Franz Schuberts Lebenslied

Part 3

Chapter 33,625 wordsPublic domain

Aber der Vater, der macht Augen, als der Bub wieder heimkommt. Hat jetzt noch so einen Fresser am Brotsack hängen. War vom richtigen Bauernschlag, der Vater Schulmeister, ein dicker, harter Schädel, saß ihm der feste Sinn in dem entwickelten Kinn, war einer, der nicht gerne nachgab und den Kreuzer zehnmal umdrehte, ehe er ihn auslegte. Ein rechtschaffener Mann, der für die Jungen sorgte bis zum Flüggewerden, aber dann sollten sie selber schauen, wie sie zu ihrem Futter kämen. Sparsamkeit bis zu Knickerei und Geiz, das war Bauerntugend. Und die saß fest bei ihm. Wie wär' man denn zu eigenem Grund und Boden gekommen, zu einem selbst erwirtschafteten Häusel, wo die Wirtschaft am Schnürchen ging, bei dem dürftigen Schulkreuzer, wenn man nicht Groschen auf Groschen gelegt hätte?!

Es war an einem schönen Sonntagmorgen, als Franz heimkam. Der Vater saß allein in der unteren Stube und frühstückte. Als er des heimkehrenden Sohnes ansichtig wurde, schob er rasch den schön gebräunten, innen aber dottergelben, flaumigen Gugelhupf unter den Tisch, wo ein Brett als offenes Fach eingelassen war. Dann schlürfte er seinen Kaffee leer weiter, als ob er nichts dazu zu beißen hätte.

Das Gespräch war ziemlich karg; einsilbige Fragen, einsilbige Antworten. Bis der Vater die verfängliche Frage stellte, ob Franz nun gedenke, den anderen Familienmitgliedern den mageren Bissen wegzuschnappen? Worauf der Sohn flink mit der Antwort bereit war: »Meinetwegen, Herr Vater, hätten Sie den Gugelhupf nicht verstecken müssen, ich mag ohnedies keinen.« Worauf Vater Schulmeister den Gugelhupf wieder hervorholte, aus dem Schrank eine Kaffeetasse nahm, dem Franz das Restchen aus den Kannen eingoß und ihm obendrein ein gewaltiges Stück von dem verheimlichten Gugelhupf vorsetzte.

Franz ließ sich's wohl schmecken. Er wußte, der Herr Vater hatte nun einmal solche Eigenheiten, über die das gute Herz doch immer wieder siegte; und dieses gute Herz hatte sich eben seiner bäuerischen Filzigkeit geschämt, bei der es sich ertappen ließ, und wollte den schlechten Eindruck durch um so größere Freigebigkeit verbessern.

An diesem Tag war kein mahnendes Wort mehr gefallen. Am Nachmittag dirigierte Franz das Streichquartett, das sich im musikliebenden Schulmeisterhaus sofort gebildet hatte. Die Brüder Ignaz und Ferdinand kratzten auf der Geige, der Vater schabte das Violoncello und Franz spielte die Viola. Die beiden Violinen knarrten und quietschten vor Lust und Freude, sie taten aber so laut und ungeniert, als ob sie allein auf der Welt wären. Das Violoncello wollte sich die Ungebundenheit der vorlauten Violinen nicht über den väterlichen Kopf wachsen lassen. Es strengt seine wohlig dunkle Stimme aus Leibeskräften an und plagt sich hinter den beiden Wildfangen mit redlichem Schweiß einher, was nicht immer ohne Unfall vonstatten ging; nur die Viola flötet süß und geleitet die drei stolpernden Kumpanen mit gelinder Festigkeit auf unwegsame Höhen, wo man im himmelhohen Jauchzen hätte die Welt umarmen mögen. Aber das gute dicke Violoncello mußte sich des öfteren schnaufend die Seiten halten und konnte das Springen und Jauchzen nicht so flink mitmachen; bleibt öfters im Notengestrüpp hängen, sucht sich zuweilen ebenere Wege und markiert nur so den hüpfenden und schwebenden Gang der Melodie.

Lächelt der Sohn, klopft mit dem Fiedelbogen ab und sagt schüchtern: »Herr Vater, da muß etwas gefehlt sein ...!« Also werden die schwierigen Passagen noch einmal genommen und immer noch einmal, bis es der Viola und den beiden Fiedeln gelingt, das schwerfällige Cello mit Ach und Krach, aber immerhin mit heiler Haut über Stock und Stein zu bringen.

Ist hinterdrein quietschvergnügt über die eigene vermeintliche Leistung und Fortschritte, schmunzelt vor Behagen und Selbstachtung und läßt sich zur Anerkennung herbei: »Das muß man sagen, können tut er was, der Franz, das haut ihm keiner 'runter!«

Und die Brüder sehen voll Bewunderung auf den Franz hin, die Mutter ist gerührt, daß ihr die Tränen in den Augen stehen, und streichelt ihm scheu und zärtlich über den krausen Schädel, glückselig und erstaunt, so plötzlich diese stattlichen jungen Kerle zu Söhnen zu haben und besonders einen solchen Meister darunter, der ganz beschämt dasitzt und alle Lobeserhebungen bescheidentlich ablehnt. Beinahe hätte sie mit ihren warmen, molligen Armen den Lockenkopf abgefangen und ihn nach Herzenslust abgebusselt, aber sie getraute sich nicht des Vaters wegen, der könnt's vielleicht übel auslegen.

Ist übrigens sehr selten, daß der Herr Vater soviel Lob spendet. Hat man kaum je aus seinem Munde gehört. Ist schon genug, wenn er nichts sagt, als ein Zeichen, daß er zufrieden ist. Wenn ihm was nicht gefällt, dem Herrn Vater, ist er gleich mit dem Tadel bei der Hand, dann spart er's nicht, räsoniert, greint, wettert, daß einem angst und bang wird. Man ist also nicht verwöhnt. Aber daß ihm auch einmal der Mund des Lobes voll überfließen könnte, daran kann man sich eigentlich kaum je entsinnen.

Aber das Schönste kommt erst. Der Vater nimmt die Mutter zur Seite, hat eine kleine, heimliche Unterredung mit ihr, man sieht, daß ihr Gesicht in heller Freude aufleuchtet, und draußen ist sie. Vergnügt und ganz erfrischt kehrt der Vater zu den Notenpulten zurück, er ist heute noch tatendurstig. Es ist noch eine Stunde zum Nachtmahl, die will der Vater nicht verlieren. Also wird noch einmal Musik gemacht, bis es finster ist.

Jetzt erscheint wieder die Frau Mutter, ganz erhitzt und fröhlich aufgeregt -- mein Gott, das Herdfeuer und die muntere Hast! Der Tisch ist fein säuberlich gedeckt. »Kommt's essen!« ruft der Vater und setzt sich als der Erste in den bequemen Lehnstuhl am oberen Ende.

Die Buben -- sind eigentlich schon erwachsene junge Männer, bleiben aber für den Herrn Vater immer noch die Buben -- lassen sich das natürlich nicht zweimal sagen und sitzen schon im nächsten Augenblick um den Tisch herum, der heute sogar mit einem weißen Tuch gedeckt ist.

Und Weingläser stehen auch da! Ein jeder spitzt: »Hei, da gibt's was!«

Die Mutter ist schon wieder in der Küche draußen, sie ist in ihrem Element, wenn sie so richtig wirtschaften kann, aus dem Vollen heraus. Inzwischen wird noch eine Weile über die Musik geschwatzt, Musikanten sind leicht durstig und hungrig, besonders aber durstig -- man hat das Gefühl, als ob man von einer wunderschönen Landpartie zu Fuß und zu Wagen zurückgekommen wäre, die herrlichsten Gegenden und Aussichten genossen hätte, von fernen Gipfeln, die man nur träumen könnte. In diese ätherblauen Seligkeiten hat der Genius geführt -- ja, so ein Streichquartett den lieben Sonntag nachmittag, das ist mehr als ein vierspänniger Wagenausflug.

So, und jetzt sitzt man, in die Wirklichkeit zurückgekehrt, mit erdenfrohem Behagen und Appetit da, die Gabel in der Faust, und wartet mit spähenden Augen der Dinge, die da kommen sollen.

Und da fliegt schon die Tür auf, die junge Frau Mutter rauscht herein, daß die weißgestärkten Unterröcke und die Schürzenbandeln fliegen, die halbnackten, rundlichen Arme tragen hoch eine große Schüssel, eine Duftwolke strömt mit -- hm! daß einem das Maul wässert --, jetzt senkt sich die Schüssel auf die Tischmitte herab, ein vierstimmiger Ausruf: »Ah, Backhendeln!«

Wiener Backhendeln mit Gurkensalat!

Den Jungen verschlägt's fast den Atem, keiner würde wagen, zuzugreifen, sie schauen verzückt auf die Backhendeln und dann verwundert auf den Herrn Vater -- das hat man noch nicht erlebt, außer bei der Hochzeit mit der jungen guten Stiefmutter -- eine solche Freigebigkeit -- was muß denn über ihn gekommen sein?!

Den Vater wandelt jetzt ein Schatten an, er fühlt den verwunderten Blick der Söhne, fast dünkt es ihm jetzt eine Verschwendung, er bereut es beinahe schon wieder, sich in solche Unkosten gestürzt zu haben, und blickt eine Weile sinnend und grüblerisch auf seinen leeren Teller. Die Stirn hat Falten, wie immer, wenn er nachrechnet.

Mechanisch erhebt er sich zum Tischgebet. Die jungen Kerle leiern es herunter mit langen Zähnen, im Mund lauft jedem das Wasser zusammen, man sieht's ihnen ordentlich an -- die Mutter blickt glückselig von einem auf den anderen -- der Vater betet laut und langsam aber wie im Traum, indessen er im Geiste rechnet und rechnet. Er will, bevor er zu essen anhebt, das Exempel lösen, wie er die Mehrkosten von heute im Lauf der Woche wieder hereinbringt, um das knickerische Gewissen zu beruhigen und obendrein so, daß der eine Fresser, der jetzt mehr da ist, dreingeht, ohne daß das Wirtschaftsgeld erhöht werden muß.

Ganz einfach, denkt er, indessen seine Lippen laut und langsam beten, Fleisch gibt's die ganze Woche nicht mehr -- Mehlspeisen kosten die Hälfte -- sind viel gesünder -- Montag Banadlsuppe, kostet fast nichts, heißes Wasser mit Ei und Semmelschnitten, etwas Schmalz; dann Erdäpfelnudel mit Semmelbröseln abgeschmalzen, Zwetschgensauce dazu -- ist gut und nahrhaft, können bampfen dabei, die Schlinghälse, daß sie nicht mehr bah sagen können; Dienstag Grießschmarrn mit gekochten Kirschen; Mittwoch Holzhackernockerln aus Wasser und Mehl, läßt man ein Ei darüber spazieren, macht's nahrhafter und sieht nach mehr aus; Donnerstag Linsen, vielleicht Spiegeleier dazu, wenn's reicht; Freitag ist ohnehin Fasttag, gibt's vielleicht Hirsebrei mit geriebenem Lebzelten drauf; Samstag Kipfelkoch oder Semmelschmarrn, Bofesen wären auch nicht schlecht, vielleicht einen Kirschenstrudel -- die Leibspeise -- wenn sie nur nicht zu teuer kommt --, als Nachtmahl gibt's die ganze Woche nichts weiter als Butterbrot, zur Abwechslung etwa einmal frischen Maiprimsen darauf, und, wenn's hoch kommt, ein paar Kirschen nachher, die jetzt wohl billig genug sind; na, und Sonntag vielleicht wieder einmal einen Schweinsbraten -- sein Gesicht klärt sich auf, indessen er das Kreuz schlägt, das Rechenexempel ist gelöst, er kann sich beruhigt mit Frau und Söhnen an den Backhendeln ergötzen: Im Namen Gott des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Geistes, Amen! Mit einem vierstimmigen Echo schließt das Amen.

Dann ein eiliges Sesselrücken, dicht an den Tisch heran, so bequem und fest als möglich, die Serviette unters Kinn gesteckt, in den Halskragen hineingestopft, der Vater langt mit der Gabel zuerst zu und sticht das Pfaffenschnitzel heraus mit etwas gerösteter Petersilie darauf, wegen des Wohlgeschmacks, flink hat ein jeder sein Trum auf dem Teller, der eine ein solches weißes Bruststück, der andere ein Haxerl, ein Stück Flügerl, ein paar Minuten vergehen wortlos, indessen das zarte Fleisch mit der schönen braunen, knusperigen Rinde zwischen den Zähnen mitsamt den weichen Knöchelchen krachend zerbissen wird und Stück um Stück verschwindet. Zu jedem Bissen Fleisch eine tüchtige Gabel voll Gurkensalat.

Vater Schubert stößt vertraulich den Franz an und deutet mit dem Messer auf das Büchschen Paprika, das am Tisch steht.

»Mußt etwas Paprika auf den Gurkensalat tun! Zum Gurkensalat gehört eine Messerspitze Paprika!«

Also streute Franz vorsichtig etwas Paprika auf den Gurkensalat.

Das gibt zu dem Arom eine köstliche Würze, daß man einen brennenden Rachen hat wie ein Feuerschlucker.

Die Schüssel ist leer, nur ein Häuflein Knochen ist übriggeblieben wie auf einer Schädelstätte. Jeder lehnt sich behaglich und von der emsigen Arbeit aufseufzend in den Sessel zurück; die Flammen in der Kehle müssen gelöscht werden. Da langt der Vater nach einem Krüglein, das unter dem Tisch bei seinen Füßen steht, hebt es sorgfältig prüfend ans Licht und schenkt jedem das Glas voll. Gumpoldskirchner!

Zu Backhendeln mit Gurkensalat gehört Gumpoldskirchner, das ist stilgerecht. Es könnte auch ein Grinzinger sein, ein Sieveringer, ein Alsecker, ein Bisamberger, ein Klosterneuburger, ein Weidlinger, ein Kremser, ein Mailberger, ein Haugsdorfer, ja, man würde gar nicht fertig in der Aufzählung der vielen guten Tropfen, die zu einer solchen Wiener Götterspeise gehören. Jeder hat seine eigene Blume, aber jeder paßt dazu. Vater Schubert liebt besonders den Gumpoldskirchner. Er ist goldgelb, etwas schwerer wie die anderen, kostet auch etwas mehr, aber an hohen Fest- und Feiertagen möcht' man halt auch was Besonderes haben.

Glänzen alsbald die Äuglein, wie der Gottestrank die Zunge hinabläuft, inwendig ein behagliches wärmendes Feuer anzündet, daß die Begeisterung wach wird und die Zungen sich lösen. Schwebt schon der heilige Geist auf sie herab und fängt der eine und andere an, mit Engelszungen zu reden. Franz, der wortkarge, der verschlossene, wird gesprächig.

Ist so eine schöne Sache, die Musik, hebt den Menschen ins Himmelreich, daß er in lichter blauer Seligkeit hinschwebt, als ob er Flügeln hätte und wirklich schon im Paradies wäre. Fällt alles Schwere ab, alle Sorge, und selbst was traurig stimmt, wird tröstlich und labesam. Ist neben der Musik aber auch was Schönes, Backhendeln essen mit Gurkensalat, und Gumpoldskirchner dazu zu trinken! Gewiß! Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Die Seele schwingt sich auf, wandert frank und frei im Reich der Töne, aber sie muß wieder zurück, wenn der Leib schwach und hungrig wird, und muß sich wieder stärken mit ihm, denn Leib und Seele gehören nun einmal zusammen. Wie könnte sie so schöne Lieder erfinden und gottselige Gedanken pflegen, wenn sie nicht hin und wieder durch den Leib mit so herrlichem Essen erquickt würde.

Gibt es doch kein Land, wo so erlesene Genüsse zu haben sind, solche Backhendeln, solchen feinen Salat und einen so himmlischen Tropfen wie diesen Wein! Drum kann auch nirgends die Seele so hoch in Begeisterung steigen wie hier, wo sie auch auf Erden sich bereits im Himmelreich wähnt. Womit schmeckt denn der Leib diese wunderbaren Gaben, wenn nicht mittels der Seele, die es zu schätzen versteht, was ihr hier vorgesetzt wird, und die dann noch einmal so herrlich zu singen und sagen weiß. Diese Backhühner, dieser Wein muß nicht allein mit dem Leib genossen sein, wenn es gut anschlagen soll -- nein, Speis' und Trank ist es für die liebe Seele!

Die Mutter lächelt verklärt und schaut gedankenvoll aufs Tischtuch, die Brüder schauen mit glosenden Augen bald auf den Vater, bald auf den Franz, der eine so verwunderliche Rede hält; Ignaz, der Älteste, schaut drein wie ein Gelehrter, mit den dunklen, brennenden Augen in dem blassen, schmächtigen Gesicht, der gewaltigen Stirn und dem Grübchen im zwiespältigen Kinn -- das haben alle Brüder vom Vater her --, ist selbständiger Schullehrer, hätte aber nie gewagt, vor dem Vater solche freigeistigen Reden zu führen; Bruder Ferdinand, dieweilen noch Schulgehilfe, musik- und sangesbeflissen, lacht mit gutmütigem, verschmitztem Bauerngesicht den geliebten Bruder Franz an, und sitzt ihm die Freude heimlich in den munter blitzenden Äuglein; Karl, der jüngste Bruder, der noch die Kunstschule besucht und Maler werden möchte, schaut mit seinem hellen, offenen Künstlerantlitz bewundernd hin auf Franz und denkt, so muß man's machen, frisch und keck, dann ist der Herr Vater als Wauwau nicht halb so schreckhaft -- rückt näher an Franz heran, hängt mit den Augen an seinen Lippen und berauscht sich an dessen Worten; nun und der Herr Vater, dem die Weinseligkeit aus den Augen tropft, sitzt lächelnd da wie Vater Noah, nickt gutmütig zu dem, was der begeisterte Franz faselt, hebt dann selbstvergessen, als ob die Buben da nicht seine Söhne, sondern seine Kameraden aus der Jugendzeit wären, das Glas, um mit Franz anzustoßen!

Man ist baff! Das hat der Vater nie getan!

Der Herr Vater stoßt mit dem Sohn Franz an, dann stoßt er mit der Frau Mutter an, die Gläser klingen zusammen, und jetzt fahren auch die anderen herzu und stoßen alle zusammen an.

»Prosit, Herr Vater!« der Franz sagt's, dann sagt's der Ignaz, dann der Ferdinand und dann der Karl.

Jetzt schreien es alle vier.

»Prosit, Frau Mutter!« Wieder ist es der Franz, der das sagt. Und jetzt fahren wieder die Gläser zusammen, daß es klingt wie ein Glockenspiel, und alle schreien lauter als vorher: »Prosit, Frau Mutter!«

Karl, der Jüngste, ist so aufgeregt, daß er fast seinen Wein verschüttet. Da sind die kostbaren Tropfen auf das Tischtuch gefallen, und schon fliegt sein Blick ängstlich zu dem Vater hinüber, der sich die Gelegenheit sonst nicht hätte entgehen lassen, dem Karl eine ordentliche Predigt zu halten, wie man sich zu benehmen habe. Die schöne Gottesgabe verwüsten -- Bub, wirst noch einmal froh sein, wenn du so einen Tropfen hast! Aber heute, nein -- der Herr Vater ist gnädig, er tut so, als ob er nichts bemerkt hätte.

Der Schreck ist dem Karl doch gelinde in die Glieder gefahren -- wenn der Herr Vater auch heute nichts sagt, das dicke Ende kommt nach! Dem Alten ist nicht zu trauen -- er hebt sich's auf morgen auf! Aber mit einem Schluck hat Karl die Bänglichkeit hinuntergeschwemmt, die Keckheit gewinnt jetzt Macht über ihn, an Franzens Beispiel gestärkt.

»Sind wir lustig heut -- Prosit, Herr Vater!« und hebt mit knabenhafter Dreistigkeit das Glas, um mit dem Vater aufs neue anzustoßen.

Läßt aber gleich das Glas wieder sinken vor dem strafenden Blick des Vaters.

»Benimm dich!« weist ihn der zurecht. Er kann's nicht leiden, wenn sich Kinder übernehmen. Müssen »Sie« zu den Eltern sagen, damit der Respekt vor der elterlichen Würde gewahrt bleibt, und möcht' dann so ein Junge bei der erstbesten Gelegenheit die strenggezogenen Grenzen mir nichts dir nichts verwischen. Sind doch beide nicht zugleich auf der Schulbank gesessen -- na also! Spricht's zwar nicht aus, der Herr Vater, denkt's aber so ungefähr und redet mehr durch die Augen, die mit langem, einschüchterndem Blick auf Karl ruhen, der schon vergeht wie ein allzu keckes Flämmchen unter einem großen Löschhut.

Erhebt sich drauf der Herr Vater und sagt kurz und bestimmt: »So -- und jetzt schlafen gehen!«

Also gehen alle schlafen, jedes mit dem seligen Gefühl: war ein schöner Sonntag heute!

Aber es kann nicht immer gleich schön bleiben, kommen auf gutes Wetter immer allemal auch trübe Tage mit Regen und Sturm; und so ist es im Leben ein ewiges Schwanken, und sind die himmelblauen Tage im Jahr karg gezählt.

Nicht alle Sonntag ist Kirchtag, war auch der nächste Sonntag schön, aber nicht ganz so schön. Gab es keine Backhendeln mehr, sondern kaltes Schweinernes abends, das von Mittag übriggeblieben war. Schmeckte aber auch sehr gut. Gumpoldskirchner gab es ebenfalls nicht, dafür billiges Abzugbier -- Fensterschwitz. Macht nichts, wenn es frisch ist, ist es recht gut und gesund vor allem, gesund.

Das Streichquartett bleibt jetzt eine ständige Sonntagseinrichtung, nimmt auch der Herr Regens chori von der Liechtentaler Kirche teil, Herr Michael Holzer, bei dem Franz in seiner Knabenzeit Singunterricht genommen hatte. Ist ganz beteppert, der Herr Regens chori, vor lauter Hochachtung für das musikalische Genie, kann sich gar nicht genug tun mit überschwenglichen Worten über Franzens Kompositionen, daß es dem schon zu dumm wird, weil sein alter Lehrer gar so fein und überhöflich mit ihm tut, fast genierlich für ihn, den Jungen.

Meint der Herr Regens chori, daß es ihn halt so viel freuen tät', wenn der Herr Franz die Erlaubnis geben möcht', etwas aufzuführen von ihm nächstens beim hundertjährigen Jubiläum der Liechtentaler Kirche -- hätte er doch eine wunderschöne Messe geschrieben noch als Konviktsschüler, die an und für sich schon ein Meisterwerk wäre. Da wollt' er schon lieber was Neues machen, lächelte Franz, die früheren Arbeiten wären doch zu gering, müßt' schon etwas Besonderes werden -- zur höheren Ehre Gottes!

Befriedigt blickt der Vater auf den Sohn, ist stolz auf ihn -- aber zum Kuckuck auch, ist doch nur brotlose Kunst, was er treibt, und von der Ehr' kann man allein nicht leben; muß auch tüchtig zugesehen werden, daß Franz bald seinen eigenen Brotsack umgehängt bekommt.

War auch nicht viel Zeit vergangen, hat ihn der Vater schon ins Amt hineinbugsiert. Ein paar Monate Präparandenschule, dann Lehramtsprüfung, und jetzt ist er Schulgehilfe. Ist es gleich nebenan in der Säulengasse unter seines Vaters Aufsicht, der sechs Schulgehilfen beschäftigt. Franz kriegt dieselbe Bestallung: freies Quartier und einen Gulden Wiener Währung pro Monat und Schülerkopf. Hat den Vorzug, in Vaters Haus zu wohnen und Kost zu kriegen. Die wird ihm freilich berechnet. Bleibt immerhin noch ein Taschengeld für das bißchen Kleider und sonstige kleine Bedürfnisse.

Das mit der Messe für die Liechtentaler Kirche geht dem Franz nicht aus dem Sinn, in seinem Herzen stürmt es, ist aber eingesperrt den lieben langen Tag in den Schulkäfig -- was ist das für ein Leben?! Bloß weil es das Brot ist?! Anstatt wie die Lerche in blauer Seligkeit zu schweben und den Schöpfer zu preisen, muß er sich abmühen von früh bis abends, kleine Rotznasen unterrichten, ABC-Schützen, die auch alles andere lieber täten, als still zu sitzen mit den Händen auf der Schulbank und aufzumerken.

In Franzens Hirn und Herz flutet es, die Gedanken und Gefühle kochen mit eherner Gewalt, sie wollen sich nicht abweisen lassen und flattern heran wie Zaubervögel, die Fuß fassen möchten, gehalten sein, um nicht hilflos ins unendliche Meer des Vergessens zu sinken. Er will sie halten, muß aber an der Schultafel stehen und mit der Kreide Buchstaben hinmalen, a, b, c, die von den Buben auf die Schiefertafel nachgekratzt werden. Und muß ihnen das Einmaleins vorrechnen: einmal eins ist eins, zweimal zwei und so weiter. Dann läßt er es einen nach dem anderen auswendig sagen und kritzelt unterdessen hastig die Gedanken hin, die aus dem Herzen zum Kopf drängen. Der eine Bub sagt zweimal zwei ist drei, der andere zweimal zwei ist fünf -- alles stimmt. Haben es die Schüler und der Lehrer gleich gut. Ist ja auch wirklich so: nichts geht im Leben so glatt aus, daß man sagen könnte, zweimal zwei ist vier. Immer wird's ein bißchen zu wenig oder ein bißchen zu viel, jedenfalls ein bißchen anders, so daß zweimal zwei entweder drei oder fünf ausmacht.

Oder es guckt der Herr Lehrer selbstvergessen und dem Liederborn in seiner Brust lauschend zum Fenster hinaus, wo ein blau-goldener Vormittag leuchtet, indessen man in dem kalkweißen Zimmer bei langweiligem Tun hocken muß. Gucken auch die Buben zum Fenster hinaus und empfinden ungefähr dasselbe. Ertappen sich gegenseitig Lehrer und Schüler bei diesen abschweifenden Gedanken, gucken sich gegenseitig an und lachen.

Ein Dichterwort flattert unversehens aus Franzens heimlich klingender Seele auf: »In Grün will ich mich kleiden.« Unwillkürlich entschlüpft es seinen Lippen, sitzen die Buben versteinert da, als ob ein Märchenvogel bei dem offenen Fenster hereingeflogen wäre. Fängt einer von den ältesten Rangen in der letzten Reihe tölpisch zu lachen an, wohl aus Verlegenheit, ducken ihn aber die anderen schon nieder mit heimlichen Knüffen und zugerauntem »Kusch!« Wird aber sofort wieder das Maul gehalten, und sitzen alle atemlos da, wundersam berührt. Geht ein Engel durchs Zimmer, sagen die Leute, wenn plötzlich gespanntes Schweigen eintritt. Jetzt war's so. Ein Engel ist durchs Zimmer gegangen, der Genius, hat sie alle mit dem Finger ans Herz getupft.

Und Franz, der Schulgehilfe, reißt die Violine aus dem Kasten und spielt ihnen sein neuestes Lied vor: »In Grün will ich mich kleiden.«