Part 15
„In gewissem Sinn hast du ja recht. Sie wollen alle das Beste, und das Dumme ist nur, daß angeblich keiner es dem andern glaubt.“
„Und darum streiten sie sich herum, und es dauert zehn Jahre, bis etwas Nützliches zustande kommt, das in zehn Monaten ebenso gut zu leisten gewesen wäre.“
„Was willst du, lieber Fenn, ich mache mir ja auch keine Illusionen. Ich weiß, ich habe von Politik keinen Dunst. Aber was soll man machen? Man sitzt ruhig daheim und denkt an nichts Böses! Plötzlich klopft es, und herein treten drei Herren mit ernsten Gesichtern, die einem auf den Kopf zusagen, man sei der Rettungsanker einer Weltanschauung, man müsse unbedingt eine Kandidatur annehmen. Die Herren holen ihre Argumente wie aus einem Rucksack. Du denkst, er ist leer, und im Handumdrehen langen sie daraus die moralischen Daumschrauben, die sie dir anlegen, während du schon glaubtest, sie wollten sich empfehlen. Sie streuen dir Pfeffer in die Augen, sie nehmen dir dein Ehrenwort ab wie ein Portemonnaie, und wenn du am nächsten Morgen aufwachst, stellst du dich vor den Spiegel und sagst: Herr, Sie sind ein Hornochse! – Aber es ist zu spät, du bist Kandidat!“
Mit dem Talisman solcher Skepsis zog Theo Schütz in den Wahlkampf.
* * * * *
Das halbe Ländchen war ein Hexenkessel, in dem es von Übertreibung, Lüge, Ehrabschneidung brodelte. Die Geister kochten in Siedehitze, und die Menschen gebärdeten sich, als hinge das Schicksal des Weltalls von dem Ausgang dieser Wahlen ab.
In Fenns Kanton waren drei Abgeordnete zu wählen. An die zwei alten war nicht zu tippen, um den dritten Platz kämpften Theo Schütz und Herr Peppinger. In der „Abendglocke“ erschienen Artikel, unter denen das Papier dampfte. Die paar ersten Wochen ausschließlich für Peppinger: wie er einer biedern, alt-luxemburgischen Familie angehöre, wie er nach allen Seiten unabhängig sei, weder dem Kapital noch den „Sozen“ verschrieben, eine Säule des Mittelstandes, der im Volk wurzelte, kein vorlauter Redner, aber zu durchgreifender Arbeit in den Abteilungen befähigt und entschlossen. Dann gegen Schütz: ein hergelaufener Industrieritter, der in Frankreich den Haß gegen Gott und seine heilige Kirche eingesogen habe, von dem man nicht wisse, in wessen Sold er stehe und wem er sich für den Fall seiner Wahl verschrieben habe. Das waren so die Hauptleitmotive, die hinum und herum, bald ironisch, bald pathetisch durch alle Tonarten abgewandelt wurden.
Fenn Kaß hatte seinem Freund von vornherein erklärt, daß er sich um die Wahlen in keiner Weise kümmern und bei niemand, auch nicht bei seinen zuverlässigsten Freunden im Dorf, ein Wort für ihn einlegen würde. Aber es geschah ihm doch, daß er in seinem Verein, wenn Pfarrer Brendel gerade vor ihm dagewesen war und die Leute bearbeitet hatte, die eine oder andere Verleumdung gegen Theo auffing und ihre Nachbeter eines Bessern belehren mußte. Ach ja, hieß es dann; aber gegen den reichen Peppinger kann er doch nicht an.
Fenn kam auch auf einige Nachbardörfer, wo Schulgenossen von ihm amtierten und Vereine nach Art des seinigen ins Leben gerufen hatten oder beeinflußten. Er war Zeuge, wie alle sich begeistert in den Dienst der Peppingerschen Wahlsache stellten und um die eigentlichen Vereinsinteressen sich nur insofern kümmerten, als dadurch etwa bewiesen werden konnte, wieso die Partei Peppinger dem Kanton freund und die Partei Schütz dem Kanton feind sei.
Bald hub auch von allen Kanzeln des Kantons das Anathema an gegen den freisinnigen Kandidaten, diesen notorischen Gottesleugner, der es mit seinen Gesinnungsgenossen darauf abgesehen habe, dem Volk den Glauben zu stehlen.
Fenn wußte, daß dies Treiben die höchste Billigung fand, aber er meinte, es könne doch nicht möglich sein, daß er der einzige von allen sei, der davor solchen Abscheu empfand. Es sei doch nicht denkbar, daß alle, die sich zusammen mit ihm durch ihre Studienjahre hindurch vollgesogen hatten mit den idealsten Vorstellungen von der Erhabenheit des Priesteramtes, jetzt ihre ganze Tatkraft und Arbeitsfreudigkeit in ödem politischen Klatsch verzettelten.
Aber so weit er um sich blickte, er sah keinen seiner geistlichen Altersgenossen, der nicht den Beflissenen spielte, der nicht so tat, als sei Herr Lederhändler August Peppinger der bravste, ehrlichste, gottesfürchtigste und gescheiteste Mann innerhalb der Landesgrenzen und Herr Ingenieur Theo Schütz der Antichrist in Person, ein Herrenknecht und Hochstapler, von dem es noch gar nicht einmal feststehe, daß er nicht seine Großmutter umgebracht und silberne Löffel gestohlen habe.
Dies überhitzte, unaufrichtige Wesen widerte Fenn Kaß derart an, daß er das physische Bedürfnis empfand, sich einmal hinauszuretten.
Er dachte an seinen Jugendgespielen Putty Heinen. Der saß in den Öslinger Bergen als Kaplan auf einem der kleinen Dörfer, die mit ihren weißgetünchten Häusern und blauschwarzen Schieferdächern so sauber und frischgewaschen von den Bergrücken und Hängen in die Weite schimmern.
Fenn Kaß machte sich einen freien Tag und fuhr hin.
Von der Haltestelle, wo er ausstieg, hatte er anderthalb Stunden zu gehen. Eine Bahnwärtersfrau zeigte ihm einen Weg, der abseits von der Landstraße über stille Buschpfade und durch entlegene Wiesentäler führte. Fenn klomm erst eine ginsterbestandene Höhe hinan und sah die weißen Häuser des Dorfes, das er eben verlassen hatte, verstreut unter sich in dem höckerigen Kessel liegen. Die Felsrücken streckten sich in das enge Wiesental vor und fielen sanft gegen das glasklare, schwarzbraune Wasser des Flüßchens ab, auf dem weiße Schaumflocken zu Tal trieben. Diese Felsgebilde sahen manchmal aus, wie riesige Tierschnauzen, die im Ausruhen platt auf die Erde gedrückt sind. Unten im Tal der Wiesengrund leuchtete im jungen Grün und war eine zarte Folie für die dunkeln Fichtengruppen, die mürrisch in all der Erneuerung des Frühlings mit ihrem ewig alten düstern Kleide standen. Die Wälder waren flaumig braun und weich, und in ihrem Braun, in dem man schon die schwellenden Knospen ahnte, schimmerte da und dort wie ein grüner Hauch der Wipfel einer Hagebuche oder das Silbergrau wolliger Pappelkätzchen. An den Eichen hing noch das tabakbraune welke Laub, das den Winterstürmen getrotzt hatte, und wo eine, kurz zusammengeschnitten und gedrungen als Markscheide in den Wiesen stand, wirkte sie wie ein rothaariger Landstreicher, der gut gelaunt sich den Wind um die Ohren sausen läßt. Fenn witterte Veilchenduft und pflückte sich an einem Hag ein Sträußchen, das er abends seiner Mutter heimbringen wollte. Er dachte an die Veilchen, die sie immer um Ostern zwischen ihr Linnen legte. Er schritt fürbaß und ließ sich in tiefen Zügen die Lenzluft durch die Lungen gehen. Sein Pfad führte über die Höhe. Aus dem Wiesengrund stiegen die braunen Hänge steil herauf, schoben und schachtelten sich ineinander, zwischen den Bergrücken flossen, wie grüne Gletscher, Wiesenstreifen nieder und mündeten in der breiten Flur der Talsohle.
Fenn sah das Dorf nicht mehr. Lautlose Einsamkeit war weit um ihn her, und wie ein Bild selbstgewollter trotziger Abgeschiedenheit sah er auf einem der Berggipfel, die wie erstarrter Wellenschlag der Erde vor ihm sich ausbreiteten, ein graues, weitschichtiges Haus liegen, einen alten, befestigten Herrensitz, der halb verfallen, wie ein verwunschenes Schloß, plötzlich mit seiner starren grauen Masse da war und sagte: Hier bist du in meinem Bann, hier rede ich von Dingen und Zeiten, die nicht mehr sind und nie mehr sein werden.
Fenn wanderte drauf los, durch einen andern stillen Talgrund, durch den ein Bach quirlte, dann durch dichtes Gebüsch den Burgweg hinauf. Eine Herde Kühe kam ihm entgegen. Die Tiere blieben vor ihm stehen und glotzten ihn an, bis der Bub, der mit einem riesigen Käsebrot in der Hand ihnen folgte, sie mit hüh und hoh! und einem leichten Gertenhieb übers Kreuz weiter trieb. Oben traf Fenn eine rotwangige junge Frau mit himmelblauen Augen und zwei Reihen blitzender Zähne, die Wäsche auf die Weißdornhecke aufhängte. Er unterhielt sich mit ihr und sie brachte ihm eine Tasse schäumende Milch und erzählte ihm von dem Schloßherrn, einem stillen Menschen, der das alte Schloß für ein Spottgeld gekauft und sie mit ihrem Mann zur Bewirtschaftung hineingesetzt hatte. Er hatte oft die Sehnsucht, sich abzusondern und kam mit seinen Büchern und seinem Angelgeräte heraus, wohnte in den alten weiten Räumen, deren Fenster auf die Berge hinausgehen und hängte träumend tagelang seine Angelschnur in das luftklare Bergwasser des Baches im Tal.
Fenn Kaß dachte: Wer er auch sei, er will das Glück genießen, er selbst zu sein. Er hat recht.
Und er ging verträumt weiter. Alles, was ihn bedrückt hatte, war in der freien Einsamkeit der Berge von ihm abgefallen. Der Schlachtruf: Hie Schütz, hie Peppinger! schien ihm herüberzudringen wie ein Geschrei raufender Kinderscharen, und er mußte darüber lächeln. Am Wegrand sah er ein zerknülltes Zeitungsblatt liegen, und es ging ihm durch die Gedanken: Das also ist hier draußen die Politik: ein zerknülltes Stück Makulatur, das wie eine Verunreinigung wirkt, ein Blatt Papier aus zerwalkten Lumpen in einer ewig wunderbaren Welt treibender Keime und schwellenden Lebens und sonnendurchzitterter Schönheit, ein beschämendes Symbol menschlicher Kraftvergeudung neben dem mühelosen, zwecksicheren Sein und Werden im All.
In dieser Stimmung stieg er den Pfad hinunter, der wieder in ein neues Tal und jenseits hinauf in das Kirchdorf führte, in dem Putty Heinen zuhause war. Und da sah er ihn auch schon drüben den Pfad herkommen und schickte ihm einen lauten Juchzer zum Gruß hinüber. Die schwarze Gestalt blieb stehen, schirmte mit der Hand die Augen, und dann kam die Antwort, ein langgezogenes „Juhu! Fenn!“
Unten im Wiesengrund trafen sie zusammen. Putty sprang vor Freude auf einem Bein wie ein Kind. Sie hatten sich seit ihrer Anstellung nicht gesehen und hatten sich allerlei zu sagen. Namentlich für Putty war es ein Labsal, dem Freund sein Herz ausschütten zu können.
Er hatte sich überwunden, sagte er, er war unsäglich glücklich in seinem Beruf. „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ zitierte er begeistert.
„Du wirst hier viel arbeiten können,“ meinte Fenn. „So still, so fern von aller Ablenkung.“
„Ja, was soll man arbeiten? Es gibt in der Seelsorge schon zu tun. Aber die Hauptsache ist das andre, siehst du, was mich mit meinem Beruf aussöhnt, das Mitschaffen am großen Werk der Wiedergeburt unseres politischen Lebens ...“
„Um Gottes willen,“ unterbrach ihn Fenn, „ich reiße mich zu Haus los, um der Drangsal der Politik auf vierundzwanzig Stunden zu entfliehen, und nun kommst du mir so!“
Putty lachte auf.
„Na, wir können ja auch von was anderm reden. Vorerst gehen wir nach Haus, daß wir uns bei meiner Schwester zum Mittag ansagen, und dann sehen wir weiter.“
Putty führte den Freund durch sein Haus, zeigte ihm die Dorfkirche, den Friedhof, die Umgebung, ging mit ihm zu ein paar der reichsten Bauern des Orts, um ihn als seinen Jugendfreund und Dorfkameraden vorzustellen, zu den Schulschwestern, die einen süßen Schnaps und selbstgebackene Makronen auftischten. Und sie schlenderten durch das Dorf, blieben bei den Leuten stehen, die vor den Häusern beschäftigt waren und denen Putty eine Prise anbot.
„Weißt du,“ sagte er ein wenig verschämt zu Fenn, „ich habe mir den Schnupftabak angewöhnt. Eine harmlose Genußmöglichkeit. Und er wirkt zuweilen tatsächlich erfrischend.“
Ein pfiffig aussehendes Bäuerlein, dem er auch die länglich runde Dose aus Kirschrinde mit dem Lederriemchen am Deckel hinhielt, meinte, es könne in keinem Fall was schaden. „Es kennt sich nachher niemand aus, ob einer die rote Nase vom Schnupfen oder vom Trinken hat.“
Manche hielten in ihrer Arbeit inne, wenn die beiden geistlichen Herren auf sie zukamen, zogen die Mütze vom Kopf und strichen sich mit der Hand, die den Mützenschirm hielt, verlegen grinsend über den Scheitel bis in den Nacken hinunter. Andre sahen nur unter der Arbeit, wie bei etwas Unrechtem ertappt, nach den Herren herüber und rückten linkisch an der Mütze, wenn sie nicht schon vorher im Dunkel von Scheune oder Stall verschwunden waren, von wo sie ihrem Kaplan und seinem Freund mit schuldbewußter Neugier nachsahen.
Schulkinder kamen in Reih und Glied, knixten und sagten schallend: „Gelobt sei Jes’ Christus!“ Die Kleinen umringten Putty und den fremden Herrn, um bei ihnen eine Patschhand anzubringen, nur ein paar größere Mädchen wurden rot, stießen sich kichernd an und drängten verlegen vorüber.
Als vom Kirchturm die helle Dorfglocke Mittag läutete, setzten sich die beiden Freunde in der gemütlichen Stube des Kaplanshauses an den runden Tisch, den die Leonie dem Gast zu Ehren frisch gedeckt hatte. Die Fenster rahmte grünes Gerank ein und auf den Fensterbänken standen in blauen und grünen Gläsern die prächtigen Hyazinthen, die „Zäre Joffer“ zum Erstaunen der Bäuerinnen getrieben hatte.
Während die „Herren“ die Suppe auslöffelten, stand die Leonie mit versonnenem Lächeln, die Hände unter dem Busen gefaltet, daneben und freute sich mütterlich an dem Appetit der beiden.
Fenn fragte scherzend, wie sie denn mit ihrem Brüderlein zufrieden sei.
„Ach, es geht,“ sagte sie. „Wenn er nur ein bißchen mehr zu Hause bliebe.“
Putty zuckte die Achseln. Das reizte sie, und sie sagte halb im Ernst, halb im Scherz, daß er die meiste Zeit auswärts sei und sie ihn manchmal tagelang nicht zu sehen bekomme, und daß er sehr oft Besuch habe und sie manchmal nicht wisse, wie sie die Enden zusammenbringen werde.
„Was hast denn du für ’ne Ahnung, was mein Beruf mit sich bringt,“ wies Putty sie barsch zurecht, „ich gehe nicht aus, wenn ich nicht muß.“
„So! Heute hast du doch auch wieder fortgewollt, weil ihr eine politische Versammlung hättet, und nun konntest du doch zu Haus bleiben.“
„Red bitte nicht über Dinge, die du nicht verstehst.“
„So heißt es immer. Wenn ich auch nicht rede, ich denke doch mein Teil,“ trumpfte die große Leonie auf.
„Gut, also kriegen wir jetzt was zu essen oder nicht?“
Leonie zwinkerte zu Fenn Kaß hinüber, während sie die Suppenschüssel fortnahm, und ging achselzuckend hinaus.
„Bist du wirklich so viel auswärts?“ fragte Fenn.
„Ach wo, ab und zu mal zur Aushilfe, oder zum Besuch bei einem Nachbarn, und dann haben wir allerdings auch unsre politischen Zusammenkünfte, oder ich bin mal hier im Dorf spät abends in einem Verein.“
„Da behältst du nicht viel Zeit für dich?“
„Für mich? Wie meinst du das?“
„Ich meine, daß es doch nicht dein Ehrgeiz sein kann, in dieser Umwelt zu versauern. Einsamkeit ist schön, aber man darf ihr nicht entfliehen, wie du es tust. Und man muß immer ein wenig an sich herummachen, finde ich, um die Fähigkeit zu behalten, sich über das Milieu emporzuheben.“
„Ja so, ich lese auch ab und zu was. Ich weiß, was du meinst.“
„Man soll immer denken, daß das Leben noch einmal mehr und besseres von einem verlangt. Ein jeder soll sich bereitzuhalten suchen, das Höchste zu leisten, wozu seine Kräfte ausreichen.“
„Na ja, das schon. Das hast du ja immer gesagt. Wenn du es so auffassen willst.“
Putty war offenbar nicht geneigt, dem Freund in diese Gedankengänge folgen. Er sorgte während des Essens für leichteren Gesprächsstoff, aber nachher, als sie bei der Tasse schwarzen Kaffee saßen und ihre Zigarren rauchten, brachte er die Rede doch wieder auf seine politische Tätigkeit.
„Unsre Organisation, siehst du, ist das bewunderungswürdigste Werkzeug politischer Macht, das die Kulturwelt kennt,“ sagte er begeistert.
„Na na,“ lachte Fenn Kaß. „Ich kenne Dinge, für die ich mich mehr begeistern kann, als für eure Organisation.“
„Das ist nicht unsre, das ist auch deine Organisation!“
„Bleib mir bitte damit vom Leib! Ich bin Priester, ich bin kein Wahlagent.“
Putty redete sich in Eifer. Er sprach in der Leitartikelprosa seiner Parteiblätter von der Pflicht des Seelsorgers, tätig in die Politik einzugreifen, wenn die Interessen der Kirche auf dem Spiel stehen.
„Soll ich dir sagen, was ich für meine Pflicht halte? Meinen Leuten den wahren Glauben beizubringen, den Glauben, der tief innen überzeugt und wärmt. Wenn sie dann nicht von selbst, aus der Erleuchtung ihres Glaubens heraus, auch in der Politik das Richtige zu finden wissen, dann ist es schlimm genug, aber ich kann ihnen und der Kirche dann nicht helfen, weiter gehe ich nicht mit.“
Putty wußte wohl, was darauf zu antworten gewesen wäre. Aber das wichtige Wesen seines Gegenübers benahm ihm die Zuversicht, mit der er sonst wohl auf seine Argumente baute. Er versuchte, ihm von einer andern Seite beizukommen.
„Ich will nicht einmal behaupten, daß wir alle die politische Betätigung streng genommen als unsre Pflicht ansehen. Aber sie ist uns unleugbar eine Genugtuung. Sieh mal, wenn der Klerus von heute sich von allem Weltlichen abschließen sollte, wie es die ganz Unentwegten und außer ihnen merkwürdigerweise auch unsre Gegner behaupten, ja, wer zum Henker möchte dann noch Priester werden! Wir wollen uns doch nicht unter eine Glasglocke aufs Kamin stellen lassen, wir wollen doch auch Menschen, Bürger sein, uns regen, dreinschlagen dürfen, wenn es sein muß.“
Fenn schüttelte den Kopf und Putty wurde wärmer.
„Und da, siehst du, da ist es ein wahres Labsal, in einer Organisation drin zu stehen, von der man sich getragen fühlt, wo man hieb- und stoßsicher an seinem Platze wirkt.“
Jetzt kroch Fenn Kaß in sich zusammen und sagte mit gerunzelten Brauen:
„Wem das Spaß macht, allerdings. Mein Fall wäre es nicht. Daß es dein Fall ist, kann ich dir nachfühlen. Denn nimm es mir nicht übel, da hast immer – wie soll ich sagen? – einen Halt außer dir gebraucht.“
Putty wurde rot, zog ein paarmal kräftig an seiner Zigarre, hüllte sich in eine Rauchwolke und sagte, als er den Hieb verwunden hatte:
„Sei es wie es sei, ich bin mit Begeisterung bei der Sache. Und ich finde darin Genugtuung. – Und Anerkennung,“ fügte er nach einer kleinen Pause mit Beziehung hinzu.
„O ja, du wirst es zu was bringen können.“
„Das braucht dich nicht zu verbittern.“
Fenn lachte lustig auf.
„Nein, Putty, so dumm wollen wir wirklich nicht sein.“
Putty schämte sich schon seiner albernen Regung.
„Ich weiß ja,“ sagte er, „du hast deine Auffassung vom Priesterberuf, und ich weiß auch, daß du nicht leicht davon abzubringen bist. Aber du mußt es doch verstehen, wenn ich sage, daß es schön ist, einer großen Sache in Gehorsam zu dienen.“
„So ausgedrückt, jawohl. Aber ich fürchte, euch oder vielen von euch ist die große Sache eben die Organisation. Die ist euch Selbstzweck. Ihr habt euern Spaß an der Maschine. Die Maschine aber läuft im Dienst eines Herrn, den ihr nicht kennt.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ja du, ich verstehe mich vielleicht selber nur halb. Ich habe das unbestimmte Gefühl, nachdem ich das Priesterkleid angezogen habe, um Gott zum Heile der Menschen zu dienen, daß ich jetzt dunkeln, fernen Kräften dienen soll, die menschlichen Wesens sind und mit andern Menschenkräften um die Herrschaft der Welt ringen durch die Zeiten hindurch. Und siehst du, wo ich kämpfen soll, will ich genau wissen, um was und für wen.“
Jetzt lachte Putty.
„Senke nieder, Adlergedank, dein Gefieder!“
„Du hast recht. Und heute kein Wort mehr von Politik.“
Sie durchstreiften Nachmittags die Wälder, standen auf den höchsten Schroffen der Umgegend, sahen weit im Süden den Rauch der Hochöfen steigen, die blauen Moselberge im Südosten verdämmern und auf den Höhen gen Norden die letzten weißen Häuser des Landes stehen.
Als Fenn Kaß wieder im Zug saß, und durchs Kupeefenster seinem Jugendgenossen zum Abschied zuwinkte, löste sich in ihm ein unbehagliches Gefühl, das er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte, in den betrübenden aber bestimmten Gedanken auf, daß Putty Heinen eine innerlich verlorene Existenz sei: sein fahriges Wesen, seine Begeisterung, die sich wie ängstlich an ein eingebildetes Ideal klammerte, die Nörgeleien der Schwester, die Tatsache, daß er bei einem flüchtigen Blick in Puttys Bücherei allerhand leichte, vielleicht schlüpfrige Ware hatte liegen sehen, aber nicht ein Buch, nicht eine Zeitschrift, die auf ernste geistige Interessen deuteten, – das alles reihte sich ihm zu einer traurigen Indizienkette zusammen, und er fuhr nach Haus in einer Stimmung, in der sich Zorn und Mitleid seltsam mischten.
* * * * *
In diesen Tagen, da Fenn Kaß mit knirschenden Zähnen und geballten Fäusten Stunden und Nächte lang gegen den Ekel ankämpfte, den ihm das Schauspiel des Wahlkampfes einflößte, geschah es, daß er folgenden Brief erhielt:
„Sehr geehrter Herr Konfrater!
Ich erfahre, daß Sie Sich nicht damit begnügen, in Ihrem Wirkungskreis die Kandidatur des Herrn Peppinger zu ignorieren, sondern daß Sie für den Freidenker Theo Schütz, der Ihr persönlicher Freund sein soll, Propaganda machen. Ich möchte Sie hiermit davor warnen, daß Sie die Dinge auf die Spitze treiben. Unsere Presse ist zum Äußersten entschlossen und würde sich nötigenfalls nicht scheuen, sowohl gegen genannten Schütz die Bedenken geltend zu machen, die aus seinem Vorleben und seinen Familienverhältnissen für jeden solid denkenden Bürger sich ergeben, als auch Ihre Person in den Bereich der Polemik zu ziehen. Sapienti sat! Das werden gerade Sie, Herr Konfrater, in Ihren speziellen Verhältnissen zu beherzigen wissen.
Mit gebührender Hochachtung
Rommelfangen, Chefredakteur der Abendglocke.“
Als hätte der Wisch, den er in Händen hielt, die Luft um Fenn verpestet, riß dieser alle Fenster auf und ließ die abendliche Kühle hereinströmen. Indes, er kam nicht zur Ruhe, er mußte ausschreiten. Er ging zum Dorf hinaus, jener Höhe am Waldessaum zu, wo er schon einmal in schwerem Harm gestanden hatte. Aus einem Wirtshaus, wo man ihn hatte vorbeigehen sehen, brüllten sie ihm ein Hoch auf Peppinger nach. Er glaubte, die heisere Stimme des Ruß und die krähende des kleinen Fritt herauszuhören. Lautes Gelächter und Gläserklirren folgte dem Geschrei.
Fenn lehnte wieder an dem hohen Kirschbaum und sah wieder das Tal in weichen Umrissen hinausdämmern. Er stand, die Lippen fest zusammengepreßt, die Brauen in tiefen Falten, die Arme verschränkt. Und er prüfte sich auf Herz und Nieren, ob er in all der schweren Zeit, die er hinter sich hatte, sich einmal untreu geworden sei, ob er das Recht verwirkt habe, selbstherrlich über sich zu entscheiden. Nein, sein Weg war gerade gewesen und lag im hellen Tag. Er war keiner Mühsal ausgewichen. Aber jetzt war er am Ende seiner Kraft. Wie damals der arme Putty Heinen, so schlang er jetzt die Arme um den rauhen Baumstamm und begann zu weinen. Er weinte wirklich, der starke Fenn Kaß. Er versuchte zu beten. Er stellte sich den Gott vor, zu dem er beten wollte, und je länger er an ihn dachte, desto klarer wurde ihm, daß dieser Gott nicht das von ihm wollen konnte, was die Menschen von ihm verlangten. Dann zweifelte er wieder an sich: „Ich mache mir den Gott zurecht, den ich brauche, um mich zu rechtfertigen.“ Und er grübelte weiter auf dieser Spur: „Haben denn das nicht alle Gottsucher getan? Den Gott in ihrer Seele werden lassen, dessen ihre Seele bedurfte?“
So kam er nicht zur Ruhe. Er dachte an seine Mutter und ging nach Haus.
„Mutter, ich habe dir etwas zu sagen.“
Die alte Frau erschrak bis in den Hals. Sie dachte an die häßliche Verleumdung, die ihr Marjänni hinterbracht hatte. Mit schlotternden Knien ging sie zu ihm in sein Zimmer.
„Mutter, glaubst du, daß ich dir alles zulieb tue, dessen ich fähig bin?“
„Ja Fenn, warum fragst du?“
„Damit du nicht denken sollst, wenn ich dir jetzt einen Schmerz bereite, daß es mir möglich gewesen wäre, anders zu handeln.“
„Du mußt alles frei heraussagen, Fenn. Wir zwei haben uns ja doch immer gleich verstanden.“
„Erinnerst du dich, Mutter, wie ich dir damals sagte, warum ich Geistlicher werden wollte?“
„Ja, du sagtest, glaube ich, du müßtest viele haben, denen du Gutes tun kannst, und die dich lieb haben.“