Familiensklaven

Part 14

Chapter 143,848 wordsPublic domain

Emil kam durch die offene Tür hereingeschlichen, umfaßte sie und legte die Hand auf ihren Mund. »Machen Sie die Futterluke zu, es zieht ... Ich will mein Diner haben, mein Diner! Mir ist nicht wohl, wenn ich meine sechs Gänge nicht habe! Der Herr hat mir heute alles vermacht,« näselte er dann und tänzelte durch die Küche.

Hausmädchen und Köchin schüttelten sich vor Lachen, bis dann Lene sagte: »Ihnen piekert's woll? Wenn Sie mal nischt zu dun haben, werden Sie jleich üppig. Hier, essen Sie noch die halbe Stulle, es ist mir zuviel. Das Diner hat heute die Jnädige jejessen.«

Sie saß am sauber lackierten Tisch, stützte den mächtigen Ellbogen auf die Platte und trank ein Glas Schultheiß-Bier nach dem andern. An warmen Abenden mußte sie ihre zwei Flaschen haben, die sie wie Wasser heruntergoß. Unter ihrer weißen Blusenjacke quoll ihr das Fett förmlich hervor, denn sie aß für zwei und schöpfte die beste Bouillon für sich ab.

Emil, der die Luft heute rein wähnte, rauchte seine Zigarette, wobei er den Rauch immer durch die Nase zog. Nun vergaß er aber den nächsten Zug. »W--as? Die Gnädige fängt auch so an? Ja, wie soll ich mich denn da zerteilen? Aber ich weiß schon -- einmal unten, einmal oben.«

Die Zigarette im Munde, jonglierte er mit den Händen. »Nächstens komme ich mit dem Aufzug zu Euch rauf.«

Abermals lachten die Mädchen, die eine laut, die andere still. Stets, wenn er so seine Witze machte, amüsierten sie sich über ihn, denn er war gelenkig wie eine Gliederpuppe und hatte ein gewisses schauspielerisches Talent, das urwüchsig war, wie oft bei aufgeweckten Berliner Jungen. Besonders hatte er die Gabe, Menschen nachzuahmen, und das tat er mit Vorliebe hier in der Küche.

»Paßt mal auf, ich werde Euch den beleidigten Kandidaten zeigen.«

Er hatte an jenem Morgen nach der Anmeldung Fröhlichs bei Roderich alles durch die offene Tür mit angesehen und vom Verandasaal aus die Unterhaltung gehört. Und so knöpfte er sich jetzt die Hausjacke zu, so daß er wie in einer Wurstpelle steckte, tat so, als streifte er die Handschuhe über, nahm einen Blechdeckel als Hut in die Hand und schritt mit eingedrückten Knieen würdevoll auf die Köchin zu, die den Hausherrn vorstellen sollte.

Und nach einer tiefen Verbeugung redete er den größten Blödsinn zusammen, aus dem aber entschieden die Sprechweise Fröhlichs herausklang. Dann trat er zurück und wiegte sich mehrmals auf den Fußsohlen hin und her, was aber mehr ein Hüpfen war. Schließlich erdichtete er eine große Schlußszene ... »Herr Bankdirektor, ich bin in Fräulein verschossen, ich möchte heuraten. Ich bitte um eine kleine Gehaltszulage von fünf Mark. Auch mit einem Vorschuß von zehn Mark wäre mir gedient. Außerdem hat mich Ihr Herr Sohn beleidigt. Das kostet eine Zigarre extra. Aber keine zu starke, wenn ich bitten darf, sonst wird mir schlimm danach. Und was den jüngsten Herrn Sohn betrifft, so macht er große Fortschritte. Ich kann noch zehn Jahre in Ihrem Hause bleiben.«

Abermals machte er einige Verbeugungen, wobei er diesmal rückwärts ging, und zwar so, daß er fortwährend stolperte. Den Topfdeckel schwenkte er wie einen Chapeau-Claque und die freie Hand schlug er gegen die Brust, wie zur Beteuerung seiner Ehrfurcht. Dann rannte er gegen den Küchenschrank, machte auch vor diesem eine Verbeugung und bat um Entschuldigung.

Das Hausmädchen hatte sich nicht mehr halten können, war auf einen Schemel gesunken, machte fortwährend Luftbewegungen mit den Armen und brachte sogar diesmal hörbare Heiterkeitstöne hervor.

Die Köchin jedoch schien zu platzen vor Lachen, denn ihr Gesicht war völlig rot. Sie strampelte vergnügt mit den Beinen und schlug mit der flachen Hand fortwährend auf den Tisch, daß es klatschte. Sobald sie Atem schöpfen konnte, rief sie wiederholt: »Nee sowas, nee sowas! Das reene Theater!«

»Der arme Kandidat! Was for'n guter Mensch doch,« sagte Emma endlich begütigend.

»Dafür kann er nicht,« warf Emil wieder ein.

Schrill fuhr die elektrische Klingel mehrmals hintereinander in ihre lustige Stimmung hinein. Schon vorher hatte es leicht getippt, aber sie hatten es nicht beachtet.

Gleich darauf knarrte die Treppe, und Rudi rief auf halbem Wege herunter: »Aber, Mensch, wo stecken Sie denn? Was denken Sie sich eigentlich! Können Sie denn nicht nachsehen, wer klingelt?«

Mit dem Küchenspuk war es aus.

Der Diener warf rasch die Zigarette weg, nachdem er noch einen großen Zug getan hatte, schimpfte leise beiseite und stürmte dann hinaus. Abermals ertönte die Klingel, diesmal von der Gnädigen, und auch Emma eilte hinaus.

Die Köchin blieb allein zurück und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.

XVII.

Frau Agathes Qualen waren noch nicht zu Ende. Soeben war Fanny bei ihr gewesen, um sie zu bitten, ihr bis dreiviertel Zehn Urlaub zu geben. Sie wollte, wie ihr befohlen, zum Schuhmacher gehen und zugleich ihrer Mutter einen Besuch abstatten, die in derselben Gegend wohnte. So brauchte sie nicht erst zu schreiben und konnte von dem »Wunderbaren« selbst erzählen.

Die Witwe des Hauptmanns Frank war schwächlich und kränklich, und so ging Fanny allwöchentlich einmal zu ihr, woran man sich im Hause des Bankdirektors schon gewöhnt hatte. In voriger Woche war der Besuchstag ausgefallen, und so mußte Frau Roderich einwilligen, so schwer es ihr auch an diesem Abend wurde.

Es war nach acht, auch das Familienabendbrot war vorüber, und so hatte sie wieder Emma zu sich bestellt, damit sie die Kinder ins Bett bringe und bis zu Fräuleins Rückkehr bei ihnen bleibe. Aber schon nach zehn Minuten fuhr sie wieder empor. Ein schrecklicher Verdacht war in ihr aufgetaucht, und so brachte sie wieder mit großem Geräusch die Klingel in Bewegung, was den Dienstboten diesmal durch Mark und Bein ging. Sicher war Fräuleins Gang nach Hause heute nur eine Ausrede; sie traf sich gewiß mit Fröhlich, der sich vielleicht nur einen Akt im Opernhause ansah oder am Ende das Billet gar nicht benutzte!

Diese Einbildung wurde zu einer Wahnvorstellung, die mitten in ihre Verdauung hineinfuhr und ihr aufs neue die Ruhe nahm, die schon wohlig über sie kommen wollte.

»Ist Fräulein schon fort?«

»Jawohl, gnädige Frau.«

»Was hat sie denn angehabt?«

»Ihr neues Kostüm und die blaue Bluse dazu.«

»Das braucht sie doch nicht bis zum Schuster anzuziehen!« Sie ließ das Haupt mit der arg mitgenommenen Frisur wieder zurücksinken, denn nun erschien ihr alles »richtig«.

»Der junge Här ist auch schon fort,« fügte Emma hinzu, ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken. »Er hat noch Krach mit Emil gemacht, denn es sollte etwas recht eilig gehen und es ging nicht. Der junge Här war wütend.«

»Was? Rudi ist gleich hinterher gegangen? Es ist gut!« Ein Seufzer der Erleichterung folgte, denn ihre Gedanken nahmen eine andere Richtung. Am liebsten hätte sie ihr Wohlgefallen darüber zu dem Mädchen geäußert, aber sie bezwang sich noch in letzter Minute. Ach, sie hatte in diesen Minuten keine liebende Seele, der sie ihre Empfindungen hätte anvertrauen können! Aber ihr Haß gegen die Freundin ihrer Kinder ging im Augenblick soweit, daß sie ihrem Sohne einen Triumph, wenn auch einen unmoralischen, gegönnt hätte, um ihre Rachsucht zu befriedigen. Und sofort bemakelte sie Fanny wieder mit etwas Häßlichem: sie könnte doch eine leichte Person sein und Rudi eine Zusammenkunft gegeben haben. Und wenn er auch ohne ihr Wissen hinter ihr her sein sollte, so war er ihr wenigstens auf den Fersen und würde seiner geliebten Mutter am andern Tage berichten, wohin Fräulein seine Schritte gelenkt habe.

Kornelia kam nicht, trotzdem es schon über neun hinaus war. Neues Stöhnen entrang sich Agathes Brust, und sie kam sich wie eine verstoßene Mutter vor, die nur Undank von ihren Kindern erntet. Gewiß flirtete die Aelteste im Zoologischen Garten und hatte keinen Gedanken an die gequälte Seele hier.

Das Haus erschien der Frau Bankdirektor wie ausgestorben, und um wenigstens nicht in all dem Luxus lebendig begraben zu sein, drehte sie das Licht der elektrischen Ständerlampe auf und ließ sich Walter kommen, der ihr aus seinem deutschen Lesebuche einfältige Geschichten vortragen mußte, was er mit hübscher Betonung tat.

Als sie den schiefen Jungen so sitzen sah, wie er sich bemühte, ihr mit seiner dünnen Stimme die Zeit zu vertreiben, packte sie das alte Weh, das sie immer bei dem Gedanken empfand, ihn so zur Welt gebracht zu haben. Was für schöne, kluge Augen er hatte in seinem zarten Gesicht, das die durchsichtige Blässe all dieser körperlich Verunzierten zeigte.

Er mußte mit dem Lesen aufhören und sich dicht zu ihr setzen. Und als sie seine schmale Hand mit den langen Fingern in ihren fetten Händen hielt, kam sie zu ihm auf Fröhlich zu sprechen.

»Hast Du denn den Kandidaten lieb?« fragte sie. »Er ist doch immer sehr streng.«

»Das ist er, Mama, aber immer gerecht. Er lehrt mich stets die Wahrheit sprechen, und darum kann ich nicht lügen, auch wenn er manchmal gar nicht nachsichtig ist. Er ist ein edler Mensch. Fast jeden Tag erinnert er mich an Dinge, die ich niemals vergessen soll, auch im späteren Leben nicht.«

Sie zeigte eifrige Neugier. »So hat er heute auch wieder etwas zum besten gegeben?«

Walter nickte vergnügt. »Gleich, als er heute bei Dir war, kam er und sagte zu mir: ›Du mußt nie Gleiches mit Gleichem vergelten, auch wenn man Dir noch so wehe getan hat! Vor allem mußt Du Deine Eltern lieben und achten, und wenn Du schon ein alter Mann geworden bist und sie sind Greise, auch wenn Du Uebles von ihnen erfährst.‹ Und dann fügte er noch hinzu, man solle sich nie über die Fehler anderer Menschen aufhalten, sondern immer an seine eigenen denken. Es gehörte gar nicht zum Thema, aber er sagte es doch. So tut er es immer.«

»Dann handle nur stets danach!«

In einem Gemisch von Gefühlen, die sie sich selbst nicht erklären konnte, weil ihr die Gemütsklarheit fehlte, entrang sich doch ihrer Seele die Sehnsucht nach einer befreienden Tat. Sie zog den Verwachsenen an sich und küßte ihn zärtlich, um darunter die Scham einer Mutter zu verbergen.

Eine Stunde später, als alles schon still im Hause war und die Kinder fest schliefen, saß Fanny an ihrem Tisch und schrieb:

»Donnerstag abend, 10 Uhr.

Lieber Bruder Kurt!

Ich hatte einen Gang zu machen und war zu Hause mit heran. Jetzt habe ich Zeit und Ruhe, an Dich zu schreiben. Mama fühlte sich heute ganz besonders schwach, denn sie hatte wieder einen starken Hustenanfall, der, wie Du weißt, ihre Kräfte stets mitnimmt. Heute vormittag war der Arzt da und sagte, sie müßte entschieden in diesem Sommer irgendwohin zur Erholung. Erna wollte mit Dir am nächsten Sonntag darüber sprechen. Die Gute hat viel Plage mit Mama, und ich bewundere sie, wie sie das immer noch alles fertig bekommt, trotz der vielen Stunden, die sie gibt. Gestern hat sie wieder zwei aus dem Hause bekommen, natürlich billig. Anders wollen's ja die Herrschaften nicht. Wenigstens haben sie jetzt ein fleißiges Dienstmädchen, ein junges Ding, aber Erna kann sich doch darauf verlassen, wenn sie mal nicht zu Hause ist. Schwesterlein meinte, sie sei schon ganz taub von dem vielen Klavierpauken. Otto und Egon haben heute aus Lichterfelde geschrieben und wieder gejammert, daß ihr Taschengeld alle sei. Wo die das nur alles lassen? Ich glaube, sie legen zuviel in Schlagsahne an. Und Erna, das gutmütige Schaf, schickt immer darauf los. Gestern war es wieder ein Fünfmarkschein im Brief. Es sind doch noch kleine Jungen, trotzdem sie schon Seiner Majestät Uniform tragen. Egon will sich Sonntag Urlaub nehmen, und Erna bereitet sich schon auf sein Leibgericht vor: gekochte Kirschen mit Klößen. Davon ißt er ja immer drei Teller. Wenn ich's nur einmal möglich machen könnte, so einem Sonntagsfest beizuwohnen. Aber ich habe immer nur Wochentags Zeit. Sonntags haben wir fast immer Gäste, weil der Bankdirektor dann mehr Zeit hat, und so behauptet seine Frau immer, ich sei unabkömmlich.

Ueberhaupt die Gnädige! An die muß der liebe Gott in einer sehr schlechten Laune gedacht haben, denn sie besteht überhaupt nur daraus. Irgend eine Schraube muß manchmal los sein, es können auch zwei sein. Dann piesackt sie das ganze Haus und möchte am liebsten hoch gehen wie ein Luftballon. Aber sie bleibt immer unten. Leider! Sonst ist sie eigentlich eine ganz gebildete Frau, denn sie hat zweiundzwanzig Morgenröcke (natürlich Seide), ebensoviel Blusen (natürlich Seide), zwei Dutzend Diner- und Balltoiletten (natürlich Seide, Sammet und Atlas), ebensoviel Hüte, Abendmäntel und Kopfschals. Und was sonst noch ihren Konfektionsreichtum betrifft, so könnte ein kleiner Geschäftsmann sich damit etablieren, und aus ihren Brillanten könnte ein Juwelier ein Schaufenster zusammenstellen. Aber trotzdem beneide ich sie nicht, denn sie ist eine kranke Dame, die den Wert des Lebens nicht zu schätzen versteht. Sie hat den ganzen Tag über nichts zu tun, das ist ihr Unglück. Und dann hat sie einen viel zu guten Mann.

Kornelia jedoch ist ein Engel, mit dem ich mich auch später gut vertragen würde. (Merkst Du was?) Sage mal, weshalb warst Du denn vorigen Sonntag bei unserem Kandidaten? (Merkst Du was?) Er wollte aber nicht heraus mit der Sprache; er ist ein sehr guter, lieber Mensch von feiner Empfindung und ehrlicher Gesinnung. (Hierbei brauchst Du aber nichts zu merken.)

Ich weiß nicht, wie weit Du schon mit Fräulein Roderich bist, denn sie schweigt sich aus. Aber da sie sich verstockt gegen mich zeigt, nehme ich das Beste an; denn alle Verliebten sind verstockt. Von mir wirst Du das nicht behaupten können, denn ich bin eigentlich zu aufrichtig gegen Dich. Sei es also ebenso und schreibe mir, wie, wo und wann? Was Kornelia anbetrifft! Sei nicht so stolz zu Deinem Schwesterchen. Schließlich bin ich auch noch ein ›Fräulein‹, das man respektieren muß. Ich traue Dir schon eine reiche Eroberung zu, denn Du weißt ja, wir nannten Dich immer ›Sturm-Kurt‹. Na, und General wirst Du sicher mal, natürlich kommandierender. Halt' Dich nur immer an den Schwiegerpapa in spe, denn der hat's Wort und's Portemonnaie. Und für seine Kornelia tut er alles. Zu weiteren Auskünften gern bereit, grüßt Dich herzlich

Dein Nuckerchen.

=P. S.=

Eh' ich's vergesse -- Erna sagte mir, daß Du letzten Sonntag abend zu Hause sehr schweigsam gewesen seist. Ich kann mir schon denken, warum. Ich habe noch meine fünfundvierzig Mark liegen vom letzten ersten, und schicke Dir vierzig davon, gleich im Brief. Vielleicht brauchst Du bald wieder ein paar Blumenräder. Und nun sei vernünftig und brumme nicht! Ich kann das Geld wirklich entbehren, denn ich gebrauche diesen Monat nichts. Später gibst Du's mir mit Zinsen wieder! Mama braucht nichts davon zu wissen, denn sie mäkelt sowieso schon über Deinen Zuschuß, der doch für die Katz ist. Reisedispositionen sind bei uns noch gar nicht getroffen, also sei beruhigt. Vor Juli wird's sicher nichts, denn der Bankdirektor kann nicht abkommen. Wenn ich etwas zu sagen hätte, wäre ich für die Nordsee. Aber auf vernünftige Menschen hört man ja nicht.

F.«

Sie lachte stillvergnügt, als sie den Brief noch einmal überflog, und steckte die beiden Goldstücke, die sie am andern Tage auf der Post einwechseln wollte, gleich mit ins Kuvert. Eigentlich hatte sie noch so manches andere schreiben wollen, aber sie hielt es für besser, es nicht zu tun. Mit der Enthüllung des »Wunderbaren« zu Hause war es nichts, denn Rudi hatte ihr unterwegs die Stimmung verdorben. Zu ihrem Schreck war er plötzlich vor ihr aufgetaucht und nicht von ihrer Seite gewichen. Es waren die alten Redensarten, die er führte, keck und zweideutig und zuletzt anmaßend, als sie seinen Wunsch, mit ihm noch ein Stündchen zusammen zu bleiben, nicht erfüllen wollte.

Sie hatte eine neue Abwehrungsart gefunden, indem sie ihn komisch nahm und alles mit Lachen beantwortete. Als er aber daraus andere Schlüsse zog und sich ermuntert fühlte, ihr allen Ernstes zuzumuten, sie könnten ja nach zehn ausbleiben, denn er habe seinen Hausschlüssel bei sich, hatte der Scherz für sie ein Ende.

Sie empfand das ganze Widerliche seiner Natur, und so verbat sie sich jede fernere Begleitung und drohte ihm scherzend mit seinem Vater, worauf er dann den Rücksichtslosen spielte und ganz offen erklärte, daß man ihr nicht glauben werde.

Ihre letzte Antwort war, daß sie ihm mit stiller Verachtung den Rücken kehrte und in die nächste Elektrische stieg. Er lachte hinter ihr her und warf sich in eine offene Droschke, in dem Glauben, sie werde ihn noch sehen. Als sie wirklich unvorsichtig durch die Scheiben zurückblickte, zog er in einem schwungvollen Bogen spöttisch den Hut.

Mit Befriedigung war sie nach Hause zurückgekehrt, denn nun mußte er ihre Deutlichkeit verstanden haben. Schließlich war er doch wirklich ein »dummer Junge«, der als solcher behandelt werden mußte.

Am andern Tage hatte er für die Neugierde seiner Mutter eine kleine Lüge bereit. Es sei ihm gar nicht eingefallen, den Spuren Fräuleins zu folgen, er habe denn doch »andere« Rendezvous. Er wollte einer Vernehmung Fannys vorbeugen, und so sprach eine gewisse Entrüstung aus ihm, die sich zu einer kleinen Anklage gegen Frau Roderich verdichtete.

»Aber, Mama'chen, ich bitte Dich! Solche Chosen traust Du mir doch nicht zu! Ich verabrede mich doch mit keinem Kindermädchen. Mal im Zo ein bißchen gescherzt, weil sie mit den Augen klapperte, aber seitdem sie das schief aufgefaßt hat, ist es anders. ~Sie~ möchte wohl gern so'n kleines Rendezvouschen, aber Rudi ist zu klug. Ich kann Dir gar nicht sagen, wer mir alles nachläuft, aber ich habe jetzt an ernstere Dinge zu denken.«

»Brav von Dir, mein Junge, lerne und strebe! ... Unser armer Kandidat, er kennt die Frauen so wenig!« Sie seufzte, denn sie bezog das auch auf sich. »Ich werde kurzen Prozeß machen und sie kündigen, dann bekommt er sie aus den Augen.«

»Na, Mama, das überlege Dir noch! Sie ist immer noch die beste, die wir gehabt haben. Und sie läßt sich eigentlich viel von Dir gefallen. Manchmal ist's auch schwer mit Dir auszukommen.«

»Aber Rudi!« fuhr sie wieder auf. »Ich tu doch keinem Menschen etwas! Ich bin nur wahr und gerecht.« Sie mäßigte sich aber jäh, denn es fiel ihr ein, was ihr Walter gestern von dem Kandidaten berichtet hatte, und wenn sie ihre Tugenden abwog, blieb in dieser Beziehung nicht viel für sie übrig. Die ganze Nacht hatte sie nicht schlafen können, weil ihr das Gewissen schlug. Und wenn sie wirklich ganz leiser Schlummer erfaßt hatte, war sie aufgeschreckt, und dann sah sie immer ihren verwachsenen Knaben vor sich sitzen, der ihr in diesem Stückchen Familiensumpf wie eine reine Passionsblume erschien, um die man sich zu wenig bekümmerte.

Nun hatte sie dieselbe Schwächeanwandlung und sagte nachgiebig: »Eigentlich hast Du recht. Eine bessere bekommt man doch nicht, und dann gibt's auch immer neue Aufregungen. Der Kandidat wird sich noch sehr besinnen, er kann ja auch noch gar nicht heiraten, er soll auch noch recht lange bei uns bleiben, denn Walter lernt tüchtig bei ihm.«

»Na siehst Du!« warf Rudi großartig ein. »Höre nur immer auf mich! Dieser Rat von mir müßte eigentlich etwas kosten. Aber heute gebrauche ich noch nichts, Ma'chen. Zum Sonntag aber richte Dich darauf ein, ja? Wir haben uns nach Wannsee verabredet zu einem Diner im Freien. Natürlich Sektbowle.«

»Quäl mich nur jetzt nicht damit, es ist ja noch nicht soweit.«

Regelmäßig nutzte er ihre Schwäche aus, und so erschien ihm das verhaltene Jammern bereits wie eine Zusage. Ueberdies war er froh, ihr diesen Kündigungsgedanken aus dem Kopf geschlagen zu haben, denn der Abfall gestern hatte ihn erst recht gereizt, auf krummen Wegen weiterzugehen und seine Machtstellung als bevorzugter Sohn des Hauses zu beweisen. Wenn man Rudi hieß, so gab man das Liebespürschen nicht so leicht auf.

Gleich, nachdem sie empfangsfähig war, hatte sich Fröhlich bei Frau Roderich gezeigt, um sich nochmals für das Billet zu bedanken. Er hatte wirklich einen großen Genuß gehabt, trotzdem er sich zuerst auf dem ersten Rangsitz etwas unbehaglich gefühlt hatte, denn er saß zwischen zwei tief dekolletierten Damen, deren Anblick ihn stark in Verlegenheit brachte. Die zur Rechten namentlich prangte in der ganzen Fülle ihres reifen Alters und strömte überdies ein Parfüm aus, das ihn fortwährend an Agathes Boudoir erinnerte. Neben dem großen Staat der Damen sah er nur Uniformen, Fräcke und Smokings. So kam er sich in seinem schwarzen Rock und der hohen Weste verlassen vor, ungefähr wie ein einzelner dunkler Punkt auf einer bunten Landkarte. Die dicke Dame schielte ihn in den Pausen immer seltsam an, als wüßte sie nicht, was sie aus ihm machen sollte.

Schließlich aber hatte er mit verschränkten Armen nur noch krampfhaft geradeaus geblickt und sich ganz dem Zauber der unsterblichen Musik hingegeben.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, wenn ich mich nicht lange aufhalte, ich bin mitten im Extemporale, aber ich wollte nur pflichtschuldigst berichten, daß der Gast außerordentlichen Beifall fand. Es war ein ganz ausverkauftes Haus.«

Beiläufig forschte sie, wie ihm die prächtige Ausstattung des letzten Aktes gefallen habe und wann es aus gewesen sei. Es stimmte alles, und sie brauchte eigentlich kein Mißtrauen zu hegen, aber seine deutliche Zurückhaltung verstimmte sie wieder. Das konnte alles auch »Mache« sein und vom Hörensagen stammen.

»Haben Sie wirklich keinen Augenblick Zeit? Gerade über die Meistersinger hätte ich gerne ein wenig mit Ihnen geplaudert. Wie war denn der Beckmesser?«

Sie lockte verschiedenes aus ihm heraus, um ihn aufzuhalten und zum Platznehmen zu bewegen, aber er wich nicht von der Türe. Auch der Hinweis, daß sie über Walter verschiedenes zu sagen habe, konnte ihn um so weniger von dem abgekürzten Verfahren abbringen, als er von seinem Schüler bereits das Nötige über den gestrigen Abend erfahren hatte.

Aergerlich ließ sie ihn gehen.

Wie bei ihr die eingebildeten Leiden wechselten, so änderte sich auch unvorhergesehen ihr Tun und Lassen. An jedem Freitag war großes Reinemachen im Hause, bei dem alles auf den Kopf gestellt wurde. Der Kandidat floh dann mit seinem Schüler in das Spielzimmer der Kinder, die er auch an diesem Tage wieder zu beaufsichtigen hatte, denn Strafe mußte sein, wie Frau Roderich sich sagte. Sie meinte es so gut mit ihm, und er wurde aufsässig, also mußte die Familiensklavenpeitsche einmal geschwungen werden. Rudi hatte recht: es gab gewisse Naturen, die sich nur unter ihrer Wirkung wohlfühlten. Die schlaflose Nacht, die hinter ihr lag, rächte sich diesmal an allen, und so wurde auch Fräulein heute zu anderen Dingen gebraucht, wofür als Entschuldigung diente, daß man das neue Kammermädchen erst in acht Tagen bekomme.

Hinter dem Pferdestall lag ein kleiner Hof, wo die Teppiche und Läufer ausgeklopft wurden. Kutscher und Diener hatten dieses Geschäft zu besorgen, wozu auch die Frau des Gärtners, der zugleich Portierdienste zu verrichten hatte, herangeholt wurde. Es dauerte lange, bis die Berge von Persern und Smyrnaern überwältigt wurden. Der Bankdirektor rückte dann frühzeitig von oben aus, nahm den Kaffee unten allein ein und benutzte an diesem Tage eine Droschke, da sein Kutscher nicht zu haben war. Da er von seiner Frau als ganz überflüssig beiseite geschoben wurde, so machte er schleunigst lange Beine.

»Ach, Fräulein, Sie könnten so freundlich sein, und die Vorleger einmal ordentlich ausstäuben, es fehlen mir heute überall Hände,« sagte sie mit ihrer ganzen Süßlichkeit, die Fanny schon an ihr kannte.

Damit waren die vielen echten Felle gemeint, die vor den Betten des Ehepaares und auch als Zierde vor den Sofas und Ruhebetten herumlagen.

Fanny war rot geworden, denn Rudi, der heute über alle Hindernisse hinwegsprang, war zufällig dazu gekommen und hatte das mit angehört, natürlich das Glas im Auge, wodurch seine schadenfrohe Miene sich noch erhöhte. Trotzdem erwiderte sie ruhig: »Schön, gnädige Frau, Emma kann wohl alles nach oben schaffen?«