Part 8
Kandidat Fröhlich war alles Blut nach dem Herzen gedrungen, und fast war es ihm, als stände es lange still. Zwei Gewalten kämpften in ihm: Die Eifersucht mit der Scham -- nicht jener Scham vor andern, sondern vor sich selbst, die nicht der Feigheit entsprang, sondern dem Zartgefühl, nicht als Lauscher zu gelten. Und so glich er dem Manne, der in Gedanken schon Besitz von einem süßen Wesen genommen, nicht aber das Recht hat, diese Gedanken in Worte umzusetzen. Und doch fühlte er die drängende Kraft in sich, hinter ihnen herzueilen, um die Szene von gestern fortzusetzen, aber es war nur die Kraft des Willens, nicht die des Körpers. Dann empfand er Beruhigung, durch das, was sie gesagt hatte. Sie war dem andern nur gefolgt, wie das ahnungslose neugierige Kind dem frühreifen Großsprecher.
Er trat aus der Menge, um den Blick zu ihnen frei zu haben. Und als er nun sah, wie Rudi das Stöckchen hoch in der Luft spielen ließ, glaubte er so etwas wie eine Peitsche zu sehen, die von einem jungen Hausherrnsohn über eine Sklavin seiner Familie geschwungen würde, wenn auch nur bildlich.
Er wollte nicht gesehen werden und ging nach der andern Richtung. Plötzlich befand er sich am Spielplatz, wo Dutzende kleiner Rangen durcheinanderkribbelten, Sandburgen bauten und aus demselben Stoff die schönsten Kuchen buken, während die Fräuleins und Kindermädchen auf den Bänken saßen und stille Wacht hielten. Es war ein richtiger öffentlicher Kindergarten, in dem die jungen Menschenblüten bunt und beweglich herumschillerten, allerdings ohne die tote Sprache der Blumen; denn unaufhörlich war das Schwatzen, Schreien und Lachen.
Hin und wieder ließ sich das Weinen einer gekränkten Kinderseele vernehmen, begleitet von dem lauten Schelten der Hüterin. Das Gekreisch eines Vogels platzte hinein, das Grollen des Löwen klang dumpf herüber, die geneckten Hunde ließen ihr bissiges Gebell ertönen. Der Kandidat dachte an eine zuchtlose Schulklasse, in die Tierstimmen zur Warnung hereinschallen. Sofort verspürte er liebe Erkennungszeichen, denn ein lebendes Etwas machte den Versuch, ihm von hinten durch die Beine zu krabbeln. Es war Hans, der ihn bereits erblickt und diese Ueberraschung auf Umwegen vorgenommen hatte.
»Onkel Fröhlich, reite mal auf mir!«
Der Hauslehrer fand dieses Vergnügen etwas gewagt, zog vielmehr den Jungen zu sich empor und bekam zur Belohnung eine kleine Sandladung auf Rockschoß und Stiefel. »Mein Sohn, Du darfst nicht unartig sein,« sagte er vorwurfsvoll und klopfte sich den Staub von der Kleidung.
»Onkel Fröhlich, spiel mit uns, Fräulein ist bei Rudi,« sagte der Junge wieder. »Grab doch auch 'ne Höhle!«
»Ein andermal, mein Sohn,« gab er freundlich zurück.
Trudchen kam herangewackelt und streckte ihm das schmutzige Händchen entgegen.
Er überlegte gerade, wie er sich die Kinder abschütteln könnte, als er hinter sich wieder das bekannte unausstehliche Lachen hörte, dem die Worte folgten: »Sie haben ja gute Vertretung gehabt. Ich gratuliere. Mamas Auftrag ist also erledigt, ich kann gehen.«
Roderich junior lüftete leicht den Hut, entfernte sich und ließ Fräulein stehen. Fröhlich tat so, als bemerkte er ihn nicht, aber er hörte neben dem Spott die Absicht aus den Worten, das Zusammentreffen für andere Ohren durch eine Ausrede zu entschuldigen. Als er sich dann aber umblickte, sah er das gerötete Gesicht Fannys, das vor Freude strahlte. »Guten Tag, Herr Kandidat. Das ist aber nett, daß Sie auch mal hier sind,« sagte sie freundlich, noch mit einer halben Wendung nach rückwärts. »Denken Sie nur nicht wieder Schlimmes von mir, aber ich konnte ihn nicht los werden. Kaum saß ich hier, da tauchte er schon auf und winkte. Und ich ging, um kein Aufsehen zu machen.«
»Ich denke durchaus nichts Böses von Ihnen, Fräulein,« erwiderte Fröhlich freundlich, nachdem er höflich den Hut gezogen hatte. Er hätte ihr gern die Hand gereicht, aber er wußte nicht, ob es ihr recht wäre.
»Er sagt immer, er hätte mir etwas Schönes zu erzählen. Heute war es wieder eine Neuigkeit. Es betrifft Sie, ich wage es Ihnen gar nicht zu sagen. Wenn Sie mir aber Ihr Versprechen geben wollen --.«
»Das haben Sie unter allen Umständen,« sagte er mit derselben Wärme.
»Sie sollen in seine Mama verliebt sein und hätten das Unsinnige eingesehen. Deshalb hätten Sie den Mittagstisch und die musikalische Unterhaltung aufgegeben.«
Der Kandidat fand das so überaus komisch, daß er lachte und dabei seine schönen Zähne zeigte. »Verliebt bin ich allerdings,« sagte er dann mit leiser Erregung.
»Aber, Herr Kandidat! Wie können Sie nur --!« entfuhr es ängstlich ihren Lippen. »Sie können sich ja um Ihre ganze Stellung bringen. Eine Mutter mit großen Kindern -- nein! Ich begreife Sie nicht! Ich hab mir wohl gedacht, daß sie immer hinter Ihnen etwas her sein könnte, aber Sie, ein junger Mann --!«
»Es fragt sich nur, in wen ich verliebt bin,« fuhr Fröhlich unbeirrt fort und sah sie dabei so merkwürdig an, daß sie verwirrt die Augen niederschlug. »Sie werden mir wohl die Geschmacklosigkeit nicht zutrauen, noch weniger aber die niedrige Gesinnung, die Augen zu der Gattin meines sogenannten Brotgebers zu erheben.«
»Nein, wahrhaftig nicht, Herr Kandidat.«
»Da sehen Sie also gleich, wo die Verleumdung steckt, aber ich will mich milde ausdrücken: die gänzliche Verdrehung der Tatsachen. Und das zwingt mich, ganz offen zu Ihnen zu sein, jedoch mit der Bitte, der unschönen Gesinnung des jungen Herrn keinen allzugroßen Wert beizumessen. Menschen wie er, die die Arbeit gründlich hassen, sind schon gestraft durch ihr eigenes Dasein. Sie haben den Frieden ihrer Seele nicht, sie kennen das eigene Glück im Menschen nicht, deshalb zerstören sie so gern dasjenige anderer. Und ihr einziger Freund ist der eigene Schatten, der sie ruhelos verfolgt und sie stets an ihr Alleinsein erinnert ... Ich bitte also nochmals, mehr Mitleid als Mißachtung für den jungen Herrn zu haben ... Uebrigens habe ich viel darüber nachgedacht --: er kommt ganz nach seiner Mutter. Dieselbe Unruhe, dieselbe Sprunghaftigkeit des Wesens, dieselben Charakterschwächen. Und diese gewissen Triebe erstrecken sich sogar bis auf die Eitelkeit und Putzsucht. Es ist mir aufgefallen, daß er schon an einem Tage dreimal den Anzug gewechselt hat. Er soll fünfzig verschiedene Krawatten besitzen und ein Dutzend bunter Westen. Mein Schüler Walter machte sich gelegentlich darüber lustig ... Sie dürften gewiß schon etwas von einer sogenannten Vererbung gehört haben, und von der Degeneration der Arten.«
Sie wandelten unter den Bäumen auf und ab, während die Kinder sich wieder über den Sand hergemacht hatten. Wenn der Kandidat von einem bestimmten, gelehrten Gedanken erfaßt wurde, dann vergrub er sich in ihn und holte zur Entwicklung seiner Ansicht die verborgensten Fäden hervor, die er mit großer Klarheit weiterspann. Und so hielt er es denn auch im Augenblick für durchaus notwendig, dem Fräulein darüber einen kleinen Vortrag zu halten, wobei er nach Lehrart mit der lebhaften Bewegung seiner Hände nicht zurückhielt. Er zergliederte die ganze Familie Roderich, zerfaserte die Eigenheiten eines jeden Mitgliedes und teilte schließlich die sieben Häupter in zwei ungleiche Lager.
»Kornelia und Walter sind der Vater, die übrigen die Mutter,« schloß er lebhaft. »Dort die Beständigkeit, die kompakte Ruhe, die Sicherheit des Strebens und die Festigkeit des Charakters; und hier das gerade Gegenteil: absolute Trägheit, Hang zum Müßiggang, zur Unaufrichtigkeit, um nicht zu sagen zur Lüge, zu großen Worten, hinter denen die Selbsttäuschung steckt, und zu vielen anderen Dingen. Sie werden das vielleicht schon bei den Kleinen entdecken, wenn Sie acht darauf geben.«
»Gewiß, bei dem Jungen. Sie bringen mich erst darauf,« warf Fanny ein, die zuerst nicht ganz bei der Sache war, nun aber Verständnis zeigte. »Wollen Sie glauben, Herr Kandidat: er ist schon ganz nervös, gerade wie seine Mama; die Phantasie geht immer mit ihm durch. Na, und Bescheidenheit kennt er gar nicht.«
Sie bekam Lust sich zu setzen, denn die ganze Nacht hatte sie in einem Schwitzbad gelegen und sich heute früh tapfer zusammengenommen, um ihre Schuldigkeit im Hause wieder zu tun. Die gesunde Natur in ihrem Körper hatte ihr zwar rasch über die Erkältung hinweggeholfen, aber sie fühlte doch noch das Unbehagen einer gewissen Schwäche. Sie fanden abseits von dem Kindertrubel eine leere Bank, wo sie sich niederließen, nachdem Fanny sich ängstlich umgeblickt hatte. Es wäre ihr nicht angenehm gewesen, Rudi noch in der Nähe zu wissen, der dieses Zusammentreffen wieder wenig harmlos ausgelegt haben würde. Als sie ihn aber nicht sah, war sie beruhigt. Sie hatte ohnedies schon zu viel von ihm anhören müssen, was sie schwer bedrückte und wie eine stille Last mit sich herumtrug, die man sich scheut, einem andern aufzubürden.
Frau Roderich hatte auch heute früh noch die lächerliche Ansteckungsfurcht, die sich nicht eher legte, bis der Sanitätsrat um elf Uhr kam und in seiner geraden Art dazwischen fuhr. Er lachte vergnügt, als er die Kranke schon auf sah, und wünschte sich selbst noch einmal in diese Jahre zurück, um so schnell alle ärztlichen Bemühungen durchkreuzen zu können. Im übrigen hatte er gegen den täglichen Ausgang nichts einzuwenden, denn der Puls sei normal, und der Appetit werde mit dem Essen kommen. Die Medizin könne man weggießen. Er vergaß jedoch nicht, hindurchblicken zu lassen, daß diese rasche Wendung zum Guten seiner Hilfe zu verdanken sei. Zum Schluß empfahl er wenig Aerger, was seine ständige boshafte Redensart war, die er im Hause Roderich regelmäßig nach jedem überflüssigen Nervenbesuch bei der Hausherrin als Stichwort hinterließ.
Die Frau Bankdirektor sah aber darin niemals die Empfehlung, andere nicht zu ärgern, und so war sie gleich nach Fannys Erscheinen mit einer sonderbaren Zumutung an sie herangetreten. Emma habe heute außerordentlich viel zu tun, da bekanntlich noch immer kein Kammermädchen da sei, und so möchte Fräulein sich doch dazu »herablassen«, die Schuhe für die Kleinen zu putzen. Einmal sei ja keinmal. Das Wort »Herablassen« war aber so mit Spott getränkt, daß Fanny die Spitze sofort verstand, trotz des zuckersüßen Lächelns. Zu klug, um sich eine Blöße zu geben, hatte sie freundlich zugesagt und sich den Wichskasten in ihr Zimmer geholt, um nicht das Gespött der Dienstboten herauszufordern, die schon lange das »höhere Wesen« in ihr nicht begreifen konnten.
»O, das ist niederträchtig, ich will mich verbessern, ich will lieber sagen, unfein,« brauste der Kandidat auf, der durch diese vertrauliche Mitteilung sehr schnell in das alltägliche Leben zurückversetzt worden war. »Die Frau Bankdirektor scheint das schöne Wort Familiensklavin von ihrem Sohne aufgegriffen zu haben, mit der Absicht, es in der Praxis anzuwenden. Ihnen zuzumuten, das Schuhzeug der Kinder zu putzen! In solch noblem Haushalt, wo Diener und Kutscher sind!«
In seiner Erregung griff er sanft nach ihrer Hand und drückte sie wie zum Trost, und sie duldete es, weil sie es erklärlich fand. Gleich nach dem Fortgang Fröhlichs heute, hatte ihr Walter verraten, wie der Hauslehrer gestern vormittag sie und ihre Familie gelobt hatte, und so fühlte sie sich ihm plötzlich näher gerückt als sonst.
»Sie meinen es so gut mit mir, Herr Kandidat. Ich danke Ihnen sehr dafür,« sagte sie einfach, entzog ihm aber ihre Hand. Beim Aufblicken war sie leicht zusammengeschreckt, denn es war ihr, als wäre Rudi hinten in der Menge wieder irgendwo aufgetaucht. Und als dann Fröhlich mit der ganzen Wahrheit nicht mehr zurückhielt und ihr seine Unterredung mit Roderich mitteilte, die ihn gegen seinen Willen um den Freitisch gebracht hatte, war sie arg betroffen.
»Wie kann dieser Mensch nur so lügen,« rief sie aus, »es ist schändlich! Und ich bin nun indirekt die Veranlassung, daß Sie diese Vergünstigung nicht mehr haben. Es tut mir leid, herzlich leid.«
Kandidat Fröhlich schüttelte lächelnd mit dem Kopf. »Es ist Bestimmung, alles nur Bestimmung, Fräulein Frank, gewissermaßen der Wille des Schicksals, der uns alle lenkt. Es sollte so kommen. Ich hätte wohl sonst nicht das Vergnügen gehabt, mich mit Ihnen über unsere beiderseitigen kleinen Leiden hier ungeniert aussprechen zu können. Was mich betrifft, so hatte ich schon längst große Sehnsucht danach. Und soll ich noch offener sein, so muß ich Ihnen sagen, daß mir das Essen bei Roderichs längst nicht mehr geschmeckt hat. Wissen Sie auch, weshalb? Weil Sie nie am Tische mitaßen, weil man Sie sozusagen immer im Hintergrunde abspeiste. Stets hatte ich das Gefühl, daß man Sie zurücksetze, daß die Gnädige Sie halb und halb zu den Dienstboten rechne -- und dadurch bin ich mir selbst ein wenig entwürdigt vorgekommen. Denn eigentlich nehmen wir beide dieselbe Stellung im Haushalt ein: wir opfern unsere ganze Liebe den Kindern. Das gebildete Proletariat ist gerade gut genug, seine Töchter und Söhne den Wohlhabenden ins Haus zu schicken, damit aus ihren Kindern Menschen gemacht werden. Sie können sich diese Familiensklaven jederzeit verschreiben lassen, sie sind im Ueberfluß vorhanden, denn das Angebot ist stärker, als die Nachfrage. Ich kann Ihnen sagen -- ich freue mich beinahe, daß unser Herr Rudi dieses Wort gestern geprägt hat. Immer schon suchte ich nach einer erschöpfenden Bezeichnung für die Legion dieser geplagten Menschen, zu denen auch wir gehören. Und was mein Scharfsinn nicht fand, gab seine Brutalität zum besten. Familiensklaven -- das klingt so hübsch strafmildernd, so ganz nach verzuckerter Grobheit, ganz anders wie Haussklave. Man kann dem Worte nicht recht beikommen. Man fühlt sich gekränkt und muß den Aerger herunterwürgen, mit Höflichkeit sogar, wie ich es gestern getan habe. Man weiß, daß es kein eigentliches Sklaventum mehr gibt, daß man, wenn man will, jeden Augenblick davon gehen kann, um seine persönliche Freiheit ganz und voll zu genießen, -- und doch fühlt man statt der einstigen Kette die hundert Fäden, die uns in Abhängigkeit zwingen und fesseln. Und wie diese Fesseln feiner geworden sind, so auch die Demütigungen; sie werden nicht mehr mit der Peitsche verabreicht, sondern hübsch in Pillen, die manchmal recht bitter schmecken. Wir sind zwar in der Familie, aber wir gehören nicht dazu, wenn man uns das auch glaubhaft machen will. Was ja auch ganz natürlich ist, denn es gibt keine bezahlten Familienmitglieder. Sie sind eben das Fräulein, und ich bin der Kandidat, etwas rein Sachliches. Und eine Sache kann man sich kaufen. Und doch verlangt man Wärme von uns, gewissermaßen ein Aufgehen unseres Gefühls in das unserer Zöglinge; man verlangt einen Pflichteifer, der beinahe an persönliche Verantwortlichkeit grenzt. Und das finde ich wieder unnatürlich, weil wir stets Fremde in der Familie bleiben werden, und weil ungleiche Werte ausgetauscht werden.«
Während der Kandidat sprach, hörte ihm Fanny aufmerksam zu. Noch niemals hatte sie viel darüber nachgedacht, nun aber fand sie, daß er zwar recht habe mit seinem Vergleich, daß er aber doch etwas schwarz sehe. Er hatte sich eben Rudi zum Feinde gemacht, und so sprach der bittere Groll aus ihm, während sie in Kornelia eine Freundin hatte, die manche Härte ihrer Mutter ausglich. Als sie das aber äußerte und auch auf Walter hinwies, lächelte Fröhlich wie verzeihungsvoll, als hätte er auf diesen Einwurf nur gewartet.
»O, gewiß; das sind die kleinen menschlichen Oasen in unserer Familienwüste, dazu da, uns nicht seelisch verdursten zu lassen. Die gibt's überall, und sie werden ohne Zweifel freudig begrüßt. Sie sind die kleinen Nebengeschenke, die nichts kosten. Aber bezahlt werden wir doch nur von den Eltern, und das ist für uns das Entscheidende. Sie werden sehen -- alle Macht Kornelias wird nicht ausreichen, Sie vor neuen Unwürdigkeiten zu bewahren. Auf alle Fälle wollen wir zusammenhalten. Geben Sie mir Ihre Hand darauf!«
Und als er sie hatte, drückte er einen Kuß darauf, ohne daß Fanny es verhindern konnte.
Unter seinem seltsamen Blick wurde sie rot, aber es war ein anderes Gefühl der Röte, als das war, was sie vorhin bei Rudis Reden empfunden hatte. Ein Mann hatte zu ihr gesprochen, ein ernster Mann, der sie nicht wie eine billige Spielsache behandelte, nicht wie eine gebildete Dienerin, gegen die man sich Keckheiten erlauben dürfe, sondern mehr als Dame, der man trotz des Kattunkleides allen Respekt entgegenbringen müsse. Und ihre Verlegenheit machte sie noch röter, als er jetzt mit großer Höflichkeit tief den Hut zog und mit einer ritterlichen Verbeugung davonging.
Zum ersten Male waren ihr seine tiefbraunen Augen aufgefallen, und zum ersten Male sah sie seinen schwarzen Taillenrock nicht, der so wenig in diese lichte Umgebung paßte.
An einer einsamen Stelle des Gartens blieb der Kandidat wieder stehen und blickte vorsichtig in sein Portemonnaie, ob die Nickelstücke noch vorhanden wären. Er hatte zu dem Sekundaner einen weiten Weg, den er fahren wollte. Heiteren Blickes ging er dann weiter, und das Lied, das er vor sich hinsummte, war ein allbekanntes, das vortrefflich zu seiner Stimmung paßte:
»Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Knospen sprangen, Da ist in meinem Herzen Die Liebe aufgegangen.«
XI.
Drei Tage darauf war Sonntag. Kandidat Fröhlich hatte inzwischen den Mut gefunden, sich Frau Rettig anzuvertrauen und war gemeinschaftlich mit seinem Bruder in Mittagskost bei ihr getreten. Da es heute Geld gegeben hatte, so war der grüne Hecht nachgeholt worden, und der große und der kleine Fröhlich hatten sich besonders gütlich getan. Am späten Nachmittag hielt es der Kandidat für nötig, den geistigen Menschen in ihm an den Lesefrüchten des Tages wieder einmal aufzufrischen. Allwöchentlich besuchte er seine kleine Stammkonditorei, die im Westen lag und ein versteckt liegendes Hinterstübchen hatte, in dem nur wenige Zeitungswölfe auf Raub ausgingen.
An diesem schönen Tage, der halb Berlin entvölkert und ins Freie hinausgelockt hatte, war es besonders leer in dem stillen Winkel. Ein alter Herr, der wie ein vielgeplagter Stadtreisender aussah, saß am kalten Ofen und bemühte sich, hinter dem vorgehaltenen Riesenformat einer Zeitung seine Müdigkeit zu überwinden, was ihm aber schlecht gelang, denn endlich konnte das Papierdach seinen Zustand nicht mehr verdecken; es entfiel sanft seinen Händen, rutschte über die Knie auf den Linoleumteppich und zeigte das Bild des Sonntagsschläfers, der die gewohnte Stunde zu ungewöhnlicher Zeit dem Dasein abrang.
Das Fräulein kam vom Ladentisch, störte den Schläfer nicht, hob aber die Zeitung mit einer Miene auf, aus der deutlich hervorging, daß sie diesen Liebesdienst schon öfters vorgenommen habe.
Kandidat Fröhlich, der am Fenster sitzend, in seinem Kaffee rührte, vergnügte sich einige Augenblicke darüber, dann las er ruhig weiter. Er blickte erst wieder flüchtig auf, als ein junger Mann eintrat, der sich als dritter im losen Bunde an einem Marmortisch an der gegenüberliegenden Wand niederließ, durchaus aber nicht Sinn für geistige Befriedigung zu haben schien, vielmehr die Augen lebhaft kreisen ließ.
Das Fräulein brachte ihm einen Apfelkuchen mit Sahne, den er mit geteilter Aufmerksamkeit zu verzehren begann; denn er sah dabei wiederholt nach der Uhr und dem vorderen Raum, wo man durch die Glastür hin und wieder einige Damen erblicken konnte, die es vorzogen, sich dort niederzulassen.
Fröhlich glaubte in dem männlich offenen Gesicht, dessen starke Wetterbräune in einer scharfen Linie am Stirnabsatz abschnitt, bekannte Züge zu entdecken, die er irgendwo schon gesehen haben mußte. Entschieden war es ein Gast, der sich hierher nur verirrt hatte und aus gewissen Gründen nicht zur Ruhe kommen konnte. Er strich erregt seinen braunen aufgezwirbelten Schnurrbart, bückte sich dann wieder über dem Kuchen und roch schließlich an einer langstieligen roten Rose, die er neben sich gelegt hatte. Als er dann bemerkte, daß sein Gegenüber ihn länger als erlaubt betrachtete, nahm er sich endlich eine halb zerrissene Wochenschrift vom Nebentisch, um darin zu blättern, was er aber unstreitig wie jemand tat, der sich nur zerstreuen möchte und die Aufmerksamkeit eines andern von sich ablenken will.
Auch Fröhlich hielt es für taktvoller, sich mehr mit sich zu beschäftigen als mit dem andern. Plötzlich aber durchzuckte ihn ein leichter Schreck, denn die Glastür ging auf und Kornelia Roderich trat ein, mit all dem Duft, den ein hübsches und frisches, elegant gekleidetes Mädchen aus der Gesellschaft mit sich führt. Dem Kandidaten war es, als brächte man in diese verdorbene Luft von Blätterteig, Kaffeeresten und Zigarrenqualm einen großen taufrischen Blumenstrauß hinein, der erquickende Düfte ausströmt.
Sofort erhob sich der Herr, ging ihr entgegen und küßte ihr mit einem Dank für ihr Kommen die Hand.
»Haben Sie schon lange gewartet?« fragte sie und nahm neben ihm Platz.
»Eine kleine Ewigkeit von fünf Minuten,« wandte er heiter ein. »Ich wäre beinahe vor Sehnsucht gestorben.«
»Sie Aermster, was hätten Sie dann davon gehabt?« sagte sie mit derselben guten Laune. »Beinahe hätte ich's gar nicht möglich machen können, zu kommen. Wir haben zum Abend Gäste, und da ist Mama noch 'mal so nervös. Das ganze Haus ist dann rebellisch. Und Neli muß überall sein. Ich kann auch nicht lange bleiben, aber Sie sollten doch sehen, daß ich Wort zu halten verstehe.«
»Wenn ich zwei Köpfe hätte, würde ich Ihnen einen dafür zu Füßen legen,« warf er ein, »aber das teure Haupt muß ich schon für Sie aufbewahren.«
»Hübsch gesagt, Herr Leutnant, so etwas gefällt mir. Diese Rose ist natürlich für mich.« Sie nahm sie und sog den Duft ein.
»Pardon, daß ich ganz vergaß. -- Die schönste, die ich finden konnte.«
»Dafür soll sie auch täglich frisches Wasser in meinem Atelier bekommen. Sie dürfen sich darauf etwas einbilden,« fuhr sie launig fort. »Bis jetzt ist es nicht vielen passiert.«
»Ach, mein gnädiges Fräulein -- wer Sie einmal so bei Ihrer Kunst belauschen könnte,« schmachtete er sie an.
»Wenn Sie ganz artig bleiben und mir in allem folgen, dann soll Ihnen auch einmal das Vergnügen zuteil werden.«
»Ich werde mich bemühen, noch einmal kindlichen Gehorsam zu lernen.«
»Finden Sie nicht, daß es furchtbar gewagt ist, mich mit Ihnen hier zu treffen?« sagte sie wieder. »Aber Ihr Brieflein war so rührend.«
»In dieser Bude sieht uns niemand,« wandte er lustig ein.
»So? Das klingt ja sehr verdächtig. Wieviel Rendezvous haben Sie sich hier schon gegeben?«
»Kein einziges, ich schwöre es Ihnen. Aber als ich früher mal durch Zufall hier hineingeriet, um mich mit meinem Schwesterlein zu treffen, dachte ich so bei mir: hier könnte man sterben, es würde niemand merken. Na, und gestorben wäre ich sicher, wenn Sie nicht gekommen wären.«
»Ach, Sie Schmeichler, Sie! Ich hätte kaum geglaubt, daß man so was in Spandau auch kennt.«
»Ach, wenn Sie wüßten, was man da alles kennt,« seufzte er. »Armeleutnants-Diners zu zwei Gängen, Verstorbenevaterfreuden an den Hinterbliebenen und andauernde Sehnsucht nach dem Kommißgeld mit blauer Blume daran. Und manches andere noch.«
»Sie sind wenigstens aufrichtig. Das gefällt mir ganz besonders von Ihnen.«
»Ja, spotten Sie nur, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Sie kennen dieses große Kapitel im bunten Drilleben nicht. Sie sind ein verwöhnter Schmetterling, der immer aus goldenen Schüsseln nascht und der sich seine Blume suchen kann. Von dem schönen Wort ›arme Familie‹ haben Sie noch nichts gehört.«
»Ach du lieber Himmel,« kam es Kornelia unwillkürlich über die Lippen. »Wissen Sie, es kommt immer darauf an, wie man alles betont ... Ich bitte Sie, werden wir nicht so laut, man könnte uns hören!«
»Ach, das sind Zeitungstiger, die nichts sehen.«