Fenn Kaß

Part 17

Chapter 173,760 wordsPublic domain

Marjänni hatte rot vor Verlegenheit den Gruß erwidert und rasch eine Ablenkung darin gefunden, daß sie Fenn auf die Anwesenheit seines Freundes aufmerksam machte.

Und nun sahen die Wiesinger, wie sich ihr Kaplan und Herr Theo Schütz drüben in die Ecke dicht zueinander setzten, wie der Herr Kaplan dem Freund leise etwas ins Ohr erzählte, wie der immer aufmerksamer und erstaunter aufhorchte, wie sich sein Gesicht zusehends verklärte und er endlich in heller Freude mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und laut nach der Bedienung rief. Der Herr Kaplan suchte ihm lachend zu wehren, aber das half nichts, Herr Schütz winkte die „Änny“ heran und bestellte eine Flasche Champagner. Und rasch! Vom besten, den sie im Keller hatten.

Die beiden tranken die Flasche bei angeregt geflüsterter Unterhaltung aus, und dann nötigte Herr Schütz den Freund mit zu sich nach Haus.

Das alles sahen die Wiesinger voll siedender Neugier, einzelne auch voll gerechter Entrüstung mit an. Denn war es nicht geradezu anstößig, daß sich ein geistlicher Herr in einem öffentlichen Lokal mit einem notorischen Gottesleugner und kirchenfeindlichen Kammerkandidaten so auffällig machte?

Aber die guten Wiesinger waren noch nicht am Ende ihres Staunens. Denn wenig später kam Pfarrer Brendel mit Emil Masseler und der Erbtante in sichtlicher Erregung herein. Sie nahmen bei den andern Platz und Emil Masseler fragte: „Man darf es ja sagen, Herr Pastor?“

„Warum nicht?“ meinte Herr Brendel kummervoll, „einmal muß der Skandal ja doch losbrechen.“

„Was denn?“ fragten die zunächst Sitzenden.

Emil Masseler legte sich weit über den Tisch und alle Köpfe bogen sich zu ihm. „Unser Kaplan zieht den schwarzen Rock aus!“

Die einen stießen aus tiefster Brust ein fast erschrockenes Oh! heraus, die andern machten Pst! und wollten gleich mehr hören.

Jawohl, der Herr Pastor war beim Bischof gewesen, wie der Kaplan gerade fort war. Es war ganz sicher. Übrigens, man konnte sich das schon lange denken. Der hatte keine geistlichen „Naupen“.

Die Tagelöhnerin neben Marjänni, die näher an Masseler saß, gab die Meldung an Frau Lampert weiter. Sie tat es mit einer Betonung, als ob sie gerade von ihrer Nachbarin eine besondere Teilnahme erwartete.

„Was liegt mir daran?“ sagte Marjänni wegwerfend, und die Tagelöhnerin pflichtete ihr bei: „Ja, das glaube ich auch. Was braucht Ihnen daran zu liegen!“

Und während vom Tisch der Wiesinger die Neuigkeit, daß der Brebacher Kaplan den schwarzen Rock auszog, sich in der ganzen Gaststube verbreitete und überall mit erstauntem: „Oh! Kuck hei! Aß dat elo miglech?“ aufgenommen wurde, saß Fenn Kaß mit seinem Freund Theo beim Mittagessen und besprach mit ihm seine nächste Zukunft.

„In Brebach wirst du wohl nicht bleiben können,“ meinte Theo.

„Warum nicht?“

„Nja! Du weißt, wie das Volk ausgetretenen Priestern gegenübersteht.“

„Dasselbe hat mir schon vorhin der Bischof gesagt. Aber ich bin nicht gesonnen, diesem Volksempfinden aus dem Wege zu gehen. Ich bin fest entschlossen, es zu meistern und mich ihm gegenüber als voll durchzusetzen.“

„Wie willst du das tun?“

„Das hängt von den Umständen ab. Ich gehe nach Brebach zurück und gehe dort nicht fort, bis ich weiß: die Leute lassen dich gelten, als das, was du sein willst.“

„Dir kann es doch völlig gleichgültig sein, was die Brebacher Bauern von dir denken.“

„Durchaus nicht. Ich habe wirkliche Freunde dort. Es liegt mir viel daran, daß sie selbst wissen, was sie an mir haben, und daß sie sich von andern wegen ihrer Freundschaft für mich keine Anzapfungen brauchen gefallen zu lassen.“

„Dann wäre es also aussichtlos, dich davon abbringen zu wollen. Reden wir von was anderm. Was willst du in Brebach anfangen?“

„Ich dachte, ich könnte die Sache mit der elektrischen Anlage auf eigene Rechnung übernehmen.“

„Das wäre eine Lösung. Seide wirst du dabei keine spinnen, aber die Anlage läßt sich wirtschaftlich machen, vielleicht kannst du davon leben.“

„Mehr brauche ich vorläufig nicht. Meine Mutter hat in Wiesing ihre paar Äcker und Wiesen gut verpachtet, und wir brauchen nicht viel. Du wirst sehen, es geht. Später suche ich, weiter zu kommen. Ich kann es jetzt, ich habe die Ellenbogen frei.“

Fenn Kaß blieb, nachdem er seine Mutter von dem Geschehenen verständigt hatte, ein paar Tage bei seinem Freund in der Stadt. Er hatte in der Regierung wegen seiner Anlage in Brebach zu verhandeln, da für derartige gemeinnützige Unternehmungen Staatszuschüsse bewilligt wurden. Von da aus wurde auch bei der Gemeinde dahin gewirkt, daß sie sich zu einem eventuellen Vertrag bereit erklärte. Mit Fritz Lampert war Fenn schon vorher im Prinzip einig gewesen und die technische Seite des Projekts wurde eingehend mit Theo besprochen. Es wurde offenbar, daß Fenn sich eine erstaunliche Fülle theoretischer Kenntnisse auf dem Gebiete der Elektrizität, der Mechanik und des Hoch- und Tiefbaues angeeignet und ausgesprochene natürliche Anlagen durch gründliches Studium entfaltet und vertieft hatte. Theo war erstaunt.

„Junge,“ sagte er, „du bist für Brebach zu schade. Ich habe Pläne. Na, du wirst ja sehen.“

Fünftes Kapitel

In Brebach war es einfach ein Aufruhr, als Fenn Kaß in bürgerlicher Kleidung am hellen Tage eintraf. Er merkte in der Hauptstraße, die er bis zu seiner Wohnung zu passieren hatte, wie Kinder und Erwachsene, die von fern den Fremden kommen sahen und nach längerm Anglotzen als ihren frühern Kaplan erkannten, Hals über Kopf in den Hausgängen verschwanden und alle Familienmitglieder zu dem aufregenden Ereignis auf die Türschwelle riefen. Man überschlug sich vor Neugier. Sein Gruß fand nur ein seltenes Echo. Die Männer rückten schweigend und unfreundlich an den Mützen, die Frauen blickten ihn an, wie einen Fremden, und einmal rief ihm eine Gruppe Kinder, offenbar auf Anstiften der Eltern, nach: „Hei, do’u dein Ho’ut ä’s of! Hu’esch de d’Kopp nach geschu’er?“

Zu Hause wartete seiner die Mitteilung, der Hausbesitzer habe die Wohnung gekündigt. Die sei eigens für den Ortskaplan und müsse für den Nachfolger frei werden.

„Auch gut,“ meinte Fenn, der doch einen leisen Ärger in sich aufsteigen fühlte. „Wir ziehen ja so wie so in die Mühle. Eigentlich sollte ich dem Kerl die Zähne zeigen und ihn lehren, was ein regelrechter Mietvertrag heißt. Aber sei’s drum.“

An einem der nächsten Abende saß Fenn Kaß in seiner Studierstube und las in der alten Allioli-Bibel, die er vom Schente Storrek geerbt hatte. Seit er den Priesterrock ausgezogen hatte, tat er das mit wachsendem Genuß. Es war, als hätte sich mit ihm und für ihn das Buch der Bücher verweltlicht. Psalmen und Evangelien, Sprüche und Briefe, Chroniken und Prophezeiungen gewannen für ihn erst jetzt einen tiefen menschlichen Reiz, nachdem sie ihm bislang fast nur als Hilfsmittel seines priesterlichen Lehramtes erschienen waren. Und er dachte mit Rührung an den alten Bauer, von dessen Fingern die Seiten abgegriffen und angegilbt waren und dessen schlichter Geist aus dem Geist und Klang dieses Jahrtausende alten Schrifttums Genuß und Trost geschöpft hatte, mehr als er, der studierte Kulturmensch, zu dessen Beruf doch das Eindringen in die Bibel gehört hatte.

In dieser Stimmung wurde Fenn durch einen Besuch überrascht, dessen Klingeln und kurze hastige Frage im Hausflur er mit dem Eindruck vernahm, daß es jemand war, der es sehr eilig haben müsse. Im nächsten Augenblick öffnete seine Mutter die Tür und sagte: „Hier, Fenn, bringe ich Besuch.“

Er sah im Dunkel ein blasses Gesicht und ein paar funkelnde Brillengläser und erkannte sofort Putty Heinen, den er mit freudiger Lebhaftigkeit begrüßte.

„Putty, du! Das nenn’ ich eine Überraschung!“

„An Sie hätte ich jetzt wahrhaftig auch nicht gedacht!“ bestätigte Frau Kaß.

Putty schien durch das Licht im Zimmer geblendet. Fahrig und unsicher antwortete er auf die Begrüßung mit gezwungener Heiterkeit. Als ihn Frau Kaß fragte, ob er schon zu Nacht gegessen habe, verneinte er zuerst und versicherte dann, er habe doch gegessen, ganz sicher, er werde unter keinen Umständen etwas anrühren.

Frau Kaß ging, und Fenn nötigte den Freund auf einen Stuhl, im Lichtkreis seiner Studierlampe. Erst jetzt sah er, wie blaß Putty aussah und wie verfallen vor Angst und Erschöpfung seine Züge waren.

Sofort begann dieser zu reden, stoßweise, schwer Atem holend. „Fenn, ich bin am Ende. Es ist aus mit mir.“

„Wieso! Was ist denn geschehen?“

Fenn Kaß kannte seinen Jugendfreund dafür, daß er sich rasch entmutigen ließ und auf Anhieb alles sehr tragisch zu nehmen geneigt war. Aber diesmal mußte es ihm doch wirklich unter die Haut gegangen sein.

„Wenn du mich nicht rettest, schlafe ich morgen Nacht im Gefängnis!“ Und er erzählte seine Geschichte, die ewige alte: Versuchung, Einsamkeit, keine Ablenkung, Tag für Tag die Gelegenheit zur sträflichen Sünde, endlich das Straucheln, der Fall, das vermeintliche Geheimnis und eines Morgens der Skandal, der im hellen Tage schwillt und im Dorf, im Land sein hämisches und empörtes Echo weckt.

„Morgen früh steh ich in den Zeitungen! In diesem Augenblick vielleicht ist das Gericht schon da, um mich zu verhaften.“

„Und was soll ich für dich tun?“

„Mich über die Grenze schaffen.“

Fenn Kaß erinnerte sich der begeisterten Worte, mit denen ihm sein Freund vor wenigen Monaten die Schönheiten seines Berufs gepriesen hatte. Und der Augenblick des Abschieds von damals stieg wieder vor ihm auf. Es war mit dem armen Menschen rascher zu Ende gegangen, als er gefürchtet hatte, und Fenn war zu gütig und arglos, um ihn mit der leisesten Anspielung auf jenen Tag demütigen zu wollen. Auch der andere machte keinen Versuch, von jener Höhe nach der Tiefe, in der er nunmehr irrte, einen Weg zu zeigen. Hinter ihm lag alles derart hoffnungslos in Trümmern, daß er nicht einmal den Schein zu retten versuchte.

Putty wußte nicht, was weiter werden sollte. Er hatte keinen Pfennig Geld, war den halben Weg nach Brebach zu Fuß gegangen, hatte keinen Bissen Nahrung und keinen Tropfen Wasser über die Lippen gebracht. Er war willenlos und gehorchte nur dem Instinkt, der ihn forttrieb, fort aus dem Bereich der Gendarmen und Gerichte.

„Vor allen Dingen mußt du jetzt zu dir kommen. In einer Stunde ist alles im Dorf zur Ruhe, dann bring ich dich übers Wasser an die preußische Station. Ich gebe dir einen Anzug von mir. Um zehn Uhr hast du einen Zug, mit dem du morgen mittag in Berlin bist. Von da fährst du nach Bremen oder Hamburg und mit dem nächsten Schiff über See.“

„Und das Geld?“

„Soviel habe ich immer liegen. Du mußt freilich Zwischendeck fahren.“

„Als Kohlentrimmer, wenn es sein muß. Nur fort.“

„Gut. Und dann?“

Ja, daran hatte Putty nicht gedacht. Ihm schwebte nebelhaft eine Zukunft vor, in der er vielleicht Kellner, Schuhputzer, Sprachlehrer oder Goldgräber sein würde.

Fenn Kaß hörte ihm zu und sagte bedächtig: „Nein, mein Junge, wie ich dich kenne, gingest du dann vor die Hunde. Laß dir drüben irgendwo die Adresse eines Klosters angeben, geh hin und tu, was sie dir sagen. Du bist nicht der erste. Übers Jahr, oder früher, oder später hast du dich wiedergefunden. – Du kommst drüben als Pfarrer unter, in andern Verhältnissen als hier, wirst vielleicht tagelang im Sattel hängen, um die Farmen deiner Pfarrei abzureiten, wirst deine verbotenen Gedanken an der freien Luft verrauchen lassen und die Hauptsache: du wirst dich wieder selbst achten lernen.“

Putty schwieg eine Weile und kaute an der Unterlippe. „Du meinst also,“ begann er dann zögernd und in sichtlich tiefer Bewegung, – „du meinst, ich soll Priester bleiben?“

„Ich halte es für das beste. Du brauchst Verhältnisse, in denen dir dein Pflichtenpensum zugemessen wird, in denen du gerade an den strengen Normen deines Berufs einen Halt findest.“

„Aber an meinem Beruf bin ich zugrund gegangen.“

„Das bezweifle ich. Ich glaube vielmehr, daß du in jedem Beruf gestrauchelt wärest, der dich in ähnliche äußere Verhältnisse gebracht hätte.“

„Und warum bist du ausgetreten, Fenn?“ Auflehnung und Vorwurf klangen aus der Frage.

„Gut, daß du mich fragst. Ich will dir mit rückhaltloser Offenheit antworten. Sieh, Putty, daß zwischen uns beiden ein großer Unterschied besteht, wirst du nicht leugnen wollen. Daß ich bisher im Leben immer tat, was ich tun zu müssen glaubte, einerlei ob es mich leicht oder schwer ankam, wirst du mir ebenfalls zugeben. Und mein Tun und Lassen richtete sich einzig und allein danach, ob ich das erfüllte, was ich als meine Bestimmung erkannte, nicht danach, ob es mir augenblicklich ein Genuß war oder eine Fron. Ich glaubte eine Zeitlang, als Geistlicher soviel Gutes und Schönes und Nützliches wirken zu können, daß es mich mit Genugtuung erfüllen würde. Darin wurde ich enttäuscht, durch die Dinge und durch die Menschen enttäuscht. Und darum gab ich es auf.“

„Du drehst also der Kirche nicht den Rücken, weil du aufgehört hast, an die Göttlichkeit ihres Ursprunges zu glauben –“

„Ach so, und an den göttlichen Ursprung ihrer Rechte, die Menschen in souveräner Weise zu ihrem übernatürlichen Geschick zu führen? So oder ähnlich heißt ja wohl eine bekannte Formel. Ach nein, mit der Kirche habe ich mich nicht auseinandergesetzt. Es war wirklich nur mein Bedürfnis, mich nach meinen innersten Anlagen auszuwachsen. Und nun noch eins, die Hauptsache. Ich trete ungestraft aus dem Priesterstande aus, weil ich nie hineingehört habe. Mein Fall ist selten. Viel seltener, als man glauben sollte, wenn man die zahlreichen Geschichten von Priestern hört und liest, die die Soutane auszogen oder gern ausgezogen hätten. An den besondern Pflichten des Standes habe ich mich wohl nie ernstlich gestoßen, nie so, daß mir von daher der Wunsch nach einem Berufswechsel gekommen wäre. Aber ich habe nie in mir das gespürt, was man religiöses Empfinden nennt. Meine Ethik und Moral waren immer ohne religiöse Färbung und Grundlage. Ich habe als Küsterskind von klein auf mit dem lieben Herrgott auf dem Duzfuß sozusagen verkehrt, alle Äußerlichkeiten der Glaubensübung, die euch im Kindes- und Jugendalter die Phantasie anregen und die Herzen warm machen und die euch später zum mindesten ein Schatz farbiger und poetischer Erinnerungen sind, die waren mir nüchterne Teile eines nüchternen Tagewerks. Sagen wir es einmal so: Ich habe die Kulissen der Religion beständig von der ungemalten Seite gesehen. Darum war ich immun gegen das Psychologische des Berufs, das, was euch allen im Blut sitzt, was recht eigentlich das unauslöschliche Merkmal der Priesterweihe ist. Das werdet ihr nicht los, das ist eine Umbiegung eures ganzen innern und äußern Wesens, die sich nie zurecht richten läßt. Und davon weiß ich mich frei. In diesem Sinne habe ich wohl nie die Berufung zum Priesterstand gehabt, und darum durfte ich ihm den Rücken kehren, ohne eine Schuld hinter mir zu lassen, ohne Schlinge am Fuß. Wer das von sich nicht sagen kann und trotzdem das geistliche Kleid auszieht, der geht durchs Leben mit einem unheilbaren Zwiespalt. Siehst du, lieber Putty, darum rate ich dir, meinem Beispiel nicht zu folgen. Denn du hast ein wachsweiches Gemüt, und das haben sie dir derart zurechtgeknetet, daß es sich nie in die böse Welt wird schicken können und daß deine Goldgräberkollegen im hintersten Alaska dir auf hundert Meter den entlaufenen Kaplan ansehen würden.“

„Das Religiöse?“ fragte Putty versonnen.

„Ich nenne es so. Es ist, allgemeiner genommen, die ganz besondere Geistes- und Herzensverfassung, die in euch das Gefühl erzeugt, daß ihr seelisch gebückt gehen müßt, daß ihr euch nicht aufrichten dürft, ohne mit dem Kopf an die Decke zu stoßen, daß ihr eure Pflicht gegen euch und alle Menschen bis zum letzten Blutstropfen getan und doch die Strafe ewiger Verdammnis verdient haben könnt. Suche du es besser zu definieren.“

„Ja,“ meinte Putty ohne großen Nachdruck, „du sprichst schließlich nur von dem, was wir gemeinhin Glauben und Unglauben nennen.“

„Nicht ganz. Es gibt ausgetretene Geistliche, die auch im Unglauben das Priesterhafte behalten, und das sind die unleidlichsten.“

„Was mich angeht, ich habe ja unterwegs Zeit genug, darüber nachzudenken, was ich mit meinem verpfuschten Leben noch anfangen soll,“ meinte Putty mutlos.

Nachdem er gegessen und getrunken hatte, ruderte ihn Fenn über den Fluß und brachte ihn an den Zug.

„Bringe es meinen Leuten daheim bei. Um meine Mutter tuts mir leid, der andere – meinem Vater ... dem kann ichs gönnen!“ waren seine letzten Worte.

* * * * *

Für Fenn begann eine schwere Zeit. Die Verleumdung sickerte in alle Häuser und fand überall willige Ohren. Man achtet da draußen an dem Geistlichen hauptsächlich das Kleid und das Amt, nicht die Person. Das ist eine instinktiv erfundene Formel, mit der man sich hilft, wenn einmal die Gemeinde oder eine Partei zwischen sich und dem Pfarrer das Tischtuch entzwei schneidet. Da kann man sich dann mit der Person ruhig herumbalgen, ohne dem Priester zu nahe zu treten. Sobald Kaplan Kaß sein geistliches Kleid abgelegt hatte, war er vogelfrei und es galten keine Rücksichten mehr. Er spürte die Feindseligkeit der Bevölkerung, wie man eine Zugluft spürt, die einem heimtückisch und unangenehm in den Nacken weht. Sein Lokalverein war aus den Fugen gegangen und hatte sich wieder in die Bruderschaften des Herrn Pastors verkrümelt. Das hing übrigens mit den Wahlen und mit dem Geldverleih-Institut des Herrn August Peppinger zusammen. Fenn hatte seinem Freund Theo raten müssen, sich nicht mehr im Dorf zu zeigen, weil die politische Feindschaft gegen ihn unter der Führung des „Ruß“ in Tätlichkeiten auszuarten drohte. Von den frühern Freunden waren ihm nur die drei Kamps Burschen, außerdem der Niegela und der jüngere Masseler treu geblieben, dieser besonders deshalb, weil er damit seinen vornehmen Bruder zu ärgern wußte.

„Ditt en nemme baschten!“[4] meinte er gutmütig.

Den „Ruß“ hatte Fenn einmal dadurch gekränkt, daß er ihm das Verwerfliche seiner Wilddieberei vorgehalten und einen Hasen zurückgeschickt hatte, den der „Ruß“ zu verbotener Zeit in der Kaplansküche abgeladen hatte.

„Ah, de’ mecht de spatze Möndchen! Da’ woart ä’s!“ hatte der Ruß gedroht.[5]

Anonyme Briefe hielten Fenn über die Stimmung im Dorf auf dem Laufenden.

„Herr Tesärteur,“ schrieb ihm einer, „ich teht mich ja schehmen, wie ein Kellichdiep, wen ich daas gemacht hätte. Das nennt man ein Cujong. An nemt eich inacht, wir wolen euch nicht im Dorf haben, wen ihr nicht freiwihlich ghet machen wir euch beine wir wollen kein entlaufener Paaf im Dorf haben past auf wir schlahgen euch noch der Scharrivarri, ist es den keine schant mit einer verheiraten Frau halten. Fier euer scheinheilig Fiesemin ist schohn der Klöppel ferdich womit ihr si kreuzweis ersolt kricht. Dan habt ihr euer wollverdienter Lon ales im Dorf sacht warum misse wir der entlaufene Paaf hir erhalten zum leßten Mal es ist die hekste Zeit daß ihr euch durch die Reiser maacht den ein entlaufener Paaf ist der Rest von nix.“

Ende Mai zog Fenn mit seiner Haushaltung in die Mühle, die Lampert geräumt hatte, um nach Wiesing überzusiedeln. Die Stundenfrau, die Mutter Kaß immer zur Aushilfe hatte, ließ sagen, sie könne nicht beim Umzug helfen, und sie könne überhaupt nicht mehr kommen. Drei, vier andere, die Fenn fragen ließ, gaben dem alten Wöllem denselben Bescheid. Die Nachbarn gebrauchten faule Ausreden, um ihre Wagen nicht herleihen zu müssen, und schließlich mußte Fenn mitten in der Nacht mit Hilfe seiner fünf Getreuen den Umzug bewerkstelligen, und er hörte andern Tags, daß sie auf dem Heimweg vom Ruß mit einer Bande seiner Spießgesellen angefallen worden waren. Abends zog eine Rotte mit Feuerwehrhörnern und Trommeln, mit alten Eimern und Gießkannen und sonstigen Lärmwerkzeugen vor die Mühle und schlug Charivari, daß das Dorf zusammenlief. Aus dem Gebrüll heraus verstand Fenn Rufe, wie: „Eraus mat der Millesch!“ – „Hopp Marjännchen, loß dei Kaplänchen danzen!“ – „Werf es eng Zoutan erof!“ – „an en önneschte Rack!“[6]

Er knirschte vor kalter Wut und dachte einen Augenblick, ob er ihnen ein paar Revolverschüsse über die Köpfe feuern sollte.

Frau Kaß ließ ihn nicht aus den Augen. Sie wollte ihm nicht dreinreden. Aber bald sah sie ihn ruhiger werden und wußte, daß er nichts tun würde, was er später bereuen müßte.

Auch der alte Wöllem kam herein und fragte mit seiner heiseren Stimme: „Was wollen die?“

„Eigentlich Kopfnüsse,“ sagte Fenn.

Wöllem murrte etwas von „Cujongen“ und „Hondsfotten“ und entwickelte einen Plan: Er wollte ihnen ein paar Eimer Wasser über die Köpfe gießen, und nicht vom klarsten. Und wenn es gewesen wäre, ehe er nach Paris gegangen war, da wollte er ihnen mit blanken Fäusten schon gezeigt haben, „wat gelifft!“[7] Aber seit Paris! ... Nondidjeh!

„Jetzt paß auf, Wöllem, wie ich denen komme,“ lachte Fenn.

Er ging durch eine Hintertür ins Freie und kam auf einem Umweg den Lärmmachern in den Rücken. Da stand er denn eine Weile und hörte sichtlich mit gutem Humor den Spektakel einmal von der andern Seite an. Als ihn die in den hintersten Reihen, die untätig dabei standen, erblickten, ging es bald durch die ganze Schar:

„Elei stäht en!“

Die Trommler und Trompeter erschraken und der Lärm verstummte auf einen Augenblick plötzlich wie auf Kommando. Fenn machte Miene, auf das Haus zuzugehen, und verlegen öffneten ihm die Burschen einen Weg:

„Ihr hättet warten sollen, bis ich zu Haus war,“ sagte Fenn ruhig. „Was trinkt ihr lieber, Wein oder Bier?“

„Mir peifen op ärt Gedränks,“ sagte der Ruß trotzig.

Fenn meinte, das sei für ihn erheblich billiger, und in den hintersten Reihen lachten sie den Ruß aus.

„Dat spillt keng Roll!“ sagte dieser hartnäckig und machte Miene, Fenn den Weg zu versperren. Der behielt vorsichtshalber die Hände in den Taschen und zwängte sich an dem langen Kalmücken vorüber.

„Ich weiß ja jetzt, wer dabei war,“ sagte er, als er auf seiner Türschwelle stand. „Wenn ich euch bei der Gendarmerie anzeige, werdet ihr alle verknaxt. Also geht jetzt ruhig heim in eure Betten, ihr habt entschieden mehr davon.“

Es entstand ein Geraune und Gesumme, der Ruß fluchte dazwischen und wollte jedem, der vom Platze wich, mit seiner Gießkanne die Hirnschale spalten. Aber der Respekt vor dem Gericht behielt die Oberhand, und lärmend und tutend, aus der Entfernung zurückschimpfend, zog die Schar ab.

Tags darauf stand in der „Abendglocke“ ein Bericht über das Ereignis:

„Wenn wir solche Ausschreitungen auch beileibe nicht billigen können, so wollen wir uns doch nicht die Nutzanwendung versagen, die sich daraus ergibt. Sie zeigen wieder einmal in nicht mißzuverstehender Weise, wie tief bei unserm biedern Landvolk der Glaube und die Anhänglichkeit an seine Priester wurzeln, und wie es sich mit elementarer Wucht empört, wenn irgendwo etwas geschieht, was gegen seine frommen und glaubenstreuen Überlieferungen verstößt. In diesem Sinn ist ihm jeder apostasierte Geistliche ein Gegenstand des Abscheus, und diesem Abscheu lediglich hat es in vorliegendem Falle Luft gemacht.“

„So ein Gemütsmensch!“ dachte Fenn. Aber das mit dem Sichdurchsetzen ließ sich doch schwerer an, als er zuerst gemeint hatte. Je nun, mit Ruhe und Geduld würde es doch noch gehen. Die sogenannte Volksseele läßt sich nicht mit dem Wurfnetz einfangen.

* * * * *

Fenn suchte die Unbill der Menschen über seiner Arbeit zu vergessen. In der Mühle gab es vielerlei umzubauen, um für die Turbinenanlage einen geeigneten Raum zu schaffen. Der Niegela und die Kamps halfen, wo er sie brauchte, der jüngere Masseler besorgte die nötigen Fuhren, es fleckte nach Wunsch. Die Turbinen, Dynamos und Akkumulatoren wurden rechtzeitig angeliefert, und nach Fenns Berechnung konnte bis Mitte Juni die Anlage fertig sein.