Part 8
»Bedenk, wie deine Eltern gegen mich sind! Denn das muß ich dir noch sagen, seitdem dein Vater vom Herrn Pfarrer erfahren hat, was ich zu ihm gesagt hab', glauben sie bei dir, es werde nun bald aus sein zwischen uns, und sind vergnügt darüber, man kann gar nicht sagen wie! Bedenk das, Ludwig! Deine Eltern wollen mich nicht und verachten mich; mit ihrem guten Willen kommen wir nie zusammen, du kannst nie zu gleicher Zeit mit mir glücklich sein und mit ihnen. Du wirst mit mir auch keinen Hausstand bekommen, wie du ihn gewohnt bist, und vieles nicht haben, was du vielleicht nicht wohl entrathen kannst. Bedenk das alles! -- Für mich brauchst du nicht zu sorgen. Ich hab' so viel, als ich bedarf, und kann arbeiten und mit Gottes Hülfe werde ich dazu auch gesund bleiben. Und wenn ich kein Glück mehr habe, so kann ich doch sagen, daß ich glücklich gewesen bin, wenn auch auf kurze Zeit, so glücklich, daß es mir immer die größte Seligkeit sein wird, nur daran zu denken. Ich hab' schon dem Herrn Pfarrer gesagt, ich wolle dann fortgehen in's Württembergische, so daß ich euch gar nicht mehr im Wege bin. Und wenn mir dann die Regine zu wissen thut, daß es dir gut geht, das soll meine Freude sein.«
»Lebwohl! Ich hab' mein Versprechen gehalten und gethan, was ich nicht lassen konnte. Ueberleg' nun alles, herzlieber Ludwig! Denk nicht schlimm von mir und glaub' nicht, daß ich anders gegen dich gesinnt bin als sonst! Ich hab' nur nicht anders gekonnt und ergebe mich jetzt in alles, was geschehen mag. Schreib mir ganz ohne Bedenken, was du thun willst, oder laß es mich auf andere Art wissen, wenn's dir lieber ist.«
Als sie diesen Brief -- der hier freilich aus der eigenen Mischung von Dialekt und Hochdeutsch, in der er ursprünglich abgefaßt war, möglichst in die Form der Schriftsprache übertragen ist -- geendet hatte, las sie ihn durch und empfand eine starke Versuchung, ihn wieder zu zerreißen. Es kam ihr vor, als ob zu viel Aerger darin wäre und zu wenig Liebe. Ihr Geliebter war ja ordentlich angetrieben, sie zu lassen; sie fürchtete, er könnte am Ende doch auf den Gedanken gerathen, ~sie~ wolle ~ihn~ aufgeben. Sie las wieder und stand im Zweifel da, was sie thun solle. In diesem Augenblick öffnete Regine die Thüre und brachte einen kleinen Brief: es war die Einladung nach Nördlingen. Da Ludwig alles, was er auf dem Herzen hatte, sich für die Zusammenkunft vorbehielt, so bestand die Einladung nur aus wenigen einfachen Worten. Annemarie fühlte, daß sie ein Ende machen müsse. Sie schrieb unter ihren Brief: »Wie ich so weit gekommen bin, bringt man mir deine Einladung auf morgen. Du siehst, daß ich jetzt nicht kommen kann. Lies erst meinen Brief und gib mir Antwort. Lebwohl, lebwohl!« Sie machte das Papier rasch zurecht, »pitschirte« es mit einem kleinen Geldstück und übergab es Regine, die auf den Markt nach Nördlingen ging, zur Besorgung.
Drei Tage vergingen. Ich will nicht schildern, welche Gedanken das gute Kind sich machte, welche Angst sie empfand und wie sie sich selber wieder tröstete und an die Stelle der Bangigkeit die Zuversicht redlicher Liebe trat. Sie war, wie überhaupt seit der Bekanntschaft mit Ludwig, etwas aus ihrem Charakter gegangen und bewegter und erregter geworden, als derjenige, der sie früher gekannt, ihr zugetraut hätte. Wer wird das aber verwunderlich finden? -- Am Morgen des vierten Tages erhielt sie die Antwort von Ludwig, die er Sonntags geschrieben und die -- in ähnlicher Uebertragung -- hier folgt:
»Meine liebste Annemarie! Du hast mir einen Brief geschickt, über den ich mich recht gewundert hab'. Ich will dir aber keine Vorwürfe machen; ich hab' mich nach und nach doch hineingedacht, wie's dir zu Muth ist, ich hab' dich bedauert und schäme mich, daß meine Eltern so gegen dich gehandelt haben. Ja du hast Recht! So sind die reichen Leute, wenn sie auch sonst so gut und so brav sind wie mein Vater und meine Mutter! Ich begreif', wie dich diese Lügen kränken und erzürnen müssen. Ich begreif', was du gethan hast. -- Aber nun sag' mir: hast du wirklich geglaubt, daß ich thun könnte, was du mir vorschlägst? Ich hoff's nicht; ich hoff', daß du mich besser kennst. Wie! nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, soll ich dich lassen? Und wenn ich wüßte, daß ich mich unglücklich machen würde für mein ganzes Leben, ich thät's nicht! Und wenn ich's vorher hätte thun können und eine andere nehmen, jetzt könnt' ich's schon gar nicht mehr. Wie viel meinst du denn, daß es Mädchen gibt, die so handeln, wie du gehandelt hast? Und glaubst du, daß ich kein Herz habe und keinen Verstand, das einzusehen? Ich weiß wohl, was ein Sohn seinen Eltern schuldig ist. Ich bin nie ein schlechter Sohn gewesen, wie mir alle bezeugen müssen, und wenn mein Vater verlangt, was er von Gott und Rechtswegen verlangen kann, so will ich's thun. Aber wenn ich, um mit meinem Vater wieder gut zu werden, ein Mädchen verlassen könnte wie du bist, so verdient' ich, daß man mich rädern thäte und meine Glieder auf's Rad flechten! Red' mir also nicht mehr von dieser Sache! Wenn dich dein Gewissen und dein Stolz getrieben haben, zum Pfarrer zu gehen und ihm ein solches Anerbieten zu machen, so begreif' ich das jetzt und schätz' dich um so höher. Aber das will ich nicht glauben, daß du mich wirklich für fähig gehalten hast, ein solches Anerbieten anzunehmen. Denn wenn das wäre, dann wär' deine Lieb' zu mir nicht so groß, wie meine zu dir, sondern viel kleiner! Ich hab' auch ein Gewissen und einen Stolz, und die sagen mir, daß ich dir treu bleiben soll gegen alle Welt. Ich hab' kein böses Gewissen, daß ich mein väterliches Haus verlassen hab', sondern ein gutes, denn ich hab' nicht darin bleiben und dir treu sein können. Und wenn ich wüßte, daß ich heute sterben und vor Gott treten müßte, ich wär' ruhig.«
»Ich seh' nun wohl, daß wir für die nächste Zeit nicht zusammen kommen werden, denn du hast deine Gedanken und bleibst dabei. Aber ich vertrau', wir haben nicht nöthig uns zu sehen, um uns grad so lieb zu haben. Ich hab' dich alleweil vor Augen; wohin ich geh', da gehst du mit mir. Wenn ich bei der harten Arbeit müde bin und denk' an dich, dann hab' ich wieder Kraft; es ist gerade, als hätt' ich einen frischen Trunk gethan. Und jetzt nach deinem Brief will ich wieder alles aushalten. Es ist freilich wahr, daß ich schwere Arbeit thun muß und mancherlei Verdrießlichkeiten hab'; aber wenn's mir hier nicht mehr gefällt, so kann ein Mensch, der gesund ist und sein Geschäft versteht, sich überall fortbringen. Ueberall, wo ich bin, werd' ich gegen dich der gleiche sein, und endlich, das weiß ich ganz bestimmt, werden wir zusammenkommen und glücklich sein. Adies, herzgeliebte Annemarie! Bleibe gesund und vertrau' auf Gott wie dein Ludwig!«
Als Annemarie in ihrer Kammer, wohin sie sich zitternd und bebend geflüchtet, diesen Brief las und zu den ersten Versicherungen der Treue kam, rief sie mit freudestrahlendem Gesicht: »Ich habs ja gewußt!« Beim Weiterlesen wurde der Glanz ihrer Blicke getrübt durch wonnige Thränen, die ihr bei den Ausdrücken herzinniger Liebe in die Augen traten, bis endlich die Flamme der Freude auch durch sie hindurch drang und ihr ganzes Wesen verklärte. Regine, von Theilnahme getrieben, erschien an der Schwelle der Kammer. Das überglückliche Kind eilte auf sie zu, fiel ihr um den Hals und rief mit holdseliger Gewißheit: »Nun gehört er mein, und kein Mensch in der Welt wird mir ihn nehmen!« Regine hatte das größte Verlangen, den Brief auch zu sehen; die Freundinnen setzten sich zusammen, Wange an Wange lasen sie und unterbrachen sich selbst durch entzückte und gerührte Ausrufungen. Regine sagte zuletzt: »Gewiß, liebes Mädchen, der gehört dir; den bringt sein Vater nicht mehr herum! Aber nun wirst du auch wissen, was du zu thun hast.« -- »Ja,« rief Annemarie, »das weiß ich! Jetzt sind wir stärker als Vater und Mutter und die ganze Freundschaft! Mögen sie sagen und thun was sie wollen -- nichts verdrießt mich mehr, ich verzeih ihnen alles im voraus!« Regine sagte: »Nun wird's auch gut gehen.« -- »Und wenn's nicht gut ginge,« erwiederte Annemarie, »so wären wir doch glücklich. Jetzt darfs gar nicht schnell kommen, sonst wär's zu viel!«
Als sie noch manches so gesprochen, gingen sie die Stiege hinunter. »Im Tennen,« d. h. in der Hausflur, angekommen, sahen sie einen Buben zur Thür hereinkommen, der sich vorsichtig umsah. Es war der kleine Gönner des Liebespaars, Johannesle. Annemarie, die schon gehört hatte, wie sie bei dem Bürschchen in Gnaden stand, flog auf ihn zu, gab ihm die Hand und fragte, was er wünsche, ob sie vielleicht mit einer guten Birn aufwarten könne. Johannesle schüttelte ernsthaft den Kopf und betrachtete sie mit prüfendem Blick, so daß die Mädchen sich lächelnd ansahen, und Annemarie fragte, was denn sonst sein Begehr sei? Darauf sagte er endlich: »Ich hab' gehört, du willst den Ludwig lassen und einen andern heirathen. Ist das wahr?« -- »Nein,« rief das Mädchen unbedacht, »das ist nicht wahr! Entweder den Ludwig oder keinen!« Der Kleine war sichtlich erfreut. »Ich hab's ja gesagt,« erwiederte er selbstzufrieden und wandte sich zum Abgehen, voll Begierde, seinen »Stangenreiter« (Oberknecht) zu beschämen. Annemarie rief: »Bleib doch, liebs Büble, und komm mit in den Garten!« Aber Johannesle rief: »Ich muß fort,« und eilte davon. Regine sagte mißbilligend: »Da hast du's! Der wird's unter die Leute bringen!« -- »Es soll auch unter die Leute,« erwiederte Annemarie. »Das kann und darf nicht verschwiegen bleiben. Heute noch geh' ich zum Herrn Pfarrer und sag' ihm alles.«
Sie erfüllte dieses Wort Nachmittags. Der Geistliche las den Brief, den das Mädchen ihm übergab, mit ernster Aufmerksamkeit und mit einer innerlichen Freude, die beinahe durchgebrochen wäre und seine Parteinahme verrathen hätte. »Es ist gut!« rief es in ihm. Wie Annemarie sah, daß er mit dem Lesen fertig war, sagte sie: »Herr Pfarrer, Sie sehen, ich hab' mein Versprechen gehalten. Nun hab' ich in der Sache nur noch eine Pflicht und der will ich nachhandeln, ohne an etwas anderes zu denken.« -- »Die Pflicht,« versetzte der Pfarrer, indem er sie lächelnd ansah, »in Geduld zu erwarten, was da kommen soll.«
Der alte Herr achtete es unter den gegenwärtigen Umständen für gerathen, den Angerbauer in seinem Hause aufzusuchen und ihm von dem Stand der Dinge Meldung zu thun. Als der Bauer den Kern der Neuigkeit und ein paar Ausdrücke aus Ludwigs Brief vernommen hatte, rief er aus: »O Unsinn! o Tollheit! o verkehrte Welt! Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Pfarrer, aber womit hab' ich' verschuldet, daß ich mit so einem Menschen gestraft bin? Wenn ich nur im Grab läge, dann könnten sie thun, was sie wollten!« Die Bäuerin ließ sich ähnlich vernehmen, aber in gedämpfteren Tönen. Ihr Schlußwort lautete: »Wer hätte das dem Menschen zugetraut! Man soll doch niemals sagen, daß man sich in Einem auskennt, sogar bei seinem eigenen Kind!« Der Pfarrer versetzte: »Es thut mir leid, daß euch meine Nachricht betrübt; aber da das Mädchen zu mir das Vertrauen hatte und mir den Brief zu lesen gab, so hab' ich's für meine Schuldigkeit gehalten, euch davon zu unterrichten, obwohl ich mich sonst in Familienangelegenheiten nicht gern mische.« Der Angerbauer sagte mit Würde: »Ich dank' Ihnen dafür, Herr Pfarrer. Wir müssens hoch aufnehmen, daß Sie sich selber herbemüht haben.« Nach einer Weile sagte die Mutter: »Was soll nun aber aus dem Ludwig werden, wenn er so gesinnt ist?« -- »Was er selber will,« entgegnete der Vater barsch. Die Mutter seufzte und sagte: »Aber --« -- »Nichts aber!« rief der Bauer dazwischen. »Willst du etwa haben, daß wir uns durch seinen Trotz einschüchtern lassen und nach ihm schicken sollen? Da, frag den Herrn Pfarrer! -- Haben Sie,« fuhr er zu diesem gewandt fort, »nicht neulich zu mir gesagt, wir sollen nicht nachgeben, er müsse zu ~uns~ kommen?« -- »Ja,« antwortete der Pfarrer, »und das ist noch jetzt meine Meinung.« Der Bauer sah sein Weib triumphirend an und sagte: »Siehst du?«
Nach einigen Worten des Trostes empfahl sich der Geistliche; die Eheleute begleiteten ihn bis zum Hofthor, von wo der Bauer düster, die Frau kopfschüttelnd zurückkehrte.
Seit dem Tage, wo Ludwig das väterliche Haus verließ, war der Angerbauer nicht nach Nördlingen gekommen. Er fürchtete zuerst überhaupt Bekannte aus der Stadt oder aus andern Dörfern zu treffen, deren Fragen er nicht so leicht mit einer Grobheit beantworten konnte. Später scheute er hauptsächlich ein Zusammentreffen mit dem Schmiedbauer, dessen Charakter und Manieren er kannte. Zuletzt konnte er doch eine Fahrt zur Schranne nicht länger vermeiden: er hatte noch altes Korn, der Preis war gut und nach seiner Ansicht keine Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sich lange so halten werde. Er ließ mit einer Partie des Getreides einen Wagen laden und war bald an Ort und Stelle.
Das Gewühl in der Schranne war für diese Zeit groß. Es hatten sich württembergische Händler eingefunden, die bedeutende Einkäufe machten. Der Angerbauer wurde an einen derselben seinen ganzen Wagen Korn los; er war froh und hoffte an diesem Tag nichts Unangenehmes mehr zu befahren. Die Bekannten, die er getroffen, hatten ihn im Drang der Geschäfte nur flüchtig begrüßt und an seine Familienangelegenheit nicht gedacht, wenigstens nicht davon gesprochen. Den Schmiedbauer hatte er gar nicht gesehen. Als das Korn abgemessen war, hieß er den Oberknecht mit dem Wagen zu einem Wirthshause am Thor fahren, wo die Angerbäuerin aufsitzen würde. Diese hatte sich bei dem guten Wetter zu Fuß nach der Stadt begeben, um Einkäufe zu machen, wollte aber für den Nachhauseweg den Wagen benutzen. Der Bauer wollte den Nachmittag in der Stadt verbringen, um nach Bequemlichkeit heimzuwandern. Wie er unter einem Seitenthor der Schranne stehend den Knecht wegfahren sah, hörte er von der andern Seite her plötzlich den hellen Ruf: »Guten Tag, Vetter Angerbauer!« Er sah sich um und erkannte den Schmiedbauer, der ihm begierig zunickte. Augenblicklich ein »danke schön« brummend ging er rasch auf die Straße und verschwand im Gewühl der Menschen und Wagen.
Anfangs war seine Absicht gewesen, zum »Fadenherrn« in der Nähe der Schranne zu gehen, wo er gutes Essen und Bier zu finden gewohnt war. Nun aber hütete er sich wohl, in einem Hause einzukehren, wo er sicher mit dem »boshaften Kerl,« dem Schmiedbauer, zusammenkommen würde. Er vermied aus demselben Grund auch das Wirthshaus am Thor und suchte ein drittes auf, wo er sein spätes Mittagessen in Ruhe verzehren zu können hoffte. Darin täuschte er sich nicht. Er traf zwei Männer aus seinem Dorf, setzte sich zu ihnen und ließ sich Braten und Salat wohl schmecken, während der Schrannentag ergiebigen Stoff zur Unterhaltung bot.
Nach langer Zeit wurde es ihm wieder fast behaglich zu Muthe, wozu der um den Leib geschnallte, gefüllte Geldgurt das Seine beitragen mochte. Er trank nach Durst und übergab eben die blanke zinnerne Bierkanne der behenden Wirthstochter zur zweiten Füllung, als die Thüre aufging und der Schmiedbauer hereintrat. -- Dieser hatte ihn in nicht weniger als drei Wirthshäusern vergebens gesucht. Sein Muth wurde dadurch nicht geschwächt, und er war eben im Begriff, in ein viertes zu gehen, als ihm von einem Bekannten das rechte verrathen wurde.
Der Angerbauer, als er den Gefürchteten erblickte, fuhr zurück, als wenn ihn eine Schlange gebissen hätte. Der Schmiedbauer ging auf ihn zu, das Gesicht von einem Vergnügen belebt, wie es Reineke der Fuchs empfunden haben mochte, als er den ehrlichen Lampe in seiner Höhle sah. Große, blanke Zähne weisend, die man ordentlich wässern sah, rief er seinem Opfer zu: »Guten Tag noch einmal! Du bist heute schwer zu finden, Vetter Angerbauer! Schon in drei Wirthshäusern hab' ich dich umsonst gesucht!«
Der Angerbauer hatte sich wieder etwas gefaßt. Er bot ihm nicht das eben ankommende Bier zum Trinken -- eine Höflichkeit, die man eintretenden Bekannten sonst gewissenhaft zu erweisen pflegt, -- sondern antwortete trocken und ein wenig den Mund verziehend: »Woher kommt dir denn auf einmal das große Verlangen nach mir?«
»Da haben wir's!« sagte der Schmiedbauer; »gleich wieder stolz!« -- Und indem er die beiden andern listig anblinzelte, fuhr er fort: »Bist du denn gar nicht neugierig, etwas von deinem Ludwig zu hören?« -- Der Angerbauer, sich bezwingend, erwiederte: »Nicht im Geringsten!« -- »Nun, nun,« versetzte der andere, »stell dich nur nicht so an, ich weiß doch, daß du gern etwas von ihm hören möchtest. Du brauchst dich auch gar nicht zu fürchten: ich kann ihn nur loben. Er macht sich ganz vortrefflich, und ich muß dir nur sagen, ich hätt's dem Sohn eines so reichen Mannes nicht zugetraut, daß er einen so geschickten Handknecht abgäbe. Er sucht wahrhaftig seines Gleichen, namentlich im Futterschneiden und Misten.«
Bei diesen Worten konnten die beiden Unbetheiligten sich nicht enthalten zu lächeln; dem Angerbauer stieg das Blut in's Gesicht. Finster entgegnete er: »Mag er machen, was er will! Er ist mein Sohn nicht mehr und geht mich so wenig an, wie einen von euch!« -- »Geh',« sagte der Schmiedbauer, »sei gescheidt! Unser Kind bleibt immer unser Kind.« -- »Und ich sag' dir,« versetzte der Angerbauer mit zornigem Nachdruck, »daß ich nichts mehr von ihm wissen will, und bitt' mir's aus, daß du jetzt von ihm das Maul hältst!«
Auf diese verständliche Abweisung zuckte der Schmiedbauer die Achsel. »Mir auch recht,« sagte er. »Wenn du nichts mehr von ihm wissen willst, dann bleibt mir ein Handknecht, wie ich ihn brauche und wie man ihn heutzutage nicht mehr findet. Schaffen thut er für Zwei und gehorchen, als wenn er ein geborener Knecht wäre. Wenn ich, oder mein Sohn, oder meine Tochter, oder mein Oberknecht ihm etwas sagen, läuft er wie ein Wiesel. Wenn du ihn nicht mehr willst, gut! Ich hab' den Vortheil davon.«
Indem er bei den letzten Worten die Zielscheibe seiner Bosheit ansah, fühlte er, daß er für jetzt nicht weiter gehen dürfe. In dem Angerbauer kochte es gefährlich. Seinen Sohn vor den beiden Männern als gehorsamen Knecht loben zu hören, war für ihn schrecklich, und die Absicht des Schmiedbauern, ihn zu verhöhnen, machte ihn wüthend. Wäre er mit diesem allein gewesen, er hätte ihm eine Antwort mit der Kanne an den Kopf gegeben, auf welche kein weiterer Bericht mehr erfolgt wäre. In der vollen Wirthsstube mußte er an sich halten und schwieg daher grimmig still. Der andere fand für gut zu bemerken: »Nun, ich sehe, es ist dir wirklich unlieb, etwas weiter zu hören; lassen wir's also gehen!« Der Angerbauer nickte bedeutsam, als wollte er sagen: »Du thust sehr gescheidt daran!«
Von einem der beiden Bauern wurde das Gespräch wieder auf die Schranne zurückgelenkt und blieb dabei. Auf diese Weise kam jedoch der Angerbauer um eine Nachricht, die ihm lieb gewesen wäre, denn der Schmiedbauer war bekanntlich kein bloßer Bösewicht. Er wollte heute an dem Vetter sein Müthchen kühlen und an den »hoffährtigen Kameraden« ein wenig ärgern; dann aber wollte er ihm sagen, daß der junge Bursch in seinem Hause deßwegen kurz gehalten und tüchtig angespannt werde, damit er sich nach den Eltern sehne und endlich demüthig heimkehre, wie sich's gebühre. Er wollte sich dem Angerbauer von seiner ernsthaften Seite zeigen, ihm Vorschläge machen, seine Wünsche hören. Allein da dieser nach seiner Ansicht gar keinen Spaß verstand, so wollte er sich auch auf den Ernst nicht einlassen. Er dachte: »Es ist der Alte! immer gleich oben aus! Gut, für heute soll er nichts weiter hören!«
Als der Angerbauer die zweite Kanne noch nicht ganz geleert hatte, zahlte er und schickte sich an zu gehen, indem er sagte, er habe noch einen Gang zu machen. Den Schmiedbauern übermannte noch einmal der Muthwille und er fragte den Abgehenden in schelmisch gemüthlichem Ton: »Soll ich also wirklich deinem Ludwig keinen schönen Gruß von dir ausrichten?« Der Angerbauer gab ihm hierauf eine Antwort, die ihm der kindischen Bosheit der Frage allein entsprechend schien, und entfernte sich, indem er die Thüre stattlich zuschlug. Je mehr Zorn jene Antwort verrieth, desto vergnügter lachten die drei Zurückgebliebenen zusammen und schwatzten noch eine Weile über diesen Spaß.
Unser Mann ging geradeswegs nach Hause. Indem er mit wenig gemindertem Zorn in's Kanzlei eintrat, fand er dort sein Weib in einer ähnlichen Stimmung. Ohne vorläufig darauf zu achten, erzählte er, was ihm begegnet, und die Angerbäuerin stimmte in seine Ausrufungen über die Bosheit der Menschen treulich mit ein. Dann bekannte sie, ihr sei beinahe noch etwas Aergeres passirt. Neugierig drängte sie der Mann, zu erzählen. Die Bäuerin hub an: »Ich bin zuerst bei der Melbersbas gewesen und hab' mich etwas länger verweilt, als ich dachte. Dann bin ich zum »Canditor« gegangen und hab' Zucker, Kaffee und Gewürz gekauft. Wie ich aus dem Laden auf die Straße hinausgeh', wer kommt auf mich zu? Die Ev' mit ihrer alten Bas! Ich will dirs nur sagen, ich bin ein wenig verhofft gewesen und es ist mich ordentlich ein Zittern angekommen. Aber doch bin ich gleich auf sie zugegangen, hab' sie freundlich gegrüßt und »guten Tag« geboten. Die alte Bas hat gedankt; die Ev' hat aber nur ihr »Schnäuzle« naufgezogen.« Der Angerbauer, der aus allem abnahm, was kommen würde, bemerkte mit einem gewissen Humor: »Sag' Schnauz, das paßt besser!«
Die Mutter fuhr fort: »Weil ich sie nun seit dem Vorgang nicht wieder gesehen hab', so hab' ich nach etlichen Reden gesagt: »Uns hat halt seitdem ein rechtes Unglück getroffen!« Denn wenn man sich so gut kennt, dann kann man wohl vertraut mit einander reden.« »Ja, ja,« antwortete die alte Bas, »das ist eine böse Geschichte! Wer hätte dem Ludwig das zugetraut!« -- »Ja freilich,« hab' ich wieder gesagt, »hätt' man ihm das nicht zugetraut; aber junge Leute machen eben manchmal tolle Streiche. Alles ist deßwegen nicht verloren, er kann sich wieder anders besinnen, kann heimkommen und alles kann noch gut werden.« Da hättest du die Ev' sehen sollen! Roth wie ein welscher Hahn tritt sie vor mich hin und sagt: »Ihr glaubet doch nicht, Frau Bas, daß es mit Eurem Ludwig und mir noch was werden kann? Wenn Ihr so was denkt, dann schlagt's Euch nur aus dem Sinn. Das wär' mir das Wahre! Ein Mensch, der sich so aufführt! Nein, Frau Bas, für so einen bedank' ich mich schön und bin froh, daß ich ihn los geworden bin.« Ich hab darauf gesagt: »Was willst du denn? -- hab ich denn davon geredt?« Aber sie hat sich nicht irr machen lassen und höhnisch gesagt »Aufrichtig, Frau Bas, Ihr thätet am besten, wenn Ihr Eurem Sohn seinen feinen Schatz ließet. Sie ist ihm nun einmal die Liebste auf der Welt, und ein ordentliches Mädchen nimmt ihn ohnehin nicht mehr.«
»Was,« rief hier der Angerbauer auffahrend, »das hat sie dir gesagt?« »Ja,« erwiederte sein Weib, »das hat sie gesagt.« -- »Gut!« versetzte der Mann, »ganz gut! Also so eine ist die? Ein großes Unglück scheint's nicht, wenn wir die nicht zur Söhnerin bekommen!« -- »Das mein' ich auch,« bemerkte die Frau, »und das hab' ich ihr auch gesagt.« »So groß gefehlt wär's nicht,« hab' ich ihr gesagt, »wenn er das Mädchen bekäme. Denn wenn sie auch nicht reich ist, so ist sie doch brav und hat mehr Art als manche reiche Bauerntochter, die ich kenne.« Dabei hab' ich ihr steif in's Gesicht gesehen. Sie aber hat sich nichts daraus gemacht und gesagt: »Nun, da wünsch' ich recht viel Glück dazu! Machts nur bald richtig und vergeßt nicht mich auch auf die Hochzeit zu laden.« Damit hat sie »guten Tag« gesagt und sich umgedreht und die Alte, die den Kopf geschüttelt hat, mit sich fortgezogen.«
Der Angerbauer war ernsthaft geworden und brach nun in die Worte aus: »Eine saubere Person, das muß ich sagen! Da dürfen wir ja von Glück sagen, daß wir sie noch zu rechter Zeit kennen gelernt haben!« -- »Sicherlich,« erwiederte die Mutter.