Familiensklaven

Part 11

Chapter 113,724 wordsPublic domain

»Ich wollte ihn nicht böse machen, aber ich werde mich jetzt danach richten, gnädige Frau.«

»Sie haben sich nach wie vor taktvoll gegen ihn zu benehmen.«

»Gewiß, gnädige Frau, das tu ich immer.« Sie fühlte, wie ihr ganzer Körper erschüttert war unter dieser Schwere unverdienter Vorwürfe. Aber sie bezwang sich und unterdrückte alles Heiße, das ihr nach oben drang.

»Bewahren Sie diesen Takt nur gegen andere, Fräulein,« fuhr Frau Roderich fort, »dann wird sich niemand mehr freuen, als ich!« Unter ihre bitteren Pillen wollte sie die Milde mischen, und so zwang sie sich zu einem Lächeln, aber sogleich folgte wieder der saure Trank. »Damit Sie diese gute Lehre niemals vergessen, wäre es mir lieb, wenn wir den Hausplan änderten. Ich bin dafür, daß Sie die Kinder schon vormittags nach drüben führen, und zwar so, daß Sie zu Tisch wieder zu Hause sind.«

»Wie Sie es wünschen, Frau Bankdirektor.«

Und mit Betonung fügte Agathe hinzu: »Ich wollte das schon längst so machen. Der Herr Kandidat hat dann auch viel mehr Ruhe zum Unterricht.«

Um Fannys Lippen zuckte es. »Ich verstehe sehr wohl, was gnädige Frau damit meinen, aber ich kann die Versicherung abgeben, daß ich nichts Aergerliches dabei empfinde. Frau Bankdirektor werden wohl selbst wissen, daß der Herr Kandidat ein Ehrenmann ist, der niemals etwas Unrechtes tut.«

»Gerade, weil ich das weiß, möchte ich ihn vor Verirrungen bewahren,« sagte Frau Roderich scharf, während unter den nun wieder müden Augen ein leichtes Blitzen hervorschoß.

»Bei mir verirrt sich niemand, gnädige Frau, nicht in dem Sinne, wie Sie es meinen. Mein Vater war Offizier, und mein Bruder ist es noch. Frau Bankdirektor wollen daraus die Schlüsse auf mich ziehen. Es darf eigentlich niemand zu Hause wissen, wie ich hier behandelt werde.«

Es reckte sich etwas in ihr, was sie bisher nie gekannt hatte. Das Soldatenblut regte sich, alle die geraden Lehren ergriffen sie, die sie von frühester Jugend im Hause empfangen hatte. Kraftvoll und gerade stand sie da, den Blick furchtlos auf die Tyrannin gerichtet, und sie empfand, wie noch andere Worte sich ihr auf die Lippen drängten.

Frau Roderich kniff den Mund zusammen und verschluckte klug das, was sie eigentlich hätte sagen müssen, um diese kleine Rebellin aufs neue zu demütigen. Aber sie empfand, daß sie damit doch keine Bändigung ausrichten würde, vielmehr Unabsehbares heraufbeschwören könnte. Und so lenkte sie mit süßlicher Miene ein. »Schlecht behandelt? Aber Kindchen! Sie werden doch meine guten Vorhaltungen nicht mißverstehen? Nein, das dürfen Sie nicht; das würde mir schrecklich leid tun! Sie stehen doch sozusagen auch unter meinem -- Schutz.« Sie wollte »mütterlichen« sagen, unterdrückte aber schnell das unbehagliche Wort.

Fanny, rasch erfreut durch diese Wendung, ließ sich täuschen. »Das weiß ich auch zu schätzen, gnädige Frau.«

»Das freut mich. Es ist mein Wunsch, daß diese Unterredung unter uns bleibt.«

»Gnädige Frau können davon überzeugt sein. Ich trage nie etwas aus dem Hause, in dem ich Vertrauen genieße.«

»Das gefällt mir an Ihnen. Nun, bitte, gehen Sie mit den Kindern. Lassen Sie aber vorher erst für Frühstück sorgen!«

Fanny machte wieder einen Knix und ging. Als sie ins Speisezimmer trat, kam ihr Kornelia entgegen, die, ihr Skizzenbuch in der Hand, zum Ausgehen bereit war. »Was war denn jetzt wieder los?« raunte sie ihr zu. »Ich habe nicht alles verstanden. Ich kann Mama nur bedauern ... Ich hörte, daß Sie jetzt schon in den Zoologischen sollen. Das macht sich gut, denn ich will auch hinüber. Wir treffen uns bei den Raubtieren. Ich habe Ihnen manches zu sagen.«

Und sie eilte schnell davon, während Fanny mit den Kindern nach hinten ging, um zum Aufbruch vorzubereiten.

Im Korridor stürmte Emma an ihr vorüber, denn laut und schrill war das Klingelzeichen der Gnädigen wieder erschallt. Diesmal hatte sie den Wunsch, den Kandidaten zu sprechen, und zwar sogleich, weil sie es für möglich hielt, daß Fanny noch vor ihrem Fortgehen mit ihm zusammenstoßen könnte. Er hätte ihr etwas anmerken können und würde sie vielleicht verleitet haben, ihm die Wahrheit zu sagen. Und Frau Roderich hatte ihre Gründe, das zu verhindern.

Als Fröhlich die Nachricht erhielt, war er gerade mitten in der Geographie. Stets bestrebt, seinen Schüler niemals stille sitzen zu lassen, gab er ihm rasch eine kleine Aufgabe und prüfte dann durch einen flüchtigen Blick im Spiegel seine Erscheinungsfähigkeit. Er war verdrießlich über die Störung, noch mehr aber darüber, daß sie gerade von der Hausherrin ausging. Seit einigen Tagen hatte er sein seelisches Gleichgewicht wiedererlangt und sich in der stillen Freude gesonnt, daß Frau Roderich ihre seltsamen platonischen Neigungen ein für allemal zurückgeschraubt haben werde.

In der Tat hatte sie sein Fortbleiben vom Tisch nur kurz mit einigen Worten des Bedauerns berührt und dabei nichts in ihrem Wesen gezeigt, woraus er auf eine Unfreundlichkeit gegen ihn hätte schließen können. Er hatte nur flüchtig von Walter gehört, daß seine Mama ihren Gesang des Nachmittags ruhig fortsetzte, allerdings nicht mehr in der Ausdehnung, wie zuvor; sie habe aber trotzdem befohlen, daß man sie nicht stören dürfe, und sei einmal sehr ärgerlich geworden, als Rudi darauf keine Rücksicht genommen habe. Der älteste Bruder habe sich dann zu ihm sehr lustig darüber gemacht, weil ihm aufgefallen sei, daß immer noch der Stuhl für den Kandidaten am Klavier bereit stehe, gerade so, als müßte er jeden Augenblick wieder Platz darauf nehmen.

Fröhlich hatte das in Gedanken etwas verrückt gefunden, dann aber doch mit heimlichem Grauen daran gedacht, er könnte eines Tages wieder als Opferlamm zur musikalischen Folter geschleppt werden, und zwar in einer Weise, die kein Widerstreben duldete.

XIV.

Als er eintrat und sich zur Begrüßung höflich verbeugte, empfing ihn Frau Roderich mit einem verheißungsvollen Lächeln. Ihre innere Wut über Fanny war verflogen, denn nun glaubte sie durch den Anblick des Verehrten reichliche Entschädigung für ihren Abfall zu haben. Rasch hatte sie inzwischen wieder den Handspiegel zu Rate gezogen, war mit der Puderquaste über die edlen Züge gefahren und hatte mit dem zarten Spitzentaschentuch um die Mundwinkel nachgeholfen, um die gefärbten Lippen, die so knospenrot leuchteten, durch keinen weißen Strich getrübt zu sehen. Noch immer durchglühte die Sonne den Vorhang, und so lag die schöne Frau da wie ein weißes Marmorbild auf einem jener Sarkophage, die geheimnisvolles buntes Licht durch versteckte Scheiben empfangen und durch das Spiel der Sonnenstrahlen die Täuschung des Lebens erwecken.

Frau Agathe lebte allerdings, und das bewies sie dem Kandidaten sogleich durch das holde Oeffnen ihrer Lippen und durch den sanften Wink mit der lässig erhobenen Rechten.

»Treten Sie doch näher, Herr Kandidat, und nehmen Sie ein Weilchen Platz -- nicht dort, hier, bitte. Das Sprechen wird mir heute etwas schwer. Es ist gewiß einmal eine Erholung für Sie, den Unterricht angenehm zu unterbrechen. Unser Walterchen wird ja doch noch klug genug.«

Trotzdem sie vorher in einer hysterischen Anwandlung zu Fanny fast geschrieen hatte, tat sie jetzt so, als könnte sie die Worte nur mit Anstrengung über die Lippen bringen. Sie wußte, daß eine derartige Ermattung manchmal gut kleidet und auf schwermütige Naturen, zu denen sie den Kandidaten rechnete, ihre Wirkung nicht verfehlt.

Neben dem Ruhebett stand ein runder Seidensessel ohne Lehne, auf den sie gedeutet hatte. Und so trat Fröhlich zögernd näher, mit den Gefühlen eines armen Mannes, dem man eine saure Frucht dargeboten hat, die er aus Höflichkeit genießen muß, ohne den Geschmack zu verraten.

Er nahm Platz, den Schreck noch in den Gliedern, der ihn steif und unbeholfen machte. Nicht gewöhnt, auf solchen niedrigen, weichen Pfühlen zu sitzen, was ihm immer wie eine gesellschaftliche Kunst erschienen war, die man erst lernen müsse, wußte er nicht recht, wo er die langen Beinen lassen sollte, und so standen sie etwas schief, so daß die herausgedrückten spitzen Kniee oben zusammenstießen; und die Hände lagen gespreizt auf den Oberschenkeln. Die Flügel des schwarzen Taillenrockes jedoch, der mit seinem pastoralen Anstrich so gar nicht in diese bunt schillernde Umgebung von Tausend und eine Nacht paßte, hingen trostlos auf den türkischen Teppich hinab, als sollten sie die Trauer im Gemüte ihres Besitzers andeuten.

Trotzdem der Kandidat mit Vorliebe dunkel gekleidet ging, trug er stets tadellose Anzüge, wie es sich für ein vornehmes Haus gehörte, und dazu blendend weiße Wäsche, auf deren gestärkten Zustand er besonderes Gewicht legte; auch um einwandsfreie Krawatten war er stets besorgt. Da er überdies einen sehr reinen Teint hatte, »durchgeistigten«, wie Frau Agathe wiederholt behauptete, und da sein schönes braunes Haar in natürlichen Wellen sorgsam geordnet war, so gehörte er zu den Menschen, die auf die Dauer unbedingt fesseln müssen, trotzdem man sich gegen das Düstere in ihrer Erscheinung zuerst gesträubt hatte. Seine Hände und Füße waren auffallend klein, und die letzten steckten in durchaus modernem Schuhwerk, das ihre Zierlichkeit noch mehr hervortreten ließ.

Während sich Frau Agathe mit einigen nichtssagenden Worten nach den Fortschritten Walters erkundigte, betrachtete sie ihn mit gnädigem Wohlgefallen. Das Wort »Familiensklave« schoß ihr durch den Sinn, und so knüpfte sie daran eine Gedankenkette, die sich um Fröhlich schlang. Dieser Mann, der des Hauses Brot aß, hatte ihre Herrschernatur verletzt, und so sollte er wieder das Knie beugen und, Verzeihung erflehend, zu den alten Spielen zurückkehren. Es gab auch Frauensklaven, die sich lustig in der Gesellschaft herumtummelten und auf einen Wink gehorchten (der Bankdirektor nannte sie »Salongeschmeiß«), die der Frau vom Hause niemals von der Seite gingen, ihr die Schleppe geistig nachtrugen, jedes Wort aus ihrem Munde wie eine Offenbarung anerkannten, stets bereit waren, kleine Gefälligkeiten zu erweisen und auf den Tag der Erfüllung ihrer Sehnsucht hofften, der aber niemals kam. Im Grunde genommen waren sie die lebende Salontapete, die sich jeder freigebige Hausherr leisten konnte.

Und in der Villa Roderich gab es an den Winterabenden, wo sämtliche Räume in einem Lichtmeer schwammen, ein ganzes Rudel solcher männlicher befrackter Sklaven, die sich alle angenehm verschworen zu haben schienen, einen Blick der üppigen Sirene zu erhaschen, oder sich im Beifallklatschen zu überbieten, sobald sie am Bechstein saß und die Ueberreste ihrer Stimme mit Anstrengung zusammenhielt. Größtenteils waren es junge, unverheiratete Prokuristen aus der Bank, oder kleine ledige Bankiers, denen daran lag, über die Hausherrin hinweg sich die Freundschaft ihres mächtigen Mannes zu erhalten. Dazwischen tummelten sich junge Künstler, Bildhauer und Maler, die danach gampelten, eine Büste oder ein Porträt der Gnädigen vom Gastgeber bestellt zu bekommen. Beim kalten Buffet, das Sektglas in der Hand, wurde Stimmung dafür gemacht, in so lauten Schönheitsanerkennungen, daß dem Bankdirektor ganz Angst wurde bei dieser Fülle von Eigenschaften, die er selbst an seiner Frau noch nicht entdeckt hatte.

Dann hieß es in den gehörigen Abstufungen und mit Rücksicht auf die Gelegenheit dazu: »Gnädige Frau sind heute wieder von einer Frische -- bezaubernd! Ich wollte, ich könnte diese Farben einmal auf meiner Palette haben ..... Gnädige Frau haben einen Hals zum modellieren, geradezu klassisch. Wann darf ich auf die erste Sitzung hoffen?« Und ein besonders kecker Atelierzigeuner, der dafür bekannt war, alles auf eine Karte zu setzen, sagte unverwüstlich: »Also abgemacht, Frau Bankdirektor, nächsten Sonnabend geben Sie mir die Ehre. Die Leinwand steht schon auf der Staffelei. Ich male Sie als Königin der Nacht. Die Blüte, die sich öffnet, sind Ihre Lippen, die den Gesang entströmen lassen.« Sofort raunte ihm ein anderer witzig zu: »Wenn sie doch nur einmal im Jahre singen wollte!«

Später, im Café, wenn die Beruhigungsschwarze getrunken wurde, hieß es dann: »Aufgetakelt war sie wieder und angestrichen, wie die schönste Kalkwand.« ... »Ich bin ordentlich froh, daß ich sie nicht zu malen brauche.«

Frau Roderich kannte diese Sorte und wußte, was von ihrem Lob zu halten war. Deshalb versprach sie jedem etwas und hielt keinem nichts. Sie aßen und tranken sich alle durch und steckten obendrein noch die echtesten Zigarren ein, die berühmte »Eine«, die auf dem Nachhausewege reichen sollte, sich jedoch verdoppelte und verdreifachte. Aber es waren fidele Gesellschafter, die den Abend verkürzten, und da man sich gegenseitig durchschaute, hatte man sich nichts vorzuwerfen.

Fröhlich war von anderer Art, vom Zauber gesellschaftlicher Unkenntnis umwoben, noch ungetrübt von der Doppelzüngigkeit dieser Welt, mit einem Stich ins Naturburschenartige, das von der Kulturlüge noch nicht beleckt war. Er hatte noch die großen Ideale im Herzen, die die andern eigentlich nur auf den Lippen führten; er strahlte Sonne aus, die andern nur elektrisches Licht. Sie verglich ihn mit einem Spielzeug, das noch Harzgeruch ausströmte und nicht wie das übliche öde angestrichen und bunt bewimpelt war. Was er sagte, konnte nur ~einer~ Frau gelten, die vielköpfige Salontapete schwatzte es hundert andern ins Gesicht.

Ihre ewig regen Gelüste sehnten sich nach einem solchen süßen Sklaven, der ihr wie Wachs durch die Finger gleiten würde, und ihrer Ansicht nach durfte Fröhlich nur von Glück sagen, wenn sie ihn dazu erhöbe.

»Wir sind uns eigentlich recht fremd geworden, ich sehe Sie gar nicht mehr, mein Bester,« sagte sie mit ihrem schönsten Lächeln.

»Aber ich bitte, gnädige Frau --,« wandte er verlegen ein. »Ich bin den ganzen Vormittag fleißig beim Unterricht, und da überdies die bekannte Veränderung eingetreten ist.«

»Leider, leider,« stieß sie seufzend hervor. »Daß Sie mir mit Ihrer Kunst so schnell untreu werden würden, hätte ich nie geglaubt -- mit Ihrer ~wahren~ Kunst! Ich habe erst gestern zu meinem Manne gesagt, einen Anschlag hätten Sie, eine Weichheit des Ausdrucks -- geradezu wie ein Virtuose. Ließ es sich denn gar nicht anders arrangieren? Hätten Sie ~mir~ doch vorher die leiseste Andeutung darüber gemacht -- mein Gott, vielleicht hätte Ihr Bruder bei uns essen können, oder vielleicht hätte mein Mann Ihnen das vergütet, Sie haben ja auch Opfer an Zeit gebracht, ich sehe es ein. Irgend ein Ausweg hätte sich schon gefunden! Ich kann sagen, Sie fehlen mir geradezu, ich hatte mich schon so sehr an Sie gewöhnt. Sie wissen, daß beim künstlerischen Zusammenwirken der Partner eine große Rolle spielt, -- aber natürlich wissen Sie das -- eine fein empfindende Natur, wie Sie! Wie harmonisch klang nicht immer alles, wenn Sie mich begleiteten, meine Stimme lebte förmlich auf, ich fühlte es selbst, wie sie sich stärkte und an Umfang zunahm.«

Ihre leidende Sprechweise war merkwürdig schnell verschwunden; die Worte sprudelten ihr wieder über die Lippen, und sie plapperte immer nervöser, je mehr sie sich in dieses Gebiet vertiefte. Alles, was sich während der letzten Tage in ihr angesammelt hatte, mußte heraus. Schließlich wurde sie so erregt, daß Aeffi hervorschoß, seine Pfötchen emporstreckte und den Versuch machte, ihr die Hand zu lecken, was sie aber aus Puderrücksichten abwehrte.

Der Kandidat saß wie auf Kohlen. Fortwährend dachte er an seinen Schüler und an irgend eine Ausrede, durch die er so schnell als möglich wieder zu ihm gelangen könne. Aus Höflichkeit nickte er nur zerstreut, aber er hätte schwören können, ihren Worten nicht gefolgt zu sein. In Gedanken stöhnte er: »Ein fürchterliches Weib! Der arme Bankdirektor!« Dann aber schwebte ihm vor, daß sie etwas von seinem Bruder gesprochen habe, und so erlaubte er sich die Einwendung, daß er zwar ihre gute Absicht dankend anerkenne, aber eine andere Einrichtung nicht habe treffen können. Gern hätte er einmal nach der Uhr gesehen, und so hatte er auch schon wiederholt die bekannte Handbewegung danach gemacht, sich aber jedesmal rechtzeitig besonnen.

Seiner Berechnung nach mußte es bald zwölf sein. Um diese Zeit nahm er ein kleines Frühstück ein, das man ihm im Hause vorsetzte, ohne daß er den Unterricht dadurch unterbrach. Sicher würde dann das Mädchen kommen und es ihm melden. Vielleicht wäre dann Gelegenheit zur Flucht gewesen.

»Haben Sie noch nie daran gedacht, sich mal zu verheiraten?« fragte sie plötzlich unvermittelt.

Der Kandidat bekam einen freudigen Schreck. Vielleicht hatte er sich doch in ihrem Wesen getäuscht, vielleicht war eine plötzliche Umwandlung in ihr eingetreten und sie wollte sein stilles Verhältnis zu dem Fräulein fördern helfen.

»Allerdings, gnädige Frau, habe ich schon daran gedacht, es wird aber von meiner Anstellung an einer Schule abhängen.«

»Mein Mann kann Ihnen vielleicht dabei behilflich sein,« fuhr sie fort. »Er kennt verschiedene Schulräte, ich habe ja davon gehört, daß die Protektion dabei eine große Rolle spielt. Wir hatten für unsern Rudi einen Kandidaten zur Nachhilfe, dem es ebenso gegangen ist. Sie glauben es kaum, was der für Visiten machen mußte. Denn er wollte an eine städtische Schule kommen.«

Fröhlich empfand so etwas wie Wonne. »Ich würde Ihrem Herrn Gemahl jedenfalls außerordentlich dankbar sein, wenn er mir durch seinen großen Einfluß die Wege ebenen wollte. Und wenn gnädige Frau dann die Güte hätten, den Herrn Bankdirektor daran zu erinnern --.«

Sie unterbrach ihn gelassen: »Schließlich hat er sich dann mit der Tochter eines Schulinspektors verlobt, und da war es gleich so weit. Nach solchen Töchtern müßten sie sich auch umsehen. Sie müssen mehr heraus aus sich, mehr Beziehungen anknüpfen. Ich denke, es wird sich mal im nächsten Winter so etwas anbahnen lassen, an einem Abend bei uns. Man ladet da einfach so einen Schulgewaltigen ein. Mein Mann kennt auch sonst noch einflußreiche Persönlichkeiten. Sie müssen dann mehr in unsern Zirkel hinein, letzten Winter hat es sich wenig gemacht. Sie dürfen nicht so menschenscheu sein. Denken Sie daran, wie musikalisch Sie sind! Ich singe, und Sie begleiten mich dann. Ich habe schon öfters daran gedacht. Es wäre nett -- sehr nett sogar.«

Im Augenblick schien sie davon zu träumen, denn ihre Augen schlossen sich, und ihre letzten Worte verklangen wie ein prosaischer Gesang.

Fröhlich war bestürzt, denn er wußte nicht, was er darauf sagen sollte. Stammelnd brachte er einige Worte hervor, die den Dank für diese »neue Auszeichnung« enthielten; das übrige würgte er sich herunter, so verlockend ihm auch die Aussicht erschien, auf diesem krummen Wege zugleich Gymnasiallehrer und Schwiegersohn zu werden. Sofort schwebte ihm Fannys süßes Gesicht vor, und es lag nahe, daß er damit die vielleicht magere und überjährige Erscheinung einer Schulratstochter verglich, die ihm aus Gründen endlicher Versorgung mit auf den Berufsweg gegeben werden sollte. Er hatte von ähnlichen Beispielen gehört, die zur allmählichen Verknöcherung ehemaliger, sehr fideler Schulamtskandidaten geführt hatten.

Nein, das war nichts für Oswald Fröhlich! Lieber wollte er die Wartezeit noch bis aufs unbestimmte ausgedehnt sehen und sich das Weibchen nach seinem Geschmack wählen.

Frau Roderich merkte ihm seine Verfassung an, denn alles hatte nur dazu gedient, ihn zu einer bestimmten Erklärung herauszufordern. »Sie sind doch nicht schon etwa irgendwo gefesselt?« fragte sie mit erzwungenem Lächeln. »Herr Kandidat, machen Sie keine Dummheiten! Bleiben Sie nicht irgendwo hängen! Sie gehören zu den unerfahrenen Naturen, die leicht zu täuschen sind.«

»Wenn Du wüßtest!« dachte Fröhlich; dann aber erwiderte er: »Gnädige Frau brauchen nichts zu befürchten, ich bleibe meiner Gesinnung treu. Ich werde meinen Namen nie an den einer Unwürdigen knüpfen.« Und wieder streckte er die Hand nach der Westentasche aus, ohne den letzten Mut zu finden.

Dieser Hinweis, den sie falsch auffaßte, berührte sie wohltuend; zugleich aber mischte sich ein Tropfen Aerger hinein, denn nach ihrer Meinung umging er den Kern der Frage. Und so sagte sie kurz entschlossen: »Das freut mich um Ihretwillen, Herr Kandidat. Ich hatte nämlich die Empfindung, daß Fräulein hinter Ihnen her sei, und daß Sie vielleicht --. Du lieber Himmel, was wagen die Mädchen nicht alles, um zu einem Mann zu kommen. Man kann niemals genau wissen, was um einen herum vorgeht. Sie sind eben zu blind, Sie müssen mehr die Augen öffnen, lieber Herr Fröhlich! Was denken Sie -- ich glaube sogar, sie bildet sich etwas darauf ein, daß mein Sohn sie auszeichnet. Und so ein Junge denkt sich gar nichts dabei, aber er ist eben schon in einem Alter, wo die Eltern besorgt sein müssen. Ich habe sie beide dringend verwarnt.«

In diesem Augenblick, wo dem Kandidaten das Blut ins Gesicht schoß und seine Wahrheitsliebe rücksichtslos mit ihm durchgehen wollte, selbst zu seinem persönlichen Nachteil, wurden sie jäh in ihrer Unterhaltung gestört. Walter kam aufgeregt hereingestürzt, dem Weinen nahe. »Denk Dir nur, Mama, Rudi hat mich geschlagen!« rief er laut. »Ich war hinten und sah ihn in Fräuleins Zimmer gehen, und weil ich Dir's sagen wollte, gab er mir eins. Was hat er darin zu suchen, wenn sie nicht hier ist! Gewiß wollte er herumkramen. Er sagte, es habe brandig gerochen. Immer hat er etwas gegen mich. Ich werde es Papa sagen.«

Frau Roderich beherrschte sofort den Vorgang. »Das wirst Du nicht tun!« erwiderte sie streng, »das werde ich schon besorgen. Du brauchst auch nicht Deine Nase überall hinzustecken! Es ist doch hübsch von Rudi, wenn er irgend eine Gefahr wittert. Neulich roch es auch schon so. Fräulein verbrennt immer ihre ausgekämmten Haare auf dem Spiritus. Das kann sie in der Küche machen. Ich habe es ihr schon mehrmals gesagt. Jetzt geh nur und beruhige Dich! Uebrigens sollst Du immer anklopfen, mein Junge; vergiß das nicht!«

Der Kandidat hatte sich erhoben, bewegt von sonderbaren Gefühlen. Er glaubte endlich die Gelegenheit benutzen zu können, sich mit seinem Schüler zugleich zurückziehen zu dürfen. Aber Frau Roderich bat ihn, noch zu bleiben. Als sie wieder mit ihm allein war, richtete sie sich zur sitzenden Stellung empor, denn sie hatte gemerkt, daß er keine Neigung zeigte, abermals Platz zu nehmen. Endlich hatte er auch den Mut gefunden, die Uhr zu ziehen.

»Man hat mit seinen Kindern weiter nichts wie Aerger,« sagte sie, um die Pause der Verlegenheit auszufüllen. »Eigentlich paßt es mir auch nicht, daß der Junge in Fräuleins Zimmer geht. Er hat bei der Dienerschaft nichts zu suchen.«

»Ich muß mich darüber jeglichen Urteils enthalten, gnädige Frau,« gab Fröhlich zurück.

Sein entschlossener Ernst verstimmte sie, aber sie zwang sich zur Liebenswürdigkeit. Das erste Mißtrauen war gesäet, und so erklärte sie sich dadurch sein Verhalten. Es galt nun, ihm immer mehr ihr Vertrauen zu beweisen. Mit Geduld fing man nicht nur Fliegen, sondern erzog sich auch die Sklaven. »Sie könnten mir eine kleine Gefälligkeit erweisen, Herr Kandidat,« sagte sie wieder nach einem Weilchen.

Dagegen konnte er nichts einwenden. »Recht gern, gnädige Frau.«

»Müssen Sie vielleicht heut noch in die Stadt?« Sofort unterbrach sie sich, indem sie ein wenig heuchelte. »Aber es wäre vielleicht zu viel verlangt von mir. Sie kommen gewiß nicht in die Nähe der Linden?«

Er wollte es nicht mit ihr verderben, und so erbot er sich, ihr diesen Dienst zu leisten, neugierig, was sie wünschen werde.

Am nächsten Donnerstag gab es »Die Meistersinger« im Opernhaus mit einem berühmten Gast als Hans Sachs. Fröhlich sollte so freundlich sein, nach dem »Invaliden-Dank« zu gehen und ihr das Billet zum ersten Rang zu holen, das sie sich heute früh telephonisch hatte zurücklegen lassen. Zwar war es Sache des Dieners, derartige Besorgungen zu machen, aber ihr Eigensinn drängte sie, Fröhlich damit zu betrauen. Zugleich erschien es ihr wie eine kleine Genugtuung, ihn auf diese Art an die Erfüllung ihrer Wünsche zu gewöhnen.

Der Kandidat fand das durchaus nicht sonderbar, denn alte Erinnerungen wurden in ihm wach.