Erzählungen aus dem Ries

Part 1

Chapter 13,584 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~.

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Erzählungen aus dem Ries.

Von

Melchior Meyr.

Berlin, 1856.

Verlag von Julius Springer.

Inhalt.

Seite Ludwig und Annemarie 1

Die Lehrersbraut 109

Ende gut, Alles gut 277

Vorwort.

Die erste der drei Erzählungen dieses Bandes wurde 1852 im ~Morgenblatt~ veröffentlicht. Der Beifall, den sie erhielt, und die freundliche Aufforderung von Seiten der Redaction veranlaßten mich, im letzten Winter die zweite zu liefern. Die dritte, im laufenden Jahr geschrieben, erscheint hier zum erstenmal.

In der Einleitung zur ersten habe ich über das ~Ries~ die nöthigen Aufklärungen gegeben und meine Ansicht über das Genre ausgesprochen, das ebenfalls zu cultiviren ich mich berufen fühlte. Zur Unterstützung des dort Gesagten nur wenige Bemerkungen.

Das, was man unter dem Namen »Dorfgeschichte« begreift, ist in Bezug auf idyllische Darstellung im weiteren Verstande des Worts ein Fortschritt, in sofern darin von erträumten Zuständen und schablonenmäßiger Behandlung zur Auffassung der Natur und des wirklichen Lebens übergegangen ist. Man gewann neue, frische Gegenstände und eine neue Behandlung; und das Publikum überzeugte sich, daß die Personen in den gelungensten dieser Erzählungen darum, daß sie lebenswahr und individuell im Bilde stehen, an Reiz und Interesse keineswegs verloren haben. Der Beifall, den diese Erzeugnisse fanden, mag mit daran Schuld sein, daß man Anklagen gegen sie erhoben hat, die nur ihre schwachen Nachahmungen treffen. Die Dorfgeschichte soll freilich das getreue Bild eines wirklich vorhandenen Landlebens aufstellen; allein ist der Erzähler dichterisch begabt, so verhindert ihn nichts, dieses Leben poetisch zu verklären. Er kann das Material, das ihm die Wirklichkeit bietet, zu einem Organismus ausprägen, der auf den Leser alle Eindrücke eines künstlerischen hervorbringt. Er kann es -- wenn er der Mann dazu ist.

Von Seiten derer, die in Fragen der Poesie nicht zu entscheiden berechtigt sind, weil sie ihre Begriffe nur von einzelnen Erscheinungen derselben abgezogen haben und das Werdende und das Seinsollende -- das Ideal nicht in Anschlag bringen können -- von Seiten dieser in Deutschland nicht seltenen Urtheiler ist die Würde und die Bedeutung des Gegenstandes angestritten worden, auf den sich der Dorfgeschichten-Erzähler gewiesen sieht. Allerdings bewegt sich das Leben des Landvolks -- und nun gar das eines bestimmten Landvolks! -- in genau begränzter Sphäre. Allein innerhalb derselben findet sich gleichwohl alles Menschliche -- alle Tugenden und Schwächen des Menschen und eine reiche Bethätigung derselben -- wenn auch in eigenthümlichen, nach gewisser Seite hin beschränkenden Formen. Wer das Alles nun klar zu sehen -- wer die Tugenden und Fehler in Aufdeckung ihrer Quellen treu zu schildern und in das Licht wahrer poetischer Gerechtigkeit zu erheben, wer dem vorgeführten Conflict in Handhabung dieser Gerechtigkeit einen befriedigenden Schluß zu geben vermag -- wie sollte der abgehalten sein, in Darstellung solchen Lebens ein poetisches Werk hervorzubringen?

Von dem Erzähler, der auf diesem Gebiete dem Ideal sich nähern soll, ist freilich außer der poetischen Begabung noch Eines unabweislich gefordert: er muß unter dem Volke, das er zu schildern unternimmt, gelebt und Leid und Freud mit ihm getheilt haben. Er muß im Innern der Familien heimisch sein und seine Leute in Situationen gesehen haben, die ihre derbere Natur und ihr einfacheres Wesen auch wirklich in Bewegung zu setzen und zu antheilerweckenden Aeußerungen aufzuregen vermochten. Dem flüchtigen Beobachter wird das Landvolk im Guten und im Schlimmen sich nicht offenbaren, und weder im Wirthshaus noch in der Amtsstube kann man den ganzen Bauer kennen lernen, weil hier wie dort nur einzelne Seiten zum Vorschein kommen, und zwar keineswegs die besten. Mit der Kenntniß des Gesammtlebens, wie sie nur der Mitlebende sich erwirbt, muß der Autor zugleich jene Liebe zum Volke verbinden, ohne die es unmöglich ist, das Schöne und Gute in ihm zu sehen und herzgewinnend hervorzubilden. Allein die wahre Kenntniß und die Liebe gehen immer Hand in Hand; denn nur die Liebe ist im Stande, wahre Kenntniß zu erlangen.

Der Dorfgeschichten-Erzähler, in welchem die erforderlichen Eigenschaften vereinigt sind, hat von seinem Gegenstand, der ihn auf der einen Seite beschränkt, auch wieder ganz eigenthümliche Vortheile. Er schildert Menschen, die entschieden ausgeprägt sind, und doch in einer Sphäre der Naivität sich bewegen, die ihren Aeußerungen den Reiz des Kindlichen verleiht und auch bei den ergreifenden uns ein Lächeln entlocken kann. Rührung und Erheiterung -- wie dies namentlich auch die Werke Jeremias Gotthelfs beweisen -- gehen in seiner Darstellung eng verbunden zusammen. Das unmittelbare Sinnen- und Gemüthsleben, das in der Sphäre unverdorbener Landleute herrschend ist, giebt auch der hier bewußtesten Persönlichkeit und den von ihm entferntesten Eigenschaften noch etwas von seinem Gepräge. Die ~Natur~ in ihrer Kraft, in ihrem quellend frischen Leben, das uns umfließt, wie das Wasser des lebendigen Stromes die Glieder des Badenden, sie, die nährende Trägerin alles Lebens ist es, die ihr Füllhorn ausgießt, wenn der Darsteller nur den Geist hat, dem sie liebend und mittheilend entgegen kommt! --

Ist die Möglichkeit einer wesentlich poetisch gehaltenen Dorfgeschichte bewiesen, dann wird es Erzählungen, die in der That poetisch wirken, nicht zum Vorwurf gemacht werden können, daß durch sie zugleich noch andere Zwecke erreicht werden. Wenn sie, von ästhetischer Ergötzung abgesehen, zur Kenntniß des Volkes, seiner Denkweise und Sitten beitragen; wenn sie auf die Frage der Volkserziehung beachtenswerthe Lichter werfen; wenn sie die geistige Scheidewand niederreißen helfen, die zwischen den gebildeten Klassen und den Landleuten noch besteht, und die einseitigen Begriffe, die sich jene von diesen machen, berichtigen -- wenn sie den Beweis liefern, daß man sich des deutschen Bauers gerade nicht zu schämen hat, und die gebildeten Classen zu dem Gedanken erheben, daß sie mit dem richtig erkannten und richtig behandelten Bauer Ein Volk zu bilden haben -- dann wird dies an solchen Erzählungen kein Mangel, sondern nur eine Tugend mehr sein.

Wie weit ich mich in den folgenden Erzählungen dem Ziele, das ich mir hiernach stecken mußte, genähert habe, das mögen berufene Kritiker und freundliche Leser entscheiden. Kenntniß des Volks, das ich schildere, und Liebe zu ihm wird mir nicht abzusprechen -- und das Streben, aus dem ächten Material Kunstwerke zu bilden, wird nicht ganz ohne Frucht geblieben sein. Die Gedanken, die der ersten und der zweiten Erzählung zu Grund liegen und durch sie zur Anschauung gebracht werden sollen, treten dem Urtheilenden so klar entgegen, daß ich über sie nichts weiter zu sagen habe. Auch der dritten, in der ich den ungedämpften Realismus des Riesers in die Sphäre des Humors zu erheben trachtete, wird man vielleicht die Bedeutung eines Gleichnisses zugestehen. Die Aufgabe, die ich mir hier gestellt, bedingte in den Gesprächen die durchgängige Anwendung des Dialekts, worin die geführten Reden allein die erforderliche Natürlichkeit und humoristische Kraft haben. Allein der Rieser Dialekt ist leicht zu verstehen, und einzelne schwierige oder in der Schriftsprache nicht gebräuchliche Ausdrücke sind in Parenthesen erklärt. Bei gewissen Gegenständen ist die Mundart für den geistigen Menschen, was die Landestracht für den leiblichen; und wenn die schönwissenschaftlichen Arbeiten nebenbei die Kenntniß der deutschen Dialekte fördern, so wird das wohl ebenfalls eine löbliche und nicht unzeitgemäße Eigenheit sein.

Zur richtigen Lesung und zum Verständniß jener Gespräche werden folgende Nachweisungen dienen.

Im Rieser Dialekt, ähnlich wie in andern, wird vielfach das n nicht ausgesprochen, aber der Nasenton des ihm vorhergehenden Vokals oder Diphthongen beibehalten. Die »Bahn« wird zur »Bah'«, aber das a darin ebenso durch die Nase wie in dem hochdeutschen »Bahn« -- also wie das französische +ban+ ausgesprochen. »Es scheint« wird »es schei't«; der Diphthong behält den Nasenton des »scheint« und das Wort darf keineswegs wie Scheit (Holz) gelesen werden. -- Ich habe diesen Ton durch den Apostroph hinter dem betreffenden Vokal oder Diphthongen bezeichnet.

Der Rieser legt bei gewissen Worten nach dem Vocal ein kurz und gleichfalls durch die Nase zu sprechendes a oder e ein. Er sagt statt »gut,« guat oder guet, statt »gern« geara'. Guet läßt etwas feiner als guat.

In »ab«, »herab«, läßt der Rieser das b unausgesprochen; er sagt »ah«, »rah«. Abfallen wird Ahfalla'.

Das au verwandelt man im Ries vielfach in o oder oh, das ei in oe, das a in o, das i in e. Es heißt z. B. statt rauchen rohchen, statt klein kloe, statt Mahl Mohl, statt finden fenden. Weiß man dies, so wird aus dem Zusammenhang der Rede das entsprechende hochdeutsche Wort leicht zu erkennen sein. Das oe habe ich, damit es nicht ö gelesen wird, in den ersten Erzählungen mit trennenden Punkten versehen.

Wie in andern Gegenden Deutschlands, so wird auch im Ries häufig d gesprochen, wo die Schriftsprache t -- b, wo sie p hat. Man sagt danza' statt tanzen, doa' statt thun, Bost statt Post etc.

Für »wir« hat der Rieser »o's« (uns) -- aber nur da, wo der Nachdruck auf diesem Worte liegt. Er sagt: »O's Rieser« = wir Rieser. »Send o's net so guet, wie ander Leut?« = Sind wir nicht so gut wie andre Leute? -- Hat »wir« dagegen nicht den Accent, so wird es zu mer (m'r) oder wer (w'r). »Mer hont scho' gmuag« = wir haben schon genug. »Reißa' mer's raus« = reißen wir's heraus.

Die Betonung hat auch sonst Einfluß auf die Fassung der Worte. »Ich« lautet, wenn es mit Nachdruck gesprochen wird, »ih«. Bei geringerer Betonung wird es zu i, bei der geringsten zu e. Es heißt: »Ih solls do' haba'?« = ~ich~ soll's gethan haben? »Soll i's oh doa'? = soll ich's auch thun? »Des hab' e do'«, = Das hab' ich gethan. »Dir« lautet »Dir«, wen es den Accent hat; wo nicht, so wird es zu »Der«, »D'r«. Z. B. »I hab ~dir's~ gsakt (gesagt). I hab d'r's ~gsakt~.«

Die Rieser Mundart braucht einzelne Worte in anderm Geschlecht als die Schriftsprache. »Ich habe keine Lust dazu« heißt: i hab koen (keinen) Luhft derzua'. »Luft« existirt weiblich und männlich. Die Luft ist ruhige Luft; der Luft, active Luft, Wind. Man sagt z. B. »'s got (geht) a starker Luhft!«

In Bezug auf Deklination ist zu bemerken, daß der Rieser statt des hochdeutschen Genitivs ein »von« anwendet; z. B. die Größe meines Sohnes = die Gröaß von mei'm Soh'; -- oder nach dem Genitiv ein Fürwort setzt: z. B. des Bauern Haus = d's Baura' sei' (sein) Haus.

In der Conjugation weicht er von der Schriftsprache vielfach ab. Er conjugirt: I hab (ich habe), du host, er hot; o's hont, uir hont, sie hont. I wear (ich werde), du wurscht, er wurd; o's wearet, uir wearet, sie wearet. I sig (ich sehe), du sikst, er sikt; o's sehet (seha't), uir sehet, sie sehet. »Sie wearet« heißt auch, sie weara', und so bei andern Zeitwörtern. Vom Imperfectum braucht der Rieser nicht den Indicativ, wohl aber den Conjunctiv. Statt »ich ging« sagt er: i ben ganga'. Für »ich ginge wohl« hat er aber: i geang wohl. Wenn er das Imperfectum »war« anwendet, so bedeutet es entweder »wäre« oder »ist«. Eigenthümliche Zusammenziehungen sind: Gommer = gehen wir; hommer = haben wir; lommer = lassen wir.

Der Hiatus wird im Dialekt möglichst vermieden. A' = ein wird vor einem Wort, das mit einem Vokal anfängt, zu a'n. Es heißt: a Fueß (Fuß); aber nicht: a' Aug, sondern a'n Aug. --

Das dürfte genügen. Andere Abweichungen, Auslassungen von Buchstaben und Zusammenziehungen, Dehnungen (die mit Einlegung eines h bezeichnet sind) bieten für den Leser keine Schwierigkeit.

Schließlich haben wir nur noch zu bemerken, daß der Schriftsteller in Gesprächen die mehr oder minder gebildeten Landleute durch minder oder mehr entschiedenen Dialekt charakterisiren muß. Wenn man also auch in unsern Erzählungen Variationen antrifft, so wolle man darin keine Nachlässigkeit oder Willkür, sondern vielmehr das Bestreben erkennen, den Modificationen zu folgen, die im Leben selber vorkommen.

~Ebermergen~ bei Harburg im Ries.

Der Verfasser.

Ludwig und Annemarie.

Das Ries ist ein Gau im Schwabenlande, einige Stunden nordwärts von der Donau. Der größte Theil gehört zu Bayern, der nordwestliche Strich zu Württemberg. Man braucht in diesem Gau nicht geboren zu sein, sondern nur in guter Jahreszeit darin verweilt zu haben, um ihn für einen der anmuthigsten und gesegnetsten in unserem Vaterlande zu halten. Wer an einem schönen Juni-Abend auf einer der westlichen Anhöhen steht und die von bewaldeten Hügeln umschlossene Ebene erblickt in dem glänzenden Reichthum ihrer Feldfrüchte, die alte Reichsstadt Nördlingen mit ihrem hohen Thurm, die fürstliche Residenz Wallerstein mit dem grauen Felsen, der früher die Burg der Grafen von Wallerstein trug, hier und da ein wohlerhaltenes Schloß oder ehemaliges Klostergebäude und die Menge schmucker Dörfer, den wird ein freudiges Gefühl überkommen: er hat nicht nur eine schöne, fröhliche Landschaft vor sich, sondern er fühlt zugleich, daß ihre Bewohner begünstigte Menschen waren und sind.

Das Ries ist eine kleine Welt und birgt eine nicht unbedeutende Mannigfaltigkeit von Lebenserscheiuungen in sich. Daß es theils bayrisch, theils württembergisch ist, scheint zu seinem Wesen zu gehören. Die Bewohner zerfallen in Protestanten und Katholiken, die zerstreut durcheinander wohnen. Im protestantischen Theile und namentlich unter den Geistlichen fanden sich vor einigen Jahrzehnten die Extreme der frommgläubigen und rationalistischaufgeklärten Anschauung vertreten, von denen die erstere eine sehr rege Thätigkeit entwickelte. Auch Juden fehlen nicht in dem wohlhäbigen Landstrich. Sie sitzen an einzelnen Orten, hauptsächlich in Wallerstein, in verschiedenen Abstufungen des Vermögens und Ansehens, vom reichen Kaufmann und Geldverleiher an bis herab zum Schmuser, der sich auf Märkten durch leidenschaftliche Verständigungsversuche seinen Bedarf erkämpft. Der Dialekt ist schwäbisch in besonderer Ausbildung, an einzelnen Punkten von Alters her eigenthümlich modificirt. Nördlingen und Wallerstein liegen kaum eine Stunde auseinander, und doch ist der ächte Nördlinger von dem ächten Wallersteiner an Mundart und Betonung sogleich zu unterscheiden. In Oettingen, wie überhaupt an der nordöstlichen Grenze, herrscht der fränkische Dialekt. Der Menschenschlag ist arbeitsam, gewerbthätig und von gemüthlichem, vergnügtem Wesen, sehr geneigt zu Scherz und Neckerei. Man findet darunter noch viele Exemplare von jenem angenehm drolligen und komischen Gepräge, das der verständigen Ernsthaftigkeit unserer Zeit immer mehr weichen zu wollen scheint. Das schöne Geschlecht macht seinem Namen alle Ehre; auf den Dörfern begegnet man nicht nur stattlichen und tüchtigen, sondern auch gar feinen und zierlichen Gestalten. Die Landestracht ist kleidsam, wenn sie mit Geschmack behandelt und von den Frauen in der Zahl der Röcke ein gewisses Maaß eingehalten wird. Uebrigens greift auch hier die französische Tracht um sich, und in dem Anzug der Frauen und Töchter wohlhabender Landleute findet sich Einzelnes derselben mehr oder minder glücklich mit der Landestracht verbunden.

Der Verfasser hängt an diesem Gau mit begreiflicher Liebe. Er ist darin geboren und hat in ihm die schöne Jugendzeit verlebt. Als Gymnasiast und Student verbrachte er hier die glücklichsten Ferientage. In dem Alter, wo man um so reicher an poetischer Empfindung und Anschauung ist, je weniger man sie noch kunstmäßig auszudrücken vermag, lebte er das fröhliche Rieserleben mit und nahm mit nie versiegender Freude seine Eigenthümlichkeiten in sich auf. Die Landschaft, von dem Duft seiner Jugendgefühle übergossen, hat für ihn einen poetischen Reiz wie keine andere.

Schon einmal im dem ländlichen Gedicht: »Wilhelm und Rosine,« das 1835 erschien und eine Dorfgeschichte in Hexametern genannt werden kann, hat Schreiber dieses seiner Heimath in Schilderung ihres Dorflebens seinen poetischen Dank abgetragen. Er versucht es zum zweitenmal in einer Erzählung. Nach den ächten Darstellungen von von Immermann und Berthold Auerbach ist das Genre der Dorfgeschichten durch Nachahmungen bei uns in die Mode und wieder aus der Mode gekommen. Aber das kann eine getreue Schilderung wirklicher Lebensverhältnisse nicht berühren. Im deutschen Volke sind noch Schätze zu heben von eigenthümlicher Art und Sitte, von eigenthümlichen Freuden und Leiden, von besondern Verbindungen der überlieferten Stammesbildung mit der neuen Zeitbildung. Wer von einem so bestimmten Leben ein dichterisch treues Abbild zu geben weiß, der wird empfänglichen Menschen immer Freude und Nutzen gewähren können. Das Aechte wie das Ewige hat immer seine Zeit; und auch Annäherungen an das höchste Ziel, wie sie dem frischen Streben gelingen, werden nicht unwillkommen sein.

Nun zu unserer Geschichte. Sie hat sich vor einer Reihe von Jahren zugetragen, wo durch die Ebene noch nicht der Dampfwagen brauste und das Leben überhaupt noch ein idyllisches Gepräge trug, wie es jetzt nicht mehr so ganz der Fall sein mag.

* * * * *

Der Geistliche eines Dorfes in der Nähe von Nördlingen wandelte an einem schönen Sommermorgen in seinem Garten, der hinter dem wohlgebauten, zweistockigen Pfarrhause lag. Er hatte schon eine Zeitlang gearbeitet und wollte nun einen Gang in freier Luft machen und nach den Fortschritten der Gewächse sehen. Da dieser Mann in den spätern Verlauf unserer Geschichte bedeutend eingreift, so wollen wir den Leser schon jetzt näher mit ihm bekannt machen. Er war ein Sechziger, bei mittlerer Größe von stattlichem Ansehen und offenbar im Besitz einer stetigen Gesundheit. Aus den regelmäßigen Gesichtszügen sprach Erfahrung, Verstand und eine heitere Freiheit des Geistes. Er hatte auf der Universität neben den theologischen allgemein bildende Studien getrieben, als Hofmeister in vornehmen Cirkeln und auf Reisen die Welt kennen gelernt und die Laufbahn eines Geistlichen von unten auf gemacht, bis er die einträgliche Stelle erhielt, wo er nun seit zehn Jahren ein ruhig glückliches Leben führte. Der Glaube an die Grundlehren der evangelischen Kirche war bei ihm ein Trieb und eine Forderung des Herzens, aber sein Christenthum war liebevoller, freundlicher Art. Die Natur mit Feuer und Schwert austreiben zu wollen, aus einer Mücke einen Elephanten zu machen und die Gemüther durch übertriebene Forderungen zu verwirren, war nicht seinem Charakter gemäß. Er rügte streng, wo es ihm klare Einsicht gebot, aber lieber schilderte er das höhere Leben in einer Weise, daß es durch seine eigene Schönheit die empfänglichen Herzen gewann. Er war milde, weil er zu unterscheiden wußte und das Gute in der Natur und in dem Gehaben des Volks erkannte. Als Seelsorger und im sonstigen Verkehr mit den Gliedern seiner Gemeinde freute er sich, jene brave Klugheit anzuwenden, welche die Menschen mit leichten Mitteln zu lenken versteht. Er war dem Scherz nicht abhold, und aus dem anmuthigen Ausdruck seines Mundes konnte man schließen, das er freundschaftliches Gespräch selber damit zu würzen verstand.

Die Sonne schien heiß vom wolkenlosen Himmel. Dieß hielt den Pfarrer nicht ab, den Schatten der Kastanienbäume am Hause zu verlassen und geschützt durch sei schwarzes Käppchen, unter dem rechts und links ein silbergrauer Haarbüschel hervordrang, erst die Blumenbeete, dann auf dem grasigen Platz die reifenden Kirschen zu betrachten. Aus einem Gesicht, dessen bräunliches Roth sich von dem anderer Landbewohner durch einen feineren, geistigeren Ton unterschied, sah eine innere Freudigkeit, die mit der Schönheit des Sommertags ganz in Harmonie war.

Als er sich eben anschickte, unter die Kastanienbäume zurückzukehren, wurde die Thüre, die vom Pfarrhaus in den Garten führte, rasch aufgemacht und ein schlanker, blonder junger Mensch von etwa sechzehn Jahren ging eilig auf ihn zu. Es war sein Enkel, der Sohn seiner Tochter, die ihren Theodor dem Großvater zur Vorbildung für die letzte Klasse des Gymnasiums zugeschickt hatte. Das sonst gleichmäßig blasse, durch die Sonne nur wenig gebräunte Gesicht war jetzt erhitzt und geröthet, und man sah aus allem, daß er etwas für ihn sehr Bedeutendes zu berichten hatte.

»Großvater,« rief er dem alten Herrn zu, »es ist gut, daß ich dich treffe! Drunten im Dorf -- nein, es ist zu arg!« Er hielt inne, um zu verschnaufen. -- Der Alte kannte seinen Mann. Er wußte, daß der junge Kopf seine eigenen Ansichten vom Leben hatte, und daß manches, was damit in Widerspruch trat, ihn oft in unverhältnißmäßige Aufregung versetzen konnte. Er war daher nicht erschreckt, sondern fragte ruhig: »Nun, was ist denn schon wieder?« -- »Drunten im Dorf,« erwiederte Theodor, »beim Angerbauer gibts Händel, Händel zwischen Vater und Sohn. Ich hab's selber gesehen.« -- Der Alte wurde ernsthaft und eine Bewegung seines Kopfes verrieth, daß ihm die Nachricht nicht ganz unerwartet kam. Er sagte: »Erzähle mir, was du gesehen hast, aber in der Ordnung.«

»Ich wollte in's Dorf hinunter, um hinter den Hecken mein Pensum zu lernen. Da sah ich vor dem Hause des Angerbauers einen Haufen Leute stehen, und wie ich hingehe, hör' ich wüthendes Geschrei aus der Stube. Der Alte schmähte den Sohn und schrie wie rasend. Gott, welche Schimpfworte und Flüche! Wie ist es möglich, daß die Menschen so roh sein können!« -- »Es ist manches möglich, was du noch nicht begreifst, mein Kind,« sagte der Pfarrer. -- »Und dieser Angerbauer,« fuhr der junge Moralist fort, »der immer so gescheidt sprach und sich ein so würdiges Ansehen zu geben wußte -- von dem hätt' ich's am wenigsten geglaubt.« -- »Der Angerbauer,« bemerkte der Alte mit nachdrücklicherem Ton, »ist ein ehrenwerther Mann und der Sohn deßgleichen. Das wirst du noch einsehen. Aber nun erzähle weiter. Was hat der Bauer seinem Sohn vorgeworfen? Oder hast du das im Eifer vielleicht überhört?« -- »Nein, das kann ich dir genau sagen. Ludwig will die Annemarie beim Bäcker heirathen, und der Angerbauer will's nicht zugeben.« -- »Ich dacht' es mir,« sagte der Geistliche. -- »Wie ging der Streit aus? denn du hast doch wohl das Ende abgewartet?« -- »Wie der Alte gerast, der Sohn trutzig geantwortet und die Bäurin umsonst sich Mühe gegeben hatte, sie zu begütigen, hörte man ein Knacken, wie von einem zerbrochenen Stuhl, und der Vater schrie: »Fort! Geh aus meinem Haus und komm mir nie mehr unter die Augen!« worauf Ludwig sagte: »Hab' keine Sorg, du wirst mich nie wieder sehen,« und aus der Stube ging. Dann wurd's stille und ich lief fort, um dir's zu erzählen.«

Der Geistliche schüttelte den Kopf, schien aber von diesem Ausgang doch weniger beunruhigt zu sein, als sein Enkel erwartete. Er sah eine Zeitlang vor sich hin und nickte dann, als ob er einen Entschluß gefaßt hätte. Der junge Mensch sah ihn an und fragte: »Wirst du hingehen und Frieden stiften?« -- Der Geistliche erwiederte mit leisem Lächeln über diesen Eifer: »Der Streit ist ja aus, wie du mir sagst.« -- »Wenn aber Ludwig auf und davon geht?« -- »Daran werd' ich ihn nicht verhindern können.« -- »Aber, lieber Großvater« -- »Wirst du einem alten Pfarrer lehren, was er zu thun hat, Junge? Komm jetzt zur Großmutter.« Er nahm ihn wohlwollend bei der Hand und führte ihn in's Haus zurück.

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