Franz Schuberts Lebenslied

Part 5

Chapter 53,714 wordsPublic domain

Sein Holzpuppengesicht ist knallrot, als er mit den Freunden in der Stadt zusammentrifft. »Ein Abtrünniger ist er!« schreit Holzapfl den Genossen entgegen. »Seine Freunde hat er vergessen, verraten hat er sie, verlassen -- einer Circe ist er ins Netz gegangen, der Ehrvergessene!« und erzählt mit fliegendem Atem alles, was er von Franz gehört, und noch viel mehr dazu, was ihm die erhitzte Phantasie eingibt, die in der Ausmalung verbotener Genüsse schwelgt.

Der romantisch angehauchte Schwind ist dabei, der trägt selbst an heimlichem Liebesleid und träumt von einem adligen Fräulein, dem er in stummer, ritterlicher Minne huldigt. Der kann bös und gefährlich werden, wenn ihm einer an dem Idealen rührt. Fährt auch sofort dem sauertöpfigen Holzapfl übers Maul und hält eine Verteidigungsrede auf Franz, obschon er ihn noch nicht kennt.

»Jetzt gefällt er mir erst recht, weil ich weiß, daß er die Frauen ehrt! Grüßt ihn von mir und sagt ihm, daß ich ihn im Geiste schon heute Bruder nenne! Geh', saures Holzapflgesicht!«

»Wie schaut sie denn aus, die Erkorene?« will der stutzerhafte Herr von Schober wissen, der im Gegensatz zu Schwind eine etwas lockere Weltansicht über die Amourschaften hat.

Holzapfl ist gereizt wegen Schwind und tut auf eigene Faust wissend. »Eine Vogelscheuchen ist sie, schielt, hat zwei linke Füß', stoßt mit der Zunge an, und ist dumm wie ein Stock -- aber sonst fehlt ihr nichts!«

»Hast du sie gesehen?«

»Nein -- gesehen nicht -- aber gehört! War doch die, die am Chor gesungen hat!«

Jetzt aber hat der essigsaure Holzapfl auch bei den anderen ausgespielt.

»Der Stimme nach muß sie schön sein wie eine Helena!« versicherte der kennerhafte Herr von Schober, der sich in Schönheitsurteilen auf den jungen Paris hinausspielt.

Ganz zuletzt läßt sich der ernsthafte Spaun vernehmen: wie dem auch sei, es scheint doch etwas Bedenkliches daran zu sein, man müsse sich doch umsehen, um den lieben Franz aus einer womöglich gefährlichen Umschlingung zu befreien; es sei nicht gut für ihn, draußen in der Vorstadt unter kleinen Leuten zu hausen, der Künstler müsse seine innere Freiheit bewahren, man sollte ihm häufiger bei einem Glas Punsch im engen Freundeskreis das Gemüt erheitern. Es wird beschlossen, daß Spaun den Wildling aufsuchen und bewegen soll, öfters in der heiteren Tafelrunde zu erscheinen.

Im flaschengrünen Schulmeisterfrack mit großen Knöpfen, hoher Halsbinde, daß kaum das Kinn herausguckt, frisch gebügelter Nankinghose, derben Halbschuhen mit Schnallen, Notenrollen unterm Arm, so betritt der Schulgehilfe und Meisterkompositeur Franz Schubert den Salon im Hause Grob. Eine Menge Leute sind da, junges Gfliederwerk mit Kichern und Lachen, junge, geckige Herren, Fabrikantenssöhnerln, Therese mitten unter ihnen, dann auch behäbige, gesetzte Leute vom Schlag des Ehepaares Grob -- musikalischer Abend.

Des Vater Schulmeisters Hausquartett hat ebenfalls allmählich einen größeren Kreis angezogen, es mußte außer Haus verlegt werden und fand bald bei dem einen oder anderen Musikfreund oder Gönner des jungen Schubert statt, eine Zeitlang in der Dorotheergasse, dann im Gundlhof, zuletzt am Bauernmarkt bei Anton Pettenkofen, dem Vater des berühmten Malers. Es waren schon förmliche Konzerte, die immer mehr Zuhörer anzogen, besonders solche, die Schuberts eigene Kompositionen hören wollten -- sie hätten sich, wenn es damals üblich gewesen wäre, Schubertverein nennen können.

Der Abend bei Grob war eine neue Sache, der Anfang jener ungezählten Schubertiaden in Wiener Bürgerhäusern, die so viel von sich reden machten.

Franz, in dem neuen Kreis Menschen ziemlich befangen, machte linkische Verbeugungen nach allen Seiten -- elegant sah er ja nicht aus, das war nicht seine Sache -- aber die Herzen wendeten sich ihm sofort zu, besonders die weiblichen; von der ersten Minute an war er Hahn im Korb. Therese tat gar liebreich mit ihm, die Noten hatte er für sie gebracht, Neuschöpfungen für ihre Stimme geschrieben, eine Huldigung seitens des Genius, die mehr sagte als alle Worte, aber kaum, daß er das musikalische Angebinde darzubieten sich getraute.

Er drückte ihr die Notenrollen in die Hand und bat, sie soll's einstweilen beiseite legen, und später einmal vielleicht einen Blick hineinwerfen, es ist keine so eilige Sache. Sie legte denn auch das Geschriebene in unbegreiflicher Achtlosigkeit beiseite, wie er es gewünscht, was ihm jetzt aber auch wieder nicht recht war.

Er machte sich gleich am Klavier zu schaffen, und es dauerte nicht lange, so hatten sich die Musikfreunde herum gruppiert; das Brodeln und Fiedeln konnte angehen.

Therese saß im Halbkreis gegen den dunklen Hintergrund des Zimmers inmitten von jungen Männern, wohlig zurückgelehnt, träumerisch, daß es scheinen mochte, als wäre sie von der Musik ganz berauscht. Franz, der das Klavier bearbeitete, sah durch seine Brille ab und zu einmal hin, wenn eine kleine Pause für ihn kam. Aber was war das! Täuschten seine Gläser ein Trugbild vor? Sah er Phantome?

Er mußte noch einmal schärfer hinsehen. Beinahe hätte er den Einsatz verpaßt und das ganze Orchester umgeschmissen. Richtig, das war kein Blendwerk! Sie saß dort im Kreise der jungen Männer und einer dieser Pomadenhengste hatte verstohlen den Arm um ihre Mitte geschlungen, und sie, sie ließ es ruhig geschehen .... ja noch mehr, sie lehnte sich an seine Schulter, während sie sich unbeobachtet wähnte, und verdrehte wollüstig die Augen, daß er selbst beschämt und betroffen seinen Blick senken mußte.

Das war also keine Täuschung; eine heimliche Liebesszene spielte sich dort im Halbdämmer des Zimmers ab. Sie, die Heilige seines Herzens, in den Armen eines anderen! Er schlug sein Fortissimo ins Klavier hinein, daß die Saiten hätten springen mögen, stärker schrien sie nicht auf als die zersprungenen Saiten seines Herzens. Ja -- was war er denn jetzt noch, den die Weibsleute liebten und hätschelten?! Ein bloßer Wurstel -- es war zum Weinen -- Holzapfl, du hast recht gehabt!

Es war ihm wohl dabei wie einem, der Zahnweh hat und schmerzstillende Mittel versucht. Augenblicklich wirkte es ja als angenehme Betäubung, er fühlte zwar das Toben inwendig, freute sich aber seiner augenblicklichen Empfindungslosigkeit, war sogar guter Dinge den ganzen Abend lang -- aber nachher, nachher kam's um so schlimmer.

»Die Liebe hat gelogen --« Er wühlt sein eigenes Wehgefühl in Platens Gedicht und spinnt die Melodie heraus, die seinem verwundeten Herzen recht war. Drum ist soviel Leben daran, weil alles, was er schafft, mit seinem Leben zu tun hat und aus diesen Wurzeln sprießt.

Mit einem Male war's ihm zu eng daheim. Die Schule, das Vaterhaus, alles dünkte ihn freudlos und unersprießlich. Seine Sehnsucht irrte wieder ins Uferlose, er kleidete sie in Lieder und sang wie ein Vogel in der Gefangenschaft. Das Glück, wo blieb das Glück?! Das lag draußen irgendwo, fern, im Unbestimmten. Ein Schluck Freiheit, das wäre auch zugleich ein Schluck Glück!

In Laibach ist die Stelle eines Musiklehrers in einer öffentlichen Musikschule zu besetzen; Bewerber werden gesucht, so meldete die amtliche Wiener Zeitung. Dem guten Franz scheint es wie die Grußhand der Ferne, die ihm winkt. Ist das die Freiheit? Einerlei, es ist einmal etwas anderes, eine Abwechslung in dem ertötenden Gleichmaß. Was ist denn Freiheit? Das Recht, sich von einer Abhängigkeit in die andere begeben zu dürfen. Gut also, von diesem Recht, das mindeste, was der gefesselte Mensch hat, will er Gebrauch machen. Er will sein Glück in der weiten Welt versuchen und bewirbt sich. Braucht der Herr Vater derweil nicht wissen.

Der gute Vater Schulmeister hatte aber schon seinen eigenen Plan gehabt. Der ist klug und vorsorgend und sieht ein, daß der Franz höher muß. Auf eigene Faust wirbt er für den Sohn um die erledigte Lehrerstelle an der Schottenschule. Der Schottenprälat ist sein Gönner, etwas Protektion braucht man immer, und wer es verdient, warum sollte der nicht Protektion haben? Doch er am meisten!

Aber so geht's in der Welt, wer's verdient, bekommt's erst recht nicht, denn gewöhnlich haben die, die's nicht verdienen, die bessere Protektion, und das entscheidet. Kurz, das Gesuch des Vaters Schulmeister für seinen Sohn wird abschlägig beschieden. Franzl, du hast frühes Pech!

Der Franzl ist fast froh darüber, denn er möchte weit, weit weg. Freut sich heimlich auf den Weizen, der ihm in Laibach blühen soll. Um den Schnitt zu machen, bedarf es wohl einer ausgiebigen Empfehlung, und der Mächtigste, der dort die Entscheidung zu bestimmen vermag, wäre der Herr Hofkapellmeister Antonio Salieri.

Die Umstände sind glücklich gefügt; die F-Dur-Messe wird in der Augustinerkirche wiederholt. Wie früher Herr Michael Holzer, ist jetzt Antonio Salieri stolz auf diesen Schüler und nimmt den Löwenanteil seines Erfolges auf sich. Er umarmt Schubert nach der Aufführung: »Franz, du bist mein Schüler, der mir noch viele Ehre machen wird!«

Eine Empfehlung Salieris würde in Laibach die erwünschte Wirkung tun; jetzt kann er sie verlangen. Gesagt, getan! Salieri schreibt: »+Io qui Sottoscritto affermo+ ....« Klingt zwar ziemlich kühl, das Empfehlungsschreiben, aber Salieri braucht nur mit dem kleinen Finger zu winken, man versteht schon .... genügt also!

Diesmal nach der Aufführung in der Augustinerkirche ist Franz den Freunden nicht entschlüpft, es hat ja auch keine Therese am Chor gesungen.

Franz hat ein Notenblatt in der Tasche, das ist für Mayrhofer bestimmt, die musikalische Begleitung für das Gedicht »Am Erlafsee«. Von Spaun an der Hand geführt, betritt er mit dem Freund ein niedriges, langgestrecktes Zimmer in der Wipplingerstraße, das sich halbdunkel wie ein Schlauch hinzieht und in einer kreisrunden Erweiterung endet, die durch viele Fenster einströmendes Licht empfängt.

Stimmungsvoll ist es in dem Raum, dessen weiße Decke vom Tabaksqualm gebräunt ist wie eine gut angerauchte Meerschaumpfeife. Blumen stehen am Fenster, ein Kanarienvogel singt, Tabakspfeifen stehen am Ständer in Reih' und Glied, Bücherschränke an den Wänden, in der Mitte des erweiterten Raumes ein kreisrunder Tisch, gepolsterte Lehnstühle herum, denen allerdings hie und da die Roßhaarfüllung aus dem abgenützten Leder hervorguckt, im ganzen aber hat die Behausung den freundlichen behäbigen Anstrich wie die Wohn- und Studierstube eines alten Pfarrhauses.

Mayrhofer, der im Schlafrock, die Pfeife im Mund, bei einem aufgeschlagenen Buch sitzt, begrüßt die Ankömmlinge in seiner etwas bäurisch priesterlichen Art, die ihm noch vom geistlichen Stift her geblieben ist, handfest und herzlich ungeniert, aber mit einem Rest von überlegener Würde; sieht auch so seelsorgerisch aus, zugeknöpft bis oben, als ob er im Talar dastände.

Ein altes Spinett in der Ecke wird aufgeschlagen, die liebliche Musik, die Franz zu dem Gedicht geschrieben hat, erklingt. Mayrhofer verliert fast seine sonst zur Schau getragene gemessene Beherrschung, so entzückt ist er, und macht in gutmütig scheltender Weise dem stillen Spaun den Vorwurf, daß er ihm Schuberts Schöpfungen nicht hoch genug gerühmt habe. Franz selber sagt nicht viel, er schaut sich nur den Mayrhofer an, der wiederum schaut ihn an, und beide sind von diesem Augenblick an in dicker Freundschaft verbunden gewesen. Hat nicht vieler Worte bedurft.

Fast so geht's mit Schwind und mit Schober, als der ganze Kreis abends mit Schubert beim Wein sitzt. Sie haben ihn alle geliebt, die Freunde, vom ersten Augenblick an. Das ist ein Trost, der für manches Leid entschädigt. Ja, das ist mehr, das ist ein Glück, es ist eine Kraft! Franz hat das beruhigende Gefühl: in diesem Zirkel bist du beschützt, hier kann dich kein Übel anwehen, die feindliche Macht wird an diesem Bollwerk zuschanden werden!

Da war's dem Franz auf einmal hell und weit in der Brust. Und er erkannte: hier ist deine Heimat, wo deine Getreuen sind. Sie saßen mit freudigen Gesichtern um ihn herum und feierten seinen jungen Genius. Durch den goldgelben Wein, mit dem sie ihm zutranken, blickten sie ihn an; stand keiner so hoch wie er und waren ihm doch alle gleich, wenigstens durch das Genie der Freundschaft.

Und wie verstanden sie es, dieses Genie der Freundschaft zu betätigen! Sammelten sorgfältig alles Geschriebene von ihm, dessen sie habhaft werden konnten, und trugen die Freude darüber in alle Welt, als Verkünder des jetzigen Meisterleins. Aber der treueste Johannes war der sanfte Spaun. Hat einen blühenden Strauß von Melodien, die Franz um Goethes Lieder gewoben, an Seine Exzellenz nach Weimar geschickt mit einem längeren, devoten Schreiben dazu. Der Künstler wünsche diese Sammlung Seiner Exzellenz in Untertänigkeit weihen zu dürfen .... Ich, einer seiner Freunde, wage es, Euer Exzellenz in seinem Namen darum zu bitten; für eine dieser Gnade würdige Ausgabe würde gesorgt werden usw. usw.

Die Anerkennung Goethes, die Annahme der Widmung soll den Schöpfungen den Weg in die Öffentlichkeit erleichtern und ihnen den buchhändlerischen Erfolg sichern -- aber Goethe gibt keine Antwort. So schwer hat es der werdende Genius bei den Zeitgenossen, den großen und den kleinen! Zeitgenosse, das Wort wird bald einen bösen Klang haben!

»Macht nichts,« tröstet Spaun, »muß auch so gehen. Und wenn du sie eingräbst, deine Werke, so werden sie von selber herauswachsen, so stark ist die Kraft darin. Lauheit, Teilnahmslosigkeit, ja, selbst Widersacherei werden am Schluß Spott und Schande haben!«

»Liegt nichts dran,« nickt Franz, »muß auch so gehen.«

Hebt Schwind sein Glas, trinkt Franz zu, bedeutsam: »Auf unsere Lieben!«

Die anderen verstehen gleich, wo er hinaus will. Aha, denkt der Schober, daher geht der Wind und ist alsbald in seinem Fahrwasser; er hat ja eine so großartige Suada, daß Franz nur so aufhorcht. Und so sind sie gleich mitten drin in der Debatte um Frauenzimmer, um Liebe und Ehe. Gehen's gleich gründlich an, die Neunmalgescheiten!

Da auf einmal läßt sich Franz vernehmen, wettert gar schrecklich gegen das schöne Geschlecht, tut sich wirklich als grimmiger Weiberverächter auf und hat's besonders scharf gegen die Ehe, die er als etwas Schreckliches für den freien Mann schildert, der Herr Naseweis. Alle horchen verwundert auf und schauen jetzt auf den Holzapfl, der dasitzt wie ein Lügner. Kann doch kein wahres Wort dran sein an allem, was er über den ahnungslosen Franz geschwatzt hat! Holzapfl, Holzapfl!

Der schaut ganz dumm drein! Entweder lügt Franz jetzt, oder er hat früher gelogen -- Holzapfl kennt sich nicht aus.

»Da sieht man wieder,« ergreift Spaun das Wort, »wie unser Schubert gesund ist, gesund im innersten Kern -- und wie dagegen der Holzapfl krank ist, krank und wurmstichig!«

Der springt auf und protestiert lebhaft, daß er krank sein soll. Er sei sein Leben nicht einen Tag krank gewesen, er fühle sich so gesund wie nur je einer.

»Ja, aber,« läßt sich Schwind vernehmen, »du leidest eben an ausschweifender Phantasie, du wurmstichiger Holzapfl, du!«

Darüber ist großes Gelächter, daß der trockene Holzapfl an einer ausschweifenden Phantasie leiden soll, und so bleibt es unter der freundlichen Stimmung des Abends verborgen, daß Holzapfl so wenig reinen Mund halten konnte, ja, daß er Schubert eigentlich ein wenig angeschwärzt hatte. Und wird zur Wiedervergeltung von den anderen als räudiges Schaf behandelt.

Das Verhältnis zu Salieri nimmt eine Wendung, als der Italiener einige der nächsten geistlichen Kompositionen Schuberts zu Gehör bekommt. Hat der Schüler alle Ermahnungen, sich italienische Meister zum Vorbild zu nehmen, in den Wind geschlagen? Die B-Messe zeigt es sehr deutlich. Die war unverkennbar einem Boden entsprossen, den so Mächtige wie Beethoven und vor ihm Mozart und früher Haydn gepflügt und ertragreich gemacht haben. Der Italiener hatte eine feine Witterung: Was Schubert machte, war nicht fremdes Gewächs, künstlich in heimische Erde verpflanzt, das war Ureigenes, an deutschen Meistern Erstarktes, vor allem aber Selbstempfundenes: deutsches Gemüt war darin und außerdem das Köstlichste: Heimatsgefühl.

Jetzt begann ein Nörgeln und Tadeln, dies und jenes war nicht recht, der gepriesene Schüler hatte zu gehorchen und nach Salieris Pfeife zu tanzen, sonst waren die Gnaden verscherzt. Es wäre ja klug gewesen, den Mantel nach dem Wind zu hängen, und jeder Streber hätte zum Schein wenigstens so getan, um die Gunst des Fürsprechers zu erhalten; aber die Heuchelei war dem guten Franz nicht gegeben. Er stand schon zu fest auf eigenen Füßen im Gefühl seiner Meisterschaft und durfte lächelnd den unduldsamen Zuchtmeister über die Achsel ansehen.

Er ließ sich eine Weile gutmütig die Kritik gefallen, verlor dann die Geduld und erklärte, jeder müsse als fertiger Künstler auf seine innere Stimme horchen, nicht auf das Gerede von außen -- mit dieser Absage an Salieri war auch der Bruch vollzogen.

Er bekam's bald zu fühlen, der Franz; aus Laibach kam endlich der Bescheid, daß die Stelle schon vergeben sei, ein vorgeschobener Günstling Salieris hatte sie unter der Hand bekommen. Der Traum von Ferne, Welt und Freiheit war vorderhand zerronnen -- armer Franz; er hatte wirklich Pech in solchen Dingen von allem Anfang an. Oder war es Glück? War ihm ein anderer Weg vorgezeichnet, der ihn seiner Bestimmung näher führte?

Wer vermag's zu sagen?!

Wohin nun, da alle Auswege verrammelt schienen? Die Freunde in der Stadt, die waren ein Stück Freiheit, die Zuflucht. Aber von diesen war er getrennt durch lästige und drückend empfundene Alltagspflichten im Schulhaus. Die Freiheit, das war die unbekannte Menschheit, die schon auf ihn aufmerksam zu werden begann. Aber kein Weg und kein Steg führte in dieses gesuchte Land. Recht klein und elend kam er sich vor als armer Schulgehilfe vom Himmelpfortgrund. Still war er, wenig froh, die Sonne erschien ihm kalt, die Blüten welkt, das Leben alt, leerer Schall, was sie daheim redeten, ein Fremdling, er, im gewohnten Kreis.

Und das gesuchte Land, das geahnte, nie gekannte, das hoffnungsgrüne, wo seine Freunde gingen, wo und immer wo? Im Reich der Dichtung fand er verwandte Stimmungen und Schicksale; er ergriff sie als Selbsterlebtes und Selbsterlittenes und gab zu den tief empfundenen Versen, die er sich erwählt hatte, gleich sein eigenes singendes Herz dazu.

Was ihm die größte Last war, seine kleinen ungeschneuzten Schulbuben, denen hinten das weiße Tüchel heraushing, das war nicht selten genug auch sein Trost. Die ließen sich gern erzählen, wenn ihm das Herz voll war, und saßen still und aufmerksam und sahen so verzückt drein, daß sie den verschmierten Engelsköpfen glichen, die auf goldenen Flügeln in der Kirchenempore schwebten, wo er selbst einst singend oben gesessen hatte. Er erzählte gern den Buben von den großen Meistern, die er verehrte. Und die Buben liebten ihn, weil er so zu ihnen redete, als ob sie erwachsen und seinesgleichen wären, die ihn verstehen mußten. Sie verstanden ihn vielleicht auch, auf ihre Weise.

»Einer lebte hier, dessen Genius Licht über den ganzen Erdball verbreitet hat,« so predigte er in einer gesegneten Stunde der Kinderschar. »War auch ein Österreicher, wie ich und wie du und du und wir alle hier zusammen. Hatte den schönen Namen Mozart, den ihr mir nimmer vergessen dürft, denkt an ihn, wenn ihr am Sonntag in der Kirche die große Messe hört. Vergeßt nicht, daß er himmlische Klänge ins Leben gebracht hat, die in der Welt nicht mehr vergehen können. Das war aber kein armer Schulgehilfe, wie ich, sondern ein gefeierter Meister. Konnte nicht abends vorlieb nehmen mit einem Stückel Brot und ein paar Äpfeln dazu, und mit den Hennen schlafen gehen, sondern gab ein festliches Gastmahl, mit Kerzen in silbernen Leuchtern, seltenen Blumen und Früchten, schäumenden Bechern, lud die Menschheit zu sich ein und kredenzte ihr den perlenden Trank seines Herzens. Verschenkte sich so allen und der ganzen Welt, berauschte sich an der emporziehenden Sternenpracht vor den geöffneten Türen des Balkons, rief die unendlichen Mächte, zog sie in seinen Bann, bis die Steine unten am Marktplatz zu leben anfingen und der tote Gast schwerfällig vom Monument heraufstieg und, o Schreck, plötzlich im Saal stand, die blaue Nacht mit ihren Sternen als Hintergrund des steinernen Mannes. Zuerst ein Adagio D-Moll, nur einige Takte, dann regnen schon eisige Posaunenklänge durch das nächtliche Blau, die Sterne tropfen, die Töne gellen auf wie ein silberner Hagel im kristallenen Becken, alle Schauer des Himmels und der Hölle umwehen ihn. Furchtbar schmettert der Geist den Choral: ›Dein Lachen endet vor der Morgenröte!‹ Die Furcht befällt ihn -- doch ist es bloß die Angst, er könnte nicht vollenden, was er so herrlich begonnen. Wenn ihn diese Nacht der Tod anfiele, und er das Werk bis zu diesem Punkte lassen müßte, er könnte die ewige Ruhe nicht finden. ›Wohlan, toter Gast, stoß' an!‹ und gießt seine Feuerseele in ein letztes Glas. Hat die Menschheit alle Schauer der Unendlichkeit getrunken an seinem Gastmahl, hat in den Finsternissen des Lebens den Himmelsschein der Ewigkeit verspürt, o Mozart, unsterblicher Mozart!«

Da war es in diesem Augenblick, als ob wirklich der steinerne Gast in der Tür stand, so fuhr der Schreck dem begeisterten Schulgehilfen in die Glieder. Der gestrenge Herr Vater war's, der schon die längste Zeit hinter der Tür gehorcht hatte, was denn der Franz nur anstelle, daß es so mäuschenstill in der Klasse wäre. Und hat den Franz mit feurigen Zungen reden gehört. Stand jetzt stumm und drohend in der Tür, und es war wirklich so, als ob alle Schauer der Verdammnis den guten Franz umwehen sollten. War auch schon die Welt entzaubert, die Engelsköpfe, die in Reihen Bank für Bank verzückt gelauscht hatten, sie waren jetzt wieder Schmutzfinken geworden. Die selige Stunde war verströmt, die Welt lag wieder Grau in Grau.

Nachher ging der Tanz los. Was er denn für ein unsinniges Zeug den Jungen vorschwatze, wo keiner noch rechtschaffen lesen, schreiben und rechnen kann?! Heißt man das nicht Zeit vergeuden? Und den Buben die Köpfe verdrehen? Daß sie erst recht untauglich werden zu dem Bißchen, was sie fürs Leben brauchen! Hol' doch der Kuckuck diese Extravaganzen, hat ein ordentlicher Schullehrer auf den Lehrplan zu schauen oder soll sich zum Teufel scheren!

Das läßt sich Franz nicht zweimal sagen.

»Herr Vater, ich bin nichts für einen Schullehrer. Lasen Sie mich gehen!«

Jetzt ist die Reihe an dem Vater, der Verdutzte zu sein. Er zieht sofort andere Saiten auf in der Meinung, er hätte den Jungen zu hart angelassen. Also:

»Was sind das jetzt für Sachen?! Von was willst denn leben, ha? Ein Geschäft muß der Mensch haben; sei froh, daß du in der Schul' sein darfst!«

Franz schüttelt abwehrend den Kopf.

»Nein, nein, Herr Vater, damit geht's nimmer. Mich müßt' eigentlich der Staat erhalten. Ich bin eben für nichts anderes als fürs Komponieren!«

Dem Vater reißt die Geduld.

»Der Staat soll dich erhalten, meinst?« höhnt er. »Du bist mir ein sauberer Patron! Möchtst wohl den ganzen Tag spazieren gehen und dich zahlen lassen dafür, pfui Teufel! Hast etwa keine Zeit zum Komponieren nach der Schul'? Hast du's bisher gekonnt, wirst es weiter auch können, verstanden?«

Aber der Stein ist bereits im Rollen, da gibt es kein Aufhalten mehr.

»Sind's mir nicht bös, Herr Vater, aber keinen Schritt mach' ich mehr ins Schulzimmer. Ich kann nicht mehr -- ich kann's einfach nicht!«

Er will's in Freiheit versuchen, auf eigene Faust. Und pocht auf die hundert Gulden, sein erstes verdientes Geld, das er kürzlich von einem Gönner für eine Kantate erhalten hat. Er wird sich schon durchbeißen. Haben's andere gekonnt, warum sollte nicht auch er?! Und wenn's nicht anders ist, lieber den Bettelstab, aber die Freiheit, das hohe, ersehnte Gut, die Lebensluft, die sein Genius braucht, die Freiheit also, die kann er nicht länger opfern.