Part 13
Das Kaplanshaus lag am Flußufer und hatte einen hübschen Garten, in dem jetzt, Ende September, die Sonnenblumen ihre breiten Samentorten reifen ließen, die Äpfel die warme Farbe des gelb glühenden Abendhimmels bekamen und Astern und Chrysanthemen zu knospen begannen. Fenn saß in der Spätnachmittagssonne und freute sich der reifen Schönheit, die um ihn war. Die Uferhügel standen fern in leichtem Dunst, und der Fluß spiegelte den wolkenlosen Himmel, die schrägen Sonnenstrahlen machten die Wiesen leuchten und schienen auf die Schornsteine eines weit talauf liegenden Dorfes, daß der Rauch nicht entweichen konnte und als silbriger, bewegungsloser Schleier über den Dächern hing. Ganz aus der Ferne kam der breite Ton einer Automobilhuppe wie das kurze Muh eines Rindes. Das laute, schnurrige Singen des Motors schwoll an und wieder ab, jetzt ratterte die Maschine heran, schien langsamer zu fahren und stoppte. Fenn hörte von seinem Platz aus, daß seine Mutter an der Haustür mit jemand redete, dann wurde es still, und jetzt kam ein Herr durch den Garten auf Fenn zu. Dieser ging ihm zögernd entgegen, im Gesicht den angespannten, fragenden Ausdruck, der in die Züge tritt, wenn man etwas Fremdartiges rasch und angestrengt enträtseln soll.
Der Unbekannte strich sich lachend den glänzendschwarzen Vollbart und sagte: „Ja, lieber Fenn, wenn du mich mit solcher Bullenbeißermiene empfängst, kehre ich lieber gleich wieder um.“
„Jeß Marja!“ klang es freudig erregt dawider, „der Theo!“ Na ja, der Bart, und der unvermutete Überfall, das Automobil, das Fremdartige überhaupt, da konnte man schon einen Augenblick mit der Stange im Nebel fahren.
„Akkurat so hast du ausgesehen. Nun sag, kannst du mich bis morgen oder übermorgen brauchen? Ich bin solange frei, seit Gott weiß wann mein erster freier Augenblick – der soll dir gehören. Das heißt, wenn du mich haben willst.“
„Mach keine lange Vorrede. Dein Bett ist gedeckt. Deine Karre laß drüben in den Schuppen fahren, und so du einen Chauffeur hast, ist auch für ihn gesorgt. Mit meinem alten Wöllem wird er sich ja hoffentlich vertragen.“
Als die beiden Freunde, nachdem alles besorgt war, zusammen im Garten saßen und Mutter Kaß ihnen eine Flasche Mosel und Zigarren hingestellt hatte, sagte Theo Schütz: „Es gibt doch noch reine Freuden im Leben, Fenn. Solche Freude war unser Wiedersehen vorhin.“
„Ja,“ bestätigte mit leisem Lächeln Fenn Kaß. „Es muß wohl so sein. Ich besinne mich eben, worüber ich mich in diesem Augenblick noch ebenso stark hätte freuen können wie über dein Kommen. Und ich finde nichts.“
„Aber schön hast du’s hier. Ich glaube, ich begreife jetzt deine Berufswahl.“
Fenn lachte. „Läßt du dich so leicht bestechen?“
„Ich meine jetzt nur das Äußerliche. Das Innerliche steht ja freilich auf einem andern Blatt.“
„Jawohl, das Innerliche, das steht auf einem andern Blatt.“
Hatte das nicht wie eine leise Enttäuschung geklungen? Theo sah besorgt dem Freund ins Gesicht. Nein, er mußte sich geirrt haben. Es verriet nichts, was danach ausgesehen hätte.
Man erzählte sich seine Lebensschicksale der letzten Zeit. Theo hatte seit seinem letzten Zusammensein mit Fenn in einer großen französischen Maschinenfabrik eine schöne Anstellung gefunden.
„Und Junge,“ sagte er voll froher Erregtheit, „es ist ganz anders gekommen, als du es mir prophezeit hattest. Ich habe keine Vertretung für Schmieröle, ich habe einen Wirkungskreis, der mir die tiefste Genugtuung gibt.“
„Dann hast du recht, dich zu freuen. Was ist schließlich das Glück? Einen Lebensberuf haben, der einem das zur Pflicht macht, was man am liebsten und am besten tut.“
„Seine besten Kräfte regen dürfen und dafür belohnt werden, jawohl. Hör mich an, Fenn. Dir sag ich es. Aber es ist vorläufig noch tiefes Geheimnis. Meine Fabrik will aus Frankreich auswandern, die politische Lage ist zu unsicher. Die Oberleitung hat ihr Auge auf Luxemburg geworfen. Aber sie sucht eine ausgiebige Wasserkraft. Ich hab ihr vorgeschlagen, im Ösling den nötigen Grund und Boden an der Sauer entlang zu kaufen und eine Talsperre zu bauen. So ungefähr weiß ich schon, wo und wie es ginge. Der Vorschlag hat den Leuten eingeleuchtet, und ich bin hier, um unter der Hand die Sache einzufädeln, eventuell Kompromisse zu schließen, Aufnahmen machen und was alles dazu gehört. Was sagst du dazu?“
„Ich kann mir denken, wie du dich darüber freust. Da hast du wirklich etwas Großes eingeleitet. Große Verantwortungen warten auf dich und vielleicht ein großer Erfolg.“
„Ja, die Verantwortung, siehst du, das ist mir der beste Maßstab. Ich messe den Mann an den Verantwortungen, die er nach reiflicher Überlegung übernimmt.“
„Und wie weit bist du mit deinem Projekt?“
„So in großen Umrissen sind meine Berechnungen fertig. Wir bekämen für unsere Fabrik die Pferdekräfte, die wir brauchten, und darüber hinaus soviel, daß wir durch Fernleitung einen ganzen Umkreis noch mit Kraft und Licht versorgen könnten.“
„Du kommst mir wie gerufen,“ sagte Fenn lachend. Und er teilte dem Freund seine eigenen Pläne mit.
„Machen wir,“ ging Theo Schütz darauf ein. „Wir können ja das gleich morgen an Ort und Stelle näher besprechen.“
Bei Tisch und während des Abends wurden Erinnerungen, Erlebnisse, Pläne ausgetauscht. Fenn erfuhr, daß Theo Schütz, wenn sich seine Idee zu einem festen Vorhaben verdichtete, vorläufig als Vertreter seiner Fabrik nach seiner Heimat übersiedeln und das Projekt in zweckmäßiger Weise vorbereiten sollte, während die Firma drüben langsam sich aus den alten Verhältnissen lösen würde. Fenns Miniaturtalsperre fand des sachkundigen Freundes vollste Billigung. Wenn Theo einmal im Lande wäre, würde man der Sache ganz ernsthaft näher treten. Dann sprach man von den frühern Schulgenossen. Fenn erzählte von Fritz Lampert, von Marjänni, die Theo von früher kannte, und von Putty Heinen, der weit oben im Norden eine Kaplanei verwaltete. Von sich sagte er nichts, die ganzen zwei Tage, die Theo bei ihm blieb. Als dieser Abschied nahm, begleitete ihn eine heimliche Sorge um den zurückbleibenden Freund. Er hatte ihn öfters fragen wollen, ob er spüre, daß er im Leben wirklich an dem Platz stehe, an den er gehörte. Aber er unterließ seine Frage, denn er konnte sich im voraus die Antwort denken.
Beide standen vor dem Kaplanshaus und reichten sich nochmals die Hände. Theo behielt die Hand des Freundes lange in der seinen. Und noch einmal wollte die Frage über seine Lippen. Aber wie er ihn so dastehen sah, mußte er denken: „Wenn Fenn Kaß spürt, daß er hier nicht hingehört, dann wird er seiner Wege gehen.“ Und er ließ ankurbeln.
* * * * *
Die Beete im Gemüsegarten der Mutter Kaß leerten sich, die Astern und Chrysanthemen verblühten, die Blätter wurden gelb, und in einer Novembernacht kam ein Frost und räumte brutal mit all den zitternden, greisenhaften Überbleibseln des Sommers auf. Durch Fenns Fenster, vor dem ein Kirschbaum bis ganz zuletzt seine schlanken Blätter im Winde geregt hatte, schien jetzt nüchtern das kalte, weiße Tageslicht, und über dem Antlitz der Erde war nicht mehr das Geschleier schwankender Schatten, das ihm so schön steht, wie wirkliche Schleier einem Frauengesicht. In der Seelsorge bekam Kaplan Kaß angestrengter zu tun. Während des Sommers und Herbstes hatten die Bauern keine Zeit, krank zu werden. Jetzt lag bald hier, bald da einer oder eine darnieder, hatte sich vertrunken oder verhitzt oder auf dem nassen Erdreich einen Schlaf getan, der das Leben kosten konnte. Fenn kam in viele Krankenzimmer und sah, wie hilflos diese Menschen waren, sobald sie nicht mehr aufrechtstanden. Er begriff ihre Scheu davor, sich „zu legen“. Sie hatten den Instinkt gewisser Vögel, die nicht auf flachem Boden einfallen wollen, weil sie wissen, daß sie dann nur mit Mühe wieder auffliegen können. Es ging gut, er brachte seine Kranken mit Gottes und des alten Landdoktors Hilfe durch. Bis auf zwei, einen Goldkerl von altem Bauer und das lahme Lieschen.
* * * * *
Der Alte trug im Dorfe den knorrigen Namen Schente’ Storrek. Er war schon seit einem Jahr im Mark getroffen. Wenn er, im langen blauen Kittel, das Dorf heraufkam, die Hacke geschultert, die kalte Pfeife mit dem Kopf verkehrt im Mundwinkel, dann sah man gleich: den hat’s. Die krummen Beine schlenkerten kraftlos, der Kittel hing schlaff auf dem Gestell eines Körpers, der in der Hitze eines immerwährenden Fiebers langsam bis auf die Knochen zusammenschmolz. Zuletzt saß der Storrek, der ein alter Junggeselle war und seine Ländereien bis auf einen Lieblingsacker verpachtet hatte, nur noch im Sonnenschein vor seinem Häuschen mit den hellblau getünchten Fenstersteinen auf einem alten Eichen-„Kill“ und hatte hinter sich auf der Fensterbank ein weißes Porzellanpöttchen mit „Altem“ aus dem halben Fuder, das er vom letzten guten Jahrgang her für sich aufgespart hatte. Aber der „Alte“ schmeckte ihm nicht mehr, die Pfeife brannte er schon gar nicht mehr an. Er konnte seine richtige Sorte Tabak nicht mehr finden, behauptete er, und der Neue kratzte ihn im Hals. Die Nachbarkinder setzten sich manchmal auf ein Weilchen zu ihm auf den „Kill“ und betrachteten neugierig seine schweren Hände, an denen besonders ein paar abnorm große Daumen saßen. Wenn er aber zu husten anfing, machten sie neugierig erschrockene Gesichter, schoben sich verstohlen vom Sitz und gingen wieder um die Ecke ihren Spielen nach. So hatte der Storrek draußen gesessen, bis ihn die Sonne nicht mehr wärmen wollte. Dann hatte er sich hinter den Ofen und zuletzt in sein Bett zurückgezogen. Fenn Kaß hatte ihm zugeredet, und der Alte hatte sich denn auch „gelegt“. Als er das magere Knie auf den Bettrand setzte, sagte er mühsam lächelnd: „Einsteigen nach Kirchhofshausen!“ Fenn war bei ihm bis zum letzten Atemzug, der alte Storrek starb als Philosoph. Fenn machte bei ihm einen schüchternen Trostversuch und gab es dann auf. Er merkte, das war einer, der hatte zu altern gewußt und würde zu sterben wissen, weil er zu reifen gewußt hatte: „Wann et engem seng Zeit aß, da muß än dru’ gle’wen!“ sagte Schente’ Storrek resigniert, und der Herr Kaplan sollte sich weiter keine Mühe geben. Aber wenn er ihm eine Freude machen wolle, so solle er ihm manchmal aus der Bibel etwas vorlesen. Der Storrek hatte eine alte Allioli-Bibel, die er vor langen Jahren einem Hausierer aus Einsiedeln abgekauft hatte, und Fenn Kaß las ihm daraus die Stellen vor, an denen die Blätter am stärksten abgegriffen waren.
„Versteht ihr denn auch alles, Storrek?“ fragte er einmal.
„Alles nicht,“ sagte der Schente’ Storrek, „aber es lautet alles so schön.“
Eines Nachmittags, als der erste Schneesturm durch die Gassen blies, drehte der Storrek das Gesicht gegen die Mauer und entschlief, um nicht mehr aufzuwachen.
Mit dem lahmen Lieschen hatte der Herr Kaplan es weniger bequem. Es war noch im September mit dem großen Pilgerzug in Lourdes gewesen, und als es wieder kam, hatte es vielen Leuten geschienen, als ginge es an seinen Krücken wirklich leichter und lebhafter herum.
„Noch ein paarmal,“ sagte es, „dann kann ich zu Fuß zurückkommen.“ Es hatte ein fixes Mundwerk. Seine dünnen Lippen streckten sich schmollend vor und hatten etwas von einem Entenschnabel. Aber sein Mundwerk lag an der Kette seines Gebrechens, und wenn das Lieschen gerade gut im Zug war, spannte sich die Kette und es kroch mit einem vorwurfsvollen Au! für ein Weilchen in stille Betrachtung zurück.
Das Lieschen wollte fortwährend getröstet sein. Es dachte noch nicht ans Sterben. Es glaubte steif und fest daran, daß die Muttergottes von Lourdes seine Beine ganz gerade und stark machen würde. Aber wenn es einmal stürbe, und es käme in den Himmel – für diesen Fall wollte das Lieschen genau wissen, wie es ihm droben ergehen würde, worin die Pracht und Herrlichkeit bestand, die seiner dort wartete. Fenn Kaß konnte ihm darüber nun nicht viel sinnlich Greifbares mitteilen, und Lieschen kam seiner Phantasie zuhilfe. Sie schilderte lebhaft und mit viel Vergleichen aus dem Kreis ihrer Umwelt, wie es aussehen würde. Gott der Vater saß auf einem goldenen Thron und glänzte wie die Sonne, noch heller, viel heller, aber man konnte ihn anschauen, ohne daß einem die Augen weh taten. Über dies „Anschauen“ machte sich Lieschen viele Gedanken, und es erwartete davon eigentlich die Hauptsache. Dabei war es sicher, daß man es da droben wie eine alte, liebe Bekannte empfangen würde, wie eine Kusine etwa, oder eine Tante, für die das ganze Haus zum Empfang an den Bahnhof geht, und die das beste Zimmer im Haus bekommt.
Als es mit Lieschen zum Sterben kam, verlangte sie, so lange ihr Bewußtsein und ihre Kräfte reichten, nur nach ihrer Arznei.
Zwischen diesen beiden Krankenstuben lernte Fenn manche andere kennen, und er hatte dabei viel mehr die Gesunden für das Leben, als die Kranken für das Sterben zu trösten. Im allgemeinen kam er sich angesichts des Todes unsäglich überflüssig und ohnmächtig vor, und diesen Eindruck hatte er am stärksten da, wo er es mit den wertvollsten Menschen zu tun hatte. Er lernte einsehen: damit man einem andern auf dem Weg zum Tod oder auf dem Weg durchs Leben wirklich etwas Besonderes sein kann, muß man ihm näher gekommen sein, als er den Menschen in seinem Wirkungskreis kommen konnte.
* * * * *
Theo Schütz wohnte seit November in Luxemburg. Er hatte seine alten Beziehungen wieder angeknüpft und war bald mitten im Getriebe der kleinen Hauptstadt. Er besuchte seinen Freund in Brebach häufig und blieb oft tagelang bei ihm, um so öfter, je mehr er merkte, daß Fenn Kaß seine Gegenwart brauchte. Er überzeugte sich mehr und mehr, daß Fenn einem Scheideweg entgegenging.
Eines Winterabends saßen sie in Fenns Studierzimmer. Der Ofen brannte, der Raum war voll der molligen Wärme, die nicht allein die Luft, sondern alle Möbel und Mauern durchdringt.
„Ich kann mir nichts Gemütlicheres denken als so ein Kaplanszimmer,“ sagte Theo.
„Das ist ein Fabrikgeheimnis meiner Mutter,“ meinte Fenn.
„Ich dächte doch, es liegt in der Sache selbst. Ein Landpfarrer und ein Landkaplan, die waren mir von jeher die berufensten Träger des Begriffs Gemütlichkeit.“
„Man muß dafür geschaffen sein,“ sagte Fenn Kaß nachdenklich.
Theo überlegte eine Weile und fiel dann mit der Türe ins Haus. „Und bist du dafür geschaffen?“
Diesmal ging Fenn einer ernsten Aussprache nicht aus dem Weg. „Ich habe den Priesterberuf immer für etwas so Großes und Ernstes angesehen, daß ich nicht schon jetzt, nach einem halben Jahr, innerlich umsatteln kann.“
„Was fällt dir daran am schwersten?“
„Da muß ich mich prüfen, ehe ich dir eine richtige Antwort geben kann. Ich glaube, ich kann so sagen: das Schwerste daran ist mir, daß mich meine Tätigkeit nicht ausfüllt. Aber das kann noch kommen. Was ich dir vorausgesagt hatte, daß du deinen Flug zu hoch nehmen und später am Boden schleichen würdest, trifft jetzt umgekehrt auf mich zu. Die Verhältnisse sind mir in allem zu klein, und ich spüre zudem, sie sind mir feindlich. Ich denke immer: was ich hier im höchsten Falle wirken kann, ist das wirklich wert, daß ich dafür auf die volle Entfaltung meiner Kräfte verzichte? Jeder Mensch ist dem Ganzen gegenüber eine Verheißung. Das Schwerste ist mir, daß ich oft denke, ich muß, was mich angeht, der vollen Erfüllung entsagen.“
Theo wollte antworten, als ihm Fenn ins Wort fiel.
„Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich suche mir darüber klar zu werden, was ich mir unter der vollen Erfüllung denke, und ich bin nicht sicher, daß mein Widerwille gegen die Entsagung frei ist von unreinem Eigennutz.“
Theo sagte langsam und nachdenklich: „Glaubst du nicht, Fenn, daß die Fähigkeit oder der Trieb zur Entsagung eine Besonderheit niedergehender Geschlechter ist? Daß eine menschliche Entwicklungsreihe im Aufstieg nur positive Tugenden pflegt, nicht die gewissermaßen negative Tugend der Entsagung?“
„Du tust mir die Ehre, zu glauben, ich gehöre einer aufsteigenden Entwicklungsreihe an?“
„Ich habe manchmal über euch vier Wiesinger nachgedacht: dich, den Putty Heinen, den Fritz Lampert und die Marjänni. Ihr seid sozusagen Menschen des ersten Stadiums, wie sie die Kultur dem großen Menschenrohmaterial der Dörfer entnimmt, um damit Veredlungsversuche anzustellen. Manchmal greift sie fehl, das Rohmaterial ist nicht veredlungsfähig, oder es ist schon selber ein Produkt des Verfalls – gelöschter Kalk. Dein Freund Lampert ist solch ein keimunfähiges Individuum. Putty Heinen – ja, der ist ein Fall für sich. Bei dem hat die Natur nicht weit genug ausgeholt, es langt nicht für eine Geschlechterreihe. Du wirst sehen, das Auf und Ab seiner Entwicklungsparabel vollzieht sich ganz in ihm allein und dann ist Schluß. Und die Marjänni – wie soll ich das ausdrücken? Eigentlich kenne ich sie nicht genug –“
„Mir macht es den Eindruck, daß da die Parabel trostlos flach ausfallen wird,“ sagte Fenn gedrückt.
„Bleibst also noch du. – Nein, laß mich. Ich meine es bitter ernst. Du sagtest eben, dein Beruf fülle dich nicht aus. Das wußte ich längst. Jetzt heißt es –“
„Die Konsequenzen ziehen. Gut. Ich bin nicht der Mann, der dem aus dem Wege geht, wenn es sich aufdrängt.“
„Ich weiß, Fenn Kaß, mit wem ich zu tun habe. Ich weiß, daß du schwerer Entschlüsse fähig bist, aber auch schwerer Opfer. Ich betrachte die Dinge von außen her und sehe sie übersichtlicher als du, der mitten drin steckt. Ich habe gegen dich die Pflicht, dich vor einem Opfer zu warnen, das ein Verbrechen wäre gegen dich und gegen das, was das Leben mit dir vorhat.“
„Schweig jetzt still und laß mir Zeit. Ich gebe dir mein Wort: An dem Tage, wo ich die Überzeugung gewinne, daß ich hier nicht hingehöre – ich meine es so: daß ich außerhalb des Priestertums Stärkeres und Größeres leisten und mit Segen für mich und andere weiter um mich wirken kann – an dem Tage ziehe ich die Soutane aus.“
* * * * *
Eine erste Folge dieses Gespräches war, daß Fenn Kaß sich eifriger als je in seinen Pflichtenkreis einspann, mit gesenktem Kopf und mit geistigen Scheuklappen gegen jede Ablenkung den Wagen seines Tagewerkes dahinzog.
„Du mußt den Hochmut in dir abtöten,“ redete er sich zu, „du mußt dich in die Denkart der Leute versenken, mußt sie begreifen lernen; und sie verstehen, heißt sie lieben lernen.“ Und immer wieder, wenn er seinen Entschluß zur Entsagung, zur Aufopferung eines Teiles seiner selbst aufs neue faßte, fiel ihm das Wort Theos ein: „Entsagung ist das Erbteil des Verfalls.“ Hatte er ein Recht, das Beste in sich, seine tragfähigsten Triebe verdorren zu lassen? Und wem zulieb? Je besser er die Menschen um sich kennen lernte, desto weniger schienen sie ihm das Opfer zu verdienen, das er ihnen bringen wollte. Die ihn liebten – das spürte er heraus – würden ihm treu bleiben, auch wenn er von ihnen ginge. Die drei Kamps zum Beispiel. Für die war er nicht der Seelsorger, für die war er der gute Kamerad, der sie verstand und ihnen half. Und der „Niegela“. Er war ein Trottel, aber doch eine Seele von Mensch. Und manch ein stiller Bauer, mit dem er selten ein Wort wechselte, aber aus dessen Augen wirkliche Verehrung und Treue ihn anblickte. Dagegen die andern, von Pfarrer Brendel angefangen bis zum sanften Emil und seiner Erbtante – Beschränktheit, Boshaftigkeit, und dazwischen die schwere, interesselose Masse der Gleichgültigen, die um Hirn und Herz die dicke Kruste ihres Habsuchtsinstinktes trugen.
Frau Kaß fing an, sich um ihren Sohn zu sorgen. Er war die letzte Zeit so in sich gekehrt, die Schatten in seinen Augenhöhlen wurden immer dunkler und sie hörte ihn oft bis spät in die Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen.
Eines Tages, kaum daß es dunkelte, kam Marjänni zu ihr in die Küche geschlichen. Sie hatte rotgeweinte Augen und ihre Lippen zitterten, als sie sagte: „Ich komme, euch Lebewohl sagen. Ich bin heute zum letzten Male hier.“
Frau Kaß machte große Augen und fragte: „Wie, Marjänni, zieht ihr fort?“
Marjänni schüttelte den Kopf, und ihre Tränen begannen wieder zu strömen. „Nein,“ stieß sie schluchzend hervor, „ich darf nicht mehr kommen, mein Mann hat es verboten.“
„Oh! verboten! Und warum das?“
Marjänni fing noch heftiger an zu schluchzen. „Es ist so schlecht, ich kann es nicht sagen!“
„Nun, so gar arg kann es doch nicht sein,“ redete Frau Kaß ihr zu.
„Doch, doch Mutter Kaß! Sie sagen –“
„Nun?“
„Sie sagen, ich halte es mit euerm Herrn!“, und ein Sturzbach von Tränen entquoll ihren verschwollenen Augen.
Frau Kaß streckte den Kopf vor, kniff die Augen zu, blähte die Nüstern und fragte mit geschürzter Oberlippe, als hätte sie nicht richtig verstanden: „Was? Mit unserm Herrn? Mit unserm Fenn? Du sollst es mit unserm Fenn ... Wer sagt das?“
Jetzt vergaß Marjänni ihr Herzeleid, das Interesse an der Sache überwog. Sie trocknete rasch ihre Tränen und begann heftig flüsternd ihre Erzählung.
Ihr Mann war übellaunig nach Haus gekommen und hatte erst nicht mit der Farbe herausgewollt. Ach, weiter nichts von Belang, ein Krawall mit dem Ruß. Aber was denn, warum denn? Na ja, der Ruß war frech geworden beim Kegeln, und da hatten die beiden gerauft. Aber um was es denn gegangen war? Diese Mannsleute, um eine Pfeife Tabak ... Was, um eine Pfeife Tabak? ..., hatte Fritz ganz bleich vor Zorn gesagt. Wenn mir einer unter die Nase reibt, meine Frau sei eine ... und dann hatte er ihr alles ins Gesicht geschrien, was ihm der Ruß hämisch aufgetischt hatte. Er glaubte es ja nicht, das wäre noch schöner, aber er wollte nicht mehr, daß Marjänni im Kaplanshause verkehrte.
Frau Kaß hörte ruhig zu und stierte eine Weile vor sich hin. „Es ist gut, Marjänni,“ sagte sie dann. „Geh nach Haus und sag deinem Mann, er soll gegen niemand von der Sache ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Unser Fenn darf davon nichts erfahren. Komm nicht mehr in unser Haus, wir bleiben ja doch gute Freunde. Aber tu nicht, als ob du etwas wüßtest. Ich kann mir ja denken, von wo das Geschwätz ausgeht. Wenn wir den Ruß fassen, ist uns nicht geholfen, wir müssen warten, bis einer von denen sich verplappert, die die Geschichte aufgebracht haben. Aber die Freude sollen sie jetzt nicht haben, daß sie merken, wir wissen alles und grämen uns darüber.“
Marjänni riet noch, brennend vor Neugierde, hin und her, wen Frau Kaß wohl im Verdacht hatte, aber sie brachte aus der alten Frau nichts mehr heraus. Die sagte nur starren Blickes: „Nein, Marjänni, geh jetzt. Und tu, wie ich dir gesagt habe.“ Dann kniff sie die Lippen zusammen und schüttelte auf alle Fragen Marjännis nur noch den Kopf.
Erst als Frau Lampert draußen war, zog Fenns Mutter ihr großes Taschentuch und weinte hinein, daß es sie an den Schultern schüttelte. „Also dafür habe ich ihn groß gezogen, daß so ein Pack ihn mir jetzt verunglimpft!“
Aber sie faßte sich rasch. Beim Abendessen wagte sie ein paar leise Anspielungen, konnte sich aber überzeugen, daß Fenn dem bösen Gerücht gegenüber völlig ahnungslos war. Da lag also nicht der Grund zu seinem in sich gekehrten Wesen. Frau Kaß hoffte zuversichtlich, daß der üble Klatsch, wenn er keine Nahrung erhielte, mit der Zeit wieder einschlafen und an ihrem Einzigen spurlos vorübergehen würde.
* * * * *
Dem Kaplan fiel es auf, daß sein Pfarrer seit einiger Zeit für den Lokalverein, den Fenn gegründet hatte, ein regeres Interesse an den Tag legte. Er hörte ab und zu davon, daß Herr Brendel abends in einer Vereinssitzung erschienen sei und mit den Mitgliedern äußerst leutselig getan habe. Fenn machte sich selbstquälerische Vorwürfe, weil ihm diese Tatsache, statt ihn zu freuen und ihm als eine friedfertige Annäherung des Pfarrers zu erscheinen, verdächtig vorkam.
„Ich fange an, an Verfolgungswahn zu leiden,“ dachte er, und nahm sich noch peinlicher vor ungerechten Beurteilungen anderer in acht.