Fenn Kaß

Part 3

Chapter 33,598 wordsPublic domain

Vorn, hinterm Pferd, saß Wöllem auf der Deichsel, ließ die Beine mit übereinandergelegten Füßen seitwärts herunterbaumeln und hielt die Enden der Zügelleine im Schoß. Zwischen den Wagenleitern standen die drei Koffer, die die Habseligkeiten der angehenden Pennäler bargen: vorn der des jungen Lampert, ein altes Familienstück mit Fellstreifen benagelt, hinten der Koffer Fenns, vom Schreiner neu gefertigt und schwarz lackiert, in der Mitte Puttys Bundeslade, in strahlendem Himmelblau. Auf jedem Koffer saßen die zugehörigen Passagiere.

So polterte der Wagen durch die dämmerstillen Straßen, an der Auberge vorbei, wo im Dunkel die beiden weißen Porzellantöpfe vom Fenster her schimmerten und die Silberpappeln um das Altarkreuz eine gespensterhafte Schattenmasse bildeten. Alles schlief noch, nur da und dort hinter einem Fenster oder einer Stalluke bewegte sich der träge Flügelschlag eines schwachen Lichtscheins. Aus den Misthaufen dampfte es weißgrau. Und vorn rechts im Osten kündete ein bleifarbener Horizont den kommenden Tag.

Schläfrig zog die Charlotte den schweren Wagen über die Straße. Wo es bergauf ging, ließ sich Wöllem von seinem Sitz heruntergleiten und trabte schwerfällig neben dem Schimmel her. Großer Ahnungen voll saßen oben die drei Knaben. Das war nun die Straße, über die sie so oft ihre Gedanken nach der Stadt geschickt hatten. Für ihre Dorfbubenphantasie war „die Stadt“ der Brennpunkt alles gesteigerten Lebens: Straßen, in denen immerfort Menschen gingen, Kutschen, Schaufenster mit tausend Dingen, deren Bestimmung sie nicht kannten. Und das „Athenäum“ mit dem großen braunen Tor und der kleinen Nebentür, der einzigen in der ganzen Stadt, an der keine Klingel, sondern noch der uralte Türklopfer hing. Als sie das letzte Mal mit der Muttergottesprozession in der Stadt waren und schon wußten, daß sie nächsten Herbst selber „Student“ werden sollten, da hatten sie mit großen Augen und offenem Mund vor dem Hoftor gestanden, bei dem das Pennälervolk lärmend hinein- und herausgeströmt war. Fenn erinnerte sich genau eines hochgeschossenen, fahlen Buben, der einen Kneifer trug mit einer dicken, schwarzen Schnur, die übers rechte Ohr gehängt war. Der war vor den drei Gaffern stehen geblieben und hatte eine fürchterliche Grimasse geschnitten. Es war zu einem Auflauf mit Indianergeheul gekommen, und Fenn biß noch jetzt, bei der Erinnerung daran, die Zähne zusammen und ballte die Fäuste.

„Hüh! Charlotte!“ – sagte Wöllem manchmal aus seinem Morgenhalbschlaf heraus. Der Schneider erzählte merkwürdige Ereignisse aus dem Leben seines Sohnes, Ereignisse, die Puttys Intelligenz in das hellste Licht rückten. Auch manche spaßhaften Anekdoten. Der Bub schämte sich. Nicht so sehr, weil mit seinen Gaben geprotzt wurde, wie deshalb, weil er von seiner Mutter wußte, daß das meiste erfunden war, und er auch schon ein paarmal im Dorf Erwachsene unter sich wie etwas Selbstverständliches hatte erwähnen hören, der Schneider lüge das Blaue vom Himmel herunter. Aber er wagte kein Dreinreden und war froh, als sein Vater schließlich vom ungewohnten Birnenschnaps übermannt in sich zusammensank und mit dem Kinn auf der Brust im Sitzen einschlummerte. Der alte Lampert stierte, die krumme Pfeife in den Mundwinkel gehängt, stumpfsinnig vor sich hin. Fritz unterhielt sich mit Putty über die Zukunft. Beide hatten vom Leben im bischöflichen Konvikt, in dem sie unterkommen sollten, mancherlei gehört, sie erwogen allerhand Möglichkeiten, z. B. wenn so’n Stadtfrack sie über die Achsel ansähe oder ihnen gar frech käme. Fritz sagte, er werde ihn in die Fresse hauen, Putty wußte vernichtende Antworten, mit denen er die Frechlinge zu Boden schmettern würde.

Frau Kaß saß in sich geduckt mit ihrem Einzigen zu hinterst im Wagen und erwog im Morgendämmer mit ihm flüsternd, was nun in naher und ferner Zukunft werden sollte. „Laß die beiden andern ihre Wege gehen, halt dich abseits,“ sagte sie leise und stieß ihn mit schlau warnendem Augenzwinkern an. „Was hast du mit dem Bauer und mit dem Schneider zu schaffen?“

„Ich weiß was ich tue,“ sagte er zweideutig, und dachte bei sich, die Mutter kennt sich in Männerangelegenheiten nicht aus.

Und dann sprachen sie über den Vater, daß seine Gesundheit nicht die beste sei, daß die Mutter zum Frühjahr jemand auf eine Zeitlang in Tagelohn würde nehmen müssen, um die paar Äcker zu bestellen, die ihnen gehörten. Und Fenn sprach von der Zeit, wo er Kaplan wäre und die Mutter, wenn sie allein geblieben wäre, zu sich nehmen würde. Dann wurde es auch zwischen ihnen eine Zeitlang still. Bis sie ihm auf den Höhen bei Alzingen die Geschichte erzählte von dem letzten Mann, der droben auf dem Galgenberg gehängt worden sein sollte.

* * * * *

Es ging auf halb sieben, als sie hinter Hesperingen vom Hochwald aus die Stadt erblickten. „Da seht, Jungens,“ sagte der Bauer lässig und deutete mit der Pfeife hinaus, „da liegt euer Käfig.“

Drei Bubenhälse reckten sich. Man sah die breite, fensterreiche Front und das spitze Türmchen des Konvikts weit drüben, hinter dem Qualm des Bahnhofs, aus dem Morgennebel ragen.

Die Charlotte setzte sich bergab in einen schläfrigen Trab. Das Achtergeschirr hopste auf ihrem breiten Hinterteil hin und her. Wöllem hopste auf seinem unbequemen Sitz im Takte mit, und wer oben auf dem Wagen zu sprechen versuchte, dem sprangen von dem heftigen Schütteln des Wagens die Worte wie Scherben über die Lippen.

In der Stadt war noch alles still, am Bahnhof, auf der schmalen, hohen Brücke, in der Maria-Theresienstraße, durch die sie fuhren, an der alten Kaserne und dem Spritzenhaus vorbei, nur ein fröstelndes Milchweib lief mit zwei Blechkrügen von Tür zu Tür, und ein Hund durchschnupperte geschäftig die Müllkasten. Der Bauer schickte Wöllem zum Konvikt voraus und lud die Gesellschaft auf eine Tasse Kaffee in den Goldenen Anker. Frau Kaß fand eine Ausrede und ging derweil nebenan in die Liebfrauenkirche, wo sie für ihren Einzigen einen Rosenkranz betete. Der Ankerwirt interessierte sich für die jungen Studiosen, da er es selber seinerzeit bis Prima gebracht hatte. Er fragte, wo sie denn wohnen sollten. Ja, ins Konvikt gingen jetzt viele. „Das bringt der Stadt noch lange keinen Vorteil, daß ihr’s wißt!“

Und er schimpfte in volkswirtschaftlichen Vokabeln über die Konkurrenz, die keine Steuern bezahle. Die drei Knaben waren durch seine Rede sehr niedergeschlagen; es fiel daraus der erste Schatten auf ihre blanke Freude an der Zukunft. Da war also schon einer, der erste, der ihnen nicht lauter Glück auf den Lebensweg wünschte, wie sie es bis jetzt gewohnt waren.

Frau Kaß kam aus der Kirche, und man ging zusammen hinaus vor die Stadt, wo die letzten Häuser stehen und als allerletztes das große Haus, über dessen Toreinfahrt man einen Schutzengel aus Zementguß sieht, wie er einem Knaben mit dem Finger den Weg nach oben weist. Darunter der lateinische Spruch: _angeLVs CVstoDiat ConViCtVM_[1] als Chronogramm, eine Kunstform, die gern von der feierlichen Borniertheit gepflegt wird. Buben, die der kleinen Karawane über den Weg liefen, streckten die Zunge heraus und schrien: „Äh, äh! Bouletten! Bouletten!“ Den Spitznamen Bouletten hatten die Konviktsschüler bekommen, weil die Sage ging, daß sie öfter als ihnen lieb war, mit Fleischklößen gefüttert würden, die auf Französisch und somit auch auf Luxemburgisch Bouletten hießen. Der Schutzengel aus Zementguß über dem Tor und sein kleiner Schützling waren mit einem mächtigen violetten Tintenspritzer über und über bekleckst. Ein unentdeckt gebliebener Attentäter hatte ein Fläschchen „Tinte für die elegante Welt“ in einem unbewachten Augenblick dem Engel vor den Leib geworfen, um dem Konvikt einen Schabernack zu spielen.

Vor der Einfahrt und bis weit in den Hof der Anstalt hinein hielt allerhand Fuhrwerk, fein und grob. Neben gewöhnlichen Leiterwagen stand der _char à bancs_, über dessen Holzsitz als Pfühl ein Kopfkissen mit weiß und rot kariertem Überzug gebreitet war, und dessen Deichsel ein schweres Ackerpferd mit unförmlich dickem Rumpfe ausfüllte; und der feinere Phaëton des Herrenbauern, der schon dafür sorgt, daß unter seinen Gäulen einer ist, der sich als Kutschpferd sehen lassen kann. Wöllem trottete, die Pfeife im Mundwinkel, den Kittel vorn in einen Wulst gedreht, den er durch den Brustschlitz durchgesteckt hatte, zwischen den Wagen hindurch, besah sich jedes Rad, jeden Huf und jedes Stück Geschirr mit ruhiger Genauigkeit, spuckte aus und ging weiter. Die drei Knaben sogen aus seinem Anblick unbewußte Aufmunterung. Die unwirsche Rede des Ankerwirts, das Schimpfwort der Buben vorhin und das besudelte Schutzengelbild hatten ihrer Überzeugung, daß dies eine allgemein verehrte Stätte der Jugenderziehung sei, einen argen Stoß versetzt, sie spürten etwas wie ein feindliches Regen um die Welt herum, zu der sie nun gehören sollten, und der Anblick eines stillen Kraftmenschen aus dem Kreise, in dem sie bodenständig waren, stellte ihr erschüttertes Selbstvertrauen wieder her. Nur Putty empfand beschämt den Gegensatz zwischen dem derben erdfarbenen Fuhrknecht und einem geputzten jungen Mädchen, das sich eben in der Tür an der Pförtnerloge von ihrem Bruder mit einem schallenden Kuß verabschiedete. Er hörte auch, wie der Bruder mitten in den Schmerz des Abschieds hinein flüsterte: Vergiß nicht meine Schokolade!

* * * * *

Durch einen langen, hallenden Korridor, an dessen fernem Ende Nonnen und Dienstmägde mit gesenkten Häuptern vorbeihuschten, gingen die sechs Wiesinger, voran das Schneiderhinchen, zum Herrn Direktor, um sich anzumelden. Sie gingen langsam und bedächtig, wie durch eine Kirche. An den Wänden hingen deckenhohe, stark nachgedunkelte Ölbilder in schwarzbraunen Eichenholzrahmen. Nur da und dort ein Fleckchen Himmel, ein verzücktes Gesicht, ein paar hellere Gewandfalten konnte man darauf unterscheiden.

„Alles von Raffael!“ sagte das Schneiderhinchen obenhin mit einer allumfassenden Gebärde.

„Was stellt es vor?“ fragte Lampesch Fiß.

„Es ist eine Himmelfahrt,“ meinte Frau Kaß schüchtern und unsicher, mit den Fingerspitzen der Linken am Mund.

Über die Galatreppe in der Mitte des Korridors stiegen sie in den ersten Stock und kamen, immer langsamer und behutsamer auftretend, über einen Teppichläufer in das Vorzimmer des „Alten“.

Man kann nicht gerade sagen, „der Alte“ sei im Munde der Konviktoren ein Spitz- oder Spottname für den Direktor gewesen. Die Bezeichnung hatte für sie einen starken Beigeschmack von Angst und Ehrfurcht. Abbé Kleyer war eine kindliche Fanatikerseele in einem langen, sehnigen Athletenkörper. Er besaß gerade jene geistige Überlegenheit, die er brauchte, um kindliche Gemüter zu beherrschen. Auf sie wirkten seine Worte wie Flammen und Dolche. Die Achtung der übrigen Menschen sicherten ihm seine schrankenlose Ehrlichkeit und die aufrichtige Inbrunst, mit der er das kleinste zu adeln trachtete. Es war, als hätte er auf der Straße das Pathos gefunden, alt, abgenutzt und verachtet, und hätte sich mit solch starkem Glauben an dessen Schönheit und Göttlichkeit hineindrapiert, daß die einen ihm direkt die Schönheit glaubten und die andern seinem Wort die fadenscheinige Pracht nicht übelnehmen konnten, da er sie so ganz aufrichtig für königlichen Purpur hielt.

In dem kleinen Vorzimmer mußten sie warten. Der Fußboden war sauber gebohnt, vor jedem der sechs Rohrstühle lag eine runde, farbige Strohmatte. Durch die weißen Tüllvorhänge am Fenster sah man die Rücken der steinernen Heiligenbilder, die draußen auf dem Balkongeländer standen. Fenn stieß die Kameraden an und zeigte ihnen auf dem Glacis jenseits des Tales, über dem sich die Anstalt erhebt, eine Abteilung Soldaten, die dort ihren Exerzierplatz hatten. Ab und zu klang gedämpft ein Hörnersignal herein. Nebenan hörte man Stimmen. Eine Frau redete ohne abzusetzen, ein Mann warf ab und zu in den Redefluß den Brocken eines brummenden Wortes, der gleich überschwemmt und ersäuft wurde – bis die Dolch- und Flammenstimme des Direktors einsetzte.

Frau Kaß erschrak, Lampert machte voll Anerkennung: „Huitt!“ und das Schneiderhinchen sagte: „Den müßtet ihr mal predigen hören!“

„So, hast du ihn schon gehört?“ fragte der Bauer ungläubig.

Das Schneiderhinchen, wegwerfend: „Ei natürlich, wie oft schon!“ Und dann winkte es ab mit einer Gebärde der Spannung: „Horcht!“

Von drinnen kam es deutlich durch die Tür: „Madame, das ist alles dummes Zeug! Glauben Sie mir, das ist Affenliebe. Es wird Ihrem Jungen hier schon nichts passieren. Lassen Sie ihn ruhig da, wir machen aus ihm einen tüchtigen frommen Menschen, alles andere ist Nebensache. Was, kleiner Mann!“

Frau Kaß nickte ihrem Fenn zu: „Siehst du, was habe ich immer gesagt!“ Der Bauer gähnte schläfrig, der Schneider rief Putty mit einem strengen Pst! vom Fenster zurück, wo der Junge den Soldaten zusah. Drinnen wurden Stühle gerückt, die Stimmen näherten sich der Tür. Frau Kaß strich ihr Kleid glatt, der Schneider zupfte an seiner Krawatte, und nur der Bauer bewahrte seine Ruhe und sah mit teilnahmlosen, übernächtigen Quellaugen nach der Tür. Die drei Knaben reihten sich hinter den Erwachsenen auf, von denen jedes instinktiv die Hand nach dem Seinigen ausstreckte, damit nicht etwa eine Verwechslung vorkäme. Wie hypnotisiert starrten alle auf die Türklinke, die sich nervös, quietschend und knarrend hin- und herdrehte, ohne daß vorläufig die Tür sich auftat. Und drinnen redete die durchdringende Stimme des Herrn Direktors immer weiter, die Türklinke quietschte und knarrte dazu im Takt die Begleitung. Fenn fiel es ein, wie manchmal beim Fischen der Schwimmkork seiner Angel wie verrückt zu zucken und zu zappeln angefangen hatte und er in unbändige Aufregung darüber geraten war, was wohl für ein ungeheuerliches Unsichtbares diese komischen Bewegungen hervorriefe. Wie damals auf den Schwimmkork, sah er jetzt auf die knarrende Klinke, und wie damals auf seine Beute, so war er jetzt auf den Mann gespannt, der von nun auf sein Leben entscheidenden Einfluß gewinnen sollte. Dennoch konnte er sich eines Gefühls der Überlegenheit nicht erwehren, des Bewußtseins, daß in dem, womit man ihm würde zu imponieren suchen, auch der Keim einer feierlichen Komik lag. Und plötzlich schien ihm das Spiel der Klinke so närrisch, daß ihm das Lachen herausplatzte, ehe er Zeit hatte, es zu verbeißen. Mutter Kaß erschrak und gab ihm einen Klaps auf den Rücken. Dazu machte sie einen Mund wie die Öffnung eines alten Lederbörschens, durch dessen Saum eine fest zugezogene Schnur geht. Putty und Fritz lachten prustend mit.

Und dann ging die Tür auf, und in ihren Rahmen trat eine kleine rundliche Dame, elegant gekleidet, die ihr ebenso rundliches Söhnchen an den Schultern sacht vor sich herschob. Hinter ihr der Herr Gemahl, ein sichtlich wohlhabender Mann mit einer dicken goldenen Uhrkette, den das Ganze erheblich zu langweilen schien. Hinter diesen der Herr Direktor, die vier orgelpfeifenartig aufgebaut.

Frau Kaß hätte in den Boden sinken mögen. Sie fühlte zwei stechende graue Augen von ganz oben herunter auf sich gerichtet und neigte das Haupt, als müsse gleich etwas Heftiges, Furchtbares über sie niedergehen. Sie hörte kaum, wie der Herr Direktor die andere Gesellschaft verabschiedete. Die kleine, runde, elegante Dame mußte die Bäuerin antippen, damit sie ihr den Weg zur Türe freigab. Und dann hörte man das verzogene Söhnchen des vornehmen Ehepaares aufschluchzen und sah es im Hinausgehen sich an seine Mutter festklammern. Frau Kaß dachte: Er ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, er ist ein Muttersöhnchen. Wie doch die Reichen ihre Kinder verziehen. Und wie affig er angezogen ist! Da puffte Schneiderhinchen sie in die Seite, und sie sah die hohe, hagere Gestalt des Herrn Direktors dicht vor sich, sah die kleinen, seidenübersponnenen Knöpfe seiner Soutane blinken, sah wie eine von den beiden großen, bei der Schlankheit der Figur merkwürdig feisten, weißen Hände, die eben noch in einer stereotypen Bewegung den seidenen Gürtel hochgezogen hatten, sich ihr zum Willkommgruß hinstreckte. Und als sie aufzublicken wagte, sah sie die stechenden grauen Augen mit freundlichem Blick in die ihren gerichtet und hörte sich liebenswürdig von dem Gefürchteten angeredet. „Madame Kaß, Ihren Mann kenne ich. Kommen Sie herein – bitte, Sie können Ihre Sachen behalten. Herr Lampert, Herr ... wie ist schon der werte Name?“

„Heinen,“ flüsterte beschämt der Schneider.

„Ja so, Herr Heinen, bitte. Ei, ei, das ist ja eine ganze Stube voll Wiesinger. Nehmen Sie Platz. Der Fauteuil ist für Sie, Frau Kaß. _Honneur aux dames!_ Die kleinen Männer müssen stehen, das schadet ihnen nichts.“

„Sie stehen gern,“ beeilte sich Herr Heinen entschuldigend einzuwerfen.

Herr Direktor Kleyer ließ die Augen prüfend über die neuen Zöglinge gleiten. Mit krausgezogener Stirn, die Lippen zusammengepreßt, daß alles Blut daraus zurückwich, den Unterkiefer krampfhaft vorgeschoben, ein Falzbein aus gelbem Buchsbaum an einen Stirnhöcker gedrückt, betrachtete er sie, als wollte er ihnen seine Blicke wie Pfropfenzieher ins Herz bohren. Putty und Fritz hielten es ein paar Sekunden lang aus und senkten dann errötend die Augen. Auf Fenn schien die Inquisition keinen Eindruck zu machen. Seine Augen begegneten ruhig den andern, die auf ihn zielten, und als ihm der Gedanke kam: Wenn du jetzt weiter so hinsiehst, denkt er, du bist frech – schlug er den Blick nicht nieder, sondern sah höher hinauf, an der schwarzen Gestalt vorbei, an die Wand, wo eine Kohlenzeichnung, das Porträt eines alten Mannes mit knochigem Charakterkopf seine Aufmerksamkeit fesselte. Dann betrachtete er den schönen Gummibaum, der die Fensternische ausfüllte und seine großen, glänzenden Blätter bis unter die Decke hinauf breitete.

„Nun lassen Sie mich einmal raten,“ unterbrach der Herr Direktor das Schweigen, als alle Platz genommen hatten.

„Also das wäre der junge Lampert. Das sieht man auf den ersten Blick. Seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.“

„Meinen Sie?“ sagte der alte Lampert entgegenkommend. „Ich finde nicht. Er hat von mir keinen Zug, er ist ein Majerus. Sie hätten seine Mutter kennen müssen. Sehen Sie sich nur die Hände an!“ Und erlegte eine der milchweißen, sommersprossigen Hände seines Einzigen neben seine blaurote Alkoholikerfaust auf den Tisch des Hauses.

„Die Ähnlichkeit kommt erst später heraus,“ sagte Herr Kleyer milde und sachverständig.

„Und dies blasse Männchen ist Ihr Studiosus, Herr – Herr Heinen, nicht wahr?“

„Ja,“ bestätigte Schneiderhinchen kleinlaut. „Er ist ein bißchen blaß. Das kommt von der Reise. Aber sonst ist er kerngesund. Wir sind alle so. Schmächtig, aber stark. Ich habe schon mit 16 Jahren ...“

Der Schneider unterbrach seine Rede, als er sah, wie der Lampert verächtlich die Achsel zuckte.

„Und wer ist nun der Dritte? Hahaha! Wer mir das rät, kriegt ein Bildchen mit Spitzen!“ lachte der Direktor. Sein Lachen sollte ansteckend wirken. Dabei zückte er sein Falzbein auf Fenn Kaß. Der Junge spürte, wie ihn die Mutter mit der Spitze des Regenschirms ermunternd anstieß und unterdrückte eine unwillige Gegenbewegung.

„Du bist wohl mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden?“ meinte Herr Kleyer noch immer wohlwollend, trotzdem Fenn unter seinen Blicken durchaus nicht schmelzen wollte. „Ein kleiner Querkopf, Frau Kaß, wie?“

Frau Kaß sah den Buben an. Sein Ausdruck war lauter Offenheit und Gleichmut, kein Zug in seinem braunen, magern Gesicht, der nicht das schönste innere Gleichgewicht verriet. Höchstens, daß sie in seinen lieben braunen Augen hätte lesen können: Mutter, hier ist es langweilig; mach, daß wir hinauskommen. – Da war ihre Schüchternheit verflogen.

„Ach nein, Herr Direktor,“ sagte sie ruhig lächelnd, bestimmt. „Ach nein, er ist nur still. Er ist immer so. Er ist nicht fürs viele Reden.“

„Hm hm“ – meinte Herr Kleyer und machte wieder seine prüfenden Augen und seine gekniffene Grimasse von vorhin. „Stille Wasser, Frau Kaß, das kennen wir. Aber hier laufen sie sich die Hörner ab, hier lernen sie sich in alles fügen. Jawohl, mein Junge –“, als ihm Fenn offen ins Gesicht blickte – „setz du nur deine trotzigste Miene auf, hier muß der Bruder Esel Order parieren. Gelt, Madame, da machen Sie Augen. Der Bruder Esel, sehen Sie, das ist der Leib, der infamigte Leib, der aus Kot geknetet ist, der immer danach trachtet, die Seele in den Kot zu ziehen, aus dem er hervorgegangen ist. Den nenn ich den Bruder Esel, und wenn der nicht pariert, muß er Prügel haben. Bildlich meine ich natürlich, bildlich.“

Frau Kaß sagte darauf nichts. Sie verstand zwar den Zusammenhang nicht, aber da Fenn zu den Trompetentönen der Kleyerschen Rede zufrieden lächelte, machte sie sich auch weiter keine Sorgen und sagte nichts.

Sie ließ auch ruhig, die Hände im Schoß gefaltet, die Rede an sich niederrauschen, die der Herr Direktor weiter über seine Zuhörer ausgoß. Er sprach darin schwungvoll von dem begüterten Bauernstand, dessen Söhne Advokaten, Ärzte, Ingenieure werden und im Leben als furchtlose Bekenner die Fahne ihres Glaubens hochhalten sollen, von den bescheidenen Landfamilien, die ihre Söhne dem Herrn als Diener am Altare widmen, von der besondern Gnade, die der Herr an diese Familien verschwendet, die sozusagen der Wurzelstock des Priestertums seien.

Hier hielt es Schneiderhinchen für angebracht, seine Ansicht über den „Beruf“ kundzugeben. Sie deckte sich einigermaßen mit der des Küsters Kaß. „Der Beruf,“ sagte er, „ist Schwindel! Da steht unser Bub. Er soll Geistlicher werden, oder ich schlage ihm alle Knochen kaputt! Er braucht bloß an Vater und Mutter zu denken, dann kriegt er den Beruf!“

„Aber Heinen,“ sagte Frau Kaß, „laßt doch den Herrn Direktor reden!“

„Und ich sage, wenn der Bub nicht Geistlicher wird, soll er meinetwegen Strohdecker werden!“ Strohdecker war das brotloseste Handwerk, das sich das Schneiderhinchen vorstellen konnte.

„Der liebe Gott wird alles schon zum Besten fügen,“ beschwichtigte Herr Kleyer den aufgeregten Schneider. Und dann fuhr er in seiner Rede fort. Er sprach von der moralischen Verderbnis, die draußen in der Stadt auf die Jugend lauere, und von dem sichern Hort der Unschuld, der hier, in diesem frommen, stillen Hause ihr bereitet sei, unter der Hut des Schutzengels, dessen Bild sie ja über der Toreinfahrt als Symbol gesehen hätten.

„Der mit dem blauen Tintenfleck?“ fragte Lampert arglos.

Hei, da brach es aber los. Ein heiliges Donnerwetter gegen diese Lausbuben, diese Höllenhunde von draußen, die ihm seine Zöglinge verhetzten, sein Haus verleumdeten, die Früchtchen, die Unzüchtigen, die in Leib und Seele hinein Verfaulten, die Freimaurerbrut, die der Satan gegen die heilige Stätte der Tugend losgelassen hatte.

Dem armen Lampert war zumut, wie einem, der aus Versehen eine kalte Dusche über sich aufgedreht hat. Er stammelte mit braunrotem Gesicht heisere Entschuldigungen, aber der andere wetterte weiter, bis er sich seinen frommen Zorn vom Leibe geredet hatte.

„So,“ schloß er, „nun wissen Sie, woher der blaue Fleck an unserm heiligen Schutzengel rührt. Der Fleck wird vergehen“ – und seine Worte züngelten wieder flammengleich – „den wird der Himmel fortwaschen, jaaah! der Himmel, aber den Fleck in der Seele jenes Schandbuben, den wird in alle Ewigkeit das höllische Feuer nicht wegbrennen!“

Fenn dachte: Warum er nur auf uns so einschreit! Wir können nichts dafür! Und übrigens, wegen so ’nem dummen Fleck!

Putty stand mit schlotternden Knien, der alte Lampert erhob sich schwerfällig und sagte: „Komm, Fritz.“