Franz Schuberts Lebenslied

Part 6

Chapter 63,669 wordsPublic domain

Da wird der Alte fuchsteufelswild, die angeborene bäurische Abneigung gegen die Freizügigen bricht in harten Worten hervor. Sein Junge, ein verlorener Sohn, ein herumziehender Musikant ohne festen Halt im Leben, ohne Besitz, ohne Amt -- er hat noch vom Dorf her die Verachtung für solche wurzellockere Existenzen -- das alles will nicht in seinen kreuzbraven, eigensinnigen, grauen Schädel. Daß der Franz sein Amt vom lieben Gott hat, weiß er wohl, aber um leben zu können, muß man sein Amt von den Menschen bekommen.

»Es leid't mich nimmer zu Haus, Vater, ich muß einmal fort, sonst geh' ich zugrund'!«

Da wird der Vater rauh: »Sollst nicht zugrund' gehen zu Haus, wenn'st lieber in der Fremde zugrund' gehen willst! Dann geh' halt -- geh' aber gleich, geh'!«

Der Vater wendet sich ab; der teuerste Sohn hat ihn ins Herz getroffen, man soll nicht sehen, wie weh ihm ist; aber jetzt ist er fertig mit ihm. Der Bruch ist geschehen.

Franz geht. Das Vaterhaus ist zu eng geworden. Er braucht Luft, Freiheit, er will wachsen, in die Welt hinein wachsen. Leben, o Leben!

III.

Wandert der Jüngling stadtwärts, den Weg, den er als Knäblein an des Vaters Seite gegangen war. Muß daran denken, und will ihn die Rührung fast übermannen. Ist aber bald wieder frohen und leichten Herzens, geht es doch der heißersehnten Freiheit entgegen! --

Freiheit! Den Zauberklang des Wortes kann nur der erfassen, der drückendem Zwang entgangen ist. Alles dunkel Geahnte, innig Ersehnte ist in diesem Wort wie in einem rosafarbenen Nebel eingeschlossen, Welt, Schaffen, das bißchen Ruhm, alles, was das Leben ausmacht. An die Freuden denkt man, nicht an die Leiden, mit denen der Pfad ins Ungewisse belagert ist. Durch! Der Genius muß durch -- ein blaues Himmelsziel vor sich, sein Weg.

Wien, einziges, liebes Wien! Wie ein Blumentopf steht es auf grünem Rasen mit seinen Gärten über den Stadtmauern und dem kunstvoll gemeißelten Himmelsstab in seiner Mitte, dem alten Steffel! In der Mitte vom Glacis in der Richtung zum Schottentor heben sich ein paar Hüte grüßend in die Luft, die Leute treten scheu zur Seite vor einem kleinen, stämmigen Mann, der den alten Zylinder tief in das runenhafte Gesicht gedrückt hat und daherstürmt in wogenden Gedanken, und weder hört noch sieht.

Ausweichen, ausweichen! Seiner Eingebung folgend, sprang Franz behend auf die andere Seite des Gehweges und reißt sofort seinen Hut bis zur Erde. Ein verlorener Blick aus dem weltfernen Titanenantlitz streift ihn und macht sein Herz fast stillstehen vor Ehrfurcht und Freude.

Ein gutes Zeichen, ein gutes Vorzeichen! wollte bebend die innere Stimme wissen, die es als glückbringend deutete, daß Franz bei seinem ersten erfolgreichen Schritt dem Gewaltigsten begegnet hatte, den er neben dem Göttlichsten als meisterliches Vorbild anbetete: Herrn Ludwig van Beethoven. Der war kein göttlicher Gastgeber alten seigneuralen Stils in schwarzseidenen Hosen, seidenen Strümpfen, Schuhen mit vergoldeten Schnallen, blauseidener Weste und goldgesticktem braunem Überrock, wie der himmlische Meister Wolfgang Amadeus, sondern der war mit seinem verwühlten Haupt, seinem unordentlich zugeknöpften schlichten Rock ein leidenschaftlicher Himmelstürmer und Götterstürzer, einer, der um das Menschsein wußte, um das Furchtbarste und Erhabenste, um alle Erdenpein und Größe, um alle Verlassenheit und Selbstgottherrlichkeit -- ein Offenbarer, ein Verkünder, ein Tragiker! Der trug die Krone der Freiheit, von der der Jüngling nicht wissen konnte, daß es eine Dornenkrone ist.

Was stehst du nun, junges Meisterlein, und starrst ihm nach mit einem visionären Blick, als ob du eine Erscheinung gehabt hättest?!

E -- fis -- g -- h -- ais! klang es plötzlich auf in der Brust. Franz konnte das Tiefste, das er empfand, nicht anders denken, als in Noten. Ein Ton, der sich wie eine Erleuchtung einstellte, bang und fragend wie ein schüchternes Pochen am Tor des Unendlichen.

E -- fis -- g -- h -- ais -- -- Der tragische Akkord wollte sich nicht mehr abweisen lassen. Er klang als Grundton immer durch auch in den heitersten Momenten und da am stärksten; er war nun einmal in der Welt und hatte seinen eigenen Sinn wie eine Mahnung, die dann am furchtbarsten war, wenn sie nach Zeiten des Vergessens plötzlich wieder die Seele mit allen Bangnissen zum Aufschauern brachte.

Eine helle Empfindung gewann Oberhand; sie jubelte als lebensfrohe Melodie über den dunklen Schauern.

Franz war gedankenvoll durchs Schottentor gekommen, auf der Freiung stand er aufatmend still. Die schönen Adelspaläste, die Baumkronen über den geheimnisvollen Mauern, umschlossene Gärten mitten in der Stadt! Die Schottenkirche, alle Pracht ergriff ihn, als ob er sie zum erstenmal sehen würde.

»Was möchten's denn, gnä' Herr?!« fleanschte ihn eine schwammige Öbstlerin gutmütig an. Eilig rannte er weiter aus dem Marktgewühl, am tiefen Graben vorbei, wo der Alserbach ging, der klaräugig blickende, gleich einem zwischen Weinbergen und Wiesenrainen spielenden hurtigen Knaben, den es nach der Stadt drängte -- was war er dort geworden? Eine schmutzige üble Gosse, die sich scheu in dunklen Gewölben verkroch -- wie ein Schrei klang es schmerzlich auf in der Brust: e -- fis -- g -- h -- ais!

Und nun bergan zum Hof, wo der gelbe Stellwagen von der Grinzinger Allee hereinholperte, staubig, von müden, mageren Rossen gezogen, ein Gruß vom Land herein, von Wein und Heurigenmusik; hoch aufgepackt als heitere Fracht alle städtische Sehnsucht nach dem Grünen!

Mein Gott, diese Blumen am Hof, ein ganzer Markt, wie schön! Ja, ja, die Stadt braucht Blumen, man kann nicht genug haben in den Mauern; wenn man draußen lebt, ahnt man gar nicht, wie notwendig sie sind, und daß es soviel auf einem Platz geben kann, und der Duft!

Mit all diesen müßigen Gedanken und verzücktem Umherschauen vergeht die Zeit, die Uhr unter den Atlanten mit der Weltkugel am Hof zeigt bald Zwölf, also weiter, weiter durch die enge Bognergasse zum Graben hinaus.

Herrgott, ist da wieder eine Pracht, diese Frauenzimmer, nein, nicht zum sagen! Mudlsauber -- eine schöner wie die andere! Wird einem ganz wurlert! Und die lieben Gesichterln -- wie sie lachen und umschauen, und wieder lachen -- jetzt weiß er nicht, soll er sie grüßen, kennt er sie, oder kennt sie ihn, oder will sie ihn kennen lernen -- er möcht' jedenfalls -- aber die vielen Leute -- und die eleganten Schwasser, die hinterher scharwenzeln. -- Jessas! und jetzt schaut sie wieder um -- bocksteif steht er da, weiß sich nicht zu helfen, eng und schwül wird ihm, daß er schwitzt, er schaut ratlos um und um, sein Blick gleitet die Dreifaltigkeitssäule hinauf, die sich mit barocker Ekstase emporwirft voll unendlichem Verlangen.

E -- fis -- g -- h -- ais!

»Servus, Servus! Landschulmeister, himmlischer, wie kommst du auf einmal dahergestiefelt um zwölf Uhr mittags am Graben?!« jauchzt plötzlich einer der eleganten Stadtfräcke hinter ihm, hat ihn schon abgefaßt und auf offener Straße umarmt.

»Schober, lieber Schober!«

Kurze, hastige Erzählung Franzens über Woher und Wohin.

»Hast den Schulmeister an den Nagel gehängt, endlich, endlich, es war die höchste Zeit! Wo wohnst du denn?«

Ja, richtig, wo er wohnt, an das hat Franz noch nicht gedacht. »Ich weiß nicht!«

»Köstlich,« ruft Schober, »wohn' bei mir! Ich hab' ein Zimmer frei, kost' dich nichts, kannst bleiben, solang' du magst, mir ist's eine Freud'!«

Franz lehnt lächelnd ab, vorläufig wenigstens -- wozu schmarotzen? Hat ja Geld in der Tasche, bare hundert Gulden!

Schober hat es um diese Zeit eilig, der Mittagsbummel am Graben war die Stunde, wo die Löwen auf Beute gehen; soviel Schönes, als es da zu sehen gab -- da war nicht zu zaudern. »Also Servus, auf Wiedersehen!«

Beim Stock-im-Eisen, am Ende des Grabens, steht er und schaut sich die vielen Nägel an, die in legendenhafter Zeit die Schmiedgesellen in den Baumstamm eingetrieben haben, und wundert sich in seiner beschaulichen Weise aufs neue, wie die Kerle so ausgezeichnet die Nägel alle auf ihre Köpfe getroffen haben. So muß man's auch machen, die Nägel auf alle Köpfe treffen, dann ist man der richtige Schmied seines Glückes. Aber er denkt nicht daran, daß er ja auch seines Glückes Schmiedgesell ist, und haarscharf, wenn nicht die Nagelköpfe, so doch Notenköpfe trifft, das Meisterstück, worauf es bei ihm ankommt!

»Servus!« tönt eine Stimme weich und einschmeichelnd, er wirft sofort den Kopf herum. »Ach, lieber Hüttenbrenner!« und schaut in das kluge Gesicht des guten philosophischen Anselm, der zuerst Kleriker war, dann Jurist, und zugleich in Schuberts Konviktszeit bei Salieri Kontrapunkt studiert hat. Jetzt hat er seine Seele ganz der Musik verschrieben.

Ein rasches, wechselseitiges Fragen, und alles ist klar.

»Magst bei mir wohnen, ein Kanapee steht zur Verfügung! Nicht? Aber wir sehen uns jetzt öfter, gelt? Du weißt ja, im Café Bogner, bei der lustigen Blunzen, kommen wir täglich zusammen. Kommst bestimmt! Alsdann Pfüat!« Händeschütteln, die Freunde trennen sich.

Über der Stadt schwingen Glocken, eine tönende Flut, ein Bronzeregen, ehern und gewaltig, als ob die Glocken in der Brust schwingen würden. Die Glocken von St. Stephan. Franz kann nicht widerstehen, einen Blick muß er in die Stephanskirche tun, eine liebe, alte Gewohnheit.

Der Dom ist die steinerne Blume der Stadt, der liebe Wienerwald mit seinen Blümelein und seinem Getier lebt in den himmelhohen Kapitälen. Und allerlei spukhaftes Fabelwesen treibt sein Spiel an den steinernen Wurzeln, läuft auf den behauenen Sockeln oder kauert in den schwarzen Nischen. Ein herrliches, steinernes Bilderbuch -- die alten Meister hatten Phantasie. Franz fühlt sich ihnen verwandt.

Eine Hand legt sich auf seine Schulter. »Freund, du hier?«

Franz sieht zu dem Dunklen, Zugeknöpften hinter sich hinauf, die starre, melancholische Maske Mayrhofers schaut ihm entgegen. Arm in Arm schreiten sie aus dem Dom.

»Kannst bei mir wohnen, das Zimmer neben mir wart' auf dich!«

Herrgott, wie sie sich alle um ihn reißen! Er nimmt's nicht an, aber wohl tut's doch!

Später in der Kärntnerstraße trifft er den Pianisten Jenger, mit dem er durch Hüttenbrenner befreundet wurde, und der außerhalb seiner Kanzleistunden mit Frau Musika in der wildesten und beglückendsten Ehe lebt.

Jetzt fängt auch der an:

»Das wär' ein herrliches Dasein, eine Zigeunerwirtschaft unter einem Dach, du, ich und unsere gemeinsame Geliebte, die holde Frau Musika! Schlag' ein!« Es ist schon zum Lachen! Sind liebe, gute Kerle, alle miteinander!

Es ist nicht Zeit, lang Standerln zu machen, Franz will beizeiten nach »Schwindien«.

»Schwindien?«

»Nun ja, freilich; das heißt, zu Schwind, ins Mondscheinhaus, drüben bei der Karlskirche überm Glacis.«

So ist Franz zum anderen Ende der Stadt wieder hinausgegangen, wo drüben die Karlskirche steht, eine Madonna im Grünen. Das graue, einstöckige Haus in nächster Nähe mit dem ummauerten Hof ist das Mondscheinhaus, wo die Romantik blüht. Ein Blick von dort über die Stadt mit dem Kahlengebirge dahinter, das vergißt man nicht mehr. So viele Poesie! Schubert singt es, Schwind malt es, ein anderer dichtet es, jeder wie ihm der Schnabel gewachsen ist, die Hauptsache, daß man's nur spürt.

Die im Mondscheinhaus spüren's. Franz schleicht heran, im Hof hört man schon die drei Brüder Schwind, die sich sehr laut aufführen. Was tun sie? Dreinhauen tun's. Hauen aufeinander, daß es schallt wie bei Dreschern auf der Tenne, oder bei Teppichklopfern, prügeln sich gegenseitig mit alten Säbeln, rostigen Schilden, daß die Köpfe unter den verbeulten Helmen brummen, und schreien dazu, was sie nur aus der Gurgel bringen, volltönende, herrliche Worte, auf die man unwillkürlich hinhören muß. Was sind es? Nibelungenverse. »Er schlug damit den ersten Schlag. Hei, hei! Volker, Spielmann, wie rührst du den Fiedelbogen!«

So macht der fröhliche Knabensinn, der noch unverkümmert in den jungen Männern steckt, aus einer turnerischen Übung ein ganzes Ritterspiel. Ein echter Schwind.

Die Kämpfer sind müde und machen eine Pause. Franz pocht an das Tor. Kein Laut regt sich mehr. Grad' so, als ob das Haus ausgestorben wäre.

Haben sie sich am End' gegenseitig erschlagen, denkt Franz und klettert auf die Mauer hinauf. Das Schauspiel, das sich ihm darbietet, ist wunderlich genug. Die drei Helden, mit altem Rüstzeug angetan wie die Schmierenkomödianten eines Bauerntheaters, schleichen mit aufgeregten Mienen auf den Zehenspitzen ans Tor, der Älteste guckt durchs Schlüsselloch -- da hat Moritz den Eindringling schon über der Mauer entdeckt.

»Kerl, elender, blöder, mistiger, lieber, guter -- dein Glück, daß du da bist! Sei aber froh, daß du kein Gläubiger bist!«

Der Jubel ist jetzt erst recht groß, anstatt eines gefürchteten Gläubigers den lieben Freund zu erblicken, der zwar die Mauer hinaufzuklettern vermochte, aber nicht herunterkam. Eine kleine Tracht freundschaftlicher Prügel muß er sich in seiner Hilflosigkeit schon gefallen lassen. Nach diesen stärkenden Leibesübungen kehrt der gewohnte Männerernst wieder zurück. Schön ist es in dem Hof, den die Brüder in ein stimmungsvolles schwindisches Gartenbild verwandelt haben. Mit Rasen ist er bewachsen, eine Fliederlaube steht im Hintergrund, Akazien und Holunderbäume sind hinzugepflanzt, einige Blumenbeete, dazu noch etliche Oleander in Kübeln -- das ist »Schwindien«, die Heimat der schönsten romantischen Malerträume. Und weil man nichts tat, ohne den Dingen einen besonderen Sinn zu geben, so nannten die Brüder diesen Gartenhof mitsamt den zu ebener Erde liegenden Wohnräumen ihre Burg Malepartus.

Gewohnt, gelebt, gearbeitet wurde in der schönen Jahreszeit mehr in der Laube als in den Zimmern. Da lag noch das Arbeitszeug herum -- Neujahrskarten wurden gezeichnet und Krampusse gemalt -- wofür? Dumme Frage, für den kommenden Christkindlmarkt am Hof, Fronarbeit, mit der sich der junge ringende Genius die Freiheit für seine Kunst und seine Studien erkaufen muß. Denn manchmal ist Schmalhans Küchenmeister seit dem Tode des Vaters, und mit Schuldscheinen bewehrte Feinde belagern oft die Burg Malepartus. Aber Künstlerfreude und Jugendsinn lassen keinen Schatten dauernd aufkommen, besonders solange »Goldstaub« im Tabaksbeutel ist -- und den hat heute Schubert in reicher Menge mitgebracht.

»Bruder, am besten, du bleibst bei uns! Wir richten uns häuslich ein. Platz ist genug, ein Zimmer kannst du haben, was du singst, male ich -- kann man sich ein trefflicheres Accompagnement denken?! In dieser schönen Jahreszeit tragen wir die Matratzen heraus und schlafen nachts im Freien unter duftendem Flieder und niederrieselndem gelben Goldregen. Da blühen Träume, Bilder und Musik -- schöner findest du es nirgends!«

Für diese Nacht beschloß Schubert zu bleiben -- die Träume unter dem Fliederbaum und Goldregen waren gar zu verlockend. Ein mannshohes Schild mußte weggehoben werden, ein Türke war darauf gemalt noch frisch von Farben.

»Fürs Café Bogner -- so bezahlt man seine Schulden!« erklärte Schwind. »Morgen ist die feierliche Hinsetzung dieses ›Kunstwerks‹ -- das gibt wieder Kredit auf ein Jahr!«

Gegen Abend wurden in der Laube die Pfeifen entzündet, und die klausnerische Seligkeit begann, von der Schwind immer und immer träumte. Die Wolken stiegen wie Weihrauch, Flieder und Akazien dufteten, die Sterne leuchteten, Träume umwoben die Stirnen, das Glück war vollkommen.

G -- d -- g -- fis -- g -- a -- --

Die Cellos in der Brust erheben den schmerzlich süßen Sang, wohl und wehe ist ihm -- das Glück, das Glück!

Am anderen Morgen geht das Wohnungsuchen an in den engen traulichen Gassen der inneren Stadt. Die Sonne fällt schräg in die blitzenden Fenster der leicht gekrümmten Hauswände, ein Lied trällert, ein Kopf lugt da und dort heraus, ein Tüchlein um die Frisur gebunden, wäschermädelartig, mit zwei koketten Zipfeln nach vorne -- sie sind so lustig beim Zimmerfegen in aller Früh, die holden Weiblein! Und auf Reinlichkeit sind sie wie der Teufel: nur gleich zum Fenster hinaus mit dem Staubtuch, die ganze Ladung dem Vorübergehenden auf den Kopf: Unrat, zusammengedrehte Haarbüschel -- das ist aber noch nicht das Schlimmste, wenn nicht zufällig auch einmal was Lebendiges dabei ist, ein Läuslein, ein Wänzlein, ein Flöhlein. Sind ja so übertrieben reinlich, dulden nichts Unsauberes, heißt es gleich, hinaus damit! Also gib fein acht, lieber Morgenwanderer, wenn du durch enge Wiener Gassen lustwandelst!

Spaziert Franz unverdrossen die Kreuz und Quer, gaßauf, gaßab, hält an jedem Tor, wo ein weißer Zettel hängt und wie eine Geisterhand winkt: »Elegant möbliertes Zimmer für einen soliden Herrn .....«

Unzählige Treppen gibt es zu steigen, eine Wanderung, die steil hinauf- und hinuntergeht im geklüfteten Stadtgebirge. Das Bilderbuch der Stadt rollt sich auf bei dieser seltsamen Wanderung, die keinem Junggesellen erspart bleibt. Es ist zwar immer dasselbe Bild bürgerlicher Zwischenstufen, ein krampfhaftes Pflanzmachen, dahinter die heimliche Misere, ein elendes Durchfretten, ein ewiges Wursteln ..... immer dasselbe Thema, aber welche Variationen im Menschlichen!

Eine hübsche Witwe tut sehr fesch, will ihn gar nicht mehr fortlassen, sitzt plaudernd da mit übereinandergeschlagenen Beinen: »O, Sie werden sich sehr wohl fühlen!« Mehr als ihre Worte sagen es ihre Mienen und ihre Augen. Er wäre froh, wenn er schon draußen wäre, er fühlt sich gar nicht wohl, er sitzt wie auf glühenden Kohlen.

Bei einer Witwe, die so hübsch und lustig dreinschaut, nein, das geht doch nicht. Was würden die Leute dazu sagen, die Freunde und nun gar die Brüder, wenn sie kämen, und erst, was Gott verhüte, der gestrenge Herr Vater! Die Hänseleien von den einen, die stillen oder gar lauten Vorwürfe von den andern -- er möchte keines von beiden riskieren. Er ist das wirklich, was auf dem Zettel verlangt wird, »ein solider Herr«! Er ist hochrot im Gesicht, als er wieder unten auf der Straße steht, und jetzt ärgert er sich über sich selber. »Dumm von mir ...«, aber man ist manchmal so und manchmal so .....

Und fort geht das Suchen -- schließlich wird's ihm ein Bild des Lebens: Suchen und Suchen, kaum ein Finden, schließlich immer nur ein Vorliebnehmen.

Des Auf- und Abkletterns müde geworden, hat er am Schluß vorliebgenommen und sitzt als Zimmerherr in einer geräumigen Stube mit altväterischen wackligen Möbeln. Nun ist er in seiner höchsteigenen Behausung für monatlich dreißig Gulden Wiener Währung samt Frühstück. Ein sündhafter Preis! Warum hat er's genommen? Das Suchen war ihm schon zuwider, vielleicht aber hat ihn auch das Mitleid bestimmt. Er hat ein weites Herz und denkt sich, wegen so ein paar Netsch mehr oder weniger ....

Die Quartierfrau, ein abgehetztes Weib, hat ihm in fünf Minuten ihre ganze Lebensgeschichte erzählt, sie ist eine »bessere Frau«, was sie wiederholt unterstreicht, und die Mali, ihre Tochter, das liebe, gute Kind, lernt Französisch und Klavier und kann eine ausgezeichnete Torte machen!! Sie ist so furchtbar häuslich! Sie behauptet, daß die Erziehung des Kindes so furchtbar viel Geld kostet, aber eine gute Bildung sei wohl die beste Mitgift! Ein vernünftiger Mann würde bei einem Mädchen doch lieber auf Bildung und Häuslichkeit sehen als auf Geld! Der neue Zimmerherr wird sich wie zu Hause fühlen!

Es gelingt ihm endlich, ihrem Wortschwall Einhalt zu gebieten und sie zur Tür hinauszuschieben, dann hört er sie im Hintergrund des dunklen Flures, der von Waschdunst und Küchengerüchen erfüllt ist, mit der Mali, dem guten, lieben Kind, keifen: »Was stehst denn, Trampel, schau', daß d' in Schwung kommst ...« So sieht's mit der Erziehung aus, die furchtbar viel Geld kost' ....

Es ist aber nicht tragisch zu nehmen, das Zünglein hängt gar locker und ist mit einem Schimpfwort rasch fertig. Das kommt bei besseren Leuten auch vor -- es gehört zur Gemütlichkeit.

Ein Klavier steht in der Ecke, verstaubt, verstimmt, es muß erst instand gesetzt werden. Ein Glück, daß es überhaupt da ist. Also rasch den Klavierstimmer ins Haus! Die gute Mali -- ob die je im Leben eine Klaviertaste angerührt hat? Aber das bißchen Pflanz -- es ist ja so notwendig zum Leben, der Traum von Glück, ein goldener Schein, der das graue Elend ein bißchen überleuchtet!

Als dem Klavier wieder wohlgestimmte, klare, reine Töne entsteigen, und die von Arbeitsdrang erfüllte Brust sich in Noten entladen darf, da ist das Gemach hell und freundlich geworden und die Geister der Sorge, die es bewohnten, sind entwichen. Die Seele schwebt in wolkenloser Seligkeit und ein Celloton singt in H-Moll aus blauer Ferne:

G -- d -- g -- fis -- g -- a .....!

Ein schwebender Klang, der sein hoffnungsreiches Glücksgefühl umspielt. Wenn er in sich hineinhorcht, kann er ihn jetzt wieder vernehmen, immer und immer wieder.

Der Ton entschwebt, wenn er ihn fassen will, verdrängt von dem singenden, rauschenden Quell in seiner Seele, der ins Leben will, der Menschheit zur ewigen Freude. Herrlich ist es, so in Freiheit zu leben und im goldenen Überfluß zu schwelgen! Mit vollen Händen kann er sich verschenken, so stark und schier unerschöpflich ist der innere Quell!

Der graue Vormittag gehört dieser stürmischen Arbeit. Mit allen Kräften der Seele ist er seinem Werk gewidmet, vom frühen Morgen an bis zur Mittagsstunde. Dann ist er erschöpft, leer, ausgepumpt, sucht Erholung und Ablenkung und findet sie bei den Freunden. Schon beim Mittagessen trifft er den einen oder anderen im Gasthaus »zur schwarzen Katze«, »zur Schnecke«, »zur Eiche«, beim »roten« oder beim »blauen Igel«, wo abwechselnd das bescheidene Mittagsmahl eingenommen wird.

Gleicht ein Beisel dem andern, der Fußboden ist voll Flecken und Schmier, der Kellnerfrack ist es ebenso, der einmal schwarz war und jetzt grau ist wie der Boden, der einmal weiß war. Es geht gemütlich her, der Wirt, der Zahlkellner, der Speisenträger, der Pinckerl schießen herum, Herr von Schubert hin, Herr von Schubert her, vier oder sechs Hände entreißen ihm Hut, Stock und Überrock, noch ehe der Ankömmling weiß, wie ihm geschieht, leiert ihn der Pikkolo an wie ein Ratschenbub und zählt alle Getränksorten her, der Speisenträger memoriert die Speisenkarte: Fleckerlsuppe, Nudelsuppe, Kaiserschöberl -- schönes Rindfleisch, Herr von Schubert, ein schwarzes Scherzel, ein Kavalierspitz, ein Kruspelspitz, nicht zu fett, ein bisserl unterspickt, Zwiebelsauce oder eingebrannte Erdäpfl dazu, oder rote Rüben, Schnittlauchsauce -- vielleicht einen schönen Kalbsschlögel, einen Nierenbraten, Kaiserfleisch, Schöpsernes, Roastbeef --

Halt, halt! Der Kopf wirbelt einem schon! Jetzt kennt man sich in den kulinarischen Genüssen erst recht nimmer aus. Zeit lassen! Die Speisenkarte her!

Inzwischen wird von allen Seiten geschrien, dem einen geht die Bedienung zu langsam, dem anderen, der seine Suppe noch nicht ausgelöffelt hat und schon das Rindfleisch kriegt, geht sie zu schnell, keiner ist zufrieden, ein jeder möcht' etwas anderes -- die Aufregung! Das Schimpfen, das Gelächter, das Tellerklappern, das Geschrei, die durcheinander schwirrenden Dissonanzen -- wobei sich alles in Wohlgefallen und Gemütlichkeit wieder auflöst -- es wirkt auf die abgespannten Nerven doch wieder belebend wie ein erfrischendes Bad. Und hat man heute über den Schlangenfraß geschimpft und es verschworen, das verfluchte Saubeisel nicht mehr zu betreten, so ist man am anderen Tage um so pünktlicher wieder da. Es ist keiner glücklich, wenn er nicht ein bißchen räsonnieren kann. Die Wiener Tugenden und Untugenden, die waren, sind und sein werden -- man hat sie in der knappen Mittagsstunde beisammen, während der Fütterung entfalten sie ihre Blüte. Man ist gereizt wie eine hungrige Bestie, wenn man kommt, und wenn man geatzt ist, geht man als friedfertiger Mensch von dannen. Wohin?

Natürlich ins Kaffeehaus zu einem Schwarzen und einer Pfeife Tabak, die der Höhepunkt des Diners ist. Das Essen ist nur der Umweg zu diesem Göttergenuß. Also geradewegs zur »lustigen Blunzen«, wo Schwinds Schild mit dem Türken richtig in ganzer Farbenpracht prangt.