Fenn Kaß

Part 4

Chapter 43,660 wordsPublic domain

Aber schon glänzte wieder auf dem Antlitz des Herrn Direktors der Sonnenschein der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit. „Nichts für ungut, Herr Lampert. Sie haben es hoffentlich nicht für Sich genommen. Und gelt, kleiner Mann, solche schlechten Kerle werden wir nicht, nein, wir werden brave, tüchtige Konviktoren! Jawohl!“ Und dabei drückte er Fritzens Kopf zärtlich gegen seinen Magen und faßte Putty liebkosend unters Kinn. Als er aber mit derselben väterlich zutraulichen Gebärde nach Fenn Kaß griff, bog dieser den Kopf zur Seite.

* * * * *

Die Audienz war zu Ende. Im Vorzimmer war es schon wieder voll von neuen Ankömmlingen, die die Zornausbrüche Kleyers mit angehört hatten und nun mit neugierigen und erschrockenen Augen die Entlassenen musterten.

Eine Nonne mit einem Gesichtchen wie Milch und Blut zeigte den Wiesingern ihre Plätze in den langen Reihen der Schränke und dem zugehörigen Schlafsaal. Frau Kaß half ihrem Fenn, seine Sachen in den Schrank räumen. Und dann stand sie mit ungeduldigen Händen dabei, wie eine derbe Dienstmagd das Bettzeug auf die kleine, eiserne Bettstelle auflegte. Sie, die an ihren schweren alten Hausrat, an die massiven Monumentalbetten aus Eichen und Nußbaum gewöhnt war, stand dem leichten, wackeligen Eisenstangengerüst einigermaßen mißtrauisch gegenüber. Ob man denn auch in dem Dings da richtig warm würde, fragte sie die Magd. Und dann strich sie zärtlich mit den von schwerer Arbeit verhutzelten Händen über die Steppdecke und das Federbett, das Hauptstück der Ausstattung. Sie hatte beim Einkauf lang überlegt, ob sie den weißen Stoff mit den blauen oder den gelben mit den braunen Blumen wählen sollte. Sie hatte sich für gelb mit braun entschieden, weil es weniger schmutzte und vornehmer aussah. Das Blumenmuster war ihr nachgerade so vertraut, daß es ihr schon im Traum erschien. Und sie fand, daß es das schönste war in dem ganzen großen Schlafsaal, wo fortan ihr Fenn seine Nächte zubringen sollte.

Andächtig und langsam wandelte sie mit Fenn und dem Nönnchen durch die langen Korridore, die zu den Schlafsälen führten, wo an der Fensterseite in unabsehbarer Zeile die weißen Kippschalen der Waschbecken blinkten und ihnen gegenüber die lange Reihe der Schränke sich hinzog. Frau Kaß hatte ihr weißes Taschentuch in der Hand und unterhielt sich in ihren vornehmsten Ausdrücken mit dem hübschen Nönnchen, das ihr über alle möglichen Punkte der Hausordnung Bescheid sagen mußte. „Hörst du, Ferdinand?“ wandte sie sich von Zeit zu Zeit an ihren Sohn. Und zwischendurch entsetzte sie sich über die Ausgelassenheit einiger Buben, die in toller Jagd sich um die Schrankreihe herumhetzten. „Es sind auch nicht lauter Engel,“ meinte sie zu ihrer Begleiterin.

„Ach,“ lächelte die nachsichtig, „die Jungens sind halt so wild, das wächst ihnen später aus.“

Sie kamen auch am Schneiderhinchen vorbei, der mit einer Hausmagd vergebens ein vertraut herablassendes Gespräch anzuknüpfen suchte: Von wo sie denn sei, und ob sie schon lange hier sei und ob es ihr gut gefalle usw. Er sei aus Wiesing, und sie solle auf den Putty ein wenig aufpassen, er sei ein Windhund, und sie solle doch einmal nach Wiesing zur Kirmes kommen. Das Mädchen, das den Mannsleuten, ihrer Pracht und ihren Werken abgeschworen hatte und sich unter der Obhut der Nonnen, die im Konvikt den Haushalt führten, auf das Kloster vorbereitete, witterte allerhand Anzüglichkeiten und antwortete kaum mit ja oder nein. Schneiderhinchen wurde an sich selber irre. So schmählich hatte seine Überredungskunst noch nie versagt.

Frau Kaß kam ihm gerade recht. Nun könnten sie ja wieder zusammen gehen, der Lampert sei gewiß auch schon fertig.

Die Buben brauchten erst nachmittags anzutreten. Bis dahin gab es in der Stadt Bücher zu kaufen und was an der Ausstattung sonst noch fehlte. Aber Frau Kaß richtete es so ein, daß sie die andern so bald wie möglich zufällig verlor. Auf einer Bank im Park verzehrte sie mit Fenn die Waffeln, das Stück Kalbsbraten und die hartgesottenen Eier, die sie tagsvorher als Wegzehrung in ihr Körbchen gepackt hatte.

„So, das ist besser als im Wirtshaus ein teures Kotelett. Und man braucht nichts zu trinken.“ Als Dessert hatte sie ein paar der schönsten Apfel eingepackt. „Iß sie jetzt, ins Konvikt darfst du keine mitnehmen.“

„Ich weiß,“ sagte Fenn. „Aber was meinst du! Der Fritz hat in jedem Paar Strümpfe einen Apfel stecken, und zwischen seinen Hemden alles dick voll Schokolade.“

„Wenn es der Herr Direktor erfährt, ist er imstande und jagt ihn fort.“

„Denkt ja nicht dran,“ sagte Fenn achselzuckend.

„Ich kann dir aber keine Schokolade kaufen, wir haben’s nicht dazu!“

„Mutter sei nicht dumm! Was glaubst du, daß ich mir aus Schokolade mache!“

Mutter Kaß stierte eine Weile sorgenvoll vor sich auf die Erde. Dann zog sie ein abgegriffenes Börschen aus der Tasche, öffnete es behutsam, nahm ein Fünfzigpfennigstück heraus und wollte es verstohlen ihrem Fenn in die Hand drücken. Es ging ihrem Mutterherzen nahe, daß sie ihn nun verlassen sollte, ohne ihn auch nur ein ganz klein bißchen verhätschelt zu haben. „Da, du kaufst dir, was du willst.“

Fenn steckte abweisend die Hände in die Taschen und wiederholte: „Mutter, sei nicht dumm. Ich hab, was ich brauche.“

„Gut,“ sagte sie und tat das Geldstück wieder ins Portemonnaie. Dann gingen sie schlendernd miteinander durch den Park und sprachen wieder von zu Haus und von der Zukunft.

Aber es wurmte sie doch, daß sie ohne besondern Beweis ihrer Zärtlichkeit von ihm gehen sollte. Sie hatte heute die vielen vornehmen Mütter gesehen, die mit ihren Söhnchen richtig verliebt getan hatten. Gewiß, die hatten ihnen die Taschen mit Süßigkeiten vollgepfropft und würden sie beim Abschied weinend umarmen. Ihr Fenn würde sie wohl für verrückt halten, wenn sie ihm so käme. Und nun erst recht! Nun wollte sie ihm gerade zeigen, daß sie keine Rabenmutter war. In der Großstraße kamen sie an einen Laden, wo allerhand Zuckerzeug im Schaufenster stand. Da zog sie den Widerstrebenden hinein, kaufte eine Tüte voll farbenprächtiger Zuckerplätzchen und stopfte sie ihm in die Tasche. „Doch, ich will. Es ist gegen den Husten.“

„Na, meinetwegen!“ willigte der Bub endlich ein. Er schämte sich vor der Ladenfrau und wollte dem Auftritt ein Ende machen.

Sie trafen auch Putty und seinen Vater, und bald darauf die beiden Lamperts. Lampert Vater blickte schon aus weinseligen Augen und wollte den drei Buben ein Glas zum Besten geben, aber Frau Kaß widersetzte sich, wurde am Ende grob und schimpfte die Männer Lumpen. Schließlich einigte man sich dahin, daß Lampert mit dem Schneiderhinchen zusammen einen genehmigen sollte, während Frau Kaß die Knaben ins Konvikt brächte. Am Tor nahm sie von ihnen Abschied. Sie wunderte sich und es durchrann sie mit seltsamer Freude, daß ihr Fenn, der rauhe, unumgängliche barsche Bub, so zärtlich und heiß den Druck ihres Mundes erwidert hatte, als sie ihn, wie er ganz allein noch ein paar Schritte weit mit ihr zurückgegangen war, heimlich an sich gezogen und auf den Mund geküßt hatte.

* * * * *

Ein älteres Semester aus der Philosophieklasse hatte sich gleich der drei kleinen Wiesinger angenommen und sie hinunter auf die Kegelbahn und an den Rundlauf geleitet. Es war ein gutmütiges Bauernblut, mit roten Wangen, einem kräftigen Gebiß hinter wulstigen Lippen und kurzsichtigen kindlichen Augen. Putty fielen die Worte Kleyers von der rotwangigen, klaräugigen Unschuld ein, die unter diesem Dache wohnen sollte. Und der improvisierte Fuchsmajor, der sie unter seinen Schutz und Schirm genommen hatte, erschien ihm mit seinen Pausbacken und seinen Kinderaugen sofort als eine lebendige Erläuterung zu jenen Worten. Seine lebhafte Phantasie malte sich auch gleich den Gegensatz dazu aus: Das blasse hohläugige Laster, das draußen in Freiheit, in den Straßen der Stadt umging. Der lange Laban, der sie damals vor dem Athenäum so angegrinst hatte, das war gewiß einer von jenen Verdorbenen, der hatte danach ausgesehen: Schlotterig, blaß, geschniegelt und pomadisiert.

Durch eine Art Hohlweg, unter einer kleinen Brücke durch, gelangten sie an die Spielplätze. Die Anstalt stand auf früherm Festungsgelände, und von den alten Wällen und Gräben des geschleiften Forts, an dessen Stelle sich der langgestreckte Bau erhob, waren einzelne Überreste noch vorhanden. So lag der Kegelbahn gegenüber ein massiver, bombenfester Block, in dem von den Nonnen und ihren weiblichen Dienstboten eine kleine Stallwirtschaft betrieben wurde. Die ältern Zöglinge stießen sich an und blinzelten einander zu, wenn eine dralle Magd mit hochgeschürztem Rock dort einen Eimer vorbeitrug, und der erste dieser Blicke, den Putty auffing, gab seinem Kinderglauben, daß alle Fleischeslust von dieser Stätte hermetisch abgeschlossen sei, den ersten Stoß.

Auf der Kegelbahn war ein lebhafter Betrieb, und die drei Wiesinger waren bald mitten drin. Man konnte merken, wie die soziale Chemie schon gleich hier, am ersten Tag, wo dieses junge Menschenmaterial in derselben Retorte zusammengeschüttet wurde, Gleiches zu Gleichem sonderte. Das bäuerliche Element umstand in dichtem Klumpen die Spieler und jeder wartete ungeduldig seine Reihe ab. Das feinere Porzellan fand an der gewalttätigen Leibesübung nicht mehr Spaß, als gerade nötig war. Einige der Größern hielten heimlich Wetten um ansehnliche – für ihre Verhältnisse ansehnliche – Geldbeträge und gebärdeten sich wie Verschworene; andere standen zusammen und führten Gespräche über Gegenstände, die ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprachen. Das Muttersöhnchen von vormittags war auch dabei. Es hatte offenbar seinen Schmerz vergessen. Es entwickelte eben seine Theorien über die menschliche Gesellschaft. „Die Menschheit besteht,“ so sagte es, „aus Leuten, die sich die Zähne und die Nägel putzen, und solchen, die sich die Zähne und die Nägel nicht putzen. Man erkennt jeden Menschen an seiner Zahnbürste.“

Fenn hatte es gehört und lachte. „Was hat er gesagt?“ fragten die andern.

„Die Menschheit besteht aus Leuten, die sich die Nase selber putzen, und solchen, denen andere die Nasen putzen müssen,“ wiederholte Fenn ernsthaft. Es gab ein lautes Hallo um den kleinen Philosophen, besonders, da er in seiner Verlegenheit das Taschentuch zog und sich geräuschvoll schneuzte.

„Geschenkt, geschenkt!“ tönte es im Kreis.

Der kleine Zahnbürstentheoriker fand, daß Fenn ein dummer, grober Kerl sei. Fenn aber warf eben, ohne mit der Wimper zu zucken, alle Neune, und einen Augenblick lang bestand das ganze verworrene Gemurmel unter den Spielern nur aus der neugierigen Frage: „Wer ist das? Wie heißt er?“

Putty und Fritz erzählten stolz, daß er ein Junge aus ihrem Dorf sei. Und es solle sich nur keiner an ihm vergreifen, er sei stark „wie ein Pferd“.

Fenn sah sich inzwischen, ein Liedchen pfeifend, in der Umgebung der Kegelbahn um. Der Rundlauf interessierte ihn. Eben war einer der an langen Tauen schlenkernden Griffe frei geworden. Er sprang hinzu und hatte ihn gerade fest, als über seine Schulter weg eine Hand danach griff. Als er sich umdrehte, sah er in ein Gesicht, bei dessen Anblick Scham und Zorn zugleich in ihm aufstiegen. Es war das weiße, spöttische Gesicht des Grimassenschneiders von damals.

Mit einem heftigen Ruck reißt er das Tauende an sich.

„Mach keine Geschichten,“ sagt der andere kaltblütig und greift wieder zu, als sei es ganz selbstverständlich, daß ihm der Vorrang gebührt.

„Laß los!“ sagt Fenn in sicherm Trotz.

„Das glaubst du ja selber nicht“ – gibt der andere höhnisch zurück. Über das braune Gesicht Fenns geht ein Zucken, wie über geschmolzenes Erz in dem Augenblick, wo es zu einer festen Masse erstarrt. So starr ist jetzt dies Knabengesicht. Nur in den Augen brennt jach eine trotzige Stichflamme.

„Komm, gib das Seil her, halt das Spiel nicht auf“ – sagt spöttisch wieder der Blasse.

Ein paar seiner Kameraden haben sich um die beiden gesammelt.

„Das kann gut werden – Oi jeh, der arme Kerl – Theo, tu ihm nichts!“ hört Fenn spöttische Zurufe durcheinander.

„Nun zähl’ ich bis drei – wenn du dann nicht losläßt, kannst du was erleben!“

„Das kannst du schon früher“ – gibt Fenn verbissen zurück.

„Na, wenn du es so meinst, meinetwegen!“

Der Blasse tritt einen Schritt zurück und stemmt beide Arme hoch, wie um erst noch ihre Kraft zu erproben. Aber Fenn wartet das weitere nicht ab. Er packt ihn in den Achselhöhlen und hebt ihn vom Boden – im nächsten Augenblick sind die beiden Bubenkörper ein Knäuel ineinander geschlungener, gestraffter Gliedmaßen, an dem zwei rote Köpfe mit glühenden Augen abwechselnd sichtbar werden. Theos Kameraden sorgen dafür, daß niemand eingreift: „Laßt nur, er wird schon mit ihm fertig!“

Jetzt wälzt sich der Knäuel am Boden. Fenn ist der Stärkere, der andere ist geschmeidiger. Man hört sie keuchen, man sieht ihnen den Speichel aus dem offenen Mund rinnen. Fenns Beinkleider haben sich hinaufgeschoben, die Zuschauer machen sich über seine grasgrünen Wollstrümpfe lustig. Einer sagt: „Lacht nicht. Seht, was der Kerl für Muskeln hat!“

Die Aufregung wächst. Mit unbändigem Herzklopfen, leichenblaß, stehen die Buben im Kreis um die Kämpfenden – „Theo! Theo!“ springt bald dem einen bald dem andern ein keuchender Zuruf über die Lippen. Und dann rafft Fenn in einem gewaltigen Ruck seine ganze Kraft zusammen, rollt den andern wie ein Paket, wie der Holzhacker eine Faschine, unter sich und kniet ihm keuchend auf die Brust: „Hast du genug?“

„Schlag mich tot, ich ergeb mich nicht!“

Drei oder vier der umstehenden Buben überkommt ein wildes, heulendes Schluchzen. Ihre Glieder zappeln, gehorchen ihnen nicht, es wirft sie mit hysterischem Drang gegen den Feind, der auf einem der ihrigen kniet. Sie fallen über ihn her, eine blindwütige Meute, und er steht voll prächtigen Zornes plötzlich aufrecht da und versucht sie abzuschütteln. Sie fahren ihm nach der Kehle, hängen sich an ihn, ein Faustschlag trifft ihn aufs Auge, einer ins Genick, er haut um sich, schimpfend, mit geiferndem Mund, – sie reißen ihn zu Boden, – heftig ausschlagende Füße, hämmernde Fäuste, geduckte Köpfe, alles ist ein hin- und hergezerrter, zappelnder Haufe.

Da geschieht etwas Unerwartetes. Theo ist aufgesprungen und brüllt auf den Haufen ein: „Feiglinge! Feige Hunde!“ und zerrt sie an Armen und Beinen zurück. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht, glotzen ihn verblüfft an, den sie vor Schimpf und Schande retten wollten und der sie dafür feige Hunde schilt.

„Seid ihr denn verrückt?“ schreit er sie an. „Das sind doch meine Sachen! Was fällt euch denn ein! Sechs gegen einen!“

Fenn stand abseits und zupfte seine Kleider zurecht.

„Du,“ sagte Theo, indem er auf ihn zuging, „du hast mich diesmal untergekriegt, aber es bleibt nicht dabei, glaubst du mir das?“

„Ich glaube dir, daß du ein andermal wieder anfängst. Es ist mir egal. Ich fürchte dich nicht. Du bist stärker, als ich gemeint hatte, aber es ist mir egal, ich fürchte dich nicht. Wenn ich gewollt hätte, ich hätte dir einen Arm oder ein Bein brechen können.“

„Das ist nicht wahr!“

„Doch. Ich hatte dich so daliegen. Wenn ich dich so herumgeworfen hätte, hätte es geknackt, und dein Arm wär kaputt.“

„Wie?“ – Theo überließ sich ihm, halb trotzig noch, halb neugierig, mit schlaffen Gliedern.

Fenn machte mit ihm behutsam die Stellung, die er angedeutet hatte.

Dann standen sie mitten im Kreis der übrigen Streiter. Theo betupfte mit dem Taschentuch seine blutende Lippe, Fenn zog sich den Hosenbund wieder unter die Weste hinauf und stopfte die breit herausgequollenen Hemdfalten wieder zurecht. Auch die andern besahen sich die Schäden, die sie im Handgemenge erlitten hatten und paßten unbeholfen die Lappen der Rißwunden an Röcken und Hosen zusammen.

Da sagte Theo: „Es tut mir leid, daß ich mit dir Händel angefangen habe. Wie heißt du?“

„Fenn Kaß. Und du?“

„Theo Schütz.“

Sie lachten beide plötzlich auf und reichten sich die Hände. So wurden zwei junge Menschen durch grimmige Fehde zu Freunden fürs Leben.

* * * * *

Dies war nicht das letzte Abenteuer, das Fenn Kaß am ersten Tag eines neuen Lebensabschnittes zu bestehen hatte. Um vier Uhr wurde das Vesperbrot verteilt. Die Zöglinge standen im Refektorium um die langen, schmalen Tische, auf jedem Tisch zwei Henkelkörbe mit dicken Brotschnitten. Nach einem kurzen lateinischen Gebet durfte jeder zulangen. Dann quoll die Schar, jeder mit seinem Stück Brot in der Hand – wenn er nicht vorzog, es in der Tasche zu versorgen und es mit dem Daumen und Zeigefinger herauszubrökeln – lärmend durch die Türen – hinaus auf den großen, luftigen Vorplatz.

Theo suchte Fenn auf und fragte, ob sie zusammen spazieren gehen wollten. Ja, nickte Fenn.

Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Fenn erzählte Theo, warum er ihn vorhin gleich so energisch angefallen hatte.

Theo erinnerte sich der drei verlegenen Buben und lachte: „Also du bist das gewesen! Es darf dich nicht verdrießen, aber ihr habt wirklich zu dumme Gesichter gemacht! Übrigens, damals war ich noch gar nicht im Konvikt. Ich wohnte in der Stadt in einem Hotel; einmal Donnerstags wurden wir unser sechs in einem Wirtshaus in Hesperingen abgefaßt; darauf steckte mich mein Alter hier herein.“

„Bist du nicht gern hier?“

„Eigentlich nein. Aufgehoben ist man ja hier so gut wie draußen, manchmal besser. Aber daß alles über einen Kamm geschoren wird, das ist das Verrückte, siehst du. Wenn dem Direktor einmal einer unter die Finger gerät, der sich nicht ins Dutzend fügt, dann grantet und nörgelt er an ihm herum, bis es einen Krach gibt.“

„Warum haben alle nur so unbändig Angst vor ihm?“

„Ich nicht. Ich habe keine Angst vor ihm. Aber er soll mich in Frieden lassen. Ich bin nicht schlecht.“ Sie gingen oben am Rand, wo der Spielplatz nach dem Tal zu in einem Rain abfiel, an dessen Fuß eine Einfriedigungsmauer über die schroff abschüssigen Felsen hinlief und den ganzen Platz nach dem Tal zu abschloß. Die beiden Knaben standen oben über der Mauerkrone und hatten den Blick frei über das ganze gegenüberliegende Plateau bis an die sacht ansteigenden Hügel, die den südlichen Horizont begrenzen.

„Sieh, das hier ist das beste am ganzen Haus, dieser Platz mit der freien Aussicht,“ sagte Theo. „Zwischen Hofmauern hätte ich es keine acht Tage ausgehalten. So denke ich immer: da liegt die Welt, noch ein halb Dutzend Jährchen, und sie gehört dir. Was willst du werden?“

„Pfarrer.“

„Ist das sicher?“

„Ganz sicher.“

„Wirst du Pfarrer aus dir heraus, ganz aus eigenem Willen?“

„Ja, warum nicht? Es gefällt mir. Wir sind nicht reich, aber ich glaube, ich würde Pfarrer werden, auch wenn ich Geld hätte. Wie ich es meine, ist es sehr schön.“

„Ich werde Ingenieur. Das heißt, sicher weiß ich es noch nicht. Mein Vater hat in Esch ein Geschäft oder allerhand Geschäfte, ich werde nicht klug daraus. Manchmal hat er Geld, manchmal hat er keins. Als er mich ins Konvikt steckte, hatte er keins. Und er behauptete, es sei hier billiger zu leben. Ich laß es mir schon deshalb gefallen. Sonst wäre ich allerdings lieber draußen.“

„Warum ist denn nur der Direktor so sonderbar, gleich so rotglühend?“

Theo suchte seinem neuen Freund die Eigenart des „Alten“ zu erklären, so gut er konnte, so gut ihm seine Knabenpsychologie das Wesen dieses Mannes erschloß. Direktor Kleyer war freilich eine unkomplizierte Natur. Er hatte bis jetzt als Jugendbildner an einer Stelle gewirkt, wo ihm schwerere seelische Rätsel kaum aufgegeben waren. Einfaches, grobschichtiges, homogenes Menschenmaterial war ihm durch die Finger gegangen. Jetzt war das anders geworden. Die Erziehungsanstalt, zu deren Leitung er berufen war, und die als Internat zu dem staatlichen Gymnasium mit Industrieschule ein Privatunternehmen des Bistums bildete, hatte gleich aus dem Lande selbst und aus der Nachbarschaft sich großen Zulaufs zu erfreuen gehabt. Bildeten auch die unverdorbenen, biedern Bauernsöhne des Landes den Stamm der Kundschaft, so beherbergte das Haus besonders damals, in den ersten Jahren seines Bestehens, doch auch ein Sammelsurium von Früchtchen, die nirgends gut getan hatten, und deren Eltern es nun auch einmal mit der neuen Anstalt versuchen wollten. Junge Belgier und Franzosen, zum Teil Söhne von Leuten, die in der aufstrebenden Metallindustrie des Landes vorteilhafte Stellungen innehatten, zum Teil durch die Umwälzung nach dem Krieg aus Frankreich, und besonders Elsaß-Lothringen in die neutralen, zweisprachigen Luxemburger Unterrichtsanstalten verschlagen, brachten aus ihrer Heimat, aus der Sumpfluft der Internate Gepflogenheiten und Laster mit, vor deren bloßem Namen dem guten Kleyer die Haare zu Berg standen. Sein klares Bild von der Knaben- und Jünglingspsyche verwirrte sich. Bald sah er Gespenster, bald witterte er hinter jeder Eigenart, deren Wesen ihm psychologisch unklar blieb, Verstocktheit, raffiniertes Laster, moralische Fäulnis. Der Kampf dagegen nahm in seinem Erziehungssystem bald eine so breite Stelle ein, daß Naturen, die ihre Unbefangenheit gewahrt hatten, durch die Hartnäckigkeit einer falsch adressierten Seelenretterei entweder abgestoßen oder schließlich aus dem moralischen Gleichgewicht gedrängt wurden. Empfindungen und Gedankenreihen, die bei ihnen ruhig schliefen, bis die Natur sie wecken würde, wurden unter dem Vorwand des Lüftens fortwährend aufgescheucht.

„Er meint, jeder ist ein Schwein, der nicht den ganzen Tag in der Kapelle hockt und die Augen verdreht“ – schloß Theo seine orientierende Auskunft.

Fenn dachte bei sich: „Ich kriege mit ihm keinen Streit. Ich laß ihn reden und tu was ich muß. Im übrigen kann er mir den Buckel hinaufsteigen.“

* * * * *

Die Glocke gellte und rief zum Silentium in den gemeinsamen Studiensaal, der im rechten Flügel für die obern, im linken für die untern Klassen eingerichtet war. Fenn bekam einen Platz an der Südwestseite, dicht neben einem Fenster, durch das sein Blick über welliges Gelände bis an die rauchenden Höhenzüge der Erzgegend reichte. Gleich, in der ersten Minute schon, wurde ihm der Platz lieb. Er hörte durch das Fenster das Rollen und Pfeifen der Eisenbahnzüge auf der belgischen und französischen Linie, er sah den weißgrauen Qualm der Lokomotiven über den Wagenreihen wie eine große Raupe hastig durch die Landschaft kriechen, mit spitzem Kopf und zerflatterndem Schwanz, sah abends den Himmel glühen vom Widerschein der Hochöfen, die hinter dem Horizont ihr dröhnendes Dasein führten.

Sein Pultnachbar war ein schmächtiger, hoch aufgeschossener blaßbrauner Knabe mit den Augen eines gekochten Fisches, die in frommem Aufblick himmelwärts gerichtet waren. Der Knabe hieß Louis Binz und trug schwarze Pulswärmer. Nachdem Louis Binz seine sieben Sachen ins Pult geräumt hatte, klebte er an die Innenseite seines Pultdeckels ein Bild des hl. Herzens Jesu, ein Bild des hl. Herzens Mariä, ein Bild der Muttergottes von Lourdes und ein Bild seines Schutzpatrons, des hl. Aloysius von Gonzaga. So oft er den Deckel aufhob, sah er eines der Bilder mit verzücktem Augenaufschlag an und lächelte ihm schüchtern zu, wie einem hochgestellten Bekannten. Als Fenn ihn fragte, wie lange das Silentium dauern würde, fuhr Louis Binz zusammen, legte den Finger an die Lippen und in seine Augen trat starres Entsetzen und dann ein milder Vorwurf wegen dieser brutalen Versuchung, die Regel des Hauses zu übertreten.

Da kam zum ersten Male über Fenn Kaß das Empfinden, daß er aus goldener Freiheit und schöner, großer, gesunder Natur in blödsinnigen Zwang und verkrüppelnde Unnatur gestoßen war.