Familiensklaven

Part 10

Chapter 103,747 wordsPublic domain

»Das gnädige Fräulein und Sie können ganz beruhigt sein,« sagte Fröhlich, nachdem sich Frank bereits erhoben hatte. »Ich habe weder etwas gesehen, noch gehört. -- Sie werden mich schon verstehen, Herr Leutnant. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich die große Ehre zu schätzen weiß. Ich freue mich aufrichtig, den Herrn Bruder des von mir so überaus geschätzten Fräuleins im Hause Roderich, kennen gelernt zu haben.«

»Ganz auf meiner Seite, Herr Kandidat,« beteuerte Frank mit derselben Offenheit. »Bitte aber auch meinem Schwesterchen gegenüber um etwas Diskretion. Die Kleine schreibt nämlich gerne acht Seiten lange Briefe.«

Fröhlich lachte. »So. Davon weiß ich allerdings nichts. Ich wüßte auch kaum, wo sie dazu die Zeit im Hause Roderich hernehmen sollte.«

»Wird wohl ordentlich angespannt, der arme Wurm, wie? Na, das soll sich ja bald ändern.«

Der Kandidat glaubte, etwas lügen zu müssen, um dieser auch ihm drohenden Gefahr zu entgehen. »O, das kann ich eigentlich nicht sagen, Herr Leutnant,« warf er lebhaft ein und rieb sich die Finger, was ebenfalls eine Begleiterscheinung seiner Unterrichtsart war. Dabei hob und senkte er sich wieder auf seinen Sohlen. »Sie hat es eigentlich im Durchschnitt ganz gut bei uns, sie befindet sich sozusagen in angenehmer Stellung. Ich bin überzeugt, sie würde nicht gern das Haus verlassen.«

»So,« sagte Frank mit scheinbarer Verblüffung. »Darüber ist nie etwas aus ihr herauszukriegen. Aber vielleicht hält sie was ganz Besonderes zurück?«

Leichte Röte stieg in das Gesicht des Kandidaten, während er einige Bücher auf dem Tisch gerade schob. »Das entzieht sich meiner Kenntnis, Herr Leutnant,« erwiderte er ausweichend.

»Auf alle Fälle dürfen Sie stets auf meine Gegendienste rechnen, Herr Kandidat,« sagte Frank wieder und schickte sich nun zum Gehen an, denn wiederholt hatte Fröhlich die große silberne, kettenlose Uhr, aus der Westentasche geholt, auf die er zerstreut einen Blick warf. »Ich habe Ihre kostbare Zeit jedenfalls schon zu lange in Anspruch genommen.«

»O bitte, o bitte, keineswegs,« warf Fröhlich ein, der Franks Gedanken erriet. »Sie brauchen sich daran nicht zu stoßen, wenn ich so oft nach der Uhr sehe. Das geschieht ganz unbewußt, das ist so eine Angewohnheit während des Unterrichts, um zu sehen, ob es bald Zeit zu einer andern Lektion sei, das haben viele Schulmeister an sich.«

Frank lachte gutmütig. »Sie haben wohl noch einen weiten Weg bis zum hohen Lehramts-Olymp, wie?« fragte er dann, schon an der Türe.

Fröhlich kraute sich in seinem dünnen Bart. »Ich hoffe stark, Herr Leutnant, mich bald ~höherer~ Schulamtskandidat nennen zu dürfen.« Plötzlich aber packte ihn die Anwandlung, die gerade bescheidene Naturen zuweilen überkommt, wenn sie eine sie kränkende Sache nicht vergessen können. »Und ich gebe mich dabei der angenehmen Hoffnung hin, noch vor Methusalems Alter zu Amt und Würden zu kommen.«

Er lachte, und Frank lachte mit, aber wie jemand, der dazu gekniffen wird. Sofort aber erhielt er sein Gleichgewicht wieder. Mit einem großen Schwung reichte er ihm die Hand und sagte herzlich: »Na, dann viel Glück auf diesem Weg, Herr Kandidat! Ich scheide mit einem ›Auf Wiedersehen!‹«

Er verbeugte sich nicht mehr so gemessen, wie bei seinem Erscheinen, und ging, von Fröhlich bis zur Außentür begleitet.

Frau Rettig stand bereits auf der Lauer und brachte ihrem Mieter ein frisches Handtuch herein, um nebenbei ihre Neugier zu befriedigen. Da sie etwas kurzsichtig war, so hatte sie die Karte vorhin nicht lesen können, was sie schon längst lebhaft bedauerte.

»Ein schmucker Herr. Wohl ein neuer Schüler, Herr Kandidat? Der wird wohl gut zahlen können.«

Fröhlich ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, als wollte er die Zeit einholen, die ihm vorausgeeilt war. Endlich kam er doch zur Erkenntnis, nicht allein zu sein. »Es gehen große Dinge vor, meine beste Frau Rettig,« sagte er endlich. »Wenn Sie wüßten, wer das war! Ich muß aber Diskretion wahren.«

»So verschwiegen waren Sie ja selten.«

»Diesmal kann ich aus meiner Reserve noch nicht heraustreten, beste Frau Rettig. Haben Sie die Güte mir etwas frisches Wasser in der Karaffe zu bringen.«

Frau Rettig schnüffelte im Zimmer herum, indem sie hier und da etwas ordnete, die Nase aber immer auf den Sofatisch und auf die Kommode hielt, um die Visitenkarte zu entdecken. Sicher würde sie schon noch später dahinterkommen. Aergerlich räusperte sie sich sehr deutlich, griff zur Karaffe und schlürfte hinaus, Groll im Herzen gegen den Mann, dem sie so oft über schlechte Zeiten hinweggeholfen hatte.

Am andern Vormittag, als der Lateinunterricht gerade beendet war und der Kandidat auf einige Augenblicke nach dem hinteren Korridor ging, hörte er unterdrücktes Weinen. Schon vorher war ihm eine gewisse Aufregung nicht entgangen, die die Hausgeister in Bewegung setzte.

Frau Agathe hatte ihren kleinen Tobsuchtsanfall, der stets nach einem schlechten Schlaf besonders zum Ausdruck kam. Die Gesellschaft gestern war spät geblieben, und so hatte die Gnädige ihre nervösen Nachtstunden gehabt, in denen sie die Uhren bis zum frühen Morgen schlagen hörte, wie sie jammernd behauptete. Der Bankdirektor hielt das zwar stets für die Folgen des späten Genusses von Hummer, den sie nicht vertragen konnte, sie jedoch wollte davon nichts wissen, legte es ihm vielmehr zur Last, daß er Leute einlade, die niemals gingen.

Die Tür zu Fräuleins Zimmer stand offen, und da niemand zu sehen war, wagte er es, einen Blick hineinzuwerfen. Das Weinen kam von Fanny, die vor dem Kommodenspiegel am Fenster stand und sich mit dem Taschentuch die Augen trocknete. Alles war schon sauber im Zimmer, auch die Bettchen der Kinder waren gemacht, die nun wieder hier schliefen, augenblicklich aber bei ihrer Mama vorne waren.

Fröhlich war so betroffen, daß er den Mut fand, leise hineinzusprechen. »Was ist Ihnen denn, Fräulein? Ist etwas Schlimmes passiert?«

Sie kam näher. »Guten Morgen, Herr Kandidat. Sprechen Sie nur nicht darüber. Es ist ja weiter nichts. Es hört uns doch niemand?«

Und als er verneinte, vertraute sie ihm rasch ihre kleinen Schmerzen an. Sie hatte etwas Schnupfen, und sofort war von Frau Roderich darin wieder eine Ansteckungsgefahr gesehen worden. »Wissen Sie, was sie gesagt hat? Ich hätte die Kleinen nicht ankleiden dürfen. Jetzt ist sie gerade dabei, ihnen die Haare zu machen. Es ist alles nur Einbildung von ihr. Seit einigen Tagen chikaniert sie mich. Ich werde aber nun alles meinem Bruder schreiben, denn Mama glaubt es mir doch nicht.«

Fröhlich beruhigte sie lächelnd, denn er fand die ganze Sache etwas komisch. »Ach, tun Sie das nur nicht,« fügte er hinzu, als er sofort an das gestrige Erlebnis dachte. »Sie müssen so etwas nicht zu tragisch nehmen und alles mit der Nervosität der Frau Bankdirektor entschuldigen. Nach einer halben Stunde ist sie wieder anderer Meinung. Also Köpfchen in die Höhe!«

Noch mit gerötetem Gesicht zeigte sie ihr erstes Lächeln. »Ihr Trost soll mich auch diesmal stärken,« sagte sie dann. »Jedenfalls danke ich Ihnen. Nun aber rasch fort, sonst wird eine neue Verschwörung entdeckt!« Sie reichte ihm die Hand und eilte dann wieder ans Fenster, weil Stimmen laut wurden.

Kandidat Fröhlich beglückt von ihrem warmen Druck, wollte sie schnell noch weiter trösten. »Harren Sie nur tapfer aus, liebes Fräulein! Sie werden bald etwas erleben, was Sie mit großer Befriedigung erfüllen wird.«

Er konnte nur noch ihr verblüfftes Gesicht sehen, denn Kornelia kam herangeeilt. Fröhlich war schon wieder auf dem Korridor, sie hatte ihn aber doch aus dem Zimmer kommen sehen, begrüßte ihn freundlich und reichte ihm die Hand, die der Kandidat an seine Lippen zog; dann raunte sie ihm zu: »Hübsch den Mund gehalten über gestern. Herr Leutnant Frank hat mir bereits alles geschrieben. Ich werde mich auch revanchieren und mal die Kleine drin ein wenig aushorchen.«

Fröhlich verstand sie. »O wenn Sie das könnten, gnädiges Fräulein ... Ich bin nämlich ein bißchen --.«

»Schüchtern, weiß schon, weiß schon,« vollendete sie seinen Satz. »Nehmen Sie sich nur vor Mama in acht! Solche Unterrichtsstunden sieht sie nicht gern.« Sie wies auf die noch immer geöffnete Tür, wobei Fröhlich eine stumme Betrachtung machte. Dann hielt er es für besser, zu seinem Schüler zurückzukehren.

»Ich habe schon wieder das Allerneueste gehört,« sagte Kornelia, als sie zu Fanny ins Zimmer getreten war. »Ich habe mit Mama tüchtig gezankt. Es ist ein geradezu krankhafter Zustand von ihr, überall Gefahren zu sehen. Es wird Zeit, daß Papa einmal ordentlich dazwischen fährt. Es soll sich alles ändern, Sie arme Kleine, Sie!«

Gern hätte sie ihren Gefühlen mehr Luft gemacht, aber so konnte sie ihre Güte und Freundschaft nur durch einen Kuß auf die Stirn beweisen.

Fanny war durch diese herzliche Teilnahme so überrascht, daß sie gar nichts zu sagen vermochte. Ein anderer Gedanke bewegte sie auch viel stärker. »Ist Herr Fröhlich schon fort? Es war mir recht peinlich, daß er den Kopf hier hereinsteckte. Das gibt dann wieder zum Reden Veranlassung. Aber er ist ein so guter Mensch.«

Kornelia lächelte. »Ja, das ist er. Peinlich ist's Ihnen wohl auch nur, weil's hier im Hause geschieht, wie?«

»Aber Fräulein Neli! Wie können Sie so etwas sagen! Ich sehe schon, jetzt komme ich auch bei Ihnen in Verdacht.«

»Aber nein, nein, meine Kleine. Einmal müssen wir Mädchen doch unser Herz entdecken. Haben Sie noch niemals diesen Versuch gemacht?«

Fanny blickte sie starr an, als hätte sie etwas Entsetzliches gehört. Dann aber dämmerte es ihr. »Mit Herrn Fröhlich wohl? Weil ich neulich mit ihm im Zo zusammengesessen habe? Wahrhaftig, ich war unschuldig daran! Es war der reine Zufall. -- Nun schwant es mir erst. Nein, was man alles erlebt!«

Sie wollte lustig sein, aber es gelang ihr nicht. Das Lachen blieb ihr in der Kehle stecken, denn es würgte etwas in ihr, was ihr die Augen wieder klein machte, als drängten sich aufs neue Tränen hervor. Der Ernst erstickte die Heiterkeit, und so bot sie ein rührendes Bild der Unbeholfenheit, wie oft bei jungen Mädchen, die man auf Gefühle gebracht hat, über die sie sich im Augenblick noch gar nicht klar sind.

»Aber deshalb weint man doch nicht,« ermahnte sie Kornelia liebevoll, zog sie an sich und streichelte ihr die Wange.

»Es ist ja vielleicht dumm von mir, Fräulein, aber mir geht das alles nahe. -- Ich weiß ja nicht --. Ich kann Ihnen nur sagen, mein Kopf ist ganz wirr. Ich kenne mich selbst nicht. Am liebsten möchte ich laut heulen.«

»Um Himmelswillen, es ist schon genug Skandal im Hause ... Na, jetzt lachen Sie wieder. So ist's recht. Tränen sind ein Bad, das nur häßlich macht.«

Fanny lachte wirklich, denn eigentlich war sie nicht mehr traurig gestimmt; nur Verlegenheit hatte sie grimmig gemacht. So war sie auch schon in ihrer Familie gewesen: wenn sie sich über sich selbst ärgerte, kam die Salzflut, die ihre frischen Wangen badete.

Kornelia sagte sich, daß in einem solchen Falle die Ertappte sich innerlich austoben müsse, und so entfernte sie sich wieder mit einigen letzten Scherzworten. Sie war zufrieden mit ihrem ersten Forschungsversuch, und so wollte sie abwarten, wie sich weiter die Augen Fannys öffnen würden.

Bisher ahnte sie nicht, was ihre Mutter bewog, die Haustyrannin gegen Fanny zu spielen.

XIII.

Seitdem Frau Roderich Rudis obendrein noch sehr entstellten Bericht über das »zoologische Ereignis«, wie er es boshafterweise nannte, entgegengenommen hatte, war ihr Groll gegen Fräulein bis zum Siedepunkte gestiegen. Sie zweifelte nicht mehr daran, daß der Kandidat den schönen Mittagstisch und die darauf folgenden Stunden nur auf Fannys Wunsch aufgegeben habe, damit sie sich beim Ausführen der Kinder mit ihm treffen könne. Fröhlich war für sie nur der Verführte, der sich in seiner schüchternen Unschuld durch die glatte Larve hatte betören lassen.

»Sie gampelt nur nach einem Mann,« ließ sie sich hinreißen, zu ihrem Sohne zu sagen. Und Rudi steckte wieder die Miene des Talmi-gentlemans auf, klemmte das Glas ein, pfiff erst vor sich hin und erwiderte verständnisvoll: »Sache, Mama! Da wird sie auch was Rechtes kriegen. Glaub ich noch nicht einmal. Sie will nur ihre Poussade haben. Hättest Du das von diesem kleinen Ding geglaubt? Schon ganz hübsch ausgewachsen. Entwickelt sich vielleicht noch zur Asphaltpflanze.«

In einer andern Stimmung hätte die Frau Bankdirektor ihm vielleicht ein »Pfui!« entgegengehalten. Da jetzt aber ihre verletzte Eitelkeit stark dabei beteiligt war, rügte sie nur sanft diesen Ausdruck und verbot ihm, ihn jemals in ihrer Gegenwart zu wiederholen. Sie fühlte sich selbst dadurch beleidigt, weil sie die Wahl für ihre Kinder getroffen habe; er möchte in dieser Beziehung überhaupt etwas vorsichtig sein.

Rudi lenkte sofort ein und gebrauchte die Ausrede von den »Berliner Redensarten«, die man so schwirren lasse, ohne sich viel dabei zu denken. Die Hauptsache für ihn war, daß er durch diese neueste Wendung eine gewisse Befriedigung empfand. Fanny erschien ihm jetzt begehrenswerter, noch reifer für seine heimlichen Schliche, eigentlich auch viel interessanter dadurch, daß sie sich so offen zu dem Kandidaten bekannte.

Er konnte zugleich gegen zwei Feinde kämpfen und seine Galle langsam in ihr Glück tröpfeln. Nach dem Sprichwort, daß Müßiggang aller Laster Anfang sei, empfand er die Freude des Zerstörers, der gerne Menschen auseinanderbringt. Wenn ~er~ nur dabei auf seine Kosten käme, alles übrige sollte ihn wenig kümmern.

Innerlich war Frau Roderich weniger entrüstet über die Auffassung ihres Sohnes. Ihr schiefes Urteil ging wieder mit ihr durch, ihre Wahnvorstellungen zerflatterten ins Riesenhafte, und so war sie nur zu sehr geneigt, Fanny alle schlechten Eigenschaften anzudichten. Und das war ihr holder Selbstbetrug, der ihr genügend Entschuldigung für Ausübung ihrer Tyrannei gab. Und da Rudi merkte, daß es in ihr gärte, so nutzte er die Gelegenheit wieder aus.

»Wenn Dir daran liegt, Mama, daß sich die beiden da nicht treffen sollen, dann hätte ich einen Ausweg,« sagte er großartig. »Pump mir aber erst zehn Mark, ich gebrauche sie notwendig.«

»Wann wird das mal mit Dir aufhören,« stieß sie ärgerlich hervor, faßte aber schon in die Tasche und gab ihm das Gewünschte. »Hier, ich will noch einmal milde sein. Sprich nur nicht immer von ›Pumpen‹, ich schenke es Dir schon lieber.«

»Schick doch Fräulein immer vormittags nach dem Zo, dann wird die Freude zu Wasser!«

Richtig, daß sie daran noch nicht gedacht hatte! »Schade, daß Du zu nichts Lust hast,« sagte sie, milde gestimmt. »Gute Einfälle hast Du, das muß man Dir lassen.«

An diesem Montag machte sie gleich den Anfang damit. Sie klingelte und ließ Fräulein kommen, denn inzwischen hatte sie selbst eingesehen, wie töricht ihre neue Ansteckungsfurcht wieder war. Es war ihr auch hauptsächlich darum zu tun gewesen, Fanny ihre Allgewalt zu zeigen.

Malerisch hingegossen lag sie auf ihrem türkischen Ruhebett, in der rechten Hand den neuesten Moderoman, in dem der Zeigefinger als Lesezeichen steckte. Diese Beschäftigung sollte stets einen guten Eindruck machen, sobald sie jemand empfing, mit dem sie nicht große Umstände zu machen brauchte. Leider steckte diese geistige Nahrung stets in einem Gewande, das mit der peinlichen Toilette der Hausherrin im schreiendsten Widerspruch stand. Trotzdem der Bankdirektor nichts dagegen gehabt hätte, wenn seine Gattin die neuesten literarischen Erscheinungen durchaus tadellos beim Buchhändler gekauft haben würde, zog es Frau Roderich vor, ihre Lieblingsschriftsteller aus der Leihbibliothek zu beziehen. Und so hatte sie auch jetzt ein dickes Stück Literaturware in ihren zarten Fingern, das entschieden schon durch zahllose Hände gegangen war und einen derartig befetteten und beschmutzten Einband zeigte, daß jeder Gesundheitsgelehrte aus Gründen der Uebertragung von Mikroben seine warnende Stimme dagegen erhoben hätte.

Frau Agathe nahm jedoch daran keinen Anstoß, denn sie folgte nur dem großen Zuge der Zeit, der die Früchte der Bildung so billig als möglich genießen möchte, alles Unreine am eignen Körper verdammt, durchaus aber nicht wählerisch ist, sobald es sich um fremde Werte handelt. In dieser Beziehung hatte für sie ein derartiges Buch, in dem auch die Seiten bereits klebrig waren, viel Aehnlichkeit mit dem Gelde, dem gleiche üble Eigenschaften anhaften, und das man anstandslos entgegennimmt.

Heute roch es im Boudoir mehr denn je nach »Orient«, es schien sogar nach allen Wohlgerüchen Arabiens zu duften, unter denen das Rosenöl sich wieder besonders bemerkbar machte.

Schneeiges Weiß mit zartblauen Andeutungen umrauschte in luftiger Fülle die Gnädige, sobald sie dem üppigen Körper eine neue Lage gab, was bei ihrer großen Unruhe mit jedem Minutenwechsel geschah. Sie legte die Falten kunstgerecht, wie ein geschicktes Modell, das den Meister erwartet, ordnete die Spitzen des Saumes solange, bis der gestickte Morgenschuh kokett sichtbar war, und reckte den bepuderten Arm mit Anstrengung aus dem weiten Aermel heraus, damit die blendende Rundung sich endlich vorteilhaft zeige. Wiederholt griff sie zum Handspiegel, um dieses göttliche Haustheaterbild mit befriedigtem Lächeln zu bewundern. Dann schüttelte sie das künstlich getollte Haar, das sie um diese Zeit noch aufgelöst trug, mit einer kühnen Hauptbewegung nach hinten, stützte den Kopf in die Linke und gab mit der Rechten dem Buche, das sich wie ein dunkler Fettfleck auf dem duftigen Morgenkleide ausnahm, die alte Lage.

Das Stichwort konnte kommen.

Es herrschte kühle Dämmerung im Zimmer, denn die Seidenvorhänge waren dicht zugezogen, weil morgens die Sonne auf dieser Seite stand. Nur mit einem schwachen Leuchten drang sie durch und ließ das gemusterte Rot sanft erglühen, so daß ein Schein davon das Antlitz der Ruhenden traf und künstliche Lebensglut auf ihre Wangen malte. Das wußte Frau Agathe, deshalb lag sie so gern des Vormittags hier, wenn sie empfing und Hausbefehle erteilte.

»Aeffi, kusch dich! ... Kinder, seid ein wenig still!« fertigte sie den Pintscher und die Kleinen zu gleicher Zeit ab. Das Hündchen, hübsch zurechtgemacht wie seine Herrin, heute rosa garniert, lag wie gewöhnlich mollig in seinem Polsterpfühl, um dessen oberen Korbrand eine grelle Stickerei lief. Es hatte sich plötzlich gemeldet, weil es eine verirrte Fliege nicht loswerden konnte.

Hans und Trudchen hockten im äußersten Winkel, eingeschüchtert durch die Mutter, deren verändertes Wesen sie heute nicht begriffen. Die Händchen im Schoß, neugierig die Augen auf das Ruhebett gerichtet, machten sie fast den Eindruck kleiner, verkümmerter europäischer Pflanzen, die in einem fremden Erdteil versetzt sind und die neue Luft nicht vertragen können. Selten kamen beide hier herein, und dann ging der Blick voll Scheu stets in der Runde herum, weil sie niemals etwas berühren oder anfassen durften. So waren diese fremden Herrlichkeiten etwas für sie Totes, das ihre Spielsucht nicht erwecken konnte.

Mit kläglicher Miene schauten sie nach der Tür, denn sie hatten gehört, daß Fräulein kommen sollte, und so befürchteten sie fast Strafe für etwas, das sie noch nicht kannten; namentlich hatte Hans dieses unsichere Gefühl, denn seine Mutter hatte ihn vorhin, als sie ihm unsanft die Haare scheitelte, sich die Zunge zeigen ließ und Stirn und Händchen auf Hitze prüfte, auch danach gefragt, was der Herr Kandidat neulich im Zoologischen Garten wohl gemacht habe, und dabei hatte sie wirklich herausgebracht, daß Fröhlich zum zweiten Male erschienen war. Fortwährend waren ihm dabei die Hände voll Sand eingefallen, die er Fröhlich, unter der Bank herumkriechend, auf die Stiefel geworfen hatte. Und so witterte er die fürchterliche Zeugenschaft Fräuleins dafür.

Dann trat Fanny ein und machte einen kleinen Knicks, weil die Gnädige diese Begrüßung von Anfang an gern gesehen hatte.

»Frau Bankdirektor haben mich gewünscht.«

»Ich bin gar nicht mehr zufrieden mit Ihnen, Fräulein.«

»O, das tut mir sehr leid, gnädige Frau, ich bin mir wirklich nichts bewußt.« Ihre Augen gingen auf die Kleinen, die sich plötzlich untergeärmelt hatten und sich dicht zusammenschmiegten.

Frau Roderich ließ mit Absicht sanft das Buch auf den Teppich gleiten, was Fanny veranlaßte, es ihr mit Eifer wieder zu überreichen.

»Legen Sie es nur dort hin, auf den Büchertisch!« Kein Wort des Dankes kam über ihre Lippen, aber mit einem großen Kennerblick umfaßte sie die schlanke und schmiegsame Figur Fräuleins. Und dabei war es ihr, als hätte sie niemals das junge Mädchen so lieblich gesehen. Sie wußte aus ihren Jugendträumen, die schon lange der Vergangenheit angehörten, daß die Liebe verschönt, und so schloß sie aus den roten Wangen Fannys auf eine derartige Umwälzung des Gemütes.

Aber sie wollte sich das auslegen, wie es ihr paßte, und so forschte sie plötzlich: »Sie sehen ja so erhitzt aus, ganz rot um die Augen. Es wird doch nicht wieder rückfällig mit Ihrer Krankheit sein?«

Fanny lächelte sorglos. »Aber, gnädige Frau, ich versichere Sie, mir ist völlig wohl, ich bin nur ein bißchen verschnupft, ich habe mich gestern beim Baden ein wenig erkältet. Aber das ist gar nicht von Bedeutung. Wegen der Kinder brauchen Sie wirklich nichts zu befürchten.«

»So. Nun, diesmal will ich Ihnen glauben. Reichen Sie mir doch das Riechfläschchen von dort her, das kleine japanische!«

Auch diesmal beeilte sich Fanny und wählte das richtige aus dem Dutzend Fläschchen, die in allen möglichen zierlichen Formen, teils aus Kristall, teils mit Gold und Farbe bepastet, auf einem kleinen Wandbrettchen unter dem hängenden Seidenbaldachin standen.

Abermals kam kein Dankeswort, aber mit geschlossenen Augen und tiefem Behagen, gleich einer Odaliske, die sich betäuben möchte, sog Frau Agathe den scharfen Duft ein. Dann taute sie allmählich wieder auf. Die Augen waren ihr übergegangen, und so sagte sie mit verschwommenem Blick: »Jetzt die Hauptsache. Es paßt mir nicht, daß mein Hausfräulein bei ihren Ausgängen in meinem Dienst die Zudringlichkeiten von Männern entgegennimmt.«

»Aber, gnädige Frau --!« Es klang wie ein Schrei der Entrüstung, der sich ihr entrang.

»~Was~ wünschen Sie?« kam gedehnt die Frage. Frau Agathe vergaß ganz ihre schöne plastische Lage und erhob den Oberkörper etwas schief. Herausfordernd sah sie ihr Fräulein an, und etwas wie Genugtuung sprach aus ihren Augen, da ihre Welkheit durch die starke Ermunterung aus dem Fläschchen vorübergehend gewichen war.

»Ist es nicht so? Sie werden sich doch nicht etwa verteidigen wollen?«

»Das ist mein gutes Recht, gnädige Frau!« Trotzdem sich ihr ganzes Inneres gegen diese Beleidigung aufgebäumt hatte, kämpfte sie mit Tränen. Ihr umflorter Blick richtete sich abermals auf die Kleinen. »Frau Bankdirektor, ich bitte Sie --, die Kinder! Was sollen sie davon denken!«

»Die denken noch gar nichts, aber ich möchte sie vor dem frühzeitigen Zuklugwerden bewahren.« Sie besann sich rasch. »Geht ins Nebenzimmer! Hier habt Ihr was zu naschen!« Sie warf ihnen aus ihrer silbernen Chokoladendose die Reste zu, und sofort rasselten die Rohrstäbe des Türvorhanges.

Frau Agathes Körper zerfloß wieder in schönen Linien. Sie heuchelte Ruhe, trotzdem das kleine Raubtier in ihr sich unbändig regte, was sie dadurch bewies, daß sie die Finger mit den blitzenden Brillanten unwillkürlich krallte und dann wieder spreizte. Ihre Brust ging in vollen Wogen, und der Ellbogen, mit dem sie das teure Haupt stützte, geriet ins Wanken.

»Wenn Frau Bankdirektor die Zudringlichkeiten Ihres Herrn Sohnes meinen,« fuhr Fanny erregt fort, »dann kann ich mit Beruhigung dienen. Ich habe ihm deutlich zu verstehen gegeben, was ich davon halte.«

»Lächerlich! Mein Sohn denkt gar nicht an Sie, der hat andere Dinge im Kopf. Und wenn er mal einen Scherz macht, dann hält er sich jedenfalls in den nötigen Grenzen. Ueberdies können Sie das immerhin als Auszeichnung betrachten. Gestorben sind Sie doch davon nicht, wenn er mal mit Ihnen plauderte. Na, und sehen kann man sich auch mit ihm lassen. Die Schuld lag doch immer an Ihnen.«