Erzählungen aus dem Ries

Part 6

Chapter 63,911 wordsPublic domain

Wenn Ludwig mehr innerlichen Lebens fähig war als viele seines Gleichen, so war er doch kein Mann der Einbildungskraft von Profession und keineswegs bestimmt, sich durch bloße Vorstellungen über den Verlust reeller Güter trösten zu lassen. Die Wirklichkeit riß ihn oft sehr grob aus seinen Träumen, diese verloren überhaupt nach und nach ihre Kraft, und er fühlte die Erniedrigung seiner Lage, so wie die Klemme, in der er steckte, doppelt und dreifach. Im Hause des Schmiedbauern und im Dorfe fand er keinen Trost. Seinen Mitehehalten blieb er fremd. Ein dritter Knecht und die Mägde hatten ihn zuerst mit einer gewissen Rücksicht behandelt, weil sie glaubten, sein Vater würde bald kommen und ihn abholen. Als das aber nicht geschah und Ludwig still fortarbeitete, verlor sich ihr Respekt; sie nahmen ihn für einen wirklichen verlorenen Sohn und für ihres Gleichen. Wenn er gewollt hätte, so würde ihm sein »feines Gesicht« bei den Mägden gutes Spiel bereitet haben. Die ältere, eine passabel hübsche Dirne, glaubte, so viel wie eine Zimmermannstochter könne sie auch noch vorstellen, und schickte dem Traurigen theilnehmend süße Blicke zu; da er aber nicht in der gewünschten Art darauf antwortete, so erklärte sie ihn für einen Hansnarren und wurde um so »schnötziger« gegen ihn. -- Nicht viel besser erging es ihm mit den übrigen jungen Leuten des Dorfes. Es hätte sich unter ihnen wohl ein Kamerad gefunden, wenn er ihn gesucht hätte. Allein eine stolze Scheu hielt ihn zurück und man ließ ihn gehen. Zuerst hatte sein Auftreten als Knecht ein mächtiges Gerede veranlaßt; man begaffte ihn, schüttelte den Kopf und einzelne erlaubten sich mit ihm zu scherzen und ihm zuzurufen, daß sein Dienen nicht lange dauern werde. Nach und nach gewöhnte man sich an seine Stellung und es kam ihm endlich vor, als ob die Leute sie ganz im der Ordnung fänden. Das ärgerte und verletzte ihn noch am meisten. Durch die Tagesarbeit tüchtig ermüdet, suchte er früh das Bett, gegen dessen Reinlichkeit er sonst sehr viel einzuwenden gehabt hätte, und wenn er nicht süß träumte, so schlief er wenigstens.

Als er in der vierten Woche seinen Zustand und sich selber in's Auge faßte, fand er den Geldbeutel leer, den einzigen Anzug den er mitgenommen, abgerissen, seine Hände viel schwieliger und sein Gesicht viel verbrannter als vorher. Er mußte sich sagen, daß es doch seine großen Bedenken habe, mit seinen Eltern zu brechen und sich ohne ihre Hülfe von seiner Hände Arbeit zu ernähren. Es kam ihm vor, als ob er gegen den Vater vielleicht etwas weniger hitzig hätte sein können; allein diesen Gedanken verwarf er gleich wieder und sagte: »Nein, so hab' ich handeln müssen!«

Die Sehnsucht, die Geliebte zu sehen, war unterdessen höher und höher gewachsen. Er konnte ihr zuletzt nicht länger widerstehen und schrieb ein Briefchen, worin er Annemarie bat, am nächsten Sonntag Nachmittag um vier Uhr nach Nördlingen in einen vor dem Reimlinger Thor gelegenen Wirthsgarten zu kommen, er müsse sie wieder einmal sehen und mit ihr reden. Dann ging er zum Bauern und bat ihn um drei Gulden von seinem Lohn. Der Schmiedbauer benutzte die Gelegenheit, ihm zu bemerken, daß er sich doch besser gemacht habe, als er anfänglich geglaubt, und wenn er sich nur das viele Sinniren abgewöhnen könnte, so würde er mit der Zeit ein ganzer Knecht werden. Nach dieser Anerkennung schloß er ein Wandschränkchen auf, nahm eine wohlgetrocknete, mit Geld gefüllte Schweinsblase oder »Blotter« heraus und zählte dem Burschen im kleiner Münze drei Gulden vor, indem er ihn ermahnte, damit hauszuhalten, da er jetzt nicht gleich wieder mit Geld herausrücken würde. Ludwig, von dieser Rede hinwegsehend, empfand ein ungewohntes Vergnügen, als er das selbstverdiente Geld in der Hand hatte, und sein Muth stieg bedeutend. Er beschloß, einen Gulden auf Ausbesserung seiner Kleider zu verwenden, mit den beiden andern aber, wenn's nöthig wäre, seine Geliebte zu regaliren wie ehedem.

Im Hause des Angerbauers ging indeß das alte Leben ohne Ludwig still weiter. Das Geschwätz im Dorf, das Staunen, Vermuthen und Lügen über diesen Gegenstand hatte, wenn nicht aufgehört, doch nachgelassen, und schadenfrohe wie theilnehmende Freunde ließen die Familie mit ihren Fragen und den Versicherungen ihres Bedauerns so ziemlich in Ruhe. Der Angerbauer hatte dafür gesorgt, daß er für seine Person ganz unangefochten blieb, indem er ein paar vorwitzige Frager auf eine Weise abfertigte, daß sie ihm über die Grobheit ordentlich erstarrt nachschauten und ihren Bekannten den Rath ertheilten, ihn gehen zu lassen, sie wären verflucht heimgeschickt worden. Sonst hatte er die würdige Ruhe wieder angenommen, die ihn auszeichnete, und nur ein größerer Ernst und eine gewisse Freudlosigkeit in seinen Zügen deuteten auf den Vorfall. Die Arbeiten der Heuernte -- des »Heuets« oder rieserisch »Häats« -- zogen ihn von seinen Gedanken ab, und da es Heu in Fülle gab, wurde er sogar wieder ein wenig aufgeheitert. Es hatte den Anschein, als ob er das abgefallene Glied der Familie ohne Umstände liegen lassen und seinen Weg fortsetzen wollte, als hätte es nie existirt. Er verbot den Seinen, mit Einschluß des Schwiegersohns, auf's strengste, dem Ungerathenen Botschaft zu thun oder ihm gar Geld zu schicken, und da alle seinen Zorn fürchteten und dem Entlaufenen mehr oder weniger zürnten, so gehorchten sie ihm. Die Mutter wagte nur, sich durch eine Freundin nach ihrem Ludwig erkundigen zu lassen, wie's ihm gehe.

Ein Makel haftete indeß an der Familie des Bauers, wie er, so weit seine Kenntniß reichte, nie in derselben vorgekommen. Wenn er unter die Leute ging, so drohten ihm wenigstens Anspielungen, die ihn beschämten und quälten. Er mußte Gesichter sehen, die viel kränkender durch ein Lächeln ausdrückten, was der Mund nicht zu sagen wagte. Das stolze Dasein des reichen Mannes war ein gespanntes, verkümmertes geworden; seine Zufriedenheit, die so sehr auf der Geltung seiner Familie bei andern beruhte, war dahin. In der ruhigeren Zeit, die nach dem Heuet eintrat, stellte sich ihm wieder alles recht vor die Seele. Er bedachte, wie verständig sein Sohn sich immer aufgeführt, er konnte nicht begreifen, wie er es vermochte, eine solche Schande über die Familie zu bringen, und der Gedanke, daß Annemarie ihn in eigennütziger Absicht verführt, daß sie eine schlaue Dirne sei, die sich nur so brav anstellen könne und die Leute bisher getäuscht habe, drängte sich ihm in neuer Stärke auf. »Er kann sich nicht so mir nichts dir nichts geändert haben,« sagte er dann zu sich, »es muß etwas Besonderes dahinter stecken.« In einem frühern Jahrhundert hätte er das Mädchen vielleicht für eine Hexe ausgegeben und sie durch einen Proceß verfolgt; jetzt glaubte er wenigstens, daß sie alle natürlichen Mittel eines listigen, zu seinem Unglück schönen Weibsbildes angewendet hätte, um seinen gutmüthigen Ludwig zu bethören. Dafür schienen ihm namentlich auch die geheimen Zusammenkünfte zu sprechen, von denen ihm die Mutter gesagt hatte. Er dachte sich wie es gegangen sein könnte, und nachdem er sich's recht deutlich vorgestellt hatte, zweifelte er nicht länger, daß es wirklich so gewesen. Als er seine Gedanken der Ehehälfte mittheilte, trat diese -- froh die eigentliche Schuld von ihrem Sohne genommen zu sehen -- eifrig seiner Meinung bei. »Ja ja,« sagte sie, »so wird's sein. Sie macht zwar eine Miene, als ob sie die Beste und Frömmste im Dorf wäre; aber stille Wasser gründen tief. Solche Verführerinnen sind gerade die schlimmsten, und nur so eine konnte den Ludwig so weit bringen!« In der stillen Hoffnung, daß der Sohn nach kurzer Zeit doch wieder zu ihnen kommen würde, getäuscht und über seinen fortdauernden Trotz aufgebracht, entlud sich das Ehepaar nun seines Verdrusses und Zorns nach der Seite des Mädchens. Sie habe das Unglück angestiftet, das über die Familie gekommen; von ihr sei's ausgegangen, das wüßten sie nun gewiß, und was jetzt noch Schlimmes daraus entstehen würde, das hätte man ihr zu danken. Sie sei eine Scheinheilige, die's hinter den Ohren habe und vor der man jeden jungen Menschen von Vermögen warnen müsse. Solche Dinge sagte man zu den Vertrauten; diese sagten es hernach wieder ihren Vertrauten, und in zwei Tagen war das ganze Dorf davon erfüllt. Man erzählte sich, daß die Angerbäuerin ihrer Freundin im obern Dorf weinend geklagt habe, welcher Jammer durch dieses fremde Mädchen über sie gekommen und wie sie verzweifeln müsse, wenn sie ihren Ludwig nicht wieder sähe.

Annemarie hatte seit dem Tage, wo sie den Brief des Geliebten erhalten und beantwortet, entsagend weiter gelebt und die Geschäfte des Tages verrichtet. Man sah, daß etwas auf ihr lastete, aber auch, daß sie entschlossen war, die Last zu tragen. Der alte Bäcker hielt ihr einmal vor, welch schlimme Folgen ihre Bekanntschaft mit dem Ludwig gehabt habe, und wie grausam unlieb ihm diese Geschichte sei. »Vetter,« erwiederte das Mädchen mit bescheidenem, aber festem Ton, »ich weiß, was ich Euch schuldig bin, und ich vergeß' es nicht, darauf verlaßt Euch; aber in ~der~ Sache handle ich, wie ich's vor meinem Gewissen verantworten kann, und ich bitt' Euch, redet mir nicht weiter davon.« Der gutmüthige Vormund, von dem Ernst ihres Tones betroffen, versetzte: »Nun meinetwegen! Aber nimm dann auch die Folgen auf dich!« Seit dieser Zeit hatte sie Ruhe vor Einreden von dieser Seite, und sonstiges Geklatsch war ihr gleichgültig.

Als die Vorwürfe, welche die Familie des Angerbauers ihr machte, an sie kamen, wurde diese Festigkeit doch erschüttert. Eine Freundin sagte ihr, welch eine Traurigkeit in jenem Hause sei, nun man sehe, daß Ludwig es ernst gemeint habe mit seiner Rede vom Nichtwiederkommen. Regine erzählte nach gehöriger Einleitung, daß man sie eine Verführerin heiße, die nach einem reichen Manne gefischt habe und an allem Unglück Schuld sei. Bei dieser zweiten Meldung goß sich eine Röthe über das Gesicht des Mädchens und ihr Mund verzog sich zu dem Ausdruck stolzer Verachtung. Bald aber faßte sie sich wieder und sagte mit traurig ergebenem Ton: »Diese Leute dauern mich. Wenn sie solche Dinge über mich ausdenken, so wackre Leute wie sie sind, dann müssen sie wirklich unglücklich sein.« -- Sie wurde durch diese neue Erfahrung in eine seltsame Aufregung versetzt. Es that ihr weh, daß sie eine Uneinigkeit zwischen Eltern und Sohn gestiftet haben solle, deren Ende nicht abzusehen war. Dann aber sagte sie sich: »Diese Leute sehen also die Heirath zwischen mir und Ludwig für eine solche Schande an, daß sie lieber unglücklich sein wollen, als sie zugeben! Sie heißen mich ein schlechtes Mädchen und sagen Lügen über mich; sie halten es also in gar keiner Art für mich möglich, daß ich einmal ihre Schwiegertochter werden könnte!« Ein Gedanke durchzuckte sie, sie stand auf und that einige Schritte. Plötzlich hielt sie an; eine Erwägung hatte sich dem Vorsatz entgegengestellt, sie ging still wieder zu einer Arbeit. -- Ihre Seele war von da an eine Beute des Zweifels. Man sah sie in Unruhe umhergehen oder tief in Gedanken stehen. Regine überraschte sie einmal, wie sie bittere Thränen weinte.

Die einzige Person unserer Bekanntschaft, welche bei dieser Verwicklung ihre Ruhe behielt, war der Pfarrer. Diese Ruhe war jedoch gegründet auf wahre Theilnahme und auf den Entschluß, das zu unterstützen, was er für das Bessere hielt. Noch hatte er sich nicht entschieden, wie er eingreifen sollte. Aber er unterrichtete sich fortwährend über die Lage der Dinge und lebte des festen Glaubens, seine Pflicht werde sich ihm deutlich vor Augen stellen, so daß er über sie und über die Art ihrer Erfüllung nicht mehr in Zweifel sein könnte.

Eines Morgens überdachte er eben diese Dinge, als an die Thüre seines hellen, im obern Stocke gelegenen Studierzimmers geklopft wurde. Auf sein »Herein« erschien Annemarie. Sie sah angegriffen aus wie wenn sie wenig geschlafen und viel quälende Gedanken gehabt hätte; aber in ihrem ganzen Wesen drückte sich die Ruhe eines gefaßten Entschlusses aus. Nachdem sie mit ernster Anmuth einen Knix gemacht und den Morgengruß gesprochen hatte, sagte sie: »Ich hätt' was mit Ihnen zu reden, Herr Pfarrer, wenn ich Ihnen nicht ungelegen komme.« -- Der alte Herr, innerlich erfreut, erwiederte freundlich: »Nein, mein Kind; sag mir, was du auf dem Herzen hast!«

Annemarie, durch ihren Vorsatz über die einem jungen Mädchen gewöhnliche Schüchternheit erhoben, begann mit nur leisem Erröthen: »Sie wissen, Herr Pfarrer, was es beim Angerbauer gegeben hat und wie ich dabei ins Geschrei gekommen bin. Ich will Ihnen die Geschichte nicht wieder erzählen; sie wird Ihnen bekannt sein -- man hat ja so viel darüber gesprochen! Nun hab' ich aber dieser Tage gehört, sie sagen beim Angerbauer, ich allein sei an allem Schuld und ich habe den Ludwig verführt. -- Her Pfarrer«, sagte sie, indem ihr Ton sich verstärkte und ihre Wangen sich höher rötheten, »~ich~ kann Gott zum Zeugen anrufen, daß das nicht wahr ist! Wir haben uns eben beide von Anfang an gern gesehen, und -- -- Sie wissen ~ja~, wie's geht, wenn man sich gern sieht und eine Person einem die liebste ist auf der Welt. Ich hab ihn halt liebhaben müssen, grad wie er mich, und so ist's gekommen, daß wir uns endlich gesagt haben, wir wollen nicht von einander lassen und uns treu bleiben, bis wir mit Gottes Hülfe endlich zusammenkommen. Wegen dieses Verspruchs ist Ludwig mit seinem Vater in Streit gerathen und dient jetzt als Knecht. Ich hab das nicht vorausgesehen, aber wenn ichs vorausgesehen, was hätt ich thun können? Ich will Ihnen blos sagen und wills vor Ihnen beschwören, daß ich ihn nicht verleitet habe. Er hat sich einmal seinen Eltern zu lieb fremd gegen mich gestellt und mich nicht mehr angesehen, und ich bin ihm zu dieser Zeit nicht nachgegangen, wie jeder weiß, sondern ich bin ihm ausgewichen. Ich hab ihn nicht wieder gesucht, er hat mich gesucht -- und das ist die Wahrheit!«

Der Pfarrer betrachtete theilnehmend das Mädchen, dessen Augen in dem Feuer gerechter Selbstvertheidigung erglänzten, und sagte: »Ich glaube dir und weiß es, mein Kind.« Annemarie, ihn dankbar anschauend, fuhr fort: »Ich hab das nicht gesagt, als ob ich gar keine Schuld haben wollte. Ich hab jederzeit empfunden, daß es Verdruß geben würde, recht viel Verdruß, und daß die Angerbauersleute recht bös auf mich sein würden. Aber, Herr Pfarrer, wenn Sie gesehen hätten, wie gut der Ludwig gegen mich war und wie er mich ansah, -- wenn Sie gehört hätten, was er noch auf der Nördlinger Messe zu mir gesagt hat, Sie würden mirs gewiß nicht so übelnehmen, daß ich ihm zur Antwort gegeben habe: »ich wolle ihm gehören und die Seinige bleiben, so lang ich lebe!« -- »Es ist eben,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »etwas in uns, das mehr Gewalt hat, als unser Wille und unsere Sorgen.«

Der Pfarrer nickte mit ernster Miene, die Thatsache zugebend. Dadurch ermuthigt, ging das Mädchen in ihrer Rede weiter und sagte mit liebenswürdigem Selbstgefühl: »Ich will's Ihnen aufrichtig bekennen, Herr Pfarrer: ich denke nicht so gering von mir, sondern halte auch etwas auf mich. Ich komme von braven Leuten her und glaube, daß ich keiner Familie Schande machen würde. Ich hab' etwas gelernt und bin ein ordentliches Mädchen gewesen mein Lebenlang. Da hab' ich nun gedacht, wenn ich auch keine Bauerntochter und nicht so reich bin, so bin ich doch diejenige, mit welcher der Ludwig am glücklichsten leben würde. Und ich hab' gedacht, sein Vater würde das am Ende einsehen und nachgeben. Aber« -- fuhr sie nicht ohne eine gewisse Bitterkeit fort -- »das ist eben der Gedanke, den ich mir nicht verzeihen kann. Ach, Herr Pfarrer, das Geld ist alles und der Stand ist alles, und die Tugend ist nichts! Man redet wohl so, als ob die Tugend und die Liebe auch etwas wären, aber wenn's drum und dran kommt, gelten sie doch nichts. Wenn ein Mädchen keinen Verstand und keine Art hat, aber Geld und Gut, dann ist sie die rechte. Wenn eine sich aber auf andere Dinge etwas zu Gute thun will und merken läßt, daß diese eben so viel werth sind als Gut und Geld, dann hält man sie für verrückt!« -- Ueber ihren Eifer und den letzten starken Ausdruck erröthend, setzte sie hinzu: »Verzeihen Sie, Herr Pfarrer!«

Der alte Herr lächelte und sagte: »Du hast nicht ganz Unrecht, Annemarie. -- Aber nun sage, was begehrst du von mir? Worin kann ich dir helfen?« -- »Herr Pfarrer,« versetzte das Mädchen, indem sie sich augenscheinlich zusammennahm, »ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich Ihnen sagen möcht', was ich bei mir ausgemacht habe. Der Ludwig hat mir Lieb und Treu versprochen für alle Zeit. Er hat's freiwillig gethan und mir's zugeschworen bei allem, was heilig ist. Ich könnte also ruhig sein und zusehen, wie der Streit ausginge. Ich hätte nur mein Versprechen zu halten, wie ich's ihm gegeben hab', und könnte das andere Gott überlassen. Aber«, fuhr sie bewegter fort, »ich will diese Leute nicht in's Unglück bringen, wenn sie's dafür nehmen, und ich bilde mir viel zu viel ein, als daß ich mich einer Familie aufnöthigen möchte, die mich nicht haben will. Ich ~kann's~ nicht ertragen, Herr Pfarrer, daß die mich verachten, die ich allzeit lieb und werth gehalten hab', und darum will ich jetzt thun, was ich mit gutem Gewissen thun kann.«

Sie hielt ein wenig inne, nahm sich nochmals mit offenbarer Anstrengung zusammen und sagte dann mit einem Tone, dem sie vergebens die erste Festigkeit zu verleihen suchte: »Ich will dem Ludwig sein Wort zurückgeben, er soll von mir aus frei sein und thun können, was er will. Er soll noch einmal die Wahl haben, ob er mich lassen und seinem Vater nachgeben will oder nicht. Ich will durchaus nichts dagegen thun und ihm in keiner Art hinderlich sein, wenn er glaubt, daß er mit einer andern sein Glück findet. Wenn das ist, dann will ich fortgehen von hier, daß ich ihn nicht mehr seh' und er mich nicht mehr. Ich hab' einen Vetter bei Stuttgart, der wird mich zu sich nehmen. Ich will nichts mehr von mir hören lassen, und es soll grad so sein, als ob ich nicht mehr auf der Welt wäre. Ich will für meinen Theil« -- -- Aber damit war die Kraft des guten Mädchens zu Ende. Ihr Mund zuckte, die Stimme versagte ihr, Thränen waren in ihre Augen gestürzt. Sie gab sich Mühe, das Weinen zu verhindern und kämpfte sichtlich dagegen an, aber doch rollten ein paar große Tropfen über ihre Wangen. Indem sie ausführte, was gekränkter Stolz und Großmuth sie thun hießen, glühte die heißeste Liebe zu ihrem Ludwig in ihr auf; indem sie den Geliebten frei geben wollte, klammerte sie sich an ihn an mit einem schmerzlich innigeren Gefühl als je vorher.

Der Pfarrer erkannte das und sah mit Rührung auf sie, wie sie dastand und ihre Thränen fließen ließ. Er wußte das Herkommen, den Brauch der Welt zu schätzen, denn er kannte die guten Gründe, auf denen er ruht. Er wußte, daß am besten sich Gleiches zu Gleichem gesellt, daß das gleiche Vermögen und die gleiche Stellung mit dem gleichen Gefühl davon sehr bedeutende Mittel zu einer guten Ehe sind. Aber er wußte auch, daß das Recht der äußern Ordnung seine Grenzen hat, und daß es Dinge giebt, vor welchen sie sich bescheiden zurückstellen muß. Er war nicht rasch gewesen, die Partei des Liebespaares zu nehmen, weil er Fälle kannte, wo das Kind reicher Leute den Eltern es später Dank wußte, daß sie dem ersten verliebten Drängen nicht nachgegeben. Allein wie er sah, daß er in Annemarie eine wahrhaft gute Natur vor sich hatte, wie ihr Gemüth sich vor ihm enthüllte in seiner ganzen Bravheit und Schönheit, da dachte er, erfreut und bewegt: »Die Sitte der Welt mag diesmal die Segel streichen! Hier ist mehr als sie und ihre Herrlichkeiten. Der Geist und das Gemüth, die sich so erproben, sind mir Bürgen für alles; und wenn ~ichs~ machen kann, sollen sie diesmal die Oberhand behalten.« Er stand auf, trat zu Annemarie und nahm sie väterlich bei der Hand, indem er sagte: »Fasse dich, gutes Mädchen, du hast recht gehandelt und der Lohn dafür wird nicht ausbleiben, in welcher Form er dir auch kommen mag. -- Wirst du das alles auch Ludwig zu wissen thun?« -- »Ja, Herr Pfarrer,« antwortete Annemarie, die sich wieder gefaßt hatte. »Ganz das Nämliche, was ich Ihnen gesagt habe, will ich ihm schreiben.«

Der alte Herr sah ihr forschend in's Auge und über sein gerührtes Gesicht verbreitete sich ein fast unmerkliches Lächeln. Er glaubte aus der Art, wie das Mädchen diese Antwort gab, schließen zu dürfen, daß der Schritt, den sie that, auch zugleich eine letzte Probe sein sollte für Ludwig, und daß sie die Hoffnung hegte, er werde sie bestehen. Er sagte: »Thu das, mein Kind, und erwarte das Uebrige in Geduld. Hast du sonst noch was auf dem Herzen?«

»Nein, Herr Pfarrer,« erwiederte Annemarie, indem sie sich die letzten stehen gebliebenen Thränen von den Wangen wischte. »Ich dank' Ihnen, daß Sie mich angehört haben, und bitte Sie nur noch darum, daß Sie dem Angerbauer, wenn Sie ihn treffen, sagen, ich sei nicht das Mädchen, für das er mich hält. Sie, Herr Pfarrer, kennen mich besser, und das ist mein Trost. Ich dank' Ihnen nochmals recht schön für Ihre Güte -- ich werde sie immer im Gedächtniß behalten!« -- Ihre weichen Züge verklärte, indem sie dies sagte, ein schönes Bewußtsein und Dankgefühl. Sie machte einen tiefen Knix und verließ die Stube, nachdem sie noch einen Blick inniger Verehrung auf den Pfarrer geworfen.

Dieser sah ihr mit wahrer Freude nach. »Ja, ja,« sagte er dann zu sich, »das ist eine bessere Schwiegertochter für den Angerbauer als Eva; und wenn er nicht ganz verhärtet ist, soll er sie bekommen.«

Die erste Sorge des alten Herrn war nun, es so einzurichten, daß der Angerbauer ihn ebenfalls zu seinem Vertrauten machte. Dieß mußte geschickt angefangen werden, wenn es gelingen sollte. Denn der Rieserbauer von der Art des unsrigen will sich nicht bevormunden lassen, er hält sich für gescheidt genug, sein eigener Rathgeber zu sein, und es verdrießt ihn über die Maßen, wenn man ihn über Dinge belehren will, die er selber am besten zu verstehen glaubt. Natürlich kann er auch geführt werden, aber nicht so geradezu wie dieser und jener. Wäre der Pfarrer zum Angerbauer in's Haus gegangen und hätte mit einer gewissen beichtväterlichen Miene gefragt, wie es sich denn mit dem Streit zwischen Vater und Sohn verhalte, was der Vater nun zu thun gedenke u. s. w., so wäre dieß das beste Mittel gewesen, ihn verstockt, wo nicht gar unhöflich zu machen. Aber zu dieser Art von Seelsorgern, die im Eifer ihres Herzens Gott mit Unverstand dienen, gehörte der erfahrene alte Herr nicht. Er konnte warten und seine Zeit ersehen. Dießmal erreichte er übrigens seinen Zweck leicht. Er hatte ein Stück Vieh zu verkaufen, und als er dem Angerbauer einmal begegnete, lud er den Sachverständigen ein, es anzusehen und zu taxiren. Der Bauer folgte ihm sehr bereitwillig, denn er wußte den »braven und gescheidten Herrn« sehr zu schätzen und hätte gerne schon einmal von seiner Noth mit ihm gesprochen, wenn es sich nur »gut geschickt hätte.«

In dem kleinen Stalle des Pfarrers angekommen, unterzog er sich dem Taxirungsgeschäft sehr ernsthaft. Er begriff das Stück an den geeigneten Stellen, betrachtete es von allen Seiten und sagte dann genau, wie viel der Pfarrer dafür fordern könne. Dieser dankte und rühmte seine Kenntniß. Er selber, obwohl er immer einige Stück Vieh haben müsse, sei doch unsicher, weil ihm die gerade üblichen Preise nicht recht bekannt wären. Der Bauer versetzte höflich: »Wenn Sie sich damit abgeben wollten, Herr Pfarrer, würden Sie's geschickter machen als unser Einer; aber Sie haben was Besseres zu thun.« Der alte Herr fragte hierauf mit unbefangener Freundlichkeit, was die Angerbäuerin mache und ob bei ihm zu Hause alles gesund sei. Der Bauer erwiederte mit einem Seufzer: »Gesund wären wir alle, Herr Pfarrer; aber Sie können sich denken, wie's uns zu Muth ist nach dem, was bei uns vorgefallen ist.« -- »Ja, ja,« sagte der Pfarrer, »ich habe davon gehört und euch recht bedauert.«