Part 14
Um dieselbe Zeit brachte ihm der Briefträger eines Tages ein wohlriechendes Kuvert mit einer Bristolkarte, auf der er las: „Herr und Frau Peppinger geben sich die Ehre, Seine Hochwürden Herrn Kaplan Kaß auf Mittwoch, elften Februar, zwölf ein halb Uhr, zum Mittagessen einzuladen. U. A. w. g.“
Peppinger? Er kannte niemand dieses Namens. Waren das die reichen Peppingers aus dem nahen Kantonalhauptort?
Andern Morgens fragte ihn der Herr Pastor, ob er auch schon seine Einladung zu Peppingers erhalten habe. Fenn erfuhr, daß die junge Frau den Wunsch geäußert habe, bei der nächsten Firmung in ihrem Marktflecken Patin zu stehen. Sie wollte deshalb nun die Bekanntschaft aller Herren Geistlichen ihres Kantons machen. Und daher die Einladung. Er gehe doch mit? Man könne unbesorgt annehmen, die Leute hätten’s dazu.
Fenns Mutter redete ihm zu, daß er sich nicht ausschlösse, und er ging mit zu Peppingers.
Es wurde sehr gemütlich. Die Peppingers machten für die Verhältnisse des Ortes ein großes Haus. Er, der Herr Peppinger, hatte im Hauptamt einen lässig betriebenen Lederhandel, dem ein im Hause ergrauter Kommis vorstand, und im Nebenamt ein privates Geldverleihinstitut, bei dem sozusagen alle Bauern des Kantons in der Kreide gestanden hatten, standen oder zuversichtlich eines Tages stehen würden. Des Herrn Peppinger Intelligenz war ganz in Erwerbssinn aufgegangen, und er wußte wie kein anderer die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Seine Bekannten machten ihn zum Helden sämtlicher Dümmlingsanekdoten, die sie kannten, aber von seinem Kassenschrank und seinem Keller sprachen sie mit unbegrenzter Hochachtung. Mit der Geistlichkeit seines Kantons stand er immer auf dem besten Fuß und viele Herren Pastöre und Kapläne der Umgegend wußten den Weg zum und vom Hause Peppinger in der stichdunkelsten Nacht zu finden.
Der Herr des Hauses empfing seine Gäste mit einer linkischen Liebenswürdigkeit. Er war nicht der Mann vieler und lauter Worte. Das verriet schon sein Äußeres. Sein dünnes, blondes Haar, war _à la_ frommer Heinrich über dem spitzen Scheitel glatt gestrichen, seine wasserblauen Augen glotzten ewig erstaunt durch den goldenen Kneifer, der ihm lässig und schief auf der Nase saß, und sein Gesicht war wie aus einem unzulänglich gebackenen Milchteig. Frau Peppinger dagegen, die gern Firmpatin werden wollte, war eine dunkelfarbige, resolute Person, die jedem Ankommenden mit ausgestreckten Händen entgegenrauschte und mit „das ist recht!“ – „das freut mich, daß Sie auch gekommen sind!“ jeden einzelnen willkommen hieß.
Als Fenn Kaß den geräumigen Flur des Hauses Peppinger betrat, vom Kutscher Dominik in Livree an der Türe empfangen, fand er schon eine ganze Gesellschaft dort versammelt. An den Kleiderhaken hingen Mäntel und Hüte der geistlichen Herren. Die hellfarbigen, glattpolierten Wanderstöcke aus Eichenholz gehörten den Jüngeren, die Herren Pastöre der älteren Generation hatten ihre Regenschirme oder spanischen Rohre mit Elfenbein- oder Hornknauf mitgebracht.
Fenn hörte den behäbigen Pfarrer Schock, einen Studiengenossen und Busenfreund Peppingers sagen:
„Brebacher, da ist ja auch dein Kaplan.“ Pfarrer Brendel nahm davon keine Notiz.
Ein paar von den Herren saßen im Flur auf einer alten geschnitzten Herdbank, einer Siedel, andere standen umher, lehnten am Treppengeländer und baten Frau Peppinger, die sie in den Salon nötigen wollte, sie doch lieber draußen ihre Zigarren fertig rauchen zu lassen. Frau Peppinger tat ihrem Hausfrauenherzen Gewalt an und sagte bittersüß, die Zigarren könnten sie ja auch mit hineinnehmen, aber ein Herr Kaplan Schramm, mit einem pfiffigen Schuljungengesicht, meinte, das gehe nicht, er wisse von seiner Tante, was sich schickt.
Frau Peppinger rauschte auf Fenn Kaß zu und hieß ihn mit einem liebenswürdigen Wortschwall willkommen. Dazwischen rief sie nach dem Salon hinüber ihrem Manne zu, daß Herr Kaplan Kaß aus Brebach gekommen sei. Und sie zeigte dem neuen Gast ihre schöne „Siedel“, ein echtes altes Stück, das sie samt einer stilvollen eichenen Stockuhr für ein Spottgeld – raten Sie mal – in einem Nachbardorf bei einem Kunden ihres Mannes gekauft hatte. Ob er sich für dergleichen interessiere? – Ja, meinte Fenn Kaß, wenn es an Ort und Stelle stehe. Er liebe die alten Sammlerstücke nicht, die, aus ihrer Umgebung herausgelöst, inmitten modernen Hausrats altväterische Biederkeit vorstellen sollten.
„Da haben Sie recht,“ sagte Frau Peppinger verbindlich. „Wir haben auch schöne neue Sachen.“
Sie führte ihn in den Salon, wo ihr Mann zwischen Tischen und Tischchen, Stühlen und Stühlchen hin und her lavierte, um den Gästen über den Gegenstand, den sie gerade ins Auge gefaßt hatten, geflissentlich Erklärungen zu geben.
„Ich finde, Louis XV ist doch noch immer das schönste, was man von Stil hat,“ begann die Hausfrau wieder das durch die Vorstellung zwischen Fenn und ihrem Mann unterbrochene Gespräch.
Herr August Peppinger winkte seinem Busenfreund Schock, und die beiden hatten ein geheimes Konsilium. Es lief in folgende Zwiesprache aus:
„Also erst den 1908er Caseler, dann den 1904er Wiltinger Kupp,“ rekapitulierte Pfarrer Schock.
„Die Vierer machen sich wieder.“
„Wundervoll. Dann zu dem warmen Schinken ...“
„Da dachte ich an ein Glas Bier.“
„Ganz recht, das erfrischt. Und dann gibst du von deinem alten Volnay, dem 84er.“
„Soviel ist davon gar nicht mehr da.“
„Er muß getrunken werden, er verliert.“
„Meinetwegen. Wenn du meinst, daß sie ihn zu schätzen wissen? Und zu den Krebsen?“
„Grade zu den Krebsen. Es ist nichts verkehrter, als zu den Krebsen Weißwein zu trinken.“
„Schön. Und dann?“
„Dann gibst du von deinem alten Mercier Splendide, von dem, wo die Pfropfen nach dem Entkorken ganz dünn bleiben.“
„Ich weiß nicht, ob davon ...“
„Doch, ich weiß bestimmt, es liegt davon noch ein ganzer Korb, zwei Dutzend Flaschen.“
„Du, wollen wir die nicht für uns zwei aufsparen?“ Pfarrer Schock sah seinem hellblonden Busenfreund mißtrauisch in die Augen.
„Sicher ist sicher, dachte ich, aber ich nehme dich beim Wort. Also dann von der letzten Sendung.“
Sie stiegen in den Keller und suchten aus den Gestellen die Kreszenzen zusammen, auf die sie sich geeinigt hatten. Jeder trug vorsichtig unter beiden Armen und in beiden Händen je zwei Flaschen.
Oben wurden sie mit lautem Halloh von den jungen Semestern empfangen. Und dann sah man die großen weißen Baumwollhandschuhe des Kutschers Dominik an der Flügeltür zwischen Salon und Speisezimmer die Messingriegel von oben und unten zurückziehen und die knarrende Tür öffnen. Frau Peppinger bat mit einem zutunlich hausmütterlichem „So, meine Herren!“ zu Tisch.
Um die von weißem Linnen schimmernde, von Kristall und Silber blitzende und gleißende Festtafel suchte jeder seinen Platz. Als dann Herr Peppinger mit einer einladenden Handbewegung sich schon halb niedergelassen hatte, wurde er durch ein vorwurfsvolles „Aber Peppinger!“ seiner Gattin wieder emporgescheucht. „Herr Seimich,“ flüsterte die Frau ihrem Nachbar zur Rechten zu. Und der alte Herr Seimich, ein spindeldürrer Pfarrer mit eingefallenen Wangen und erloschenen Asketenaugen schlug mit zittriger Hand ein großes Kreuz und hub das Tischgebet an. August Peppinger fingerte verlegen an seinem Kneifer herum und seine Frau zuckte noch einmal mit einem raschen Blick nach oben und einem leisen Kopfschütteln über dem Gebet die Achseln. Dann zog sich jeder der geistlichen Herren mit gewohnter Gebärde die Soutane in Sitzhöhe glatt, es gab ein geräuschvolles Stuhlrücken, ein weitausholendes Entfalten der Servietten, und auf einen Wink der Hausfrau begann das Auftragen.
Fenn Kaß hatte im Verhältnis zu seinem Rang und Alter einen der besten Plätze bekommen. Er saß der Hausfrau, die in der Mitte der Tafel den Ehrenplatz einnahm, schräg gegenüber, zwischen Abbé Rommelfangen, dem Chefredakteur der „Luxemburger Abendglocke“ rechts und dem pfiffigen Kaplan Schramm links. Abbé Rommelfangen hatte ein blühend rotes Kinderantlitz, zu dem zweierlei nicht paßte: seine Nase, die lang und spitz heraussprang, wie der Zeiger einer Sonnenuhr, und seine unsteten Augen, deren Blicke wie verflatterte Vögel nirgends auszuruhen vermochten und nur ab und zu sich ängstlich schielend an die Nasenspitze Rommelfangens hefteten.
Fenn gegenüber, etwas weiter von der Mitte ab, saß Dr. Feller, ein blutjunger Vikar mit einem gescheiten Gesicht und sehr starken Brillengläsern. Er war der Sohn eines höheren Staatsbeamten aus der Hauptstadt und galt unter seinen Konfratres als ein Kenner der feinen Lebensart. Eben studierte er das Menü, beugte sich vornüber und suchte die Blicke der Hausfrau, um ihr seine Anerkennung dadurch auszudrücken, daß er die Lippen spitzte und mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung andeutete, als ob er sich rasch einen Faden aus dem Mund zöge. Damit war die ganze Tafelrunde von der Tadellosigkeit der Speisenfolge überzeugt.
Nach der Suppe beantragte Pfarrer Schock, einen ersten Schluck zu tun. „Um den Wurm zu töten, sagt der Franzose.“
Und Pfarrer Schlunz, ein runder, rotbackiger Biedermann, zitierte den alten Spruch, daß ein Glas Wein nach der Suppe dem Doktor zehn Dukaten aus der Tasche stehle. Er kostete den Caseler, grunzte anerkennend und sagte, er sei allerdings seit einiger Zeit zum „Viez“ übergegangen und befinde sich sehr wohl dabei. Er nannte seine Quelle und den Preis, und alle fanden es sehr billig und vorteilhaft. Nur der alte Herr Seimich konnte den Apfelwein nicht verdauen. Er habe sich bei einem französischen Weinreisenden ein Halbstück kleinen Bordeaux bestellt, daran werde er wohl genug haben bis an sein seliges Ende. Im Anschluß hieran teilte er Frau Peppinger Näheres über seine chronischen Verdauungsbeschwerden mit.
Das Gespräch wollte zuerst nicht recht in Fluß kommen. Nur die Jüngsten, an den äußersten Tischenden waren bald in einer angeregten halblauten Unterhaltung begriffen. Sie sprachen, offenbar durch die Nähe Rommelfangens angeregt, über Stil, Literatur, Zeitungen, über den Unterschied zwischen deutschem und französischem Journalismus, zwischen Louis Veuillot und Erzberger. Einer wollte den Abbé Rommelfangen ins Gespräch ziehen, aber die andern winkten heftig ab. Sie hatten für ihn einen scheuen Respekt, aber wenig Sympathie. Seine Schreibweise, die populär sein wollte und nur ungeschlacht war, imponierte ihnen, weil sie im Schreiben ein wenig unbeholfen geblieben waren, und sie wußten, daß er beim Bischof einen Stein im Brett hatte, weil er stets erriet, wo er grob oder scharf oder feierlich schreiben mußte, um dem Hochwürdigsten Herrn aus der Seele zu schreiben. Und sie standen alle zur größeren Ehre Gottes in seiner Fron, sandten ihm Berichte über die Geschehnisse aus ihren Ortschaften und warben Abonnenten.
Heute wußten sie alle, daß Rommelfangen nicht an Peppingers Tisch saß, weil die Frau Firmpatin werden wollte. Sie errieten, daß eine politische Aktion einzufädeln war, daß Peppinger ihr Kandidat bei den nächsten Kammerwahlen sein würde, und sie machten einander auf das sorgenvolle Gesicht Rommelfangens aufmerksam, der kaum ein Wort sprach und in Gedanken an einem Brotkügelchen herumknetete.
Er litt offenbar unter der Rede, in der er der Versammlung die Kandidatur Peppingers ankündigen sollte.
Der Fisch kam: Hecht mit Kapernsauce. Dr. Feller mischte sich quer über den Tisch hinüber in das lückenreicher werdende Gespräch über lesenswerte Bücher im Allgemeinen und über „Dreizehnlinden“ im Besondern und schnitt das Thema von der Rückständigkeit der Katholiken in Literatur und Kunst an. Pfarrer Brendel hatte schon seit Jahren in seiner Pfarrei die Borromäusbücher eingeführt und ließ keine Inferiorität gelten. Kaplan Schramm war so heimtückisch, den auf beiden Backen kauenden Pfarrer Schlunz ins Gespräch zu ziehen. Aber der hatte für Literatur kein Interesse. Er trieb neben seiner Seelsorge eine schwungvolle Landwirtschaft mit Molkerei, Schweine-, Hühner- und Bienenzucht. Er klopfte mit der Messerspitze auf eine neue Portion Hecht, die er auf das leise Zureden des Kutschers Dominik sich heruntergelangt hatte und sagte kauend über den Tisch hinüber zur Hausfrau: „Sehr gut! sehr gut!“ worauf er die hochbeladene Messerspitze zärtlich zum Munde führte.
„Sie schicken uns nie etwas für das Blatt,“ sagte unvermittelt Abbé Rommelfangen zu seinem schweigsamen Nachbar Fenn Kaß.
„Bei uns passiert nichts, was in die Zeitung gehört,“ antwortete Fenn, kurz angebunden.
„Es passiert immer was, man muß nur aufpassen und Interesse dafür haben.“
„Dann fehlt mir wohl das Interesse.“
„Das wird es sein. Ich habe schon gemerkt, daß Sie nicht viel für uns übrig haben.“
Es entstand eine kleine Pause. Dann entgegnet Fenn:
„Ich denke, es ist nicht meine Sache, Zeitungsreporter zu spielen.“
„Da–as ist je–edermanns Sache!“ sagte Rommelfangen, der in der Erregung stotterte. „Je–edermann, der u–unsrer heiligen Sa–ache dienen will ...“
„Über die Heiligkeit Ihrer speziellen Sache will ich mit Ihnen nicht streiten, zumal nicht in einem fremden Hause,“ erwiderte Fenn halblaut, aber entschieden.
Frau Peppinger hatte das Wetterleuchten gemerkt, und im Instinkt ihrer Gastgeberinnenpflicht lenkte sie ab:
„Aber Herr Kaß, Sie nehmen sich da gerade das allerschlechteste Stück.“
Der Kutscher Dominik räusperte sich aufgeregt, als hätte er einen Rüffel bekommen und dirigierte mit der Platte dem Gast das schönste Stück unter die Gabel.
Fenn dankte, und Kaplan Schramm sagte, er wolle sich opfern und mit Widerstreben noch einmal zugreifen.
Der Wiltinger duftete nach Riesling in der mählich wärmer werdenden Zimmerluft, und auch die blassesten Gesichter begannen an den Backenknochen und unter den Augen sich fleckig zu röten. Um den Tisch bildeten sich die Gesprächsinseln, die entstehen, wenn der Alkohol leise zu wirken beginnt. Das Bedürfnis nach Übersicht, das dem Nüchternen eigen ist, macht der Lust am Ausspinnen eines Lieblingsthemas Platz, das Mißtrauen gegen sich selbst und die Schüchternheit weichen der Freude am leichten Fluß vermeintlich geistvoller Gedanken. Die geräuschvolleren Temperamente brachten die stilleren in Schwung, und wie es so geht: bald waren die Stilleren die, die am lautesten redeten. Pfarrer Schlunz tat immer herablassender zu Dominik, Hochwürden Herr Seimich ließ sich durch die Vortrefflichkeit der Gerichte verlocken, seine blasse Stirnhaut rötete sich unregelmäßig, in Landkartenmanier, und seine Asketenaugen glühten. Die Jüngeren stritten sich jetzt darüber, ob der Ministerpräsident, der allgemein als Freidenker galt, im Grunde noch ein gläubiger Christ sei oder nicht. Und Pfarrer Brendel sagte wegwerfend: „Laßt ihn einmal auf der Flanke liegen, _in articulo mortis_, dann wird er sich schon wieder auf seinen Kinderglauben besinnen.“
„Ach ja,“ pflichtete Hochwürden Seimich bei, „wenn ihr letztes Stündlein schlägt, dann kriegen sie es auf einmal mit der Angst.“
„Siehe Voltaire!“ griff Herr Schlunz in seinen Zitatenschatz.
Fenn Kaß hatte bis dahin ruhig zugehört und sagte jetzt:
„Warum soll jemand, der sein Leben lang als aufrechter Mann nicht geglaubt hat, auf dem Totenbett aus Angst auf einmal gläubig werden? ... Bitte, meine Herren, ich meine nicht jemand, der rein aus Bequemlichkeit das Praktizieren und Kirchengehen aufgegeben hat, sondern einen Mann, der sich aufrichtig mit sich auseinandergesetzt hat, der in seinem Innern die aufrichtige Überzeugung gewonnen hat, daß es sich mit den Glaubenswahrheiten unsrer Religion nicht so verhält, wie wir lehren ...“
Weiter kam er nicht. Die einen lachten höhnisch auf, die andern redeten mit roten Gesichtern auf ihn ein. Nein! So verliere man den Glauben nicht! Aus heiterm Himmel werde keiner zum Gottesleugner, das Laster sei die Artillerie des Unglaubens, die ihm erst das Terrain frei mache.
„Das ist echt Kaß,“ flüsterte Pfarrer Brendel seinem Nachbarn zu.
„Sie ha–aben ja me–erkwürdige Ansichten, Herr Kaß!“ sagte Rommelfangen sarkastisch, die Arme kreuzend und jedes Wort mit einem Kopfnicken unterstreichend.
„Prosit, Herr Konfrater!“ rief Dr. Feller über den Tisch Kaß zu und hielt ihm das schäumende Bierglas hin, denn gerade begann Dominik, den safttriefenden Schinken herumzureichen. „Wir wollen diesen hochinteressanten Streit zu gelegnerer Zeit austragen. Es kommt alles auf die Nuancen an.“
„Das sind A–ansichten,“ grollte Rommelfangen, mußte sich aber doch den beschwichtigenden Worten des jungen Vikars fügen. Denn Dr. Feller hatte Einfluß. Er würde nach der Ansicht aller eine schöne Karriere machen. Er hatte in Rom im _Collegium germanicum_ studiert, unterhielt wertvolle Beziehungen in der besseren Gesellschaft, galt trotz seiner Jugend als ein überlegener Geist, der häufig in Vermittlerrollen wohltätig zu wirken wußte. Seine Kameraden prophezeiten ihm mit Sicherheit die Mitra.
Jetzt mischte sich Herr Peppinger ins Gespräch.
„Herr Feller, ich habe gehört, Sie können gerade so gut beweisen, daß es einen Gott gibt, wie daß es keinen gibt.“
„Aha,“ sagte Kaplan Schramm erwartungsvoll, „endlich einmal ein vernünftiges Wort!“
Dr. Feller lachte.
„Was wir nicht alles beweisen können, Herr Peppinger! Nehmen Sie sich in acht, sonst beweise ich Ihnen, daß Sie überhaupt gar nicht da sind.“
Rommelfangen zuckte die Achseln. Warmer Schinken und Gottesbeweis waren für ihn Dinge, die nur ein frivoler Geist im Zusammenhang behandeln konnte. Und je näher der Augenblick rückte, wo er den Zweck des heutigen Gastmahls bekannt machen sollte, desto strenger wurden seine Grundsätze. Er hörte kaum noch hin, wie die Jungen über Kunst in der Schule sprachen, wie einer erklärte, an die Schulwände gehörten Heiligenbilder, das sei was fürs kindliche Gemüt, der schönste Gipsabguß eines profanen Kunstwerks sei für das kindliche Begriffsvermögen Kaviar, eine unangenehme hügelige Unterbrechung der glatten Wandfläche. Da schlug Abbé Rommelfangen, der mit Peppinger einen raschen Blick gewechselt hatte, mit dem Messerrücken an seinen leeren Champagnerkelch und stand auf.
„Pst, Silentium!“ ging es um den Tisch.
Peppinger schluckte vor Aufregung und rückte mit beiden Händen den Kneifer zurecht.
Abbé Rommelfangen blieb nach den ersten Worten stecken und zog aus der Tasche einen Zettel, von dem er seine Rede ablas.
Es hieß darin, daß bald wieder der Kampf entbrennen werde, der Kampf um die Macht, „der auch schon bei uns ein Kampf um den Glauben unsrer Väter geworden ist“. Da müßten glaubensstarke Männer her, die für die heilige Kirche und ihre Lehren allezeit Farbe bekennen. Und da sei Herr Peppinger der Mann, den sie brauchten. Auf den könnten sie vertrauen, daß er mit ihnen Schulter an Schulter usw. „Gläubige Männer heraus!“ Das sei die Losung. „Und Herr Kandidat – was sage ich! – Herr Abgeordneter Peppinger lebe hoch!“
Ein dreifaches donnerndes Hoch brach sich an Wänden und Decke des Speisezimmers. Dominik hatte in aller Eile den Champagner eingeschenkt und alle Gläser streckten sich Peppinger entgegen. Auch seine Gattin ging strahlend auf ihn zu und sagte: „Siehst du, August!“
August war blaß geworden bis in die Lippen.
Als wieder Stille eingetreten war und alle sich gesetzt hatten, blickte er mit seinen wasserblauen Augen hilfesuchend über die Versammlung und griff schließlich in die linke Brusttasche, aus der auch er einen Zettel hervorzog.
Mit tonloser Stimme las er, häufig sich räuspernd, daß der Vorschlag des hochwürdigen Herrn Vorredners ihn ebenso überrasche, wie er ihn ehre. Er sei sich der großen Verantwortung bewußt usw., aber er nehme trotzdem an und er gebe sein Ehrenwort, daß er nie gegen die Interessen „unserer Mutter der heiligen Kirche“ seine Stimme abgeben werde.
Wieder betäubendes Hoch und Bravo! Hochwürden Herr Schock, der sich sozusagen als der Einpeitscher betrachtete, ließ immer neuen Champagner auffahren. Es war ein Druck von der Versammlung genommen. Ein Vikar, der des Harmoniumspielens kundig war, wurde ans Klavier genötigt und griff ganze Hände voll rauschende Kirchenakkorde. Er versuchte auch ein paar Volkslieder, die die Korona mitsang, bis Rommelfangen sagte, das werde in der Straße unliebsam auffallen. Aber der musikalische Vikar war nicht mehr vom Instrument wegzubringen und ließ eine fromme Weise und eine kindliche Improvisation nach der andern erschallen. Rommelfangen hatte seinen Stuhl neben den Peppingers getragen und besprach mit diesem schon Einzelheiten seines Wahlfeldzuges. Frau Peppinger horchte hin mit dem gespannten Interesse der Gattin, die ihrem Mann nicht Schneid und Grütze genug zutraut, immer auf dem Sprung, um einzugreifen, wenn er versagen sollte.
Zigarrenrauch begann die Räume zu durchziehen, in die sich die lauten Gäste zerstreut hatten. Es ging jetzt hoch her. Auf der ganzen Linie war Politik Trumpf.
Fenn Kaß war zu Sinn, als schallte das alles an ihm vorbei, ohne ihn zu berühren. Dr. Feller trat zu ihm und pries begeistert, was doch der Partei für eine wunderbare Organisation in der geistlichen Hierarchie geschaffen sei, was für ein unübertreffliches Offizierkorps der Klerus in der Wahlschlacht abgebe. Fenn Kaß schüttelte den Kopf und wandte ein, dazu glaube er nicht berufen zu sein. Dr. Feller tat seine Bedenken mit einem burschikosen: „Man muß eben mit den Wölfen heulen“ ab. Frau Peppinger kam hinzu und floß über von Liebenswürdigkeit für den Kaplan, dem sie schon den ganzen Mittag mit ihrem Fraueninstinkt den unsicheren Kantonisten angesehen hatte. Fenn Kaß aber benützte die willkommene Gelegenheit, sich zu empfehlen und verließ unauffällig die sehr angeregte Gesellschaft. Er ging langsam durch den Spätnachmittag am Fluß entlang, mit dem Hut in der Hand, und ließ sich die herbe Vorfrühlingsluft um den warmen Kopf wehen. Ein unüberwindliches Gefühl des Unbehagens quälte ihn. Er fühlte die Nähe der Menschen, in deren Mitte er seinen Nachmittag verbracht hatte und wußte, daß er nie so werden könnte wie sie, nie sich in der Luft heimisch fühlen, in der sie mit vollen Lungen atmeten. Er redete fast zornig auf sich ein, wiederholte sich in Gedanken, daß die meisten ja doch seelengute Menschen seien, voll des besten Willens, das Gute zu tun, wie sie es gelehrt worden waren. Und immer wieder fühlte er in sich die Empörung aufstehen gegen die Zumutung, daß er mit ihnen in innerer und äußerer Gemeinschaft leben und sterben sollte. Ihr Herdeninstinkt, ihre geistige Genügsamkeit, um deretwillen er sie oft bemitleidet hatte, erregten seinen Zorn, weil er wußte, daß sie ihn stillschweigend als Bundesgenossen beanspruchten. Ihr Biedersinn, der bäuerliche Rhythmus ihres Wesens, erschienen ihm als protzige Unkultur, die aus der Not prahlerisch eine Tugend machte und sich mit Bleigewichten an ihn zu hängen suchte. Und wie er auch sann und sann, er fand keinen Ausweg aus ihrer Gemeinschaft.
Als er nach Hause kam, saß sein Freund Theo in seinem Studierzimmer und rief ihm entgegen: „Du, lies mir einmal tüchtig das Kapitel! Ich habe eine Dummheit gemacht. Ich lasse mich in deinem Kanton als demokratischer Kandidat für die nächsten Kammerwahlen aufstellen.“
Fenn lachte laut auf. „Freilich, ich hätte dir allerhand Gescheiteres gewußt. Du und Politik!“
Theo machte eine komische Armesündermiene.
„Na, tröste dich,“ spottete Fenn, „du bist ja nicht der einzige. Ich war heute dabei, wie dein Nebenbuhler auf den Schild gehoben wurde.“ Er erzählte die Geburt der Kandidatur Peppinger.
„Wie kommst du armer Saul unter diese Propheten?“ fragte Fenn.
„Ja, es muß doch auch Leute geben, die Politik treiben.“
„Aber ausgerechnet du! Du solltest als Maschineningenieur doch wissen, daß Politik der Apparat ist, der bei größter Kraftvergeudung den geringsten Nutzeffekt hergibt.“
„Wenn dieser Nutzeffekt nun aber nicht anders zu erzielen ist?“
„Ja, so heißt es immer. Aber mir kommen die politischen Parteien vor wie die zwei Feuerwehrleute, denen ich einmal zusah, wie sie sich bei einem Brande darum prügelten, wer den Schlauch halten sollte. Mittlerweile löschten die Hausleute selbst das Feuer.“