Part 3
Allgemeinste Aufmerksamkeit! Die Musikanten, der Clarinettist voran, fanden sich bald in die einfache Weise und nach einigen Mißtönen ging's. Der Erfolg war außerordentlich. Als unter vollkommener Stille das letzte »G'setz« gesungen war, riefen einige Mädchen: »Ah, das ist aber schön!« und sahen mit einer Art von Andacht auf Ludwig. Mehrere Bursche kamen herbei und sagten, das müßten sie auch lernen. Der Sänger wurde der Mittelpunkt der Gesellschaft. Er mußte auf allgemeines Verlangen sein Lied wiederholen und erntete noch größeres Lob. Seine schöne Nachbarin erröthete auf's neue bei den bedeutungsvollen Worten »Jungfernkranz« und »Freiersmann« und zeigte die liebenswürdigste Freude über den Sieg ihres Tänzers. Dieser wollte nach einem solchen Triumph im Singen keinen neuen Versuch mehr machen. Aber noch blieb etwas übrig, was seinen Effekt nicht verfehlen konnte. Er griff ruhig in die Tasche und legte, als wär' es ihm nichts, einen Kronenthaler auf den Teller. Der Kamerad mußte nun ein Uebriges thun und legte wenigstens einen halben dazu. Die Gesichter der Musikanten leuchteten. Sie setzten mit Leidenschaft einen Marsch darauf, der wie ein Tusch klang, und der Hornist blies, daß ihm beinahe die Backen platzten. Als das Stückchen zu Ende war, strich er das Geld ein und sagte mit schelmischem Schmunzeln: »Bleibt gesund, bis ihr's wieder kriegt!«
Es war ein Uhr geworden und die meisten jungen Leute fingen wieder an zu tanzen. Auch Hans zeigte Lust dazu, aber Regine erklärte, sie und Annemarie müßten nach Hause. Die Mädchen nahmen Abschied und Annemarie dankte Ludwig gar schön für die Ehre, die er ihr angethan habe. Sehr gern hätten die Verliebten ihre Mädchen nach Hause geführt, aber die Bäckerstochter bestand darauf, daß sie hier bleiben sollten. Sie durften ihnen nur auf der Treppe noch die Hand geben und gute Nacht sagen.
Ludwig ging in die Stube zurück, um das letzte Glas Wein auszuschlürfen. Er war aber heute zu glücklich gewesen, als daß nicht ein Dämon sich gereizt fühlen sollte, in den Honigtrank einige Tropfen Galle zu mischen; und so trat denn ein solcher in der Gestalt des Vetters der beiden Langgewachsenen zu ihm und sagte: »Du hast dich ja heut recht lustig gemacht, Ludwig. Allen Respekt vor deinem Tanzen und Singen! Dein Vater hat dich mit der schönen Annemarie auch einmal tanzen sehen, aber dem scheints nicht gefallen zu haben, denn er ist gleich wieder fortgegangen.« Diese boshaften Worte gaben Ludwig einen Stich in's Herz und jagten ihm das Blut in's Gesicht. »Meinetwegen!« erwiederte er trotzig; der andere, der seinen Zweck erreicht hatte, ging vergnügt auf den Tanzboden. Alles, was mit seinem Glück in Widerspruch trat, stellte sich dem armen Burschen gespenstisch vor die Seele und eine große Unruhe befiel ihn. Allein für heute war der Strom der Freude in ihm noch zu mächtig und die Sorge wurde von ihm hinweggespült. Eine halbe Stunde später ging er nach Hause, glücklich im Nachgefühl des Erlebten. -- --
Nach einem unruhigen Schlaf erwachte Ludwig zur gewöhnlichen Zeit: Sein Bruder, der in derselben Kammer schlief, schnarchte noch, obwohl er gestern schon bald nach Verzehrung des Bratens, den Ludwig vom abendlichen Hochzeitsmahl nach Hause gebracht hatte, zu Bette gegangen war. Als unser Freund überdachte, was gestern geschehen war, fing sein Herz an zu klopfen. Freude und Angst erhoben sich und wechselten in seinem Herzen, bis die Angst zuletzt die Oberhand gewann. Eine Zeit lang ließ er sich ruhig von ihr quälen; dann faßte er einen Entschluß, kleidete sich an und ging mit festem Schritt, dem man aber doch das Absichtliche ansah, in die Stube hinunter. Die Morgensonne schien durch die Fensterscheiben und die friedliche Scene bildete einen eigenen Contrast zu der Verwirrung in seinem Herzen. Er ging in »das Kanzlei,« das in den Bauernhäusern gewöhnliche Nebenstübchen zum besondern Gebrauch der Familie, von der Stube durch eine hölzerne, mit brauner Oelfarbe bestrichene Wand getrennt, welche mit der einen Seite des Ofens zusammenzulaufen pflegt. Der Vater saß an dem Wandtisch mit tiefernstem Gesicht und die Mutter brachte eben den Kaffee. Ludwig bot ihnen mit etwas unsicherer Stimme guten Morgen und setzte sich zum Frühstück. Zu gleicher Zeit kamen die »Ehehalten« (Knechte und Mägde) in die Stube, um die Morgensuppe zu verzehren. Der Oberknecht und die Magd waren auf dem Ansing gewesen; sie blinzelten sich nun zu und sahen auf das Kanzlei mit jenem Vergnügen, welches die schwache menschliche Seele zu empfinden pflegt, wenn unter Höherstehenden ein scandalöser Streit zu erwarten ist. Allein der Angerbauer war nicht der Mann, sich und seine Familie preiszugeben, wenn der Zorn über seinen Verstand nicht Herr wurde. Er wartete mit der Anrede, die er Ludwig zudachte, und erst als der letzte der Ehehalten die Stube verlassen hatte, begann ein Dialog, den wir, um den Lesern eine kleine Probe davon zu bieten, in dem Rieser Dialekt wiedergeben wollen.
Der Alte sagte mit bitterem Spott: »No, du host de ja gestert recht aufg'führt! Machst mer a rechta'n Ehr, des muß i saga'; Aufm A'seng, wo Baura'töchter send, tanzst du da' ganza'n Obed mit'r Magd! Und net gnuag damit, setzst sie oh no' neba' de he' und regalirst sie!« -- Ludwig, der sah, daß dem Vater schon geplaudert worden war, und die Thatsache nicht leugnen konnte, hing sich an ein Wort und sagte: »No, a Magd ist sie grad net!«
Der Angerbauer fuhr auf und blickte ihn mit drohenden Augen an. »Schweig, sag i d'r! Mag sie sei', was sie will, sie ist net dei's Gleicha', und es ist a Schimpf und a Schand, daß du di so mit'r ahgeba' host! Wann du d's Nuibaurs Bäbe (die Reichste im Dorfe) so tractirt hättst, so wärs o'schickleng gwesa'! Was wird die Ev' saga' und ihr Vater? Die weara' se recht fräa', wenn sie höara', wie du di aufg'führt host, und (setzte er verächtlich hinzu) mit weam!«
Der Angefahrene war von diesen Worten sichtlich getroffen. Er wußte nichts Besseres zu seiner Entschuldigung zu sagen, als: »Sie tanzt so guat!« -- »Tanzt so guat!« rief der Alte mit grimmigem Lachen. »Ist des a'n Ausred? Tanzet ander Mädla' net oh guat? Muaß ma dorom a hergloffens Mädle mit Wei' tractiera? Pfui, schäm di!« -- Er war aufgestanden und wendete dem Schuldigen den Rücken zu.
Sein Zorn hatte offenbar den jetzt möglichen höchsten Grad erreicht. Ludwig, entrüstet über den Ausdruck »hergloffens Mädle,« und fühlend, daß jetzt überhaupt nicht mehr mit ihm zu reden sei, verstummte und sah finster vor sich hin. -- Nach einer Weile drehte sich der Alte wieder zu dem Tisch und sagte: »I will me ietz net verzürna! Gscheha'n ist gscheha'! Der dumm Stroëch ist gmacht! Aber,« setzte er mit drohend erhobenem Zeigefinger und mit entsprechend verstärktem Tone hinzu, »des roth i d'r in Guatam: loß mi so ebbes net widder höara'! Denn sonst -- -- du kennst mi!« -- Er wendete sich ab und verließ mit festen Schritten die Stube.
Man sieht, der Vater war nur über das öffentliche Aergerniß entrüstet, welches Ludwig gegeben, und strafte nur dieses. Daß sein Sohn auf Annemarie ernstliche Absichten haben und um ihretwillen die Eva lassen könnte, das kam ihm gar nicht in den Sinn. Hätte er Ursache gehabt, an so etwas nur zu denken, so wäre natürlich ein ganz anderer Sturm losgebrochen.
Der Delinquent athmete auf; denn im Grunde war er noch gut weggekommen. Von der Mutter fürchtete er wenig. Er war ihr Liebling und wußte, daß Frauen solche Verirrungen des Herzens überhaupt glimpflicher aufzufassen pflegen. Er täuschte sich nicht. Während der Alte sprach, hatte die Mutter zu wiederholten Malen ernsthaft mit dem Kopfe genickt, dadurch ihr vollkommenes Einverständniß an den Tag legend. Als er fort war, nahmen ihre Züge einen milderen Ausdruck an, und den Sohn bei der Hand fassend begann sie: »Aber ietz sag m'r nor, Ludwig, wie ist's mögleng, daß du di so host vergessa' und dei'm Vater und mir so ebbes a'thoa' könna'?«
Ludwig hatte seinen ganzen Humor wieder. Da er noch keinen Plan über die Zukunft gemacht hatte, nach welchem er handeln konnte, so folgte er instinktmäßig dem Trieb, sich mit seinen Eltern wieder gut zu stellen, und sagte, allerdings nicht sehr ritterlich: »Du woëst ja, Muater, wie's oëm got, wama' lusteng ist und Bier und Wei' im Kopf hot!« -- »Ja wohl,« versetzte die schon halb begütigte Mutter, »aber was zviel ist, ist zviel! Die ganz Nacht mit oëm Mädle ztanza, die oën nex a'got! I hätt' di wärle für gscheidter ghalta'!« -- »I hab d'r ja scho' gsakt,« erwiederte Ludwig, »sie tanzt so guat; und,« fügte er nicht ohne schlaue Absicht hinzu, »i hab gseha', daß sie oh geara' mit mir tanzt!«
Die Angerbäuerin konnte nicht umhin, heiterer auszusehen. Sie hielt natürlich ihren Ludwig für den schönsten und geschicktesten Burschen in der ganzen Umgegend, und daß er den Mädchen so sehr gefiel, konnte ihr nichts weniger als unangenehm sein. Sie sagte daher mit dem Lächeln einer etwas eiteln Mutter: »Des glob i, daß e so a Mädle frät, wann du mit'r tanzst; aber des ist koë Entschuldigung für di!« -- Eine bessere Regung machte sich in ihr geltend und sie fügte hinzu: »Die Annemarie ist zu guet dafür, daß so a junger Mensch 'n Spaß mit ihr macht. Sie ist brav und ordentlich und 's wird se gwiß a passender Ma' für se finda'. Es wär a Sünd und a Schand, wann du ihr da' Kopf verdreha' und sie in's O'glück brenga' thätst!« -- »No,« sagte Ludwig, »so arg wirds net weara'!« -- Mit Eifer versetzte die Mutter: »I hoff's oh net! Du host dein Vater ghöart und woëst, er hält was 'r sakt! I hoff, 's ist dei' letzta' Dummheit gwesa'!« -- Ruhiger setzte sie hinzu: »So, ietz gang naus zu dei'm Vater und mach'n widder guat!«
Ludwig folgte diesem Rath. Er fand Gelegenheit seinem Vater bei einer Arbeit zu helfen, und da sie nothwendig mit einander reden mußten, so stellte sich zwischen ihnen bald wieder ein äußerlich friedliches Verhältniß her. Als später dem Angerbauer noch einige Einzelheiten vom Ansing zu Ohren kamen, hatte ihn die Mutter schon durch die Versicherung beruhigt, daß es nichts als der Narrenstreich eines jungen Menschen gewesen sei, der etwas im Kopfe gehabt habe. Er verschluckte daher diese nachträglichen Pillen, so bitter sie ihm auch schmeckten. Seine Gedanken waren: »Der Mensch muß mir aus dem Haus, und das so bald als möglich! Mein Andres, das weiß ich, wird mir keine solche Streiche machen.« Auch die Mutter faßte den Entschluß, alles zu thun, um die Heirath Ludwigs mit Eva zu beschleunigen. »Hätte der alte Narr,« sagte sie in ihrem Verdruß, »den Hof abgegeben, so hätten wir diesen Aerger nicht!« Sie wollte aber nun gerade aus dem Vorgefallenen die Gründe schöpfen, die den Vater Evas zum Nachgeben bewegen sollten.
Einige Tage vergingen, ohne daß etwas besonderes vorfiel. Auch auf dem Dorfe pflegt der artige junge Mann die Tänzerin, die er auszeichnete, den andern Tag gelegentlich zu begrüßen und sie zu fragen, wie ihr das Tanzen bekommen sei. Aber Ludwig mußte Scheu tragen, dies zu thun; auch war er nicht in der Gemüthsverfassung dazu. In seinem Herzen stiegen Gedanken auf, die sich wechselseitig bekämpften, seinen Geist verwirrten und ihn zu keinem Entschluß kommen ließen.
Der guten Annemarie war sein Ausbleiben nicht so unlieb, als man denken mochte. Ihr war es ergangen wie ihm. Glückselige und bange Gefühle wechselten auch in ihrem Herzen, und die bangen überwogen zuletzt. Sie dachte an den stolzen Angerbauer, an den Unterschied des Vermögens und Standes, an das Gerede mit der Eva, und schüttelte mit betrübter Miene den Kopf. Indem die Bilder jener Nacht vor ihre Seele traten, machte sie sich Vorwürfe, zu weit gegangen zu sein. Es lastete etwas auf ihr, als ob sie eine Sünde begangen hätte; und dieses Gefühl wurde dadurch nicht gemindert, daß einzelne Mädchen sie nun mit Ludwig in einer Weise zu plagen begannen, die nicht mehr von der Lust zu scherzen, sondern offenbar vom Neide eingegeben war. Selbst Regine sah bedenklich aus, als ob sie mit sich selber unzufrieden wäre, und der Vormund ließ Reden fallen von Leichtsinn und Hoffahrt, die zu nichts Gutem führen würden u. s. w.
Es hatte den Anschein, als ob eben durch das gesprochene Wort der Traum des Glücks für immer zerstört und die innigste Annäherung der beiden Herzen auch die letzte gewesen wäre. -- Aber die Liebe, die zwei junge Seelen ergriffen hat, kann von den Bedenklichkeiten des Lebens nicht so leicht unterdrückt werden. Die bänglichen und peinlichen Gefühle mildern sich und verschwinden mit der Zeit, die Liebe bleibt. Die erst so trüben Vorstellungen verlieren nach und nach ihr Schreckendes, die Liebe gewinnt an Muth -- und das Menschenkind, das glücklich sein will, folgt wieder dem Zug des Herzens.
Als der fünfte Tag verflossen war, konnte Ludwig seinem Verlangen, Annemarie zu sehen, nicht länger Widerstand leisten. Er ging in das Haus des Bäckers, indem er sich vornahm, diesen, der am Gärteln sein Vergnügen hatte und nach Art solcher Leute seine Liebhaberei gern weiter verbreitete, um Blumensamen zu bitten. Die Täuschung war nicht nöthig, Annemarie war allein zu Hause. Nach einigem Stottern von seiner und Erröthen von ihrer Seite waren die liebenden Herzen bald wieder einig. Man rühmte jene Nacht, wo es so schön gewesen sei; das damals empfundene Glück lebte wieder in ihnen auf und die Augen bestätigten, was sich die Lippen verkündigt hatten. Die Liebe zog wieder als Herrscherin in ihre Seelen und alle entgegenstehenden Gedanken wurden daraus vertrieben. Die Reue, welche die Geängsteten gefühlt, die Vorwürfe, die sie sich gemacht -- alles war vergessen. Sie freuten sich eines am andern, und es war ihnen, als ob sie gar nichts Besseres und Schöneres thun könnten.
Für diesmal konnte ihr Zusammensein nicht lange dauern. Annemarie erwartete den Bäcker und mahnte den Geliebten, sie zu verlassen. Ludwig fragte, ob er sie denn nicht einmal ungestört sehen könnte, er hätte noch viel mit ihr zu reden. Annemarie sah ihn an; die blauen Augen baten so schön und blickten so treu auf sie her. Nach einigem Zögern erwiederte sie mit leiserer Stimme: »Nächsten Sonntag Nachmittag geht mein Vetter mit Regine nach Wallerstein; sie werden spät wieder kommen; in der Abendstunde, wenn's dunkel geworden ist, will ich in unserm Garten auf dich warten.« Ludwig drückte ihr hocherfreut die Hand. Annemarie setzte hinzu: »Es ist vielleicht nicht recht, was ich thue, aber du willst es haben und es macht dir Freude.« Was konnte Ludwig anders, als die Lippen, die so liebliche Worte gesprochen, entsprechend belohnen? -- Er kam unbemerkt aus dem Hause. Wie bisher sein trübseliges, so fiel seinen Eltern jetzt sein vergnügtes Wesen auf, aber sie legten es zu ihren Gunsten aus. »Hab' ich dir's nicht gesagt?« bemerkte die Mutter dem Alten. »So etwas geht bei jungen Leuten schnell vorüber. Sei nur ruhig, es wird noch alles recht werden!«
Der Garten des Bäckers war in Folge der erwähnten Liebhaberei nach dem des Pfarrers der schönste im Dorfe und der Stolz des Besitzers. Er theilte sich in Gemüse- und Baumgarten, und in dem erstern war den Blumen ein größerer Platz eingeräumt, als es bei dem wirthlichen Sinn der Landleute sonst der Fall zu sein pflegt. Eine ziemlich hohe dichte Hecke grenzte das Ganze von den Feldern, zunächst aber von dem Fußweg ab, der sich an dieser Seite des Dorfes hinzog und auf welchen eine hölzerne, für gewöhnlich verschlossene Thüre führte. Durch diese Thüre, die heute nur aufgeklinkt zu werden brauchte, trat Ludwig zur verabredeten Stunde in den Garten, und bald saßen die Liebenden auf einem hölzernen Bänkchen ohnweit der Hecke und des Hauses in traulichem Geplauder. Sie konnten sich diesem in der That mit einer gewissen Sicherheit hingeben, denn wie nach dem Felde zu die Hecke, so schützten gegen das Dorf das längliche Bäckerhaus und mehrere Scheunen, in denen jetzt wohl kein neugieriges Auge zu fürchten war. Der Abend war sehr schön. Von dem reinen Himmel blinkten schon einzelne Sterne, während von Westen her die goldengrünliche Helle sich über ihn ergoß, die Verheißung der untergegangenen Sonne, daß sie morgen einen schönen Tag bringen werde. Die Bäume standen in voller Blüthe und hie und da glänzte einer her wie ein großer weißer Strauß. Die Luft war leicht bewegt und voller Wohlgerüche. Rings herrschte vollkommene Stille und nur Maikäfer surrten zuweilen über die Köpfe der Liebenden hin, um die größere Gesellschaft auf den Bäumen aufzusuchen. -- Unserem Pärchen war es über alles heimlich zu Muthe. Ludwig rühmte den Garten, die Blumen, den schönen Abend. Sie sprachen von diesem und jenem. Bald kamen sie wieder auf den »Ansing«, und Ludwig scherzte über den jungen Burschen, der mit Annemarie getanzt und »sich geplagt habe, als ob er im Taglohn arbeitete.« »Der arme Kerl dauerte mich,« setzte er hinzu, »darum kam ich so schnell und löste ihn ab.« Das Mädchen lächelte, sie wußt' es besser. Beide erinnerten sich jetzt verschiedener Gesichter, die um ihretwillen geschnitten worden waren, und die Ausdrücke von Aerger und Neid kamen ihnen sehr lustig vor. Sie übten für das Geschwätz, das über sie ergangen war, eine gemüthliche Wiedervergeltung, indem sie einzelne Exemplare durchhechelten, wie es gutmüthige Menschen in fröhlicher Laune thun. Ludwig fragte dann, ob's denn wahr sei, daß Hans und Regine bald Hochzeit machen wollten. Annemarie erwiederte, so viel sie wisse, auf den Herbst. Dies brachte sie auf ernstere Gedanken. Nach einem Weilchen fragte sie erröthend und mit einem gewissen schüchternen Lächeln: »Ist's denn wahr, daß dein Vater will, du sollst des Kirchbauern Eva von ** heirathen?« Ludwig antwortete: »Ja wohl hat er so was im Sinn gehabt; aber mir ist's nie rechter Ernst gewesen und jetzt denk ich nimmer dran.« Annemarie wurde vor Vergnügen noch röther. Dann sah sie vor sich hin, wie wenn sie über etwas nachdächte, und unwillkürlich entschlüpfte ihr wieder das Wort: »Wenn ich doch ein reiches Mädchen wär!« Ludwig faßte ihre Hand und sagte herzlich: »Es kann nicht alles beisammen sein! Du bist die schönste und die beste und die geschickteste, die ich kenne -- das ist mehr werth als Geld!«
Annemarie sah ihn dankbar an und schwieg. Dann sagte sie: »Ist dein Vater wirklich so stolz, wie die Leute sagen? Verzeih mir diese Frage!« -- »Mein Vater weiß, was er ist,« antwortete Ludwig, »und läßt sich nichts nehmen. Aber er ist ein braver und gescheidter Mann und giebt auch andern ihre Ehre. Meine Mutter ist gut und hält alles auf mich.«
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Wie verliebte Herzen einmal alles fürchten, dann wieder alles hoffen, so war es ihr die letzten Tage her nicht ganz unmöglich vorgekommen, daß sie doch noch Ludwigs Frau werden könnte. Sie hielt etwas auf sich und glaubte, um ihretwillen könnte wohl eine Ausnahme von der Regel gemacht werden. Aber nun wurde durch das Bild des Angerbauers, dessen Stolz der Sohn zugeben mußte, ihre Hoffnung wieder sehr erschüttert. Sie seufzte und sagte mit leiserer Stimme: »Ich fürchte mich vor deinem Vater, Ludwig, und sehe nicht, was aus uns beiden werden soll!«
Ludwig, der durch die feuchten Augen in das Herz des Mädchens sah, wurde gerührt, Liebe und Großmuth loderten in ihm auf. Er legte wie schützend den Arm um sie und sagte mit dem herzlichsten Ton: »Mach dir das Herz nicht schwer, Annemarie! Ich hab dir gesagt, daß du mir die liebste auf der Welt bist, und ich sag dir's noch einmal. Vertrau auf mich und sorg nicht! Was ich mir ernstlich vornehme, das setz' ich auch durch -- darauf verlaß dich!« -- »Ich vertraue dir,« sagte Annemarie, »denn sonst hätt' ich das auch nicht für dich gethan. In meinem Leben bin ich noch mit keinem ledigen Bursch so zusammen gekommen. Aber dich hab ich so lieb, daß ich thun muß, was dich freut -- ich kann mir nicht anders helfen!« -- Entzückt über dieses Geständnis, sah Ludwig das schöne Mädchen an; Thränen traten in seine Augen; sie mit seinen Armen umschließend, rief er aus: »O du liebes, liebes Mädchen! in meinem Leben laß ich dich nicht!«
Dieser innige Ausruf weckte ein seliges Gefühl in dem Herzen Annemarie's, zu gleicher Zeit warf er aber Schrecken in ein anderes. Diejenige, für welche diese Worte am wenigsten bestimmt waren -- die Mutter Ludwigs hatte sie vernommen, klar und deutlich vernommen. Die Angerbäuerin war im obern Dorf auf Besuch gewesen und hatte sich verspätet, indem sie zwar zu rechter Zeit in der Stube Abschied genommen, aber auf der Haustreppe mit der Freundin von neuem und erst recht wieder in's Gespräch gekommen war. Da der Fußweg am schnellsten nach Hause führte, so schlug sie diesen ein. Als sie an der Hecke des Bäckergartens hingehend ein leises Reden vernahm, horchte sie und das Ohr der Mutter erkannte gar bald die Stimme des Sohnes. Die letzten Worte, bei welchen die Leidenschaft den Ton vorsichtig zu dämpfen vergaß und von denen ihr keine Silbe entging, sagten ihr alles. Sie erschrack heftig und zitterte an allen Gliedern. Hatte sie doch so eben noch der Freundin versichert, daß an dem Geschwätz wegen der Annemarie gar nichts sei und ihr Ludwig bald Kirchbauer sein werde. Sie glaubte vor Scham und Verdruß in die Erde sinken zu müssen. Da sie nicht mit sich einig werden konnte, was sie beginnen sollte, und im Garten Stille eingetreten war, ging sie weiter. Der Schrecken in ihrem Herzen machte dem Zorn Platz. Sie so schändlich anzuführen, zu dem Mädchen zu gehen wider ihr ausdrückliches Verbot und ihr so gottvergessene Dinge zu sagen! Bevor sie noch in ihren Hof trat, war ihr Entschluß gefaßt. Sie schwieg still und ließ sich nichts anmerken, weder vor dem Vater noch vor dem Sohn, der nicht lange nach ihr heim kam.
* * * * *
Den andern Morgen, als der Angerbauer eben das Haus verlassen hatte und Ludwig ihm folgen wollte, sagte die Mutter, sie habe noch etwas mit ihm zu reden. Sie führte ihn in's Kanzlei zurück und sagte, gerade auf das Ziel losgehend: »Du bist gestern Abend bei der Annemarie gewesen!« -- Darauf war Ludwig nicht gefaßt. Er verlor etwas die Farbe und stammelte: »Wie sollt' ich.« -- Aber die Mutter fiel ihm in die Rede: »Läugn' es nicht, ich hab mit meinen eigenen Ohren gehört, was du ihr gesagt hast!« -- Und indem sie ihn mit bekümmert erzürntem Blick ansah, fuhr sie fort: »Es hilft also kein Reden an dir, du willst dich mit Gewalt in's Geschrei bringen und ein unerfahrenes Mädchen durchaus unglücklich machen!«
Bei diesem Vorwurf sammelte sich der Betroffene wieder. Er erwiederte: »Wer sagt das? Ich habs ganz anders mit ihr im Sinn!« -- »Wie soll ich das verstehen?« -- »Wenn ich sie nun heirathen wollte?« -- Die Mutter, auf eine solche Rede gefaßt, zuckte die Achseln und sagte: »Du bist nicht gescheidt!« -- Ludwig aber versetzte mit Ernst: »Ich weiß es, mit keiner würd' ich so glücklich leben, wie mit der Annemarie. Grade die gefällt mir, und sonst keine andere!«
Die Augen der Angerbäuerin funkelten. »Wie!« rief sie aus, »das unterstehst du dich mir zu sagen, -- du, der mit der Ev' so gut wie versprochen ist?« -- »Davon weiß ich nichts,« sagte Ludwig. -- »So, davon weißt du nichts? -- Nun merk auf, was ich dir sag: wenn du von diesen dummen Gedanken vor deinem Vater nur ein Wörtchen merken läßt, so bringt er dich um! Das ist der Rechte, sich von einem Kind so etwas gefallen zu lassen!«