Part 2
»Sauknochen, verfluchter! Hast wieder einmal nicht präparieret?! Müßt' man dir doch gleich das Buch ums Maul schlagen, bis dir der Kopf aufgeht, Lümmel, verstockter!«
Tat aber weiter nicht weh, war wenigstens ein derbes Stück Leben. Ein unsanftes Prügelsystem, aber man lernte dabei und kam doch ein Stück vorwärts. So waren die Erzieher, gelehrt und zugleich bauernhaft grob. Was fest eingebläut war, saß fest. Auch in einem widerspenstigen Schädel. Wer gar nicht parieren wollte, wurde hinausgeschmissen. Ein Kamerad war schon geflogen, der mit Franz die Aufnahmeprüfung glänzend bestanden hatte; ein Dritter, der mit ihm kam, stand am Sprung. Gibt nicht viel Federlesen, keine Empfindelei; half auch kein Heulen, kein Bitten und Betteln. Unnützer Ballast, fort damit! War gut für die anderen. Schlechtes System? I wo! Was haben gute Lehrer mit einem schlechten System nicht alles zuwege gebracht! Und konnt' Franzl bei allem inneren Widerstreben nicht alle Jahr ein treffliches Zeugnis ins väterliche Schulmeisterhaus nach Liechtental schicken? Ja freilich, angenehm war der Drill nicht. Fragte auch kein Mensch danach, ob's angenehm war oder nicht, und damit Punktum.
Blieb aber die Musik, die das graue Dasein vergoldete, und blieben die eigenen Träume, das selbständige Empfinden und Komponieren, süß wie eine verbotene und heimliche Liebe, von der der Herr Vater nichts wissen durfte. Das Herz -- da drin war es. Und blieben außerdem die Kameraden, die Schulfreundschaften, die so fest geschlossen wurden, daß sie über die Mauern hinaus fürs Leben halten sollten und meinetwegen übers Grab hinaus.
Bim, bim, bim! Des Schuldieners Glocke gellte durchs Haus. Zehn-Uhr-Pause. Da gab es für die Bande kein Halten mehr, die in dem lästigen Zwang nach Freiheit dürstete. Vor allem aber nach Freßlust. Die Zehn-Uhr-Glocke war das Zeichen zum Gabelfrühstück. Mit einem Hallo stürmten die Bengel die Treppen herab nach einem der unteren Gänge. Dort steigt eben wippend die junge Fanny herauf, des Greislers Tochter aus der Bäckerstraße, mit einem großen Korb Fressalien auf dem Kopf, die sie in einer Fensternische des ersten Stockflurs während der großen Pause feilhält.
Wie eine Göttin der Erde, mit nahrhaften Gaben beladen, schwankt sie holdselig herauf, ein braunes, derbes Ding, blatternarbig, barsch und kurz angebunden, und trotzdem nicht unhübsch mit ihren weißblitzenden Zähnen. Dem für handfeste Schönheit empfänglichen Sinn des Klavier- und Knabenbändigers Ruczizka mußte sie tatsächlich als Fee, Nymphe oder Göttin vorgekommen sein, daß er sie in einem schäferhaft oder mythologisch gestimmten Augenblick wie ein verliebter Faun in die nackten, prallen Arme zwickte und der Wehrlosen ein Küßchen zu rauben versuchte, während sie mit dem Korb auf dem Kopf hinaufbalancierte.
Wie es geschah, war ein Geheimnis des menschenleeren Korridors geblieben. Ein Knall, ein Fall, ein Wehgeschrei, so endete das Schäferspiel.
»Sakramentski .....!« Man hat nur den Ausruf gehört, der Liebhaber war verschwunden. Denn eben scholl des Schuldieners Glocke mahnend durchs Haus, wie weiland die Stimme des Herrn im Paradies nach dem Sündenfall, aus den Klassenzimmern wälzte sich die Schuljungenhorde, und die braune Fanny stand keuchend und zornbebend vor dem herabgestürzten Korb, der seinen duftenden Inhalt über die Steinfliesen ergoß, die blonden und braunen, knusperigen Schusterlaberln, die mürben Baunzerln, Kipferln, Girafferln, Kaiserweckerln, Stritzerln, Kaiserlaberln, die Mohnstritzerln und Salzstangerln, den schweren Laib Hausbrot, die dreifach gewundenen Kränze von Knackwürsten, den großen Stritzen Butter, den Paprikaspeck und den frischen Maiprimsen.
Fünfzig, hundert Hände langten jauchzend danach, im Nu war der Korb wieder gefüllt, ein heiteres Intermezzo für die Jugend, eine schmerzliche Viertelstunde für die Fanny, die in wortloser Wut kaum die Tränen meistern konnte.
Niemand wußte recht, was geschehen war, aber die Sage ging von einer wuchtigen Ohrfeige, die locker in Fannys Hand gewesen war, und von einer heißen Wange, die auf einige Stunden das Flammenzeichen der Liebe trug und in nassen Umschlägen Kühlung suchte. An jenem Vormittag ward Ruczizka nicht mehr gesehen.
Während der Eßpause fanden sich die engeren Freunde mit Franz beim Futterkorb zusammen. Holzapfl, der Vordermann der Klasse, der stille, sanfte Spaun, um einige Jahre älter als Franz und zugleich sein wärmster Vertrauter, Senn, der junge Tiroler, der schon damals Verse zu flechten versuchte, und einige andere.
»Einer ist unter uns, der uns einmal alle an Genie überstrahlen wird!« hatte Spaun mit Beziehung auf Schubert gesagt, und ein fester Kreis von Freunden begann sich um den unscheinbaren Franz zu schließen. Wenn man seine helle, jubelnde Stimme auf der Empore hörte, so hätte man nicht dieses unansehnliche Bürschchen erwartet, der auch darin der Lerche glich, daß soviel Himmelsgabe in so schlicht bescheidenem Äußeren steckte.
Wenn man die Sängerknaben nun sah, dann konnte kein Zweifel sein, daß sie nicht aus gebranntem Ton und nicht aus Holz waren, sondern Fleisch und Bein mit vorzüglichen Freßwerkzeugen und unermeßlichem Appetit. Das Dasein unter den himmlischen Heerscharen auf Gottes Chor war beseligend, aber auf der Erde war es auch schön, besonders wenn es etwas zu essen gab.
Da sah man nun die pausbackigen, rotwangigen, schwarz-, braun- und blondgelockten strammen Engelsinger gemütlich eine Knackwurst verzehren, die lieblich roch und den anderen den Mund wässerte, so ihre Barschaft nur zu einem Schusterlaberl hinreichte. Zu einem Schusterlaberl, dick mit Butter bestrichen und so groß und mächtig gediehen, als es für einen Kreuzer Konventionsmünze nur denkbar ist.
Mit gierigen Augen hatte jeder das größte Schusterlaberl im Korb ergattert. Was ein gesunder Bengel ist, erkennt auf den ersten Blick unter Hunderten von Broten jenes, welches das größte Schusterlaberl ist. Daß die wohlgeratensten Exemplare die Größe eines Kinderkopfes erreichen, ist selbstverständlich. Es ist nicht aus feinstem Mehl gebacken, im Gegenteil, es ist so ziemlich das ordinärste Gebäck, aber auf dem ganzen Wiener Boden gibt es keinen Jungen, der nicht nach dem Schusterlaberl greift, wenn er die Wahl hat. Ein Schusterlaberl, mit Butter bestrichen, das ist nach Wiener Volksbegriffen die größte Delikatesse. Daran war nicht zu zweifeln, wenn man die Kerle einhauen sah, daß es nur so patschte. Mit einem Schusterlaberl in der Hand konnte man sich sogar gegen eine Knackwurst oder gegen Wienerwürsteln mit Kren behaupten, und das will gewiß etwas sagen.
»Heiße Forellen!« rief die übermütige Fanny, um ihre Ware noch verlockender zu machen. Richtig, da schwammen sie, die Wienerwürsteln, im brodelnden Kessel hurtig hin und her wie die Forellen, und ein Paar nach dem anderen wurde herausgefischt. Knackwürst! Wienerwürstl mit Kren! Schusterlaberln mit Butter! Hört es! Der Traum vom Paradies ist damit gespickt. Wenn ihr sie nicht genossen habt, dann wißt ihr nicht, was gut ist!
»Nun, und heut gar nichts?« wendete sich Fanny an Franzl. Der hat einen Stein im Brett bei ihr. Ein extra großes Schusterlaberl, extra dick bestrichen, das waren die Zeichen ihrer Gunst. Das braune, herbe, blatternarbige Greislermädel verbarg hinter ihrer rauhen Wesensart ein weiches Gemüt. Eine schöne Stimme hören, und sie war soviel wie verloren. Sie wußte schon, daß Franzl die schönste Stimme unter den Jungen hatte. Sie sah ihn nur mehr durch diese Stimme, und jetzt dünkte ihr der unscheinbare Junge schön wie ein Märchenprinz. In ihren Augen war er, die unansehnliche Lerche, schöner als der herrlichste Paradiesvogel. Sie hatte ihn schon in der Kirche gehört, und als er kürzlich in der Pause dem Freund Spaun ein selbst komponiertes Liedchen leise vorsang, vergaßen ihre flinken Hände, daß sie in wenigen Minuten fünfzig und mehr Schusterlaberln mit Butter zu streichen hatten.
Versteinert stand sie da, Mund und Augen weit auf, ein wenig vorgeneigt, um keinen Laut zu verlieren, weltentrückt, verzaubert, bis zwanzig aufgesperrte hungrige Mäuler, die nach Atzung schrien, sie aus ihrem Traum weckten. Ob er ihr das Lied nicht aufschreiben wollte, war gegen Schluß der Pause die verstohlene Frage. Er sagte nicht ja und nicht nein, er lachte bloß, wohl nur, um seine Verlegenheit zu verbergen.
Es war, als ob eine leise, schier unbewußte Berührung der Seelen stattgefunden hätte, so blieb etwas bestehen, das man nicht leicht irgendwie nennen kann, weil jedes Wort zu schwer dafür ist. Etwas schier Unbewußtes, Heimliches, und doch Gefühltes. Ein Strahl von mütterlicher Sorgfalt ging von ihr auf ihn über, es materialisierte sich in den größten Schusterlaberln mit der dicksten Butter. Aber darüber hinaus war noch etwas wie ein Licht da, das wärmte.
»Nun und heut gar nichts?!« fragte sie noch einmal und streifte ihn leise an, weil er nichts bestellt hatte.
Er schüttelte nur verneinend den Kopf, aber sie wußte schon! Abbrandler! Das heißt, daß er keinen Groschen mehr in der Tasche hatte.
Aber sie schob ihm schon wortlos ein dickbestrichenes Laibchen hin.
Er schob es wieder zurück und sagte halblaut und schier unbefangen, obzwar es ziemlich gepreßt klang: »Heut -- nichts!«
Da nahm sie das Brot, drückte es ihm in die Hand, indem sie sich ganz nahe an sein Ohr neigte und leise sagte: »Kost' doch nichts!«
Als ob er glühendes Eisen angefaßt hätte, schleuderte er das herrliche, hochgebähte, goldblonde, knusperige Schusterlaberl, das mit den dicken Butterseiten zusammengeklebt war, neben dem Eßkorb auf das Fensterbrett hin, flammendrot im Gesicht, daß es dort in seine zwei Hälften zersprang und mit den Butterseiten auf dem staubigen Steinboden lag.
Sie sah ihn einen Augenblick betroffen und schmerzlich an, hob dann die Brote auf und legte sie zu den anderen. Mit einem Ruck faßte sie den ziemlich geleerten Korb auf, stellte den kaltgewordenen und ausgefischten Würstelofen hinein und rauschte ab wie eine beleidigte Königin, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Er war so verdonnert, daß er nicht wußte, wie ihm geschah, eilte hinauf in sein Zimmer, warf sich auf sein Bett, wühlte den Kopf in die Kissen hinein und schluchzte mit halberstickten Ausrufen: »Fanny, Fanny!«
Etwas Seltsames, Beunruhigendes, Niegekanntes, Schmerzvolles, und doch zugleich Beseligendes, Wunderbares war über ihn gekommen. Was war es? Ach ja, das Leben, das Leben! Die schüchternen Regungen wie ein ganz verstohlener Sonnenstrahl und gleich darauf Schauer, Tränenschauer.
Man war kein kleiner Knabe mehr, und auf der Oberlippe sproßte jetzt wirklich ein kleines, winziges, schütteres Bärtchen. Es kommt nun doch eine andere Zeit!
Am Nachmittag schrieb er seinem Bruder Ferdinand, der war Schulgehilfe in der Wiener Vorstadt Lerchenfeld, und schilderte seine Lage. Die paar Groschen, die er monatlich vom Herrn Vater bekomme, seien in den ersten Tagen beim Teufel, was soll man in der übrigen Zeit tun? Bei dem mageren Mittagsmahl, dem erst nach 8-1/2 Stunden ein armseliges Nachtmahl folgt, müsse man sich eben in den Pausen mit etwas Stärkendem aushelfen. Es würde den Bruder Ferdinand nicht arm machen, wenn er ihm monatlich ein paar Kreuzer zukommen ließe. Spricht doch der Apostel Matthäus: Wer zwei Röcke hat, der gebe einen den Armen usw., und dann in Kap. 3, V. 4: Die auf dich hoffen, werden nicht zuschanden werden ..... So schließt die Epistel mit dem Aufruf, Ferdinand möge sich doch des »liebenden, armen, hoffenden und nochmals armen Bruders Franz« erinnern.
Der Brief ist fort und damit ein Stein vom Herzen. Was jetzt? Ja, richtig: das Lied aufschreiben -- die Fanny muß das Lied haben! Ein extra schönes Papier für sie, mit kunstvoll verschlungener Schrift und die Noten säuberlich hingesetzt, als ob sie gestochen wären! Darauf ein Suchen und Suchen in allen Laden und Heften, aber kein armseliger Fetzen Notenpapier ist mehr zu finden. Alles verschmiert. Neues kaufen -- aber zum Kuckuck, wenn man keinen Groschen in der Tasche hat! Der Mensch ohne Geld ist ein gottverlassenes Geschöpf. Da fehlt es gleich an allen Ecken und Enden. Daß man sich ein Schusterlaberl mit Butter versagen muß, ist hart genug, aber das ist noch das wenigste; den Mangel fühlt man erst, wenn man jemandem was Liebes tun möchte und nicht kann, weil man keinen Knopf Geld hat. Schnöder Mammon!
Da kommt Spaun bei der Tür herein, der liebe, innige! Aufgeschossen ist er wie eine Hopfenstange, den Kopf mit dem sittsam zurückgekämmten Blondhaar und den weiten, wasserblauen Augen hat er vorgeneigt, erwartungsvoll.
»Hast was Neues geschrieben?«
Er ist so furchtbar erpicht auf das Neue, das Franz in Noten dichtet.
»Hab' kein Papier!« knurrte Franz etwas borstig.
Da macht der andere schon Kehrt-euch und ist wieder draußen bei der Tür.
Franzl sinniert und sinniert, es vergeht eine halbe Stunde, da kommt Spaun wieder angerückt, atemlos, einen großen Pack unter dem Arm, den er auf den Tisch legt und sorgfältig auswickelt.
Notenpapier! Große, schöne, dicke Bogen, ein ganzer Stoß, genug, um die Unsterblichkeit damit zu bestreiten.
»Da hast jetzt und schreib'!« und ist schon wieder draußen.
»Kerl, lieber, guter!«
So lächelt Franz, setzt sich hin und schreibt.
Am anderen Tag geht er in der Zehnuhrpause in sein Zimmer hinauf. Er traut sich nicht herunter, es geniert ihn. Geld hat er ja auch keines auf ein Schusterlaberl.
Aber ein Brief ist da.
Bruder Ferdinand schreibt, Franz wird mit dem Nötigen versorgt werden, er möchte aber vorerst auf ein paar Tage heimkommen. Der Schulurlaub sei unterdessen für ihn schon erwirkt.
So war es auch, auf drei Tage hat er frei.
Und wandert hinaus aus der engen Stadt in die Maiensonne, ins Grüne, wo ihn die Wiesen mit tausend Blumenaugen ansehen. Beim Schottentor ist er draußen, dann übers Glacis, wo der Wind, der richtige Wiener Lausbub, seinen unumschränkten Spiel- und Tummelplatz hat, um diese Zeit kosend als Mailüfterl mit Wolken von Fliederduft sanft beladen; im Sommer als verrückter Derwisch mit wehendem Mantel aus Staub und ebensolchen aufgeplusterten Pumphosen; im Herbst als unwirscher Straßenkehrer, der dürre Blätter und Mist dahinfegt oder mit nasser Regenhand den Leuten ins Gesicht patscht, die Weiberkittel aufwirbelt und die Parapluies umdreht; im Winter ein rauhbeiniger Knecht Ruprecht, der mit flockigem Schneebart daherflattert, daß euch die Augen übergehen. Der kann grantig und boshaft sein wie ein alter Zucht- und Armenhäusler, aber jetzt ist er ein holder Junge, der in den Bäumen säuselt und auf sonnenweißen Wolken in gottseliger Bläue segelt.
Und so ist heut auch dem schulvakanten Knaben zumute, dem das Herz klopft, als er hinter den mächtigen Häuptern der Kastanien die Häuser seiner lieben Liechtentaler Vorstadt auftauchen sieht. Dort hinter den Bäumen mit den vielen weißleuchtenden Kerzeln ist das Vaterhaus »zum schwarzen Rössel« in der Säulengasse.
Geschwind, geschwind um die Ecke und hineingestürmt mit einem Jubelruf. Aber da stockt er schon.
Was ist denn geschehen?
Er spürt ein Zerren im Gesicht, ein Würgen drinnen im Hals; denken kann man's nicht. Eine Draperie hängt am Tor; ein Kerl steht heraußen mit Glotzaugen und Schnapsnase, einen Dreispitz am Kopf, kurze Hose und Strümpfe an den verkrümmten Beinen, ausgelatschte Schnallenschuhe; eine Menge Schnüre und Quasten an dem frackähnlichen Rock, der schief sitzt wie auf einer Vogelscheuche; schwarz alles, ganz schwarz, schwarz die Draperie am Tor, schwarz der aufgedonnerte Frack, der Dreimaster, die Hose, die Strümpfe.
Unterm Tor kommt ihm schon der Bruder Ferdinand entgegen, er ist ebenfalls schwarz, nur das Gesicht ist rot und die Augen sind verschwollen.
»Die Mutter ist tot!« würgt er hastig und tonlos hervor.
»Au, au!« schreit der Heimkehrende auf wie ein getroffenes Tier; und schon steht er im Winkel abgewendet und flennt in sich hinein.
Und geht dann, so schnell er kann, die paar Stufen hinauf, und ist ihm, als ob er Quadersteine trüge, daß er, von der Last erdrückt, kaum über die Schwelle kann.
Drinnen der Vater, sieht um Jahre älter aus, sagt kein Wort; tätschelt nur den Buben an Schultern und Kopf, scheu und fast widerwillig; schiebt ihn aber gleich von sich zu den Geschwistern hinein.
Die sitzen drin, alle schwarz angezogen, nicht zum Erkennen, stieren vor sich hin, nur eins oder das andere heult laut auf, wie's den Franzl sieht. Reden aber sonst kein Wort -- einfache Menschen sind karg mit Gefühl und Worten, verstecken sich lieber voreinander.
Auch Franzl bringt keinen Ton heraus, geht wie im Traum ins Nebenzimmer, das dunkel gähnt mit brennenden Kerzen. Brennen nicht hell und froh wie die Blütenkerzlein draußen auf den Bäumen; brennen dunkel und weh in der schwarzen Luft und in dem toten Geruch der welkenden Blumen. Ist etwas Weißes zwischen dem roten Kerzengefunsel und starrem Blätterzeug, hoch geschichtet; jetzt sieht man's vor den betäubten Augen; braunlackiertes Holz, der Sarg, weiße Seide, ein gefälteltes Brautkleid, wachsgelbe Hände und ein Gesicht, so bekannt und so fremd zugleich, so starr und fern.
Mutter! Der Franz spürt sie, er spürte sie schon von weitem, ehe er ans Haus kam, im Flur unten umwärmte ihn schon ihre Nähe, im Zimmer draußen wußte er sie neben sich, die Luft, die Dinge alle, die Gewohnheit, das war sie. Sie lebte, und für das Totsein gab es keinen Begriff.
Er wollte die Tücher wegreißen, die Fenster aufstoßen, Luft und Licht herein, die Starre aufrütteln, daß sie das Fremde abschüttle und wieder sie sei, die lebte in seinem Fühlen; die ganze fürchterliche Schwere der Wirklichkeit wegwischen, die Lüge war, weil sie so unverständlich blieb; das Herz schrie auf und tobte nein, nein, nein -- und dennoch blieb er steif wie gelähmt, unfähig, etwas zu tun, zu sagen, oder zu denken.
Und ging noch die folgenden Tage umher wie betäubt, indessen ein widerwärtiges geschäftiges Etwas vor sich ging, die ganze quälende, niederdrückende, entsetzliche Bestattungszeremonie, die mit dem Herzen nichts zu tun hatte, diese Schaustellung des Schmerzes vor den gaffenden Gassen und Fenstern bis zu dem Moment, wo man in der Kirche saß bei der Einsegnung und die Orgel lind und leise auf die zertretenen Gemüter einsprach. Das war wieder die Stimme der Mutter, bald gutmütig greinend, scheltend, verweisend, dann wieder gut zuredend und liebkosend; die Härte des Krampfes wollte sich lösen; aber dann noch das Schrecklichste, das Niederfahren des Sarges in die Grube, die vereinzelten Aufschreie, das dumpfe Dröhnen der auffallenden Schollen, das man nicht mehr aus den Ohren bringt -- als ob jede Handvoll Erde eine Wunde in den eigenen Leib schlüge!
Fluchtartig ging's aus dem Friedhof fort ins Vaterhaus zurück; die Trauerzeichen waren inzwischen weggeschafft worden, die alte Ordnung hergestellt, aber die Ödigkeit hatte sich eingenistet. Das Tor war wie früher und ebenso die Zimmer, aber im Geist sah man immer die Trauertücher draußen hängen und wehen. Im Zimmer tauchte immer der Sarg auf an der Stelle, wo er gestanden, die Funsellichter -- schreckhafte Eindrücke, und Visionen, die nicht wegzuwischen waren.
Die paar Tage gehen vorüber in Dumpfheit und Zerschlagenheit; Franzl ist froh, als die Zeit da ist, ins Konvikt zurückzukehren. Auf dem Glacis wirft er sich ins Gras, um, von niemandem gesehen, sich nach Herzenslust ausweinen zu können. Dann wandert er stadtwärts und ein tröstliches Gefühl gewinnt Oberhand.
»Fanny, Fanny,« denkt er, nein, er denkt es nicht; das Unbewußte in ihm denkt es, fühlt es. Das verschnürte Herz, das sich nach Wärme, nach Mütterlichkeit, nach Liebe sehnt und sich so schwer und widerwillig erschließt, sucht Zuflucht bei dem unwillkürlichen Gedanken an Fanny, die jetzt so halb und halb mit dem Bild der Mutter zusammenfließt und ihn doch zugleich so ganz eigen bewegt, daß ihn fast ein Zittern überfällt.
Nun soll sie das Lied mit den Noten haben, denkt er und ist fast aufgeregt in der Vorfreude.
Am anderen Morgen ist er der Erste bei dem Eßkorb, allen anderen Jungen voraus. Niemand soll's merken!
»Das Lied, Fräulein Fanny, das Lied -- hier hab' ich's!« stammelte er heiß und verwirrt und steckte ihr das zusammengefaltete Blatt in die Hand.
Sie sieht ihn eine winzige Weile von oben bis unten an, verzieht hochmütig den Mund, schiebt ihm das Blatt zurück und wendet sich ab mit der kurzen Bemerkung:
»Brauch's nimmer!«
Das Blatt fällt zur Erde; einer der anstürmenden Kameraden hat es erwischt, es verschwindet in den Händen der Freunde, wie so vieles, was damals entstanden.
Jetzt hat er Groschen im Sack, aber kaufen tut er nichts; die Knackwurst, die Würsteln, die Schusterlaberln -- nein; der Appetit ist ihm vergangen.
Aber weinen, nein, das tut er auch nicht. Warum denn? Das Herz setzt eine Rinde an; daß ein Krampf darinnen bebt, er will's selber nicht wissen.
Gleichmütig plaudert er mit seinen Freunden weiter, bis einer plötzlich sagt:
»Du, hör' einmal, was hast denn du für eine Stimm'?«
Fanny blitzt ihn wiederholt spöttisch an, sie hat es gleich gemerkt. Die Stimme war geborsten, rauh, unmelodisch, ein Wechsel, wie er bei Jünglingen um die Zeit der beginnenden Männlichkeit auftritt. Fanny lächelt spöttisch. Lächelte sie über sich, über den Jungen, oder über ihre Narretei? Der Zauber war gebrochen.
Der Paradiesvogel stand vor dem ernüchterten Blick wieder unansehnlich gleich einer graubraunen Lerche da, ja, er war noch weniger geworden, ein grüner Spatz, der ziemlich unharmonisch piepste. Aber das Gold, das nicht in der Kehle lag, sondern tiefer in der Brust -- was verstand das dumme Greislermädel davon?!
Freilich, ein Sonnenstrahl war erloschen, der zwischen den Mauern schüchtern in des Knaben Gemüt gefallen war.
Im Klassenbuch stand jetzt in der Kolonne des Franz Schubert die Bemerkung: Mutiert. Mit der Sopranistenherrlichkeit im Sängerchor bei den dicken Engelsköpfen war's jetzt vorbei. Das war der natürliche Verlauf der Dinge.
Damit erlosch ein weiteres Licht, und die Schatten der Schulmauern drückten schwerer als je.
Einige Monate später verließ Spaun die Anstalt, er hatte absolviert.
»Glücklicher, daß du aus diesem Gefängnis gehen darfst!« rief ihm Franz zum Abschied nach. Es war ihm jetzt, als müßten die Schulmauern auf ihn stürzen, um ihn ganz zu erdrücken. Die Mathematik, da wollte nicht alles stimmen. Eine schlechte Note -- die Scharte war auszuwetzen, wenn der Stiftungsplan mit dem Stipendium erhalten bleiben sollte. Aber wozu ein zweckloses Mühen? Was man eigentlich braucht, hat man vom lieben Gott gelernt, die anderen hatten ihr Bestes längst gegeben und sahen sich als Meister übermeistert. Es gab Wichtigeres zu erfüllen als büffeln und ochsen. So riet die innere Stimme des Genius.
Noch ein Jahr wurde mühselig hingebracht, und dann schlossen sich die Türen des Konvikts hinter einem, der aufatmend draußen stand, einen letzten Blick auf das düstere, kahle Gemäuer warf und innerlich bebte und jubelte: Jetzt kommt eine andere Zeit! Das Leben, das Leben!
II.
Im Schulmeisterhaus am Himmelpfortgrund war wieder fröhliches Leben. Die Schatten der Trauer waren vertilgt, ein hübsches junges Weib nahm die Stelle der Mutter ein, arbeitete von früh bis abends mit heiterem Sinn und sorgte mit gleicher Liebe für alle, als ob die Verstorbene in diesem Frauenwesen wieder auferstanden wäre.
Vater Schulmeister vermochte nicht lange ohne Gesponsin zu bleiben; kaum ein Jahr nach dem Tode seiner vielgeliebten ersten Ehefrau hatte er die Gumpendorfer Fabrikantenstochter, die »wertgeschätzte Jungfrau Anna Kleienböck«, gefreit; hat's nicht zu bereuen gehabt, und haben alle Kinder, besonders aber der Franzl, eine mütterliche Helferin an ihr gefunden. Den Franzl hatte sie namentlich in ihr Herz geschlossen.