Freunde gewonnen auf den ersten Blick, die Gefühle erwachen unter dem Anhauch der Weiblichkeit, man fühlt sich schon wie zu Hause.
Und jetzt durch den Park in einem weiten Bogen um das Herrenhaus, man möchte das Schloßantlitz sehen. Da, über dem tauglitzernden, weiten, grünen Rasen steht es und leuchtet weiß. Ein behäbiger, breiter Mittelbau mit dreieckigem Giebel und französischem Dache, den breiten Flur von dickgepolstertem Efeu flankiert, links und rechts breite Gebäudeflügel mit hohen Dächern, grünen Fensterläden, ländlich, behäbig und zugleich so vornehm!
Franz tritt nicht heraus aus dem Buschwerk, er möchte nicht gesehen werden, er ist so schüchtern. Auf dem Rückweg begegnet er einem jungen Mann im Walde mit einem Buch. Der Sohn des Inspektors. Ein junger Philosoph, der die Ferien daheim zubringt. Sie grüßen sich schweigend. In der Nähe des Gutshofes begegnet ihm der Inspektor selbst. »Guten Morgen, Herr Kapellmeister!« ruft er schon von weitem, bleibt stehen und beginnt ein Gespräch über Musik. Er rühmt sich seiner eigenen Musiktalente. O weh: ist schon gefehlt! Aber man muß gute Miene machen, es sind die Leute, auf die man angewiesen ist.
Im Wirtschaftsflügel erscheint die Frau Inspektor am Fenster. Sie will als Gnädige behandelt sein und gibt sich mit einer gezierten Vornehmheit, als ob sie die Gräfin selber wäre. Sie nickt und setzt mit deutlicher Unterscheidung hinzu: »Morgen, Herr Musiklehrer!«
Man hat so ziemlich schon das ganze Grafengesinde am Morgen begrüßt, den jungen Doktor, der mit seinen vierundzwanzig Jahren kränklich tut wie eine alte Dame, den Rentmeister, der herumsteigt wie ein großer, dicker, roter Puterhahn, den Koch, der sehr fidel tut, die Kammerjungfer, die alte Kinderfrau, den etwas unwirschen Beschließer, die beiden Stallmeister. Das sind die Leute, zu denen man jetzt gehörte. Soviel Menschen, so viele Titel haben sie dem armen Schubert an den Kopf geworfen, daß er wirklich nicht mehr weiß, was eigentlich für eine Rolle am Gutshof er zu spielen bestimmt ist.
Auf dem Zimmer steht bereits das Frühstück: Kaffee, ein Ei, etwas Butter und zwei Brötchen. Sehr splendid! Franz hat das dankbare Gefühl, im Schlaraffenland zu sein. Endlich einmal nicht denken zu müssen: wovon werde ich heute leben, wo werde ich das Nötige morgen hernehmen und übermorgen? Wird es reichen für den heutigen Tag? Was kann ich mir vom Mund absparen, um das Dasein zu fristen, so lange, bis das kärgliche Stundengeld wieder bezahlt wird? Das ist jetzt alles von ihm genommen. Er weiß gar nicht, wie ihm geschieht -- so frei, so leicht, so unbeschwert von Sorgen, arbeiten können, ohne den fürchterlichen Druck der Lebensnot zu spüren! Von nichts gehemmt kann der Born der Erfindung springen, mächtiger und reichlicher als zuvor!
Die Frühstunden bis elf Uhr vormittags gehören ihm und seiner Arbeit. Um elf Uhr erwarten ihn die beiden Komtessen Marie und Karoline im Musikzimmer. Das ist ein großer, hübscher Gesellschaftsraum an der Vorderseite des Schlosses mit dem Blick auf den Rasenteppich; ein schmales, langes Klavier steht in der Ecke und verstellt eine weiße Glastür, die oben in einem halbkreisförmigen Bogen endet, ganz empiremäßig, und mit weißen Linnenvorhängen bespannt ist. In der Fensternische steht eine blumige Polstergarnitur mit Sofa, hohen Fauteuils und einem Tisch in der Mitte, der auf einem Bein mit breitem Sockel steht. Auf der anderen Seite des langen Saales steht ein Schreibtisch beim Fenster, und in der Ecke ein langer, niederer Lesetisch mit vielen bequemen Stühlen herum. Familienbilder hängen an den Wänden in Türhöhe, darunter eine Unzahl Miniaturen, in kleinen Schränkchen an den Pfeilern und in der Ecke befindet sich edles Porzellan. Der glattgewichste Parkettboden blinkt spiegelhell. Freundlich, behaglich und vornehm ist es in dem Raum.
Die beiden Komtessen behandeln ihn wie einen Bruder. Sie sind aufmerksam und liebevoll mit ihm, gar nicht scheu; besonders Karoline geht so liebreich mit ihm um, daß er selbst alle Sprödigkeit verliert und sich alsbald natürlich gibt wie unter seinesgleichen. Auch sie nennen ihn zuerst »Herr Professor«. Seine Verzweiflung darüber gibt ihnen zu lachen, das Eis ist damit gebrochen gewesen, aus dem »Professor« wird wieder der Herr Schubert, er avanciert zum »lieben Herrn Schubert«, der »Herr« fällt als überflüssige Förmlichkeit fort; auf der Stufenleiter zum Komtessenherzen rückt er vor zum »Franzi«, manchmal zum »lieben Franzi«, dies aber nur unter Ausschluß fremder Zuhörer.
Auch die Frau Gräfin ist freundlich, gutmütig, eigentlich nicht herzlich, nicht warm, aber wohltemperiert. Immer gleichmäßig, gleichmäßig lauwarm mit unverändert zur Schau getragener wohlwollender Miene. Sie gibt sich so einfach, so leutselig, dabei so leise und zurückhaltend, daß die Leute sagen: die Gräfin ist ein Engel! Sie tut, als ob sie von Standesunterschieden nichts wüßte, aber hinter ihrer klugbedachten Art liegt die ganze unaufgedeckte Kluft, durch die sie sich von gewöhnlichen Sterblichen fernhält. Ihr Stolz trägt die Maske herzgewinnender Bescheidenheit, aber es ist nicht Herz in ihrem Gehaben, sondern nur die unerhörte Zucht des aristokratischen Selbstgefühls.
Franz fühlt es, wieweit alles Menschliche bei ihr vom Standesbewußtsein bestimmt und abgezirkelt ist; ihre Freundlichkeit hat anfangs etwas Bedrückendes, Demütigendes für ihn, aber man gewöhnt sich daran. Sie liebt die Musik, es ist die einzige Brücke zwischen ihm und der Gräfin -- aber sie erkennt in ihm nicht den Genius, der Königen im Range gleichkommt; er bleibt in ihren Augen nur der bessere Diener, der das Klavier bedient, den Unterricht erteilt und nebenher sich in Komposition versucht.
Es liegt ein schmerzlicher Stachel in dieser Erkenntnis, aber die Milde der Gräfin schafft eine solche Linderung um die stille Demütigung, daß die Auflehnung ganz hilflos wird. So großartig versteht sie die Welt in Schranken zu halten und eine Art luftleere Sphäre um sich herum zu schaffen, daß nichts Lebendiges an sie heran kann. Diese aufreizende, ewig gleichgestimmte Freundlichkeit! Franz, der angefangen hatte, sich darüber zu ärgern, muß schließlich damit enden, indem er sie ob dieser Kunst bewundert.
Die zwei Musikstunden am Vormittag vergehen im Flug. Die beiden Komtessen sind ja so gute Kinder! Um halb zwei Uhr wird zu Mittag gegessen. Franz speist mit der Herrschaft. Das ist das einzig Unangenehme in dem Schlaraffenland. Man fühlt sich so geniert. Und gar der Herr Graf! Wenn der kommt, dann sinkt alle Unbefangenheit auf den Gefrierpunkt herab. Wenn Franz vor einem Menschen ein Bangen hat, so ist es dieser robuste Mann mit dem geröteten Gesicht, den herrisch dreinblickenden Augen und dem brutal rücksichtslosen Ausdruck seines Gesichts.
Der Graf küßt der Gräfin die Hand, spricht im Kreis der Familie nie anders als mit gedämpfter Stimme, ist dem armen Franz gegenüber von einer Zurückhaltung, die so eisig ist, daß die wohlgemessene Freundlichkeit der Gräfin dagegen wie ein heißer Quell von Herzlichkeit wirkt. Kaum, daß der Graf fünf Worte je mit ihm gesprochen hat. Während er sich mit leiser Stimme nach den Fortschritten seiner unbekümmert plaudernden Töchter erkundigt, denkt der stillsitzende Franz an die furchtbare Donnergewalt und an die Flut von Schimpfreden, die er am Morgen vom Stallgebäude her aus dem Munde des Grafen gehört hat. Dem seiner Zartheit ist nicht zu trauen!
Das Mittagessen ist so einfach wie möglich. Suppe, Fleisch, Gemüse, etwas Mehlspeise, Obst. Am Freitag gibt es Fisch. Zweimal die Woche entfällt das Fleisch; ab und zu gibt es Entenbraten. Wiener Bürgersleute leben weitaus üppiger, eine Kost wie diese haben auch die gewöhnlichsten Leute der Stadt. Freilich die Zubereitung ist über alle Begriffe gut. Aber dem guten Franz mundet's trotzdem nicht. Das Ungewohnte der Lage -- diese verflixte Schüchternheit!
Zu Abend speist Franz ebenfalls mit den Herrschaften. Ein Ei, Butterbrot, ein Glas Milch, später etwas Kompott. Herrgott, ist das eine Sparsamkeit! denkt sich Franz. Grenzt schier an Geiz! Ist aber nicht so. Ist bloß raffinierte Zucht, die solche Prachtexemplare aristokratischer Menschen erzeugt. Die Komtessen Marie und Karoline, was sind das für herrlich blühende Mädchengestalten. Und einfach, einfach -- man sollte es nicht glauben! Ein schlichtes, weißes Kleidchen -- eine bürgerliche Mutter würde sich ein Gewissen daraus machen, die Tochter so schlicht zu halten. Die Leute würden denken, man habe nichts anzuziehen, also wird die Tochter wie ein Palmesel herausgeputzt. Aber die adeligen Fräuleins können sich den Luxus der allergrößten Enthaltsamkeit und Einfachheit erlauben. Es ist wirklich das Allerkomplizierteste, diese Einfachheit!
Franz wundert sich, keinen Tropfen Wein oder Bier, weder zu Mittag noch zu Abend. Woher nur der Herr Graf sein rotes Gesicht hat?! Der Kammerdiener erklärt es: »No, ganz einfach; fahrt Graf mit Viererzug nach Eisenstadt die Woche drei-, viermal, da fließt Sekt in Strömen -- aber zu Hause, nicht einen Tropfen!«
Aber das Gesinde hat eine andere Lebensführung. Da gibt's Bier und Wein zu Abend, mächtigen Schweinsbraten, mittags Geflügel, ja, da lebt man hochherrschaftlich! Der Herr Rentmeister läßt sich nichts abgehen, der Herr Inspektor hält nicht weniger auf guten Tisch, jeder trachtet, daß er nicht zu kurz kommt bei den Genüssen dieser Erde. Nur wenn in der gräflichen Familie Gesellschaft ist, darf Franz auf seinem Zimmer oder im Inspektorflügel essen. Er gehört zur Familie, wenn sonst niemand da ist, im übrigen wird er dem Grafengesinde zugezählt. Hier kann man wieder ganz Mensch sein! Es tut so gut, aus den dünnen Höhen einmal wieder herabzusteigen und festen Fußes auf der Erde zu wandern. Ein Glas Bier zu trinken, einen Becher Wein -- der Herr Kammerdiener hat immer einen guten Tropfen auf der Seite und fragt des öfteren, ob er nicht vielleicht ein Glas voll abends aufs Zimmer stellen darf, nach dem frugalen herrschaftlichen Souper.
Die vertrauliche Frage läßt tief blicken, aber die Heimlichtuerei ist dem guten Franz zuwider; er lehnt es ab, obgleich die Zunge danach lechzt -- er lebt jetzt als richtiger Puritaner. Nur bei dem Essen im Inspektorflügel, da legt er sich keinen Zwang auf, es geschieht offen und vor aller Augen -- du lieber Gott! weswegen hast du denn einen so guten Tropfen wachsen lassen, wenn ihn der Mensch verschmähen soll?! Nur keinen Spott über diese Himmelsgaben -- alles, was gut ist und das Herz erfreut, soll der Mensch genießen dürfen, das ist sein Standpunkt. Die übertriebene Frugalität in Ehren, ist aber nicht jedermanns Sache, und der Künstler ist am wenigsten Kostverächter.
Es kommen abends öfters Zigeuner vorbei und spielen beim Inspektorflügel auf, ganz unten, wo die Linde steht, in der Nähe vom Ententeich. Ist das eine Musik, die sich glühendheiß in die Adern ergießt und das entschlafene Feuer weckt! Schwer und sehnsüchtig wird einem dabei. Die braunen Pußtasöhne stehen unter dem Baum und geigen, wie es ihnen der liebe Gott diktiert. Auch die haben's von niemandem sonst gelernt, aber es klingt anders, ganz anders, als es Schubert weiß. Schwermütig, wild aufjauchzend, fortreißend in wilder Leidenschaft, besinnungslos und wieder hinklagend wie der unendliche Sehnsuchtshauch der Pußta. Wild ergreift es die Menschen, die Knechte in weißen, weiten, gefransten Hosen, die bis unters Knie über die Röhrenstiefel hängen, eine enge, kurze Jacke an, ein rundes Hütlein am Kopf, reißen die Mägde an sich, und nun wirbeln sie hin in Raserei.
Eine neue Welt geht vor den Sinnen des jungen Künstlers auf, der fremde Quell von Tönen, der ihm da entgegensprudelt, ist nicht verloren, er weckt einen verwandten Ton in seiner Brust, irgendwie tritt der neue Zufluß in seinem eigenen Melodienstrom verwandelt zutage.
Rosa, das Stubenmädchen, wird elegisch bei der Zigeunermusik. Sie ist nicht mehr ganz jung, hat mancherlei Erfahrung, aber das Herz -- das Herz ist noch töricht.
Und dieses Herz hat sie auf der Zunge; sie begleitet ihre Geständnisse mit einem frommen Augenaufschlag: »Ich kann halt nicht nein sagen -- die Männer sind so schlimm --« Ob er ein Liebchen in der Stadt gelassen hat, fragt sie Franz, weil er immer so ernst und traurig sei. Sie will ihn trösten.
Warum!
O, sie weiß, was das heißt, wenn man ein Liebchen verloren hat. Da geht man herum wie ein halb Gestorbener. Ihr ist es auch einmal so gegangen. Sie hat geglaubt, sie könnte es nicht überleben. Und hat es doch überlebt. Aber wie -- fragt nur nicht wie!
Sie lehnt sich an Franz' Schulter und fährt mit dem Zipfel ihrer Schürze an die Augen.
»So gelockte Haare hat er gehabt wie der Herr Kapellmeister! Drum waren Sie mir gleich so sympathisch -- ich habe es Ihnen angesehen. Sie haben ein Herz im Leib -- o, auf den ersten Blick habe ich gewußt, wieviel es geschlagen hat!«
Aber Franz schweigt. Er kann Rührseligkeiten nicht leiden, und dann ist dort der Herr Beschließer, der macht schon ganz fürchterliche Augen, er ist eifersüchtig auf den Musikus.
Franz wird sozusagen auf Händen getragen, auf Frauenhänden, das läßt man sich gern gefallen. Warum sollte er unfreundlich sein gegen Rosa. Sie ist hübsch, und Sympathie verpflichtet. Sie leistet ihm gar zu gern Gesellschaft und vertraut ihm ihre Geheimnisse an, wenn sie den Kaffee bringt, und dabei verplauscht sie sich gern ein bißchen. Aber da schleicht schon der argwöhnische Höllenhund von einem Beschließer vor der Tür herum und guckt durchs Schlüsselloch, ob er nicht etwas bemerken könnte, um Skandal zu schlagen. Teufel auch, soll umherschleichen, der schlechte Kerl -- soll man etwa nicht ein Wort reden dürfen miteinander?
Aber Franz ist nicht nur von dem weiblichen Gesinde auf Händen getragen, er wird auch von gräflichen Händen auf Rosen gebettet. Die beiden Komtessen haben ihn ins Herz geschlossen. Am meisten Karoline. Die kalte Freundlichkeit der Gräfin, der rohe Hochmut des Grafen -- es wird reichlich wett gemacht durch die natürliche, unschuldige, echt menschliche Zuneigung der beiden Komtessen. Wie Kameraden wandern sie mit ihm nachmittags in den Park hinaus, streichen zwischen den Feldern umher, zwischen den Weingärten; zur linken Seite und zur rechten Seite hat sich ein Komteßlein eingehängt, und beide wetteifern im Schöntun. Er muß Fangen mit ihnen spielen, in ihren dünnen, weißen Kleidern jagen sie behend neben ihm her wie die Jagdgöttinnen aus den nachgedunkelten Dianabildern im gräflichen Hausflur.
Mit seinen kurzen, stämmigen Beinchen rennt er nach, bis ihm der Atem zu kurz wird, er kann die Jungfrauen nicht einholen, die leichtfüßig und schlank wie junge Rehe vor ihm einherspringen. Aber sie machen's ihm leicht, die lassen sich gutwillig fangen, und dann muß er hinknien, sie winden ihm ein Blumensträußlein, er muß sich's aufs Haupt setzen lassen, Karoline streichelt mit zarten, gräflichen Fingern über seinen Scheitel, und beide werden nicht müde, seine wirren Locken zu bewundern.
Es wird ihm ganz heiß und eng, ein so reiner, seliger Hauch von Liebe geht von den beiden Mädchen auf ihn über, er fühlt wie ein arkadischer Schäfer und möchte die beiden Schäferinnen an sein Herz ziehen -- aber er bittet die jungen Damen, daß man jetzt heimgehen soll, die Mama könnte sonst schimpfen!
Da lachen ihn beide aus, fassen ihn bei den Haaren und bei den Ohren und knuffen ihn zärtlich ab, und wenn ihm das Herz fast vergeht vor Wonne und Weh, er muß fein schweigen und tun, als ob er so wenig spürt wie etwa der Pudel, der sich ähnliche Liebkosungen ruhigen Gemütes gefallen läßt.
Nur in Noten, in Melodien darf das Geständnis seiner Liebe ausströmen. In Tönen darf er träumen »von Lieb' um Liebe, von einer schönen Maid, von Herzen und von Küssen, von Wonne und Seligkeit ...« Wenn er in seinem Zimmer sitzt, dann wird das Herz noch einmal so wach. Bei den Blättern, die er mit krausen Zeichen, Punkten und Strichen bedeckt, denkt er dem Traume nach, das Herz schlägt geschwind -- er sitzt hier allein, aber wenn er die Augen schließt, drängt es sich liebend an ihn -- jetzt ist der einsam Schaffende nicht mehr allein. Die Augen schließt er wieder, das Herz schlägt stürmisch und heiß, am Fenster grünen die Blätter, wann -- »wann halt' ich mein Liebchen im Arm ...?!« So jubelt ein herzvoll sehnsüchtiger Sang in seiner Brust und hat alsbald Gestalt als Lied, um ewig fortzuklingen in der Welt von Seele zu Seele.
Tra--ra! Tra--ra! Ein Horn schmettert draußen, er schmeißt den Federkiel hin und springt ans Fenster -- die Post fährt vorbei. Was hat es nur, das Herz, daß es so hoch aufspringt?
Die Post kommt von der Straße her, die weit, weit zurückläuft -- die Post kommt von der Stadt, wo man so glücklich war im Leiden, ja, so glücklich war! Was machen sie alle? Die lieben Freunde, was macht der Herr Vater, die Frau Mutter, was machen die Brüder? In dieser Einsamkeit, in der man lebt, sind einem die Fernen näher als sonst.