Part 4
Der Sohn erkannte das Gewicht dieser Worte und schwieg. Dann sagte er in traurigem Ton: »Ich hätt' gedacht, du zum wenigsten würdest nicht so hart gegen mich sein und dich meiner annehmen gegen ihn.« -- »So,« rief die Mutter, »auf mich hast du dich verlassen? Du kennst mich also nicht, wie es scheint. Ich sag dirs jetzt ein für allemal: nie werd' ich zu einer solchen Heirath meine Einwilligung geben! Ich will nicht, daß mein Sohn durch seinen Unverstand sich unglücklich macht und der ganzen Freundschaft einen Schimpf anthut! Wenn du nicht von diesem Augenblick an das Caressiren mit dem Mädchen aufgiebst, so sag ichs deinem Vater und du wirst sehen, was dann geschieht! -- So, jetzt kennst du meine Meinung und kannst dich darnach richten!« -- Nach diesen Worten verließ sie die Stube, indem sie die Thüre etwas unsanfter zumachte, als gewöhnlich.
Es ist eine bekannte Sache, daß der Widerstand, den wir auf dem Weg zu einem ersehnten Ziel erfahren, unsern Eifer und Muth, dahin zu gelangen, oft nur steigert. Zuweilen bewirkt er aber das Gegentheil: er führt zu einer Erwägung, in der uns das Ziel als ein unerreichbares erscheint, so daß wir uns, wenn auch mit schwerem Herzen, zum Rückgang entschließen. Die menschliche Seele ist ein eigen Ding. Namentlich sind die weicheren für die Eindrücke des Entgegengesetzten empfänglich, und wenn sie eine Zeitlang sich ausschließlich nach einer Seite gewendet haben, so werden sie dadurch nur um so offener für die andere. Dies sollte nun auch Ludwig erfahren. So erzürnt war seine Mutter nie gewesen, so heftig hatte sie nie gegen ihn gesprochen. Er fühlte auf's tiefste, daß er ~sie~ nicht zum Nachgeben bewegen würde; -- und wie sollte ihm das erst bei seinem Vater gelingen! -- Die Gründe, aus denen beide gegen eine solche Verbindung sein mußten, stellten sich ihm dar, und er war so sehr Bauer und Sohn seiner Eltern, daß er ihre Vernünftigkeit nicht bestreiten konnte. Annemarie war die Tochter und Verwandte von Söldnersleuten, d. h. sie gehörte einem Stande an, über dem sich der Bauer allenfalls eben so erhaben fühlt, wie der Adelige über dem bürgerlichen. Der Bauer hat einen Hof mit Haus und Stadel und zusammengehörigen Feldgütern, er besitzt Rosse und Rindvieh in gehöriger Anzahl und hält sich Knechte und Mägde. Der Söldner hat nur ein Haus, wenige Grundstücke, kein Roß, im besten Fall einiges Vieh. Um sich besser durchzubringen, lernt er ein Handwerk und hilft dem Bauer bei der Ernte, wodurch geringere Söldnerfamilien zu gewissen Höfen in eine Art von Clientenverhältniß kommen. Daß der Bauer sich nun als zu einer höheren Menschengattung gehörig ansieht, ist beinahe so natürlich, als das Bewußtsein des Aristokraten gegenüber dem Bürgerlichen. Das Vermögen übt freilich auch hier eine ausgleichende Macht, und wenn der Söldner empor, der Bauer heruntergekommen ist, so wird die Verbindung der Familien wieder möglich. Aber auch so kann sich der traditionelle Stolz noch wehren, und mir ist ein Fall bekannt, wo ein verschuldeter alter Bauer nur mit größter Mühe zu bewegen war, seinen Sohn eine wohlhabende Söldnerstochter heirathen zu lassen, indem er den Verwandten, die sie herausstrichen, immer wieder antwortete: »Es ist doch keine Bauerntochter!« -- Bei Ludwig und Annemarie kam zu diesem Mißverhältniß noch der große Unterschied des Vermögens, da sie kaum den achten Theil desjenigen besaß, was er nur vorläufig mitbekommen sollte; endlich vollends die Anknüpfung mit Eva. -- Der Kopf des jungen Menschen brannte, nachdem er das alles überlegt hatte, und an seine Eltern denkend rief er mit Verzweiflung aus: »Sie thuns nicht, sie thuns nicht!«
Das Bild des Mädchens stand so schön und lieb vor seiner Seele, wie jemals. Er hatte ihr gestanden, wie gern er sie habe, hatte ihr gesagt, sie solle ihm vertrauen, und er wolle nicht von ihr lassen. Aber wenn seine Eltern ihre Einwilligung verweigerten, so machte er Annemarie nur unglücklich -- und durfte er das? Ein förmliches Versprechen hatte er ihr nicht gegeben. Bis jetzt war es eben ein Liebeshandel, wie es so manche giebt in der Welt, ohne daß es zum Heirathen kommt; ein Liebeshandel, wo man ja vieles spricht, was man nicht halten kann, ja nicht einmal darf. Andere hatten ganz andere Verpflichtungen gehabt, als er gegen Annemarie, und doch zuletzt ihres Gleichen geheirathet. Auf der andern Seite, -- war es denn gewiß, daß Annemarie die Sache so schwer aufnahm? Vielleicht tröstete sie sich bald, heirathete einen andern und wurde glücklich. -- Wenn das Herz Ludwigs diesen Gedanken widersprach, so mußte er sie sich doch machen, und sie thaten ihre Wirkung.
Ein Entschluß mußte gefaßt werden. Er hatte mit Annemarie eine neue Zusammenkunft verabredet und er durfte sich nicht einfinden, wenn er sich nicht entschieden hatte, seinen Eltern zu trotzen. Als er nochmals alles hin und her überlegte, siegte zuletzt die Macht der äußern Verhältnisse; der Verstand und die Einschüchterung gewannen die Oberhand, die Liebe und die Leidenschaft gaben sich gefangen. -- Er wollte zum wenigsten ~versuchen~, ob er ohne Annemarie leben könnte. Wenns ging, so wollte er in Gottes Namen seinen Eltern folgen.
Er kam nicht zum Stelldichein. Als er Annemarie einen Tag später mit Regine begegnete, sagte er förmlich »guten Tag« und ging vorüber. Das Mädchen war etwas »verhofft« und sah ihm nach mit fragender Miene; aber sie entschuldigte beides. Zu der Bestellung hatte er nicht kommen können und vor der Regine wollte er sich nicht verrathen. Wie er nun aber mehrere Tage nichts von sich hören ließ, und endlich, als sie allein mit ihm zusammentraf, auch nur mit gewöhnlichem Gruß und dazu noch sichtlich verlegen an ihr vorüberging, da erkannte sie ihr Geschick. »So,« sagte sie, indem ihr Herz zu klopfen begann, »so ists gemeint?« Sie sah ihm nach und bemerkte, wie er schneller ging, gleichsam um aus ihrem Bereich zu kommen. Ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Das ist der Mensch, der zu mir gesagt hat, daß ich ihm das Liebste wäre auf der Welt! So hält er Wort! O, ich hätt' mir's denken sollen!« Sie ging in's Haus zurück und eilte in ihre Kammer hinauf. Ihre Thränen strömten, sie sah mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes und der bittersten Kränkung vor sich hin. Dann sagte sie: »Es geschieht mir ganz recht, daß es so gekommen ist! Warum bin ich so einfältig gewesen und hab' ihm geglaubt? Warum hab' ich mir eingebildet, ich wär' auch etwas werth? -- O, wie dumm!« setzte sie schmerzlich lächelnd hinzu. »Als ob diese Leute von ihrem Stolz lassen könnten! Als ob wir ihnen zu was anderem recht wären, als zum Spielen! Ja, ganz recht geschieht's mir, grad so hat's kommen müssen!«
Regine kam die Treppe herauf und öffnete die Thüre. Annemarie bemühte sich nicht, ihren Schmerz zu verbergen. Die Freundin sah sie mitleidig an und sagte: »Ich weiß, warum du weinst. Ja, ja, 's ist so. Beim Angerbauer hat's was gegeben. Der Alte und der Junge sind hinter einander gekommen, und Ludwig muß die Ev' heirathen.«
»Muß er?« sagte Annemarie, die bei ihrem ruhigen Wesen doch heroischer war, als Ludwig, und unter umgekehrten Verhältnissen sich standhafter gezeigt hätte. -- »Ja freilich muß er, wenn sein Vater will,« erwiederte Regine. -- »Nun,« versetzte die Gekränkte mit Stolz, »wenn er mich lassen kann, dann kann ich ihn auch lassen!« -- Sie trocknete ihre Thränen und ging mit der Freundin hinunter, um sie auf's Feld zu begleiten.
Von da an erschien Annemarie vor andern gefaßt, ohne den Zustand ihres Herzens verbergen zu wollen. Die Freude des Lebens war ihr genommen, und sie wollte nicht thun, als ob's anders wäre. Ihr Gesicht verlor nach und nach die blühende Farbe, bekam aber dafür einen eigenen feierlichen Ausdruck, und ihre braunen Augen erhielten einen Glanz, der selbst dem alten Bäcker auffiel, so daß er den Kopf schüttelte und für sich murmelte: »Es ist Schade, Jammerschade; aber ich kann ihr nicht helfen!« -- Ihr Schicksal, wie man es erkannte oder errieth, flößte den Leuten Achtung ein. Selbst diejenigen, die im Dorf wegen eines »bösen Mauls« berufen waren, unterstanden sich nicht, in ihrer Gegenwart Anspielungen zu machen, und kein junger Mensch fand in sich den Muth, ihr schön zu thun und ihr für den erlittenen Verlust einen Ersatz anzubieten.
Ludwig setzte unterdessen den Versuch, ohne Annemarie zu leben, fort. Er hatte zum drittenmal gewagt, sie zu grüßen; aber sie war mit einem Ausdruck von gekränkter Würde an ihm vorüber geschritten, daß er es fortan unterließ. Wenn er nun bei einer unvermeidlichen Begegnung ihre Wangen sich färben und ihr Auge glänzen sah, dachte er wohl: sie würde nicht so bös sein (freilich nicht der rechte Ausdruck für das Gefühl des Mädchens), wenn sie wüßte, wie hart es mich ankommt! -- Sein Leben wurde sehr einförmig. Er ging zu Hause und auf dem Felde still seiner Arbeit nach und machte Sonntags, anstatt mit Kameraden fröhlich zu sein, einsame Spaziergänge. Auf einem derselben sagte er zu sich: »Leben kann ich wohl ohne sie, das hab' ich nun gesehen; aber was ist das für ein Leben!« Er schüttelte den Kopf und ging traurig nach Hause.
Am dritten Sonntag nöthigte ihn seine Mutter, mit ihr einen Besuch beim Vetter Kirchbauer zu machen. Sie sah, daß Ludwig ihr und dem Vater ein Opfer brachte und daß es dem armen Menschen schwer wurde; sie war daher auf dem Weg besonders gut gegen ihn und gab sich große Mühe, ihn zu erheitern, indem sie ihm vormalte, welch' einen Herrn er als Mann der Eva spielen könne, wo er schon zum Anfang einen schuldenfreien Hof und Geld am Zins haben würde. -- Die Kirchbauerleute hatten natürlich von der Geschichte mit Annemarie gehört. Eva konnte bei der Begrüßung sich nicht enthalten, eine spöttische Miene zu weisen und gegen denjenigen, der einen solchen Streich machen konnte, eine gewisse Geringschätzung an den Tag zu legen. Indessen, der Sünder hatte eine Eigenschaft, die mit Nothwendigkeit Vergebung forderte: er war der Sohn reicher Leute.
Man faßte denn auch die Sache von der heitern Seite auf. Als man beim Kaffee saß, versuchte Eva scherzhafte Anspielungen zu machen, die ziemlich plump herauskamen, und der arme Ludwig mußte nun seine Liebe verleugnen und erklären, daß ja an der ganzen Sache nichts sei, daß er was ganz anderes im Sinn habe u. s. w. Er strengte sich offenbar an und wollte sich zwingen, Eva lieb zu gewinnen. Die Folge war, daß ihm die große Person, die seinem Herzen bisher gleichgültig war, zuwider wurde. Auf dem Heimweg sprach die Mutter davon, die Sache nun bald richtig zu machen. Ludwig bemerkte: »Mit der Zeit wird sich alles geben; aber jetzt, ich bitte schön, laß mich in Ruh und treib nicht an mir!« Die Angerbäuerin fühlte, daß sie still sein müsse.
Die zweite Hälfte des Juni war herbeigekommen und mit ihr die Nördlinger Messe. Diese dauert vierzehn Tage und ist ein Fest für das ganze Ries. Die ländlichen Hausfrauen kaufen sich auf ihr den Bedarf an Kleidungsstoffen, Hausgeräthen und Spielzeug, und an manchem Tag sieht man auf den Hauptplätzen mehr Bauern als Städter. Namentlich ist dies bei den Hafnern der Fall, wo die klugen Bäuerinnen durch wiederholtes Klopfen die Güte der Geschirre prüfen und an großen und kleinen ein Gemisch von Tönen hervorbringen, daß man ein wahres Concert zu hören glaubt. Hat man gehörig eingekauft, so erquickt man sich an den berühmten Nördlinger Brat- oder geräucherten Groschenwürsten, trinkt Bier dazu oder gar ein Schöppchen Wein, und wandert in der Dämmerung, trotz des gefüllten, wachstuchbezogenen »Donaugretzens,« den man zu tragen hat, vergnügt nach Hause. Die Sonntage sind für die »Ledigen,« die namentlich am zweiten, der eben deßwegen der »Bauernsonntag« heißt, von allen Dörfern nach Nördlingen strömen, um in verschiedenen Wirthshäusern der Lustbarkeit nachzugehen.
Ludwig hatte acht Tage vergehen lassen, ohne sich um die Messe zu kümmern. Sein melancholisches Aussehen machte die Mutter besorgt und selbst den Alten bedenklich. Als er gar am Bauernsonntag keine Anstalt machte in die Stadt zu gehen, da hielt sich die Mutter nicht länger. Sie nahm eine kleine Rücksprache mit dem Vater, dann ging sie zu Ludwig, der in seiner Kammer war, und redete ihm mit mütterlichem Ernst in's Gewissen: was denn das wäre, daß er gar nicht mehr unter die Leute gehen wolle? Wenn andere ledige Bursche sich lustig machten, sitze er da und sinnire; ob das eine Art sei für einen jungen Menschen? »Da,« fuhr sie fort, indem sie einen Beutel voll Kronenthaler aus der Tasche zog, »da nimm, geh nach Nördlingen, mach dir einen vergnügten Tag und laß etwas drauf gehen! Du weißt ja, wir haben's!« Ludwig, den Beutel in Empfang nehmend, sagte mit trübem Lächeln: »Nun gut, Mutter, ich will dir folgen.« Das Gesicht der Angerbäuerin erheiterte sich. Sie wußte, daß Eva in der Stadt sein würde, und hoffte, daß die beiden jungen Leute sich treffen, mit einander tanzen und sich vollends verständigen würden.
Ludwig kleidete sich trotz seiner Melancholie festlich an, wie sich gebührte, und schlug nach der Stadt einen weitern und weniger begangenen Fußweg ein, der durch Getreidefelder und Wiesen führte. Der Tag war ausnehmend schön und klar. Die Nachmittagssonne schien warm vom Himmel, aber ein frisches Lüftchen, das von Osten kam, milderte ihre Wirkung. Still, zuweilen ein rührendes Lied summend, wanderte Ludwig den heimlichen Gang durch das hochgewachsene Korn. Als er auf die Wiese heraustrat und die Augen aufschlug, bot sich ihm ein höchst erfreulicher Anblick. Etwa noch eine halbe Stunde entfernt lag die Stadt Nördlingen da, von grünenden Gärten umgeben. Der von grauen Quadern erbaute Thurm der St. Georgienkirche -- einer der höchsten und stattlichsten in Deutschland -- erhob sich in dem klaren sommerlichen Duft freundlich über die Häuser und bildete mit ihnen ein Ganzes, dem man die Eigenschaften der Solidität und Wohlhäbigkeit von weitem ansah. Und rechts und links, auf Straßen und Feldwegen, zu Wagen und zu Fuß erblickte man geputzte Leute in ländlicher oder städtischer Tracht, welche dem ~einen~ Punkte zustrebten. Die Landschaft trug vielleicht eben jetzt ihr farbenschönstes Kleid. Ueberallhin wogende Getreidefelder in mannichfacher Abstufung des Grüns und Wiesen mit Blumen geziert, besonders mit der weißen »Meßblume,« die den Rieserinnen dazu dient, das, »Er liebt mich von Herzen« etc. vorzunehmen, und die in größerer Anzahl darüber verbreitet den Gründen einen besonders heitern Charakter giebt.
Auf Ludwig machte das alles freilich nur traumhafte Eindrücke. Seine Seele lebte in sich selber. Er war in einer Stimmung, wo man traurig ist, aber sich nicht ganz unglücklich fühlt, wo man zugleich mit der Trauer eine Lust der Ergebung empfindet, die alles Schmerzliche in gemildertem Lichte sehen läßt. In dem Menschenherzen sind wunderbare Quellen des Trostes, die sich aber nur öffnen, wenn es bedrückt wird. Dann erhebt sich eine Kraft in ihm, die in sanfter Strömung Linderung bietet, und die, wenn sie die früheren Hoffnungen nicht mehr beleben kann, doch wenigstens ihr Grab verschönt. -- Als Ludwig die Erfahrungen der letzten Zeit an seiner erweichten Seele vorüberziehen ließ, regte sich leise und leise sogar die Hoffnung wieder. Die Sehnsucht erblickte in weiter Ferne Bilder des Glücks, und das junge Herz fand ihre Verwirklichung nicht mehr so ganz unmöglich.
In der Stadt angekommen, ohne recht zu wissen wie, ging er zuerst auf den Markt beim Rathhaus und hatte dort kurze Ansprachen mit verschiedenen Kameraden. Dann trieb er sich in bunter Menschenwoge bei den Meßständen umher und kaufte einiges zu Geschenken. Als er müde war, suchte er den »goldenen Ochsen« auf, wo die jungen Leute seines Dorfes einzukehren pflegten. Fröhliche Musik erschallte von den Fenstern des ersten Stocks. Er fühlte keine Neigung, sich unter die Jugend zu mischen, trat in die untere Stube, ließ sich einen Krug Bier geben und setzte sich in eine Ecke. Nach und nach regten die wohlbekannten Töne des Horns und der Clarinette doch eine Neugierde in ihm an, und er ging in den Saal hinauf, um dem Tanze zuzusehen.
Das erste, was ihm in die Augen fiel, war Hans, der sich mit Regine im Tanze drehte. Sein Herz klopfte; er spähte im ganzen Saal umher, um die zu erblicken, die er liebte. Endlich sah er sie in einer Ecke stehen, den Blick auf die Tanzenden gerichtet, die Gedanken aber sichtlich anderswo.
Das Hiersein des verlassenen Mädchens war dadurch veranlaßt, daß Hans erklärter Hochzeiter der Regine geworden war. Als solcher wollte er die Geliebte zur Messe führen, aber diese, die das arme Kind gern wieder bei einem Vergnügen gehabt hätte, erklärte, sie gehe nicht ohne Annemarie. Das gute Mädchen, wenn sie kein Störenfried sein wollte, mußte dem Paar nun wohl Gesellschaft leisten.
Ludwig blieb wie angewurzelt stehen und betrachtete sie, ohne von ihr gesehen zu werden, in erschreckter Freude. Ihr Gesicht war nicht nur blässer, sondern auch etwas schmaler geworden; aber wie schön und fein war es! Die Trennung von ihm machte ihr mehr Herzeleid als ihm selber, das mußte er sehen! Sie hatte ihn nicht vergessen, sie hing treu an ihm, sie grämte sich! Reue, Mitleid, Liebe, Bewunderung stürmten auf ihn ein, seine Wangen glühten, ein unendliches Verlangen ergriff ihn, mit der Geliebten zu reden. Plötzlich faßte er einen Entschluß. Er ging auf sie zu und fragte: ob es nicht erlaubt wäre mit ihr zu tanzen.
Das Mädchen schrak zusammen und starrte ihn an. Sie zog die Hand, die er ergriffen hatte und in der seinen bebte, zurück, aber er ließ sie nicht los. Mit dem herzlichsten Tone sagte er: »Ich bitte dich, Annemarie!« und sah sie mit einem Blick so voll Liebe, Reue und Ergebung an, daß die Kraft zum Widerstand ihr versagte. Erröthend, zitternd, in tiefster Verwirrung ließ sie sich von ihm zum Tanze führen.
Was soll ich weiter sagen? Ludwig fand Gelegenheit, sich gegen Annemarie über alles auszusprechen: wie Vater und Mutter drohend von ihm verlangt, von ihr zu lassen, wie er versucht habe, ihnen zu folgen, wie es ihm aber unmöglich sei, da er keine andere liebhaben könne als sie. Er wolle nun mit seinem Vater sprechen, gleich morgen. Sie müsse sein Weib werden, geh' es wie es wolle. Er verspreche es ihr hoch und heilig, und so wahr ein Gott im Himmel sei, er werde sein Versprechen halten.
Annemarie glaubte ihm: sie fühlte, wie jedes Wort von Herzen kam. Sie verzieh ihm das Vergangene, da sie einsah, welch einen schweren Stand er hatte; sie bewunderte und theilte seinen Muth. Was fragte sie nach der Welt? Er gehörte ihr wieder, ihr Leben, ihr einziges Glück! -- Sie glänzte in seliger Schönheit. Die Freude hatte ihre Wangen nicht nur wieder geröthet, sondern schien sie auch plötzlich runder gemacht zu haben. Ludwig hatte sie nie so hold gesehen.
Die jungen Herzen erhob ein Gefühl, das sie vorher nie in dieser Stärke gekannt hatten: der Heldenmuth der Liebe. Sie sahen, was ihnen drohte, aber sie empfanden keine Bangigkeit. Die Kämpfe, die ihrer harrten, waren ihnen beinahe lieb; denn sie _wollten_ sich bewähren, sie wollten zeigen, was wahre Liebe vermöge, und daß man einer solchen nichts anhaben könne. Es war ein Schwung in ihren Seelen, daß ihnen nichts unmöglich erschien. Mögen sie nur kommen, mögen sie nur reden -- dachten sie -- wir wollen sehen, wer das Feld behauptet! -- Mit dem Glück leuchtete nun auch dieses heroische Gefühl aus den Gesichtern und gab ihnen einen eigenen rührenden Ausdruck. Wer sie sah, der wußte, daß sie einig waren und daß man sie nicht mehr auseinanderbringen würde. Die einen schüttelten den Kopf, andere dagegen nahmen frohen Antheil. Ein stattlicher Bursche ging auf das Paar zu, klopfte Ludwig auf die Schulter und sagte: »Brav so! Laß dich nicht irre machen -- der Alte muß nachgeben!« -- »Ja, Bruderherz,« erwiederte der Entschlossene, »das muß er, ich kann ihm nicht helfen!«
Ludwig führte sich nun gerade am schönsten auf, er strampfte am geschicktesten nach dem Takt vor seiner Tänzerin, er sang Lieder vor, die sich auf ihr Verhältniß bezogen, darunter einige, die er offenbar selber gemacht hatte -- er zog die allgemeine Bewunderung auf sich.
Nachdem sie genug getanzt hatten, nahmen die befreundeten Paare im einer kleinen Stube Platz und setzten sich zum reichlichen Mahle. Ludwig folgte seiner Mutter: er ließ etwas drauf gehen, und mehrere von den schönen Kronenthalern, die er erhalten hatte, um damit vor Eva zu prangen, blieben im goldenen Ochsen. Gegen eilf Uhr machten sie sich auf den Heimweg. Ludwig führte die Geliebte und Regine hielt Hans mit Fleiß etwas zurück, damit die beiden sich recht ausreden konnten. Die Nacht war so schön wie der Tag; der Mond, beinahe voll, schien hell in's Land, und silberne Nebel zogen sich über die Wiesgründe hin. So wanderten die Glücklichen in dem Feldweg fort, sich wieder und wieder betheuernd, wie lieb sie sich haben, wie glücklich sie seien und wie sie sich treu bleiben wollten bis in den Tod. Vor dem Hause des Bäckers nahmen sie Abschied, und nochmal sagte Ludwig an dem Halse der Geliebten: »Verlaß dich auf mich!«
* * * * *
Den andern Morgen ersah Ludwig seine Zeit und ging entschlossen in die Stube, wo seine Eltern allein waren. Er trat vor seinen Vater und sagte: »Ich hab' etwas mit dir zu reden.« Der Alte machte ein grimmiges Gesicht, welches zeigte, daß ihm von dem gestrigen Thun des Sohnes bereits etwas zu Ohren gekommen war. »Das trifft sich gut,« erwiederte er, »ich hab' auch etwas mit dir zu reden.« Und indem er ihn mit verachtenden Blicken maß, fuhr er fort: »Nun sag mir, was ich mit dir anfangen soll! Du hast also wirklich alle Scham verloren? Während ich und deine Mutter glauben, daß du bei Leuten bist, die dir Ehre machen, verbankettirst du dein Geld mit einer --«
»Schimpf nicht!« fiel ihm Ludwig in die Rede; »die Annemarie ist das bravste und ordentlichste Mädchen! Und weils doch heraus muß, so sag ich dir jetzt: die und keine andere wird mein Weib! Ich hab' euch folgen wollen, ich hab' mir die größte Müh' gegeben; aber es geht nicht -- ich ~kann~ ohne die Annemarie nicht leben! Und ich hab' ihr's gestern gesagt, und sie hat mir's gesagt, und wir haben uns versprochen vor Gott im Himmel, daß wir uns treu bleiben wollen, und wir halten unser Wort!«
Der Alte war erstarrt. Er hatte in der Geschichte auch jetzt noch nichts als eine ärgerliche Liebelei gesehen und fürchtete im schlimmsten Fall einen Ausgang, der den Buben in's Geschrei bringen und die Heirath mit Eva verderben konnte. Daß sein Sohn, der Sohn des Angerbauern, daran denken könnte, ein Mädchen wie Annemarie zum Weib zu verlangen, das hätte er sich nicht im Traum einfallen lassen. Er sah ihn ordentlich erschreckt an, wie einen plötzlich Tollgewordenen, und brachte mit Mühe die Worte heraus: »Was -- willst du thun?« -- Ludwig erwiederte mit entschlossenem und zugleich bittendem Tone: »Ich will die Annemarie heirathen, ich kann nicht anders, Vater!«
Der Angerbauer zuckte und seine Faust ballte sich. Noch hielt er die Wuth, die in ihm aufkochte, zurück, aber mit solcher Anstrengung, daß seine Glieder zitterten. Er fragte: »Wovon wollt ihr denn leben?« -- Ludwig versetzte: »Die Annemarie ist nicht so arm, sie hat auch etwas, beinahe tausend Gulden, und mit dem, was ich kriege --« -- »So?« sagte der Alte, »wer giebt dir denn etwas?« -- »Nun,« versetzte Ludwig, »du würdest mir doch --« --
Der Alte lachte mit bitterem Hohn. »Wie!« sagte er, »bildest du dir ein, daß ich Geld ausgebe, um eine solche Söhnerin zu bekommen? Bist du von Sinnen? Nicht einen Heller bekommst du von mir!«
»Laß ab, Ludwig!« rief die Mutter, die geängstet zur Seite gestanden hatte, »laß ab, um Gotteswillen! Er thut's nicht, er kann's nicht thun! Hast du denn allen Verstand verloren?« -- »Nein,« versetzte Ludwig fest, »ich hab' meinen Verstand noch ganz, und ich laß nicht ab, denn ich hab's wohl überlegt, was ich thu'. Die Annemarie wird mein Weib, mag geschehen was da will -- das ist meine letzte Rede!«