Fenn Kaß

Part 6

Chapter 63,858 wordsPublic domain

Wie Blitze züngelten die Worte des Alten auf Fritzens Haupt. Der drehte ihm den Rücken und zuckte die Achseln. Die Stimme Kleyers überschlug sich, zischte, fauchte, sprang in spitzem, elastischem Echo von der Hausfront bis über das Tal hinüber. „Freches Individuum! Abbitte leisten! Sofort! Auf der Stelle! Oder hinaus! Hinaus!! Hinaus!!!“ „Jeß Marja!“ sagte Fritz gelassen in diesen Zornesorkan hinein. „Maacht iech net mid! Der krit jo e Schlaag!“ Und er gehe direkt, lieber heute als morgen, und er habe die Boulettenwirtschaft schon ewig satt. Zwischen jeden Satz hinein fuhr wie eine Stahlklinge ein blitzendes „Ruhig! Still! Kein Wort mehr!“ des wutschnaubenden Direktors.

Fritz Lampert ging wirklich und mietete sich in der Stadt eine behagliche Bude. Er war die nächste Zeit hindurch der Held des Tages. Und die Wut, die Herr Kleyer an diesem räudigen Schaf nicht hatte auslassen können, kühlte er in kleinen Ausfällen, die er gegen Fenn Kaß richtete. Fenn Kaß, der andere Wiesinger, war ja derselbe Trotzkopf wie sein Dorfgenosse, es bestand zwischen ihnen zweifellos eine heimliche Solidarität, die Fenn büßen mußte. Bald donnerte ihn bei Tisch der Alte an, weil Fenn mit einem Nachbar ein Wort gewechselt hatte, bald gab er ihm in der Kapelle einen Stoß, wenn er beim Knien sich nicht genug zusammennahm, bald ging ein Sturzbach über das Haupt des Sünders nieder, wenn ihn Herr Kleyer mit den Händen in den Taschen erblickte. Fenn ließ alles mit ruhigem Gemüt über sich ergehen. Er wußte: muckte er auf, so gab es zwischen ihm und dem Direktor ein Ringen auf Leben und Tod. Wozu, dachte er, dies Fingerhackeln? Ich laß mich doch nicht zu Brei zermalmen, daß sie nachher aus mir eine neue Masse kneten, wie sie sie brauchen. Ich weiß selbst, was ich tue.

In solchen Stunden war es ihm ein Trost, mit Theo Schütz zusammen zu sein. Der war auch einer von den Hartgesottenen, die sich nicht von dem „Alten“ in seinem Erziehungsraptus auf denselben Leisten mit hundert andern wollten schlagen lassen. „Er will einen bloß zerbrechen, damit er die Stücke nach seinem Gustus wieder zusammenleimen kann!“ sagte Theo zu Fenn. „Um mich kümmert er sich weniger, ich bin hier nur geduldet, sie wissen, daß ich später doch meine eigenen Wege gehe. Aber du, du gehörst ihnen mit Haut und Haaren, wenn du später deinen Willen hast, kannst du ihnen allerhand Striche durch allerhand Rechnungen machen. Darum mußt du hinein in die Form.“

„Wenn ich aber doch nicht will? Er kann mir doch nichts vorwerfen; ich tue in allem meine Pflicht, mehr brauche ich nicht.“

Fenn Kaß hatte auch schon mit seinem Vater über sein Verhältnis zu Herrn Kleyer Rat gepflogen. Der war geradeswegs mit ihm zum Pfarrer Reining gegangen. Herr Reining ließ sich von Fenn die Sache auseinanderlegen, nickte still vor sich hin und sagte, er werde sehen, was zu tun sei. Aber hinterher tat er gar nichts und dachte: der Fenn ist ein Goldkerl, der frißt sich durch.

* * * * *

Auf den Lippen der drei Wiesinger sproßte schon der Flaum der Jünglingsjahre und es war an der Zeit, da die blinde Unbefangenheit ihrer Knabenjahre sich in ahnende Neugier vor den Rätseln des Lebens zu wandeln begann.

Fritz Lampert hatte in der derb zufassenden Einfachheit seiner Bauernnatur vor den Toren, die ihn in das Heiligtum neuer Erkenntnisse führen sollten, nicht lange halt gemacht, und es hatte ihn seelisch auch weiter nicht erschüttert, was er auf seinen verbotenen Streifzügen erlebt hatte. Für Putty aber, den er ohne Umschweife eines Tages in seine Eroberungen einweihte, wurde dies zu einem Erlebnis, das ihn in glühende Gedankenorgien hineinpeitschte. Andern Tags predigte Direktor Kleyer in der Kapelle. Es klang dem jungen Heinen in die Ohren wie die Posaunen des Jüngsten Gerichtes, als er begann: „Geliebte Zöglinge! Hütet euch! Das Laster geht um! Das Laster mit bleichen Hängebacken und bläulich fahlen Säcken unter den Augen. Und wen es vergiftet, und wessen Blicke vordem leuchteten wie Kohlenfeuer im Felsengemäuer, dessen Inneres wird eitel Fäulnis! Und sein Blick wird wie der Sumpf, auf dessen trübem Spiegel das Gift der Tiefe schillert!“

Putty war vernichtet. Ihm schien, als spürte er den Hauch der Fäulnis von sich ausgehen und als seien seine Augen trüb wie Sümpfe. Und während am Abend nach Tisch die Kameraden lärmend durch Hof und Gänge tobten, saß er zerknirscht, in weinender Inbrunst vor dem Altar in der Kapelle und reinigte seine Seele durch Gebet. Aber je mehr er betete, desto grimmiger fielen ihn die Gedanken an, die heimtückischen Gedanken an die sündige Lust. Er erhob hilfeflehend den Blick und sah vor sich ein Stationsbild: die Grablegung. Hunderte Male hatte er es gesehen und betrachtet – jetzt stach ihm zum ersten Male der nackte Arm der Maria Magdalena in die Augen, der durch ihr gelöstes Haar durchschimmerte, und ihr Antlitz nahm plötzlich bekannte Züge an: die schöne Wiesinger Lehrerstochter! Langsam, wie das junge Sonnenlicht von der erwachenden Erde, ergriff das Weib von dieser keimenden Mannheit Besitz. Putty taumelte aus der Kapelle in die Spiele seiner Kameraden hinein. Aber seine Glieder gehorchten ihm nicht. Es war darin wie ein lähmendes Gift, wie man es im Traum spürt, wenn man sich bewegen will und kann nicht los aus der warmen, zähen Umarmung des Schlafes. Seine Kehle war voller Bangigkeit und sein Herz voll eines unendlichen Mitleids mit sich selbst. Wie ein Opferlamm kam er sich vor, ein Märtyrer, der sein Leben durch elterliche Unvernunft, durch stumpfsinnigen Zwang verdorben und verpfuscht sieht. Der Gedanke durchfuhr ihn plötzlich an das Kleid der Entsagung, das er nach Jahren tragen sollte, an die schwarze, geschlechtslose Soutane. Und er bäumte dagegen zähneknirschend auf, wie gegen einen brutalen Eingriff in seine Persönlichkeit.

Mitten in der Nacht wachte Fenn Kaß von einem leisen Stoß gegen seine Schulter auf. Er sah dicht vor seinen Augen ein leichenblasses Gesicht, das in dem verstohlen hereindringenden Mondenschein tränennaß glänzte, und erkannte nach ein paar Sekunden Putty.

„Was ist denn los?“ fragte er, noch halb schlaftrunken.

„Fenn – höre mich an! Es erwürgt mich. Ich kann nicht schlafen, bis ich dir alles gesagt habe.“

„Aber leise, daß nur der Präfekt nichts hört. Kannst du nicht warten, bis morgen?“

„Nein, du siehst ja, es läßt mir keine Ruhe.“

„Was denn? Du bist ja ganz drunter und drüber!“

„Fenn, mit mir ist es aus. Morgen geh’ ich heim und werde Schneiderlehrling.“

„Ach so! Dann kann ich ja weiter schlafen.“

„Lach mich nicht aus, es ist blutiger Ernst. Ich kann nicht mehr Priester werden.“

„Na, da hast du ja noch ein paar Jährchen, bis du dich entscheiden mußt.“

„Nein, ich kann den Gedanken nicht mehr ertragen, daß ihr glaubt, ich will Geistlicher werden.“

„Dir kann es doch egal sein, was die andern glauben.“

„Nein, ich ertrag es nicht. Ich will nicht, daß sie glauben soll, ich – –“

„Sie? Wer, sie?“

„Die Marjänni.“

„Was hat die Marjänni –?“

„Höre mich an, Fenn! Es ist etwas mit mir vorgegangen innerlich ...“

„Na ja! Jetzt weiß ich schon, was kommt. Du hast Weibergeschichten im Kopf. Laß mich damit zufrieden.“

„Nein, Fenn! Du mußt es hören. Ich bitte und beschwöre dich. Es ist keine Frivolität ...“

„Putty, sei kein Frosch. Ich könnte dich ja jetzt beichten lassen, und dann hättest du morgen früh einen Moralischen und würdest dich schämen, daß du dich so vor mir ausgezogen hast! Geh schlafen, und wenn es dich morgen oder übermorgen noch drückt, na, dann kannst du meinetwegen dein Herz in meinen Busen ausschütten.“

„Meinst du, Fenn?“ fragte Putty schon merklich beschwichtigt, „Aber ich versichere dir, es ist furchtbar. Ich war nie in meinem Leben so, – so – –“

„Jawohl! Geh jetzt! Ich will nicht wegen Störung der Nachtruhe bei dem Alten unter den Schlitten kommen.“

Putty schlich lautlos zu seinem Lager zurück, und fünf Minuten später mischten sich seine ruhigen Atemzüge in die seiner Schlafsaalgenossen.

Aber statt seiner lag jetzt ein anderer wach. Fenn Kaß. „Was hat denn der mit Brauns Marjänni?“ – so ungefähr gingen seine Gedanken. – „Das wäre noch schöner. Die will ja Lehrerin werden, die ist doch kein Mädchen wie die andern. Und er ist doch auch kein Bub wie die andern. Er ist ja von allen immer durchgehauen worden – selbst von den Mädels. Was gehen denn den jetzt auf einmal die Frauenzimmer an? Er bildet sich das nur ein. Wir denken doch auch an keine Mädels – das ist dummes Zeug – dummes Zeug – die Marjänni lacht ihn aus, wenn sie so was hört – das kommt von seinem dummen Geschichtenlesen – und sein Vater haut ihm die Jacke voll, wenn er nicht Order parieren will – er soll lieber seine Metamorphosen für morgen vorbereiten – das letztemal hat er nichts gewußt – er ist ein Bähschaf – manchmal – ein guter Kerl, aber – ein Bäh – ein Bähschaf. Und die Marjänni, die lacht – die lacht ihn aus – die Marjänni – die Marj – –“

Und dann nahm er ihr Bild mit hinüber in seine Träume.

* * * * *

Puttys Weltschmerz hielt indes länger vor, als Fenn vorausgesetzt hatte. Am nächsten Tag verkniff er sich noch sein Herzensgeheimnis, aber am zweitnächsten mußte Fenn die ganze Beichte hören: Wie es in seinem Innern plötzlich klar geworden sei, wie er mit einem Male sein ganzes zukünftiges Leben vor sich habe liegen sehen als eine Wüste, die in den Abgrund führte, wie ihm Marjänni gleich einem verklärten Rettungsengel erschienen sei und wie er nun ganz bestimmt wisse, was er zu tun habe.

„Na, du kannst es ja mal probieren,“ meinte Fenn Kaß sehr sachlich. „Aber sage vorläufig deinem Vater nichts, das hat immer noch Zeit, wenn du vor der Entscheidung stehst. Bis dahin läuft noch viel Wasser die Mosel hinunter und es gehen dir noch viele Gedanken durch den Kopf. Lern jetzt deinen Ovid, das ist viel gescheiter.“

Putty war nach diesem Gespräch stark ernüchtert. Aber sein früheres Gleichgewicht war ein- für allemal dahin. Zwar das Bild Marjännis wurde blaß und blässer, aber statt dieser einen behielt das Weib schlechthin seine Macht über ihn, und die ganze sehnsüchtige Liebesqual schlug bei ihm in eine butterweiche Sorte von Weltschmerz um. So saß er denn an den Sonntagnachmittagen im Studiensaal und las immer wieder im „Taugenichts“ von Eichendorff. Aus der Ferne knallten und widerhallten die Büchsen der Schützengesellschaft, die in einem alten Festungsgraben ihre Scheiben stehen hatte. Manchmal trug der Wind eine verwehte Wolke von Blechmusik herüber, wenn ein Verein in der Stadt einen Umzug hielt. Alle Geräusche kamen so fernher, so gedämpft, klangen so unsäglich traurig in Puttys Käfig herein, daß er sich vor Unglück und Elend nicht zu lassen wußte. Nebenan, im Garten einer herrschaftlichen Villa, sah er modisch gekleidete Altersgenossen mit schlanken jungen Mädchen Ball spielen, und er bildete sich ein, in die eine davon, die die schlankste war und die schönsten und längsten braunen Zöpfe hatte, sterbensverliebt zu sein. Las er dann von dem armen Taugenichts den Kapitelschluß, wo jener die schöne Frau mit ihrer Begleitung übers Wasser gerudert hat: „Und da warf er sich ins Gras und weinte bitterlich“ – dann legte Putty seinen Kopf auf die Arme und dachte an das weiße schlanke Mädchen von drüben, das von dem Dasein eines gewissen Peter Heinen, genannt Putty, aus Wiesing keine Ahnung hatte, da doch dieser selbe junge Mann sich in Liebe zu ihr verzehrte – und wenn er dann meinte, jetzt hätten vor unsäglichem Elend seine Augen endlich ein wenig Salzwasser gepumpt, dann hatte er noch ein viel größeres Mitleid mit sich selber als mit dem armen Taugenichts.

Zu Puttys großem Leidwesen wirkte die Liebe auf ihn jedoch auch stark appetiterregend. Er hatte die Sache einmal ganz und gar romantisch bis ans Ende durchführen wollen, ganz ätherisch, ganz transzendent, und hatte sich mit hungrigem Magen, aber hehren Gefühlen in der Brust am Nachtessen vorbeigefastet. Einmal und nicht wieder.

Seinem Freund Fenn durfte er mit solchen erotischen Gewissensqualen nicht mehr kommen, der hatte dafür nicht das leiseste Verständnis. War er dann von einer Predigt des Herrn Direktors bis ins Innerste aufgewühlt und verängstigt, flüchtete er in die Kapelle. Dort sah ihn der fromme Jüngling Louis Binz, der schon einmal dem ganzen Hause als Musterknabe vorgeführt worden war, und dessen Streben seither nach nichts geringerm, als dem Heiligenschein des hl. Aloysius von Gonzaga ging, von dem geschrieben steht, er habe nicht einmal seine Mutter anzusehen gewagt, aus Furcht vor fleischlichen Anfechtungen. Als eines Abends Putty die Kapelle verließ, streckte sich ihm die wächserne Hand dieses Louis Binz mit zwei gereckten Fingern entgegen, die sich eben in das Weihwasserbecken getaucht hatten. Putty näßte seine Fingerspitzen an denen seines Mitschülers und sah dabei in zwei vor innerer Verzückung schwimmende Augen. Im Korridor, wo die andern plaudernd auf und ab gingen, gesellte sich Louis Binz zu Putty. Nach einigen gleichgültigen Redensarten brachte er das Gespräch auf die Wonnen der heimlichen Andachtsstunden in der Kapelle, vor dem Altar, wo in einem roten Glas das Flämmchen der ewigen Ampel glühte. Von dieser Ampel kam seine Phantasie nicht los. Sie war ihm das billige Sinnbild seiner Seele. Und allmählich steckte er Putty mit diesem glutrot und inbrünstig flackernden Mystizismus an. Aber der Schneiderssohn brannte nicht im eigenen Feuer von innen heraus, er war nur von den innern Flammen des andern angeheizt, und seine Seelentemperatur sank, sobald ihn Louis Binz aus seinem Bannkreis entließ. Dann kamen wieder Zeiten, wo er ganz gottverlassen und verzeihungsbedürftig in die Schwüle desselben Umgangs zurück flüchtete. Fenn Kaß schüttelte den Kopf über den neuen Freundschaftsbund. Er selbst empfand gegen Binz den instinktiven Ekel des gesunden Menschen gegen alle Hysterie, zumal seit er gehört hatte, Binz habe einmal insgeheim eine neuntägige Andacht zum heiligen Herzen Jesu gehalten, um seine, Fenns Seele, zu retten. Er lachte darüber, aber es ärgerte ihn doch, daß dieser Flagellant und Fanatiker sich mit ihm in eine gewisse Gedanken- und Gefühlsgemeinschaft hineindrängte. Sein Leben lag vor ihm so klar, wie ein heller Tag, mit Morgen, Mittag und Abend. Jetzt begann er zu empfinden, daß fremde Einflüsse ihm seinen Sonnentag mit ungesunden Nebeln zu trüben suchten.

„Sag deinem Binz, er soll mich gefälligst mit seinen Fürbitten beim Himmel verschonen, sonst, wenn ich wieder dergleichen höre, hau ich ihn so gottsjämmerlich durch, daß er genug zu tun hat, wenn er für sich selbst betet!“

Putty empfand erst eine widerstrebende Bewunderung für Fenn, eine Bewunderung, in die sich ein leiser Neid darüber mischte, daß er nicht auch die Kraftnatur war, die dem Leben so frisch-fromm-fröhlich mit geballter Faust gegenüber stand. Sobald aber Fenns Gegenwart nicht mehr auf ihn wirkte, und er wieder dem sanften Zauber des Binzschen Heiligenscheins verfiel, schlug er über die Brutalität seines Freundes ein Kreuz und vereinbarte mit dem andern, daß sie beide einen ganzen Abend lang für die Erleuchtung Fenns in der Kapelle beten wollten.

* * * * *

Fenn Kaß war bei seinen Mitschülern, von denen es im vorhinein feststand, daß sie den geistlichen Beruf ergreifen wollten, allmählich in den Ruf eines Freidenkers und unsichern Kantonisten gekommen. So zwar, daß ihn eines Tages der Herr Direktor zu sich beschied, um ihn über seine Zukunftspläne gründlich auszuholen.

„Du bist ja soweit ein guter Zögling, Kaß, es ist dir im großen ganzen nicht viel vorzuwerfen, aber man wird aus dir nicht klug. Sieh mal die andern, die sich auf das Priesterseminar vorbereiten, denen sieht man die Begeisterung für ihren Beruf förmlich an den Augen an. Fenn Kaß, warum bist du nicht begeistert?“

Es war an derselben Stelle, wo der junge Kaß schon einmal dem Ansturm Kleyers standgehalten hatte, damals am Tage seiner Aufnahme. Auch jetzt schlug er die Blicke nicht nieder, sondern ließ sie emporschweifen, an den Wänden entlang, wo neben Heiligenbildern der knochige Charakterkopf des alten Mannes hing, durch die Zweige des Gummibaumes hindurch, zum Fenster hinaus in den leuchtenden Wolkenhimmel. Das waren ja dieselben weißen Sonnenwolken, die über seine Kindertage hingezogen waren, damals, als noch nichts und niemand seine Seele in starre Formen zu pressen suchte. Gerade zog drüben am südlichen Himmel ein großes, leuchtendes Wolkengebilde vorüber, ein phantastisches Schneegebirge mit blendend weißen Firnen, mit schwindelnden Abgründen und weiten, seligen, jungfräulichen Wüsteneien, ein in klaren Umrissen und schwellender Plastik in den hellen Tag hineingestelltes Traumgesicht. Und Fenn Kaß war davon ganz erfüllt. Der gute Dämon seiner Kinderjahre schlug seine Flügel um ihn, und er fühlte sich so stark wie daheim, wo er wurzelte, daheim, wo er zum Atmen alle Luft der Täler und Hügel und Wälder und Acker hatte, wo er jauchzend das Wachsen seiner Kraft gespürt, überschäumend vom Gefühl des Seins seinen Kameraden vorangestürmt war in Spiel und Streit. Und er tauchte mit stumm inbrünstiger Leidenschaft seine Blicke in all dies Licht und all dies leuchtende Erinnern. Da stand er hoch über der Stubenluft, die ihn jetzt umwitterte, und über den Händen, die nach seinen Flügeln griffen.

„Herr Direktor,“ sagte Fenn Kaß ruhig, „was wollen Sie mit mir? Ich gehe meinen Weg und tue meine Pflicht. Was haben Sie mir vorzuwerfen?“ Er sagte es so ernst, so schwer, so selbstsicher, daß das schöne Pathos des Herrn Direktors davon durchlöchert und zerfetzt ward.

„Fenn Kaß! Du bist eine verstockte und verbissene Natur, und wenn das nicht anders wird mit dir, so wirst du“ – hier kam der Redner wieder in Schwung, hier lagen ihm wieder seine pädagogischen Donnerkeile zur Hand – „so wirst du untergehen, fallen von Stufe zu Stufe! _Abyssus abyssum invocat! Et finis interitus!_“

Fenn Kaß schüttelte den Kopf und lächelte dazu. „Ach nein, Herr Direktor, lassen Sie mich nur machen. Sie werden sehen, es geht auch ohne Begeisterung.“

„Ich will’s hoffen, Kaß, ich will’s hoffen für dich und für deine armen Eltern, die ihr Letztes dransetzen, um ihren Sohn eines Tages am Altare zu sehen ...“

„Herr Direktor, ich weiß, was ich meinen Eltern schuldig bin,“ versetzte Fenn mit zornigem Unwillen, wandte sich zur Tür und ging hinaus. Er hörte hinter sich die Stimme des „Alten“ gellen: „Kaß! Komm her! Sofort!“

Aber er zuckte die Achseln und ging hinaus. Der Herr Direktor fand schließlich, daß es das klügste sei, ihn laufen zu lassen. Dieser Duckmäuser, dieser hinterhältige Bursche! Der war ihm am Ende wirklich über! Da sollte doch ein heiliges Kreuzgewitter ... Und der Herr Direktor ertappte sich auf der Sünde des Jähzorns, ging in sein Kämmerlein und kniete lange, mit den Händen vorm Gesicht, auf seinem Betschemel und erbetete sich in heißem Flüstern Vergebung für seine Sünde.

Viertes Kapitel

Draußen suchte Fenn Kaß seinen Freund Theo auf und erzählte ihm, was er wieder einmal mit Kleyer erlebt hatte.

„Es ist ja immer die alte Geschichte,“ sagte Theo. „Ich will dir weiter nicht zureden, aber soviel ist sicher: der ‚Alte‘ ist nur deshalb so hinter dir her, weil er in dir den künftigen Priester und Streiter für die heilige Kirche sieht. Sag ihm, daß du Ingenieur werden willst, und er frißt dich auf vor Liebenswürdigkeit.“

Fenn lachte laut auf. „Als ob das so einfach wäre.“

„Wirf es nicht so weit von dir. Du bist ein vortrefflicher Mathematiker, der Professor hält große Stücke auf dich, er wird sicher befürworten, daß du ein Stipendium bekommst. Ich hab schon mit meinem Alten gesprochen – zur Not könnte er ...“

„Geschenkt, geschenkt,“ fiel Fenn energisch ein. „Ich sagte dir schon, mein Lebensplan ist fertig, ich werde Geistlicher. Ich hab es mir reiflich überlegt. Ich gehe nicht in den Beruf hinein, um nur überhaupt unterzukommen, sondern weil ich überzeugt bin, daß einer an dieser Stelle unendlich viel Gutes wirken kann. Gerade für das Materielle. Ich will aus meinem Haus nicht ein schweigendes Heiligtum machen, in dem nur raunende Betschwestern ab- und zugehen. Ich will zu den Leuten hinausgehen mit einem Schatz von Wissen, damit ich ihnen helfen kann, sich das Leben leichter zu machen. Wir sind ja nicht da, um uns wie Blei an sie zu hängen mit Predigten und Ermahnungen, wir sollen sie lehren, wie man ein guter Kerl sein kann und lustig dabei von morgens bis abends. Paß auf, Theo, in meiner Pfarrei sollen sie noch einmal tanzen, und ich stelle ihnen die Musik dazu!“

„Da wirst du schön ankommen!“

„Ich muß und muß Recht behalten! Was sind wir denn heute den Leuten da draußen?“ Fenn redete sich in Eifer und tat, als gehörte er schon zum Bau. „Ein Fremdling! Der Herr! Wenn so eine schwarze Gestalt, ihr Brevier betend, über die Fluren wandelt, wird den Bauern unheimlich, als sei die ganze Gewann in eine Kirche verwandelt, und für sie ist die Kirche ein Ort, in dem man bloß stille sein muß und im Winter sich die Füße abfriert, im Sommer vor Schlaf die Augen nicht offen behält. Der Herr kommt! Ist das nicht ein Schreckensruf, den die Burschen und Mädels draußen bei der Arbeit, die Kinder beim Viehhüten, beim Spielen, beim Baden einander zurufen, als Warnung vor dem Störenfried, von dem man sich keines freundlichen Wortes versieht? Wir haben zu Haus einen Pfarrer, der die Güte selber ist, er hat uns, wo er uns draußen traf, immer die Hand gegeben und freundlich unsern Gruß erwidert. Aber er war uns doch immer der Herr! Der gestrenge Stellvertreter Christi auf Erden, der Vogt Geßler unseres lieben Herrgotts. Ich vergesse es nie, wie einmal ein alter Bauer hinter ihm her knurrte: ‚Der hat gut in den Himmel kommen, er hat weiter nichts zu tun!‘ Da liegt es: Weiter nichts zu tun! Doch, wir haben weiter zu tun, viel weiter zu tun! Das mit dem Latein und mit den Predigten und der Beichte und den Sakramenten, ja, das gehört ja alles dazu; aber wir sind den Leuten mehr schuldig, wahrhaftig!“

Theo sah seinen Freund verwundert und beunruhigt von der Seite an. „Fenn, das sind böse Worte. Wie kannst du mit solchen Anschauungen Priester werden?“

„Wieso?“ fragte Fenn erstaunt zurück.

„Nun, ich dächte, wenn man so gleichgültig über den Inhalt eines Glaubens denkt, sollte man nicht sein Leben daran setzen, ihm zu dienen.“

„Ich meine, man kann sehr gläubig sein, ohne beständig den Glauben im Munde zu führen.“

„Und glaubst du denn alles, was sie dich glauben heißen?“

„Theo, jetzt will ich dir mal was sagen. Über glauben und nicht glauben, da zerbrech ich mir nicht den Kopf. Das Richtige tun, darauf kommt es an. Das Glauben, na ja, es gehört ja nun mal in den Bau hinein, und weil ich davon überzeugt bin, daß dieser Bau so wunderbar gefügt ist, wie sonst nichts mehr, was Menschengeist ausgesonnen hat, so bleibe ich eben drin und arbeite an meiner Arbeitsstelle.“

„Also doch Menschengeist, Fenn?“

„Das ist doch durchaus nebensächlich. Grase nicht so nörglerisch an den Rändern des Themas herum. Die Hauptsache ist: da ist ein Ganzes, das sich der Menschheit aufdrängt geradezu. Ich finde, daß man in seinem Rahmen an einer bestimmten Stelle viel mehr Gutes wirken kann, als da bis heute gewirkt wurde, ich will an dieser Stelle stehen und meine Kräfte gebrauchen – also!“

„Also brauchst du noch lange nicht Priester zu werden.“

„Wenn ich aber doch in den Gedanken hineingewachsen bin! Glaubst du, ich sattle auf einen Windstoß hin um? Ein Birnbaum wird doch nicht über Nacht zum Holunderstrauch. Seit ich denken kann, habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, daß ich einmal das geistliche Kleid tragen werde. Kein anderer Stand lockt mich, keiner verheißt mir eine Stätte, an der ich so tief und so weit um mich wirken kann.“

„Doch! Geh mit mir nach Aachen, oder nach Lüttich.“

„Nein, Theo, das ist wieder nichts. Ich weiß, was unsere Ingenieure zu tun haben. Ihr Wirken ist auf Schienen gestellt und geht ewig im Kreise herum.“

„Das hoffe ich nicht. Ich will einmal in Freiheit schaffen und zeigen, was ich kann.“