Part 5
Nun war die Kraft, mit welcher der Angerbauer den Ausbruch seiner Wuth niedergehalten hatte, zu Ende. »Wie!« schrie er den kecken Sohn an, »du unterstehst dich mir zu trotzen? So weit treibst du die Unverschämtheit? Du nichtsnutziger Bursche! Du frecher Bube! Heirathen willst du sie? Eine Bettlerin? Du Dummkopf! Siehst du nicht, daß die schlechte Person nur nach deinem Geld angelt?«
Ludwig hatte die Schmähungen, die ihn betrafen, ruhig über sich ergehen lassen; aber bei den letzten Worten fuhr er auf. »Die Annemarie ist das rechtschaffenste Mädchen unter der Sonne! Wer anders sagt, ist ein Lügner!« -- Der Alte erhob den Arm und that einen Schritt gegen den rebellischen Sohn, um ihn niederzuschmettern; aber die Mutter fuhr dazwischen. »Um's Himmelswillen,« rief sie dem Rasenden zu, »thu' das nicht! Siehst du nicht die Leute, die draußen stehen?« Der Vater ließ den Arm sinken, aber nur um den Sohn desto grimmiger mit Worten zu treffen.
Ich verzichte darauf, diese Scene weiter zu schildern. Der Zorn ist eine Art von Wahnsinn. Hat er einmal die Dämme der Vernunft und der Sitte durchbrochen, dann kennt sein Wüthen keine Grenzen mehr. Er will den Gegner vernichten und greift darum zu den gröbsten Schmähungen, weil sie die tödtlichsten sind. Der Zornige kann mit dem ehrlichsten Ingrimm und mit der wahrsten Empfindung Dinge sagen, deren Ungerechtigkeit er bei ruhigem Blute besser einsehen würde als irgend ein anderer. Nur die Ungerechtigkeit kann ihm genug thun, er lebt von ihr, er schwelgt in ihr. Die Worte, die dem Angerbauer angreifend und dem Sohn abwehrend an diesem Morgen noch in den Mund kamen, würden in dieser Darstellung keinen Platz finden. Noch einmal ging der Alte auf Ludwig los, um ihn niederzuschlagen; noch einmal trat die Mutter dazwischen und hielt ihm den Arm. Endlich rief er mit schäumendem Munde: »Fort, fort! Aus meinem Hause! Du bist mein Sohn nicht mehr! Fort!« Und Ludwig versetzte: »Sorg' nicht, ich geh', und nie wirst du mich wieder sehen!« Er öffnete die Thüre und ging hinaus. Die Mutter wollte ihm nach, aber der Angerbauer hielt sie mit eisernem Arm. »Laß ihn, er soll fort und mir nie wieder unter's Angesicht kommen!«
In einer Art von heroischer Trunkenheit ging Ludwig in seine Kammer, packte die nothwendigsten Kleidungsstücke in ein Tuch und wanderte mit dem Bündel durch den Garten auf's Feld hinaus. Es war ihm ordentlich wohl zu Muthe. Er wollte sich an seinem Vater rächen, und er wußte, wie er das konnte. Gestern hatte er zufällig gehört, daß ein weitläuftiger Anverwandter im untern Ries einen Knecht brauche. Zu dem wollte er gehen und sich bei ihm verdingen. Er wollte als Knecht dienen, zur Schande seines reichen Vaters, und so lange aushalten, bis dieser ihn selber bäte wieder zu ihm zu kommen und -- Annemarie zu heirathen. Dieser wollte er schreiben, ihr ausführlich berichten, wie tapfer er sich gehalten und dadurch gewiß alles wieder gut gemacht habe. Er fühlte sich recht als Mann und war mit sich und beinahe auch mit seinem Schicksal zufrieden.
Das Dorf, in welches er zu wandern gedachte, war etwa drei Stunden entfernt. Auf dem Feldweg, den er zunächst einschlug, begegneten ihm mehrere Leute, die ihn verwundert anschauten, zuletzt auch sein Bruder Andres, der ihn fragte, wo er hingehe. »Fort, in die weite Welt,« rief ihm Ludwig zu. -- »Wie soll ich das verstehen?« fragte Andres. -- »Der Vater braucht mich nicht mehr: geh' heim und sag ihm, wo du mich getroffen hast!« Und fort eilte er. Andres ging etwas rascher nach Hause als er sonst gethan hätte, und richtete den Auftrag aus. Der Mutter traten auf's neue die Thränen in die Augen; der Alte aber rief: »Mag er laufen, wohin er will, der nichtsnutzige Bursche! -- Ich werde nicht nach ihm schicken!« Der ruhige Andres ging zur Mutter und sagte tröstend: »Er wird schon wieder kommen.«
Nach einer heißen Wanderung langte Ludwig im Hofe des Vetters an. Er unterdrückte das Schamgefühl, das ihn anwandelte, und trat äußerlich entschlossen, aber doch mit der Schüchternheit eines Menschen, der sich anträgt, in die Stube. Der Bauer, ein gesundhagerer, sonnverbrannter Mann mit angehenden grauen Haaren, war allein da und rief auf den Gruß des Ankömmlings: »Ludwig! Sieh da! Was führt dich zu uns?« Auf das Bündel blickend, setzte er hinzu: »Bringst du mir etwas?« -- »Kann sein,« erwiederte Ludwig. »Ihr braucht einen Knecht?« -- »Ja wohl. Weißt du mir einen?« -- »Ich weiß einen.« -- »Nun?« -- »Ich bin's selber.« -- »Du? Mach keinen Spaß!« -- »Ich mach keinen Spaß, Vetter, sondern sag' Euch die reine Wahrheit.« Und er erzählte ihm das Vorgefallne.
Um den Mund des Schmiedbauern (so hieß der Mann vom Hofe) spielte ein behaglich schadenfrohes Lächeln. Er war einer von denen, die sich für besonders gescheidt halten und denen es höchst fatal ist, wenn sie Einen treffen, der noch mehr Verstand zu haben glaubt als sie. Diesen Verdruß hatte dem Schmiedbauern zu verschiedenen Malen der Angerbauer gemacht, indem er ihm zu Nördlingen, wenn sie nach einer »guten Schranne« beim Bier saßen, keine seiner kühneren Behauptungen durchgehen ließ und ihm hie und da sogar übers Maul fuhr. Den Sohn dieses stolzen und hoffärtigen Mannes nun als Knecht im Hause zu haben und dem Alten gelegentlich einmal vor den Leuten sagen zu können, wie er sich mache, war für ihn ein köstlicher Gedanke. Er beschloß Ludwig zu dingen. Zu seiner Beruhigung sagte er sich: »Wenn ich ihn nicht nehme, geht er vielleicht nach Augsburg, um sich als Hausknecht zu verdingen, oder unter die Soldaten, oder Gott weiß wohin, so daß man ihn am Ende gar nicht mehr findet. Bei mir aber lebt er in der Nähe und kann am ersten wieder zur Vernunft gebracht werden.«
»Ei, ei, ei, ei!« rief er endlich aus, indem er vergnügt den Kopf schüttelte, »was sind das für Sachen! -- Nun,« fuhr er nach einer Weile fort, indem er sich zusammennahm und die Miene des Vetters allmählig in die des Herrn übergehen ließ, »wenn du's nicht anders haben willst, so will ich dir nicht entgegen sein. Du sollst mein Handknecht werden und so viel Lohn haben, wie der vorige. Aber eins muß ich dir sagen: ich ding dich nicht zum Spaß. Ich brauch einen Knecht, der ordentlich schafft und nichts vor andern voraus haben will.« -- Ludwig versetzte etwas empfindlich: »Ich schaff wie ein anderer und verlang nichts als was mir gehört.« -- »Nun, mit dem Beding sind wir Handels eins.«
Michel, des Schmiedbauern einziger Sohn, ungefähr in gleichem Alter mit Ludwig, kam in die Stube und grüßte den Vetter überrascht und freundlich. »Was sagst du dazu,« redete der Alte ihn heiter an, »daß Ludwig unser Handknecht wird?« -- »Was nicht noch?« versetzte Michel ungläubig. Der Alte erklärte ihm den Handel, worauf der Haussohn den neuen Knecht mit einem schelmischen und selbstzufriedenen Lächeln betrachtete. Man sah ihm an, daß plötzlich das Gefühl des Höherstehenden in ihn gefahren war. Er eilte in die Küche, um seiner Schwester Madlene, welche seit dem Tode der Bäuerin die Wirthschaft führte, die Neuigkeit mitzutheilen. Als Madlene mit dem Nachmittagskaffee in die Stube trat, grüßte sie den Vetter nur obenhin und mit etwas verzogenem Mäulchen; sie konnte einen Burschen nicht begreifen, der wegen eines geringen Mädchens sich so herabzuwürdigen vermochte. Der Alte sagte zu Ludwig: »Setz dich zu uns; heute kannst du noch mit uns Kaffee trinken. Später freilich --« -- »Ich dank' schön,« erwiederte Ludwig rasch, »mich dürstets, ich trink Wasser lieber.« -- »Das kannst du dir draußen am Brunnen selber pumpen,« sagte der Alte, vergnügt über die Empfindlichkeit des jungen Burschen, »und trinke so viel als dir schmeckt.« -- Die Familie setzte sich im Kanzlei zum Kaffee. Ludwig verließ die Stube, ging zum Brunnen, trank tüchtig und nahm sich vor, muthig auszuhalten und alles was sein neuer Stand natürlicherweise Beschwerliches hatte, mit Geduld zu ertragen.
Nach zwei Tagen wurde an Annemarie von einem Hausirer ein Brief abgegeben, worin der Liebende berichtete, was uns bekannt ist. Der Schluß lautete: »Es geht mir hier recht gut. Ich muß tüchtig arbeiten, aber das ist mir lieb. Bleib mir nur treu wie ich dir und alles, was geschehen ist, wird zu unserm Glück sein.«
Das gute Mädchen hatte eine seltsam gemischte Empfindung. Die standhafte Treue, die Ludwig bewiesen, erfreute und rührte sie inniglich; aber der Gedanke, daß ~sie~ an der Uneinigkeit einer solchen Familie Schuld sein sollte, fiel ihr schwer auf's Herz. Sie ergab sich für jetzt in ihr Geschick und tröstete sich mit der Hoffnung, daß der Himmel zwei so treu liebenden Herzen zuletzt doch aus ihrer Noth helfen werde.
Im Dorf hatte natürlich das Davongehen Ludwigs den größten Rumor gemacht, und die beiden Tage lang wurde in den Häusern und auf dem Felde, beim Bier und Nachts auf der Gasse von nichts anderem gesprochen. Alle die gegen die Familie des Angerbauers etwas hatten oder sie beneideten, thaten sich von Herzen gütlich und sorgten dafür, daß die Geschichte mit gehörigen Zusätzen weiter verbreitet wurde.
Unser junger Freund Theodor brachte die Nachricht mit einem gewissen Selbstbewußtsein dem Großvater, indem er ausrief: »Hab' ich's nicht gesagt?« Der alte Pfarrer sah ihn freundlich an und sagte: »Ja, du bist ein ganzer Mann und großer Prophet!« Theodor machte ein etwas verdutztes Gesicht; seine Erwartung, ein mit seinen Gefühlen sympathisirendes »schrecklich! was es doch für Menschen giebt« etc. zu hören, war auf's neue getäuscht. Dieselbe Erfahrung machte er, als er die Kunde brachte, daß Ludwig sich als Knecht verdingt habe. »So?« sagte der alte Herr, »ist die Nachricht gewiß?« -- »Ich habe sie von einem Hausirer, der Ludwig selber gesehen hat,« erwiederte Theodor. Und ihn ansehend, fragte er: »Was soll nun geschehen? was willst du thun?« -- »Wir wollen ihn dienen lassen,« antwortete der Pfarrer und begab sich in seine Studierstube. Theodor sah ihm kopfschüttelnd nach; bei dieser Gelegenheit konnte er seinen Großvater nicht begreifen.
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Das Leben des Bauern hat dadurch einen besonderen Reiz, daß seine Thätigkeit an das Leben der Natur gebunden ist und seine Arbeiten in Folge davon sehr mannigfaltig sind. Im Frühling wird beim Singen der Lerchen das dampfende Feld gepflügt und besät und auf den Wiesen die Streu -- die rein gewaschenen Ueberbleibsel des Strohdüngers -- zusammengerecht. Gemüse- und Baumgarten erhalten ihre Pflege. In den Sommer und einen Theil des Herbstes fallen die Ernten des Heus, des Winter- und Sommerkorns, des Grummets (im Ries »Ohmad« genannt), des Flachses, Hanfs, der »Erdbirn«, der Rüben und des Krautes, die alle gar verschiedene Fertigkeiten in Anspruch nehmen und insbesondere dem rüstigen Burschen Gelegenheit geben, sich als »Mahder« (Mäher), Schnitter, Garbenbinder, Wagenlader und Pferdelenker auszuzeichnen. Die Einsammlung geschieht in fröhlicher Gesellschaft, die Familienglieder, Knechte und Mägde helfen zusammen und erleichtern sich die Arbeit durch lustige Reden; denn gewöhnlich fehlt in einem Hause weder ein humoristischer Bursche, der Spaß macht, noch eine gemüthlich einfältige oder unbewußt drollige Person, die ihm dazu den hauptsächlichsten Anlaß giebt. Die Hausfrau schickt zu rechter Zeit Speise und Trank auf's Feld und bewirthet die Arbeiter zum Schluß der großen Ernten festlich mit »Schneckennudeln« oder »Küchlein;« mit den verschiedenen Arbeiten sind auch verschiedene herkömmliche Ergötzungen verbunden. -- Ackern und Pflanzen hat sich von Zeit zu Zeit wiederholt, bis zuletzt noch die Wintersaat bestellt wird. Der Herbst und der Winter bringen das Dreschen, für die Frauen und Mädchen das Spinnen, womit in wohlgeheizter, schneeumflogener Stube unter dem Hinzutritt unterhaltender Bursche die langen Abende ausgefüllt werden. Durch alle Jahreszeiten hindurch erfordert die Viehzucht, die Besorgung der Rosse, des Rind- und Federviehs, der Schafe und der Schweine besondere Arbeiten und Geschicklichkeiten. Dann ist der Bauer auch Fuhrmann und Handelsmann. Er fährt in Waldungen (im Ries oft in ziemlich entfernte), um Holz zu holen, er fährt sein Korn zur Schranne, er fährt die Seinen und für Geld oder gute Worte auch Andere zu näheren und weiteren Besuchen. Er verkauft, kauft und tauscht, und verbringt auf Märkten, den Reiz der Handelschaft genießend, keine geringe Zeit. Er wird endlich verlockt und genöthigt, in verschiedene Künste zu pfuschen und sich mit allerlei Werkzeugen bei kleinen Verlegenheiten selber zu helfen.
Natürlich sind die Arbeiten ausgetheilt und an Einen kommen nicht alle Arten; doch ist es nicht möglich, jeden einzelnen streng in seinem Kreise zu lassen, und immer bleibt für ihn noch eine Mannigfaltigkeit übrig, durch die er sich von dem Handwerker und zumal von dem Fabrikarbeiter zu seinem Vortheil unterscheidet. Auch der Knecht hat eine erfrischende Abwechselung von Beschäftigungen, und wenn er die hauptsächlichsten Arbeiten vom Ausbund versteht und ein »rechter Schaffer« ist, so kann er sich fühlen und genießt eines rühmlichen Namens.
Jede Existenz in der Welt hat indeß ihre Kehrseite. Unter den mannigfaltigen Geschäften sind solche, die weder sehr leicht, noch sehr reinlich genannt werden können. In glühender Hitze Korn schneiden, ist eine Arbeit, ergötzlicher anzusehen, als selber zu thun, indem das stets wiederholte Hinabkrümmen des Oberleibes zur Erde eine sehr unbehagliche Empfindung im Rücken zur Folge hat. In kalter Winterzeit Morgens um vier aufstehen und beim düstern Schein einer Laterne dreschen zu müssen, würde ebenfalls für Viele nichts Einladendes haben. Den Acker zu bestellen, wenn es tüchtig geregnet hat, bringt mit der Mutter Erde in eine Berührung, die man weniger innig wünscht. Indem der Bauer die extremen Aeußerungen der Natur nicht so zu dämpfen vermag, wie der Städter, und nicht auf gebahnte, sondern auf Wege gewiesen ist, die meist noch in ursprünglicher Schlechtigkeit vorhanden sind, kann er die Eigenthümlichkeit eines »wüsten Wetters« von Grund aus genießen. In der Erntezeit gefällt sich die Natur zuweilen, den Fleißigen zu necken, indem sie die getrocknete Frucht durch einen gehörigen Regen netzt, um neues Umwenden nöthig zu machen, und dieses Manöver so lange wiederholt, bis zuletzt auch dem Gutmüthigsten der Geduldfaden reißt.
Wie jeder weiß, spielt die größte Rolle in der Landwirthschaft der Dünger oder Mist. Denselben in gehöriger Fülle und Fettigkeit zu erzeugen, ist die Hauptsorge des umsichtigen Bauers. Und wo dieser wundersam nährende Stoff hinkommt, da wächst das Gras, da blühen die Blumen, da grünt das Korn und sprießt in die Höhe -- da steht die Poesie der Landwirthschaft vor unsern Augen. Kein Wunder, daß der Hofbesitzer mit besonderem Stolz auf seinen Misthaufen sieht und über diesen Gegenstand mit Begeisterung zu reden vermag. Wenn aber die segensreichen Wirkungen dieses Stoffes jeder zugiebt, so ist es doch weniger erfreulich, sich mit demselben unmittelbar zu befassen. Ihn auf einem dazu bestimmten Karren vom Stalle zum Haufen zu fördern, ihn, von Jauche getränkt, auf einen Wagen zu laden und festzupatschen, ihn auf Aecker und Wiesen zu führen und dort herumzubreiten, ist eine Arbeit, welche gern zu thun eine besondere Liebhaberei erforderlich ist.
Natürlich geht es hier wie überall. Die Berufspflicht und die Gewohnheit versöhnen mit Beschwerlichkeiten, die andern groß, ja unerträglich erscheinen. Wer es gewohnt ist, der singt und pfeift bei der genannten Arbeit und ist auf keine Weise davon belästigt, da sie, genau genommen, in der freien Landluft auch weniger Uebelstände mit sich führt, als Unkundige sich vorstellen mögen. Wer sie aber nicht gewohnt ist und sich überdies zu gut dafür hält, den muß sie freilich sehr hart ankommen.
Die Geduld unseres verlorenen Sohnes wurde auf eine schwere Probe gestellt, als die mühseligen und für ihn demüthigenden Arbeiten nach einander anrückten. Er hatte zwar alle Bauernarbeiten gelernt, die beschwerlichen und unreinlichen aber seinen Knechten überlassen, und für das, was die übrigen noch Lästiges mit sich führten wurde der Liebling der Mutter reichlich entschädigt. Nun mußte er sich nicht nur zu einer jeden hergeben, er mußte sie, seiner eigenthümlichen Lage und seinem Versprechen gemäß, auch mit besonderem Fleiß und Eifer verrichten und den andern mit gutem Beispiel vorangehen.
Dies war indeß noch nicht das Schlimmste. Als Handknecht stand er unter dem Befehl des Bauern und seiner zwei Kinder, in gewissem Sinn auch unter dem des Oberknechts. Dieser war zufällig ein brummiger Kerl und machte seine Rechte um so mehr geltend, als er beinahe das doppelte Alter Ludwigs hatte. Wenn es nun hieß: »Komm her! -- thu' mir das! -- hol' mir jenes!« so mußte der arme Bursche laufen, die Ausrufungen der Ungeduld anhören und Tadel hinnehmen, auch wo er ihn nicht verdiente, sondern wo der Befehlende nur zeigen wollte, daß er sich das Ausgeführte noch besser denken konnte. Seine Herkunft und seine Vetterschaft nützten ihm dabei gar nichts. Der Schmiedbauer hatte seinen Kindern den Plan mitgetheilt, den er in Bezug auf Ludwig befolgen wollte und der so sehr mit seiner Herzensneigung übereinstimmte; die würdigen Sprossen fanden ihn gut und handelten treulich darnach, Michel, um sich einen übermüthigen Spaß zu machen, Madlene, um die Genossenschaft der Bauerntöchter an ihrem Beleidiger zu rächen. Der Oberknecht, der in frühern Diensten von reichen Bauern gehunzt worden war, benutzte die Gelegenheit, bei dem Sohn eines solchen es wieder hereinzubringen. Er that nicht nur so viel als er konnte, sondern mehr als er durfte, und Ludwig, der nicht rechten wollte und überhaupt einmal in der Selbstverläugnung begriffen war, ließ sich möglichst viel gefallen.
Tief in der menschlichen Natur liegt der nicht sehr lobenswerthe Trieb, die Gutmüthigkeit zu necken, die Hülflosigkeit zu mißbrauchen und dem, der den Schaden hat, auch noch den Spott in den Kauf zu geben. Sogar bessere Menschen können dem Reiz dazu nicht widerstehen, wenn der Schaden nicht zu arg ist und der Betroffene ihn zu verdienen scheint. Als Ludwig einmal den Roßstall säuberte und durch etliche Karrenfuhren den Düngerhaufen vergrößerte, kam eben Michel herbei. Er konnte sich nicht enthalten, lächelnd stehen zu bleiben und dem Burschen zuzurufen: »Du kannst ja misten, Ludwig, als ob du nie etwas anderes getrieben hättest!« Dann ging er zum Stall, schaute hinein und rief aus: »Sapperment, hast du sauber gemacht! du bist ein Handknecht, wie wir keinen bessern hätten kriegen können!« Ludwig erröthete und schwieg; er fühlte, daß er den Spott entweder hinnehmen oder in einer Weise beantworten mußte, die zum Bruch führte. Michel trollte selbstzufrieden seiner Wege. Da er nicht sehr erfindsam war, so wiederholte er diese Anrede mit geringen Variationen auch bei andern Arbeiten, und sein Vater stand ihm mit ähnlichen Späßen bei, so daß Ludwig sich mehrmals nur mit größter Mühe enthielt, den Spöttern ein paar tüchtige Ohrfeigen zu langen. Der Oberknecht brach die Gelegenheit vom Zaun, auf ein verzogenes Muttersöhnchen zu schelten und dem Untergebenen zu sagen: mit ihm sei wenig ausgerichtet und er könnte nichts Besseres thun, als wieder zu seinem Vater heimgehen. Am unbarmherzigsten fuhr aber den Unglücklichen Madlene an, wenn er nach ihrer Meinung etwas nicht recht gemacht hatte. Sie zeigte offenbar den meisten Eifer, den Sünder zu bessern. Wenn dann Michel scherzend zu ihr sagte: »Hör einmal, du machst's ihm doch zu arg,« so wurde sie roth und erwiederte: »Was da! es gehört ihm nicht besser!«
Das Essen, das Ludwig erhielt, stand mit den Arbeiten, die er verrichten mußte, nicht im Verhältniß, oder wenn man will, es stand damit im Verhältniß; denn in der Regel bekommt ja doch gerade der, welcher die sauersten Arbeiten thun muß, die magerste oder wenigstens die gröbste Kost. Im Hause des Schmiedbauern, der sich keineswegs durch Freigebigkeit auszeichnete, erhielten die Ehehalten Wassersuppe, sehr einfach bereitete Gemüse in möglichst geringer Abwechselung, grobe Mehlspeisen und allenfalls Speck und Salzfleisch, das vor Alter grün und gelb geworden. Die andern, die es nicht besser gewohnt waren, verschluckten solche Kostbarkeiten mit stets lebhaftem Appetit, der Bauernsohn mußte sich aber, wie man zu sagen pflegt, »einen Zorn einbilden,« um sie hinunter zu bringen. Da seine Mutter sich besonders als Köchin auszeichnete, so war er mehr verwöhnt als andere seines Gleichen: Fleischbrühsuppe, gutes Ochsenfleisch, schmackhafte Gemüse, Eierspeisen und an festlichen Tagen Braten, das war es, was er zu genießen pflegte. Nun mußte er die rohe Kost essen und dabei sehen, wie die Herrlichkeiten, die ihm die Mutter früher mit aufmunternden Worten vorgesetzt, von Madlene in's Kanzlei getragen und dort unter fröhlichem Diskurs verspeist wurden.
In der ersten Zeit erduldete er alle diese Unbilden mit großer Standhaftigkeit. Vor allem hielt ihn sein Trotz oben und ~er~ dachte wirklich mit jenem Jungen, der aus Mangel an Handschuhen die Finger erfror: es geschieht meinem Vater ganz recht, warum hat er mich aus dem Hause getrieben? Viel mehr aber stärkte und erhob ihn die Liebe und das Bewußtsein, wie mannhaft er seine Treue bewähre und wie viel er um der Geliebten willen ertrage. Wenn sie mich jetzt sähe, dachte er, wie viel ich mir gefallen lasse um ihretwillen, ein Mensch wie ich bin, es würde ihr gewiß an's Herz gehen! Wenige Tage nach Absendung seines Briefes war von Annemarie eine Antwort gekommen, ein liebliches Echo seiner Gedanken und Versicherungen. Das Vorgefallene beklagend, sprach sie dem, der ihr Muth zugesprochen, wieder Muth zu und schloß mit der sichern Hoffnung auf eine endliche glückliche Wiedervereinigung. Ludwig freute sich innig, von der Geliebten zu hören, was er ihr selber geschrieben hatte. Er malte sich aus, wie es ihnen wohl noch gehen und unter welchen glorreichen Umständen sie wieder zusammen kommen möchten; und solche Gedanken machten ihn allerdings hie und da bei der Arbeit etwas zerstreut und ließen ihn kleine Fehlgriffe begehen, auf welche sich seine Tadler mit einigem Recht berufen konnten.