Fenn Kaß

Part 2

Chapter 23,687 wordsPublic domain

In solchen Augenblicken hatte Fenn stets das Gesicht der kleinen Lehrerstochter vor sich. Er saß neben dem Herrn Pastor, der von Samt und Seide starrte, die Hände in den weiten Ärmeln seines Chorhemdes wie in einem Muff geborgen. Und die ganze Pracht und Herrlichkeit, die sonndurchglühten Heiligen in den gemalten Fenstern, die künstlichen Blumensträuße, in deren goldenen Blättern sich glitzernd die Kerzenflammen spiegelten, die farbenfreudige Gewölbemalerei, in die sich die fromme Phantasie eines heimischen Anstreichers ergossen hatte, die ausgelassene Formenschwelgerei der Rokokoaltäre mit ihren theatralisch posierenden Heiligen, und die frommen Gesichter und die Sonntagsstimmung der Gemeinde, alles war für Fenn manchmal nur ein Rahmen um das schöne weiße Gesicht Marjännis.

Solche Visionen umgaben den Küsterssohn jetzt wie eine weiße Wolke von Erinnerung, in die seine Gedanken wie von selbst hineingetrieben waren.

Er pinkte erst dreimal leise mit der Glocke an und besorgte dann, wie jeden Tag, seit er die Kraft dazu besaß, das Abendläuten – nicht mit lautem Bimbam, wie wenn er die Wiesinger zur Kirche rief, sondern mit einseitigem, schüchternem Bimbim – Bimbim, das nur zu stillem Ave Maria mahnte. Dann schloß er das Kirchentor ab und ging.

* * * * *

Ein Bauernbub, der unter seine Kinderjahre einen Strich macht, hat von allerhand Abschied zu nehmen. Fenn Kaß hätte es nicht übers Herz gebracht, fortzugehen, ohne seinem alten Freund Pichert Lebewohl gesagt zu haben. Pichert war ein einfacher Schuster und Junggeselle, wie alte Schuster und Junggesellen auf dem Lande zu sein pflegen, ohne ein durchschlagendes Leibspruch-Leitmotiv, ohne jegliches besondere Kennzeichen.

Fenn Kaß war dem alten Pichert in Freundschaft zugetan. Er saß ganze lange Abende in der kleinen, pech- und gerbsäureduftenden Werkstatt bei ihm und führte mit ihm unglaublich vernünftige Gespräche. Und umgekehrt stand der Pichert mit Fenn Kaß genau so, als wäre der dreizehnjährige Bub ein großer und gescheiter Freund, mit dem er über alle Dinge sprechen konnte, die seinem kritischen Schusterhirn zu denken gaben.

Der Pichert wohnte in einem der letzten Häuschen des Dorfes, etwas abseits von der Straße. Eine Steinplatte führte über den Graben, und ein fußfreier Pfad über dürftigen Rasen zu der Heimstatt des alten Schusters. War er gar so alt? Er hatte kein Alter. Er war wohl auch nie jung gewesen. Es war, als ob es keine Zeit gegeben hätte, wo der Pichert nicht eilig durch die Straßen von Wiesing gelaufen wäre. Denn er hatte es immer eilig. Und immer trug er seine schwarze Tuchmütze, immer einen Kittel, eine „Schieb“ aus braunem Wollstoff, unter der an der linken Seite die mit Schnupftuch und Tabakdose beschwerte Tasche handbreit hervorbaumelte.

Fenn stieß die obere Hälfte der zweiteiligen, altmodischen „Hirzel“-Tür auf und sah hinter der dunkeln Küche das Wohn-, Eß- und Arbeitszimmer des Schusters erleuchtet. Da schob er von der untern Türhälfte den Riegel zurück und ging hinein.

Jacques Thielen, genannt der Pichert, saß auf seinem Schemel und hämmerte auf ein Stück Sohlleder los. Als Unterlage diente ihm ein handgroßer, schalenförmiger Bombensplitter, den er über dem Schurzfell auf den spitzen Knien festhielt. Von Zeit zu Zeit tauchte er die Sohle in einen mit Wasser gefüllten, grauen Steintopf, der zu seinen Füßen stand.

Als Fenn in den Lichtkreis der kleinen Küchenlampe trat, die zwischen halbfertigem Schuhzeug, Ahlen, Pfriemen, Schachteln mit Kupferösen und Strohpapierdüten mit Schuhnägeln auf dem schmalen Werktischchen stand, schielte der Pichert über seine Brillengläser zu ihm herüber. „Setz dich, Fenn,“ sagte er mit einer rissigen Fagottstimme und griff zugleich nach der Schnupftabakdose aus Kirschbaumrinde, an deren Deckel ein Lederriemchen wie ein Rattenschwänzchen vergnügt in die Höhe stand.

„Merci!“ sagte Fenn ablehnend.

„Dummer Kerl!“ schalt ihn der Pichert gutmütig. „Wenn du Pastor werden willst, mußt du das Schnupfen lernen. Anders habt ihr ja doch kein Pläsier. Arme Türken! Eine gute Flasche, eine gute Prise, ein guter Bissen bei Tisch, eine Partie Karten, ein paar Bienenkörbe als Zeitvertreib, das ist euer Leben.“ Mit einem trocknen, sonoren Lachen machte er ein Punktum hinter seinen Satz. Durch jahrelange Schnupftabakorgien war seine Nase zu einem vorlauten Resonanzboden für seine Kehle geworden.

„Du wirst jeden Tag dümmer, mein lieber Pichert,“ entgegnete Fenn zärtlich. „Glaubst du, ich werde so ein Bienenvater, der tagelang mit einem Korb hinter einem jungen Schwarm hergiepert? Wenn ich einmal gelehrt bin, weiß ich mir andre Sachen.“

„Ei was denn, zum Exempel?“

„Ich baue Maschinen.“

„Dann wärst du gescheiter zu deinem Onkel als Schlosser in die Lehre gegangen.“

„Wie dumm, Pichert! Was kann ein Schlosser, der nichts gelernt hat als feilen und hämmern! Maschinenbauen, das will studiert sein.“

„So studiere auf Inschenier.“

„Dazu muß man sehr viel Geld haben. Und dann, weißt du, so meine ich es nicht. Ich meine, wenn ich Pastor bin, habe ich Zeit genug, um nebenbei allerhand zu fingern. So’n Ingenieur ist heute auch nicht mehr das Richtige, der tut alles, weil er muß, ums Brot.“

„Gezwungenheit ist Gott leid!“ sagte der Schuster und zog eine Prise Schnupftabak aus der hohlen Hand geräuschvoll in sein linkes Nasloch. „Was einer tun muß, ums Brot, davon hat er keinen Genuß. Ich seh es kommen, Fenn, wenn du Pastor bist, stehst du lieber am Schraubstock, als daß du deine Predigt studierst.“

„An mir bleibt keiner hängen,“ sagte Fenn mit Ernst in den Augen und Stolz in der Stimme. „Ich sorge immer dafür, daß ich keinem was schuldig bleibe.“

„Das ist das Gescheitste,“ nickte Jacques Thielen zustimmend auf diese ehrenfeste Rede seines junges Freundes. „Werde du Pastor und bossele Maschinen nebenbei, soviel du willst, das ist besser, wie ...“ Der Schluß des Gedankenganges wurde übertönt durch die Hammerschläge, die doppelt emsig auf das klatschende Sohlleder niederfuhren.

„Aber das sage ich dir“ – hub der Pichert wieder an und hämmerte dabei noch ingrimmiger auf das unschuldige Stück Rindshaut ein – „das sage ich dir, erfinde nur kein so verdammtes Teufelszeug, wie die Maschinen, auf denen sie die neuen Fabrikschuhe pfuschen. So ’ne Schweinerei! Das hält keine drei Monate und zieht Wasser wie ein Sieb!“

Von einem Haufen alten Schuhzeugs, das neben ihm in der Stubenecke aufgestapelt lag, langte er einen zerrissenen Zugstiefel herüber.

„Da hat sich der Lampesch Fiß von der Schobermeß aus der Stadt ein Paar Bottinen mitgebracht, für ein Heidengeld. Und gedauert hat der Schund ausgerechnet von zwölf Uhr bis Mittag. Da soll nun der Pichert ein ordentliches Paar Schuhe daraus machen! Was? Trag sie ihm hin und sag, er soll sie dem Jud verhandeln.“

„Was ist das nun mit dem ‚Mischell‘ und mit dem Lampesch Fiß?“ fragte Fenn, plötzlich neugierig geworden.

„Das solltest du nicht wissen? Seit der Lampesch Fiß in der Stadt das Billardspielen gelernt hat, verfaulenzt und verludert er ein Stück Land nach dem andern. Der ‚Mischell‘ gibt ihm Geld, soviel er haben will, und wenn einmal der Fiß mehr Schuld wie Wertschaft hat, dann kehrt ihm der andere das Wasser ab und schlachtet den Hof.“

„Glaubst du alles, was die Leute sagen?“ fragte Fenn mit einem Schimmer von Hoffnung, daß für den alten Lampert doch noch ein Kraut gewachsen sein könnte.

„Fenn, ich sage dir, wenn ein Bauersmann sich solches Dreckszeug an die Füße zieht,“ – verächtlich schmiß der alte Schuster den Stiefel wieder in die Ecke – „dann merke, dann geht’s mit ihm in die Binsen.“

„Es muß wohl so sein,“ sagte Fenn entmutigt. „Ich habe vor acht Tagen den Lampesch Fiß mit dem Alten auf der Gewann gesehen. Sie standen bei dem großen Nußbaum auf Langfuhr, wo dem Lampert der ganze Berg gehört.“

„Dann wird ihm der ‚Mischell‘ jetzt auch die Äcker abgeknöpft haben. Eine Affenschande! So’n herrliches Gut! Na, der Großvater Lampert muß sich schon so oft im Grabe herumdrehen, vielleicht kommt er zuletzt doch wieder auf den Rücken zu liegen.“

Diesmal zog der Pichert die Prise in das rechte Nasloch. Fenn sagte nach einer kleinen Pause:

„Morgen früh um viere fährt uns Lampesch Fiß in die Stadt, mich, den Heine Putty und den Fritz.“

„Es wäre ihm gesünder, er bliebe zu Haus.“

„Der Wöllem fährt.“

„Natürlich, sonst weiß der liebe Herrgott, in welchem Graben sie den Lump morgen abend auflesen würden.“

Wieder eine kleine Pause, dann Fenn:

„Ich bin gekommen, um dir Adieu zu sagen, Pichert.“

„Das war schön von dir, mein Junge. Na, du, von dir glaube ich, daß du nicht hoffärtig wirst, du gibst dem alten Pichert die Hand auch noch, wenn sie dir die Glatze geschoren haben. Aber die zwei andern! Paß auf, der Putt wird noch mal ein hochnäsiger Pfaff, und der Fritz schnuppert schon heute um mich herum, wie seinem Vater sein Jagdhund um einen Eckstein. Denk an mich, Fenn, der zerreißt nicht bis ans Ende lauter Schuhe, die er sich selbst gekauft hat. Nun adieu, glückliche Reise, und werd mir nicht krank in der vermaledeiten Stadt.“

Mit einem kräftigen Händedruck entließ der Pichert das junge Menschenkind, dessen Weg heute von dem seinen so weit abzweigte.

* * * * *

Als Fenn auf dem Nachhauseweg bei Lehrers vorbeikam, standen Putty, Fritz und Marjänni im Dunkeln plaudernd auf der Straße.

„Fenn, gehst du mit zu uns?“ fragte Fritz.

„Nein.“

„Komm mit,“ sagte Marjänni, „wir gehen alle zusammen.“

Da nickte Fenn und schloß sich an.

Der alte Lampert saß in der Stube allein an dem runden Tisch, den eine protzige Hängelampe aus Kupfer und geblümtem Porzellan beleuchtete. Vor ihm stand eine Flasche Weißwein mit einem abenteuerlichen Etikett, auf dem Tisch lag ein Haufen frischer Nüsse. Der Bauer knackte von Zeit zu Zeit zwischen den Backzähnen eine Nuß auf, pickte mit klobigen, zitternden Fingern die hellgelbe, frische Haut von den Kernen und biß zu jedem Kern in ein großes Butterbrot.

In eine Ecke der Stube lag ein braun und weißgefleckter Jagdhund gekauert und knurrte ab und zu im Traum. Über ihm an der Wand hing ein Gewehrrechen mit Jagdflinten und Jagd- und Patronentaschen. Öldrucke und Photographien, eingerahmte Diplome mit Denkmünzen, Preise für einen schönen Hengst oder sonstiges Paradedevieh bildeten rings an den Wänden den gewohnten Bauernstubenschmuck. Nichts Auffallendes, nur wer genau hinsah, merkte, daß etwas in dieser deftigen Dorfeleganz brüchig, undicht war, daß da und dort breite Stücke der Tapete sich losgelöst hatten, daß in dem offenstehenden Wandschrank merkwürdig viele zerbrochene Porzellanstücke die Reputation der andern, unversehrten Familienglieder schändeten und daß der Fußboden mindestens eine Woche lang nicht mehr gekehrt worden war. Denn da lagen festgetretene Papierfetzen, alte Korkstöpsel, abgenagte Knochen und dergleichen, was einer ordentlichen Hausmutter oder Dienstmagd ein Greuel gewesen wäre.

Als die Kinder hereinkamen, wischte Lampert mit der flachen Hand Brotkrumen und Nußschalen von der holzfarbenen Wachstuchdecke auf den Fußboden und sagte heiser: „Kommt, setscht ech un.“

Eine schlumpige Magd führte dem Witwer den Haushalt. Sie mußte den Butterweck und den Brotlaib bringen, einen Schoß voll frischer Nüsse auf den Tisch schütten und ein paar weitere Flaschen aus dem Keller holen. Der Bauer war inzwischen mit den Vorderarmen breit auf dem Tisch liegen geblieben und hatte stumpfsinnig an seinen Nüssen weiter geknackt und gepickt. „Eßt nur! Fritz, schenk ein!“

Putty und Marjänni langten zu.

„Unserm Fritz ist das nicht fein genug,“ knurrte der Bauer, „der muß immer aus der Tasche naschen.“

Fritz sandte seinem Vater, der nicht aufgesehen hatte, einen bösen Blick hinüber.

„Eßt, Kinder,“ wiederholte der Bauer mit schwerer Zunge. Und nach einer kleinen Pause: „Eßt, sonst holt sie der Jud.“ Heiser lachend goß er sich das letzte Glas aus der Flasche ein.

„Fenn, warum ißt du keine Nüsse? Sie sind von dem großen Baum aus Langfuhr.“

„Ich weiß, ich eß sie nicht gern.“

„Filou! Hab ich dich damals nicht erwischt, wie du dir von demselben Baum alle Taschen voll gestohlen hattest?“

Fenn, beleidigt: „Ich hatte sie nicht gestohlen, ich hatte sie mit einem Hackenstiel heruntergeschmissen!“

„Verzeihen Sie den Irrtum, Herr Kaß! Warum willst du denn heut keine mehr davon?“

„Weil ich sie heute nicht mehr mag.“

„So laß es bleiben.“

Eine Weile hörte man nur das Geräusch brechender Nußschalen und malmender Zähne. Fenn knackte die Nüsse für Marjänni. Fritz steckte heimlich Zuckerplätzchen in den Mund, die er vorhin in der „Epicerie“ an der Kreuzstraße gekauft hatte.

Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Marjänni fragte die Buben, was sie für die Aufnahmeprüfung am Gymnasium wissen müßten. Ihre Prüfung an der Lehrerinnen-Normalschule in einigen Jahren würde viel, viel knifflicher sein, versicherte sie. Und erzählte Schauerdinge von den halsbrechenden Schwierigkeiten der Analyse und des Participe passé, erklärte die Regel de Tri und die periodischen Dezimalbrüche für Kinderspiel und wußte alle französischen Beiwörter auf al, die in der Mehrzahl ein s annehmen, so rasch an den Fingern herzusagen, daß dem verblüfften Fritz ein angelutschtes Karamel aus dem weit geöffneten Munde herausfiel. Und dann zählte sie auf, woraus ihre Ausstattung bestehen würde.

„Ich krieg ein ganz feines, schwarzes Kleid, und noch zwei andere, und zwei Uniformhüte, und furchtbar feine Wäsche. Wir müssen jedes ein ganzes Dutzend Handtücher haben ...“

Fritz übertrumpfte sie und zählte auf, woraus seine Ausstattung fürs Konvikt bestand.

„Zeig auch deine goldene Uhr vom Onkel Majerus,“ protzte Vater Lampert.

„Wieviel Nachthemden bekommt ihr mit,“ fragte Fritz die Kameraden, um einen Maßstab für etwaige Vergleiche zu gewinnen.

Putty geriet in Verlegenheit. In seinen Kreisen hatte niemand eine Ahnung davon, daß die Spezies Hemden sich in Tag- und Nachthemden schied. Als aber Marjänni und Fritz ihn gespannt ansahen, log er aufs Geratewohl: „Ein halbes Dutzend.“

„Ich brauch keine Nachthemden,“ erklärte Fenn schlicht und verächtlich. Von da ab war er aus der Interessensphäre der andern herausgerückt, und das Gespräch ging hartnäckig an ihm vorüber.

„Sind deine mit blauem oder rotem Besatz?“ inquirierte Fritz weiter.

„Mit allerhand Farben,“ log Putty unverfroren.

„Uni ist feiner,“ entschied Marjänni. Aber Putty fand im Flug für seinen Modestandpunkt eine Rechtfertigung. „Wenn man nur von einer Farbe hat, denken die Leute, man zieht immer dasselbe Hemd an.“

Fritz sagte naserümpfend, das wisse doch ein jeder, daß das nicht wahr ist.

Jetzt mischte sich der alte Lampert hinein. „Ihr seid eine hoffärtige Bande. Ihr wißt noch gar nicht einmal, ob ihr überhaupt bei der Prüfung nicht durchsaust, mitsamt all euren Nachthemden.“

Putty wußte Rat. Sein Vater wollte mit dem Herrn Direktor reden und mit allen Professoren, er kannte sie sehr genau von der Zeit her, wo er in der Stadt Schneidergeselle gewesen war.

„Kann ich mir denken,“ sagte der Bauer. „Der Direktor sitzt da und wartet, bis der Schneider aus Wiesing mit seinem Jungen kommt: Ah, guten Morgen Schneiderhinchen, bringt Ihr uns den Burschen endlich! Den können wir gerade brauchen! – Paß auf, Putt, die geben deinem Vater noch Geld auf dich heraus!“

Fritz und Marjänni lachten, Putty schämte sich; Fenn sagte: „Es ist Zeit, daß ich nach Hause gehe.“

Lampert der Vater pflichtete ihm bei. „Wer morgen früh punkt 4 Uhr nicht da ist, kann für einen dicken Sous nachlaufen,“ sagte er und schlug zum Zeichen, daß die Sitzung aufgehoben war, mit der flachen Hand auf den Tisch.

Als die Kinder zum Gehen fertig dastanden, griente Fritz boshaft: „Brauns ihres hat sich die Taschen voll Nüsse gestopft.“

Marjänni erschrak und wurde krebsrot. Fenn sagte ruhig: „Sie hat meinen Teil genommen. Dein Vater sagt ja: Die wir nicht essen, holt der Jud.“

„Ins Bett mit euch!“ brummte der Bauer, plötzlich unwirsch.

„Du auch!“ zu Fritz. „Was liegt dran, wenn das Kind ein paar Nüsse einsteckt!“

Und da Fritz eine ungezogene Widerrede wagte, gab ihm sein Vater kurzerhand eine Ohrfeige. „Marsch, ins Bett! Morgen gibt’s Frühbirnen!“

Der Bauer riegelte die Tür hinter den drei Kindern ab. Fritz trottete greinend in seine Schlafstube und schwor dem frechen Frauenzimmer, der Marjänni, tödliche Rache. Draußen griff Putty in die Tasche und zog eine Hand voll Nüsse heraus: „Da, nimm, Marjänni,“ sagte er zärtlich und triumphierend. „Ich habe auch eine Tasche voll für dich gemaust.“

Und auf einmal fand er seinen ganzen Mut wieder: „Wenn der Fritz, der dumme Aff, morgen in der Prüfung nichts weiß, kann er sehen wer ihm weiterhilft. Ich nicht!“

Daheim schmeichelte Putty seiner Schwester Leonie ein Stück giftgrüne Veilchenseife und ein weißseidenes Taschentuch ab, das ihr zur Kirmes ein Anbeter geschenkt hatte. Der Abschied stimmte sie weich, und sie gab es her. Putty wollte auch etwas Apartes mithaben auf den Lebensweg, auf den sein Freund Fritz so viele Kisten und Kasten mitbekam.

Spät abends erwachte Fenn Kaß noch einmal in seinem Bett und hörte nebenan, wo die Eltern schliefen, Vater Kaß mit keifender Stimme gegen sein Weib ankämpfen. „Unsinn, der Junge soll sich freuen, daß wir so für ihn sorgen!“

„Du hast ja recht,“ redete die Mutter dawider, „aber wenn er doch vielleicht den Beruf nicht hätte?“

„Beruf, Beruf! Das ist auch wieder so’ne verrückte Erfindung. Wozu einer das Geld hat, dazu hat er den Beruf. Und nun laß mich schlafen!“

Fenn hörte die Bettstelle laut und energisch krachen und wußte nun, daß Vater Kaß sich herumgedreht und sein letztes Wort gesprochen hatte. Die Mutter wagte noch einige schüchterne Versuche, ihre Gedanken über die Zukunft ihres Einzigen an den Mann zu bringen. Als darauf nichts als ein kräftiges Schnarchen erfolgte, wurde sie still.

Fenn dachte gar nicht weiter darüber nach, was über zehn Jahre aus ihm werden sollte. Warum nicht Pfarrer? Er sah durchaus nicht ein, warum einer nicht Pfarrer werden sollte, wenn ihm die Wahl freistand.

Zweites Kapitel

Der alte Wöllem kroch früh morgens um drei aus dem Strohhaufen, den er sich in einer Ecke des Pferdestalls zum Nachtlager ausersehen hatte. Er tastete sich bis an die Stelle, wo an der Mauer die viereckige Laterne hing, klaubte aus der Westentasche ein Schwefelholz und zündete die Ölfunsel an. Dann dehnte und reckte er sich in seiner ganzen Länge, streckte den rechten Arm nach oben und den linken Arm nach unten aus, kratzte sich gähnend mit beiden Händen den struppigen Kopf und stopfte sich unter allerhand Morgengeräuschen eine Pfeife. Ein paarmal noch mußte er beim Gähnen den Stummel aus dem Munde nehmen, dann war die Maschine in Schwung, Wöllem ging an seine Arbeit. Er war ein knochengewaltiger, schiefbeiniger Hüne, mit den dummen, treuen Augen eines satten Stiers. Haare und Bart waren kurz und dicht, zottig und mißfarben wie das Winterfell eines Tieres im Wald.

„Hü! Charlotte!“

Wöllem ließ klatschend seine Riesenhand auf die breite Kruppe eines Apfelschimmels fallen, der mit eingeknicktem Hinterfuß in Morgenträumen versunken stand. Dumpfes Rasseln einer Kette am Holztrog gab Antwort. Wöllem hängte die Laterne an einen Pfosten und begann mit der Morgentoilette des Schimmels. Ab und zu gab er ihm einen wohlwollenden Klaps, oder sagte, mild verweisend: „Steh, Luder! – Hömm, Tockkapp!“

Wöllem war nicht der Mann der extremen Gemütsbewegungen. Der Strom aus seiner Gehirnzentrale brachte auf dem Weg durch die Nervenstränge nie die Sicherungen zum Schmelzen, und nie züngelte bei ihm die Flamme des Affektes auf.

Einmal nur war Wöllem furchtbar geworden. In seiner Jugend war er, wie so viele seiner Landsleute, in Paris Kutscher gewesen und hatte sich ein Weib genommen, eine Pariser Kammerjungfer, ein leckeres kleines Ding mit warmen Sammetaugen. Eines Tages wurde er krank und lag sechs Wochen lang im Spital. Als er herauskam, war ihm das leckere kleine Ding mit einem Holzbildhauer aus dem Quartier St. Antoine und mit seinen ganzen Ersparnissen durchgegangen. Wöllem saß einen Tag und eine Nacht in der leeren Wohnung und wartete, daß sein Weib heimkäme. Bis ihm die Frau des Concierge die Wahrheit sagte. Da hatte er alle Möbel in der Wohnung kurz und klein geschlagen, war zum Mastroquet an der nächsten Straßenecke gegangen, hatte sich unmenschlich besoffen und spät abends alle Gäste einen nach dem andern durchs Fenster auf die Straße geworfen, den Wirt zuletzt. Dann hatte er sich, weinend wie ein Kind, von der Polizei abführen lassen. Seither war Wöllem ein ruhiger Sonderling und Weiberhasser. Und das einzige, was ihm an seinem Liebling, der Schimmelstute, nicht imponierte, war der dumme Weibername.

Jetzt zog Wöllem den Leiterwagen, der für die Fahrt auf der Tenne bereit stand, auf den Hof hinaus. „Mhm!“ machte er verwundert, als er wahrnahm, daß der Bauer im ersten Stock auch schon Licht hatte.

Er schöpfte aus dem steinernen Viehtrog neben dem Ziehbrunnen beide Hände voll Wasser, fuhr sich damit prustend ein paarmal übers Gesicht, prustete wieder, schneuzte sich in die Finger und überließ es der Morgenluft, sein nasses Gesicht zu trocknen.

Während er die Charlotte in die Deichsel schirrte, kamen von fern hallende Schritte durch die Morgenstille. Das Schneiderhinchen war’s mit Putty, beide fröstelnd, die Kragen hoch, die Hände bis an die Ellenbogen in den Taschen vergraben.

Der Schneider machte sich herablassend an Wöllem heran. Dabei suchte er durch heftiges Räuspern seiner Stimme einen tiefen Klang zu verleihen, um gegen den Brummbaß des Alten nicht gar zu sehr abzustechen. „Ein schönes Tier,“ sagte er und ging sachverständig um die Charlotte herum. „Ein prächtiges Tier.“

Die Charlotte widmete dem Schneider einen teilnahmlosen Blick. Er war aber auch ein zu unansehnliches Männlein, mit seinem speckweißen Nußknackergesicht. Die spärlichen gelben Schnurrbarthärchen schienen eins nach dem andern in die Haut gesteckt. Wöllem brummte etwas in den Bart und humpelte an die andere Seite des Wagens. Der Schneider ihm nach: „Ja, ja, Lampesch Fiß muß immer die schönsten und mutwilligsten Pferde im Dorf haben!“

Wöllem knurrte etwas lauter und stieß der Charlotte die Kandare ins Maul. Dann kleidete er seine Verachtung in Worte: „Wat verstäht e Schneider vun de Pärd?“ Und was ihm wohl das Hinchen herausgibt für jedes Jahr, das die Charlotte mehr als 25 ist? Und ob er meint, die wackelt auch nur mit den Ohren, wenn man ihr einen Topf voll Mostrich mit Pfeffer unter den Schwanz schmiert?

Eine so lange Rede hatte Wöllem seit Jahr und Tag nicht mehr gehalten. Sein Redebedarf war damit für die nächsten Stunden gedeckt. Jetzt kam auch Fenn mit seiner Mutter. Schneiderhinchen sagte ihnen guten Morgen und fand es rücksichtslos, daß der Lampert immer noch nicht heruntergekommen war. Es dauerte übrigens nicht lange, da ging die Haustür auf, und Lampesch Fiß rief über den Hof, noch heiserer, als gewöhnlich: „Wöllem, sin se do?“

„Jo, hei si’ mer!“ antwortete eilfertig der Schneider. Und zu Frau Kaß und Fenn gewandt, halblaut: „Kommt, e’ muß eng Dröppchen zum beschte gin.“

„Nä, bleiw eweg, Fenn,“ wehrte die Frau. Sie wollte sich wohl von dem Bauer fahren lassen, weil es nicht anders ging, aber Speise und Trank von ihm annehmen oder gar aufdringlich scheinen, das widerstrebte ihrem Stolz und Feingefühl. Sie wollte ihm nicht mehr zu danken haben, als unbedingt nötig war.

Der Schneider mußte mit dem Bauer tatsächlich einen furchtbar starken Schnaps und noch einen trinken, und als man schließlich aufbrach, bekam er eine halbe Stunde den Mund nicht mehr zu.