Familiensklaven

Part 9

Chapter 93,684 wordsPublic domain

Der Schläfer am Ofen hatte sich geregt, und so war Kornelia ängstlich darauf aufmerksam geworden. Zugleich schien es ihr aber auch, als wenn der muntere Zeitungsleser am Fenster die Ohren spitzte. Sie konnte ihn zwar nicht sehen, denn er hielt andauernd eine große eingespannte Zeitung vor seinem Gesicht, aber seine völlige Bewegungslosigkeit gab ihr zu denken. Das bedienende Mädchen kam und brachte das bestellte Vanillen-Eis, das Kornelia langsam zu schlucken begann.

Fröhlich kam sich wie ein Gefangener vor, dem die Aussicht durch ein großes Stück Papier verdeckt ist, das er zur Strafe fortwährend anstarren muß, ohne zu erfahren, was darauf steht. Wiederholt hatte er den Versuch gemacht, ruhig weiter zu lesen, aber er kam über den ersten Ansatz dazu nicht hinaus. Sofort hatte er den Vorgang erfaßt, und als er die Anrede ›Leutnant‹ und den Namen ›Fanny‹ hörte, wußte er, daß er das Original der Photographie vor sich hatte, die auf dem Tische in Fräuleins Zimmer stand. Also war es der Bruder der Angebeteten, der sich mit der vielumworbenen Tochter des Bankdirektors hier ein Stelldichein gegeben hatte. Was für eine Verwirrung im Hause Roderich, deren Folgen ihm unabsehbar erschienen!

Er hatte sich bereits auf alles gefaßt gemacht: daß Frau Agathe das Singen lassen könnte, daß sie eines Tages mit ihrem Herrn Gemahl wieder gemeinsam das Mittagessen einnehmen würde, daß Rudi seinen Eltern erklären könnte, er möchte zwölf Stunden täglich arbeiten; aber auf eine derartige Ueberraschung war er niemals vorbereitet gewesen.

Bisher hatte er sich immer geschmeichelt, alles im Hause Roderich kommen zu sehen, diese Neuigkeit jedoch war urplötzlich an ihn herangetreten, und unvorbereitet, wie er war, sah er sich in einer unbehaglichen Klemme, gegen die er machtlos war. Er hatte zwar seinen Blick bannen, sich aber nicht die Ohren zuhalten können, was er aus Feinfühligkeit am liebsten getan hätte, und so hatte er jedes Wort der beiden vernommen. Um alles in der Welt hätte er sich ihnen nicht gezeigt; denn dann wären sie um ihr stilles Glück gekommen, und man hätte in ihm den Mitwisser ihres Geheimnisses gesehen und ihn jedenfalls als Störenfried betrachtet, dem man kein angenehmes Gesicht zeigen würde. Er kannte das Leben nach dieser Richtung hin und wußte, daß große Herrschaften immer einen Grund hatten, die Unschuldigen für ihr eigenes Pech verantwortlich zu machen. Er hätte auch gar nicht gewußt, wie er sich bei diesem unangenehmen Zufall verhalten sollte.

War es überhaupt ein Zufall, daß ihm die Aussicht winkte, den Bruder des armen Fräuleins, des von ihm geliebten Mädchens, später einmal im Hause desselben Mannes zu sehen, in dem die sogenannte Familiensklavin ihren Dienst tat, oder dann vielleicht schon getan hatte? Der Kandidat war geneigt, diese Frage zu verneinen und wieder an jene höhere Bestimmung zu glauben, der er sich als Schicksalsanbeter so gerne beugte. Sicher waren geheime Mächte mit im Spiele, die ihre Fäden bis hierher gesponnen hatten, um die Menschen zusammen zu bringen, die denselben Kampf um ihr Glück zu führen hatten.

Fröhlich zerbrach sich aber nicht länger den Kopf darüber; er hielt es für besser, sich gar nicht zu zeigen, sondern in Ruhe abzuwarten, bis sie gehen würden. Lange konnte das nach Kornelias Andeutung nicht dauern.

Die beiden am anderen Tisch plauderten ruhig weiter. »Wie geht's meiner Schwester?« fragte Frank. »Sie würde schöne Augen machen, wenn sie uns hier sitzen sähe, meinen Sie nicht?«

Kornelia lachte leicht auf. »Vielleicht ahnt sie schon etwas. Ich habe ihr nämlich Ihren Gruß bestellt ... Wie wär's, wenn Sie sich einmal persönlich nach ihrem Befinden erkundigten, Sie stolzer Marsjünger? Es geht ihr übrigens gut.«

»Durch Ihre Aufopferung, gnädiges Fräulein. Es ist ja brüllend-rührend, wie sie von Ihnen schreibt.«

»Dafür soll sie einen Verweis bekommen.«

»Aber nicht zu hart, wenn ich bitten darf,« wandte Frank gutmütig neckend ein. »Schon kein Vergnügen für sie, Fräulein zu spielen. Na, und mir macht's erst recht keinen Spaß. Ich war immer dagegen. Aber hören die Mädels denn? Sie müssen immer gleich weg von Muttern, sogenannte Selbständigkeit sich erringen. Nette Selbständigkeit, wenn der Bruder darunter am meisten zu leiden hat. Deubel ja!«

»Fluchen Sie nicht, es kleidet Sie nicht!«

»Es ist wahr, verehrtes gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Ich bin Aktiver, und sie geht mit fremden Kindern spazieren! Verzeihung -- hoffentlich werden mir diese reizenden Kleinen bald näher gerückt. Aber es ist doch so. Wenn man nichts davon sieht, läßt man die Karre ruhig gehen. Ist ja bei hundert anderen Mädels aus guter Familie auch so. Da sind die Töchter von Exzellenz Hübner, alter verdienter General gewesen, entfernter Verwandter von uns. Alle drei Lehrerinnen. Was haben sich die Mädels gesträubt, in Kommunalschuldienst zu treten! Jetzt haben sie's längst überwunden. Kriegen besser von der Stadt bezahlt, wie sie sagen. Obendrein pensionsberechtigt. Wenn sie aus der Schule kommen, lüften sie immer die Kleider aus. Sie sind aber ganz kreuzvergnügt dabei: Brot schmeckt eben süß.«

»Es ist doch auch keine Schande, Herr Leutnant, es sich ehrlich zu verdienen.«

»Sicher nicht, meine Gnädige. Das soll ja auch alles sein, wenn's unsern bunten Rock nur nicht geniert. Immer besser noch, die armen Mädels bleiben in der Häuslichkeit, als wenn sie in die Komptoirs und in die Bureaus laufen, oder gar zu Hause verschämte Armut treiben, nur kollidieren dürfen sie nicht mit uns. Dann wird's natürlich uns zur Last gelegt.«

»Ich würde das niemals tun, Herr Leutnant.«

Frank machte einen verbindlichen Kopfnicker. »Das ehrt Sie ungemein, mein gnädiges Fräulein; aber so denken nicht alle Menschen, die es angeht. Was würde zum Beispiel Ihre gnädige Frau Mama oder Ihr verehrter Herr Papa sagen, wenn Leutnant Frank bei ihnen um die Hand ihres Töchterleins anhalten würde, derselbe Leutnant Frank, dessen liebe, gute Schwester -- und das ist sie wahrhaftig -- im selben Hause sozusagen Halbdienerin ist?«

»Nichts würden sie sagen,« warf Kornelia altklug ein. Trotzdem war sie rot geworden, denn da ihr Herz fortwährend mitsprach, war diese Deutlichkeit ihr sehr nahe gegangen. Er hatte schließlich nur ihre Gedanken wiedergegeben, und so war ihre Antwort nur der Ausdruck ihrer Verlegenheit.

Er lächelte überlegen. »Nichts -- das habe ich mir auch gedacht. Ihre Herren Eltern würden eben sprachlos sein. Zuerst über die Kühnheit des Mitgiftjägers, -- Verzeihung, ich gebe ja nur die Gedanken anderer wieder -- und dann über die Anmaßung aus verwandtschaftlichen Gründen. Kenne ich. Solche Märchen erzählen wir uns im Kasino, und wenn der Ausgang uns nicht paßt, dann wird geflucht und geschimpft. Besser wird's dadurch ja nicht, aber es gibt Erleichterung ... deshalb sage ich, mein liebes, wertes Fräulein Kornelia, -- ich darf Sie doch so nennen? -- wenn mir der Aufstieg erleichtert werden soll, ohne zu große nebulose Aussicht, dann muß Fanny Plätzchenwechseln spielen. Sie muß fort von Ihnen.«

Die große Zeitung am Fenster bauschte sich plötzlich nach vorn, gleich einem Segel, in das der Wind gefahren ist. Diese Bewegung kam von einem unmutigen Kopfschütteln Fröhlichs, der mit dieser Ansicht durchaus nicht einverstanden war. Er hatte zwar nicht alles vernommen, da das Sprechen zeitweise zu einem Flüstern sank. Zuletzt jedoch, als Erregung aus den Worten klang, hatte er jede Silbe gehört. Beinahe hätte er das Schiff ins Wanken gebracht. Zum Glück aber beherrschte er sich sofort und zog das Segel wieder an, so daß seine Aufregung unsichtbar blieb.

»Das kommt vielleicht bald, ohne Ihren Willen,« warf Kornelia ein. »Was sagen Sie dazu -- sie hat einen Anbeter gefunden, und einen ganz ehrlichen obendrein.«

»Sieh einer diese Muckerin,« sagte Frank ganz verblüfft. »Davon schreibt sie natürlich nichts! Hat er denn was?«

»Schöne Aussichten.«

»Also gerade wie ich?«

»Ganz so schön sind sie nicht,« fuhr Kornelia fort. »Es ist nämlich unser Herr Kandidat, der in sie verschossen ist.«

»Also ein anständiger Kerl?«

Kornelia nickte. »Von feiner Gesinnung sogar.«

»Und so etwas erfährt man erst aus Ihrem holden Munde,« sagte Frank wieder ganz überrascht. »Da muß ich die Kleine doch nächstens ins Verhör nehmen. Sie muß beichten, wenn ihr verziehen werden soll. Trotzdem ein Schulmeister nicht nach meinem Geschmack wäre. So ein Kandidat wird ja alt wie Methusalem, ehe er seinen Oberlehrer weg hat.«

In diesem Augenblick neigte sich das große Papiersegel ganz bedenklich, so daß man die Haare dahinter erblicken konnte. Die spitzen Knie gerieten in Bewegung, und ein unbewußtes Räuspern wurde hörbar. Dann streckte sich eine schmale und weiße Hand auf Umwegen nach der Kaffeetasse aus, suchend und tastend, mit der Gewohnheit eines tiefversunkenen Zeitungslesers. Fröhlich konnte die starre Haltung nicht mehr vertragen und wollte Leben in seine Ecke bringen. Es war zwar in der Tasse nichts mehr drin, aber er zog sie doch an seine Lippen und netzte sie mit den letzten Tropfen des Bodensatzes. Das gab ihm Befriedigung in seiner Pein und unterdrückte den leichten Groll, der nach den letzten Worten in ihm aufgestiegen war.

»Eine sehr nette Perspektive, die er mir malt,« war sein Gedanke, während er einen leichten Seufzer unterdrückte. Etwas Wahres lag darin, das mußte er sich sagen, wenn ihm auch der Vergleich mit Methusalems Alter etwas vorwitzig erschien. Mit Schrecken dachte er daran, diese Abneigung Franks gegen die Schulmeister könne sich auch auf die Schwester übertragen. Dann aber geriet er in eine gewisse wohlige Stimmung, denn Fräulein Roderichs Enthüllung hatte so bestimmt geklungen, als wäre es für sie eine ausgemachte Sache, daß er und Fanny bereits einig seien. Er lächelte still, nickte freudig vor sich hin und wippte dabei mit der Zeitung hin und her. Beinahe hätte er das Segel ganz eingezogen, sofort aber ertappte er sich bei dieser Voreiligkeit und spielte wieder den aufmerksamen, in der Lektüre versunkenen Leser.

»Ich möchte nur wissen, wer dahinter steckt,« sagte Kornelia, ohne sich großen Zwang anzutun.

Fröhlich duckte sich noch mehr. »Du lieber Himmel, wenn sie nur nicht herkommt,« dachte er wieder und breitete nun beide Hälften der Zeitung so aus, daß auch die Durchsicht nach rechts versperrt war.

Zum Glück nahm ihm Frank jede Besorgnis, indem er seine Gesellschafterin auf andere Gedanken brachte. »Soll uns gar nicht genieren, mein gnädiges Fräulein. Uns kennt hier niemand.«

»Wenn Du wüßtest!« war Fröhlichs Gedanke aufs neue. Nun aber beruhigt, nahm er sich vor, tapfer auszuharren, wobei er sich allerdings den Kopf darüber zerbrach, wodurch man im Hause Roderich so rasch auf den Gedanken an seine Neigung zu seiner Leidensgefährtin gekommen sein könne.

Es war sehr einfach. Rudi hatte an jenem Nachmittage aus Neugierde die beiden im Auge behalten und nach seiner Weise Frau Agathe davon Mitteilung gemacht, der es nun erst recht klar wurde, daß zwischen Kandidat und Fräulein seit längerer Zeit zärtliche Bande bestehen mußten. Und sofort hatte sie für die Ruchbarkeit dieser »schändlichen Verschwörung«, wie sie es nannte, gesorgt.

»Nun aber hören Sie mich mal vernünftig an, Herr Leutnant,« sagte Kornelia nach einem Weilchen wieder. »Wir müssen uns offiziell nähern, so ganz ohne Zwang, hübsch öffentlich, wenn meine Eltern dabei sind.«

»O weh, ich zittere,« wandte Frank ein.

»Dann binden Sie sich eben den Degen um,« erwiderte sie heiter. »In Uniform macht sich das auch viel besser. Imponiert viel mehr. Nächsten Donnerstag im Zoologischen. Zwischen acht und neun. Wir gehen durch die Lästerallee, und Sie schwirren vorüber und grüßen. Unauffälliges Anreden von mir, höfliche Verbeugung von Ihnen und notgedrungene Vorstellung meiner Eltern. Dann die üblichen Verlegenheitsredensarten, und das übrige wird sich finden. Erkundigen Sie sich nur recht lange nach dem Befinden Fannys und bleiben Sie zäh an meiner Seite! Für die Leutseligkeit von Papa werde ich schon sorgen. Und wenn er Sie dann zu einem Glas Bowle auf der Terrasse einladet, dann bitte ich um etwas Annahme. Das kann ja alles so den Anschein von Interesse für Schwesterchen haben.«

»Wird gemacht. Sie sind die größte Diplomatin, die ich kenne.«

Sie lachte. »So etwas lernt sich auf dem glatten Parkett unserer lieben Gesellschaft. Dann wimmelt man sich so geistig durch und steigt über den Horizont der Eltern ... Können Sie übrigens singen?«

»Noch nicht. Aber wenn Sie's befehlen, lerne ich's noch.«

»Na, dann verschweigen Sie ihre Talentlosigkeit lieber und heucheln Sie Verständnis, Mamas wegen. Kaufen Sie sich einen Opernführer, ich habe auch einen. Heutzutage vergißt man alles so schnell, daß man durch sogenannte Kunstextrakte auf der Höhe bleiben muß. Wenn Sie nun gar noch für Operetten schwärmen, dann erklärt Sie gleich Mama für den nettesten Menschen dieses Jahrhunderts.«

»Da es neu ist, soll es noch nicht viele geben,« warf er selbst spöttisch ein. »Sie sind nicht nur das schönste, sondern auch das klügste Mädchen, das ich bisher kennen lernte. O, Kornelia, wenn Sie wüßten --!«

Sein hübsches Gesicht strahlte vor Begeisterung, seine Augen leuchteten, und er war nahe daran, nach einem raschen Aufblick nach rechts und links mit zu großer Zärtlichkeit ihre Hand zu drücken, als sie ihn in die nötigen Grenzen wies.

»Herr Leutnant, hübsch artig! Ich bin kein sogenanntes Schlagsahnen-Rendezvous, wie wir im Pensionat immer sagten.«

»Aber eine Göttin sind Sie!«

»Dann also Ehrfurcht ... Nun wird's aber Zeit! Jeder bezahlt hübsch für sich. Es könnte vorn doch jemand sitzen, der mich kennt, dann gehe ich zuerst hinaus, und Sie folgen hübsch!«

»Sie sind von bezwingender Selbständigkeit, ich muß also gehorchen.«

»Gott sei Dank,« stöhnte Fröhlich in Gedanken, als er das Geräusch des Erhebens hörte.

Einige junge Männer waren laut schwatzend hereingetreten, und so hatte auch Kornelia ein Gefühl der Erlösung, als sie, den Sonnenschirm im Arm, sich rasch die Handschuhe überstreifte.

Der Kandidat wagte es endlich, das Gesicht ein wenig hervorzustrecken, um ihren Anblick noch zu erhaschen. Wirklich drehte sie ihm schon den Rücken, und er konnte noch rasch ihre schöne Figur bewundern, die in dem hellen Foulardkleid ganz besonders hervortrat. Dann aber ließ er aus Unachtsamkeit die Zeitung fallen, und das geschah gerade in dem Augenblick, als er sah, wie sich Kornelia hinter der Glastür noch einmal umwandte und flüchtig einen Blick zurücksandte. Sie reckte den Hals, und dann war es ihm, als blickten unter dem kühnen Sommerhut ihn starr zwei große Augen an.

War es eine Uebertragung seines Schreckens auf sie, oder hatte er sich nur getäuscht? Er wußte es nicht. Aber er hatte das dumpfe Gefühl, noch zuletzt eine große Dummheit begangen zu haben, die sich sicherlich rächen würde. Dann aber wehrte er diese Einbildung ab, denn Kornelia kehrte nicht zurück, wie er es erwartet hatte. Also hatte er sich aufs neue unnütze Kopfschmerzen gemacht. Aber wie entstiegen einem Dampfbad, zog er sein Taschentuch und fuhr sich damit über die heiße Stirn. Es war auch wirklich warm im Zimmer, namentlich nachdem sich die Sonnenstrahlen durch die Scheiben andauernd gerade seine Ecke ausgesucht hatten. Und er hatte das Segel nicht nach dieser Richtung spannen dürfen!

XII.

Fröhlich hatte keine Lust mehr zum Lesen, und so ging er nach Hause, um in Ruhe die Eindrücke der letzten halben Stunde zu verarbeiten. Er war deshalb froh, den Bruder nicht vorzufinden, der sich mit einem Schulfreunde verabredet hatte, irgendwo umherzutollen. Kaum aber hatte er es sich in seinem Zimmer bequem gemacht, als es laut klingelte und ihm gleich darauf Frau Rettig die Karte eines Herrn hereinbrachte, der ihn dringend zu sprechen wünschte.

»Kurt Frank. Leutnant im 35. Füselierregiment Prinz Heinrich von Preußen, kommandiert zur Schießschule in Spandau,« las er, schlüpfte schnell wieder in seinen Rock und ließ um die Ehre zum Nähertreten bitten. Dann zupfte er noch schnell an dem schwarzen, knöpfte ihn mit genialer Bewegung zu, strich liebevoll über die schlanke Taille und warf musternd einen Blick in den etwas zu klein geratenen Spiegel über der Kommode. Und sofort zufrieden mit sich, kreuzte er die Hände über dem Rücken und blieb mitten im Zimmer stehen, den Blick erwartungsvoll auf die Tür gerichtet.

Merkwürdigerweise war er durchaus nicht erschreckt, denn er hatte das alles kommen sehen, nicht nur nach dem Gesetze der höheren Bestimmung, sondern auch nach dem Gesetze der sogenannten Uebertragung, das zwei schlimme Ereignisse stets zugleich eintreten läßt. Er war erkannt, das dünkte ihm sicher; er hatte es gewagt, sein Auge zu der Schwester eines Offiziers zu erheben, und nun kam der Bruder, um Rechenschaft zu fordern, weshalb er das unschuldige Mädchen in das Gerede des Hauses Roderich gebracht. Aber er wollte seinen Mann stehen, wollte seine ganze Philologenweisheit, seine Geisteskraft aufbieten, um das Recht des anständigen Mannes mit reellen Absichten, wenn auch noch ohne Aussichten, zu verteidigen.

Der stolze Marsjünger sollte den Schulmeister kennen lernen, über den er sich schon in der Konditorei mit einer gewissen Geringschätzung geäußert hatte. Der Schulmeister hatte bei Königgrätz gesiegt, er würde auch sicher durch einen Leutnant sich nicht in die Flucht schlagen lassen!

Während Fröhlich das alles mit Blitzesschnelle erwog, wippte er leicht auf den Sohlen hin und her und rief dann laut: »Herein!« den Blick mutig geradeaus gerichtet. Und die großen Worte schwebten ihm vor: »Ich weiß schon, weshalb Sie kommen, Herr Leutnant. Ich bin bereit, Ihnen Rede zu stehen.« Aber seine Kampfeslust schrumpfte sofort zusammen, als Kurt Frank, kaum eingetreten, zwar zuerst eine gemessene Verbeugung machte, dann aber sich gleich mit liebenswürdigen Worten einführte, mit demselben Schalk im Nacken, den er in dem Geplauder mit Kornelia gezeigt hatte.

»Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, wenn ich während der Kirchenzeit bei Ihnen hier hereinplatze, aber es ist wirklich gern geschehen. Ich betrachte mich nämlich schon als guten Bekannten von Ihnen.«

»O, Sie stören durchaus nicht, Herr Leutnant. Ich bin Philologe, nicht Theologe, =cand. phil=., wenn ich bitten darf. Nur mein Vater war Pastor.«

Eigentlich wollte er hinzufügen: »Daß ich als Schulmeister in die Zukunft blicke, das haben Sie ja selbst vor einer Stunde in wenig liebenswürdiger Weise geäußert,« aber er hütete sich, vorlaut zu sein, um sich nicht als Mitwisser heimlicher Dinge zu verraten.

Er beeilte sich, dem Besucher den einzigen verfügbaren Rohrstuhl als Sitz anzubieten, nachdem er ihn mit einem großen Schwung vom Schreibtisch her mitten ins Zimmer gestellt hatte, und bat um Entschuldigung für die Unordnung, die hier augenblicklich herrsche. Das ganze ausgediente Ledersofa war mit Büchern bepackt, und so konnte er die Botschaft nur im Stehen anhören. Als dann aber Frank nicht eher Neigung zeigte, Platz zu nehmen, bevor der andere dasselbe tun würde, kippte Fröhlich entschlossen den Bretterstuhl am Fenster um, so daß die Zeitungen und Hefte wild auf die Diele fielen.

»Es ist etwas eng hier, Herr Leutnant,« sagte er abermals zur Entschuldigung. »Wenn zwei Betten in einem Zimmer stehen, bleibt nicht viel Platz zum Exerzieren übrig.« Es reizte ihn ein wenig, den militärischen Ton anzuschlagen.

»Waren Sie Soldat, Herr Kandidat?« fragte Frank, weil das »Exerzieren« ihn leicht geärgert hatte.

»Leider nicht, Herr Leutnant, man hat mich merkwürdigerweise wegen allgemeiner Körperschwäche zurückgesetzt.«

»Das sieht man,« hatte Frank schon auf den Lippen, verkniff sich aber aus Zartgefühl diese Bemerkung. So sagte er dann höflich: »O, das tut mir leid. Sie hätten jedenfalls einen prächtigen Soldaten abgegeben.«

Fröhlich faßte das durchaus ernst auf und machte einen Kopfnicker als Beweis seiner Anerkennung. Während sich beide gegenübersaßen und eine Weile gleichgültige Worte wechselten, musterten sie sich rasch. Entschieden waren sie große Gegensätze, und nicht bloß in ihrem Aeußern. Der Kandidat war zugeknöpft, der Leutnant offen und burschikos, mit der nötigen standesgemäßen Zurückhaltung. Kernige Gesundheit sprach aus ihm, die Frische der regelmäßigen Bewegung im Freien. Trotzdem er über die Mittelgröße hinausragte und durchaus schlank war, spannte sich seine kräftige Muskulatur förmlich unter dem grauen Sommeranzug, der allerdings nicht mehr ganz modern war und schon stark nach dem Zivilbummel des vergangenen Jahres aussah.

Durchaus schneidig in seinem Auftreten, hatte Leutnant Frank doch nichts von jener sogenannten Korrektheit in seinem Wesen, die meistens nur Unnatur ist. Steife Ziererei war ihm ein Greuel, selbst wenn er in Uniform war, und da er sich am liebsten ganz ungezwungen gab, so entpuppte er sich stets gleich als angenehmer Gesellschafter, der nichts mit jenen Offizieren gemein hatte, die sogar die Umgangsformen nach Schema =F= regeln. Seine Aehnlichkeit mit Fanny war unverkennbar. Nur sein üppiges, in der Mitte gescheiteltes Haar, das kraus in der Stirn lag, war dunkler und glänzender.

Dem Kandidaten haftete die Stubenluft an. Er sah fast milchern gegen den andern aus, weich und mädchenhaft; der zarte braune Christusbart gab ihm etwas Keusches und Frommes, etwas Verzichtleistendes und Abwartendes, wie es sich oft bei Naturen zeigt, die die Demütigungen des Daseins frühzeitig kennen gelernt haben. Er gehörte zu den Leuten, die sich scheuen, das erste Wort zu sprechen und ein reiches inneres Leben führen. Aber von seinen großen rehfarbenen Augen ging ein sanfter Zauber aus, der auf die Dauer den Blick fesselte.

Auch Frank empfand das, je länger er ihn betrachtete, und so gestand er sich in Gedanken, eigentlich einen ganz »passablen Kerl« vor sich zu haben, wenn auch aus etwas weichem Holze, wie ihm schien, aber doch rein und ohne Flecken, gut gehobelt, dabei recht biegsam, ohne zu tiefe Neigung nach dem untertänigen Winkel. Selbstbewußtsein gepaart mit Würde sprach aus ihm, jedenfalls keinem kleinlichen Stolze entsprungen.

»Meine Schwester hat mir bereits viel Nettes von Ihnen berichtet,« führte Frank das Gespräch fort. »Sie gelten etwas im Hause Roderich.«

Fröhlich wehrte mit Bescheidenheit ab, dabei erwog er sofort, was nun kommen würde. Diese Einleitung machte sich ganz gut, und so gab er sich innerlich einen Ruck zur Selbstbeherrschung und richtete zugleich den Oberkörper straff in die Höhe. Dabei klopfte ihm das Herz stark, denn er ahnte etwas ganz Ueberraschendes, das mit einer Selbstverleugnung der Angebeteten zusammenhängen könnte. Die Hoffnung aller Liebenden beseelte ihn, die an ein plötzliches Wunder glauben; aber diesmal betrog ihn seine Ahnung.

Kurt Frank offenbarte ihm kurz und bündig, weshalb er gekommen sei. Fräulein Kornelia Roderich habe Fröhlich beim Verlassen der Konditorei erblickt und schwebe in Angst, daß er sie ebenfalls gesehen haben könne. »Es würde mir meine Aufgabe sehr erleichtern, Herr Kandidat, wenn Sie darüber ganz offen zu mir wären,« fuhr er fort. »Ich brauche wohl nur anzudeuten, wie peinlich es für das gnädige Fräulein und für mich wäre, wenn unser kleines Geheimnis zuvörderst nicht unter uns bliebe. Wir sind zwei Männer von anständiger Denkungsart und da bedarf es wohl nicht erst großer Aufklärungen von meiner Seite.«

Fröhlich erlebte zwar eine kleine Enttäuschung, aber sie wurde doch gleich wieder aufgewogen durch dieses Vertrauen, das ihm wie eine Auszeichnung erschien, die ihm die Achtung des andern sicherte. Es dauerte nicht lange, und beide hatten sich darüber ausgesprochen. Zartfühlend verschwieg zwar Fröhlich, daß er vieles gehört habe, um Frank nicht in Verlegenheit zu bringen, aber dieser merkte ihm doch an, daß er nur die Absicht habe, auszuweichen. Er drang auch nicht weiter in ihn, sondern freute sich schon, so klug gewesen zu sein, gleich diesen Weg hierher gewagt zu haben.