Part 1
Fenn Kaß
Der Roman eines Erlösten
von Batty Weber
1913 Literarische Anstalt Rütten & Loening Frankfurt a. M.
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten Copyright 1913 Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Zwischen Ulmen und Platanen geht die schöne, staubweiße Dreikantonstraße quer durch das Luxemburger Ländchen, von der Mosel nach der belgischen Grenze. Allerhand bäuerliches Fuhrwerk zieht dort seine Spuren. Straßenwärter lehnen, stets verschnaufend, am Grabenrand auf ihren Schaufeln und Hacken. Um die Osterzeit liegen vor den Kilometersteinen bunte Eierschalen, von allerhand Wandervolk nach Rast und Wegzehrung hingestreut. Es ist, als ob’s im Erdreich ringsum von erwachendem Leben knistre. Manchmal kommt aus der Ferne das leise Geklingel eines Schellenkranzes, zwei magere Gäule schleppen einen gelben Kasten auf Rädern vorbei; durch die klapprigen Fenster sieht man im Innern müde Gesichter mit geschlossenen Augen vornüber nicken: der Omnibus. Im Herbst schwelt dünner Rauch von brennendem Kartoffelkraut über die Straße, und fernher zieht über die leeren Stoppelfelder unsäglich wehmütig der Choralgesang eines Bauernbuben, der hungrig um seine Kühe kreist und überm Singen an die duftigen Knollen denkt, die er sich in der Asche des Kartoffelfeuers brät.
Am schönsten ist es auf der Dreikantonstraße an sonnigen Septemberabenden. Dann dampft goldener Nebel zwischen den Bergen am Horizont. Es ist der zerfließende Rauch der Hochöfen im Süden und Westen. Da schmelzen sie das Erz, das die braunen Italiener aus den zerrissenen Eingeweiden der Erde herauswühlen, und hinter den Bergen, dort herum, wo drei Grenzen sich schneiden und das sonore Französisch des Beckens von Longwy mit den trotzigen Kehllauten altdeutscher Neulothringer und dem breitspurigen Luxemburger Platt der Escher Gegend unvermittelt zusammenklingt, da sinkt jetzt der Sonnenball langsam hinweg in den Dämmerrauch, den er sich zu leuchtenden Schleiern vergoldet hat.
Wiesing ist eines der schönsten Dörfer an der Dreikantonstraße. An der Straßenkreuzung steht ein vornehmes, altes Gasthaus mit altmodischer französischer Aufschrift „_Auberge. – On loge à pied et à cheval. – Epicerie._“ Hinter einem Fenster, in einem hohen Glaspokal, dicke Lakritzstangen, in einem andern brauner und gelber Kandiszucker. Ein weißes Porzellanfäßchen trägt die Aufschrift: _Obourg_, – ein anderes die Worte: _Poudre de chasse_, bei denen alle Bubenherzen höher schlagen. Rechts von der Freitreppe, die zum Hausflur hinaufführt, steht eine hölzerne Pferdekrippe mit Ringen zum Ankoppeln. Zwischen geköpften Silberpappeln, die im Frühjahr ihre Lämmerschwänzchen und im Herbst ihre hellgelben, welken Blätter über die Straße streuen, ragt ein uraltes Steinkreuz mit bemoostem Altartisch davor. Dort hält an Fronleichnam, bei der Kirchweih und am Muttergottestag die Prozession, und alles kniet andächtig in der Runde. Der Herr Pastor hebt über die gesenkten Häupter segnend die blitzende Monstranz, während die feiertäglich duftenden Weihrauchwolken steigen, Silberschellchen bimmeln, in der Ferne dumpf die Böller knallen, die Glocken zu Hauf läuten und in der Gaststube drin ein paar Burschen, die lieber im Wirtshaus Gottesdienst feiern, stumm an ihren Sonntagszigarren saugen und hinter den weißen Tüllvorhängen verstohlen hinausäugen.
Es gab eine Zeit, wo in Wiesing reiche Bauern wohnten. Damals, ehe die Eisenbahn fertig gebaut war, ging von den Escher Bergen der Strom des rotbraunen Erzes durch Wiesing nach der Mosel, wo das kostbare Gestein nach den deutschen Hüttenwerken in weitbauchige Kähne verfrachtet wurde. Karren an Karren rasselte und polterte durchs Dorf, es war ein betriebsames Leben, die Bauern verdienten, was sie wollten. Sie trugen zu ihren stahlblauen, blinkenden Sonntagskitteln schneeweiße Stehkragen, spielten Kegel und Karten zu einem blanken Taler den Einsatz, und als der rotbraune Strom plötzlich versiegte, da saßen sie auf dem Trocknen und wußten nicht wie. Ihre Ställe leerten sich, auf ihren Scheunen sahen durch die verfallenden Dächer die Sparren wie die Rippen eines faulenden Aases, das die Raben und Füchse angefressen haben, und an ihren schönen großen Häusern zerbrach von den teuren gewölbten Fensterscheiben eine nach der andern und wurde durch ganz gewöhnliches billiges Glas ersetzt. Da lernten ihre Söhne wieder das bittere Schwitzen und verbrachten schlaflose Nächte mit Grübeln, wie sie es anstellen sollten, um für den Jud und den Notar die Zinsen aufzubringen.
* * * * *
An einem der schönen Septemberabende stand Fräulein Gretchen, die Schwester des Herrn Pfarrers Reining, an ihrem vergitterten Küchenfenster, das auf den Hof hinausging, und sah mit verträumten Augen zu, wie ein dreizehnjähriger Junge einen Korb mit glatten, weißen Buchenholzstücken füllte, den letzten von einem großen Haufen, den er mühsam und unverdrossen auf den Speicher geschafft hatte. Der Platz war noch weiß von Sägespänen, und der bittere Geruch der frisch zersägten Buchenscheite mischte sich mit den Düften, die vom Kochherd ausgingen und in lauen, unsichtbaren Wölkchen sich an Fräulein Gretchen vorbei ins Freie stahlen.
Der Junge hatte den Korb huckepack genommen und ging, vornüber gebeugt, in langsamem Takte nickend unter seiner Last um das Haus herum durch die Hintertür hinein und die Treppe zum Boden hinauf. Im Halbdunkel des sinkenden Tags schimmerte in dem schwülen Raum unterm Dach die Trockenwäsche auf den Leinen, die zwischen den Balken des Dachstuhls gespannt waren. Es roch nach Seife, nach trockener Buchenrinde, nach süßen Birnen und Äpfeln und nach vergilbtem Papier. Der Junge setzte seinen Korb ab. Mitten im Speicherraum stand wie eine plumpe Säule der Kaminschlot, der durchs Dach hinausführte, und um diesen herum war das Brennholz fein säuberlich aufgeschichtet. Bevor der Junge den Inhalt des Korbes zu dem übrigen legte, holte er aus einer Speicherecke, von einer offenen Kiste, ein aufgeschlagenes Buch und stellte sich damit unter eine Dachluke, wo das Zwielicht zum Lesen gerade noch langte. „Geschichte der Dampfmaschine“ stand auf dem Titelblatt. Das Buch dicht an den leuchtenden Augen las der Knabe Seite um Seite, und vergaß über Denis Papin und James Watt alles um sich her.
Plötzlich hörte er rufen. Fräulein Gretchens weiche Altstimme tönte durchs Haus. „Fenn! Fenny! Könnscht de net bal?“
„Ob der Minut!“ rief Fenn hastig zurück, klappte das Buch zu, trug es an seinen Platz und leerte hurtig mit beiden Händen den Inhalt des Korbes auf den Holzstapel, der sich in Brusthöhe vor ihm türmte. Dann sprang er in eiligen Sätzen die Treppe hinunter.
In der Küchentür stand Fräulein Gretchen. In ihren weltunkundigen, sanften Augen war lächelnde Zufriedenheit, als sie den Jungen fragte, ob er nun ganz fertig sei. Dabei wandte sie sich zurück in die Küche und nahm aus einem Körbchen eine prächtige, große Birne, die sie Fenn am Stiel entgegenhielt. Er wischte schmunzelnd die flachen Hände an den Hosenbeinen ab und nahm die Birne, in die er gierig zwei Reihen blanker Zähne schlug. Wie lecker nach all dem Staub, der so bitter und trocken am heißen Gaumen klebte! Voll mitgenießender Behäbigkeit sah Fräulein Gretchen, die Hände unter ihrer kurzen, schwarzen Pelerine übereinandergefaltet, dem Knaben zu. Sie war eine gute Haut, und alle mochten die „Zäre Joffer“ leiden.
„Zären“ und „Zierden“ heißen im Luxemburgischen von uralters her in jedem Dorf zwei Häuser, das Pfarrhaus und das Hirtenhaus. In diesen Bezeichnungen hat sich noch die Genitivform erhalten, um die der Luxemburger sich sonst wie um etwas hochdeutsch Vornehmes linkisch herumdrückt. Aus „des Herren“ und „des Hirten“ ist „d’s Hären“ und „d’s Hierden“, und dann „Zären“ und „Zierden“ geworden, und „Zäre Kächen“ und „Zierden Hond“ sind in allen Dörfern stehende Ausdrücke. Wer sich in Wiesing etwas herausnehmen durfte, sprach vertraulich von „Zäre Gre’itchen“, für die andern war sie die Respektsperson, die „Zäre Joffer“.
Fenn hatte seine Birne verzehrt.
„Hast du denn dein Holz schön ‚getesselt‘?“ fragte Fräulein Gretchen in dem breiten Dialekt, der mit seinen weichen, liebevoll gedehnten Zischlauten, den fremdartigen, bald ans Englische, bald ans Oberbayrische anklingenden Diphthongen und einer Beimischung französischer Nasenlaute dem Ausländer so undeutsch und unverständlich klingt.
Fenn nickte. Er trat von einem Fuß auf den andern und würgte sichtlich an einem Anliegen, mit dem er sich nicht hervortraute.
„Nun gehst du zu Lehrers und bestellst meinem Vater, daß Essenszeit ist,“ sagte Joffer Gretchen.
Da brach dem Jungen sein Geheimnis über die Lippen. „Auf dem Speicher oben liegen so schöne Bücher!“ brachte er unvermittelt hervor, und sein offenes Bubengesicht lief dabei rot an.
„So, was denn für Bücher?“ fragte wohlwollend Fräulein Gretchen.
Er versuchte ihr klar zu machen, was er meinte, aber mit Worten dauerte es ihm zu lang. So war er in ein paar Sätzen die Treppe hinauf und holte den Schmöker. Sie meinte, sie müsse erst „eisen Här“ fragen.
„Unser Herr“ saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Der Herr Wiesinger galt in den Kreisen seiner Confratres für ein unheimlich gelehrtes Haus, aus dem noch einmal ganz was besonderes werden würde. Das Geld, das andere in Rotspohn und Zigarren anlegten, steckte er in seine Bücherei. Schön gebunden, mit schwarzbraunem Rücken und dem Goldtitel in dunkelgrünem Feld, standen die Theologen, Philosophen, Kirchenväter und Klassiker auf ihren Regalen, hinter blinkenden Kattunvorhängen. Der Herr Wiesinger sah seiner Schwester sehr ähnlich. Dasselbe gütige, weiße Gesicht, dieselben sanften Augen, nur tiefer und klüger hinter den starken Brillengläsern.
Er nahm lächelnd das Buch und blätterte sinnend eine Weile darin. „Gib’s ihm, wenn es ihm Spaß macht,“ sagte er. „Ich habe es vor reichlich vierzig Jahren als Schulpreis bekommen. Da klebt noch der Zettel: Sexta, I. Preis, Karl Reining. Aber der Fenn soll darüber sein Latein nicht vernachlässigen.“
„Und ich wollte dir auch sagen, Charles, das Essen ist soweit fertig. Wenn du kommen willst, kann aufgetragen werden.“
Unter vier Augen duzte Joffer Gretchen den geistlichen Bruder, aber in der Zärtlichkeit, mit der das luxemburgisch-französische „Scharel“ herauskam, klang ein gut Teil Ehrfurcht mit.
Fenn zog glücklich mit seiner Beute ab. Er hatte heute zum letzten Male im Pfarrhaus Holz getragen. Morgen sollte er nach Luxemburg aufs Gymnasium, um „auf Herr“ zu studieren.
* * * * *
Sein Vater war der Küster, der griesgrämige Mathias Kaß mit den buschigen Augenbrauen und den gekniffenen Lippen. Die Kaß in Wiesing gehörten zu einem alten Luxemburger Schmiedegeschlecht. Der Mathias war zufällig schwächer geraten als seine Brüder und Vettern und darum nach Wiesing gekommen, wo er in eine alte Küsterdynastie eingeheiratet hatte. Aber die Natur hatte nur ein Glied in der Kette überschlagen, beim jungen Kaß in Wiesing setzte die ganze Kraftfülle der Altvordern wieder ein. Vielleicht auch war er mehr nach der Mutter geartet, einer stillen, derben Frau, die an dem grobknochigen einzigen Sohn mit der ganzen Zärtlichkeit ihrer schlichten Seele hing. Ferdinand hatte sie ihn taufen lassen. Ferdinand war der schönste Name, den sie kannte. Irgendein vornehmer Knabe aus einer Geschichte in ihrer Lesefibel hatte Ferdinand geheißen, und so nannte sie ihren Einzigen Ferdinand. Aus jenem Bedürfnis nach Feinem, Feiertäglichem, das selbst im gröbsten Bauernweib drin steckt und ihm eingibt, ein paar Blumenscherben auf der Fensterbank zu halten, oder um Ostern herum Veilchen zwischen die Wäsche zu legen oder bei feierlichen Gelegenheiten – Begräbnis, Hochzeit, Kirmes und Kindtaufe – ihr weißes Taschentuch nebst Gebetbuch und Rosenkranz zimperlich vornehm in der Hand zu tragen.
Papa Reining, den Fenn zum Essen rufen sollte, war der Vater des Pfarrers. Ein bißchen gebeugt, ein bißchen wackelig, ein bißchen schwerhörig. Unter sich nannten ihn die Wiesinger „Zäre Pätter“, offiziell hieß er der „Père Reining“. Niemand sah ihn je anders als im schwarzen Gehrock. Allabendlich ging er auf eine Partie Sechsundsechzig zum Lehrer Braun, für dessen Jüngste er stets etwas zum Naschen in den unergründlichen Taschen seiner Rockschöße mitbrachte. Und bot das Haus einmal nichts Eigenes, dann waren es Pfefferminzpastillen. Um diese stritten sich die Kinder, es war ihnen ein seltenes und seltsames Empfinden, an Gaumen und Zunge den kühlen Hauch und den süßlichen Geschmack der kleinen weißen Plätzchen zu spüren.
Fenn Kaß wußte in dem bescheiden aussehenden, strohgedeckten Haus, das die Gemeinde ihrem Lehrer als Wohnung zur Verfügung stellte, von Kindesbeinen auf Bescheid. Von der Straße führte eine Treppe hinan, auf deren Steinbrüstung bald glucksende Hühner sich sonnten, bald die Töchter Brauns mit gefärbten Knöchelchen Spielstein spielten. An lauen Abenden saß dort Braun, ans Haus gelehnt, ein Bein auf der niedrigen Brüstungsmauer vor sich ausgestreckt, rauchte seine weiße, irdene Pfeife, sein „Hänschen“, und erklärte seiner Jüngsten die Sternbilder. Dann kroch Fenn manchmal schweigend von unten die Treppe herauf, bis zu den Füßen des Lehrers, und lauschte gespannt, wenn Braun am „Großen Wagen“ die drei Pferde und die vier Räder oder am „Rechen“ die Zähne und den Stiel mit seinem Pfeifenrohr der kleinen Marjänni demonstrierte. Man weiß nicht, was den Küstersbuben am meisten lockte, der „Große Bär“ oder die kleine Marjänni. Tatsache ist, daß es ihn nach dem Lehrerhause hinzog, auch wenn kein Stern am Himmel stand. Und noch lange nachher wurzelten die seligsten Erinnerungen seiner Kinderjahre in den Stunden, die er bei Lehrers zugebracht hatte.
Lehrers hatten jenseits der Straße einen großen Garten, in dem eine Holzbank unter einem mächtigen Holunderstrauch stand. Dorthin brachten die Mädchen ihre Puppen und die Buben ihre Pferde und gründeten einen gemeinsamen Haushalt. In eine Mauerritze wurden nebeneinander ein paar Stöckchen getrieben, das waren die Balken des Heuspeichers. Quer darüber kam Reisig und oben darauf wurde ausgerupftes Gras getürmt. Auch Raufe und Trog fehlten nicht, und den bunten Rossen, die noch so funkelnagelneu nach Lack dufteten, gebrach es an nichts. Neben dem Stall wurde ein Brunnen gebohrt, mit einer spitzen Bohnenstange, so tief, daß alle Kinder sagten, sie könnten nicht bis auf den Grund sehen, beinahe fußtief. Und aus gegabelten Zweigen und quer darüber einem runden Stäbchen mit doppelt geknicktem Ende als Kurbel wurde der Apparat gebaut, an dem aus der Tiefe des Brunnens der Wassereimer heraufgewunden wurde.
Während die Knaben so dem Viehbestand ihre Fürsorge zuwandten, bestellten die Mädchen das Haus. Unter der Bank am Holunderstrauch lag der Keller, mit Milch und Butter und Kartoffeln und allen Vorräten reich bestellt, oben drauf waren Küche, Stube und Schlafzimmer für das Puppenvolk eingerichtet. Da führte Marjänni das Zepter, in Hof und Stall war Fenn ausschlaggebend.
Auch von den andern, die gewöhnlich dabei waren, ist ein Wort zu sagen.
Heine Putty machte sich aus den Pferden nicht viel, er drückte sich mehr auf der Mädchenseite herum. Sein Vater war Schneider, aus der Gegend zwischen Mosel und Syr eingewandert, ein bartloser Schwächling mit dem Temperament eines Cholerikers, ein Bramarbas, der ein ruhiges Hünenweib heimgeführt und mit ihr einen schmächtigen Sohn und zwei derbe Töchter gezeugt hatte, die Leonie und die Justine, die bei den Haushaltungsnachmittagen im Lehrersgarten emsig schafften. Geriet der Schneider in Wut, so prügelte er unter gräßlichen Flüchen seine Kinder, eins nach dem andern, durch. Das ihm zunächst saß, kam zuerst an die Reihe, und dann die andern. Er erblickte in diesem unparteiischen Durchprügeln einen Hauptteil seiner väterlichen Sendung. Die Mutter sah ihm dabei ohne Aufregung zu, weil sie dachte, das könne unmöglich wehe tun. Aus seinen ledigen Jahren erzählte der Schneider erstaunliche Heldentaten, die ihm die Wiesinger lieber glaubten, als daß sie sich mit dem mundfixen, hergelaufenen „Schneiderhähnchen“ auf eine Kontroverse eingelassen hätten. So war der kleine Peter Heinen – aus Peter machten die Kameraden Putt und Putty – ein verschüchterter Knabe geworden, aber fein, begabt, phantasiereich und voll einer heimlichen Genußfreude, die sich nicht gern an die Oberfläche wagte, die jeden Genuß mißtrauisch in einen Herzenswinkel schleppte, wie ein Hund einen Knochen, und sich dort gierig an ihm sättigte.
Suchte Heine Putty beim Spielen stets die Gesellschaft der Mädchen und gefiel sich Fenn in der Rolle des Hausvaters, so ging der dritte Gespiele, Fritz Lampert, davon aus, daß er dahin gehörte, wo es im Augenblick am meisten zu essen und zu trinken gab. Sein Vater, der Lampesch Fiß (Fils), so genannt nach dem Vorbilde der benachbarten Lothringer Bauernsöhne, war der reichste Bauer auf viele Stunden im Umkreis. Manche im Dorf hängten, wenn sie das sagten, augenzwinkernd das fatale Wörtchen „gewesen“ daran. Soviel war sicher, der Lampesch Fiß hatte schon in jungen Jahren das Faulenzen gelernt. Und sollte Fritz von ihm auch weiter nichts erben, die Faulheit, die Selbstsucht und das Protzentum hatte er von ihm sicher, das stak im Blut.
Fenn, Putty und Fritz waren ein Kleeblatt. Und von der kleinen Marjänni hätte man sagen können, sie war an dem Blatt der Stiel, der die drei zusammenhielt.
Fenn sprang bei Brauns die Treppe hinauf und stieß im Flur auf seine Freundin, die ein langes Stück massigen Zwetschenkuchens auf der flachen Hand hielt. Wenn sie beim Hineinbeißen die Lippen schürzte, sah man in dem gesunden, roten Zahnfleisch das blinkende Elfenbein ihrer Zähne stehen, und aus zwei groß aufgerissenen, dunkeln Augen funkelte der Genuß an dem saftigen Bissen.
Daß damals in Wiesing weit und breit die schönsten Mädchen wuchsen, wußte in der Gegend jeder Bursch. Brauns Marjänni war nicht aus der Art geschlagen. Sie hatte die süßesten Augen, dunkelolive; ihr schmales Gesichtchen war weiß, wie ein Rosenblatt, nur um die Augen ein wenig dunkler, wie weiße Rosenblätter in des Kelches Mitte. Wenn es gegen Abend ging und sich ihr Haar unter dem Kamm gelockert hatte und einen breiten Rahmen um ihr entzückendes Kindergesicht legte, war sie fast zu schön, wie ein Bild, das man keinem Maler glauben würde.
So sah sie aus, als Fenn Kaß ihr jetzt im Türrahmen entgegensprang. Er griff mutwillig nach ihrem Kuchen, sie retirierte mit einem halb belustigten, halb entrüsteten „Nein, wie frech!“ in die Küche.
Der „Zäre Pätter“ war in keiner kleinen Aufregung, als Fenn ihn abberief. Er hatte drei Spiele nacheinander gegen Braun gewonnen und ihn einmal „Schneider gemacht“, und jedesmal, wenn er einen Trumpf auflegte, schwang er die Karte hoch empor, wie ein Richtbeil, und ließ sie mit einem aus tiefster Brust hervorgekeuchten Aha! auf die Karte des Gegners niedersausen, daß unter seinem feinen Greisenfäustchen die Tischplatte diskret erbebte.
„Danken Sie Ihrem Schöpfer, Herr Braun, daß ich fort muß!“ sagte er mit vibrierender Stimme, indem er sein geblümtes Taschentuch und seine silberne Schnupftabakdose vom Tisch aufnahm. „Heute wäre es Ihnen um Haus und Hof gegangen!“
Braun lachte gemütlich und kraute sich hinter dem Ohr. Er gedachte der ersten Tage, wo der „Zäre Pätter“ mit ihm Sechsundsechzig gespielt und regelmäßig Schuh und Strümpfe dabei verloren hatte. Da war er aus reinem Mitleid mit dem alten Mann hingegangen und hatte heimlich die Karten gezeichnet. Nun konnte er ihm so viel Trümpfe und Stiche in die Hände spielen, wie er für gut fand, und der gute „Zäre Pätter“ hatte dank dem Lehrer Braun einen triumphverklärten Lebensabend und kam jeden Tag in der übermütigsten Stimmung zum Abendessen. Pfarrer Reining hörte von der großmütigen Mogelei des Lehrers und erstattete diesem gewaltsam jede Woche die zwölf Sous, die er an den Père Reining aus christlicher Nächstenliebe verloren hatte.
* * * * *
Als Fenn Kaß an jenem Abend die Betglocke läutete, war ihm durchaus nicht so weich zumut, wie es doch am Vorabend eines so folgenschweren Tages begreiflich gewesen wäre. Nein, so einer war er überhaupt nicht. Es hatte ihn noch keiner von seinen Kameraden mit nassen Augen gesehen. Nicht, daß er ein rohes Gemüt gehabt hätte. Vieles ergriff ihn seelentief. Aber war sein Inneres ein bewegliches Wasser, auf dem jede Empfindung ihre Ringe warf, sein Äußeres war festes Erdreich, ein Ufer, von dem die Wellenringe der innern Aufregung spurlos zurückzitterten.
Fenn schlenkerte den großen Kirchenschlüssel an Daumen und Zeigefinger hin und her, als er langsam zwischen den Ebereschen hinging, die vom Tor des Friedhofs bis zur Kirchentür eine zierliche Allee bildeten. Einzelne rote Beeren lagen über den Pfad gestreut. Fenn fiel es ein, wie sich Marjänni mit den reifen Vogelbeeren manchmal Ohrgehänge machte, und instinktiv vermied er, auf eine der roten Korallen zu treten, als hätte er damit der kleinen Spielkameradin weh tun können.
Beim Missionskreuz an der Turmmauer hielt er die Schritte an. Dort stand Sonntags nach dem Hochamt die Gemeinde und sprach ein kurzes Gebet „für die Abgestorbenen“. Warum kam dem Küsterssohn gerade hier das Bewußtsein, daß ein Abschnitt in seinem Lebensbuche nun für immer umgeblättert war? Warum dachte er nicht an dies und jenes, das er nie mehr tun würde, und warum dachte er gerade: Du wirst nun nicht mehr Sonntag für Sonntag unterm Missionskreuz stehen und für die Verstorbenen beten? ... Drüben war immer Marjännis Platz, an dem Grab mit dem schiefen grauen Kreuz, über das jetzt riesige Sonnenblumen ihre schweren Köpfe hängten. Dort sah er sie immer stehen, wenn er etwas später, als die andern, aus der Sakristei kam, wo er noch nach dem Rechten hatte sehen müssen. Wenn sich zufällig ihre Blicke kreuzten und er ihr verstohlen zunickte, winkte sie kaum merklich wieder, schloß eine Sekunde lang ihre dunkeln Augen und betete weiter, ernst und altklug, als müßte sie ganz allein alle armen Seelen aus dem Fegfeuer beten. Der Gedanke an sie ging heimlich hinter ihm her in die stille, dämmerbraune Kirche, in der seine Schritte hallten. Dort links war ihr Platz. Sie saß die erste in ihrer Bank. Während im Hochamt das Credo oder in der Vesper die Psalmen gesungen wurden, saß der Herr Pastor seitwärts vom Altar in einem Seidendamastsessel, rechts und links die beiden Meßdiener. Das sind die feierlichsten Augenblicke im Dasein eines Dorfjungen. Die Kirche ist voll von Lichterglanz und süßem Weihrauchduft, wie im Sonntagssonnenschein eine blumige Märchenwiese, durch die die Orgelklänge als tönender Bach hindurchfließen, bald sacht, bald brausend. Die Gemeinde sitzt mit frommen, schläfrigen Sonntagsgesichtern, die Choralweisen, mit denen alle aufgewachsen sind, summen laut oder leis in jeder Kehle mit, unbewußt, wie in einem der gemalten Kirchenfenster eine lockere Scheibe bei schwingungsverwandten Klängen schläfrig mitklirrt. Auf den fremdartigen Weisen, aus denen der Widerhall einer versunkenen Zeit mit seltsamen Vinetaglocken läutet, wiegen sich die Träume hin und her. Das sind die Stunden, wo die Seelen sich von der Erde und ihren Wirklichkeiten lösen, wo die Gefühle wie die blauen Weihrauchwölkchen haltlos schweben und wo die Menschen dem gehören, der ihrem Traumbedürfnis die erdenferne Umwelt schafft, nach der es sich sehnt.