Familiensklaven

Part 15

Chapter 153,786 wordsPublic domain

»Nach oben? Die Felle können doch nicht auf dem Tisch ausgebürstet werden, das sollten Sie doch schon wissen, Fräulein. Man klopft sie unten regelrecht aus, Emma kann sie runterbringen. Der Kutscher und Emil haben heute viel zu tun.« Sie rief auch schon nach dem Hausmädchen, als wäre für sie die Sache damit erledigt.

Fanny stand wie starr da, besann sich aber nicht lange. »Das kommt mir wohl nicht zu, gnädige Frau,« sagte sie mit bebenden Lippen.

»Was kommt Ihnen nicht zu?« schrie Frau Roderich jetzt.

»Das Ausklopfen auf dem Hofe, gnädige Frau. Ich bin doch kein Dienstbote, gnädige Frau haben mich doch als Fräulein engagiert. Ich tu doch sonst wahrhaftig meine Schuldigkeit, aber das muß ich ablehnen.«

Emma war schon hinzugekommen und grinste, denn der Hinweis auf die Dienstboten hatte ihre Teilnahme für die Herrin erweckt. Frau Roderich suchte nach Worten, denn auf diesen Widerstand war sie nicht gefaßt. Dann aber zeigte sie ihre Kampfesmiene. »Gegen so ein bißchen Arbeit sträuben Sie sich? Es kann doch mal eine Ausnahme stattfinden! Es sieht Sie ja auch niemand.«

»Doch, gnädige Frau, der Kutscher und der Diener. Und ich möchte nicht gern, daß ich diesen gleichgestellt würde, schon, damit mir die Achtung der Kinder nicht geraubt werde.«

»Arbeit schändet nicht,« fauchte Frau Roderich, die beiden Arme gegen die Hüften gestemmt.

»O, das weiß ich, gnädige Frau. Ich habe schon viel in diesem Hause gearbeitet und mich allen Ihren Wünschen schon gefügt, aber meine Selbstwürde werde ich mir stets bewahren.«

»Das hätten Sie auch manchmal in andern Dingen tun sollen.«

»Gnädige Frau, ich verbitte mir diese Verdächtigung, obendrein noch vor Zeugen!«

Das Hausmädchen grinste noch mehr und zeigte keine Miene, die Hände zu rühren, bevor dieser interessante Zwischenfall nicht erledigt wäre. Rudi sah Schlimmes kommen und hielt es für besser, aus der Entfernung zuzuhören. Man stand im hinteren Korridor und fast alle Türen waren offen, so daß der angenehme Luftzug von allen Seiten wehte. Die Köchin wurde hin und wieder sichtbar und nickte, wenn niemand es sah, dem Hausmädchen verständnisvoll zu.

Frau Roderich hatte ihre guten Vorsätze vom Morgen vergessen. Noch niemals hatte sie sich in ihrer Herrscherinmacht so verletzt gefühlt, als jetzt, wo sie öffentlich ihre Hausrechte zu verteidigen hatte. Sie lechzte förmlich nach Genugtuung. Und als jetzt die Stimmen der Kinder vernehmbar wurden, glaubte sie als sicher anzunehmen, daß sich auch eine gewisse Tür geöffnet habe, hinter der ein gewisser Jemand unstreitig aufmerksam geworden war.

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich gar nichts zu verbitten haben,« sagte sie heftig. Und plötzlich, als wieder eine Gegenrede erfolgt war, stürzte sie ihren Entschluß vom Morgen um. »Ich kündige Ihnen hiermit Ihre Stellung. Sie können schon zum fünfzehnten gehen, aber ich werde Ihnen den Monat ganz bezahlen.«

Rudi streckte wie erschreckt die Arme aus.

»Ich muß diese Großmut dankend ablehnen, gnädige Frau. Sie sind mir auf halbem Wege entgegen gekommen, denn ich hatte schon selbst den Wunsch, Ihr Haus zu verlassen. Gestern bin ich von Ihrem Herrn Sohn auf der Straße belästigt worden, so daß ich flüchten mußte, und heute werde ich von Ihnen einer ähnlichen Behandlung ausgesetzt -- das macht mir das Gehen leicht.«

Das Hausmädchen tat plötzlich sehr geschäftig und ging in eines der Zimmer, um dort weiter zu horchen. Hinter der Tür links mußte der Unterricht ganz stocken, denn die Kinder, die von Fröhlich ruhig gehalten worden waren, lärmten unter ihrem Spielzeug. Frau Roderich sah und hörte nichts mehr nach diesem Ueberfall.

»Rudi, hörst Du? Was sagst Du?«

Er wollte sich gerade zurückziehen, sie sah aber noch seinen Kopf, und so mußte er wieder ganz sichtbar werden. Langsam kam er heran, mit der Miene des völlig Erstaunten, und achselzuckend näselte er: »Reagiere doch gar nicht mehr darauf, Mama! Du siehst doch selbst, wie Deine gute Absicht belohnt wird. Ich habe Dir doch schon heute früh gesagt, daß ich Fräulein gestern abend begegnet bin und nur gefragt habe, wohin sie will.«

In seiner Miene las sie den heimlichen Wink, ihm zuzustimmen, und so fiel sie ein: »Natürlich hast Du mir das gesagt, das ist doch keine Belästigung.«

»Ich habe es als solche empfunden, gnädige Frau, nachdem Ihr Herr Sohn die Zumutung an mich stellte, mit ihm in ein Restaurant zu gehen.«

»Na, was ist denn da weiter? Dann hätte er Sie doch sehr geehrt. Sie sind doch keine Hoheit.«

»Aber ein anständiges Mädchen, gnädige Frau, das sich den Herrn ansieht, der seinen unschönen Charakter zeigt. Alles übrige behalte ich für mich.«

»Ach, Ihre Phantasie geht mit Ihnen durch,« schnarrte Rudi jetzt rücksichtslos, »und daraus entstehen dann fromme Wünsche.«

»Dann muß ich sagen, daß Sie unwahrhaftig sind,« preßte Fanny hervor.

»Immer nach Ihnen, mein Fräulein.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Kinderzimmer und der Kandidat trat heraus und mischte sich in die Unterhaltung. »Verzeihen Sie, Frau Bankdirektor, wenn ich es wage --,« begann er erregt. »Aber es wurde so laut gesprochen, daß man auch durch die Türe alles hören konnte, und da fühle ich mich verpflichtet, Fräulein Frank vor unverdienten Kränkungen zu bewahren, um so mehr, da sie völlig schutzlos ist. Ihrem Herrn Sohn gegenüber muß ich bemerken, daß die Unwahrheit jedenfalls nur auf seiner Seite zu suchen ist, denn ich hatte Gelegenheit, Zeuge einer ähnlichen Belästigung drüben im Zoologischen Garten zu sein.«

Mit einer seiner üblichen Handbewegungen fuhr er Rudi in die Gegenrede. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, ersparen Sie sich alles! Neue Beleidigungen von Ihnen werden mich durchaus nicht tangieren, weil ich ihnen einen zu geringen Wert beimesse. Ich müßte sie also schweigend über mich ergehen lassen. Ich habe Ihnen das bereits einmal bewiesen und möchte Sie nicht aufs neue in die Verlegenheit bringen, vor Ihrem Herrn Papa zu revozieren ...«

Seine Lippen zitterten, als er sich Fanny zuwandte: »Und wenn auch Ihre augenblickliche Lage dadurch nicht gebessert werden sollte, mein wertes Fräulein -- es war mir doch Herzensbedürfnis, in Ihrer Gegenwart hier mit meiner Meinung nicht zurückzuhalten.« Sein Rock stand auf, und so knöpfte er ihn zu, weil in der Erregung seine Hände immer Beschäftigung haben mußten; dann sprach er zu der Hausherrin: »Ich habe die Absicht, Ihren Herrn Gemahl morgen um Entlassung aus meiner Stellung zu bitten, und so ist mir das alles sehr leicht geworden. Aber ich hätte auch unbedingt meinen Standpunkt vertreten, selbst wenn ich nicht zu diesem Entschlusse gekommen wäre. Gnädige Frau werden wohl wissen, daß ich niemals mit meiner Offenheit zurückgehalten habe. Es deckt sich nicht mit meiner Ueberzeugung von Recht und Anstand, gebildete Menschen in einem sogenannten gebildeten Hause wie wehrlose Sklaven erniedrigt und beleidigt zu sehen, um in einem anderen Sinne Ihres Herrn Sohnes zu reden. Die wahre Bildung verpflichtet zur Gesittung, und wenn diese Anschauung nicht oben begriffen wird, dann muß sie eben unten geübt werden. Ich bitte nochmals um Verzeihung.«

Er verbeugte sich kurz und höflich und ging mit seinen gewohnten erhabenen Schritten wieder dem Schulzimmer zu, wo er die Tür hinter sich schloß.

Auch Fanny verschwand in ihrer Stube, um den neuen Schreck zu überwinden.

»Was hat er alles geschwafelt?« sagte Rudi, auffallend blaß geworden. »Hast Du gehört? Ein ›sogenanntes gebildetes Haus‹ meinte er.«

Kornelia war durch den Lärm herbeigelockt worden und stand wie sprachlos da. »Aber nur die eine Hälfte im Hause meinte er,« warf sie ein. »Mama, was hast Du wieder angerichtet! Es ist ja geradezu empörend, wie Du Fräulein behandelt hast. Was wird Papa wieder dazu sagen?«

»Ach, schweig still und behalte Deine Weisheit für Dich ... Deine Parteinahme verstehe ich schon, Du wirst uns den Brei erst recht einrühren.«

Sie ließ sie stehen und rauschte davon, denn der Aerger wühlte in ihr, etwas herbeigeführt zu haben, was sie nicht beabsichtigt hatte. Im Balkonzimmer, außer Hörweite der Dienstboten, nahm sie sich Rudi vor. »Alle Schuld trifft Dich allein,« zeterte sie ihn an. »Es wird Zeit, daß Du aus dem Hause kommst, sonst sehe ich das Ende nicht ab.«

»Na, wenn alles geht, kann ich ja auch gehen,« sagte er träge und hielt es für das Beste, gleich den Anfang damit zu machen, indem er Hut und Stock nahm und bummeln ging. Die verschobenen Möbel standen ihm schon längst im Wege.

XVIII.

Der Bankdirektor hatte seine liebe Not, um alles wieder einzurenken. Diesmal zeigte er wirklich, daß er Herr im Hause war. Kornelia hatte ihm alles berichtet, törichterweise vor dem Diner, und so kam er geladen nach oben, mehr mit Aerger als mit Essen, denn der Appetit war ihm vergangen. »Das kommt davon, wenn Du auch mal sechs Gänge ißt,« sagte er zu seiner Frau, noch mit gutmütigem Ingrimm. Dann aber wetterte er los. »Ich habe Dir immer gesagt, daß Du manchmal den Reinemache-Bazillus hast, aber merkwürdig, nicht in Deinem Boudoir. Da hängen die Seidenfetzen monatelang voll Staub. Laß da mal frische Luft ein, das ist nötiger!«

Sie wollte in Ohnmacht fallen und schnappte nach Worten, aber er zeigte keine Spur von Schwäche. »Ueberlaß doch Kornelia alles, wenn Du Dich über jede Kleinigkeit aufregst! Sie hat Nerven und kommt mit jedem Menschen aus ... Es wird die höchste Zeit, daß Du Dich irgendwo gründlich erholst.«

»Wie meinst Du denn das? Adolf, Du hast was Besonderes vor! Ich gehe nicht allein fort, das kann ich Dir sagen.«

Er hatte schon das »Sanatorium« auf den Lippen, aber er verschluckte es. »Ich bitte Dich, mach nur mir nicht noch eine Szene,« fuhr er fort. »Du schaffst Dir Deinen Zustand immer selbst und dann machst Du andere Menschen auch noch verrückt. Meinetwegen wirf mir wieder Mangel an Zartgefühl vor! Mit der Zeit bekommt man ein dickes Fell.«

»Du behandelst mich ja, daß ich beinahe einen Scheidungsgrund hätte.«

»Liebe Agathe, laß Dich nicht auslachen ... Morgen früh werde ich mir einmal den Kandidaten vornehmen.«

Das Wort »vornehmen« machte sie kleinlaut. »Was willst Du denn von ihm?« forschte sie ängstlich.

Roderich spielte noch mehr den Ueberlegenen. »Er muß fort, morgen schon,« sagte er mit hochtragischer Miene. »Aber eine große Aussprache muß erst zwischen uns beiden erfolgen.«

»Aber, Adolf, Du wirst doch keinen Skandal machen. Er ist ein Mann von großem Zartgefühl. Rede ihm doch lieber gut zu! Walter hat schon den ganzen Nachmittag geweint. Der Junge wäre ja untröstlich.«

Der Bankdirektor lachte schallend auf. »Schlägt Dir endlich das Gewissen? Kommt Dir endlich mal zum Bewußtsein, was für Verirrungen man anrichten kann, wenn man sich selbst nicht in der Gewalt hat ... Laß Dich nur ruhig scheiden! Ich bin damit einverstanden.«

»Adolf, schäme Dich!«

Er war schon hinaus, hinter der Türe aber vergnügte er sich bei dem Gedanken, daß ~er~ sich schämen solle.

Da man seinen Zorn kannte, der, einmal geweckt, ohne Grenzen war, so hatte ihm auch Kornelia diesmal nichts von des Bruders Benehmen gegen Fanny gesagt, denn auch Rudi hatte sich hinter sie gesteckt mit dem Versprechen, Fräulein ein paar entschuldigende Worte zu sagen. Das hatte er denn auch getan und dabei die Phrase von ihrer Schönheit gebraucht, der selbst ein Mann mit Eskimoherz (er meinte das Eisige damit) nicht widerstehen könne.

»Es ist schon gut, Herr Roderich,« erwiderte sie. »Hoffentlich ist es auch so gemeint, wie Sie es sagen.«

Aus ihrer Freundlichkeit glaubte er zu entnehmen, daß sie sich doch ein wenig geschmeichelt fühlte, und so pfiff er wieder vergnügt vor sich hin.

Zur rechten Zeit am andern Morgen ließ Kornelia durch den Diener Fröhlich heraufbitten, bevor er ihrem Vater seinen Besuch abstattete. Sie legte ihm nahe, er möchte doch ihres Bruders gar nicht Erwähnung tun, und wies auf Rudis Entschuldigung hin und zugleich auf des Vaters Absicht, den Kandidaten zum Bleiben zu bewegen.

Es war denn Roderich auch nicht schwer, Fröhlich umzustimmen, der wohlgefällig mit anhörte, wie man seine außerordentlichen Fähigkeiten zu schätzen wisse, und da der Bankdirektor auch noch ein übriges tat, ihm ein vierteljährliches Extrahonorar zusagte und sich verpflichtete, auch in diesem Sommer während der Reisezeit den Gehalt voll auszuzahlen, so war die Sache ausgeglichen. Der Zufall wollte es, daß gerade an diesem Morgen Fröhlich die Nachricht empfangen hatte, daß seine Bewerbung um eine Lehrerstelle an einem Berliner Gymnasium im nächsten Jahre aussichtsvoll sein werde, und so betrachtete er diesen Tag als einen besonders glücklichen, der nicht getrübt werden dürfe.

Er benutzte denn auch die erste Gelegenheit, Fanny davon Mitteilung zu machen, wonach er dann hinzufügte: »Kommt nichts dazwischen, so mache ich im nächsten Jahre noch meinen Doktor.« Sein Herz schlug höher und seine Gedanken richteten sich auf morgen, wo er das größte Glück erwarten sollte. Und er malte sich die Zukunft weiter aus: sein bescheidenes Heim, Fanny als sein Weibchen und den Bruder bei sich, dem er weiter die Lebensstütze sein wollte.

Es war ihm ganz recht, daß sie durchaus nicht bleiben wollte, trotzdem der Hausherr auch bei ihr vorsichtig die Fühler ausstreckte. Kandidat Fröhlich sah in allem einen Fingerzeig, der auf den richtigen Weg für beide weise, denn die Aergernisse wären noch größer geworden, wenn sein Verhältnis zu ihr die erwartete Wendung genommen hätte.

Auffallend fand es Roderich, daß Kornelia durchaus für Aufrechterhaltung der Kündigung Fannys war, denn er konnte das mit ihrer Zuneigung zu Fräulein nicht in Einklang bringen.

»Ich weiß, daß sie festbleibt, also bemühe Dich erst gar nicht!« sagte sie. »Es ist auch besser so, Mama und sie werden sich nie mehr vertragen.«

Er wußte nicht, daß sie selbst Fanny bestimmt hatte, ein höfliches »Nein« zu sagen, aus Gründen, die die beiden Mädchen allein nur kannten.

Am nächsten Mittwoch würde er sicher alles verstehen, wenn drüben im Zoologischen Garten die größte Ueberraschung für das Haus Roderich sich offenbaren würde. Endlich hatte sie es soweit gebracht, ihm das Wort zu einem Nachholen des verschobenen Abends abzunehmen, und wenn ein Krach in seiner eigenen Bank ausbrechen sollte, was er lachend als eine Unmöglichkeit gleich der Verbindung mit dem Mars erklärte.

Am Montag, gleich nach seinem Eintreffen, stellte sich der Kandidat vor seinen Schüler hin und sagte mit einem Ernste, als hätte er einen Erwachsenen vor sich: »Ich weiß, Du bist immer von aufrichtiger Gesinnung gegen mich erfüllt gewesen, und so sollst Du der erste in diesem Hause sein, der etwas recht Freudiges von mir erfährt. Ich habe mich nämlich gestern heimlich mit Fräulein Frank verlobt, und es steht zu erwarten, daß die öffentliche Verlobung bald folgen wird ... Du bist ja noch ein Knabe, aber aufgeweckten Geistes, ich kann wohl sagen, über Deine Jahre hinaus, und so darf ich hoffen, daß Du diesem Ereignis in meinem Leben schon genügend Verständnis entgegenbringst.«

»Gewiß, Herr Kandidat. Verloben müssen sich die Menschen immer erst, ehe sie heiraten.«

»So ist es, so ist es, mein Junge. Und Du gratulierst mir doch, nicht wahr, von Herzen sogar. Ich sehe es Dir an.«

Bevor sein Schüler noch etwas erwidern konnte, hatte er schon dessen Hände ergriffen und drückte sie, als hätte er einen Glückwunsch zu geben und nicht zu empfangen.

»Wissen Sie, Herr Kandidat, das hab' ich schon längst gewußt, daß Sie Fräulein gern haben,« sagte Walter endlich. »Sie waren ja immer auf ihrer Seite.«

»Siehst Du, mein Junge, so ist es! Man fühlt sich immer zu den Menschen hingezogen, die einem mehr sind, als die andern, und Fräulein und Du -- Ihr wart mir stets die Liebsten im Hause. Das heißt, das brauchst Du nicht etwa Deiner Mama zu sagen, sonst mißversteht sie das. Ich habe auch vor der übrigen Familie allen Respekt.«

Mit langen Schritten ging er vor dem Unterrichtstisch auf und ab und ließ dabei die verschlungenen Hände knacken, was er häufig tat, wenn innere Freude ihn bewegte.

»Ich werde mich hüten, es ihr zu sagen, Herr Kandidat. Ich weiß ja, daß auch Mama Sie gern hat.«

»Um Himmels willen, mein Junge --! Pst!«

Er sah sich verlegen nach der Tür um, dann aber wurde er sich bewußt, daß er seinen Schüler vor sich habe. »Das ist ganz etwas anderes, mein Sohn! Das ist Verehrung, eine gewisse Güte, die mir als Deinem Lehrer entgegengebracht wird. Ich sage Dir das, weil die Begriffe des Gernhabens sehr verschieden sind.«

»Das kann ich mir wohl denken, Herr Kandidat, aber von Ihrer Verlobung sage ich Mama doch nichts, sonst krieg ich's, schon weil sie Fräulein nicht leiden kann.«

»Nun, sie wird's schon erfahren,« sagte Fröhlich gleichmütig und begann den Unterricht, aber zerstreut, denn seine Gedanken drehten sich noch immer um die Herzenssache.

Es hatte sich am vergangenen Tage alles sehr einfach gemacht. Fanny war mit sich im Reinen, ohne von heißer Liebe für ihn erglüht zu sein. Vielleicht wäre sie noch schwankend gewesen, wenn sie ihre Stellung behalten hätte, aber so hatte sie der Ernst des Lebens, der frühzeitig an sie herangetreten war, um eine herbe Erfahrung bereichert. Sie dachte an die sitzengebliebene Erna, die sich plagen mußte mit der sicheren Aussicht auf das Altjungferntum; sie hatte die kranke Mutter vor Augen und die ganze Zukunft, die ihr als »Mädel ohne Geld« winkte, wenn sie nicht wie die Aelteste versauern oder irgend einem Manne folgen wollte, der nicht in die Familie paßte.

Dann wäre das Geschrei der Brüder gekommen, die alles dreimal durchsiebten und dreimal abwogen, der lieben Standesinteressen wegen. Als die Frau eines Lehrers würde sie aber noch ganz gut fahren und namentlich gar als die eines höheren, der obendrein noch die vortrefflichen Eigenschaften Fröhlichs hatte. Sein männliches Eintreten für sie am letzten Tage hatte ihr gewaltig gefallen. Zwar sagte ihr der Spiegel, daß sie hübsch, frisch und jung sei und vielleicht durch Zufall noch ein anderes Glück genießen könne, aber die Klugheit hatte sie von diesem Märchengedanken wieder abgebracht. Sie hatte ja aus Rudis Nachstellungen ersehen, wie die gewissen Herrchen die Schönheit eines armen Mädchens bewerteten, und da war es wohl besser, versteckten Gefahren aus dem Wege zu gehen. Gewiß hätten viele sie für dumm gescholten, wenn sie »nein« gesprochen, und dafür wollte sie nicht gelten.

So hatte sie herzlich ja gesagt.

Fröhlich fiel es gar nicht ein, ihr Herz zu erschöpfen, er sah nur die Aufrichtigkeit aus ihren Augen strahlen und hatte warmen Dank für sie. Er wollte schon am nächsten Sonntag mit Fanny der Mama seinen Besuch machen und hoffte, dann auch Kurt dort zu sehen, dem er zuvor brieflich seine ehrlichen Absichten zu erkennen geben wollte. Inzwischen sollte auch Fanny der Familie Kenntnis von dem Ereignis geben.

Walter merkte bald, daß der Unterricht heute nicht besonders flott ging. Der Kandidat lauschte auffallend oft dem Klappen der Türen, steckte öfters den Kopf zum Korridor hinaus und war plötzlich verschwunden, ohne seinem Schüler Auskunft darüber zu geben, was er sonst regelmäßig zu tun pflegte.

Man hatte heute Diktat in Deutsch und so hatte Walter das Vergnügen, in sehr langen Pausen mit der Feder zu spielen, bis er dann einmal sagte: »Sie freuen sich gewiß, Herr Kandidat, daß Ihre Braut so nahe bei Ihnen ist.«

»So ist es, so ist es,« erwiderte Fröhlich, rot geworden, und diktierte nun darauf los, als hätte er fünf verlorene Stunden einzuholen. Aber sein Standort blieb immer die äußere Tür.

Bald sprach das ganze Haus von der Einigkeit der beiden. Kornelia hatte es ganz offen ihren Eltern erzählt, und der Bankdirektor war darüber erfreut, nachdem er seine Verblüffung überwunden hatte. Im allgemeinen aber berührte ihn die Sache nicht tiefer, denn so etwas kam alle Tage vor, und es war immer noch Aussicht, den Kandidaten auf längere Zeit im Hause zu behalten. Es erweckte nur eine gewisse Befriedigung in ihm, daß seine Frau endlich ihre törichte Tändelei einstellen würde. »Gratulieren brauchen wir ja noch nicht, ich für mein Teil weiß noch nichts davon,« sagte er am Abend. »Laß die Leutchen machen, was sie wollen!«

»Nun ist mir klar, daß sie es darauf angelegt hatte,« warf Agathe ein. »Du wirst doch nun einsehen, daß ich recht mit meiner Kündigung hatte.«

»Du weißt, ich sehe bei Dir alles ein,« beruhigte er sie.

Rudi pfiff bedeutungsvoll vor sich hin, sonst spielte er den Gleichgültigen, den solche untergeordneten Dinge nicht interessieren. Er war überdies den ganzen Tag aus dem Gähnen nicht herausgekommen, weil das Wannseeer Diner sich noch in Berlin bis zum frühen Morgen ausgedehnt hatte, und er erst um eine Zeit nach Hause gekommen war, wo die Bäckerjungen schon lustig durch die Straßen pfiffen. Um aber doch nicht mit seinem Urteil zurückzuhalten, sagte er gelegentlich zu seiner Mutter: »Eigentlich hätte Dich Fröhlich erst um Erlaubnis fragen müssen, ob er sich verloben darf. Rat hätte er sich wenigstens holen sollen. Das hast Du nun davon, daß Du ihn so ausgezeichnet hast. Kandidatenundank! ... Was sich solche Menschen überhaupt herausnehmen! Wer hat nun recht gehabt mit seiner Vermutung? Ich! Die haben schon längst ihr Techtelmechtel gehabt, verlaß Dich darauf. Kandidat und Fräulein -- Du lieber Himmel! Auch was Rechtes! Gleiche Begriffe!«

Sie hörte gar nicht darauf, denn ihre Seele war gebrochen und alle Heiligtümer vernichtet. Sie hatte nur das Bedürfnis, allein zu sein und einsam darüber nachzudenken, wie man sich in einem Menschen irren könne, den man stets uneigennützig höheren Zielen zuführen wollte.

Trauer war in ihr Herz gezogen, und so rührte sie keine Note mehr an und gab ihrer Stimme Ferien, was der Bankdirektor als den ersten Schritt zur Besserung betrachtete. Da sie aber an die Klänge des Familienklaviers am Nachmittag gewöhnt war, so mußte Fanny sich mit Hans an das Instrument setzen, um ihm den ersten Unterricht zu erteilen. Man hatte bereits früher davon gesprochen, und so entsann sich die Gnädige noch in der letzten Dienstwoche, daß man für fünfundvierzig Mark monatlich das Recht habe, alle Talente eines sogenannten Fräuleins gehörig auszunutzen. Sie wollte noch bis zum letzten Tage ihre Herrschaft zu erkennen geben, und so machte es ihr Vergnügen, alle fünf Minuten in das Balkonzimmer zu treten und ihre Zwischenbemerkungen einzustreuen, trotzdem ihr von dem Geklimper der Tonleiter der Kopf brummte.

»Ihr wollt heute in den Zo?« sagte Rudi am Mittwoch zu ihr. »Dann amüsiert Euch nur, ich habe etwas anderes vor. Da drüben ist ja immer dieselbe Sauce. Immer dieselben Gespenster, die in der Lästerallee 'rumlaufen.«

»Na, wir gehen ja auf die Terrasse,« wandte sie ein.

»Auch nicht besser. Da sitzt die Provinztapete, bunt wie Neu-Ruppin. Man sollte mal die Tiere freilassen und die ganzen Menschen in die Käfige sperren, das wäre doch was anderes.«

»Nun hör aber auf! Du wärest ja doch der erste, der Beine machte. Dir scheint schon alles zuwider zu sein. Mit neunzehn Jahren!«

»Na, manchmal ist das Leben auch wirklich mies. Wir leiden eben beide am Weltschmerz, Mama. Der Sekt schmeckt mir auch nicht mehr. Die Kinder von Straßenfegern sind manchmal glücklicher, die haben das alles nicht kennen gelernt. Ich sehe schon, ich muß mich auch nach 'ner »Braut« umsehen.«

Pfeifend ging er hinaus, mit dem Gedanken an den Abend beschäftigt, wo er sicher die »Braut« finden würde, aber die des andern.

XIX.

»Adieu Fanny,« sagte Kornelia noch kurz vor dem Aufbruch. »Heute wird es sich entscheiden, ob ich hier meinen Willen durchsetzen kann, oder nach London gehe zu Miß Spence. Soll ich grüßen? Aber natürlich doch. Sehen Sie nur zu, daß Sie Ohrenklingen bekommen, dann denken wir an Sie. Es kann ja auch ein anderer sein.«