Familiensklaven

Part 13

Chapter 133,851 wordsPublic domain

»Sie brauchen durchaus nicht in Angst zu schweben,« ermunterte sie ihn, »weil mein Mann neulich dazwischenkam. Er ist sehr dafür, daß wir die musikalische Unterhaltung wieder aufnehmen. Er wollte sogar mit Ihnen darüber sprechen. Es wird sich ja leicht eine Honorarverständigung erzielen lassen.«

Fröhlich hörte nur ihre frommen Wünsche heraus und ließ lächelnd diese Frage offen. Als sie dann aber zu ganz neuen Noten griff und ihn bat, sie einmal durchzulesen, wobei sie ihm über die Hand blickte, packte ihn wieder das stille Entsetzen, daß er neulich erst empfunden hatte, und so bat er sich das Blatt aus, nur, um schleunigst fortzukommen. In Gnaden entließ sie ihn, denn sie glaubte, nun wieder die alte Anteilnahme in ihm erweckt zu haben.

Als Fröhlich das Billet angeboten bekam, wagte er nicht, es abzulehnen, um so weniger, als er wußte, daß es sonst verfallen wäre. Ueberdies erfreute ihn die Gabe wirklich, denn er hatte »Die Meistersinger« nur einmal als Student gehört, und zwar vom »Olymp« aus, wo die Götter jedenfalls neidisch auf seine Anwesenheit waren, denn sie versperrten ihm jegliche Aussicht.

Der Genuß wurde ihm jedoch schon vorher etwas getrübt, als Frau Roderich hinzufügte: »Erzählen Sie mir nur gleich morgen, wie es war. Um elf empfange ich schon.«

»Sie läßt nicht locker,« stöhnte es in Fröhlich, »mit der einen Hand streichelt sie und mit der andern martert sie mich.«

»Haben Sie nicht neulich Auslagen gehabt?« fragte sie lächelnd. »Und wie ist's denn mit den Stunden heute abend? Die werden doch wohl ausfallen. Walter sagte mir, daß Sie jetzt einen Sekundaner hätten.«

Fröhlich redete sich aus, das sei nicht so schlimm, die Stunden würde er nachgeben. Flugs eilte sie zu dem kleinen Schreibtisch an der Wand, tat eilig etwas in ein Kuvert und klebte es zu.

»So, mein Bester! Hier ist das Billet drin, damit Sie's nicht verlieren. Ich habe gleich das Personenverzeichnis mit hineingelegt, damit sie keinen Theaterzettel zu kaufen brauchen. Ich bitte mir aber aus, daß Sie das Kuvert erst heute abend öffnen.«

Mit einem harmlosen Lächeln überreichte sie es ihm.

Der Kandidat war betroffen, aber sein ahnungsloses Gemüt wurde dadurch nicht getrübt. »Gewiß wird sie Dich noch andichten,« raunte ihm sein innerer Mensch zu. »Was hast Du eigentlich getan, um dieses Uebel auf Dich zu laden?« Und er ging in das Zimmer neben der Unterrichtsstube, stellte sich vor den Wandspiegel und musterte sich wie ein Mensch, in den plötzlich die Eitelkeit gefahren ist.

Er wollte doch einmal gründlich sehen, was er eigentlich so Besonderes besäße, wodurch die Gnädige sich so andauernd bewogen fühlte, ihm ihre Gunst zu schenken. Und das Ergebnis dieser Betrachtung war die stille Anrede: »Es ist die reine Verirrung von ihr, die absolute Verirrung, oder eine Trübung ihres Sehnervs, wenn nicht gar eine Verdunklung der Gefühlswelt. Oswald Fröhlich, es muß gerade herausgesagt werden: Du kannst nicht den mindesten Vergleich aushalten mit dem Bankdirektor. Er ist nicht nur stattlicher als Du, weltkluger und energischer, -- er hat auch viel mehr Geld, ist in hochangesehener Stellung und besitzt die Kraft, sechs Gänge täglich zu verdauen. Er ist also sozusagen das Muster eines Mannes. Was will sie also von Dir? Ist sie eine zweite Lukrezia Borgia, ins Moderne übertragen, die eine grausame Wonne darin findet, arme Schulamtskandidaten seelisch zu zermartern?«

Ja, was wollte dieses fürchterliche Weib?

Der Kandidat, der Frauen gegenüber ein großes Kind war, vermochte keine Antwort auf diese Frage zu geben, aber er nahm sich vor, diesem Zustande ein Ende zu machen, und sollte auch der Zorn der Hausherrin sich mit Gewitterschwere über ihm entladen. Auch Familiensklaven hatten das Recht, sich zu verschwören und zu empören, und leisteten sich zwei den Eid der Treue, so wurden sie stärker, als einer.

XVI.

Wenn Sklaven sich auflehnten, so trotzten sie auch den Befehlen der Herrschaft, und so machte Kandidat Fröhlich sofort davon Gebrauch, indem er mit einem kühnen Entschlusse das Kuvert aufriß.

In dem Zettelausschnitt neben dem Billet steckte ein funkelnagelneuer Zwanzigmarkschein, fast noch feucht von der Presse der Druckerei. Fröhlich glaubte zuerst, eine jener Blüten vor sich zu haben, mit denen man sich einen Scherz erlaubt, dann aber kam ihm zum Bewußtsein, was diese wertvolle Beilage zu bedeuten habe. Frau Roderich hatte nicht umsonst auf seine Umstände und Auslagen hingedeutet. Er fühlte die brennende Röte des gebildeten unverdorbenen Mannes, dem plötzlich unheilvolle Ahnung die Lebenserfahrung ersetzt. Das konnte nicht mehr Großmut sein, das war Käuflichkeit der Gesinnung. Er sah sich beleidigt und erniedrigt, tief gedemütigt, zu einem Intriganten herabgezwungen, dessen geheimes Spiel man sich sichern wollte.

Keinen Augenblick war er im Zweifel, was er zu tun habe, denn plötzlich kam er sich gewachsen vor und sehend wie ein Blinder, der bisher im Dunkeln getappt hatte.

Er kehrte zu ihr zurück und ließ sich durch Emma anmelden, die dabei war, Zofendienste zu verrichten.

»Gnädige Frau werden verzeihen, daß ich so verwegen war, gleich meine Neugier zu befriedigen,« begann er höflich, als er ihr endlich allein gegenüberstand. »Frau Direktor haben sich in der Eile vergriffen und eine Banknote mit eingepackt. Hier ist sie wieder.«

Er hatte etwas warten müssen, denn die Friseuse war gerade eingetroffen, und so kam die Gewaltige vom Ankleideraum erst herübergerauscht. Mit kühn gewellter Haartour, die vorne hoch gelockert, schon für den Abend bestimmt war, erschien sie größer und majestätischer. Der rosa Frisiermantel, in dem sie noch steckte, umflatterte sie wie ein Domino, und so war sie auch in diesem Augenblick ganz Theater, mit einem Stich ins Maskenhafte. Und diese Maske bewahrte sie mit bewundernswerter Beherrschung, denn sofort heuchelte sie die Ueberraschte.

»Was, der Zwanzigmarkschein? Wo ist er? Ich suche ihn schon wie eine Stecknadel, ich hatte ihn vorhin auf den Schreibtisch gelegt, und dann war er weg. Nein, wie man sich so versehen kann!«

Sie schrie es mehr, als sie es sagte, denn unbändig schäumte die Wut in ihr. Dann lachte sie breit auf; es sollte heiter klingen, aber ihr Grollen gurgelte sich damit hervor.

»Jedenfalls danke ich Ihnen sehr, Herr Kandidat. Schließlich wäre ich bei Ihnen noch in den Verdacht gekommen, das Garderobengeld für Sie auszulegen.« Ein zweites gurgelndes Lachen folgte, dann nickte sie ihm wohlwollend wie eine Königin zu und ließ ihn gehen.

Kaum aber war sie allein, so biß sie in das feine Gewebe des Spitzentuches, mit dem sie das heiße Antlitz getupft hatte. Wie eine geneckte Tigerin ging sie in ihrem Schmollzimmer auf und ab, ohne den Ausweg auf den Feind zu sehen. Dann warf sie sich mit Wucht auf das Ruhebett, drückte das Gesicht rücksichtslos in das geschmeidige Seidenkissen und suchte nach Tränen. Sie wußte, daß diese Komödie ihr nicht gelungen war, und so hätte sie schamvoll weinen mögen, sie, die geachtete Frau und Mutter großer Kinder. Und plötzlich gebärdete sie sich wie eine Eingekerkerte, die allein mit ihrem Schmerze ist. Sie rang die Hände mit dem Seidentuch und rief schluchzend ins Zimmer: »Ich habe es doch nur gut gemeint, er ist ein so armer Mensch, ich wollte ihm eine Freude bereiten. Und er war vielleicht so dumm, etwas anderes zu glauben.«

Dann erhob sie sich wieder mit einem Ruck, und ging aufs neue durchs Zimmer. Alles das wäre vielleicht nicht gekommen, wenn er das Kuvert erst am Abend geöffnet und wenn ihn Berlin mit seinem Gebrause umtobt hätte. Dann würde er weiser überlegt haben, hätte nur ihre Güte darin gesehen und wäre zu einem ganz anderen Entschlusse gekommen. Die Musik Wagners hätte ihn umwogt, die weihevolle Kunststimmung ihn auf reinere Gedanken gebracht, und dann würde sie für ihre Aufmerksamkeit am andern Tage den Dank empfangen haben. Weshalb hätte er sich nicht auch einmal einen vergnügten Abend in Berlin machen sollen? Denn so hatte sie sich alles ausgemalt.

Ein böser Gedanke schreckte sie wieder aus dieser geknickten Stimmung. Sicher war Fröhlich von anderer Seite darauf gebracht worden, das Kuvert vorzeitig zu öffnen. Konnte Fräulein ihm nicht den Rat erteilt haben, sich nicht bis zum Abend mit Geheimnissen zu plagen? Agathe hatte ja vorhin ihre Stimme gehört. Ja, so mußte es sein.

Während Frau Roderich wieder auf und ab raste, wuchs ihre Einbildung bis ins Uferlose, und nichts Weiches mehr beherrschte ihr Gemüt, sondern nur der Wunsch zehrte an ihr, sich mit all der Lieblichkeit austoben zu können, die man im ganzen Hause bereits kannte und die ihr vorübergehend Ruhe gab.

Es ging auf die Mittagszeit, und Fanny war wirklich mit den Kindern wieder in ihrem Zimmer, ohne daß aber der Kandidat davon wußte. Als er es dann aber erfuhr, nachdem er von Frau Roderich zurückgekehrt war, konnte er die Sehnsucht nach dem geliebten Mädchen nicht unterdrücken. Er klopfte und bat sie auf einige Minuten in das Spielzimmer. Solange sie im Hause war, hatte sie sich bemüht, dem Jungen die Anfangsgründe im Lesen und Schreiben beizubringen und ihn sowohl, wie das Schwesterchen durch das Ausschneiden und Zusammenkleben von Modellierbogen zu erfreuen. Rasch schrieb sie dem Jungen etwas auf die Tafel, gab Trudchen einige bunte Sächelchen und folgte dem Kandidaten.

»Am vorigen Sonntag war Ihr Herr Bruder bei mir,« begann er wichtig, »und ich kann wohl sagen, wir haben sehr rasch Bekanntschaft miteinander gemacht. Ich will hinzufügen, aus gewissen Gründen, die Sie bestimmt von Fräulein Kornelia erfahren dürften. Ich wollte erst darüber schweigen, aber es drängt mich, es drängt mich wirklich, Ihnen zu sagen --. Mein liebes Fräulein, wenn Sie wüßten! --«

Bewegt brach er ab, weil er nicht den Mut fand, weiter zu sprechen.

Starr hatte sie ihn angeblickt, denn alles kam ihr unerwartet. »Mein Bruder Kurt bei Ihnen?« preßte sie endlich hervor.

Das gab ihm den Fluß der Sprache. »Ich habe nicht Zeit dazu, viel darüber zu sprechen, aber nächsten Sonntag vormittag werden Sie mich drüben treffen, und dann will ich Ihnen alles sagen. Mein bestes Fräulein, wir sind umringt von Feinden, und zwar von den schlimmsten, die es gibt; denn wer uns Brot gibt und haßt uns dennoch, der ist der wahre Teufel im Fell des Lammes.«

Er ergriff ihre Hände, und staunend ließ sie es geschehen, denn es war ihr, als würden ihr Offenbarungen verkündet. Mit zitternden Lippen sprach er weiter. »Hier in diesem Zimmer habe ich die Kindesphantasie belauscht, und hier will ich auch zu einem großen Kinde sprechen, das mich jetzt so sonderbar fragend ansieht. Sie sollen wissen, was ich am nächsten Sonntag von Ihnen erwarte, und so sage ich ganz offen zu Ihnen: Fräulein Fanny, ich habe Sie schon lange liebgewonnen, und ich liebe Sie von ganzem Herzen. Und wenn Sie mich auslachen, es ist so. Und ich sage, wie unser großer Reformator: ›Hier stehe ich, ich kann nicht anders!‹ Am nächsten Sonntag will ich mir die Antwort von Ihnen holen, ob Sie meine Braut sein wollen, wenn auch vorerst noch heimlich, aber doch vor Gott und meinem Gewissen. Und sagen Sie nein, so werde ich es Ihnen sicher nicht übelnehmen. Meine Verehrung bleibt dieselbe.«

Sie lachte nicht, aber wie versteinert stand sie da und fand keine Abwehr, als er ihren Kopf zwischen seine Hände nahm und zwei Küsse auf Haar und Stirn drückte. Und so verharrte sie noch, als er fast lautlos hinausgegangen war. Es war ihr alles so feierlich gewesen, so ernst und heilig, wie sie sich niemals die Erklärung einer Liebe gedacht hatte.

Zum ersten Male war sie von einem fremden Manne geküßt worden, und noch glaubte sie den heißen Druck der Lippen auf der Stirn zu spüren. Was war das nur alles? Was für ein geheimnisvolles Weben umgab sie, daß sie sich wie entrückt der Welt vorkam?

Aber schon in der nächsten Minute wurde sie rauh in die Wirklichkeit zurückgeführt. Die Hausherrin riß die Tür auf und keifte sofort los: »Wo stecken Sie denn? Wie können Sie denn die Kinder allein lassen? Hans hätte beinahe ein Stück Griffel verschluckt! Träumen Sie denn!«

»Jawohl, gnädige Frau, ich habe geträumt,« sagte sie ruhig und schritt langsam und ernst der Türe zu.

»Aber, ich bitte Sie, dazu haben Sie ja nachts Zeit. Wollen Sie jetzt die Liebenswürdigkeit haben und dem Jungen mal die Flecke aus seinem Alltagsanzug machen. Die Kinder werde ich nach vorn nehmen. Waschen Sie sich dann aber die Hände gründlich, damit Sie beim Essen nicht nach Benzin riechen.«

»Jawohl, gnädige Frau, das soll alles besorgt werden.«

»Nach Tisch möchte ich Sie dann zu mir bitten, ich habe noch eine andere Arbeit für Sie.«

»Jawohl, gnädige Frau, ich werde kommen.«

»Ich möchte Sie dann auch bitten, heute einmal gegen Abend zum Schuhmacher mit heranzugehen und die Schuhe für Trudchen zu holen. Er schickt sie gar nicht.«

»Es soll geschehen, gnädige Frau.«

Alles das waren Beschäftigungen, die eigentlich dem Hausmädchen und dem Diener zukamen, aber es behagte Frau Roderich, ihr Fräulein damit zu belasten. Zwar hatte sie beim Antritt Fannys ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sie sich nur mit den Kindern zu beschäftigen haben werde, aber so etwas geriet ja leicht in Vergessenheit. Ueberdies gab es Haushaltungen, in denen die Fräuleins noch ganz andere Dinge zu verrichten hatten.

Noch immer wie im Traum holte sich Fanny den Anzug des Jungen und ging dann die schmale Treppe hinauf, die zum zweiten Stockwerk führte. Hier waren die Fenster niedriger, als unten, und nur die vorderen Zimmer hatten einen herrschaftlichen Anstrich. Zwei von ihnen bewohnte Rudi, der früher neben der Schwester hauste, dann aber, als das Atelier hergerichtet wurde, hier hinaufzog. Es war zwar genug Raum unten, denn nach dem Garten hinaus lagen noch Fremdenzimmer, aber er behauptete, sich oben ganz wohl zu fühlen. Er war hier mehr ohne Aufsicht, konnte sich unbemerkt hinaufstehlen, wenn er lange gekneipt hatte, und ungestörter Unsinn treiben, sobald er Freunde zu sich geladen hatte. Dann wurde Essen und Bier hinaufgeschafft, und die Studentenlieder erschallten, so daß die Fensterscheiben dröhnten.

Vor einem Jahr noch hatte Walter mit ihm in einer Stube geschlafen, dann aber nahm man den Jungen herunter, weil die Brüder sich nie vertragen konnten. Stets hatte der Aelteste an ihm etwas auszusetzen und hielt sich in unzarter Weise über seinen Mißwuchs auf, so daß der Knabe schließlich Scheu empfand, sich vor ihm zu entkleiden.

Nach hinten hinaus lagen einfache Räume, in denen die Mädchen und der Diener schliefen, der überdies noch unten seine Putzstube hatte. Sonst gab es nur Rumpelkammern, die angefüllt mit Kleidungsstücken und allen möglichen Dingen waren. Früher schlief auch das entlassene Kammermädchen der Damen oben, aber als die Nervosität Frau Roderichs sich steigerte, hatte sie den Wunsch, die Zofe auch nachts in ihrer Nähe zu haben, um schneller auf ihre Dienste rechnen zu können. Man traute auch Rudi nicht, der für die Mädchen seine unausstehlichen Neckereien bereit hatte und nach dem späten Nachhausekommen manchmal den »Geist« spielte, der mehr Bejahung haben möchte, als Verneinung.

Es machte ihm dann Vergnügen, heillosen Spuk zu treiben. Als er aber einmal an die Türe der Köchin mit Kreide drei Kreuze gemalt hatte, wurde er am andern Tage von der Rücksichtslosen mit Ohrfeigen bedroht, er hütete sich jedoch, Klage bei den Eltern zu führen, da er auf alle Fälle den kürzeren dabei gezogen hätte. Seitdem war er vorsichtiger geworden und kniff höchstens Emma in die bloßen Arme, was die Mecklenburgerin mit einem derben Handschlag beantwortete. Das war immerhin erträglich, denn er wußte auch, daß sie es nicht so meinte. Hin und wieder fiel eine Mark für sie ab, oder er brachte ihr eine Fünfzigpfennig-Brosche mit, was namentlich dann geschah, wenn sie die Zeichen seiner Uebelkeit im Zimmer nicht verraten sollte.

Dem Nachbargarten zu lag eine leere, helle Kammer, die einen langen Tisch enthielt, der zum Reinigen der Sachen diente. Fanny legte den Anzug weg, setzte sich auf einen Schemel und faltete die Hände. Ihr Blick ging durch das geöffnete Fenster über die Kronen der Bäume hinweg ins Weite. Tränen lösten sich und tropften ihr auf die Wange. Sie wußte kaum, weshalb sie kamen, ob aus Rührung über die Worte Fröhlichs oder aus Weh darüber, unverdiente Kränkungen von ihrer Gebieterin zu erfahren. Aber sie konnte weinen, und das gab ihr Erleichterung und zugleich auch Trost. Ungekannte Wonne machte sie heimlich erschauern: sie wurde geliebt, sie sollte Braut werden und natürlich dann auch Frau. Brachte sie denn dem Kandidaten dasselbe Gefühl entgegen? Sie wußte es nicht, denn niemals hatte sie an eine derartige Wendung gedacht. Er war ein angenehmer Mensch, das mußte sie sich sagen, und gewiß konnte sie nicht behaupten, ihn ungern zu sehen.

Ihr Kopf war mit unklaren Vorstellungen gefüllt, die sie nicht bezwingen konnte. Die Arbeit sollte ihr Zerstreuung geben.

Als sie wieder die Treppe hinuntergegangen war, kam Rudi den Gang entlang und zog höflich den Hut. Während er dann die Stufen nahm, ärgerte er sich, nicht eiliger gewesen zu sein, nachdem er durch die Mutter von Fräuleins Anwesenheit oben erfahren hatte. Er hätte endlich einmal in aller Stille über den »dummen Jungen« quittieren können, worauf er schon längst versessen war.

Aus dem Abend im Zoologischen Garten wurde diesmal nichts. Schon am frühen Nachmittag bestellte Roderich durch den Fernsprecher die berühmten sechs Gänge ab und teilte mit, daß er erst spät abends nach Hause kommen werde. Der Direktor einer auswärtigen Bank habe ihn gebeten, mit ihm zusammen zu speisen, außerdem sei wieder Abendsitzung.

»Ist mir eigentlich angenehm, lieber Adolf,« sprach Agathe zurück, »ich fühle mich entsetzlich elend und möchte früh schlafen gehen.«

»Dann schick doch Kornelia ins Opernhaus!«

Im selben Augenblick ertönte das Schlußzeichen von ihr, und das Gespräch war abgebrochen.

Es war keine leere Ausrede, denn sie fühlte sich wirklich krank. Das »Mißverständnis« mit Fröhlich war ihr zu sehr an die Nerven gegangen, und dazu kam noch der Aerger darüber, das Billet verschenkt zu haben. Hätte sie diese Wendung geahnt, wäre sie selbst gegangen. Und dann hätte sie diesen großen Undank nicht erlebt.

Frau Agathe befand sich in einer jener Stimmungen, wo sie sich verlassen von aller Welt wähnte und behauptete, keine Familie zu haben, und sich einbildete, ihr Ende werde bald bevorstehen. Eigentlich war es ein großer seelischer Katzenjammer, wie ihr Mann diesen Zustand stets bezeichnete, natürlich hübsch für sich, aber sie behauptete doch, an allen Gliedern zu empfinden, wie sie der körperlichen Auflösung entgegengehe.

Sie lag wie zerschmettert auf ihrem Ruhebett und sprach nur mit schwacher Stimme. Kornelia und Emma sollten fortwährend bei ihr sein, und als die Tochter das überflüssige Gestöhne nicht mehr ertragen konnte, war Emma allein das Opfer, das die Riechfläschchen in Bewegung hielt und geduldig alles über sich ergehen ließ.

Dann hieß es in wirrem Durcheinander: »Emma, fühlen Sie mal meine Hand. Ist sie nicht ganz kalt? Und die Stirn und den Kopf. Der helle Schweiß darauf, nicht wahr?« Manchmal schrie sie auf, als empfände sie heillose Stiche, und dann behauptete sie, das Herz stünde ihr still. Aber trotzdem sprach sie ruhig weiter.

Und Emma, die derbe Mecklenburgerin, die von ihrem Herrn schon wußte, wie man die Gnädige behandeln müsse, sagte zu allem: »Ja«, tröstete mit dem »Vorübergehen« und packte wacker kalte Kompressen auf die Stirn. Und war auch sie einmal hinaus, dann bekam Aeffi das ganze Leid zu hören. »Ja, mein gutes Tierchen, so verlassen läßt man Deine Herrin liegen! Du allein verstehst mich, Du hast Gefühl. Komm her, mein gutes Tierchen!« Und sie streichelte den Pinscher und gab ihm Teegebäck aus der Hand zu fressen.

Einmal erlaubte sich Emma, die Frage zu äußern, ob Fräulein sie nicht vertreten könne, denn sie hatte notwendig hinten zu tun; sie prallte aber von der Anhauchung entsetzt zurück. Die Gnädige fühlte sich plötzlich frisch zum Angriff, als sie losschrie: »Wenn Sie sich noch einmal so etwas erlauben, ohne gefragt zu werden, können Sie Ihre Sachen packen! Ich werde Fräulein schon selbst befehlen, wenn ich es wünsche.«

»Aber, gnäd'ge Frau, das war ja man bloß so'n Einfall von mir. Ich mein's ja gut.«

»Behalten Sie solche maßlosen Einfälle für sich!« Erregt ließ sie das Haupt zurückfallen.

Auf einem kleinen Dreifuß mußte Räucherpapier angezündet werden, das seinen süßlichen Flammenduft durch das Zimmer sandte. Frau Roderich behauptete, daß das ihre Nerven belebe und das Atmen kräftige. In Wahrheit wollte sie stets in einer Art Märchentaumel bleiben, der ihre Sinne wach erhalte. Neben ihr, an der Wand, hing ein ganzes Bündel Riechkissen, die sie abwechselnd an den langen Bändern heranzog und gegen die Nase drückte. Sie wollte den Verwesungsgeruch verscheuchen, den sie angeblich verspürte. Dann verlangte sie nach den Kindern und strich liebevoll über ihre Häupter. Fast war es so, als wollte sie wirklich Abschied von ihnen nehmen, denn beinahe versagte ihr die Stimme vor seelischer Zerflossenheit.

»Aber, Mama, Du bist wirklich nicht recht gescheit,« fuhr Kornelia dazwischen, die gerade hereingetreten war und ihr den Tee brachte. »Das geht doch alles vorüber, das weißt Du ja, man sieht Dir ja nicht das geringste an!«

»Du bist gerade so brutal, wie Dein Vater,« hauchte sie. »Du bist ja in großer Toilette? Du wirst doch nicht etwa fortgehen und mich hier allein lassen?«

Kornelia war allerdings zum Ausgehen gerüstet, denn sie hatte den Verdruß über die Absage des Vaters bald überwunden und betrachtete für sich allein den Abend durchaus nicht als verfehlt. Kurt Frank wartete ja drüben und das war die Hauptsache für sie. In nächster Woche gab es ja auch noch Abende, wo man das Versäumte nachholen konnte.

»Ich muß auf ein paar Augenblicke nach dem Zo,« fuhr sie fort. »Ich hatte Elsbeth Keller noch geschrieben, und die kann ich nicht warten lassen. Ich bin gleich wieder hier. Ich werde aber sofort noch zum Sanitätsrat gehen.«

Diese Drohung half. »Nein, nein, nein!« wehrte Agathe ab. »Da geh nur schon und bleib' nicht lange!«

Merkwürdigerweise litt Frau Agathes Appetit nicht unter ihrem Leiden, was sie sofort nach Kornelias Fortgang bewies. Schon vorher hatte sie angeordnet, daß der Fisch und der Kapaun, die für ihren Mann bestimmt waren, für sie hergerichtet würden, und so ließ sie sich ein kleines Diner auftragen, dessen bloßer Anblick schon den Bankdirektor mit Freude erfüllt haben würde. Aus Suppen machte sie sich nichts, dafür aber mehr aus Gemüsen und Früchten. Sie hatte zu Mittag fast gar nichts angerührt, und so vergaß sie ganz das »Fettwerden« und aß doppelt. Es war wie eine Wut über sie gekommen, sich das teure Leben zu erhalten. Außerdem leitete sie der Wunsch, es auch einmal ihrem Manne nachzutun und in gänzlicher Abgeschlossenheit eine Stunde lang zu tafeln.

Emma, die alles nach und nach hereinbringen und auf einem kleinen Tisch vor dem Ruhebett herrichten mußte, geriet fast außer sich, so daß sie zu der Köchin ganz erschreckt sagte: »Die gnäd'ge Frau ist doch amende krank. Was die man heute essen kann! Alles hat sie verputzt, und das ganze Eis dazu. Sechs ganze Gänge, wie der Här.«

Darauf erwiderte Lene sehr weise: »Lassen Se man, die Nerven essen manchmal extra. Das sollen ja Tierchen sein, die zehren. Ich war mal bei einem Arzt, der aß alles auf und seine Frau nichts, und dann sagte er das immer zur Entschuldigung. Und dabei war er stark wie ein Bär. Ich glaube, der hätte seine Frau aufgegessen, wenn's gegangen wäre. Die liebten sich auch nur soso.«

»Na, wissen Sie, das wird unser Här nicht tun,« warf Emma ein.

»Weil's eben zu lange dauern würde,« sagte die Köchin wieder.

Emma, die mit dem Rücken gegen den Herd stand, lachte, daß sie sich stützen mußte. Aber man hörte nur wenige Laute, denn wenn sie in große Heiterkeit geriet, warf sie den Kopf in den Nacken und sperrte den Mund weit auf, so daß sie das Lachen verschluckte.