Fenn Kaß

Part 5

Chapter 53,760 wordsPublic domain

Er wurde nicht gerührt, es stieg ihm nicht würgend in die Kehle von Heimweh und dergleichen – er biß nur die Zähne zusammen und dachte: „Wenn es sein muß, in Gottes Namen. Es dauert ja nicht ewig.“ Und dann lächelte er schon wieder, denn es fiel ihm ein, daß er ja noch die Zuckerplätzchen seiner Mutter in der Tasche hatte. Das war ja eine noch viel entsetzlichere Sünde wider den Geist des Hauses! Wenn er seinem Nachbar davon anböte! Das Gesicht! Wahrhaftig, er wollte ... In diesem Augenblick flog die Tür auf und in steifleinene Majestät drapiert trat der Herr Direktor in den Saal.

Seine Brillengläser funkelten, er hatte die Lippen zusammengekniffen und ließ seine Augen über die Köpfe der mäuschenstillen Zöglinge blitzen.

Fast unheilverkündend stand er da. Aber nur auf das Überwältigende des ersten Eindruckes kam es ihm an. Nachdem er die Überzeugung gewonnen hatte, daß alles überwältigt war, wechselte er leise ein paar Worte mit dem die Aufsicht führenden Philosophieschüler, dem sogenannten Präfekten, und stieg in das hohe Katheder von Pitchpine hinauf.

Vom Katheder herunter schlug Kleyer seinen geliebten Zöglingen eine eindringliche Rede über das Jämmerliche und Verderbliche der Menschenfurcht mit großer Heftigkeit um die Ohren. Seines Christenglaubens und seiner Eigenschaft als Zögling des Konvikts schäme sich nur eine Memme! Wie das klang! Eine Memme! Hundert Knabenherzen zitterten bei dem Gedanken, daß man sie für eine solche Memme halten könnte. Dann folgte eine vogelperspektivische Erklärung dessen, was man unter dem Geist des Hauses zu verstehen hatte. Wer den Geist des Hauses hatte, der konnte nicht verloren gehen in Zeit und Ewigkeit. Wer aber den Geist des Hauses nicht hatte, der, ja, der, geliebte Zöglinge, der war dem Dämon der sittlichen Verderbtheit verfallen! Überall die gleißende Vision dieses Dämons, auf die sich die Phantasie dieses asketischen Priesters mit geifernder Wut stürzte, auf die er mit geballten Fäusten losschlug, auf der er schäumenden Mundes herumtrampelte. Verderbt, wer sich gegen die Hausregel verging, verderbt, wer redete, wo das Reden verboten war, verderbt, wer die Hände in die Taschen steckte, verderbt, wer naschte, verderbt, wer über das Essen die Nase rümpfte, – sittliche Verderbtheit war der innerste Kern aller Auflehnung gegen den Geist des Hauses.

„Und nun, geliebte Zöglinge, will ich euch zum Schluß eine Geschichte erzählen. Daraus sollt ihr lernen, wie ein echter Konviktorist der Versuchung widersteht. Einer von euch hat in herrlicher Weise heute das Böse in sich überwunden. Seine Mutter, eine schlichte Frau, die es leider nicht besser wußte, ließ sich vom Dämon der Sinnlichkeit locken, ihr eigen Kind in Versuchung zu führen!“

Fenn bemerkte, wie Louis Binz auf seinem Sitz unruhig hin- und herrutschte, um so unruhiger, je weiter die Geschichte gedieh.

„Der Dämon der Sinnlichkeit, geliebte Zöglinge, hatte dieser durch eine falsche Liebe und Zärtlichkeit verblendeten Mutter eingegeben, ihrem Sohne zum Abschied eine Tüte Schokoladenplätzchen zu schenken. Eine Tüte mit Schokoladenplätzchen!“

Herr Kleyer rief es mit komischer Feierlichkeit, als hätte er mit spitzen Fingern die Tüte gefaßt und hielte sie seinen geliebten Zöglingen als einen Gegenstand des Abscheus vor die Augen, ehe er sie mit einer Gebärde unsäglichen Ekels in die Gosse schleuderte.

„Eine Tüte Schokoladenplätzchen! Was tat der Sohn? Als ihm die Mutter heimlich die Tüte zuzustecken versuchte, wallte heilige Entrüstung in ihm auf und er sagte blitzenden Auges zu seiner Mutter: Mutter, schämt Ihr Euch nicht, Euer eigenes Kind in Versuchung zu führen! Da gingen der guten Frau die Augen furchtbar auf, sie sah das Verwerfliche ihres Beginnens ein, sie drehte sich weinend um und schlich hinaus, mit ihrer Tüte Schokoladenplätzchen im Korb!“

An der Stelle, wo Louis Binz mit Fenn Kaß an einem Pult zusammen saß, war gegen den Schluß dieser erbaulichen Geschichte Unruhe entstanden. Der Herr Direktor wurde aufmerksam, und als die Unruhe zunahm und immer mehr Köpfe sich den beiden Pultnachbarn zuwandten, fuhr er mit einer gellenden Frage drein:

„Was gibt’s dahinten? Wer treibt da Unfug?“

Louis Binz war aufgestanden.

„Binz! Was ist los?“

Der blaßbraune Knabe mit den schwarzen Pulswärmern wagte weder die Augen zu erheben noch den Mund aufzutun. Er zeigte immer nur mit entsetzten Mienen auf Fenn Kaß.

„Also du, der andere, wie heißt du?“

„Kaß.“

„Nun, heraus damit! Was ist los?“

Fenn Kaß räusperte sich und erklärte in die lautlose Stille hinein: „Der Binz hat gesagt, er ist es gewesen, der zu seiner Mutter gesagt hat, sie solle sich schämen!“

„Weiter?“

„Und da habe ich zu ihm gesagt ...“

„Nun?“

„Er ist ein gemeiner Kerl!“

Ein erlösendes Gelächter brach von allen Pulten los, sofort übertönt von der Stimme des Alten. „Kaß! Heraus! In die Ecke! Schandbube!“

Fenn Kaß zuckte die Achseln. Er sah, mehr verwundert, als erschrocken, wie die hagere Gestalt des Direktors in dem Pitchpine-Katheder emporschnellte, mit Riesenschritten auf ihn zustapfte – wie hundert blasse Gesichter mit entsetzten Mienen auf ihn gerichtet waren – seine Gedanken überschlugen sich, in drei Sekunden hatte er überlegt: „Wenn er dich haut, fängst du den Schlag mit dem rechten Ellenbogen auf – bis Wiesing gehst du drei Stunden, es ist eben sechs, um neun bist du da, du schläfst beim Pichert und gehst morgen nach Haus – Brauns Marjänni wird die Hände überm Kopf zusammenschlagen – der Vater wird schimpfen, aber die Mutter ...“

Da stand der Direktor vor ihm. Er spürte seine Hand schwer auf seiner Schulter und litt sie, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne sich zu beugen, trotzig gegen den Druck gestemmt, stolz, daß er ihn ohne nachzugeben trug. Als sich aber dieselbe Hand um seinen Oberarm krallte, machte er sich los durch einen heftigen Ruck.

„Du gottverlassenes Subjekt! Hinaus!“ Die gellende Stimme kippte auf der höchsten Stufe um. „Hinaus!“ Fenn dachte, wie seine Mutter mit ihm im Park auf der Bank gesessen, wie sie ihm den Fünfziger zustecken wollte, wie er sich gegen ihre Zuckerplätzchen gesträubt hatte. Es schien ihm ungeheuerlich, daß er sie mit tugendstolzem Verweis hätte anfahren, daß sie sich weinend mit ihrem Körbchen zum Gehen hätte wenden sollen – so unausdenkbar schien ihm das, so wider die Natur, daß er nur den einen Drang verspürte: Fort! Heim! Fort von den Menschen, die so Ungeheuerliches als Tugend von dir fordern!

Und im krampfhaften Selbsterhaltungstrieb seiner Seele packte er aus dem Pult seine kaum verstauten Siebensachen zusammen und ging hinaus. Der Direktor keuchte hinter ihm drein. Und schwer atmend saßen die Schüler, wie im Theater die Zuschauer, wenn nach einem guten Aktschluß der Vorhang gefallen ist.

Fritz Lampert sagte zu seinem Pultnachbar, dem kleinen Zahnbürstenmann: „Der ist keine Bangbüx, was?“

„Der Alte haut ihn eklig durch, paß auf!“ sagte der Kleine, halb schaudernd, halb schadenfroh.

„Wetten, daß nicht?“ erwiderte Fritz. Und im weitern Verlauf des leise geflüsterten Gesprächs vertraute der Kleine Fritz an, daß er Unmengen von Schokoladenpralinés und kandierten Nüssen und sonstigen teuren Bonbons in seiner Wäsche verborgen habe, wogegen Fritz mit seinen Äpfeln und seiner Schokolade nicht aufkam. Auf Heine Putty hatte der Vorgang gewirkt, als wäre ein Blitzschlag vor seinen Füßen in den Boden gefahren. Soviel Mut, um einem Allgewaltigen, wie dem Direktor die Zähne zu zeigen, gab es ja gar nicht! Er malte sich gräßliche Dinge aus, die nun mit Fenn Kaß geschehen würden. Er sah ihn auf den Knien, händeringend, auf dem Boden sich wälzend vor dem Donnergott Kleyer, sah ihn mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt, sah ganz Wiesing wegen solchen Abenteuers in Aufruhr.

Von alledem ereignete sich gar nichts. Abends erschien Fenn Kaß, als ob nichts geschehen wäre, beim gemeinschaftlichen Abendessen und wandelte nach Tisch, während die andern im Korridor sich jagten, mit Theo Schütz den langen Gang auf und ab.

„Er hat gemeint, ich merke nicht, wie ihm nur daran gelegen war, daß er vor den Jungens mich unterkriegt. Nachher war er gut zu mir. Ich habe ihm gesagt, wenn ich meiner Mutter so gekommen wäre, wie der Louis Binz, dann hätte sie mir eine kräftige heruntergehauen. Er sagte: Ja, unser Herrgott hat allerlei Kostgänger. Ich müßte mich abschleifen, ich sei ein trotziger Mensch ...“

„Du mußt den Bruder Esel bändigen!“

„Natürlich. Mein Bruder Esel ist ganz besonders starrnackig, hat er gesagt, aber er will mir dabei helfen; ich habe wohl gemerkt, er hatte es drauf angelegt, daß ich gerührt würde. Aber ich habe mir das Lachen verbeißen müssen.“

„Ja, wenn er so auf einen losredet, dann wird er wirklich selber warm. Weißt du, er ist im Grunde ein guter Kerl, nur daß er manchmal zu arg daneben haut.“

Die Glocke gellte. Es war Schlafenszeit.

Fenn Kaß ging an diesem Abend zu Bett mit einem großen, sichern Gefühl der Beruhigung. Er war sich in seinem Knabeninstinkt bewußt: Du bist in der richtigen Bahn, du hast zu Menschen und Dingen das Verhältnis gewonnen, das dir Lebensbedingung ist, du hast dich durchgesetzt.

Drittes Kapitel

Wie wenn aus stillen Wiesen- und Ackergründen sich geheimnisvolle Berge heben und die Menschen, die an die Ebene gewöhnt sind, sich in ihre Täler und Schluchten hineinwagen – so war es im Leben der drei Wiesinger Knaben gewesen, als das neue Dasein, das schon seit Jahr und Tag mit unbestimmten Umrissen am Horizont ihrer Erwartungen gestanden hatte, sie jetzt umfing. Und das Neue, das sie in ihre Entwicklung, in ihr geistiges und leibliches Werden hinein verarbeiten mußten, meisterte sie oder wurde von ihnen gemeistert, je nachdem sie über ihm standen oder es über sie hinwegging. Zu Hause waren sie vom Säuglingsalter an in ihr Verhältnis zu den Dingen und Menschen hineingewachsen und sich nie bewußt geworden, daß es anders sein könnte. Jegliches war an seinem Platz gewesen in ihrem ruhigen Hinleben, und nun geschah es auf einmal, daß wieder jeder die Ellenbogen rühren mußte, bis er da stand, wo er hingehörte. Feindschaften und Freundschaften, Zu- und Abneigungen sind zwischen Dorfkindern wie etwas, mit dem sie zur Welt gekommen sind. So ein Dorfjunge trägt den ruhigen, stetigen Haß, der zwischen ihm und einem andern ist, wie er seine Nase im Gesicht trägt und wünscht und denkt nicht, daß sie anders oder etwa gar nicht da wäre. Wem seine Gespielen besonders aufsässig sind, der nimmt es hin, wie einen Höcker oder ein krummes Bein, das ihm die Natur mit auf den Lebensweg gegeben hat. Dergleichen ist nicht, als ob es geworden, sondern als ob es immer dagewesen wäre. Soll aber so ein junges Menschenkind sich plötzlich mit Kopf und Herz in hundert andere, fremde Köpfe und Herzen schicken, neben denen es nicht herangewachsen ist, dann stößt es sich an allen Ecken und Kanten.

Am heftigsten von den dreien fand sich der weichherzige Heine Putty aus seiner Bahn geschleudert. Er litt die ersten Tage unsäglich unter dem, was er bei seinen Mitschülern als Hochmut, als Roheit und als Stumpfsinn empfand, und was doch weiter nichts war, als der Hochmut, die Roheit und der Stumpfsinn, die schon in seinen Dorfgespielen als die undifferenzierten Keime späterer Entwicklungen vorhanden gewesen waren. Nur daß sie ihm jetzt als etwas Neues lebendig entgegentraten, auf das er seinen empfindlichen Seelenapparat erst einstellen mußte. Fritz Lampert fand sich rascher und schmerzloser mit seiner neuen Umwelt ab. Seine Protzennatur feite ihn gegen alle grüblerischen Zweifel an seiner Überlegenheit, und in dem kleinen Kreise, in dem er sich bald heimisch zu machen wußte, war er, gerade wie zu Hause, das reiche, verwöhnte Bauernsöhnchen, das sein Taschengeld vernaschte und dem beständig von den heimlich gelutschten Süßigkeiten eine braune Kruste in den Mundwinkeln saß.

Fenn Kaß freilich hatte gleich vom ersten Tage an durch seine beiden Abenteuer sich eine Art Ausnahmestellung gesichert, die ihm das Hineinfinden in die neue Ordnung bedeutend erleichterte. Der „Alte“ hatte vor ihm Respekt bekommen, wenn er sich auch mit der felsenfesten Absicht trug, diesen trotzigen Willen doch noch einmal auf feierliche Weise vor allem Volke zu brechen und diesem verflixten klobigen Kerl von Küsterssohn den Teufel Hochmut auszutreiben. Für die Kameraden war Fenn Kaß mit dem Nimbus des Charakters umkleidet. Nichts imponierte ihnen so, als wenn es von jemand hieß, er sei ein Charakter; denn sie standen in dem Alter, wo in den Knaben das Seelenmetall sich zu härten beginnen muß, soll daraus der Stahl werden, der dem Leben auf Stich und Hieb standhält. Und darum empfanden sie instinktiv den Wert dessen, der schon jetzt auf Stich und Hieb so stählernen Klang zurückgab.

Die erste Zeit freilich, da wurde es allen dreien hart. Da lernten sie zuerst die Sehnsucht kennen. Die letzten Oktoberwochen gingen ins Land. Die drei Wiesinger wußten: jetzt zieht daheim der brenzliche Geruch der Kartoffelfeuer über Stoppeln und Wiesen; jetzt haben die Kameraden ein Leben voller Freiheit. Sie brauchen nicht mehr in die Schule. Sie spielen in den weiten Weidegründen Räuber und Gendarm. Wo ein Nußbaum steht, schmeißen sie ihre Prügel nach den paar Nüssen, die der Bauer an den äußersten Zweigen hat hängen lassen.

Putty dachte an die wonnigen Abende zu Hause, wenn er seine Schularbeiten geschrieben hatte und, die Ellenbogen aufgestützt, die Daumen in die Ohren gepreßt, den Inhalt des neuen Kalenders verschlang. Fritz träumte davon, wie er beim Einfahren der Kartoffeln sich auf glänzenden Pferderücken herumrekelte, auf den schönsten und feurigsten Pferden des Dorfes, und wie jetzt bald die Kirmeß in Brebach käme, wo der schlanke Fuchs in den Tilbury gespannt wurde und er zum Onkel Majerus kutschieren durfte. Ja, damals war er noch ein Kerl, zu dem die andern aufsahen. Hierin der langweiligen Stadt, da war er ein gewöhnlicher „Wiesenfresser“, dem kein Mensch ansah, daß sein Vater der dickste Bauer in der Gemeinde war und den schönsten Kutschwagen besaß.

Und Fenn Kaß? Er ging den Berg seiner neuen Pflichten hinan mit dem stetigen Schritt des treuen Arbeitsgauls, nicht zu langsam und nicht zu rasch. Aber mitten hinein überkam es ihn doch manchmal mit tiefem Sehnen nach allem, was er verlassen hatte. Nach dem schlichten Dasein daheim, nach dem kleinen, ruhigen Kreis, in dem sich für ihn bisher Arbeit und Genießen abgewickelt hatten. Nach seiner Kirche, nach seinen Glocken, nach dem Friedhof mit den Ebereschen, mit Malven und Sonnenblumen über halb eingesunkenen Rasenhügeln und schiefen, grauen Steinkreuzen; nach den kleinen Besorgungen im Pfarrhaus, der freundlichen „Zäre Joffer“ und ihrem Bruder mit den gütig ernsten Augen, dem Père Reining, dem Lehrer Braun – und da wären wir ja auch bei Lehrers Marjänni. Sobald Fenn in seinen Gedanken so weit war, meinte er, jeder müsse ihm ansehen, daß er gerade an so ein dummes Mädel dachte. Er schämte sich, drückte die Fäuste fester an die Schläfen und biß die Zähne grimmiger aufeinander, und wie mit Hammerschlägen trieb er sich die Regeln und Vokabeln in den Kopf hinein.

* * * * *

Die ersten Ferien kamen. Am Abend vor Weihnachten gingen die drei Wiesinger zu Fuß nach Hause. Und zum ersten Male erlebte es Fenn Kaß, wie einem das Vaterhaus so klein wird, sobald man es einmal verlassen und einmal eine Zeitlang zwischen weitern Wänden und unter einem höhern Dach gewohnt hat. Er kam sich vor, als sei er vom heimatlichen Ufer abgetrieben, und alles, alles sei zurück- und in sich zusammengesunken, bis es so klein geworden war, wie die Ferne alle Dinge macht.

Auf den Weihnachtstag waren die drei jungen Studiosen beim Pfarrer Reining zu Mittag geladen. Nach dem ersten Glas Wein erzählte Putty mit glänzenden Augen von ihrem Leben im Konvikt; wie sie schon für nächstens eine Theateraufführung vorbereiteten, wie er darin einen vornehmen Pagen und Fritz einen Reitersmann mit Stiefeln und Sporen darzustellen habe.

Ob denn der Fenn nicht auch dabei sei? fragte Fräulein Gretchen. Nein, der Fenn hatte wohl daran keinen Spaß, es war auch niemandem eingefallen, ihn zu fragen. Über Pfarrer Reinings weißes Gelehrtengesicht ging ein feines Lächeln. Er nickte und meinte: „Ja, der Fenn lernt das Komödienspielen nicht. Der ist von einer andern Sorte.“

Am Nachmittag machten alle drei zusammen einen Besuch bei Lehrers. Herr Braun interessierte sich für die Methoden seiner Oberkollegen aus der Stadt, und Marjänni hörte altklug zu, wie es die Jungens jeder in seiner Art zu erklären suchten und wie doch immer Fenn mit ein paar Worten das Wesentliche zu treffen schien. Putty war einigermaßen enttäuscht, daß die Gespielin nicht stärker von der Rückkehr der drei überwältigt war. Sie tat, als stünde sie etwas durchaus Selbstverständlichem gegenüber. Fritz brachte eine Schachtel Schokoladenpralinés mit, die er selbst schon halb ausgenascht hatte. Er schickte beim Überreichen seiner Gabe voraus, daß die mit brauner Füllung die besten seien, und er bestand darauf, daß Marjänni in seiner Gegenwart von jeder Sorte eines kostete, während sie in ihrer vorsorglichen Hausfrauenart am liebsten die ganze Schachtel aufgehoben hätte.

Für Putty und Fritz waren die paar Ferientage voller festlichen Sonnenscheins. Der Schneider kam aus dem Stolz und der Rührung über „seinen Studenten“ nicht heraus und erzählte im Wirtshaus dramatische Geschichten über Puttys Erfolge: Wie er als einziger der ganzen Klasse einmal zu sagen wußte, wer Peru entdeckt hatte. Peru, Peru! Ihr Dickköpfe wißt nicht einmal, ob Peru eine Stadt ist oder ein Purgiermittel! Von Mutter und Schwestern wurde Putty auf Händen getragen und behandelt wie ein seltener Besuch, dem man alles zu lieb tun müsse. Er mußte sich mit ihnen in die mollig geheizte Stube setzen und von seinem Luxemburger Leben erzählen, was er in Gegenwart des Vaters nie tat. „Der erzählt noch zuviel, wenn er schon nichts weiß!“ Die Frauen saßen mit offenem Munde, die Hände in die Schürze gewickelt, und Puttys lebendige Erzählkunst war wie etwas, das lau und wohlig an ihnen herunterrann. Das waren die Stunden, nach denen ihn noch lange Jahre ein weiches Sehnen überkam, wenn er wieder in der Stadt sich durch seine Pennälerpflichten hindurchwinden mußte.

Fritz Lampert verbrachte den größten Teil seiner Ferientage mit seinem Vater im Wirtshaus und auf der Kegelbahn. Und wenn es auch wieder um einen Taler den Einsatz ging, der alte Lampert legte ihn für Fritz hin und verzog das gedunsene Trinkergesicht ebensowenig, wenn einer der andern den Gewinn einheimste, wie wenn er selber oder Fritz das Spiel gewann. Die beiden Lamperts waren bekannt dafür, daß sie mit niemand, nicht einmal unter sich, halbpart spielten, und bei den Stammgästen der Kegelbahn, die das Spiel als weitverzweigtes Kompagniegeschäft betrieben, waren sie deshalb nur mäßig beliebt. Eines Abends, als der alte Lampert gerade ein paarmal nacheinander ein ziemlich fettes Spiel eingestrichen hatte, mit der nachlässigen Gebärde, mit der er vom Tisch nach dem Pfeifenstopfen die Tabakreste in den Beutel wischte, hörte Fritz, wie ein Bursche zu dem andern sagte: „Er brauchte auch nicht so zu tun, als ob ihm unser Geld Schmierkäse wäre. Er kann’s gebrauchen.“ Als Fritz abends vorm Schlafengehen dem Alten die Worte wiederholte, zuckte der die Achseln, holte aus dem Wandschrank die Flasche mit dem alten Kornschnaps und trank davon zwei Weingläser voll. Dann ging er heiser lachend die Treppe hinauf und keuchte:

„Sie können mir alle den Buckel hinaufsteigen.“

Mit Fenn Kaß war es, als ob der Faden seiner alten Gewohnheiten gar nicht abgerissen wäre. Er ging seinem Vater beim Küsteramt an die Hand ganz wie vordem und tat gar nicht dergleichen, als ob er als studierender Mensch auf Ruhe in den Ferien ein verbrieftes Recht hätte. Die Teilung der Arbeit, wie sie früher bestanden hatte, war für Fenn auch in den Ferien maßgebend. Wenn Vater Kaß der erste aus den Federn war und eigenhändig in aller Früh die Betglocke läutete, so lag alles weitere Geläute tagsüber und bis zum späten Abend seinem Sohn ob. Fenn schloß die Kirche auf und zu, Fenn legte dem Herrn Pfarrer das Meßgewand zurecht, Fenn sorgte fürs Kerzenanzünden, für den richtigen Altarschmuck, wie es die Tage nach der Abstufung ihres festlichen Charakters verlangten. Er kannte alle Schmuck-Garnituren auf den Fingern auswendig.

Aber am meisten Genugtuung bereitete ihm das Aufziehen der Turmuhr. Das war ein Geschäft, mit dem ihn sein Vater lange nicht hatte betrauen wollen. Es galt als geradezu halsbrechend. Man mußte auf Leitern im Innern des Turmes von einem Absatz zum andern steigen, daß einem beim Hinunterblicken ordentlich schwindelig werden konnte. Oben stand man dann auf einer schmalen Bretterbrücke und mußte mit der Kurbel die schweren Gewichte heraufwinden. Ein Fehltritt, und man stürzte den ganzen Leiterweg wieder hinunter. Das Uhraufziehen war der Frau Küsterin eine Quelle der Sorge und Angst. Immer, wenn einer von ihren Mannsleuten in den Turm steigen mußte, wartete sie mit banger Seele, bis er heil und gesund wieder vor ihr stand. Wie eine Försterfrau um ihren Mann bangt, wenn er auf Wilddiebe lauern geht. Für Fenn aber war es eine der reinsten Freuden, an diese berüchtigte Arbeit die Spannkraft seiner jungen Muskeln und die Abenteuerlust seiner dreizehn Jahre zu setzen. Und dann das Uhrwerk! Das war ihm wie ein lebendiges Tier, dem er in den Brustkasten hineingucken durfte. Er kannte jedes Rad mit Namen, er vermaß sich, den ganzen Krempel auseinanderzuschrauben und wieder einzurichten, ohne ein Rad übrig zu behalten, wie es dem Dorfschmied einst passiert war, als er in der Uhr nach dem Rechten hatte sehen wollen.

Fenn Kaß war eine eigene Natur, zu deren Kern die Äußerlichkeiten des Lebens nicht leicht hineindrangen. Die Seele der andern war wie eine Wage, die mit jeder Veränderung der Umwelt aus dem Gleichgewicht kam. Zwischen Kinderstube und Stadtleben schwankte sie hin und her, Jahre lang, bis eine Seite der andern leidlich die Wage hielt. Diesmal gab es bei der Rückkehr aus den Ferien noch einen bedenklichen Ruck, und die ersten Abende konnte man in den Schlafsälen der Jüngsten manch unterdrücktes Schluchzen hören, und unter mancher Wange netzte sich das Kopfkissen von Heimwehtränen.

* * * * *

Dann ging das Leben im Konvikt seinen Gang, Jahr um Jahr. Fenn Kaß schlug sich redlich durch seine Klassen. Sein Wissen wuchs, wie das Holz der Eiche, Jahresring um Jahresring, dicht und fest und sicher aufeinander, aber das Wissen Puttys war wie weiches Pappelholz, hoch und rasch emporgeschossen, unzuverlässig und untüchtig. Den Lampert hatten sie schon nach dem ersten Jahre hinter sich zurückgelassen. Er geriet immer bedenklicher ins Hintertreffen, und eines Tages wurde er von dem „Alten“ endgültig abgeschüttelt. Das kam so. Fritz war eines Morgens mit den andern zum Weg in die Klasse angetreten. Man war im Anstaltshof rottenweise aufgestellt, unter der Führung eines ältern Semesters, das in der Terminologie des Hauses Präfekt hieß. Der Präfekt, ein derber Öslinger Bauernsproß mit klobigen Nagelschuhen und zu kurzen Beinkleidern, dem die roten Hände wie Hummerscheren aus den Ärmeln hingen, hatte den jungen Lampert, der wieder einmal einen Anzug nach dem neuesten Schnitt trug, ironisch beschnuppert. Fritz hielt es nämlich für fein, sich stets in eine Wolke desjenigen Parfüms zu hüllen, von dem er jeweilig gehört oder gelesen hatte, es sei das feinste. Diesmal war es Verbena.

„Der Teufel weiß, wonach der Lampert wieder duftet!“ sagte der Präfekt.

Fritz gab eine so unanständige Antwort, daß die ganze Rotte in ein betäubendes Irokesengeheul ausbrach. Der Herr Direktor kam wie mit Siebenmeilenstiefeln über den Platz gestelzt und fragte zornfunkelnd, was los sei. Der Präfekt wiederholte treu die Lampertsche Verbalinjurie, und das Geheul erscholl von neuem.