Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
as Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~.
Die Verlagswerbung ist an das Ende des Textes verlegt worden.
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Franz Schuberts Lebenslied
Joseph Aug. Lux
Franz Schuberts Lebenslied
Ein Roman der Freundschaft
Sechzehntes bis zwanzigstes Tausend
Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten
Copyright 1915 by Grethlein & Co. in Leipzig Druck von August Pries in Leipzig
Vorwort
Das bringt die Zeit mit sich:
Wir wollen uns auf unser eigenes Wesen besinnen, um unser Selbst uns und den andern zu erklären.
Österreichisches Wesen.
Das will dieser Schubert-Roman. Denn Schubert, das ist das Allerösterreichischste.
Also will das Buch die innerste Natur des Österreichertums erschließen und den durch äußere Verhältnisse und Veranlagung geschaffenen eigentümlichen Seelenzustand des österreichischen Genius darstellen, der treffend als österreichische Seelenwundheit bezeichnet wurde.
Zugleich aber will es der bisher noch fehlende wirkliche Wiener Schubert-Roman sein, der den Genius frei von der ihm mit Unrecht oft angedichteten krankhaften Sentimentalität zeigt. Schubert war kein Sentimentalist und noch weniger war er ein Trunkenbold, wenngleich der von seinen Duzfreunden gelegentlich aufgebrachte neuerdings allzusehr betonte Spottname »Schwammerl« zu diesem Irrtum verführt, der doch einmal aus der Welt geschafft werden sollte.
Als Leitgedanke dient mir, was Bauernfeld im Jahre 1857 schrieb: »Das äußere Leben Schuberts war übrigens äußerst einfach und trieb sich anfangs in den ärmlichen Verhältnissen eines Schullehrers, später eines österreichischen Genies herum, eines +exemplar unicum+ hierzulande, welches, wenn sonst überall, besonders hier gegen Not und Dummheit anzukämpfen hatte. Sein inneres Leben mit Freunden und Gleichgesinnten bietet aber so wenig biographische Züge dar und ließe sich ~etwa nur in einer poetischen Schilderung darstellen~. Schubert war gewissermaßen eine Doppelnatur, die Wiener Heiterkeit mit einem Zug tiefer Melancholie verwebt und veredelt. Nach innen Poet war er und von außen eine Art Genußmensch, dem, persönlich nach der äußeren Erscheinung beurteilt, überdies der herkömmliche Geselligkeitsschliff fehlte, so daß mancher gebildete Alltagsgesell sich etwas weit Besseres dünken mochte als der ungehobelte Sänger der »Müllerlieder« und der »Winterreise««.
Der biographischen Züge sind nicht so wenige, als Bauernfeld meint; aber sie sind nur äußerliche tote Bruchstücke, wenn sie nicht die Seele lebendig macht, die das wesentliche Stück ist, sowohl im Leben wie in der Dichtung.
Bauernfeld gebraucht noch nicht das Wort »Seelenwundheit«, aber dem Sinn nach steckt es drinnen in der Mischung von Wiener Heiterkeit und der veredelnden Melancholie, daraus so tiefe und seelenvolle Schöpfungen entstanden sind.
Die österreichische Seele und besonders meine Wiener Heimat zu erklären, habe ich schon früher in zahlreichen Werken unternommen, ich verweise auf meinen halb autobiographischen Jugendroman: »Der Narr vom Kahlenberg« (Amsel Gabesam) oder auf Grillparzers Liebesroman »Die Schwestern Fröhlich«; -- vielleicht darf im ferneren Zusammenhang auch meine Legendendichtung: »Chevalier Blaubarts Liebesgarten« hier noch mitgenannt werden. Doch tragen auch meine anderen Schriften diese eingeborene Tendenz, unser österreichisches Wesen recht verständlich zu machen. Schließlich ist alles in einem gewissen Sinne Selbstdarstellung, auch in scheinbar historischer Form.
Das seelische Fluidum des alten Wien ist ja immer noch heimlich da, die Stimme des Genius loci, die fortklingt in den stillen Vorstadtgassen und ländlichen Orten am Fuß des Kahlenberges, in denselben Worten und Redewendungen, wie sie aus den überlieferten persönlichen Dokumenten der Schubertzeit hervortönen.
Da draußen am Rande der Stadt, wo sich der traumhäuptige Wienerwald, das sonnige Weinland und die blaublickende Donau zu einem unausgesungenen Dreiklang vermählen, zu einer ~echt Schubertschen Weise~, liegt auf den Stirnen der schlicht vornehmen Häuser des schwindenden Alt-Wien manche kostbare Erinnerung.
Sie waren mir seit jeher ein Lebendiges, diese
Denktafeln in Döbling.
Ich las, allwo die letzten Hütten stehen, Auf Tafeln an den Häuschen, an den schlichten, Von eurem Wohnen dort und eurem Dichten, Grillparzer, Schubert, van Beethoven -- wehen
Fühlt' ich den Geisterhauch, der eure Nähen Umschwebt; es steigt in lieblichen Gesichten Das Bild von jener Zeit empor, der lichten, Die eure Sonnen konnt' im Fenster sehen.
Ein stiller Weiheglanz ruht auf den Stätten, Die als Vermächtnis wahren eure Spuren, Armselig scheinen fast und tot dagegen
Die reichen Villen hinter Prachtstaketen, Und schöner leuchten mir ringsum die Fluren, Seit ich die Spuren sah von euren Wegen -- -- --
Joseph Aug. Lux.
I.
Die jungen Bengel sangen im Kirchenchor.
Man konnte nur ihre Köpfe sehen, über der hohen Brüstung der Empore, dicke, kleine, runde Schädel, einer dicht neben dem anderen, braungelockt, schwarzgelockt, blondgelockt, rotwangig, pausbackig, aufgesperrte rote Mäuler, aus vollem Halse singend, jubelnd, schmetternd. Wie die himmlischen Heerscharen. Sängerknaben. So hat Luca della Robbia seine Singerlein geformt aus Lehm, in halb erhabener Arbeit, weißblau glasiert. -- Nein! So haben die frommen Bildschnitzer das Gotteshaus geschmückt, mit fleischfarbigen, pausbackigen, lockigen Engelsköpfen, die auf goldenen Flügeln über den Gesimsen und Pfeilern auftauchen, die roten Mündchen zum Singen aufgesperrt, oder das Fäustchen im behaglichen Hinlümmeln in das verschmierte Antlitz gestemmt, kleine, himmlische Flegel, in der Höhe ganz so anzusehen wie die plärrenden Sängerbuben auf der Empore, die aber nicht von Lehm und nicht von Holz sind, sondern richtig von Fleisch und Blut.
Die Orgel plaudert gemütlich mit, brummbärig, drohend, polternd, dann wieder begütigend, zuredend, ermahnend; der Blasebalg ächzt und stöhnt asthmatisch, der Organist arbeitet mit Händen und Füßen, zieht alle Register auf, und jetzt legt die Stimme mit Donnergewalt los aus hundert Pfeifen, daß die Grundfesten erzittern, wie wenn der Herr im Zorn spricht und Schweigen gebietet. Aber stärker noch als dieses Donnern war der helle Sopran der Knabenstimmen, der durchdringt und in die Höhe schmettert, wie Lerchenjubel, höher und höher in die Himmelsbläue des Weltdomes, bis zum hohen C hinauf, klar und rein, daß selbst die Orgel schmunzelnd aufhorcht und gutmütig leise brummt, indessen von den unendlichen Höhen ein eherner Hagel von Tönen niederprasselt, als wollte sich dort oben eine Brust zersingen.
Eine Stimme war es, nur eine, die diesen himmelblauen Lerchenstieg vermochte.
».... Den hat's der liebe Gott gelehrt!« schmunzelte vergnügt Ruczizka, der Dirigent und Lehrer im Konvikt der Sängerknaben. »Verflixter Bub, dieser Schubert Franzl!«
Der Schubert Franzl, das war der, der bis zum hohen C hinaufklettern konnte. Daran war er zunächst zu erkennen.
»Den kann ich nichts lehren, der hat's vom lieben Gott gelernt!« hatte Ruczizka schon einmal früher gesagt.
Das war damals, als der Herr Hofkapellmeister Salieri den Buben dabei erwischte, als er Noten hinkritzelte, wie sie ihm gerade in den Sinn kamen. Er war in dem kahlen Musikzimmer des Konvikts so in sein Sinnen und Kritzeln vertieft, daß er nicht merkte, wie der gewaltige Maestro hereinhuschte. Der war lautlos wie eine Katze, ein hurtiges, graues Männchen, das seine spitze Nase und seine flinken Äuglein überall hatte, wo es etwas zu erschleichen gab.
Schwupp! flog das Blatt in die Höhe und schwebte in den Händen des alten Meisters. Da war jetzt nichts zu machen.
»Sapristi! Wo hat Er das her? Selber gemacht?! Er, Er, Er -- alles aus diesem dummen, kleinen, dicken Bauernschädel? Malefizbub!«
Schamrot stand der Kleine da vor dem fuchtelnden Italiener.
»Hat Er noch andere Sachen? Wo, wo hat Er? Subito!«
»Verbrennt!« stieß der eingeschüchterte kleine Kerl halb trotzig, halb zaghaft hervor.
Darüber fing der Maestro zu strampeln an wie ein Polichinell.
»Verbrennt,« pfauchte er, »Er, Er, Er -- dummer Esel!«
Und warf wütend die Bücheln und Hefte auf dem Tisch durcheinander, unter denen beschriebene Notenblätter zum Vorschein kamen, die er hastig an sich riß.
»Ecco!« kreischte er auf. Und schon schmiß er die Blätter wütend wieder hin, krebsrot im Gesicht.
»Per bacco!« Sein Mund verzog sich, als wollte er ausspucken vor Ekel, er ballte die Fäuste und hielt sie bebend dem kleinen Franzl dicht unter die Nase, daß dem ganz himmelangst wurde.
»Was hat Er da gemacht?! Wer hat Ihm erlaubt ...?! Er -- Malefiz -- Malefiz --!«
Zur Entschuldigung wollte das Singerlein sagen, daß es der Übung wegen diese kleine Paraphrase auf eine Sonate Mozarts gemacht hat, aber kaum war der Name des Unsterblichen seinem Munde entschlüpft, da hätte er das Wort gerne wieder zurückgezogen, so fürchterlich war die Wirkung auf den giftigen Maestro.
Das Blatt schmiß er zur Erde, trampelte darauf herum, schrie und schimpfte auf Italienisch.
Der Kleine ahnte nicht, wie es in der Welt zuging. Er wußte nicht, daß Salieri alles haßte, was mit Mozart irgendwie zusammenhing; er wußte nicht, daß er als Opernkomponist und Hauptvertreter der italienischen Richtung ein geschworener Feind der deutschen Musik war und vermeinte, sie in Mozart aufs Haupt schlagen zu können; er wußte nicht, daß die Sage umging, Salieri hätte den Schöpfer des Don Juan vergiftet; er konnte darum auch nicht wissen, daß die Legende einen wahren Kern hatte, denn vergiftet hatte Salieri als rücksichtsloser Gegner alle geistigen Brunnen, alle Seelen, alle Meinungen, er und seine Partei, die dem Genius Kränkung auf Kränkung bereitete und seinen Tod beschleunigen half.
Nichts ahnte der Knabe, daß die Welt dem Auserwählten eine Märtyrerkrone bescherte. Er fühlte nur den schäumenden, perlenden Zaubertrank der Mozartschen Musik in seiner Seele und sah im Geiste den Genius als jungen Gott, vor dem sich die Menschheit in Ehrfurcht verneigt. So war es wohl gewesen auf Mozarts Reise nach Prag, aber nicht in Wien, wo er ein Verkaufter, Verratener, Verlassener, früh dahingerafft, ins Massengrab der Namenlosen sank. Das haben die Gegner getan. Und der Volksmund dichtete die Legende, Salieri habe ihn vergiftet .....
Und nun fügte es das Schicksal, daß derselbe Geist der Verneinung und der Selbstsucht ein junges Genie ans Licht zog, das sein Talent an jenem großen Licht entzündete, das er so beharrlich zu verdunkeln bemüht war.
»Ruczizka, Ruczizka!« gellte das giftige Männlein in die hallenden Gänge hinaus und schärfte dem dienstfertig Herbeigeeilten ein, indem er auf den wie ein armer Sünder dastehenden Franzl hinzeigte: »Fest in Corda nehmen! Kontrapunkt! Capisce?! Kontrapunkt?!«
Mit glühenden Äuglein, heiserer Stimme und geballten Fäusten gab er diese Weisung und verschwand.
War es Lohn oder Strafe? Das wußte der brave Franzl vorderhand selber nicht genau, man ist nicht wehleidig, als Zögling ist man es ja gewohnt, die Wohltaten wie eine Strafe zu empfangen, während die Strafen von den Erziehern mit einem Behagen verabreicht wurden, als wären sie Wohltaten.
Jetzt wußte der wackere Böhme Ruczizka, daß er ein Genie unter seinen Händen hatte. War ihm früher gar nicht aufgefallen, obzwar der Junge seit drei, vier Jahren schon unter seiner Aufsicht stand -- wieso denn auch? Ist nicht seine Sache. Als Drillmeister tut man seine Pflicht, daß bei den Messen in der Hofkapelle die Soli und Chorpartien richtig und geschmackvoll ausgeführt werden und der Herr Hofkapellmeister zufrieden ist. Teufel auch, man tut eben seine Pflicht! Man hat sich doch um sonst nichts zu kümmern! Man kann doch nicht in jeden Bengel hineinsehen! Ist doch einer so ein Schmierfink wie der andere! Man hat sich nie weiter gekümmert und ist doch so immer am besten gefahren. Als braver Böhm' und Prügelprofoß.
Also, Pflicht ist Pflicht -- man hat seine vorgeschriebenen Stunden -- wer mehr tut, ist ein Schuft. Und jetzt Kontrapunkt! Sakramentski, ceski heski Kupferstück! Da könnt' man doch gleich Junge kriegen -- eine stehende Redensart Ruczizkas. Also gut, Kontrapunkt! Na wart', Schlingel, wirst dran fressen müssen! Ceski heski -- -- -- --
Aber siehe da, alles geht überraschend leicht und schnell, und es kommt alsbald der Punkt, wo Ruczizka sich lächelnd eingesteht: Den kann ich nichts lehren, der hat's usw. ....
So ähnlich hatte ein anderer vor ihm gesagt. Das war Schuberts Bruder Ignaz, der auf Vaters Geheiß dem Franz den ersten Musikunterricht gab. Es hatte aber nicht lange gedauert, da meinte Franz, es ginge ohne Lehrer besser. So war es auch, denn Ignaz hatte gegeben, was er zu geben hatte, und mußte seinen brüderlichen Schüler als einen »übertreffenden und nicht mehr einzuholenden Meister« anerkennen. Als Knabe meisterte er schon die Violine, die Viola und die Orgel und machte sogar als Tonsetzer einige Gehversuche.
»Faules Zeug,« brummte Vater Schulmeister; »das sind so Flausen, die sich der Junge in den Kopf setzt, und die ihm beizeiten ausgetrieben werden müssen. Soll das eine oder andere Instrument spielen lernen, soweit man's als Schulgehilfe braucht, um auch Sonntags in der Kirche mitzuhelfen, nichts weiter! Soll aus dir ein Taugenichts werden, ein Hungerleider, ein Tagedieb -- ein herumstrolchender Musikant?! Da soll ich dir doch gleich eins mit dem spanischen Rohr --! Was mein Sohn ist, muß ein ehrlicher Mensch sein; der wird ein Schulmeister, wie sein Vater einer ist und wie seine Brüder werden. Also kein Wort mehr -- ich habe geredet!«
Bald darauf las der Vater in der amtlichen Wiener Zeitung des Jahres 1808, daß in der k. k. Hofkapelle einige Sängerknabenstellen neu zu besetzen wären. Die Bewerber mußten das zehnte Jahr vollendet haben und fähig sein, in die erste lateinische Klasse eintreten zu können. Sie verblieben Zöglinge des Konvikts und wären gleichzeitig Schüler des akademischen Gymnasiums, das mit dem Konvikt in Verbindung steht.
Dem Vater stieg sofort ein ganzer Seifensieder auf. Das wäre ein richtiger Lebensanfang für seinen Franzl! Singen kann er ja, Schulbildung hat er auch -- Sopranist in der Hofkapelle, warum denn nicht, wenn er dafür eine Freistelle im Konvikt hat und gratis das Gymnasium absolviert?! Für einen künftigen Schulmeister ein verheißungsvoller Beginn!
Also wanderten Vater und Sohn aus der Vorstadt Liechtental stadtwärts nach dem Konvikt am Universitätsplatz, wo die Aufnahmeprüfung stattfinden sollte. In seinen blauen Sonntagskleidern schritt Franzl neben dem Vater klein und stämmig einher. Ein frisch gebügeltes Hemd gab dem Tag festtägliche Weihe. Das hatte die Mutter bereitgelegt. O, die war gut! Schmuck sah er aus, der kleine Kerl, weiß und blau wie ein Firmling!
Aber der Herr Vater war kritisch. Gab unterwegs allerhand gute Lehren und Ermahnungen, wie man sich zu benehmen habe, was man tun und nicht tun dürfe, nicht auflümmeln, die Ellbogen nicht durchwetzen, nicht nasenbohren, nicht in den Ärmel schneuzen, die Schulbücher nicht verkritzeln und was ähnliche liebe Gewohnheiten der holdseligen Jugend sind.
Der brave Franzl hörte alles geduldig an und schwieg respektvoll. Der Vater wußte schon, daß sein Junge etwas verschlossen und einsilbig war, daß er Fremden gegenüber sich nur sehr schwer auftat und dadurch leicht unartig erscheint.
»Also nicht aufs Grüßen vergessen, immer ein freundliches Gesicht machen, zuvorkommend sein gegen deine Lehrer, verträglich und aufmerksam gegen deine Mitschüler. Was schaust denn schon wieder so finster drein?!«
»Aber Herr Vater, ich schau' ja eh net finster drein!«
Es war halt schon ein Unglück, daß die Menschen immer glauben, man schaut finster drein, wenn man inwendig freundlich und aufmerksam zuhorcht.
Der Vater riß dem Jungen den Hut vom Kopf, um ihm besser ins Gesicht zu sehen.
»Die Haar -- wie schaun denn deine Haar aus?!«
Die Haare waren ohnehin in Ordnung, die Mutter hatte sie gekämmt und gebürstet, mit Schweinefett eingeschmiert, daß sie strichweise glänzten -- aber sie waren kraus, etwas sehr kraus -- und ein bißchen lang, vielleicht schon ein bißchen zu lang; sie waren in den Nacken hinab gewachsen bis unter den blühweißen Hemdkragen. Der Hut hatte sich in den Haarschopf fest eingedrückt, und so konnten sie leicht wirr und unordentlich erscheinen; aber das waren sie wirklich nicht, wenn man mit einem nachsichtigen Blick hinsah; die Mutter hatte sie gescheitelt, so gut es ging, und die Lausallee verlief gerade wie eine Pappelschnur.
»Kraupert schaust aus,« entschied der gestrenge Herr Vater. »Wie dir die Haar da ins G'nack wachsen, so geht man zu keiner Prüfung!«
Ehe man noch ans Glacis kam und den Häusern der Rossauerlände Adieu sagte, wimpelte an einer Stange die Messingschüssel in die Luft mit Strahlenreflexen wie die liebe Frau Sonne, ein Ladenschild prangte mit einem süßlächelnden Puppenkopf und darunter stand: Heinrich Haarzopf, bürgerlicher Bartscherer und Bader.
Und weil noch eine Stunde Zeit war, so entschied der Vater, daß sich der Junge jetzt die Haare schneiden lassen müsse, um sich der hohen Prüfungskommission würdig zu präsentieren.
»Also marsch hinein!«
Bisher hatte die Mutter den üppig wuchernden Haarschopf mit eigener Hand gebändigt. Was eine Mutter nicht alles kann! Hunderterlei Gewerbe muß sie beherrschen vom Kerzengießen bis zum Haarschneiden. Es ist nicht zum sagen! Nun aber saß Franz zum ersten Male bei einem richtigen Friseur wie ein ganz Großer. Mitten unter Spiegeln wie in einem Zauberkabinett und angetan mit einem linnenen Mantel, der einmal weiß war, halb Derwisch, halb Prinz, umdienert von dem dienstfertigen Gehilfen.
»Belieben halbkurz oder ganz fiesko?« Das war eine neue Welt, eine neue Sprache, jedenfalls eine neue Erfahrung. Verlegen wendet sich der Junge an den Vater, der den Dolmetsch macht.
Ziwitt, ziwitt! macht es die Schere in der Hand des Gehilfen, der bei seinen Hantierungen immer die Luft schneidet. Sie macht es wie ein Vögelein, das hungrig den Schnabel aufsperrt und um Futter quietscht, ehe es gierig in den Haarwald hineinfährt. Alsbald liegen die schönen Locken auf dem weißen Mantel und am Boden ringsum, der Junge sieht drein wie ein abgeblättertes Birkenstämmchen, der Vater nickt befriedigt, aber der eifrige Gehilfe ist noch nicht fertig. Er bemerkt einen zarten, ganz schüchternen, weichen Flaum auf des Jungen Oberlippe und stellt mit unerschütterlichem Ernst die gewichtige Frage:
»Rasieren angenehm?«
Heiß schießt es dem Jungen ins Gesicht. Er wird blutrot vor Scham.
»Nein!« haucht er zurück und wendet das Antlitz ab, sich zu verbergen.
Der Vater merkt es, er schmunzelt hinter seinem Rücken, er will den Sohn nicht verletzen, der sich so leicht geniert. Er hat ihn ja so lieb, wenn er auch zuweilen rauh zu ihm ist. Aber nach Vater Schulmeisters Anschauung gehört die Strenge zur Liebe und vor allem der Grundsatz: man darf die Kinder nicht merken lassen, daß man sie so gern hat!
Rasieren angenehm! Das wirkt nach. Das prägt sich unverlöschlich dem Gedächtnis ein. Der Ernst des Lebens kommt jetzt heran! Man ist kein Knabe mehr, man reift der Männlichkeit entgegen, eine neue Zeit will kommen!
Das Hochgefühl sank, als er mit dem Vater am alten Universitätsplatz stand. An den hohen, schwärzlichen Palastfronten der Sonnenfelsgasse waren die beiden entlang gegangen, bis sich ein mäßig geräumiger Platz auftat wie ein schmucker Saal. Rechts die festliche Frontseite der Universität mit Säulen und Fenstern im Geist der Zeit der großen Maria Theresia; links die Prachtfassade der Kirche zur Zeit der Gegenreformation von Ferdinand II. erbaut und dicht an der Kirche anschließend, die ganze Langseite des Platzes bildend, ein kahles Gemäuer mit kleinen vergitterten Fenstern, einem Gefangenhaus gleich: das Konvikt. Nichts Grünes, wohin man sah, nur Mauern in nüchterner Feierlichkeit oder in staats- und kirchenherrlicher Pracht.
Das Herz des Elfjährigen krampfte sich zusammen, ja es beginnt eine neue Zeit, der Ernst des Lebens tritt hier gewaltig in Erscheinung.
Tapfer schritt er an der Seite des Vaters die Stiegen hinauf, wo schon ein heiteres Gewimmel von Knaben war, die, um einen der drei Stiftungsplätze zu erobern, ausgezogen waren. Da gab's sofort eine neue frische Stimmung. Das Empfindsame, Ängstliche, Weichliche verschwand, es lag nicht in Franzls Natur.
»In Gottes Namen!« sagte der Vater Schulmeister, als sich die Türen des Prüfungssaales hinter dem Jungen schlossen. Mehr kann man nicht tun als seine Pflicht, und die war getan; die Entscheidung liegt bei anderen Mächten. In Gottes Namen! Damit vertraute er sich und den Sohn der inneren Führung an, die die Oberleitung hatte. So konnte man ruhig und ergeben den Gang der Dinge abwarten.
Der innere Kompaß hatte gut geführt. Für den gesunden Liechtentaler Buben war die Prüfung ein Kinderspiel, als Erster ging er aus dem Wettbewerb hervor und war Sopranist am k. k. Konvikt und zugleich Schüler der ersten Lateinklasse.
Jahr um Jahr berichteten die Schulzeugnisse von dem guten Fortgang der Studien, und nie fehlte die Anmerkung: »ein besonderes musikalisches Talent«. Ein Schriftstück an den Hofmusikgrafen besagt sogar, daß auf die musikalische Bildung des Franz Schubert, da er ein so vorzügliches Talent zur Tonkunst besitze, eine besondere Sorgfalt verwendet werden solle. So kam der Hofkapellmeister Salieri hinter das kleine Genie, und so kam der Klavierdrillmeister Ruczizka in den Schriftstücken an den Hofmusikgrafen zu den lobenden Anerkennungen wegen der erteilten Nebenstunden, zu denen er, Ruczizka, von Amts wegen nicht verpflichtet gewesen wäre.
Und so kam es endlich, daß der Vater die systematische musikalische Ausbildung des Sohnes gewähren ließ, weil er sie ja auch nicht hindern konnte. In Gottes Namen! Andere Mächte bestimmten das Schicksal, er konnte nur Ja und Amen sagen. Und sich damit trösten, daß für die eigentliche Lebensaufgabe die Lateinschule sorge, die ihm vor allem anderen als die Hauptsache erschien.
Aber büffeln und ochsen, Latein und Mathematik, das war dem Jungen durchaus nicht die Hauptsache. Viel eher ein lästiges Anhängsel, eine unbequeme Draufgabe, die man eben in Kauf nehmen mußte. Ja, wenn man oben saß am Chor ganz nahe bei den geflügelten Engelein, umschauert von dem Weltgesang der Orgel und von dem Jubel der singenden Geigen, da war das Leben herrlich, die eigene Stimme ließ sich von diesen tönenden Fittichen tragen und stieg wohl noch ein wenig höher im Chor der Seligen.
Aber dann in der öden Grammatikalklasse, das war wie ein Sturz aus Himmelsregionen auf die harte Erde. Diese trägen, unergiebigen Stunden mit Cornelius Nepos, mit Plutarch und Ovid. Der klassische Dichtergeist zu langweiligen Schulpräparaten zerstückt und eingetrocknet wie die glanzlosen Schmetterlinge in den Kästen und die gepreßten Pflanzen in den Herbarien. Kein Hauch des Lebens mehr darin. Half also wirklich nichts als stucken, ochsen, büffeln! Aber das Herz, das Herz war nicht dabei. Ein Wunder, daß es dennoch ging, mit Ach und Krach. Nur -- wenn es dem Gelehrtenhaupt am Katheder zu holperig vorkam, und die Exerzitien so gar nicht vom Fleck gehen wollten, dann wetterten die saftigsten Schimpfreden auf die Schülerherde nieder.