Part 7
»Aber das ist doch selbstverständlich,« fiel ihm Roderich ins Wort. »Die Sache ist erledigt.« Dann, als er mit Fröhlich wieder allein war, der ihn noch zurückgehalten hatte, fuhr er gemütlich fort: »Na, darum war es Ihnen doch nur zu tun, nicht wahr? Und nun essen Sie doch wieder bei uns, wie? Mein Scharfsinn! Mit einem Schulmeister nehm' ich's noch auf.«
Er lachte behaglich und zündete sich eine der schweren Upmann an, die er mit Vorliebe rauchte. Sofort aber horchte er verblüfft auf, so daß er in der Zerstreuung sich an dem zu Ende gehenden Zündhölzchen fast die Finger verbrannt hätte.
Der Kandidat hatte heute seinen schwarzen Taillenrock an, der im zugeknöpften Zustande seiner schmiegsamen Figur stets etwas Feierliches gab. Er strich nach seiner Gewohnheit mit beiden Händen über die Hüften und wiegte sich wieder sanft auf den Fußspitzen, als wollte er den Anlauf zu etwas Außerordentlichem nehmen. Er war ein wenig rot geworden, weil er die Empfindung hatte, daß der Hausherr über die Bemerkung seines Sohnes etwas leicht hinweggegangen sei. Trotzdem die Vermutung Roderichs der Wahrheit entsprach, drängte ihn im Augenblick seine Selbstwürde dazu, das nicht zuzugeben. Und so wollte er die Notlüge lieber aufrecht erhalten, ehe er sich dem Triumphe des jungen Herrn auf die Dauer länger aussetze. Zwar bedeutete für ihn der Verzicht auf den Freitisch einen harten Verlust, aber er wollte die leibliche Bedrängnis lieber der seelischen vorziehen. Und so sagte er mit bestimmter Höflichkeit: »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar dafür, daß Ihr Feinsinn diese Aussprache herbeigeführt hat, zu der ich direkt niemals Veranlassung gegeben haben würde; denn mein ganzes Verhalten in Ihrem angesehenen Hause enthob mich wohl von vornherein der Annahme, Sie könnten die Ansicht Ihres Herrn Sohnes teilen. Ich muß jedoch bei meiner Bitte bestehen bleiben, weil sie durchaus der Tatsache entspricht.«
Roderich war zwar ärgerlich, sich getäuscht zu haben, verkniff sich aber seinen Unmut und erwog rasch, daß durch das Fortbleiben des Lehrers bei Tisch sich immerhin die Aussicht ergäbe, seine Frau um die überflüssigen Gesellschaftsstunden zu bringen. Und so sprach er zwar sein Bedauern aus, hatte aber nichts einzuwenden.
Der Kandidat verbeugte sich tief und ging.
IX.
An diesem Tage aß Fröhlich kein Mittag. Der Monat ging seinem Ende entgegen, und so war völlige Ebbe in seiner Kasse. Sein Stolz hatte ihm einen unerwarteten Possen gespielt, den er aber mit Würde ertrug. Vorübergehend mischte sich nur leises Bedauern hinein, als ihm einfiel, daß es gerade heute grünen Hecht gab, den er mit Leidenschaft aß, und worauf Frau Roderich schon am Tage vorher zart hingedeutet hatte. Sie war sehr überrascht, als der Kandidat eine günstige Gelegenheit benutzte, sie zu bitten, nicht mehr für ihn decken zu lassen; er habe sich mit ihrem Herrn Gemahl bereits darüber ausgesprochen.
Sie stürmte hinunter, fand aber ihren Mann nicht mehr vor, der es eilig gehabt hatte. Schließlich witterte sie Rudi dahinter, der aber mit den Achseln zuckte und sich ausschwieg, im Innern jedoch sich wie ein Sieger vorkam, der einen lästigen Feind aus dem Felde geschlagen hat. Kornelia war bereits in den Zoologischen Garten hinübergegangen, wo sie seit einiger Zeit mit Erlaubnis der Direktion Tierstudien trieb, und so blieb der Mutter nur noch Walter übrig, den sie aber unmöglich beim Unterricht aushorchen konnte, ohne sich nicht lächerlich zu machen. Und so rauschte sie an diesem Vormittage wie eine in ihrem Stolze tief gekränkte Frau umher, die die Empfindung hat, ein Gnadengeschenk durch große Undankbarkeit belohnt zu sehen.
Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß eine heimliche Macht den Hauslehrer zu seinem Entschlusse bestimmt haben müsse, und, sofort geneigt, der mißtrauischen Sprache ihres Herzens zu folgen, sah sie als Urheberin dieses Unheils allein Fanny Frank an. Sie hatte ihn jedenfalls dazu bewogen, den Freitisch aufzugeben, um ihn der Nähe seiner Gebieterin zu entreißen, natürlich nur aus Eifersucht!
Dieses kleine Mädchen, mit dem Benehmen für Kinder geeignet, konnte es wagen, eifersüchtig auf eine imposante Frau der Gesellschaft zu werden! Frau Agathes überreizte Einbildung ging wieder ins Unbegrenzte, und sie malte sich die schönsten Ränke aus, die binnen eines Tages und einer Nacht hinter ihrem Rücken sich abgesponnen haben könnten. Es erschien ihr als sehr wahrscheinlich, daß der Kandidat sich nicht gescheut habe, Fräulein heimlich im Krankenzimmer aufzusuchen. Es war also an der Zeit, die Minen springen zu lassen; denn in einem gesitteten Hause durfte ein derartiges Verhältnis zwischen Angestellten niemals geduldet werden.
Oswald Fröhlich bewohnte zusammen mit seinem zwölfjährigen Bruder ein bescheidenes Zimmer im obersten Stockwerk eines Gartenhauses in Charlottenburg, nicht weit von des Bankdirektors Villa. Der Sohn eines Pastors in der Mark, hatte er zuerst aus Gründen der Billigkeit in Halle zwei Semester Medizin studiert, war dann aber zu seinem jetzigen Studium übergegangen und nach Berlin übergesiedelt, um sich besser durchschlagen zu können. Noch während der höheren Semester hatte er die ganze Bedrängnis des armen Studenten kennen gelernt, der, fast ohne Zehrpfennig von zu Hause, sich durch Hochmut, Demütigung und Entbehrung durchschlängeln muß, um sein Leben zu fristen, sein Studium nicht zu vernachlässigen und die Hoffnung auf die Zukunft nicht zu verlieren.
Er hatte Klavierunterricht, die Stunde für fünfzig Pfennig, erteilt, zugleich Nachhilfestunden für je eine Mark, und war Einpauker bei allen jenen hoffnungsvollen Knaben biederer, philisterhafter Eltern gewesen, die an die dicken Schädel ihrer Herren Söhne niemals glauben wollten, schon aus Rücksicht auf die eigenen Geistesgaben nicht, und die die liebliche Gewohnheit hatten, es sofort mit einem anderen Hauslehrer zu versuchen, sobald die Gymnasium- oder Realschulpflanze bei der Versetzung in eine andere Klasse unberücksichtigt geblieben war. In diesem Falle pflegte dann stets die vorherige gute Meinung von den Fähigkeiten des Nachhilfestundengebers in das Gegenteil umzuschlagen, und von den Empfehlungen, mit denen man ihn ausstatten wollte, keine Rede mehr zu sein.
Allmählich verbesserten sich die Einkünfte Fröhlichs, was er mit Freuden begrüßte, da inzwischen sein Vater gestorben war und außer den beiden Söhnen der Witwe noch zwei unverheiratete Töchter hinterließ. Die Mädchen fanden schließlich Stellungen auf dem Lande, den Jungen aber nahm Oswald gleich nach dem Begräbnis des Alten mit nach Berlin, wo er ihn auf das Gymnasium brachte und väterlich für ihn sorgte. Er mußte die Zahl der Nachhilfestunden verdoppeln, und er tat es gern, in heiliger Pflichterfüllung. Die Frau Pastor half nach Kräften, indem sie selbstgemachte Wurst schickte, eigenhändig gestrickte Strümpfe beilegte und sich bis zu selbstgenähten Anzügen für den Jungen verstieg; überhaupt alle jenen nützlichen Dinge sandte, an denen die Liebe einer Mutter reich ist. Auch die Schwestern knapsten sich manches ab, und so konnte die Daseinskarre zwar schwerfällig aber ohne Gefahr weitergehen.
Als dann Fröhlich die Universitätszeit glücklich beendet hatte und nun in den schönen Zustand eines Hungerkandidaten kam, den er gern mit einem Lebenstümpel verglich, auf dem man fortwährend im Kreise herumrudert, ohne den Ausweg zu finden, machte er als sogenannter fester Hauslehrer die sonderbarsten Erfahrungen. Er wollte gern in Berlin und Umgegend bleiben, schon des Bruders wegen, und so mußte er Zumutungen über sich ergehen lassen, wie sie das große Angebot einer Riesenstadt mit sich bringt.
Er sollte bei gewissen Zöglingen hin und wieder den Schwamm anwenden, wenn sie sich unerwarteterweise das Gesicht beschmutzt hätten; sollte sich in einer andern Stellung als Heilkünstler für angeborenes Stottern zeigen und zugleich den Nachweis führen, ob er auch schwimmen könne, da es notwendig sein werde, den Schüler während des Sommers in die Badeanstalt zu begleiten. Ja, ein früherer biederer Bäckermeister, der sich als Rentier in einem Vorort zur Ruhe gesetzt hatte, machte den dauernden Aufenthalt in seinem Hause davon abhängig, daß Fröhlich das Zitherspielen erlernen müsse, da der spätere Erbe durchaus Neigung zu diesem Instrument habe und sein musikalisches Talent darin ausbilden wollte. Daß sonst noch besondere Familienwünsche nebenbei liefen, hing wohl mit den unerschöpflichen Zeitansprüchen zusammen.
Die Fräulein Töchter verlangten englische und französische Konversationsstunden, unentgeltlich natürlich, höchstens gegen eine Einladung zum kalten Aufschnitt, und gelegentliches Besorgen der neuesten Walzernoten. Und auch die wohlerzogene Frau Mama fand es nicht unbillig, wenn der Herr Kandidat gelegentlich eines Damenkränzchens seine Fingerfertigkeit auf dem Klavier zur Belustigung der Gäste freundlichst beweise. Einmal erlebte Fröhlich sogar die Ueberraschung, daß der Hausherr, ein früherer Apotheker, der von seinem Rentensitz aus große Grundstücksspekulationen trieb, ihm das Vertrauen schenkte, zwischen vier und sechs Uhr nachmittags die umfangreiche Korrespondenz mit erledigen zu helfen, wofür dann in Gnaden hin und wieder ein Abonnementsbillet für das Opernhaus bewilligt wurde.
Endlich kam Fröhlich durch Empfehlung in das Haus Roderichs, das er nach unruhiger Irrfahrt wie einen kleinen Hafen betrachtete, in dem er vor zu argen Lebensstürmen bis auf absehbare Zeit bewahrt bleiben würde. Zwar wurde er auch hier nicht fürstlich belohnt, aber die hundertzwanzig Mark monatlich reichten doch, sein und des Bruders Dasein zu fristen. Er war bedürfnislos, und der Schüler hatte noch weniger Ansprüche ans Leben zu stellen, und so erschien ihm die Zukunft sonnenreicher denn je. Die kleinen Aergernisse, die ihm auch hier bereitet wurden, nahm er gern in den Kauf, denn er hatte in dem Bankdirektor einen Mann von Gesinnung gefunden, der seine Fähigkeiten zu schätzen wußte und in ihm stets den gebildeten Mann sah.
Nun aber waren plötzlich neue Aufregungen an ihn herangetreten, die mehr den inneren als den äußeren Menschen beschäftigten.
Eine starke Neigung zu Fanny Frank hatte ihn erfaßt, die ihm unerwartet Herzensnot brachte, weil er nicht wußte, ob er auf Gegenliebe rechnen durfte. Schon seit Wochen hatte er diese Umwandlung in seinem Wesen empfunden, die ihm den Wert des Lebens von einer neuen Seite offenbarte. Und als er Fanny gestern in ihrer holden Verwirrung vor sich sitzen sah, wie ihr Pflichtgefühl jedes andere Bedenken verdrängt hatte, war der heiße Wunsch nach ihrem ehrbaren Besitz wie eine elementare Bewegung in ihm rege geworden, so daß er die Arme hätte ausstrecken mögen, um sie an sich zu ziehen und ihr das in innigen Worten zu sagen.
Und noch viel mehr hatte er diesen sengenden Trieb empfunden, als Rudi dazwischentrat und mit häßlicher Lebensauffassung seine reine Achtung vor ihr zu trüben versuchte. Er hatte Worte des Zornes unterdrückt, hatte sich unter glatter Höflichkeit bemeistert, trotzdem er sich im Augenblick nicht mehr als bloßer Hausgenosse von ihr gefühlt hatte, sondern als der Mann, der sich durch seine Liebe schon zu jeder Abwehr berechtigt glaubte.
Als er jetzt aber die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, konnte er nicht sagen, daß er unzufrieden mit dieser Wendung sei. Er hatte immer mehr an eine Bestimmung als an einen Zufall im Leben geglaubt, und so faßte er es auch jetzt als eine weise Fügung des Schicksals auf, daß er die allzu familiären Beziehungen zum Hause Roderich gelöst hatte. Er brauchte sich nicht mehr der Gefühlstyrannei der Hausherrin auszusetzen, konnte nun über den ganzen Nachmittag verfügen und seine Zeit besser verwenden, als schlechten Gesang zu unterstützen und eine Augensprache zu empfangen, der er kein Verständnis entgegenbringen konnte.
Er war sich immer wie ein erwachsener gehorsamer Schüler vorgekommen, der zu einer außergewöhnlichen Lektion befohlen wurde und der niemals zu widersprechen wagte, aus Furcht, er könnte sonst auf irgend eine Art bestraft werden. Nun aber fühlte er sich sozusagen der verliebt geschwungenen Zuchtrute entlaufen, und konnte, wenn auch mit leerem Magen, zum ersten Male frei aufatmen. Seine größte Freude war, sich nun schon am Nachmittage mit seinem Bruder beschäftigen zu können, der bereits in Quarta saß und ein sehr fleißiger Schüler war. Als er aber in sein Zimmer trat, fand er ihn nicht mehr vor, denn heute nachmittag war Schule, woran Fröhlich in seiner Zerstreuung nicht gedacht hatte.
Frau Rettig, die ehrsame Witwe eines Magistratsbeamten, die sich durch »möblierte Herren« ernährte, wunderte sich sehr, ihn schon um diese Zeit zu Hause zu sehen. Als gute Herbergsmutter, die gern ihre Zunge in Bewegung setzte, wenn es galt, die Neugier zu befriedigen, fragte sie sofort: »Nanu, Herr Kandidat? Heute so früh? Die Herrschaften haben wohl zeitiger gegessen?«
Fröhlich geriet in Verlegenheit. Während des Jahres, wo er hier wohnte, hatte er den Mittagstisch bei Roderichs stets derartig gelobt, daß Frau Rettig oftmals die Hände zusammenschlug und ausrief: »Immer drei Gerichte? Besser können Sie's ja gar nicht haben! Das halten Sie nur fest!«
Als treue Kreditgeberin des Kandidaten in Zeiten, wo er nicht pünktlich die Miete bezahlen konnte, die überdies sonst in alle kleinen Leiden der Brüder eingeweiht war, glaubte sie die Berechtigung zur großen Offenheit zu haben.
Kandidat Fröhlich nickte nur zur Bestätigung und meinte, daß er heute einen notwendigen Besuch wegen einiger Nachhilfestunden bei einem Sekundaner zu machen habe, der endlich nach Prima versetzt werden wollte. Er könnte diesen Unterricht auf den Abend verlegen, und so würde er das gerne mitnehmen. In der Tat erwartete man ihn zu einer Besprechung, aber erst um sechs Uhr. Er half sich jedoch mit dieser Ausrede, weil er noch nicht den Mut hatte, mit der Wahrheit herauszukommen. »Nun, was hat's denn heute bei Ihnen gegeben?« fragte er, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
»Bratwurst mit Quetschkartoffeln. Bruno hat wieder tüchtig eingehauen.« Das sagte sie jedesmal, um damit anzudeuten, wie gering eigentlich der Pensionspreis im Verhältnis zu ihrer Beköstigung sei; aber es geschah mehr harmlos als bösartig.
Kandidat Fröhlich hatte die Bratwurst bereits gerochen, denn in dieser kleinen Wohnung, wo die Küchentür selten geschlossen wurde, lag der Geruch des Essens fortwährend in der Luft. Er blähte verlangend die Nasenflügel, etwa wie ein armer Reisender, der zwischen Tür und Schwelle steht und doch nicht wagt, einen bescheidenen Wunsch zu äußern. »Er hat wohl wieder alles aufgegessen, wie?« fragte er lachend, aber lauernd.
»Alles reine weggeputzt, Herr Kandidat,« gab Frau Rettig eifrig zurück. »Es war man heute wenig, die alten Kartoffeln werden schon schlecht. Ich hätte gerne auch noch mehr gegessen.«
Kandidat Fröhlich wußte nun, daß nichts mehr zu erwarten gewesen wäre, selbst wenn er jede Scheu überwunden haben würde. Zwar hätte es nur eines Wortes bedurft, um die biedere Wirtin einige Eier in die Pfanne schlagen zu lassen, aber dann wäre er doch gleich in lange Auseinandersetzungen mit ihr geraten, die er in seinem heutigen Zustand fürchtete. Er bestellte sich eine Tasse Kaffee, und las den Brief der Frau Pastor, der während seiner Abwesenheit eingetroffen war. Zu Hause ging alles gut, und so fühlte er sich wenigstens seelisch gestärkt, während der Magen allerdings darauf keine Rücksicht nahm, sondern seine Leere nach dem Genuß des cichorienreichen Getränkes erst recht ankündigte.
Kandidat Fröhlich zählte seine Barschaft nach, die noch aus dreiundfünfzig Pfennigen bestand, und beschloß, in der frischen Luft draußen zu erwägen, was für Herrlichkeiten er durch das Aufheben jeglichen Standesvorurteils bei einem Bäcker und Schlächter erstehen könne. Rasch griff er wieder zum Hut, zu den Zwirnhandschuhen und zum unvermeidlichen Regenschirm, der erst unlängst einen neuen Griff erhalten hatte, und schritt, wie immer stolz und kerzengerade, über den mit schönen Gartenanlagen ausgestatteten Hof, wie ein Mann, dem niemand es ansehen konnte, daß er sich mit wenigen Nickeln auf Umwegen sein trockenes Mittagessen einkaufen wolle.
X.
Kandidat Fröhlich ging in eine Nebenstraße, zum Bäcker und zum Schlächter. Er wollte sein ganzes Vermögen nicht auf einmal verschwenden, und so kaufte er sich nur für zwanzig Pfennig Wurst und zwei trockene Schrippen dazu, womit er vorläufig die Magenbestie beruhigen zu können glaubte, dann, als die Frage an ihn herantrat, wo er die sorgfältig eingewickelten Speisen ohne Aufsehen werde verzehren können, war er keinen Augenblick in Verlegenheit.
Da es öfters vorgekommen war, daß er mit seinem Schüler Walter Roderich den Zoologischen Garten besuchte, um auf einem Spaziergang die mündlichen Lektionen vorzunehmen und damit die Stärkung des Körpers zu verbinden, so hatte ihm der Bankdirektor eine Abonnementskarte gestiftet, die er stets in der Brieftasche bei sich führte. Zwar galt sie nur in Begleitung des Zöglings, aber der Billetabnehmer kannte ihn bereits und ließ ihn aus Gewohnheit durch.
Der Nachmittag dieses Maientages war besonders schön, denn es hatte in der Nacht wieder geregnet, und so war die Luft milde und abgeklärt. Fröhlich kannte einen stillen Winkel, wo auf einer kleinen Anhöhe unter einem Baume versteckt eine Bank stand, die er auch unbesetzt fand, da dieser Teil des Parkes, der auf Charlottenburg zuging, an Wochentagen weniger besucht war. Der breite Strom zog der anderen Seite zu, nach Berlin hinüber, wo bei den Klängen der Musik das große bunte Leben sich entfaltete.
Der Kandidat setzte sich, blickte erst nach rechts und links und begann wie ein Tagelöhner aus dem Papier heraus Wurst und Schrippen zu verzehren. Hin und wieder näherten sich Fußtritte, dann verbarg er rasch das Essen und spielte den verlorenen Träumer, von heimlicher Angst erfüllt, es könnte jemand neben ihm Platz nehmen und ihm den Appetit verderben. Aber er hatte Glück und blieb ungestört.
Vor ihm lag die abgeschlossene Gärtnerei, die bis an den Außenzaun ging. Darüber hinweg konnte er auf die Hardenbergstraße und deren Paläste blicken. Im hellen Sonnenglanz tobte das Leben Charlottenburgs, gleichsam wie ein vielköpfiges, noch sanft grollendes Ungeheuer, das erst zu tosendem Lärm überging, sobald es sich in die Straßenfluten Berlins ergoß. Unaufhörlich sandten die Stadt- und Fernzüge aus der Halle ihr Fauchen herüber, um dann über die Köpfe der Menschen hinweg hinter den Häusern zu verschwinden, als hätten die Mauern sie verschlungen. Heller und dunkler Qualm schlug zur Erde hernieder und verflog wie ein Heer von Flocken an den scharfen Kanten der Häuser.
Die elektrischen Wagen heulten an den Kurven und gaben gellend ihr Klingelzeichen, dazwischen erschallte klirrendes Wagengerassel, begleitet von dem gleichmäßigen Geklapper der Pferdehufe. Und dann ertönte aus der Luft herunter das dumpfe Glockenläuten der Wilhelms-Gedächtniskirche, wie herabschwebendes Riesensummen aus lichten Höhen, das den irdischen Lärm zermalmen wollte.
Lange klang es dem Kandidaten in den Ohren wieder, wie ein Ruf zu stiller Betrachtung. Er hatte mit Heißhunger gegessen und war nun fertig. Die Glocken ließen seine Gedanken zurückschweifen in die stille Heimat zur Dorfkirche, in der sein Vater so oft den Segen gesprochen hatte. Und der Spruch des Alten fiel ihm ein, den er ihm im Stammbuch zur Begleitung auf allen Wegen mitgegeben hatte: »So du dein Brot in Frieden ißt, laß es trocken sein und beneide nicht den, der glücklicher als du, es in Unfrieden ißt.« Und seine Mutter hatte hinzugefügt: »Fürchte nicht die Menschen, sondern fürchte dich!«
Kandidat Fröhlich wurde es weich zu Mute und unwillkürlich streckte er die Hände aus, als wollte er etwas fassen, was nicht da war, den Toten und die Lebende, beide zugleich, die ihm die große Heerstraße durch das Leben gezeigt hatten, auf der in jeder Station dasselbe steht: »Sei neidlos und harre aus!«
Gefestigt erhob er sich, denn schon war er nahe daran gewesen, mit dem Schicksal zu hadern, das dem einen den Ueberfluß gab und dem andern die Entbehrung. Ein Buchfink schlug sein Lied ihm zu Häupten, und hinter dem Zaune auf einem Obstbaum begann Frau Nachtigall sanft zu flöten, schmollend, mit der Rührung einer Vogelbraut, die das ferne Männchen lockt. Und es war merkwürdig, daß der Kandidat plötzlich an Fanny dachte, und der heiße Wunsch in ihm rege wurde, ihr hier zu begegnen. Und plötzlich durchzuckte ihn ein wonniger Schreck, als ihm einfiel, daß er am Vormittag gehört hatte, sie fühle sich zum Aufstehen schon genügend gekräftigt.
Er schritt langsam unter den Bäumen dahin, und machte hier und da vor den Tieren Halt. Besonders lange betrachtete er die Giraffe, die ihm stets als eines der merkwürdigsten Naturwunder vorgekommen war, dazu geschaffen, hochmütig über alle Nebentiere hinwegzublicken, um dafür von dem Löwen gestraft zu werden, den sie beim unfreiwilligen Wüstenritt wegen ihres langen Halses niemals erreichen konnte. Ein magerer Predigtamtskandidat seiner Heimat fiel ihm ein, der gerade so auf der Kanzel seinen dürren Hals reckte, und stets nach zwei Seiten zu äugeln schien, wenn er die Wirkung seiner Kinderstimme abwarten wollte. Fröhlich machte seinem Namen Ehre und vergnügte sich innerlich. Aber sein heimliches Lachen erstarb wie durch einen Ruck. Bekannte Stimmen schlugen an sein Ohr.
»Herr Rudi, ich wünsche diese Belästigungen nicht mehr. Ich sage es Ihrer Mama.«
»Ach, das tun Sie ja doch nicht.«
»Sicher. Ich dachte wunder, was Sie mir zu sagen hätten ... Ich muß zu den Kindern.«
»Ach, die buddeln ja ganz vergnügt. Kommen Sie nur! Wir gehen so rum.«
»Nein, nein. Wenn's die Gnädige erfährt, geht's mir noch schlechter. Dann heißt's wieder: ›Vernachlässigung der Pflicht‹.«
»Ach, Dummheit!« sagte Rudi wieder. »Mama hat gar nichts dagegen. Im Gegenteil --.«
»Wie meinen Sie denn das?«
Er ging aber darauf nicht ein, sondern sagte rasch:
»Wissen Sie, weshalb der Kandidat nicht mehr bei uns ißt?«
»Er wird mir's gewiß morgen selbst sagen. Ich hörte schon davon. Aber selbst Walter wußte es nicht.«
»Er hat gestern Ihre Haarnadel in der Suppe gefunden und sich den Geschmack daran verdorben.«
»Pfui, das ist nicht schön von Ihnen.«
»~Ich~ hätte mich an ihrem Duft berauscht. Scherz beiseite -- kommen Sie, ich will Ihnen den wahren Grund sagen.«
Neugierig folgte sie.
Fröhlich sah es, als er endlich wagte, sich umzublicken. Er hatte ihnen den Rücken zugekehrt, eingekeilt zwischen anderen Neugierigen, die nun in Scharen den weiten Käfig umstanden. Es war lebhafter im Garten geworden, und so sammelten sich die Menschen schon in Gruppen. Rudi und Fanny hatten hinter dem Kandidaten gestanden, ohne ihn zu sehen und von den andern beachtet zu werden, die nur Sinn für die Tiere hatten. Er aber war die Stimmen nicht mehr losgeworden und hatte nur ihnen sein Ohr geliehen.
Nun sah er die beiden dahinwandeln, wie sie in den Menschenlücken wieder auftauchten und verschwanden und er sah Fannys helles Kleid flattern, in der Sonne ihr Haar glänzen unter dem dunklen Strohhut. Ihr Gang hatte etwas Schwebendes, Leichtes und Verlockendes. Und der andere schritt neben ihr, lässig und keck, wie jemand, der sich herabläßt, mit einem Mädchen zu gehen. Und wenn er die Arme erhob und das dünne Stöckchen schwang, sah es aus, als tändelte er mit ihr.