Franz Schuberts Lebenslied

Part 4

Chapter 43,700 wordsPublic domain

Nach Hunderten zählen die Schöpfungen, die ihm in diesen Monaten durch das graumaschige Netz der eintönigen Tagespflichten als Geschenke des Himmels durch die Finger gleiten. Einer ist, der hat in der Tiefe des deutschen Herzens das unsterbliche Lied erklingen verspürt -- der deutsche Genius hat durch seinen Mund gesprochen: Goethe. Über diesen Dichterquell gebeugt, hat Franz das melodische Rauschen vernommen, darin der Wald raunt, der Bergstrom braust, das Herz aufschreit in Lust und Leid, die Wanderfröhlichkeit jubelt, und die Sehnsucht mit blauem Bande lockt; in sein Inneres hineinhorchend wie in einen tiefen Märchenbrunnen, hat er das Lied singen gehört. Das deutsche Lied. Draußen am Himmelpfortgrund ist es entstanden. Und hat anders geklungen als alles, was man je früher gesungen hat. Tiefer, feuriger, ergreifender.

Die kleinen Schulbuben verstehen nichts von Musik, aber das Lied, dieses und noch manches andere, das ihnen Franz vorspielt und mit halblauter Stimme vorsingt, haben sie gleich begriffen.

Franz legt die Geige sachte wieder hin, da bricht der starre Respekt, der eine künstliche Spannweite zwischen Lehrer und Schüler herstellt, wie eine Eisrinde vor der schmelzenden Glut der Herzen zusammen, die Rotzbuben sind aus den Bänken gestürmt und haben ihn jubelnd umdrängt, die Hand wollen sie ihm küssen, hinaufgeklettert sind sie an ihm, einer über dem anderen. In der Maske des Schulgehilfen haben sie den älteren Mitbruder und Kameraden entdeckt, die Kindheit hat ihn gleich begriffen, wie alles, was menschlich rein und echt ist. Es bedarf keines Nürnberger Trichters, keines Systems, keiner Schulzwangsjacken, keines Ochsens und Büffelns, sie haben es von sich aus verstanden. Somit wäre das richtige Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, gewissermaßen auf du und du, hergestellt.

»Putz' dir die Nasen!« geht die lachende Ermahnung an einen Knirps, der sich just vor inniger Freude an Franzens Handrücken abwischt. Hat aber kein Bub ein Schneuztuch, macht's ein jeder wie der Bauer mit zwei Fingern und dann auf die Erde damit, was im Schulzimmer nicht angeht. Fährt man also, wie im Notfall immer, einmal mit dem linken Rockärmel um die Nase, dann mit dem rechten, daß die Ärmelenden hart und speckig glänzen, wie glasierte Schweinsschwarteln.

Ist ein neuerliches Hallo über den Rotzbuben, daß es laut in den Schulgang hinausschallt, worauf der Herr Vater beim Türspalt hereinguckt, mißtrauisch über die Ungebundenheit, die gerade nur in Franzens Klasse herrscht. Ein Glück, daß im selben Augenblick die Glocke schallt und der Vormittagsunterricht zu Ende ist. Vater Schulmeister schüttelt den Kopf; er ist gar nicht recht zufrieden mit seinem neuen Gehilfen. Daß ein Lehrer die Anhänglichkeit und Liebe seiner Knaben zu gewinnen weiß, wäre schon recht; aber wo bleibt der schuldige Respekt?! Wo bleiben die Schulreglements?! Der Lehrplan?!

»Lehrplan, Schulordnung, Respekt sind die Hauptsachen, verstanden?!«

In Grün will ich mich kleiden ...! Allein oder mit Bruder Karl, der den rechten Landschaftersinn dafür besitzt, spaziert Franz häufig an Sommerabenden zwischen den Feldern und Weingärten der benachbarten Ortschaften umher! Eine versunkene Welt! Heute ragen nichtssagende Zinskasernen in staubigen, lärmenden Straßen in diesen Gegenden, die einst ländliche Idyllen waren.

In Grün gebettet zwischen schwellenden Hügeln mit Wein und Wald, liegen Währing, Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, Döbling, ein lieber Kranz von Landschaften rund um die alte Wiener Stadt.

Begeisterte Naturgedichte entstanden in der damaligen Zeit, die frohen Müllerlieder waren hier für Franz Erlebnis geworden, der sie zum erstenmal sang. Er hat sich seine Dichter gefunden, nach Goethe die besten, und hat ihren Worten einen klingenden Mund verliehen, denn alles, was er hier ansah, war schon heimliche Musik. Er spürte sie zutiefst inwendig, und wenn die Dichterworte durch seinen Genius ihr klingendes Gefieder erhalten hatten, dann blieben sie auch nicht lange daheim in der Schublade, sondern flatterten aus, zu den Freunden in die Stadt, zu Spaun, der regelmäßig neue Noten von Franz bekam und sie wieder bewundernden Freunden weitergab.

Ein Legendenkranz hatte sich drinnen in der Stadt um den einen gebildet, »dessen Ruhm alle anderen überstrahlen sollte«. Er war schon berühmt und hatte zahlreiche Anhänger und wußte es nicht, indessen er abends als armer und sehnsüchtiger Schulgehilfe zwischen den Feldern ging. Und war dennoch auf eine heimliche und sehnsüchtige Weise glücklich, wie man es als naturfreudiger Mensch im Schoß solcher entzückender Landschaften nur sein konnte. Lieder, wie sie damals aus dem Herzen der Menschheit sproßten, blühen dem heutigen Geschlecht nicht mehr, die Menschenseele ist unfruchtbar geworden; sie hat den blühenden Garten ringsum in eine Wüste verwandelt und fristet in den Steinhaufen ein innerlich verarmtes Dasein. Das hätte man damals nicht für möglich gehalten.

Eines Spätnachmittags betraten Franz und Karl den Döblinger Friedhof, wo die selige Mutter begraben liegt. Steinerne Engel knien zwischen dunkelgrünen Zypressen in dem Alt-Wiener Friedhof, Urnen und gestürzte Säulen leuchten weiß in ernstem Grün, rote Blumen bluten da und dort auf den Gräbern. Der Vater hat einen einfachen Stein über den Grabhügel setzen lassen, ein frischer Wiesenstrauß liegt dort zu oben auf. Den hat die Stiefmutter niedergelegt, die Jugendfreundin von der Verblichenen. Gute Seele! Die Vögel schmettern in den Gebüschen wie in einem Lustgarten, die Einsamkeit verbirgt ihr Haupt in dem Schoß der Ruhe und des Friedens! Die Trauer war aus dem Herzen geschwunden, die Selige stand im Verklärungslicht.

Franz war ernst und hoch gestimmt. »Wir gehen alle in Gott!« sagt er plötzlich zu Karl, der zustimmend nickte, den Bruder aber nicht ganz begreift. In tiefem Gespräch gehen sie dann in der Dämmerung hin.

Der gläubige Franz! Er ist kein Grübler, kein Eiferer, kein Kirchenfanatiker, aber er besitzt ein frommes Gemüt wie jedes echte Naturkind. Die Seele weiß sich eins mit dem Geist der Dinge, der Natur, der fernen und nahen Lieben. Sie findet ihren inneren Ausgleich in dieser Allgegenwart alles Gutem, geheimnisvoll Wirkendem, geistig Lebendem und am Weltbau Schaffendem. Für ihn gibt es kein anderes hehres Wort dafür als: Gott! Darum gibt es für ihn auch in der Trübnis kein Sinken, kein Sich-verloren-wähnen, immer und überall geht er in Gott. Seine Seele ist wach und hat alle Fenster auf für die magischen Kräfte des Unendlichen, die auf ihn einströmen und das Band waren, das ihn mit allem lebendig verknüpfte, was er liebte und ehrte. Hier ist der Keimpunkt seines Dichtens und Werdens.

Als sie bei sinkender Nacht heimkehren, ist der Plan seiner Messe, die ihm im Kopf herumgeht, fertig. Seine kindliche Dankbarkeit, die Anbetung des Unendlichen, das Gedenken an die Verblichenen, das göttliche Allgefühl, alles will ausströmen als Gesang, als Jubel der Seele. Das hat ihn der liebe Gott gelehrt, dem will er's wieder zuwenden. Dem großen, geheimnisvollen, schöpferischen Etwas, das in und um ihn ist. Ein ganz Großer hat es ihm zuvorgetan, dem er in Ehrfurcht nachblickt; der herrliche, unsterbliche Mozart, dem der kleine, ränkesüchtige Salieri so bitter zugesetzt hatte.

Mozart, das war ein Wegweiser zu dem ganz Großen in ihm, auf das er horchen mußte. Mozart und dann ein anderer ganz Großer: Herr Ludwig van Beethoven, dessen ehrwürdig finsterer Erscheinung er zuweilen auf einsamen Wegen ansichtig wird. Alles weicht dem scheu aus -- so gehört es sich, wenn ein Gewaltiger kommt.

Trotz aller Schulnöten ist die Messe in zwei Monaten fertig -- gleich in Partitur geschrieben mit sämtlichen Chor- und Orchesterstimmen, die Prim- und Sekundviolinen je dreifach, die Baßstimmen doppelt in F-Dur komponiert -- so schön wie es nur einer kann, dem's der liebe Gott eingibt. Gar herrlich soll das Werk am hundertsten Jahrestag der Liechtentaler Kirche vom Chor herab erklingen.

Franz leitet die Aufführung, Herr Michael Holzer, der Regens chori, sitzt an der Orgel, den Sopransolo singt eine Schöne vom Grund -- Therese Grob. In der Kirche unter der Menge, die Kopf an Kopf steht, lauschen die Freunde Schuberts, die eine große Zahl Sinnesgenossen mitgebracht haben. Spaun ist mit einigen Leuten erschienen, die vor Begierde auf den jungen Meister brennen, den sie schon aus seinen Liederkompositionen schätzen und lieben gelernt haben. Sie lieben alle die Musik, der junge Maler Schwind, der Maler Kupelwieser, der weltmännische Herr von Schober, der dem Priesterrock entsprungene, verschlossene, von innerer Leidenschaft glühende Zensurbeamte und Dichter Mayrhofer, von den Konviktsfreunden gar nicht zu reden.

Nun stehen sie in der Kirche und lauschen auf das Trommeln, Pauken und Schmettern, das oben angeht, als ob sich der Himmel geöffnet hätte und die Heerscharen zu musizieren anfingen.

Zuerst ein stammelndes Geplauder in Tönen, wie wenn ein Kind zum Vater redet, zaghaft, dann unbekümmert, vertrauensselig, voll unschuldiger Hingabe. Jetzt erhebt sich ein Sopransolo mit klangvoller Macht; herrlich steigt die Stimme der Therese Grob aus wirbelnden Tonfluten hervor, schlägt schmerzliche Laute, ein demütiges Bitten, die Geigen flehen mit, der Chor tritt dazu, die Gefühlswoge steigt höher und höher, immer wilder entfaltet sich die blühende Stimme, ringt sich über alle Wirren himmelwärts, eine leidenschaftlich Liebende, die zum Herzen schreit, zum unendlichen Gnadenherzen, um Erhörung zu erzwingen.

Niemand weiß, daß sie längst Erhörung gefunden hat bei dem Meisterlein oben, der das Weltherz in sich fühlt und ganz gerührt und hingerissen ist, nicht so sehr von dem eigenen Werk, als von der einschmeichelnden Stimme der Therese Grob. Jetzt weiß er selbst zu seinem seligen Schmerz, was eine menschliche Stimme bedeuten kann. Er hat wahrscheinlich nicht geahnt, was das einfache braune Greislerkind in der Stadt, die Fanny, um ihn heimlich gelitten hat; nun leidet er um Therese, und ist glücklich, weil er so leidet. Er hat es nicht wissen wollen während der Proben, daß es sein Inneres so mächtig ergreift, aber schließlich gab es kein Vorbeidenken mehr, er ertappte seine Gedanken und Gefühle immer wieder dabei, wie sie mitten im Arbeiten, im Schulhalten, im Träumen, im Wachen und Schlafen auskniffen, und erwischte sie immer wieder bei dem Bild seines Herzens, der Therese Grob und ihrer schönen Stimme.

Nichts nützte es, daß er zählte von eins bis hundert, bis zweihundert, bis fünfhundert, abends im Bett, um ohne müßige Träumerei einschlafen zu können, half eben alles nichts gegen die beschämende Selbsterkenntnis: er war verliebt. Kerl, dummer, närrischer, blöder, verliebter! Möchte sich ohrfeigen, vor sich selber verkriechen, beschimpft sich, verachtet sich, alles umsonst -- die eigenen Koboldgedanken lachen ihn aus. Er kann dem Mädel gar nicht mehr ins Gesicht sehen, ist unhöflich mit ihr, verschlossen, fast grob -- und möchte zugleich in hilfloser Zärtlichkeit vor ihr vergehen.

Jetzt, wo er als Dirigent oben steht und die Stimme wieder niedersinkt, demütig um Erbarmen bettelnd, fühlt er ganz klar, wie es um ihn steht; er zittert, daß ihm beinahe der Taktstock entfällt. Die Geigen klagen und irren ängstlich umher, ein Fortissimo setzt ein, der Chor tritt mit verstärkter Macht auf, und die Stimme wirft sich verzweifelt empor -- und jetzt ist es, als ob sich der Gnadenschoß auftun würde, Engelschöre schmettern aus allen Himmelstiefen die Verkündigung herab, die Stimme der Seligen ertönt süß und heilig, die unendlich erlösende Liebe nimmt die Flehende in ihr unendliches Reich auf.

Die Freunde drängen nach Schluß dem Choraufgang zu, aber Franz ist bereits entschlüpft, einer, der aus dem Gnadenhimmel gestürzt ist und keine Erhörung suchen und finden kann. Heimgerannt ist er, um sich zu verstecken, in sein Zimmer hinauf, heiß und schmerzvoll, da fährt er zurück, ein ungeschlachtes Ding steht da, bleckt ihn mit weißen Zähnen an, ein ausgewachsenes, fünfoktaviges Klavier, ein Geschenk des Herrn Vater zu dem Tag, wo der begnadete Sohn eine Berühmtheit vom Himmelpfortgrund geworden ist. Ja, das ist er imstande, der knickerische, tyrannische, rechnerische Hausvater, der jedem den Bissen vorrechnet und dann wieder das Herz hat, im rechten Augenblick groß zu sein.

Franz steht da wie ein armer Sünder. Ein fürstliches Geschenk! Daß der Vater die Spendierhosen angehabt hat, schier wie ein Verschwender, das rührt ihn fast zu Tränen. Er dankt mit ein paar trockenen Worten, die widerwillig genug klingen. Ja, kann man denn alles sagen, was man inwendig hat?! Lieber soll's einem zersprengen, als so kindische Gerührtheiten! Er muß sich gleich wegwenden, damit man's nicht merkt, was eigentlich in ihm vorgeht.

Aber da kommen schon die anderen angestiefelt, der Herr Regens chori, der Herr Fabrikant Grob, mit ihm die Tochter Therese -- o Gott, da verschlägt's ihm völlig die Red'.

Sie kommen alle gratulieren, der Herr Regens chori ist gar stolz, weil er Schubert seinen einstigen Schüler nennen darf und ein Abglanz des Ruhmes auf ihn, den alten Lehrer, fällt; der Herr Fabrikant Grob aus der Liechtensteinstraße bittet den Herrn Vater Schulmeister und namentlich den berühmten Sohn Franz um die Ehr' ihres Besuches, sie hätten selber ein kleines Hausquartett -- es könnte sich natürlich nicht messen mit einem solchen vollendeten Meister der Tonkunst, wie der Herr Franz -- er möge halt gnädig ein Auge oder alle zwei zudrücken, aber die Freude soll er ihnen nicht versagen, zu kommen, und wenn die Bitte nicht gar zu verwegen ist, sie durch das Vorspielen einiger Sachen zu erfreuen. In der Kirche sei alles hingerissen gewesen, die Leute hätten geweint, und er selber ist dagesessen wie mitten drin in der Seligkeit. So, und jetzt muß er ein wenig verschnaufen.

Therese, schon ein wenig ungeduldig über des Vaters lange Rederei, sie hat selber so viel zu sagen, verpaßt natürlich nicht den Einsatz und legt nun los wie ein Sturzbach, daß dem armen Schubert gar wirr zu Kopf wird. Von ihrem schrecklichen Lampenfieber erzählt sie, daß es ihr die Kehle zugeschnürt hat und wie sie mehrmals auf ein Haar daneben gesungen hätt' -- ob er denn gar nichts bemerkt hätt', der Herr von Schubert?

»Hab' nichts bemerkt,« versetzte er hölzern, »ist ohnehin gegangen wie aus einem Wasserröhrl!«

Wasserröhrl?! -- das kühlt auf einen Moment ab wie eine kalte Dusche. Therese wird einen Augenblick blaß, Franz wird über und über rot, weil er denkt, jetzt hat er was Dummes gesagt. Ja mein, Süßholzraspeln ist halt nicht seine Sache. Das muß sie schon verstehen, daß er's gut meint. »Ist ohnehin ganz gut gegangen,« fügt er hinzu und glaubt schon, weiß Gott was für eine Riesenschmeichelei das jetzt wär'. Ist sehr unsicher und beschließt insgeheim, lieber wenig oder gar nichts zu sagen, bevor er wieder einen Schnitzer macht.

Das Mädel ist erpicht auf Komplimente, ein Bonbon, eine Schmeichelei, sind ja so verwöhnt, die jungen Dinger, schaut ihn fast rührend und bittend an, tut gar so schön zu ihm und laßt ihn nimmer aus, damit nicht Vater Grob den Herrn Franz in Beschlag legt. Süß kann sie es wie eine Turteltaube, redet mit holder Schwatzhaftigkeit vom Hundertsten ins Tausendste, redet nicht nur mit dem Plappermäulchen, redet auch mit den hurtig herumspringenden Äuglein, redet vor allem mit den Händen, die jedes Wort ausführlich begleiten, weiß sich gar nicht zu halten vor lauter Temperament -- Wiener Mädel vom Grund!

Er steht da, steif und unbeweglich wie ein Sack, strengt sich an, möcht' was Gescheites sagen, fühlt sich ganz blöd, fällt ihm absolut nichts ein. Ganz tramhapert ist ihm zumut, und zugleich ist er ganz seltsam bewegt von dem lebhaften Mädchen, die aufgeschossen und schlank vor ihm steht und sich wiegt wie eine blühende, weißgrüne Staude, duftig und schneeweiß gekleidet mit vielen bauschigen Falben, hellgrün besetzt, weißen Strümpfen und weit ausgeschnittenen Halbschuhen, die mit kreuzweise um das Bein geflochtenen Bändern festgehalten sind. Die Ärmeln sind weit und hoch geschoppt, das gibt ihr etwas Rundung, was sie nötig hat, der Hals trägt im tiefen Brustausschnitt ein farbiges Medaillon an einem schwarzen Samtband, sie scheint um einen Kopf größer, vielleicht wegen der hoch aufgetürmten Frisur, die den Scheitel mit einem Lockenbau krönt. Das Gesicht wäre hübsch zu nennen, wenn die Nase nicht ein wenig zu lang geraten wäre.

Aber ihre Lebhaftigkeit verschönert sie, sie ist immer in Bewegung, das verschleiert die Fehler. Er könnte sie nicht beschreiben, die zum Teil recht unproportionierten Einzelheiten fallen ihm gar nicht auf, er hat nur den Eindruck von etwas sehr Lieblichem als Gesamterscheinung, und die Erinnerung ihrer Stimme im Ohr -- so erscheint sie ihm zauberschön. Mit einem Wort: er ist weg, ganz weg! Während ihr das Mundwerk geht wie ein Mühlenrad, denkt sie beiseite: daß er gar so ein Stockfisch ist und nichts sagt als bloß Hm! Ja freilich! Natürlich! So so -- ja ja!

»Also Herr von Schubert,« versichert der Schäker beim Abschied, »eine ganze Stunde haben wir verplaudert und lustig war's! Also nicht wahr, Sie kommen ganz bestimmt zu uns -- es tät' den Vater halt soviel freuen!«

Franz besann sich.

»Das muß ich mir erst überlegen -- wir werden schon sehen .... wissen Sie, ich hab' halt so wenig Zeit!«

Das Herz schrie zwar: ja, ja, ich komme gleich, lieber heute als morgen, aber die Angst, zudringlich zu erscheinen, legte ihm Worte in den Mund, daß es fast wie eine Absage klang. Der Vater Schulmeister mußte sich ins Mittel legen und an seiner Statt die Zusage geben.

Hinterher stieg's dem guten Franz zu Kopf, daß er sich so geziert hatte. Sie wird doch wohl nicht gekränkt sein? Der Gedanke brachte ihn beinahe zur Verzweiflung. Rannte hinaus in die Einsamkeit, zwischen den Feldern die halbe Nacht umher. »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide ....« Lust und Schmerz wird Gesang. Ein Glück, daß er schreiben kann. Musik, o Musik! Sprache der Seele, Sprache der Götter! Sprache der Liebe!

Aber Worte müssen dabei sein, Worte! Ein Wort wenigstens. Ein süßes, inniges. Lautet: Therese! Muß es wenigstens vor sich hinsagen können, muß es hören. O Gott und die Qual, mit niemanden darüber reden zu können. Mit den Rötzlingen in der Klasse? Ausgeschlossen! Mit den Brüdern? Das ginge schon gar nicht! Man hat sich ja recht gern, aber man schämt sich seiner Gefühle voreinander, unter Verwandten ist das einmal so. Man läßt nicht gern in sein Inneres hineinschauen.

Bei dem Freund ist das was anderes, den hat man nötig -- als Seelengefährten. Ein Glück, daß jetzt einer daherkommt, der Erlösung bringt, sonst müßte man sein Geheimnis ja in ein Erdloch hineinschreien, damit es nicht die Brust zersprenge. Holzapfl ist es, der liebe Kamerad von der Schulbank her. Ein nettes Bürschlein, das Gesicht kugelrund, etwas gschaftelhuberisch von Gebaren, wichtig und eilig.

Schwärmt natürlich gleich von der Messe, haben alle so ungemein bedauert, daß sie den Franz nicht haben sehen können. Hätten gern eine kleine Nachfeier veranstaltet, scheint aber schon ordentlich stolz geworden zu sein, der Franz, jetzt, wo ihn die Sonne des Ruhmes bescheint ..... die Freunde lassen ihn natürlich alle schön grüßen, schöne Grüße unbekannterweise auch von Schwind, von Herrn von Schober, von Mayrhofer, von dem er übrigens ein Gedicht bringt. Der Spaun hat's ihm gegeben, Franz möcht's durchsehen, ob's ihm gefällt, Herrn Mayrhofer tät's riesig freuen, wenn es von einem solchen Künstler vertont würde. »Am Erlafsee« heißt es ....

Franz nimmt das Gedicht, legt es wortlos hin, packt Holzapfl unterm Arm: »Komm, ich muß hinaus an die Luft!« und draußen sind sie alle zwei, in irgendeiner Erdfurche zwischen den Feldern und Hügeln, in einem Weinbergshohlweg verschwunden.

Wovon reden sie? Von dem großen Ereignis natürlich, von der Messe. Franz erklärt und erklärt und beweist ihm haarscharf, daß das Beste des Gelingens ihr zu verdanken sei, ihr allein!

»Wem, ihr?«

»Nun ihr -- der Therese. Die Stimm', Freund, daß einem 's Herz in der Brust zergeht! Wie soll ich dir's denn sagen .... mein, ich kann dir's ja nicht sagen! Ich schäm' mich ja -- aber es muß doch 'raus! Du -- lach' mich aber nicht aus! -- Du -- hörst mich?!« Er rüttelt den Holzapfl bei den Schultern.

»Ich lach' dich bestimmt nicht aus!« schaut ihm der Holzapfl gerade ins Gesicht und tut sehr ernsthaft.

Drückt ihn der Franz auf eine Grasböschung nieder.

»Setz' dich nieder, daß du nicht umfallst. Aber du, wenn'st mich auslachst, dann, dann ...«

Der Holzapfl ist platzgespannt im Gesicht vor Erwartung und Neugier. Die klugen Äuglein bohren sich fest und fragend in Franz, als wollten sie bis auf den Grund des Herzens sehen; aufpassen tut er wie ein Haftelmacher, daß ihm kein Wort entginge.

Franz packt ihn jetzt und hält ihn fest. »Du -- dir sag' ich's jetzt und niemand auf der Welt! Schwör', daß es unter uns bleibt, schwör'! Also -- verschwiegen wie das Grab! So, jetzt will ich dir's sagen -- weißt du, wenn ich jetzt könnt' -- sie und kein andere!«

Holzapfl springt auf, reißt sich los, schamrot im Gesicht, dem Weinen nahe.

»Franz, du -- abtrünnig! Ein Frauenzimmer -- das hätt' ich nie geglaubt von dir!«

Sie gehen eine Weile stumm und erregt nebeneinander, Franz begossen wie ein Pudel. Geschieht mir schon recht, denkt er, wozu hab' ich's nötig gehabt .....

»Ein Frauenzimmer -- zehn Schritte vom Leib!« beginnt Holzapfl zu fiebern. »Da bist du schon verloren -- hat Samtpfoten, stecken aber Teufelskrallen drin, lassen dich nimmer aus -- bist ihnen verfallen mit Leib und Seele. Kommt mir keine an den Leib, eher -- ich weiß nicht, was ich eher tät'! Fürchtest du dich denn gar nicht, Franz? Tu's nicht, ich bitte dich, tu's nicht! Wir sind deine Freunderln -- sind wir nicht genug?! Du uns im Stich lassen, hast nicht genug an uns?! Ich wär' zu stolz an deiner Stell'. Was ein rechter Kerl ist wie du, der soll nicht einmal hinschauen auf sie. Verachten tu' ich's, das ganze Weibergelump!«

So redet der mannesstolze Jüngling in seiner Ekstase der Keuschheit. Franz ist jetzt wirklich beschämt, er empfindet ähnlich, er hat auch seinen herben Jünglingsstolz, aber verachten, verachten kann er sie just nicht, die Holdinnen, und nun gar Therese! Er verteidigt sich und seine Liebe, so gut er kann. Aber es klingt etwas hohl wie eine geschwollene Phrase. »Glücklich, der einen wahren Freund findet!« sagt er. »Glücklicher, der in seinem Weib eine wahre Freundin findet!«

Der andere ist immer mehr aufgebracht.

»Freundin, sagst du? Gibt es nicht! Puppenköpfe! Steht ihnen nur der Sinn nach Bändern und Kram. Tändeln, spielen Fangball mit dir. Ist mit ihnen das Unglück in die Welt gekommen. Hätte glücklich gelebt, der Adam im Paradies, wär' nicht die Schlange dagewesen mit dem Apfel. Wer ist die Schlange? Das Sinnbild des Weibes ist es, ihrer Arglist und Falschheit. Ich beschwöre dich, Franz, bei unserer Freundschaft, bei deiner Kunst, bei allem, was dir heilig ist, laß ab, laß ab -- oder du bist hin!«

So kämpft der Knabenstolz gegen etwas, das er nicht kennt, das er fürchtet wie eine dunkle Nacht -- er würde sich nicht so wehren dagegen, wenn er ihr nicht schon halb und halb verfallen wäre -- im Unbewußten wenigstens.

Sie ringen miteinander mit harten Worten. Franz ist erbost. Er will keine Hofmeisterei, er hat nichts getan, weswegen ihn der andere jetzt maßregeln dürfte. Die Freiheit muß er haben, er selbst muß er sein können -- ob so oder so. Nun bäumt er sich zum erstenmal bewußt auf gegen den Freund.

»Laß mich in Ruh'!« braust er auf. »Du, geh -- dein Weg ist dort; ich gehe hier, meinen Weg! Servus!«

Und läßt den Verdutzten stehen. Jeder wandert allein fort in Dunkelheit.