Part 18
„Mutter,“ sagte er eines Tages, „du kannst dir nicht denken, mit welch inniger Freude ich meine Arbeit tue. Hätte ich, wie es früher war, die Anlage für den Verein oder sonstwie bauen dürfen, das hätte mich ja auch gefreut, aber so, weißt du, ist das doch eine ganz andere Sache. So beruht alles auf mir, ich fühle den ganzen Bau auf meinen Schultern. Das ganze Unternehmen, das bin ich selbst, ... ich glaube wirklich, Theo hat recht: was den Mann macht, das ist die Verantwortung.“
„Nun ja, mein Junge, du wirst ja wohl recht haben, ich verstehe nichts davon.“ Und sie sah ihm mit glücklich behäbigem Lächeln nach, wie er in der Küche sich ein Glas Wasser pumpte, es mit Genuß austrank und wieder zu seinen Arbeitern hinausging.
„Du wirst sehen,“ sagte er im Fortgehen, „ich baue diesen Dickköpfen am Ende auch noch eine Wasserleitung.“
Und eines Abends im Juni war richtig das Turbinenhaus fertig, Dynamos und Akkumulatoren montiert, die Leitungen für die Beleuchtung der Straßen und eine Anzahl Privatanschlüsse gelegt. Die Kamps freuten sich wie die Kinder darauf, daß sie in ihrer Werkstatt die Holzbearbeitungsmaschinen mit elektrischem Antrieb würden laufen lassen, Masseler der Jüngere hatte seine Dreschmaschine anschließen lassen, es war allerseits freudige Spannung und Zuversicht. Nur daß der Schöpfer der Anlage gerade Fenn Kaß war, das wollte den Brebachern nicht gefallen.
Der Niegela hatte den ganzen Tag oberhalb des Dorfes an dem Durchstich gearbeitet, der den Bach in den Höhlenweg überleiten sollte. Andern Tags sollten die beiden Schleusen am Durchstich und oben am Turbinenhaus in Angriff genommen und unten die Abflußröhren gelegt werden.
„Wenn alles klappt,“ meinte Fenn, „können wir am Samstag das Ganze einmal Probe laufen lassen.“
Der Niegela mußte vor der Zeit Feierabend machen, weil ein furchtbares Gewitter ihn von der Arbeit scheuchte. Nun, so weit, daß die Schleuse eingebaut werden konnte, hatte er ja den Durchstich fertig, der Rest mußte stehen bleiben, bis unten alles in Ordnung war und der Bach in das neue Bett geleitet werden konnte. Fenn war noch vor Dunkelwerden oben gewesen mit den Kamps und hatte nachgesehen, ob die stehengebliebenen Erdmassen widerstandsfähig genug wären, um dem seitlichen Anprall des vom Gewitterregen anschwellenden Baches Widerstand zu leisten. Denn wenn ihm jetzt seine Talsperre unvermutet voll lief, wurde seine ganze Anlage unter Wasser gesetzt. Indes, jede Gefahr schien ausgeschlossen, und beruhigt gingen die vier nach Haus.
* * * * *
Am selben Tag hatten im Kantonshauptort die Wahlen stattgefunden. Fast die ganze männliche Bevölkerung, auch die jüngern, die noch nicht wählten, waren hingezogen, denn man wußte, siegt der Peppinger, so fließen Wein und Bier in Strömen, und an fester Atzung dazu wird es auch nicht fehlen. Und daß der Peppinger gewählt würde, daran zweifelte niemand.
Theo Schütz hatte aus Pflichtgefühl bis zum Schluß des Wahlgeschäfts ausgehalten und war dann in seinem Automobil zum Städtchen hinausgefahren: Die Stimmen mochten sie zählen, ohne daß er dabei war. Eins hatte ihm sein Wahlfeldzug jedenfalls eingebracht: Den unbeugsamen Entschluß, sich niemals wieder auf die Galeere Politik einsperren zu lassen.
Von zwölfhundertdreiundachtzig abgegebenen gültigen Stimmen – so meldeten in den ersten Nachmittagsstunden die Blätter – waren elfhundertzweiundvierzig auf Herrn August Peppinger und hunderteinundvierzig auf Herrn Theo Schütz entfallen. Die Brebacher taten sich bei den Jubelkundgebungen vor dem Hause des Gewählten unter allen andern hervor. Sie feierten nicht nur den Sieg Peppingers, sie feierten auch besonders die Niederlage des andern, in dem ihr entlaufener Kaplan mitgetroffen war. Allen voran lärmte der Ruß und schlug mit der Faust auf den Wirtshaustisch, daß es hoch aus den Gläsern spritzte, und seine Kraftausdrücke über Fenn Kaß entfesselten das wiehernde Gelächter seiner Dorfgenossen, die ihn immer tiefer in sein wütiges Pathos hineinhetzten.
Bei Peppingers ging es von Glückwünschenden mit und ohne Blumensträuße aus und ein, alle Augenblicke brachte der Bote von der Post ein Telegramm und bekam von der gnädigen Frau ein Trinkgeld, das mit jedem weitern Telegramm knapper wurde und zuletzt nur noch aus einem Glas Champagner und einer Wahlzigarre bestand. Herr Rommelfangen war persönlich erschienen, um den heißen Dank seines Schützlings von Hand zu Hand entgegenzunehmen. Abordnungen von Vereinen kamen, halb und ganz betrunkene Vereinswürdenträger standen mit riesigen Blumensträußen vor dem Helden des Tages und stammelten bald laut, bald leise die Ansprachen, in denen sie ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, daß ihr langjähriges Mitglied usw., und ihrer Hoffnung, daß Herr Peppinger usw., und Herr Peppinger und Frau Peppinger sollen leben hoch! hoch! hoch! Pfarrer und Kapläne standen in Gruppen umher und ihr Anblick trug glücklicherweise dazu bei, die durstigen und lärmfrohen Gratulanten im Flur und in der Zimmerflucht des Erdgeschosses im Zaume zu halten.
Wenn man die Festräume, die mit sonnendurchschienenem Zigarrendunst und dem süßsäuerlichen Duft des billigen Champagners erfüllt waren, bis zu einem Ende durchschritt, kam man in einen kleinen Salon, das Boudoir der Dame des Hauses. Dahin hatte sich die Elite der Glückwünschenden abgesondert, und dort wurden hochpolitische Gespräche geführt. Herr Chefredakteur Rommelfangen stellte von Zeit zu Zeit stotternd und krebsrot im Gesicht eine Thesis auf, um die dann die andern wie um einen Fußball mit kühler Berechnung oder mit sprudelndem Draufgängertum sich tummelten. Es war keine einheitlich zusammengesetzte Gesellschaft. Zwar in dem einen waren alle einig: daß man sich im Interesse der guten Sache über den Sieg Peppingers freuen müsse. Aber da war die Gruppe der biedern alten Pfarrherren und kirchentreuen Eingesessenen, die ohne Falsch und aufrichtig sich ganz der frohen Überzeugung hingaben, daß mit dem Wahlsieg Peppingers der Herr der Heerscharen sich auf ihre Seite geschlagen hatte. Da war aber auch die Bank der heimlichen Spötter, der Lebemänner der Geistlichkeit, vorurteilslose junge Pastöre und Kapläne, die auf dem Standpunkt standen, daß sie die Entsagung, die sie auf der einen Seite übten, auf der andern durch Wohlleben in den Grenzen der Kasuistik wett machen dürften. Bei ihnen saßen die paar jugendlichen Advokaten, die nach der Mahnung ihres alten Direktors Kleyer die Fahne des Glaubens inmitten der Kinder dieser Welt unentwegt hochhielten und sich gut dabei befanden. Unter ihnen war mehr als einer, der insgeheim die Hoffnung nährte, Herrn Peppinger dermaleinst die politischen Fersen auszutreten, und der jetzt fleißig auf des Gastgebers Gesundheit anstieß, indem er mit seinem Nachbar einen verständnisinnigen Blick wechselte und dabei in ein unbändiges Lachen ausbrach. Kaplan Schramm mit dem kindlich-lustigen Genießergesicht flüsterte nämlich in einem fort über Peppinger Kraftausdrücke, die er wie eine Kette aneinander reihte, und jedesmal, wenn er, wie er sagte, den Nagel auf den Hohlkopf getroffen hatte, lachten die andern laut und ausgelassen hinterdrein. Aus der Gruppe der Altern schollen dann neugierige Fragen herüber, die der Spaßmacher in übermütiger Laune mit einem neuen Witz beantwortete. Und er wettete die beste Flasche aus Peppingers Keller, daß er den Pfarrer Schlunz innerhalb fünf Minuten dazu bringen würde, seine Leib- und Magengeschichte zum fünfzehnten Male an jenem Nachmittag zu erzählen. Das war die Geschichte, in der Hochwürden Schlunz auftrat, wie er zwei Amtsbrüdern weismachte, sie hätten bei ihm an der Kirmes Pferdefleisch statt Beefsteak gegessen. Er schilderte die Wirkung immer sehr anschaulich, und der Schlußeffekt war ein vorzüglich nachgeahmtes Pferdegewieher.
In einer dritten spitzen Ecke wurde von einer anders gearteten Schar von jüngern Geistlichen der Einzelfall Peppinger-Schütz ernsthaft erörtert. Man besprach die Kampfmittel, die in Anwendung gekommen waren, und die man noch vervollkommnen würde, die sittliche und politische Berechtigung des Klerus, in die Wahlkämpfe aktiv einzugreifen. Da gab Rommelfangen den Ton an. Die milde Verachtung, die er für die politischen Widersacher zur Schau trug, stärkte die andern in ihrem Empfinden, daß sie auf der Sonnenseite der Volksgunst saßen.
„Was wollen sie uns anhaben? Wir haben erst angefangen, die Reserve an Kraft, die für uns im Volke aufgespeichert liegt, mobil zu machen. Daran müssen wir festhalten, meine Herren! Es ist für unser Volk sittliche Pflicht, der politischen Weisheit der Kirchengewalt Folge zu leisten.“
„_Vivant sequentes!_“ sagte der lustige Kaplan darauf augenblinzelnd und stieß mit einem der jungen Advokaten an. Und er lachte dazu breit und behäbig, daß sich ihm der Mund bis an die Ohrläppchen spaltete.
Plötzlich machte er ein tiefernstes Gesicht, das freilich von seinen weinseligen Äuglein auffällig dementiert wurde. „Von heute ab steht auch der liebe Herrgott bei unserm Freund Peppinger in der Kreide,“ medisierte er halblaut weiter.
„Wieso?“
„Heute hat ihm der liebe Herrgott nämlich ein Amt gegeben, aber den Verstand dazu bleibt er ihm bis auf weiteres schuldig.“
„Sie sind wieder losgelassen, Herr Kaplan,“ sagte Peppinger, der gerade hinzutrat und den Herren sein volles Glas entgegenhielt.
„Hoch sollen Sie leben, Herr Peppinger!“ sagte der Kaplan, und seine Augen sprühten Ausgelassenheit. „Und jede Woche einmal sollen Sie in die Kammer gewählt werden, und der Segen des Herrn sei über Ihnen, über Ihrer Familie, über Ihrem Kassenschrank, Ihren Wiesen, Wäldern und Feldern – und über Ihren Kartoffeln,“ setzte er weniger laut inmitten des Gläserklingens hinzu.
Die Gruppe Rommelfangen billigte dieses geräuschvolle Gehabe nur halb und wartete, bis der Lärm sich gelegt hatte, um in ihren ernsten Erörterungen der Sachlage fortzufahren. Aber der Herr Chefredakteur kam herüber und suchte Anschluß an die angeregte Unterhaltung.
„Wa–as sagen de– denn Sie zu unserm Wa–ahlsieg?“ begann er leutselig und seine Blicke befingerten erregt seine Nasenspitze.
Kaplan Schramm meinte, mit solchen Trümpfen in der Hand sei ein Spiel nicht zu verlieren gewesen.
„Allerdings,“ sagte Rommelfangen, „und die Geschichte mit Kaß hat den Gegnern vollends den Rest gegeben.“
Der andere meinte, die sei doch reichlich durch die Geschichte mit Heinen aufgewogen.
Rommelfangen hatte das Gefühl, daß er in eine Gesellschaft geraten sei, die seine Überlegenheit nur bedingt anerkannte. Ja, leider Gottes, die Geschichte mit diesem unseligen Heinen! Aber zum Glück sei das Volk noch nicht so, daß es einen unwürdigen Priester gleich dem ganzen Stand an die Rockschöße hänge.
Die Jüngern waren herüber gekommen, und Dr. Feller sagte, man könne Fenn Kaß doch wirklich nicht mit einem Menschen wie diesem Heinen gleichstellen. „Ich kenne Kaß genau. Wenn er austrat, so konnte er sicher nicht anders. Dafür lasse ich mir die Hand abhacken.“
„Ach was, es ist die alte Geschichte: Die Weiber, die Weiber und wieder die Weiber!“
Fenns Sachwalter wurde warm, und man merkte, er hatte die andern hinter sich. „Bei Kaß waren es nicht die Weiber und nicht das Weib. Die Geschichte, die über ihn herumgetragen wird, ist sicher erlogen. Ich habe Anhaltspunkte. Kaß ist ein ernster Mensch, der nur aus ernsten Motiven handelt, und in meiner Gegenwart“ – der junge Kaplan erhob die Stimme – „lasse ich nichts auf ihn kommen.“
Rommelfangen geriet ins Stottern. Auf geredeten Widerspruch war er nicht eingeübt, und er drehte diesem Kreis junger Besserwisser den Rücken.
Pfarrer Schlunz, eine schwere Zigarre im Mundwinkel, trat zu dem Kreis heran. „Sprecht ihr von dem Kaß? Dem fehlte weiter nichts, als daß ihm zu wohl war. Ich wollte, ich wäre nur einen Tag lang der liebe Herrgott, ich würde euch den Kaß schon mürbe kriegen. Der sollte mir schon lernen, was es heißt: _Manus domini tetigit me!_“ Pfarrer Schlunz stellte sich den lieben Gott mit einem strengen Gesicht auf dem Kutschbock des Weltalls vor, wie er seine störrischen Pferde mit Zügel und Peitsche bändigt und den braven doppelte Haferportionen in die Krippe schüttet. Er hielt für seine Person darauf, sich jeden Tag seine doppelte Portion zu verdienen.
„Wenn ich an Pfarrer Brendels Stelle wäre,“ redete der junge Kaplan an seinem fidelen Oberkollegen vorbei, „so würde ich es nicht dulden, daß in Brebach in dieser abscheulichen Weise gegen Kaß agitiert wird.“
Die andern lächelten. Sie wußten, wo Pfarrer Brendel in diesem Fall mit seinem Einspruch anfangen müßte.
„Es könnte uns nichts schaden, wenn wir unter uns viele von der Sorte Kaß hätten. Ich will ihm ja nicht recht geben, aber mit seinesgleichen kämen wir sicher weiter.“
„Du, paß auf,“ sagte warnend ein Konfrater. „Du hast vielleicht recht, aber der Wind von oben geht gegen diese Richtung. Brendelsche Observanz – da liegt heute das Heil.“
Es entstand Schweigen in dem kleinen Kreis der Jüngsten, und sie gingen bald auseinander, seelisch gebückt, wie Fenn gesagt hatte, mit dem Gefühl, daß sie an die Decke stießen, wenn sie sich aufrichten wollten.
* * * * *
Der Spätnachmittag hatte sich gewittrig angelassen, um Sonnenuntergang war es mit Blitz und Donner und Regendrusch losgebrochen und bis spät in die Nacht hinein war es am Himmel von Nachhut-Scharmützeln der zersprengten Wolkenheere nicht stille geworden.
Fenn Kaß schlief unruhig. Sein Zimmer ging nach dem Mühlenbau. Von fern hörte er manchmal in das Rauschen des angeschwollenen Baches hinein, der unweit noch in seinem alten Bette vorbeifloß, das Gegröhle der heimkehrenden Brebacher. Er merkte die Absicht, mit der sie gerade vor seinem Haus ihre Hochrufe auf Peppinger ausbrachten. Allmählich wurde das Gejohle seltener und gegen Mitternacht verstummte es ganz.
Im Morgendämmer erwachte Fenn und richtete sich erschrocken in seinem Bett auf. Er hatte geträumt, man hätte ihn bei lebendigem Leibe in den Sarg gelegt und begraben. Er hatte die Erdschollen auf dem Sargdeckel poltern gehört, das Geräusch war immer dumpfer geworden und dann war auf einmal alles totenstill um ihn gewesen. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen die Last über seiner Brust und saß plötzlich wach, schweißgebadet in seinem Bett. Der Druck über seiner Brust hatte aufgehört, aber das unheimliche Gefühl der Totenstille um ihn her war nicht gewichen. Der Bach war verstummt. Statt des verstärkten Rauschens, das Fenn noch vor wenigen Stunden vernommen hatte, war unheimliche Stille vor seinen Fenstern. Er hatte die Empfindung eines, der zu spät an die Bahn kommt und statt des aufgeregten Getriebes einer Zugabfahrt leere Hallen findet, oder der bei der Heimkehr entdeckt, daß seine Zimmer ausgeraubt sind. Dann wurde ihm langsam der Zusammenhang klar: Der Bach war in den Höhlenweg durchgebrochen. Aufgeregt fuhr er in die Kleider und stürzte hinaus.
Da kam ihm auch schon Wöllem entgegen. Der treue Alte kraute sich hinterm Ohr und sagte: „Et aß eppes net an der Reih’.“
Fenn erklärte ihm, daß der Bach ausgebrochen sei. Aber Wöllem schüttelte den Kopf. Von selber sei das nicht passiert. Da müßten ein paar gute Leute nachgeholfen haben.
„Jetzt heißt es vor allen Dingen, dem Wasser einen Abfluß schaffen,“ sagte Fenn mit ruhiger Bestimmtheit. Er ging mit Wöllem an die Stelle, wo durch die Grundmauer des Turbinenhauses heraus die Öffnung für die Ableitung schon gebrochen war und heute die Röhren gelegt werden sollten.
„Hier muß dicht von der Mauer an ein Graben nach dem alten Bach ausgeworfen werden. Ich laufe zu den Kamps und zum Niegela, daß sie dir helfen, vielleicht schafft ihr es noch weit genug, ehe oben der Höhlenweg voll läuft, sonst ersäuft uns am Ende die ganze Anlage.“
Wöllem holte seine Spitzhacke und machte sich an die Arbeit. Fenn alarmierte die andern und lief dann hinauf zu dem Durchstich. Er sah im Morgenzwielicht auf den ersten Blick, daß es nicht möglich war, hier den ungestümen Wasserdruck abzudämmen. Und er sah auch, daß der Bach nicht von selbst durchgebrochen war. Von der Schlucht her war das Erdreich kunstgerecht mit Hacken und Schaufeln ausgeworfen, bis die Erdmauer so dünn gewesen war, daß sie von dem Wasserdruck niedergeschwemmt werden mußte. Im Umkreis war der Boden von vielen Tritten zerstampft, Zigarrenstummel lagen umher und auf einem Zaun hing eine Sonntagsjacke und ein Hut, die Fenn leicht als Eigentum des Ruß erkannte. Am Wasserstand sah er, daß unten am Turbinenhaus die Katastrophe in drohende Nähe gerückt, wenn nicht schon eingetreten war, und er lief Trab bis zur Mühle. Leute kamen ihm aus dem Hoftor entgegen, die verlegen auswichen. Weiter hinab, am Turbinenhaus, stand eine Gruppe bewegungslos im Kreis, und jetzt sah er auch, daß die Mauer, unter der die Ableitung durchführen sollte, in einer Breite von mehrern Metern bis unters Dach hinauf eingestürzt war. Durch den Spalt und über die Trümmer ergoß sich schäumend und quirlend das vom Gewitterregen gelbe Bachwasser und suchte in breitem Gerinsel einen Weg in sein altes Bett. Als Fenn keuchend die Gruppe anlief, teilte sich der Kreis und er sah den alten Wöllem leblos an der Erde liegen. Haare, Gesicht und Kleider waren mit trockenem Mörtel überpudert, wo das Wasser nicht darüber gewaschen hatte, auf der Brust sah man den Abdruck eines schweren Mauerklumpens und aus einem Mundwinkel sickerte dem alten Mann eine dünne, hellrote Blutrinne an der Kinnlade herunter.
Da gab es nicht viel zu fragen. Die breit unterspülte Mauer war heruntergerutscht, ihre obern Teile im Bogen herausschleudernd. Die Kamps hatten gerade noch gesehen, wie Wöllem, seine Spitzhacke nachschleppend, aus dem Bereich der stürzenden Trümmer schwerfällig enteilen wollte, hinfiel, sich herumwarf und eines der Mauerstücke, die mit krummem Staubschweif durch die Luft flogen, voll auf die Brust bekam.
Fenn kniete nieder und suchte Wöllems rechte Hand. Er drückte sie erst bewegt an die Lippen, dann suchte er nach dem Puls, legte sich flach auf die Erde und preßte das Ohr an die linke Seite des Verunglückten. Dann stand er auf und sagte: „Es muß jemand zum Arzt.“
Mehrere junge Bauern meldeten sich linkisch, die sogleich fahren wollten. Sie sahen aus wie Leute, die ein schlechtes Gewissen haben.
„Geht,“ sagte Fenn, „macht es unter euch aus, wer am schnellsten zurück sein kann.“
Sie liefen aus dem Tor. Der Leblose wurde ins Haus getragen, wo Mutter Kaß in der Stube schon eine Matratze und Kissen für ihn hergerichtet hatte. Jetzt sah Fenn erst, daß er Hut und Rock des Ruß mitgebracht hatte. Er verwahrte sie in seinem Zimmer. Nachdem Wöllem in der Wohnstube gebettet war, ging Fenn ins Turbinenhaus. Der Schaden war nicht so groß, wie es auf den ersten Augenblick geschienen hatte. An den Maschinen war nichts verdorben, in der Hauptsache war wohl nur die Mauer aufzubauen. Draußen standen sie schon wenigstens ein Dutzend mit Schaufeln und Hacken, um dem Wasser seinen Weg nach dem alten Bett zu bahnen, wohin die Ableitung gehen sollte.
Der Arzt konnte dem alten Wöllem nicht mehr helfen. Der ganze Brustkasten war platt gequetscht. Fenn saß bei der Leiche seines alten Freundes und seine Gedanken durchmaßen eine Welt, darin der Weg in weitem Umkreis von Rache und Vergeltung zu Verzeihung führte. Lange sann er nach, wie ihm all die rohen Gesellen, die ihm den Untergang geschworen hatten, für das Leben des armen Alten büßen sollten. Er starrte in das stille Antlitz, in dem die Oberlippe an der einen Seite ein wenig heraufgezogen war, mit einem Ausdruck des plötzlichen Schrecks und der Reflexbewegung der Abwehr. Und er legte sich in Gedanken zurecht, wie er die Mörder überführen würde, wie sie angstschlotternd vor Gericht stünden und im Gefängniswagen abgeführt würden. Der Tote, der so viel kleiner, ärmlicher schien, als da er noch aufrecht im Hause herumging, kam Fenn vor wie eine handgreifliche Schmach, die ihm seine Widersacher angetan hatten, wie eine Blutschuld, die er einfordern müsse. Die Nacht wurde stiller, und in Fenns Seele legten sich die schmerzhaften Rachegedanken. Seine Feinde? Was waren sie denn letzten Endes anders als arme Menschenbestien, die auf der Stufe ihres Erkennens und Empfindens kaum etwas Strafbares zu vollbringen gedacht hatten? Und er? War er nicht der ganz Freie, der über seinem Tun und Lassen nur die höchsten ethischen Gesetze wollte walten lassen? Sollte er das kostbare Gefühl der Rache, dem das Beste gerade gut genug sein muß, an diese Ärmsten verschwenden, deren Feindseligkeit ihm gegenüber kaum bewußter war, als die Feindseligkeit des Elementes, das sie entfesselt hatten? Aber auch bei dieser Etappe der milden Verachtung blieben Fenns Gedanken nicht stehen, und als der bleiche Morgen in die Leichenkammer schien, hatte sich in ihm alles in schönes, starkes Mitleid aufgelöst, und die Tränen, die er seinem alten Wöllem nachweinte, flossen aus dem Quell geläuterter Menschlichkeit.
* * * * *
Als der Ruß am Abend des Wahltags mit seinen Kumpanen gröhlend nach Hause gekommen war, hatte die ganze Schar im Wirtshaus neben der Kirche noch Licht gesehen. Sie fanden dort andere betrunkene Wähler und ganz allein an einem Tisch den Niegela, der heute seinen durstigen Tag gehabt hatte und gesprächig war. Ihre derben Neckereien beantwortete er mit gutmütiger Abwehr, und als man auf die Arbeiten am Bach zu reden kam, tat er damit dick, daß er heute den Durchstich angefangen hätte, und wettete, daß er bis Samstag damit fertig wäre. Der Ruß hatte die Wette gehalten und mit der Hartnäckigkeit des Betrunkenen immer wieder gelallt: „Niegela, ich wette eine Runde, daß du bis Samstag den Durchstich nicht fertig machst.“
„Ich wette sechs.“
„Niegela, hörst du, du machst bis Samstag den Durchstich nicht fertig, – eng Tourni gewa’t!“
„Sechs Tourni’en!“
So war mit schwerfälligen Zungen die Rede hin und her gegangen, bis Niegela sich empfahl. Auch der Ruß hatte mit seinem Anhang das Wirtshaus verlassen. Draußen erklärte er den andern, wie er die Wette meinte.
„Wir kehren den Bach gleich selbst in den Höhlenweg.“ Nondidjeß! was der „gefehlte Paaf“ dann morgen früh für ein Gesicht schneiden würde! Und: jo! jo! waren alle einverstanden. Sie holten Werkzeug und machten sich alle an die Arbeit. Sie gruben und schaufelten, daß ihnen der Alkoholschweiß aus allen Poren perlte. Ab und zu ein kurzer Fluch, ein ersticktes Lachen: bis das Wasser zischend durch eine schmale Öffnung schoß und im Nu den letzten Wall mitwegriß.
„_Sauve qui peut!_“ lachte der Ruß und nahm zuerst Reißaus.
Ruß und seine Kumpane schliefen in den hellen Morgen hinein und als sie mit dumpfen Schädeln erwachten, war das erste, was sie hörten, die Nachricht von der eingestürzten Mauer, die Kaplans Wöllem totgeschlagen hatte.
Das fuhr ihnen in die Glieder. Voller Angst und Katzenjammer suchte der erste den zweiten auf, zu den zwei ersten kam der dritte, und einem psychologischen Naturgesetz folgend waren sie bald ziemlich vollzählig mit andern Dörflern oben an dem fatalen Durchstich.
So im hellen Tageslicht und aus nüchternen Augen sah sich die Geschichte doch verflucht unheimlich an. Sie hatten bald weg, daß es gut sei, wenn um den Graben herum möglichst viele Leute das Erdreich zerstampften, damit ihre Spuren verwischt würden. Freilich, die ausgeworfenen Erdhaufen auf beiden Seiten, die konnten nicht von selbst entstanden sein. Aber man schien anzunehmen, daß die von der Arbeit des Niegela herrührten. Nirgends wurde die Vermutung laut, daß da etwas nicht mit natürlichen Dingen zugegangen sein könnte. Auch Fenn Kaß war dagewesen, hatte die Schuldigen mit seltsamem Blick gemessen, besonders den Ruß, aber auch mit keinem Sterbenswörtchen auf ihren Schurkenstreich angespielt.
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