Erzählungen aus dem Ries

Part 2

Chapter 23,726 wordsPublic domain

Der Angerbauer war nach ländlichen Begriffen ein reicher Mann. Er hatte seiner Tochter, die im Dorfe verheirathet war, sechstausend Gulden mitgegeben, und mehr als das Doppelte hatte er noch am Zins. Sein Sohn Ludwig sollte eben so viel und das jüngste Kind Andres nach der bäuerlichen Erbfolgeordnung den Hof erhalten. Die Familie lebte wohl und glücklich zusammen. Der Vater, ein hochgebauter, stattlicher Mann mit schwarzen Augen und Haaren und gelblichbraunem Gesicht, hielt gute Zucht im Hause, ohne jedoch seinen Kindern den herkömmlichen Lebensgenuß zu verkümmern. Er war ein kluger Oekonom und sein Stolz war, die bestbestellten Aecker im Dorfe zu haben. Seine Wohlhabenheit und sein Ansehen in der ganzen Umgegend gaben ihm ein bedeutendes Selbstgefühl, das sich auch in seiner würdigen Haltung ausdrückte. Er sprach wenig, aber bestimmt, und wie gesetzt er in der Regel war, so sah man doch, daß er, einmal in Leidenschaft gebracht, gewaltig losbrechen konnte. -- Die Mutter war in ihrer Jugend sehr hübsch gewesen, und noch immer machte die schlanke Gestalt einen angenehmen Eindruck. Sie hielt mehr auf zierliche Reinlichkeit im Hause, als es sonst in Bauerfamilien der Fall zu sein pflegt; in ihren Stuben und Kammern mußte alles wie geleckt sein, und überdies alles am rechten Platze stehen. Sonst zeichnete sie sich in der Kunst aus, Backwerk zu verfertigen und namentlich »Küchle« zu liefern, die von den jeweiligen Gästen mit entzückten Lobpreisungen verspeist wurden. Fröhlicher und gutmüthiger als der Vater, hatte sie doch auch ihre Portion Stolz und hielt sehr auf das, was sich ihrer Meinung nach für eine reiche Familie geziemte. -- Ludwig schlug der Mutter nach, während der neun Jahre jüngere Andres ein gemildertes Abbild des Vaters zu werden verhieß.

Die Hauptperson unserer Erzählung -- man sieht, daß dies Ludwig ist -- war einer der schönsten und angesehensten Bauernsöhne im ganzen Ries. Tänzer und Sänger, wie es nur einen gab, dazu ein lustiger Bursche voll guter Einfälle, hatte er schon in verschiedenen Dörfern Herzen erobert, wenn er bei Verwandten auf Besuch war oder als Gast eine Hochzeit mitmachte. Es war einer von den Menschen, denen alles wohl ansteht, die Arbeit wie das Vergnügen. Wenn er Sonntags in dunkelgrüner sammtner Juppe (Jacke) mit silbernen Knöpfen, schwarzen, knapp anliegenden Hosen vom schönsten Hirschleder und hohen, über die Knie gezogenen Stiefeln, die Kappe von Fischotter mit grünseidener Troddel auf's rechte Ohr gesetzt und den silberbeschlagenen Ulmer Pfeifenkopf im Munde nach der Stadt, d. h. nach Nördlingen, wanderte, so hätte er einem ruhigen Beobachter wohl gefallen, den Mädchen aber, die ihm begegneten und die er freundlich grüßte, war sein Anblick ein wahres Labsal, und sie konnten sich selten enthalten, sich umzuwenden und ihm nachzusehen. Dann sagte wohl eine in heiterer Anerkennung: »Des Angerbauers Ludwig ist eben doch der schönste,« und die andern stimmten ihr bei, vergnügt oder erröthend, je nachdem.

Auf welches Mädchen durfte ein so Begünstigter nicht Anspruch machen? Welche Schönheit wäre fähig gewesen, ihn auszuschlagen? Indessen jede Lebensstellung hat ihre Pflichten, und Ludwig durfte nicht unter den Schönheiten des Rieses überhaupt, sondern nur unter denen wählen, die eben so viel mitbekamen als er. Dieser Pflicht kommen die jungen Bursche meist instinktmäßig nach. Der Bauer, am überlieferten Brauche haltend, verliebt sich in der Regel nur standes- oder wenigstens vermögensgemäß. Zu dem Ganzen, das ihn an einem Mädchen bezaubern soll, gehört auch die reiche Ausstattung, die Ehre, die begüterte Verwandtschaft. Das Mädchen muß aus einer Familie sein, die eben so ästimirt ist wie die seinige, sonst entbehrt ihre Schönheit des rechten Nimbus oder erweckt höchstens eine gönnerhafte Empfindung in ihm. Für unsern Burschen war die Wahl einer Lebensgefährtin noch besonders eingeschränkt. Da das Stammgut an Andres überging, so mußte er sich einen passenden Hof kaufen, was seine Schwierigkeiten hat. Das Beste war daher, eine einzige Tochter, eine Hoferbin, zu heirathen und in eine schon bereitete Stätte als Herr einzuziehen.

Es war keine geringe Vermehrung der Zufriedenheit, welche der Angerbauer und sein Weib ohnehin empfanden, daß sie für ihren Ludwig solch einen »Anstand« wußten. In der That war dessen Künftige schon gefunden in der einzigen Tochter eines entfernten Verwandten, der im nächsten Dorf einen der stattlichsten Höfe besaß. Die Aeltern hatten darüber gesprochen; die Angerbäuerin hatte zur gehörigen Zeit merken lassen, daß die junge Base Eva eine rechte Frau für ihren Ludwig wäre, und im Vorbeigehen die Summe namhaft gemacht, die sie ihrem Sohn mitgeben könnten, worauf man sich verständigte. Ludwig hatte nichts gegen den Plan. Für einen Geschmack, der auf dem Lande viele Vertreter zählt, war Eva eine Art von Schönheit, nämlich eine große, tüchtige Person mit nicht allzukleiner, etwas gebogener Nase und runden rothen Backen, so eine, die der feinere Mann einen »Dragoner,« die solide Anschauung der Mehrzahl aber »a rechts Mädle« zu nennen pflegt. Ludwig fand in dem Aussehen seines Bäschens keinen Grund, sich in sie zu verlieben, aber auch keinen, sich der Heirath zu widersetzen. Ihr Hof leuchtete ihm ein und warf ein verschönerndes und verfeinerndes Licht auf die Erbin. Er spielte bei Gelegenheit mit Anstand die Rolle eines Verehrers, und die Heirath wäre ohne weiteres vor sich gegangen, wenn der Vater Eva's sich hätte entschließen können, seinen Hof so früh zu übergeben. Allein die erste Person im Hause zu sein, gefiel ihm noch zu sehr, und er wollte wenigstens warten, bis seine Tochter in die Zwanziger getreten wäre. Warum sollte er sich beeilen? Von allen Seiten war man ja einverstanden, und ob früher oder später, sein reicher junger Vetter wurde sein Schwiegersohn.

Kein Projekt der Menschen ist indessen so gesichert, daß nicht noch etwas dazwischen treten könnte. Wenn man ein gewünschtes Gut schon in der Hand zu halten glaubt, kann es noch entschlüpfen, um den Menschen erkennen zu lassen, daß es bei den Dingen dieser Erde noch auf etwas anderes ankommt als auf sein Wollen und Meinen. Als Eva neunzehn, Ludwig dreiundzwanzig Jahre alt war, ereignete sich etwas, das die Fäden, die von den zwei Familien gesponnen waren, zerriß und den Stoff zu unserer Geschichte lieferte.

Dies war der plötzliche Tod eines braven Zimmermanns im nächsten württembergischen Orte. Die einzige Tochter desselben, ein ungewöhnlich schönes Mädchen, wurde dadurch eine Waise. Da sie erst siebzehn Jahre zählte und auf ihr Erbe nicht heirathen wollte, so machte ihr Vormund, der Bäcker unseres Dorfs, das Haus und die paar Morgen Ackerland zu Geld, legte dieses gut an und nahm das Mädchen zu sich.

Die Ankunft Annemarie's brachte die Jugend des Dorfs in großen Allarm. Wenn der Bauer in Bezug auf die Wahl einer Ehehälfte praktisch denkt, so ist er doch keinesweges unempfindlich für Schönheit; ein sehr schönes Mädchen wird auf dem Lande ausgezeichnet wie ein reiches, nur auf andere Weise. Das Dorf, das eine solche Blume hegt, thut sich was darauf zu gute, und es sagt wohl einer mit einem gewissen Triumphgefühl zu einem Freund aus dem nächsten Dorfe: »So eine habt ihr doch nicht!« Die jungen Leute, bei denen es irgend angeht, sind eifrig, sich bei ihr »wohl dran zu machen;« denn einen schönen Schatz zu haben, ist, abgesehen von der Freude, auch eine Ehre, und es ist höchst angenehm, ihn von andern loben zu hören und sich darum beneidet zu sehen. Annemarie fand außer einer guten Anzahl von Bewunderern und Neiderinnen rasch auch mehrere entschiedene Anbeter; aber sie hatte eine eigene ruhige Art, die Andringlinge zurückzuhalten oder ablaufen zu lassen. Bald hieß es unter den Mißvergnügten: das sei eine Curiose, die sich sehr viel auf ihre Schönheit einzubilden scheine; und doch sei's gar so arg auch nicht damit.

Wie soll ich aber von dieser Schönheit einen Begriff geben? -- Mir ist es manchmal so vorgekommen, als ob man eine kindliche, eine jungfräuliche und eine mütterliche oder frauliche Art der Schönheit unterscheiden könnte. Ein Mädchen von der ersten Art wird auch als Frau und Mutter noch ein kindliches Wesen behalten, während die von der dritten schon in der Zeit des jungfräulichen Aufblühens einen mütterlichen Charakter gewinnt. Annemarie gehörte zu der dritten Gattung. Ihr Aeußeres ist kurz beschrieben. Sie hatte etwas mehr als mittlere Größe und eine natürlich schöne Gestalt. Nichts war dürftig an ihr, alles reich, doch würde auch der strenge Kenner nichts hinweggewünscht haben. Die Farbe ihres Gesichts war nußbräunlich, mit mildem, aber entschiedenem Roth; Haare und Augen dunkelbraun. -- Allein die wahre Schönheit liegt in der Seele. Wie diese schon im Mutterschooße auf die Formen des Leibes bildend einwirkt, so veredelt und verfeinert sie ihn fortwährend. Der eigenthümliche Reiz, den Annemarie ausübte, kam von der Güte, die aus ihrem Gesichte sprach. Wenn eine Empfindung der Freude oder des Dankes ihr Herz erfüllte, dann ging ein Glanz über ihre Züge und das schöne innere Leben gab ihr eine Anmuth, daß auch der Stumpfe fühlen mußte, hier sei mehr als ein gewöhnlich hübsches Mädchen.

Als Annemarie zu ihrem Vetter übersiedelte, war Ludwig abwesend; er hatte Getreide nach Augsburg gefahren, wo dermalen der Preis höher stand als auf der berühmten Schranne zu Nördlingen. Nach seiner Rückkehr machte ihn das Lob, welches dem Mädchen von seinen Kameraden gesungen wurde, neugierig, und er beschloß sogleich, sie zu sehen, was auf dem Dorfe bekanntlich keine Schwierigkeiten hat. Mit der Leichtigkeit, wie sie etwa ein junger Baron zeigt, wenn er sich herabläßt, der hübschen Tochter eines Bürgers den Hof zu machen, begrüßte er Annemarie, sprach seine Freude aus, daß ein so schönes Mädchen in's Dorf gekommen sei, und sagte ihr mehrere Schmeicheleien in der direkten Art, die für ein feineres Gefühl nichts Angenehmes hat. Annemarie wurde ernsthaft und gab ihm kurze Antworten. Da Ludwig gutmüthig war, so ahnte er, worin er gefehlt hatte. Er griff es das nächstemal besser an, zeigte mehr Achtung vor dem Mädchen und sprach sein Wohlgefallen nicht in Worten, sondern in bescheiden zärtlichen Blicken aus. Dies wirkte. Die Wohlgestalt des jungen Bauers trat nun in ihr Recht ein; dem guten Mädchen ging bei seiner Huldigung das Herz auf und die Freude blickte aus ihrem Gesicht.

Ludwig mußte sich sagen, daß ihm eine solche Schönheit noch nicht vorgekommen sei. Er wiederholte seine Besuche. Bald fing er an Unruhe zu spüren, redete hie und da »aus dem Weg naus« und ließ seine Geschicklichkeit in der Ansprache sehr vermissen, was ihm aber bei Annemarie gar nicht schadete. Die jungen Leute waren glücklich sich zu sehen und zu fühlen, daß eines bei dem andern etwas gelte.

Die erste Zeit einer entstehenden Liebe hat das Schöne, daß man noch nicht fragt, was daraus werden soll. Man hat sich noch kein Ziel gesetzt, darum sieht man auch noch keine Gefahren und Hindernisse. Ein Wohlgefallen an einander haben darf man ja, man läßt daher seine Empfindung gewähren und freut sich und macht Freude. Diese erste Neigung wird auch noch von andern begünstigt. Die Leute lächeln, wenn sie sehen, wie die beiden sich mit den Augen suchen und wieder zusammenzukommen trachten; sie gefallen sich, darin sie gemüthlich zu plagen und eines mit dem andern aufzuziehen. Und da es noch nicht zur Erklärung gekommen ist, so kann das Mädchen einem solchen Plagenden mit Wahrheit erwiedern, er irre sich, oder er sei nicht gescheidt. -- Aber in solchem Spiel webt sich aus dem ersten Wohlgefallen nach und nach ein Band, durch das man sich gefesselt fühlt. Es sammelt sich ein Schatz von Gefühlen und mehrt sich täglich, und weß das Herz voll ist, deß muß der Mund übergehen.

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Die Gelegenheit zur Erklärung gab eine Hochzeit, die nach Dorfsitte mit Essen und Trinken, Spiel und Tanz im Wirthshause gefeiert wurde. Nach überliefertem Brauche gehört der Tanzboden von Mittag bis Abend den Hochzeitgästen. Hat aber nach der Abendmahlzeit und nach Abgabe der Hochzeitgeschenke der Schullehrer eine Dankrede in Versen gehalten und mit seinen Zöglingen ein geistliches Lied gesungen, dann kündigt ein weltliches Lied, das ein kecker Bursche sich anzustimmen erlaubt, die Herrschaft der jungen Leute des Dorfes an. Die Hochzeitgäste, zumal die aus andern Dörfern, verlieren sich nach und nach, das Brautpaar wird von einem Theil der Musikanten nach Hause begleitet: der zweite Theil der Lustbarkeit, der »Ansing,« hat begonnen und die Jugend des Dorfs nimmt den verlassenen Raum ein.

Ludwig hatte der Hochzeit als Gast beigewohnt, aber wenig getanzt und überhaupt ein nachdenkliches Wesen gezeigt. Als er einmal allein dasaß, kam ein munteres Mädchen auf ihn zu und sagte: »Warum tanz'st du nicht, Ludwig?« Er wußte nichts Gescheidteres zu erwiedern, als, daß es ihm nicht recht gut sei. Das Mädchen sah ihn lächelnd an und sagte: »Die rechte Tänzerin ist nicht da. Aber hab' nur Geduld, sie wird heute Abend schon kommen.« Ludwigs Gesicht erheiterte sich; er wußte allerdings, daß er sie erwarten durfte. -- Nach dem Abendessen ging er nach Hause, vertauschte den Hochzeitrock mit der Sammtjacke, kehrte in's Wirthshaus zurück und setzte sich zu einem Burschen, der Regine, die Tochter des Bäckers, zum Schatz hatte, und mit dem er daher in der letzten Zeit vertrauter geworden war. Bald erhielten die beiden einen Wink; sie gingen hinaus, und Hans führte Regine, Ludwig Annemarie unter die Tanzenden.

Wer sich den Moment vergegenwärtigt, wo er zum erstenmal die, welche er liebt, in den Arm fassen durfte, um nach dem fröhlichen Takt eines Walzers durch den Saal zu fliegen, der begreift das Glück des jungen Paares. Geflogen wurde hier freilich nicht; der Bauer bleibt beim Tanz mit seinen Füßen mehr auf dem Boden, als der Städter, und kommt langsamer vorwärts; aber die Wirkung ist dieselbe. Es war eine Freude, den beiden zuzusehen. Sie waren ohne Vergleich das schönste Paar und tanzten auch am schönsten. Dabei war Ludwig so vergnügt, daß er, wie man zu sagen pflegt, den Mund nicht zusammenbringen konnte, und Annemarie lächelte selig in sich hinein. Jene Muntere, die mit ihrem Liebhaber wieder zum Tanz gekommen war, trat einmal zu ihm und sagte: »Ist dir jetzt wieder gut, Ludwig?« Und dieser hatte den Muth zu erwiedern: »Ja wohl, in meinem Leben wünsch' ich mir's nicht besser!«

Auf dem Dorfe tanzt man nicht Touren, sondern ~Reihen~, und zwar deren so viel, als man wünscht und aushalten kann. Ein Bursche singt ein Lied vor -- in Altbayern »Schnaderhüpfel,« im Ries »Schelmenliedle« genannt -- und die Musikanten spielen es zum Tanz. Ist der Reihen aus, so führt der Bursche sein Mädchen gehend an der Hand, während ein neues Lied einen neuen Tanz einleitet. Diese Sitte verursacht manchmal Streit und die Spielleute kommen in große Noth, wenn zwei tüchtige Bursche verschiedene Lieder singen und jeder verlangt, daß seines aufgespielt werde. In der Regel läßt indeß einer dem andern schon beim Singen den Vorrang und wird auch wohl beim Streite noch zum Nachgeben beredet. -- Während man herumging, erklärte Ludwig der Geliebten die Frage jenes Mädchens und seine Antwort; und die Glückliche, die so deutlich sah, wie viel er auf sie hielt und wie ernst es ihm war, konnte sich nicht enthalten, ihm dankbar die Hand zu drücken.

Nachdem sie sich so ziemlich müde getanzt, führten die beiden Kameraden ihre Tänzerinnen in die Stube und boten ihnen zu trinken, worauf die Mädchen, um mit Goldsmith zu reden, »den Rand des Kruges küßten.« Man setzte sich zusammen, um zu plaudern. Ludwig hatte nicht bemerkt, daß während des Tanzes sein Vater auf der Stiege gestanden, ihn mit Annemarie gesehen und sehr verfinsterten Angesichts das Wirthshaus verlassen hatte. Ein boshafter Nachbar hatte ihm gesagt, sein Ludwig tanze heute so schön, und der Alte, dem es ganz recht war, daß sein Sohn auch darin sich auszeichnete, wollte sich das Vergnügen machen, ihn zu sehen. War es ihm nun schon sehr fatal, ihn mit Annemarie tanzen zu sehen, von der man ihm gesagt, daß sein Ludwig ein Aug' auf sie habe, so ärgerten ihn noch mehr die zärtlich glücklichen Mienen des Paars. Er ging sehr verstimmt nach Hause, um zunächst der Ehehälfte seinen Verdruß mitzutheilen, am nächsten Morgen aber mit dem Burschen selbst ein Wörtchen zu reden. -- Von alledem ahnte Ludwig nichts, seine Freude blieb daher ungestört. Nach einer Weile kam ein junger Bursche und forderte Annemarie zum Tanz auf. Ludwig sah ihn groß an und hatte gute Lust, ihm zu sagen, er solle sich fortscheeren und eine andere suchen. Allein er besann sich, daß er dazu kein Recht habe, und ließ sie ziehen. Er sah dem Tanzen zu und freute sich an der sittigen Haltung Annemarie's und an der Art, wie sie den etwas unbeholfenen jungen Menschen leitete. Als dieser, der sich gewaltig abgearbeitet hatte, den Schweiß von der Stirne wischte, trat Ludwig zu ihm und sagte: »Du bist müde, ich will dich ablösen.« Ohne Weiteres nahm er das lächelnde Mädchen bei der Hand und mischte sich unter die Paare.

Den ganzen Abend tanzte er nur einmal mit einer andern, nämlich mit jener Muntern, weil er sicher war, daß sie ihn mit der Geliebten aufziehen und von ihr reden würde. Er kam Annemarie beinahe gar nicht von der Seite, und sie hatte dabei ein Ansehen, als ob's nie anders gewesen wäre. Beide waren in jener Stimmung, wo man ganz in dem Lichte seliger Empfindungen lebt und das trunkene Auge in den Menschen umher nur Schattengestalten erblickt, die wie in einer andern Welt ihr Wesen treiben. Sie sahen nicht, wie man um sie her sich in die Ohren zischelte und den Kopf schüttelte; sie bemerkten nicht, wie die zwei langgewachsenen Töchter eines reichen Bauern, vor deren Augen Ludwig ebenfalls Gnade gefunden hatte und die mit Bruder und Vetter da waren, regelmäßig, so oft sie an dem glücklichen Paar vorübergingen, den häßlichen Mund verzogen, wodurch er keineswegs schöner wurde.

Endlich kam Mitternacht heran und die gesammte Jugend begab sich in die große Stube, um sich zum Schmause zu setzen. Ludwig blieb auf dem Tanzboden mit Annemarie zurück; die Talglichter waren herabgebrannt und der Raum beinahe dunkel. Er nahm die Geliebte bei der Hand und führte sie zu einem offenen Fenster, und beide blickten in die laue, trübe Mainacht hinaus. Nachdem sie eine kurze Zeit schweigend vor sich hingesehen, sagte Ludwig: »Was ist das für ein schöner Ansing! In meinem Leben bin ich nicht so vergnügt gewesen, wie heut. Aber du,« setzte er herzlich hinzu, »bist auch die schönste und liebste Tänzerin, die man finden kann.« -- »Mach mich nicht roth,« erwiederte sie und wurde roth vor Freude, »du thust mir zu viel Ehr' an.« -- »Dir kann man gar nicht zu viel Ehr' anthun,« rief Ludwig, um sein volles Herz durch Lobpreisung zu erleichtern, »du bist das erste Mädchen im ganzen Ries!«

Annemarie schwieg. Mit einem leisen Seufzer und als ob sie die letzten Worte nicht gehört hätte, sagte sie endlich: »Wenn ich deines Gleichen wäre!« -- Sie wollte sagen: wenn ich die Tochter eines reichen Bauern wäre! -- Ludwig, den Unterschied ohne Weiteres zugebend, erwiederte: »Das ist mir einerlei, du bist mir die liebste, lieber als alle Bauerntöchter miteinander. In meinem Leben wünsch' ich mir keine Bessere wie dich!« -- Und er bekräftigte diese Betheurung mit einem zärtlichen Händedruck. -- Das war zu viel für das gute Mädchen. Sie erhob sich und sah ihn an. »Ach, Ludwig,« sagte sie mit einer Stimme, die vor Freude zitterte, und mit einem Ton, als ob sie ihre Worte keineswegs für ganz richtig hielte, »ach, Ludwig, ich bin dich nicht werth!« -- Statt aller Antwort faßte Ludwig sie um den Hals und drückte einen herzlichen Schmatz auf die schönen Lippen, die nicht in der Stimmung waren, sich zu weigern, sondern vielmehr gleich darauf das schöne Geschenk dankbar mit Zinsen zurückgaben. Niemand war Zeuge dieses Vorgangs. Es war ganz dunkel geworden. Nur die feuchten Augen der Glücklichen leuchteten gegen einander.

Regine trat aus der Stube, sie zu suchen; Annemarie eilte zu ihr und ging mit ihr zurück. Ludwig kam später nach, strahlend vor Vergnügen. Er ließ in der Freude seines Herzens eine Flasche Wein kommen und auftragen, was gut und theuer war. Die beiden Langgewachsenen wurden gelb vor Neid und Aergerniß.

Nachdem in der ganzen Stube die Messer und Gabeln bei Seite gelegt waren, begannen die Spielleute »auf den Tisch hinein zu machen,« nämlich Musik. An jedem Tisch pflegt der Bursche, der's versteht, ein längeres Lied vorzusingen; die Musikanten setzen einen zinnernen Teller auf den Tisch und spielen das Lied nach. Wenn dies ein paarmal geschehen, so wirft jeder Bursche mit Art ein Geldstück auf den Teller -- größer oder kleiner, je nachdem es die Ehre und der Beutel leidet -- und die Musikanten treten zu einem andern Tisch, um eine neue Ernte zu halten. Der Meister der jungen Leute ist hier derjenige, der mit einem ~neuen~ Lied auftreten kann. Denn auch auf dem Lande will man nicht immer dasselbe, sondern was Frisches hören und seine Kenntnisse bereichern. Gewisse alte Volkslieder, die jetzt in gebildeten Kreisen Glück machen, sind bei solchen Gelegenheiten geradezu verpönt; und als diesmal der junge Mensch, der mit Annemarie getanzt hatte, sich ein Ansehen gab und begann:

Es steht ein Wirthshaus an dem Rhein --

brach ein allgemeines Gelächter aus. »Das hast du wohl von dei'm Aehle (Aehnlein, Großvater) gelernt!« rief ihm Einer zu, und eine runde Dirne an seinem Tisch sagte mit mütterlichem Ausdruck: »Besinn dich auf ein anderes, Jakob; so ein junger Bursch darf kein so altes Lied singen!« Dem verdutzten Jungen fiel jedoch nichts ein, so sehr er auch in die Luft hinstarrte, als ob es dort abzulesen wäre. Er mußte es einem andern überlassen, die Ehre des Tisches zu retten.

Die Zeit nach dem Essen ist überhaupt die, wo verschiedene Späße losgelassen werden. Ein anderes Bürschchen, das zum erstenmal bei einer solchen Gelegenheit war, sang ein bekanntes Lied in herzbrechend falschen Tönen; ein geschickter junger Clarinettist copierte ihn Ton für Ton, was große Heiterkeit verursachte und dem Musikanten von den »Ausgelernten« großes Lob zuzog. Der junge Bursche kam zum erstenmal über seinen Gesang zur Erkenntniß und wurde roth. Ein alter Musikus mit gemüthlicher Kupfernase, der das Horn blies, sagte schmunzelnd: »Laß dich nicht irre machen, Mathes, und halt's nur immer recht mit den Musikanten, dann erleb ich's noch, daß du die andern alle herunterstichst.« Das Bürschchen, das nicht dumm war, verstand den Wink; um sich wenigstens auf eine Art auszuzeichnen, nahm er aus seinem nagelneuen ledernen Beutelchen das Doppelte heraus, was er erst hatte geben wollen, nämlich zwei Sechsbätzner, und warf sie in den Teller, daß es klang. »Siehst du,« sagte der geriebene alte Hornbläser, »~der~ Ton ist schon besser!«

Zuletzt kamen die Musici an den kleinen Tisch, wo Ludwig mit Annemarie, Hans und Regine saß, und spielten eine kleine Einleitung. Ueber das Gesicht des jungen Bauers verbreitete sich ein wohlgefälliges Lächeln. Er hatte von Augsburg ein Lied mitgebracht, das wenigstens für die anwesende Gesellschaft vollkommen neu war, und wollte sich nun gehörig damit zeigen. Als die Musik zu Ende war, setzte er sich in Positur und hub an:

Wir winden dir den Jungfernkranz Mit veilchenblauer Seide u. s. w.