Part 7
Der Angerbauer, der sein Herz erleichtern wollte, sagte hierauf: »Ich kanns noch immer nicht begreifen, so viel ich auch darüber nachgedacht habe. Lustig und ein bischen auf's Vergnügen aus ist er immer gewesen, aber in der Art und mit seines Gleichen. Runtergegeben hat er sich niemals, was ich gehört hab'. Und nun ist er auf einmal ganz wie verhext und will ein Mädchen heirathen, die -- nun, ich will mich nicht ausdrücken vor Ihnen, Herr Pfarrer. Wie ich nicht gleich Ja sage, lauft er davon und verdingt sich als Knecht. Und das thut er in dem Augenblick, wo er einen Hof und ein Weib haben könnte -- ein Weib und ein Gut -- ein anderer würde Gott auf den Knieen danken, wenn er's kriegte!«
Der alte Herr war versucht, über diesen starken Ausdruck zu lächeln, aber er hielt an sich und machte ein ernsthaftes Gesicht, das der Bauer für zustimmend halten konnte. Dieser, einmal im Zuge, bewies, daß er wohl auch reden konnte, wenn's ihn drückte. »Ach, Herr Pfarrer,« rief er aus, »die Welt muß anders geworden sein, als sie zu meiner Zeit gewesen ist. Ich bin auch jung gewesen und bei der Lustbarkeit grad nicht der Letzte; aber wie meine Zeit zum Heirathen gekommen ist, hab' ich mich unter rechten Mädchen umgesehen und gottlob ein Weib gefunden, mit der ich nun glücklich gehaust habe volle neunundzwanzig Jahr. Wenn ich nun verlange, daß meine Kinder mir nachschlagen und ihr Glück auf dem Weg suchen sollen, wo ich's gefunden hab', ist das nicht in der Ordnung? Muß ich als Vater nicht so handeln?« -- »Ja,« sagte der Pfarrer mit nachdrücklicher Beistimmung, »das ist Eure Pflicht!«
Der Angerbauer, dem dieß wohl that, fuhr fort: »Sehen Sie, Herr Pfarrer, in der Familie muß ein Zusammenhalt sein, alle müssen helfen, wenn man weiter kommen soll. Ich hab' von meinem Vater einen schönen Hof bekommen und mein Weib hat mir Geld in's Haus gebracht; wir haben ordentlich gewirthschaftet und unser Vermögen vermehrt, daß wir nun wohlhabende, und ich darf wohl sagen angesehene Leute sind. Ich kann's meinen Kindern besser machen als es uns gemacht worden ist, und nun will ich auch haben, daß sie's noch weiter bringen als wir und daß sie für ihre Kinder noch mehr thun können. Sie müssen sorgen und immer darauf aus sein, in rechter Art etwas zu erwerben. Nur so kommt man empor, man findet ein sicheres Glück und Ehre in der Welt und kann sich im Wohlstand seines Lebens freuen.«
»Wohl,« sagte der Pfarrer, »und es ist nicht bloß der Besitz, der Einen erfreut, sondern das Streben und die Thätigkeit selber. Der Mensch muß sich ein Ziel stecken, das über den Platz, auf den man ihn gestellt hat, hinaus geht. Dann werden seine Tage ausgefüllt mit Arbeit, mit Dichten und Trachten, mit Hoffen und Erwarten, und Schritt für Schritt mit der Freude des Gelingens. Und indem er glücklich ist und sein Leben verschönert, trägt er bei zur Verschönerung und Verbesserung der Welt. Auf die Größe des Besitzes kommt es da nicht an. Der Kleine freut sich am kleinen Gewinn, der Größere am größeren; jeden erquickt das verhältnißmäßige Wachsen und Gedeihen, und so sind alle glücklich, die ein verständiges Ziel vor sich haben. Wer aber nicht vorwärts strebt, der kommt neben den Strebenden zurück und geht dem Mangel und der Unlust zu.«
Der Bauer war dieser Rede mit Aufmerksamkeit gefolgt und rief nun erfreut aus: »So ist's, Herr Pfarrer, grad so ist's, wie Sie sagen! Darum« -- fuhr er mit Bedeutung fort -- »soll eben jeder in seinem Stand bleiben, namentlich nicht unter seinem Stand und Vermögen heirathen, sondern gleich da so gut als möglich anzukommen suchen. Ich will gern zugeben, daß andere mit Wenigem auch glücklich sein können; aber wer von vermöglichen Leuten herkommt, braucht mehr, weil er's nicht anders gewohnt ist. Und, Herr Pfarrer, Sie wissen's ja selber, um ein rechtes Vermögen ist's halt eine schöne Sache! Wenn ich das habe, so kann ich mich sehen lassen, ich brauch mich nicht zu ducken und nicht um das und jenes zu betteln, und wenn gute Freunde in der Noth sind, kann ich ihnen helfen. In ein Gelump hineinkommen, wo ich nothig thun und knickern müßte, um nur zu bestehen, müßte unser einen desperat machen. -- Und,« fuhr er nach kurzem Innehalten fort, indem seine Miene den Ausdruck erzürnter Bekümmerniß annahm, »dieser leichtsinnige, tollgewordene Mensch will sich schlechter stellen, als seine Geschwister, während er's viel besser haben könnte als sie! Er will eine Lumpenwirthschaft anfangen, wo er sich quälen müßte und wo doch nichts herauskommen würde, als ein Haufen von Bettlern!«
Der Geistliche hütete sich wohl, einzuwenden, daß im gegenwärtigen Falle, wenn nämlich der Vater dem Sohn seinen gebührenden Vermögenstheil zukommen ließe, von einer »Lumpenwirthschaft« doch nicht die Rede sein könnte. Er wußte, daß den Erzürnten nichts mehr verdrießt, als wenn man ihm den Grund seiner Klage verkümmern will, und schwieg daher nachdenklich stille. Endlich sagte er: »Vielleicht geht diese Sache doch noch besser aus, als Ihr denkt.« -- »Wie so?« fragte der Angerbauer. -- »Die Annemarie,« versetzte der Pfarrer, indem er den andern scharf ansah, »ist vor einigen Tagen bei mir gewesen, extra um mir zu sagen, daß sie nicht Schuld sein wolle an der Uneinigkeit einer solchen Familie, wie die Eurige, und daß sie zuviel auf sich selber halte, um sich da aufzudrängen, wo man sie nicht haben wolle. Sie habe sich entschlossen, dem Ludwig sein Versprechen zurückzugeben, und wolle sich in keiner Art dawidersetzen, wenn er sein Glück mit einer andern finde.«
Der Angerbauer horchte hoch auf und wußte nicht was er sagen sollte. Er fragte dann in zweifelndem Tone: »Hat sie das wirklich zu Ihnen gesagt?« -- Der Pfarrer erwiederte mit einem Ernst und einem Nachdruck, der jeden Zweifel niederschlagen mußte: »Es sind ihre eigenen Worte, Angerbauer! Sie hat mir versprochen, das Nämliche Eurem Ludwig zu schreiben, und ich verbürge mich dafür, daß es geschehen wird.«
Der Bauer verstummte; er war in die Seele getroffen. Ein im Grunde seines Wesens ehrenwerther Mann, der in der That jedem das Seine gab, konnte ihn nur der Zorn und der tiefe Verdruß zu ungerechtem Absprechen hinreißen. Nun mußte er sehen, daß ein Mädchen, die er eine heuchlerische, gefährliche Person gescholten, brav und rechtschaffen, ja weit über alles Erwarten rechtschaffen gegen ihn handelte. Es zeugte für seine gute Natur, daß ihn diese Nachricht mehr rührte, als erfreute, daß er sogleich sein Unrecht fühlte und seiner stolzen Seele eine gewisse Achtung vor einem solchen Benehmen abgenöthigt wurde. Endlich sagte er mit sehr ernsthaftem Gesicht: »Wenn sie das gethan hat, dann ist sie besser, als ich gedacht habe. Sie mag ein ordentliches Mädchen sein, ich will's nicht bestreiten.«
»Man muß jedermann Gerechtigkeit widerfahren lassen,« versetzte der Geistliche. »Die Annemarie ist brav, geschickt, verständig, wohlerzogen, und würde jeden glücklich machen --« -- »Von ihrem Stande!« fiel der Bauer ein. -- »Das ist's, was ich sagen will,« erwiederte der Pfarrer: »wenn die äußern Verhältnisse zustimmen.« -- »Gut,« sagte der Bauer. »Bei meinem Ludwig ist das aber nicht der Fall, drum kann hier von einer Heirath nie die Rede sein.«
Der alte Herr schwieg. Dann fragte er leichthin: »Wie soll's nun mit Ludwig werden? Was habt Ihr beschlossen?« -- Der Bauer konnte sich nicht enthalten, ein wenig aufzufahren. »Beschlossen?« rief er. »Ich glaube, da ist nichts zu beschließen, Herr Pfarrer. Dieser Mensch mag bleiben, wo er will, und gehen, wohin er will! Soll ich ihm nachlaufen? Soll ich ihn vielleicht bitten, daß er wiederkommen und die Zimmermannstochter heirathen soll? Soll ~ich~ nachgeben, der Vater dem Sohn?«
»Nein,« erwiederte der Pfarrer mit Ernst, »das sollt Ihr nicht, Angerbauer! ~Er~ muß nachgeben, ~er~ muß wiederkommen und dem Vater das Recht lassen, das ihm gebührt!« -- »Freut mich,« versetzte der Bauer, »daß Sie so denken, Herr Pfarrer. So ein neustudirter Herr hätte vielleicht gemeint, ich sollte meinem Buben seinen Willen lassen; warum? weil die Leute in einander verliebt sind und die Annemarie doch ein ordentliches Mädchen ist. Aber Sie kennen die Welt, Herr Pfarrer, Sie wissen, daß es beim Heirathen noch auf ganz andere Dinge ankommt, und daß der Vater für den Sohn denken und Verstand haben muß.« -- Nach diesen Worten lüpfte er die Alltagskappe, an welcher der sonst werthvolle Pelz etwas röthlich geworden war, und fragte: »Kann ich Ihnen sonst noch was dienen?« -- »Nein,« versetzte der alte Herr, »ich danke Euch für Eure Gefälligkeit.« -- »So wünsch' ich Ihnen guten Nachmittag,« sagte der Bauer und entfernte sich mit langsam würdigen Schritten.
Das Gespräch hatte theils im Stalle, theils in dem heimlichen, mit einer Mauer umgebenen Pfarrhof stattgefunden. Der alte Herr ging in seine Studirstube zurück, mit der Unterredung sehr zufrieden. Er hatte des Bauers Vertrauen gewonnen und wußte, daß dieser nun unter schwierigen Umständen ihn von selber um Rath angehen würde. Dann hatte er mit der Nachricht über Annemarie einen Keim in seine Seele gesenkt, der wachsen und gute Früchte bringen konnte. Er sah voraus, daß der Angerbauer seinem Weib und seinen nächsten Verwandten davon sagen würde, und daß diese, die sich auf ihr Geld und ihr Ansehen allerdings etwas mehr einbildeten, als recht war, in Annemarie ein ihnen ebenbürtiges Gemüth erkennen mußten. Auf die wackeren Leute mußte die Rechtschaffenheit, auf die stolzen das Selbstgefühl des Mädchens einen günstigen Eindruck machen.
Als er, solchen Gedanken hingegeben, behaglich auf seinem Lederstuhl sich dehnte, stürmte plötzlich sein Neffe in die Studirstube. Dieser hatte schon erfahren, daß Annemarie bei seinem Großvater gewesen, aber nichts Bestimmtes über die Unterredung aus ihm herausbringen können. Nun sah er auf dem Heimweg von einem Spaziergang den Angerbauer aus dem Pfarrhofe kommen und glaubte aus seinen Mienen auf eine Entscheidung, ja auf eine glückliche Beilegung des Streites schließen zu können. Von Neugier und gutmüthiger Theilnahme getrieben, eilte er zu dem Großvater und rief aus: »Der Angerbauer ist bei dir gewesen und ganz zufrieden fortgegangen. Ich bin ihm begegnet. -- Hast du ihn herumgebracht?« -- »Wie so?« fragte der Alte. -- »Will er den Ludwig zurückrufen und ihn die Annemarie heirathen lassen?« -- »Ei, ei,« erwiederte der Alte heiter, »du hast dich also ganz auf diese Seite geschlagen und willst aus Ludwig und Annemarie durchaus ein Paar machen?« -- »Ja,« versetzte der Jüngling bestimmt, »das will ich. Die zwei sind nicht nur die schönsten im Dorf, sondern auch die bravsten. Sie passen so zusammen, als ob sie extra für einander geschaffen wären, und es kann nicht sein, daß sie wegen einer so gemeinen Sache, als das Geld ist, nicht zusammen kommen sollen!« -- »Du gehst rasch und machst die Sache kurz ab,« erwiederte der alte Herr. »Wenn aber der Angerbauer nicht will?« -- »Der muß,« entschied der Jüngling. -- »Wer wird ihn zwingen?« fragte der Alte. »Willst du vielleicht zum Gerichte gehen, einen Befehl auswirken, daß der Angerbauer sich fügen müsse, und die Sache mit Gendarmen abmachen?«
Theodor, der die heiter fragende Miene des Großvaters nicht aushalten konnte, sah zu Boden. »Ich habe gemeint,« sagte er dann, »~du~ würdest einmal mit ihm reden, wie sich's gehört, würdest ihm klar machen, daß die geistigen Vorzüge viel höher stehen als die weltlichen, würdest ihn überzeugen und ihn zwingen durch deinen Zuspruch.« -- »Der alte Angerbauer,« erwiederte der Pfarrer, »ist ein sprödes und zähes Metall; das bischen Feuer, das ich noch besitze, würde ihn nicht zum Schmelzen bringen. Du siehst ja, ich bin alt und theilnahmlos geworden und kann mich einer so schönen Glut, wie du sie hast, nicht mehr rühmen. Wie wär's« -- fuhr er gemüthlich fort -- »wenn du der Sache dich annähmest? Du willst ein Pfarrer werden und wirst als solcher gewiß gar vieles geschickter anfangen und besser hinausführen als ich. Wenn du beim Angerbauer dein erstes Probestück machtest? Wenn du hingingest, ihm und der Bäuerin eine Rede hieltest über das Verhältniß der ewigen und zeitlichen Güter und ihn durch begeisterte Worte dermaßen in's Feuer brächtest, daß er den Ludwig zurückriefe und ihm sein Liebchen zur Frau gäbe? -- Wie?«
Theodor wurde roth und schwieg. Er hatte den Rieser Bauer vom Schlage des in Rede stehenden doch schon zu gut kennen gelernt, um nicht ihm gegenüber seine Unzulänglichkeit zu empfinden und sich zu sagen, daß ein solcher Versuch schmählich scheitern würde. Noch deutlicher erkannte er freilich, wie sein Großvater mit ihm spielte. Er sagte endlich mit gutmüthiger Empfindlichkeit: »Du hast mich zum Besten und behandelst mich wie ein Kind; und doch bin ich kein Kind mehr, sondern ein Mensch, der's gut meint und haben will, daß es andern wohl gehe, wenn sie's verdienen.« -- Der Pfarrer sah ihn freundlich an, stand auf, zog ihn zu sich und schloß ihn mit zärtlicher Liebe in seine Arme. »Du bist ein Kind,« sagte er, »aber ein gutes Kind, und mit Gottes Hülfe wirst du auch ein guter Mann werden. Gieb dich zufrieden. Wenn es deinem alten Großvater möglich wird, sollst du deine Wünsche noch erfüllt sehen.«
Der Angerbauer hatte, bald nachdem er in sein Haus zurückgekehrt war, die Bäuerin in's Kanzlei gerufen und ihr von seiner Unterredung mit dem geistlichen Herrn erzählt. Die Nachricht über den Entschluß des Mädchens wirkte auf sie wie auf ihn. Sie sah ein wenig beschämt aus und sagte: »So hätten wir dem Mädchen also doch Unrecht gethan! Ich muß dir jetzt nur sagen: so ganz von Herzen hab' ich nie dran glauben können. Es ist mir immer wieder gewesen, als ob sie am Ende doch nicht so schlimm wäre.« -- Das Muttergefühl wußte nun auch auf das umgekehrte Verhältniß eine Entschuldigung für Ludwig zu gründen. »Wenn die Annemarie,« bemerkte sie nach einigem Bedenken, »so gesinnt ist, dann begreif' ich freilich, warum der Ludwig so viel auf sie hält, daß er nicht mehr von ihr lassen will. Die Schönste im Dorf ist sie ohnehin, und wenn sie noch dazu so rechtschaffen ist und solche Gedanken im Kopf hat -- das hat ihn eben verführt. -- Was meint denn der Pfarrer, daß wir thun sollen?«
Der Angerbauer, dem diese Rede bedenklich mild vorkam, erwiederte streng: »Der Pfarrer ist ganz einverstanden mit mir. Gehen lassen sollen wir ihn, bis er von selber kommt, und nachgeben sollen wir ihm in keiner Art. Ich hab' den Herrn immer für gescheidt gehalten, aber das muß ich sagen, daß er in der Sach' ganz meiner Meinung ist, hat mich besonders gefreut.« -- Die Bäuerin, an den Absagebrief des Mädchens und seine Wirkung auf Ludwig denkend, sagte: »Wir wollen das Beste hoffen.« -- Dann setzte sie hinzu: »Die Annemarie dauert mich eigentlich. Wenn man nur einen passenden Mann für das Mädchen wüßte! Ich kann mir's aber schon denken, nach dem Ludwig wird ihr keiner gefallen.« -- »Bah,« erwiederte der Angerbauer, »bild' dir nicht so viel auf deinen verrückten Buben ein. Es giebt noch Mannsbilder in der Welt, die so ein Mädchen trösten können!« -- Nach diesen Worten verließ er die Stube.
Die Mutter hatte nichts Eiligeres zu thun, als zu ihrer Tochter, der Schmalzbäuerin, zu gehen und ihr das eben Erfahrene mitzutheilen. Beide rühmten Annemarie und bedauerten, daß sie keine Bauerntochter sei, indem sonst nichts an ihr auszusetzen wäre. Bald war die ganze Freundschaft in Kenntniß gesetzt und alle sangen das Lob des Mädchens, natürlich unter der Voraussetzung, daß sie's ganz ernstlich meine und jeden Anspruch auf Ludwig aufgebe.
In der Freundschaft war jedoch eine Person oder vielmehr ein Persönchen, das für die Familieninteressen wenig Sinn hatte, desto mehr für das Glück des Liebespaares. Dies war »Johannesle,« das älteste Kind der Schmalzbäuerin. Dem Ludwig gewogen von seinem ersten Denken an, weil er sich am schönsten mit ihm abzugeben wußte, hielt er auch besonders viel auf Annemarie. Bald nach ihrer Ankunft im Dorf hatte sich diese nämlich in ein Gespräch mit ihm eingelassen und ihn zum Lohn für seine hübschen Antworten so schön gestreichelt, daß er's ihr nicht vergessen konnte. Als das Verhältniß zwischen den beiden sich entspann, erhorchte und erfragte er so viel, daß er darüber so ziemlich unterrichtet war, und ärgerte sich dann in der letzten Zeit nicht wenig, daß man zwei so nette Leute nicht zusammenlassen wollte. Zu wiederholten Malen versicherte er seiner Mutter, die zwei müßten sich kriegen, und endlich trug er ihr auf, sie solle mit dem Großvater reden. Die Mutter antwortete, er möge es doch selber thun. Und Johannesle faßte sich ein Herz, trug dem Großvater die Bitte vor und schloß damit: es ginge nicht anders, die zwei müßten sich heirathen. Der Alte sah ihn verwundert an und fragte, wer ihm diese Dummheit in den Kopf gesetzt habe. Johannesle versetzte ernsthaft: »Ich selber, Aehle,« und wiederholte sein Gesuch. Der Angerbauer, um solche Gedanken im Keim zu ersticken, machte ein böses Gesicht und sagte in erzürntem Ton: »Du bist ein naseweiser Bursch! Diese Dinge gehen dich gar nichts an, und wenn ich dir gut zum Rath bin, so laß mich so was nicht wieder hören!« Eine gewisse Bewegung des Arms ergänzte den Sinn dieser Antwort. Der Knabe, den Großvater angaffend, ging einige Schritte rückwärts, murmelte dann aber, ein zweiter Galilei: »Sie kriegen sich doch!« -- Von da an machte er verschiedene kindische Pläne, wie er den beiden helfen wollte. Auf dem Dorfe nämlich, wo man gar vieles offen verhandelt und auf etwa anwesende Kinder nicht immer Rücksicht nimmt, bekommen diese früh von menschlichen Verhältnissen eine Art von Begriff. Der Dorfbube lernt bald die erklärten Liebespaare in seinem Orte kennen, das natürliche Gemüth findet es in der Ordnung, daß der schönste Bursche auch den nettesten Schatz habe, und nimmt an ihrer endlichen Verbindung einen naiv poetischen Antheil; so wie ihm auch früh klar wird, daß zwei Verliebte sich treu bleiben müssen und nicht von einander lassen dürfen. Als Johannesle von seinem Oberknecht hörte, die Annemarie habe sich anders besonnen und dem Ludwig geschrieben, er könne eine andere nehmen, erwiederte er bestimmt: »Ich glaub's nicht!« Und als der Oberknecht bei seiner Behauptung blieb, wurde der kleine Mann ganz hitzig und rief: »Es ist nicht wahr!«
Nachdem der Entschluß des guten Mädchens so in den Häusern der Freundschaft besprochen war, kam er bald im ganzen Dorf herum. Der alte Bäcker, der ihn auch erst auf diesem Wege erfuhr, nahm sein Mündel bei der Hand, sah sie mit gerührtem Blicke an und sagte: »Du hast brav gehandelt, Annemarie! Laß dich's nicht reuen und bleib dabei. Man muß den eingebildeten Leuten zeigen, daß man auch seinen Stolz hat.«
Als Annemarie das Lob erhielt, das wir ihr gleicherweise von der Familie des Angerbauers und ihrem Vormund haben spenden sehen, hatte sie es noch nicht ganz verdient: der Brief an Ludwig war noch nicht geschrieben. Sie hatte mehrere Versuche gemacht, im Kopf und mit der Feder, aber sie konnte die Ausdrücke nicht finden, die ihr genug thaten. Sie wollte einen ehrlichen Brief schreiben, der aus dem Herzen kam; aber was sie zu sagen hatte, wollte dem Geliebten gegenüber nicht aus dem Herzen kommen. Durfte sie, nach allem, was geschehen, ihn nochmal fragen, ob er ihr wirklich treu bleiben wolle? Durfte sie sich den Schein geben, als halte sie es für möglich, daß er ihr Anerbieten annehmen und seinen Eltern folgen könnte? War das nicht eine unverdiente Kränkung für ihn? Wie sollte sie's nun anfangen, daß alles so gut und so schonend als möglich heraus kam? In Bedenken und Fehlversuchen verging eine ganze Woche. Endlich vernahm sie, daß ihre Unterredung mit dem Pfarrer bekannt geworden und wegen ihres Versprechens im Hause des Angerbauers große Freude sei. Dieses Bekanntwerden und diese Freude, sie »los zu werden,« brachte sie wieder in die rechte Stimmung. Sie setzte sich hin und schrieb, ohne abzusetzen, folgendes:
»Herzgeliebter Ludwig! Ich hätt' nicht gedacht, daß ich dir einen Brief schreiben würde, wie ich jetzt thun muß. Aber so geht es in dieser Welt. Man nimmt sich die besten Dinge vor, dann kommt etwas dazwischen und nöthigt uns, anders zu handeln, als wir gedacht haben. Seitdem ich an dich geschrieben hab', ist hier etwas geschehen -- so lang ich lebe, hat mir nichts so weh gethan und mich so gekränkt wie das. Ich will dir's nur kurzweg sagen. Dein Vater und deine Mutter, wie sie gesehen haben, daß du wirklich nicht mehr kommst, haben ihren Zorn und ihren Verdruß an mir ausgelassen; sie haben herumgesagt, ich sei darauf ausgegangen, dich zu verführen, weil ich gern die Söhnerin eines reichen Bauern geworden wäre; ich hätte dich listig gelockt, und ihr gutmüthiger Ludwig hätte sich fangen lassen. Ich sei überhaupt eine rechte Duckmäuserin und eine gefährliche Person, vor der man sich hüten müsse. Diese Reden gingen durch's ganze Dorf und in allen Haushaltungen wurde davon gesprochen. Ludwig, du kennst mich, dir brauch' ich nicht zu sagen, wie mir bei diesen Lügen zu Muthe geworden ist. O die reichen Leute! Nimm mir's nicht übel, Ludwig, aber die sind überall die nämlichen. Sie glauben, es gäbe nichts Besseres als das viele Geld, das sie haben, und wenn die andern etwas thun, so thun sie's einzig und allein, um auch so viel Geld zu bekommen. Wenn nun erst ein armes Mädchen den Sohn reicher Leute lieb hat, dann ist natürlich gar kein Zweifel, daß sie nur eine reiche Frau werden will. Daß sie ihn lieb hat, weil er brav und gut ist, daß sie ihn, wenn er arm wäre, grad so lieb, ja vielleicht noch lieber haben würde -- das ist natürlich ganz unmöglich!«
»Neben diesen Lügen über mich hab' ich auch noch hören müssen, daß deine Leute ganz unglücklich sind über diese Geschichte, die ich ihnen angerichtet haben sollte, daß Trauer und Kummer in deinem Hause sei. Das ist die Wahrheit, Ludwig! Ja, ja, unglücklich sind sie gewesen! Es ist aber auch gar zu arg! Eine Schwiegertochter zu bekommen wie ich bin, ist das nicht eine Schande und ein Elend, wie es kein zweites mehr gibt? Lieber eine Kröte in's Haus oder eine giftige Schlange! -- Als ich das alles gehört hab' -- denn es ist mir alles zugebracht worden -- was sollt' ich thun? Im Zorn und in der Betrübniß meines Herzens hab' ich dieß und jenes gedacht und bin ganz verzweifelt herumgelaufen. Denn die Sach' ist so gewesen, daß ich nicht hab' ruhig sein können, weil ich ein gutes Gewissen hab'; nein, meine Ehr' hat's nicht gelitten, ich hab' etwas thun müssen. Endlich bin ich mit mir einig geworden. Ich bin zum Herrn Pfarrer gegangen, zu dem ich das rechte Vertrauen hab', und dem hab' ich gesagt: weil die Sachen so stehen, so soll's nun sein, als ob du mir das Versprechen, der Meinige zu sein, gar nicht gegeben hättest; du sollst ganz frei sein und nochmal überlegen, was du thun willst, die arme Annemarie oder die reiche Eva oder eine andere reiche Bauerntochter heirathen, und was du thust, soll mir recht sein. Der Herr ist über die Maßen gut gegen mich gewesen, er hat mir gesagt, ich hätte recht gehandelt, und alles das soll ich auch dir schreiben. Weil ich's ihm versprochen hab' und weil's überhaupt geschehen muß, drum thu' ich's jetzt.«
»Sieh, Ludwig, du hast mich recht lieb gehabt und hast für mich gethan, was wenige thun würden. Und ich hab' mich inniglich gefreut darüber und dir im Herzen tausendmal dafür gedankt. Aber wenn's dir nun doch zu hart ginge in deinem Dienst, wenn du's auf die Länge nicht aushalten könntest und wenn dir der Gedanke käme: es wäre doch besser, wenn du mit deinem Vater dich vertragen und ihm gefolgt hättest -- um Gotteswillen, Ludwig! wenn du einen solchen Gedanken hättest, und wenn er wieder käme -- schreib augenblicklich an deine Eltern, sag' ihnen, du wollest mich lassen und eine andere heirathen! Denn das kannst du thun, ich geb' dir das volle Recht dazu. Deßwegen, weil du mir das Versprechen gegeben hast, sollst du es nicht halten; ich verlang's von dir, daß du dich daran nicht kehren und handeln sollst, wie du es jetzt für gut findest.«