Erzählungen aus dem Ries

Part 9

Chapter 93,751 wordsPublic domain

Nach einem längeren Schweigen, während dessen sie nachdenklich vor sich hingesehen hatte, begann sie wieder: »Vater, ich möchte dir etwas sagen, aber du mußt nicht bös werden.« -- »Nun,« erwiederte der Bauer mit argwöhnischem Ausdruck, »du wirst hoffentlich nicht im Ernst verlangen, daß wir dem Burschen das Mädchen geben?« -- »Behüte,« versetzte die Mutter, »das weiß ich schon, daß das nicht geht. Nein, ich hab' nur sagen wollen, daß mich der Ludwig »a'fanga« dauert (anfängt mich zu dauern). Ich glaub', er wär gern wieder bei uns, aber er hat deinen Kopf: er kommt nur nicht, weil er's einmal gesagt hat.« -- »Soll ich ihn,« bemerkte der Bauer, »etwa selber holen, weil er meinen Kopf hat?« -- »Auch nicht,« sagte die Mutter. »Ich meine nur, wir ließens ihm unter der Hand wissen, daß er kommen könnte; mit der Ev' wollten wir ihn nicht mehr plagen.« -- Der Bauer versetzte: »Nein, das geschieht nicht! um keinen Preis der Welt! Wenn ich da nachgäb', müßt ich mehr nachgeben!« -- »Aber deßwegen --« -- »Das muß ich besser wissen. Ich thu's nicht, jetzt erst recht nicht, und damit Punktum!« -- Wie gewöhnlich wenn er einen solchen Trumpf ausgespielt hatte, stand er auf und verließ die Stube.

* * * * *

Während dieser Erlebnisse der Seinen arbeitete Ludwig mit neuer Kraft und neuem Muthe weiter. Er hatte in Rücksicht auf sein Dienstverhältniß einer Anfeuerung bedurft; das Schreiben der Geliebten und die Abfassung seiner Antwort gewährten ihm diese aber in vollem Maße. Es war ihm ganz, wie er geschrieben. Sein Geist war aufgerichtet; das Bewußtsein, ein solches Herz gewonnen zu haben, das Gefühl, ihrer werth zu sein, und die Hoffnung, die aus diesem Gefühl emporkeimte, ließen ihn alle Mühen mit Freudigkeit ertragen. Er hatte nun auch eine Bekanntschaft gemacht, die ihm angenehm und tröstlich war. Von seinem Bauer zum Pfarrer des Ortes geschickt, antwortete er diesem auf seine Fragen so verständig und gutmüthig, daß der Geistliche das Gespräch verlängerte, so weit es anging, und den jungen Burschen aufforderte, ihn in freien Stunden zu besuchen. Es war dieß ein Mann in mittleren Jahren, der aber ähnliche Ansichten zu haben schien, wie der alte Herr, den wir kennen, da er an den entlaufenen Sohn keine Ermahnungen richtete, die er nicht hätte befolgen mögen, sondern sich unbefangen im Kreise allgemeiner Belehrung hielt.

Die Annehmlichkeiten, die er aus alledem schöpfte, waren Ludwig auch nöthig, um ein Uebel zu bestehen, das immer ärger zu werden schien. Dieß war der Uebermuth Michels, der nicht selten in wirkliche Bosheit ausartete. Verdroß es ihn, daß Ludwig bei seinen Neckereien nicht mehr empfindlich wurde, sondern ihn lächelnd oder mitleidig ansah; war er eifersüchtig auf die Seelenfreude, die verschönernd aus dem Gesichte des Knechts leuchtete, oder auf das Lob, das sein Vater diesem hie und da auf seine Unkosten ertheilte, genug, der junge Schmiedbauer ging in seiner herrischen Anmaßung gegen Ludwig weiter und weiter, so daß er alle die Seinen hinter sich ließ. Die schwache sinnliche Gutmüthigkeit, wie man dieß in der Welt öfter sehen kann, bestand die Probe nicht, die ihr auferlegt wurde, und verwandelte sich unter gewissen Anreizungen geradezu in Gemeinheit. Eine solche Anreizung mochte für den Burschen auch in der Nachricht seines Vaters liegen, daß der Angerbauer seinen Sohn verläugne und, wie es scheine, wirklich nichts mehr von ihm wissen wolle. Konnte man gegen einen Verstoßenen sich nicht gehen lassen nach Belieben?

Als die kleinen Mittel nichts mehr verfingen, wendete Michel die gröberen und plumperen an, und es gelang ihm nun allerdings wieder, den Untergebenen zu ärgern und zu erzürnen. Ungerechte Behandlung zu ertragen ist für gewisse Gemüther das Schwerste; und wenn sie sich's auch vornehmen, bei den Anmaßungen der Dummdreistigkeit ruhig zu bleiben, so glückt's ihnen doch nicht immer. Die Geduld Ludwigs wurde auf harte Proben gestellt; das Betragen Michels erschien ihm so kläglich, daß er den Ausbruch des Zorns und der Verachtung kaum mehr zurückhalten konnte. So sammelte sich nun aber ein Maß von Galle in ihm an, das nur noch berührt zu werden brauchte, um überzulaufen.

An einem Sonntag nach dem Essen kamen »Freunde« -- wie, man weiß, Verwandte -- des Schmiedbauern zum Besuch angefahren, Vater, Mutter und ein fünfzehnjähriger Sohn. Sie wurden mit Kaffee und »Goglopf« (Guglhupf) traktirt, welchen Madlene und die Magd am Vormittag zu diesem Zweck verfertigt hatten. Als endlich auch der »junge Vetter« dem Nöthigen zu einer neuen Schale nicht mehr Folge leisten konnte, führte man die Gäste im Hause herum und zeigte ihnen Küche und Keller, Kasten und Schreine und deren Inhalt zum Bewundern, welcher Absicht die Bauersleute höflich entgegenkamen. Michel empfand großes Verlangen, ihnen die Ställe zu zeigen, und freute sich namentlich, ihnen die Zierde derselben, einen schönen zweijährigen Braunen vorzuführen. Er eilte voraus in den Roßstall, fand den Oberknecht ausgegangen, Ludwig aber bei der Hand. Bei dem Anblick desselben fuhr der böse Feind in ihn und gab ihm den Gedanken ein, sich selbst in seiner Herrlichkeit und den Sohn des Angerbauern, der mit den Gästen ebenfalls einigermaßen verwandt war, in seiner Erniedrigung zu zeigen. Er rief in barschem Ton: »Ludwig, führ' den Braunen in den Hof!« Ludwig gehorchte und dankte den Verwandten auf den Gruß, den sie ihm boten, mit bescheidener Höflichkeit. Das junge Roß ward im Freien munter und fing an zu laufen. Michel rief ärgerlich: »Nicht so schnell!« Der Angefahrene hielt es zurück; Michel schrie nun: »Zu langsam! Marsch! Zu!« und vexirte den andern so, daß die Gäste bald sahen, worauf es hier angelegt war, den rothgewordenen Ludwig bedauerten und den Sohn des Hauses für einen dummen Prahler hielten. Endlich rief Michel: »Laß ihn laufen! Schnell! schneller!« Ludwig gehorchte; das Roß wurde im Trab übermüthig, sprang auf die Seite, traf mit den Hinterbeinen in eine kleine Kothlache, die vom gestrigen Regen herrührte, und bespritzte den schön gestreiften Rock der Bäuerin.

Auf so etwas hatte Michel gewartet. Den Umstand, daß dieser armselige Zufall nur in Folge seiner Befehle eingetreten war, natürlich außer Acht lassend, ergriff er mit Begierde die Gelegenheit, zugleich seine Machtvollkommenheit und seine Galanterie gegen die Base an den Tag zu legen; er schrie Ludwig zornig an: »Du bist ein Esel! Nicht einmal ein Roß kannst du führen, wie sich's gehört!« -- Das war aber dem Burschen zuviel. Während die Gäste Ausrufe des Bedauerns hören ließen, übergab er dem kurz vorher angekommenen dritten Knecht das Roß, trat vor Michel hin und rief: »Du bist der jämmerlichste aller Menschen! Noch ein solches Wort gegen mich, und ich brech' dich zusammen!« Seine Augen funkelten, in seinem Gesicht brannte die Glut des Zorns und der Verachtung, seine Arme zuckten, als ob er seine Rede sogleich wahrmachen wollte. Michel erschrack und trat blaß geworden einen Schritt zurück. Der gemeinschaftliche Vetter stellte sich zwischen sie und ermahnte zur Ruhe. Unterdessen faßte sich Michel wieder, und indem er eine hochmüthige Miene anzunehmen suchte, sagte er zu Ludwig: »Mit dir wird man noch fertig werden, und das bald!« Dann sah er sich um, ob nicht sein Vater oder der Oberknecht in der Nähe wäre. Ludwig folgte dieser Bewegung, und seine Gedanken errathend, rief er: »Schrei keinem, ich rath es dir! Wenn ihr zusammen über mich herfallt, dann ist's Nothwehr, was ich thu', und« -- setzte er hinzu, indem er die Hand an die Seitentasche legte -- »ich schwör's bei Gott: den ersten der mich anrührt, stoß' ich nieder wie einen Hund!« Der Bauer, dem dieß zu stark war, sagte: »Führ keine solche Reden, das geziemt sich nicht für dich!« -- »Für mich geziemt sich alles,« entgegnete der Gereizte, »was sich für einen freien Menschen geziemt! In dem Augenblick bin ich kein Knecht mehr, sondern der Sohn meines Vaters! Aus diesem Haus geh' ich fort, auf der Stelle -- das versteht sich von selbst!« Er wandte sich zum Abgehen, drehte sich aber nochmal gegen Michel um und machte mit geballter Faust eine Bewegung, als ob er sagen wollte: Du weißt, was geschieht! Dann ging er in die Stallkammer zu seinem Lager und nahm aus dem daneben liegenden Schrein seine wenigen Habseligkeiten heraus, um sie zur Wanderung zusammenzubinden.

Unterdessen war der Schmiedbauer mit seiner Tochter aus dem Hause gekommen. Auf sein Befragen, welch ein Lärm das sei, erzählte der Vetter den Handel, war aber so gerecht zu sagen, daß Michel dem Ludwig es zu arg gemacht habe, was von der Base mit der Bemerkung bestätigt wurde, daß es wegen des »Spretzers« auf ihrer Schürze nicht der Mühe werth gewesen wäre. Der Schmiedbauer verwies dem Sohn sein Betragen und hieß ihn in die obere Stube gehen: die Sache wolle er nun allein ausmachen. Michel entgegnete, dem Kerl werde er nicht aus dem Wege gehen, entfernte sich aber doch.

Ludwig, sein Bündel unter dem Arm, kam herbei. »Schmiedbauer,« sagte er mit verhältnißmäßiger Ruhe, »Ihr habt wohl schon gehört, was geschehen ist, und werdet begreifen, daß ich in Eurem Hause nicht länger bleiben kann.« -- »Das begreif ich,« sagte der Bauer. »Aber wo willst du hin?« Ludwig erwiederte: »Ich geh' nach Augsburg.« Der Bauer bemerkte: »Es wäre gescheidter, wenn du zu deinem Vater heimgingest. Die Gelegenheit wär' gut.« -- Ludwig entgegnete unmuthig: »Behaltet Euren Rath für Euch,« und wollte gehen. -- »Wie!« rief der Bauer, »ohne deinen Lohn? Du bekommst noch zwei Gulden.« -- Ludwig erwiederte, er schenke ihm den Lohn, worauf der Bauer nicht ohne Würde ausrief, er wolle nichts geschenkt von ihm, was er verdient habe, müsse er nehmen. Ludwig ließ sich die zwei Gulden bezahlen, drückte sie dem dritten Knecht in die Hand, der ihn erstaunt ansah, wünschte den Umstehenden wohl zu leben und richtete seine Schritte dem Wirthshaus zu. Da der Abend herannahte, so wollte er hier übernachten und morgen mit dem Frühesten nach Augsburg wandern, wozu er noch beinahe zwei Gulden vom früher eingenommenen Lohn hatte. Sein Gedanke war, an diesem Ort, wie schon so Mancher vom Ries, sein Glück zu machen, Annemarie nachzuholen und sie in eine schöne Stadtwohnung als Frau einzuführen.

Als er in die stark besuchte, von Tabakrauch erfüllte Wirthsstube trat, wurde er von einem Tisch junger Burschen freundlich begrüßt und zwei davon streckten ihm mit der üblichen Frage: »Kann ich aufwarten?« ihre gefüllten Gläser entgegen. Der Streit mit dem jungen Schmiedbauer war von mehreren, die zufällig am Hofe vorübergingen, mit angehört worden, und diese hatten nichts Eiligeres zu thun, als die Geschichte durch's Dorf zu verbreiten. Kurz vorher war sie in der Wirthsstube erzählt worden, und die Zuvorkommenheit der jungen Leute hatte ihren Grund darin, daß Ludwig es dem eingebildeten Michel so hinausgegeben, und -- daß er kein Knecht mehr war. Unser Bursche that mit ebenbürtiger Miene Bescheid, aß und trank, sagte dem Wirth, daß er über Nacht bleiben wolle, und ließ sich von ihm in die obere Stube führen. Hier begehrte er Schreibzeug und begann einen Brief an Annemarie, worin er ihr den heutigen Vorgang und seine Pläne mittheilte. Als er fertig war, klopfte es an die Thüre. Die Wirthsmagd brachte Licht mit einem Brief, der so eben unten für ihn abgegeben worden sei.

Ludwig betrachtete die Aufschrift, erbrach das Schreiben und las, zuerst mit allen Zeichen großer Ueberraschung; dann schüttelte er ernst den Kopf, als ob er mit dem Inhalt nicht einverstanden sein könnte. Er las weiter; eine eigenthümliche Empfindung spiegelte sich in seinen Zügen, er sah empor, wie bewegt von einem lockenden und drängenden Gedanken. Auf einmal stand er auf und rief entschlossen: »Ich thu's!« -- Er setzte sich wieder, versank in Nachdenken, und sein Gesicht nahm einen wehmüthigen Ausdruck an, wie das eines Menschen, der weiß, daß sein Thun verdammende Urtheile erfahren wird. Er packte sein Bündel aus und ordnete seine Habseligkeiten geschickter, als es in der ersten Eile möglich gewesen. Was der Brief auch enthalten mochte, in dem Beschluß, die Wanderung anzutreten, schien er ihn nur bestärkt zu haben.

* * * * *

Nach einem in mäßiger Arbeit verbrachten Tage saß der Angerbauer bei seinem Weib im Kanzlei. Die Abendmahlzeit war vorüber, eben so das Läuten der Kirchenglocke, das die Familien zum Abendgebete ruft, und welches darum »Betläuten« genannt wird. Die Ehehalten waren zum größten Theil schon im Bette, weil sie morgen sehr früh wieder heraus mußten; nur der Oberknecht war noch im Roßstall und erzählte dem Andres Geschichten. In der Stube herrschte große Stille, in welcher nur das Ticken der Wanduhr -- stärker, als man ihrs bei Tage zugetraut hätte -- und das »Spinnen« der großen Hauskatze vernehmlich war. Der Angerbauer hörte nichts von beiden; er ruhte gedankenvoll in dem braunledernen Großvaterstuhl am Ofen. Die Bäuerin saß am Wandtisch, auf dem eine brennende Oelampel stand. Sie sah bekümmert aus und war offenbar mit einem bestimmten Gedanken beschäftigt. Diesen zu äußern brach sie das Stillschweigen, und zwar in einem Tone, als ob sie ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnähme. »Was doch das Geld ist!« sagte sie mit einer Art Seufzer. »Wenn das Mädchen nur einen Hof hätte wie die andere, eine bessere Schwiegertochter könnten wir uns nicht wünschen!« -- Der Bauer fuhr aus seinen Gedanken auf und erwiederte: »Was redest du da wieder! Sie hat ihn nun einmal nicht! Wenn! Als ob einem damit geholfen wäre!« -- Die Bäuerin ließ sich nicht irre machen und fuhr fort: »Ich hab' sie heut' wieder an mir vorbeigehen sehen, und was mir besonders gefallen hat, ist ihre Sauberkeit, und daß ihr alles so wohl ansteht. Das würde eine Haushaltung werden wie unsere.«

Der Alte wurde ernstlich böse. »Ich möchte doch wissen,« rief er aus, »was das für ein Vergnügen ist, sich Dinge vorzustellen, die nicht sein können. Sei doch nicht kindisch!« -- »Nun ja,« erwiederte die Frau, »ich weiß ja, daß es nicht sein kann; aber man darf doch wohl davon reden.« -- Sie schwieg eine Weile still, konnte oder wollte sich aber noch nicht zufrieden geben, und begann daher: »Wer hätte gedacht, daß es uns so ganz unglücklich gehen würde! Statt einen Sohn gut zu versorgen, müssen wir ihn bei Leuten dienen lassen, die ihn schlecht behandeln, und vielleicht bald hören, daß er in die weite Welt gelaufen ist, wo wir ihn gar nicht mehr sehen!« -- Der Vater erhob sich in großem Unmuth. »Ich seh,« rief er, »es ist die höchste Zeit, daß wir in's Bett gehen! Nimm die Ampel und zünde mir, ich geh!« -- »Nun,« versetzte die Mutter, »thu' nur nicht gleich so wild!« Sie erhob sich und folgte dem Mann in die Stube.

Als sie eben der Thür sich näherten, hörten sie ein Gebell vom Hofhunde, das sich rasch in ein Freudengeheul verwandelte. Sie horchten. Ein froher Lärm erhob sich vom Stalle her und bald vernahmen sie den lauten Ruf von Andres: »Er ist da! Er ist da!« -- Das Herz der Mutter klopfte, mit zitternder Hand öffnete sie die Thüre, sah umher und erblickte an dem Ende des Ganges, der vom Stall in den Tennen führte, den verloren geglaubten Ludwig, von Andres mit jubelndem Eifer vorwärts gezogen. Einen Freudenschrei ausstoßen, die Ampel auf die Ofenbank stellen, dem wiedergefundenen Sohn entgegeneilen, ihn fassen und mit liebenden Worten begrüßen, war bei der guten Frau Eins. Sie nahm ihn beim andern Arm und führte ihn vereint mit Andres der Stube zu.

Der Angerbauer war von dieser, im gegenwärtigen Moment durchaus unerwarteten Heimkehr in die innerste Seele getroffen. Seine Gemüthsbewegung äußerte sich in einer Blässe, die über sein Gesicht ging und eben so wie die Freudenröthe der Mutter das Gefühl für den Sohn verkündete. Damit hatte er aber den Zoll der väterlichen Liebe abgetragen; er faßte sich im Augenblick wieder, unterdrückte seine Bewegung und sah dem Ankommenden in der Würde des häuslichen Richters entgegen, da die Mutter nach seiner Ansicht in der Güte viel zu weit gegangen war. Ludwig stand mit blutrothem Gesicht auf der Schwelle. Er hatte der Mutter »guten Abend« gesagt; vor dem Vater zeigte sich aber die Natur unfähig, den Beschluß des Willens auszuführen; der Mund war ihm wie durch einen Zauber verschlossen. Eben so unfähig war der Vater, diesen Zauber zu lösen durch ein mildes, entgegenkommendes, wenn auch mit väterlicher Rüge entgegenkommendes Wort.

Allein ich darf in dieser Schilderung nicht weiter gehen. Ich kenne die Leser und auch die schönen Leserinnen. Ich weiß, daß namentlich die letzteren am Manne das Heroische, Durchgreifende, stolz Beharrende lieben, und muß nun fürchten, daß unser Freund wegen seiner plötzlichen Nachgiebigkeit in ihrer Achtung gar sehr gesunken ist und ihre theilnehmenden Seelen von dieser Wendung überhaupt unangenehm berührt worden sind. Da es mir nun doch hauptsächlich um ihre Gunst zu thun ist, für mich sowohl als für meinen ländlichen Liebhaber, so muß ich vor allem berichten, wie dieser dazu gebracht wurde, den unerwarteten Schritt zu thun.

Als Ludwig sich vom Schmiedbauer in's Wirthshaus begab und den Brief an Annemarie schrieb, war es bei ihm ausgemacht, am andern Morgen nach Augsburg zu wandern. Eine Aenderung seines Entschlusses wurde durch den Brief herbeigeführt, den er Nachts erhielt und der ihm ein anderes Ziel der Wanderung bezeichnete. Er war geschrieben von dem alten Pfarrer und ihm zugesandt aus dem Hause des jüngeren Amtsbruders, wo er für einen Fall dieser Art schon bereit lag. Ich lasse ihn wörtlich folgen und seine Sache selbst führen. Der alte Herr schrieb:

»Lieber Ludwig! Ich höre von meinem Freunde und Amtsbruder, daß du von dem Bauer, bei welchem du als Knecht dienst, und von seinen Kindern immer übler gehalten wirst, und da ich annehmen muß, du werdest dich über kurz oder lang mit ihm überwerfen, so schreibe ich dir diesen Brief, damit er im Augenblick der Entscheidung das Gewicht eines freundschaftlichen Rathes in die Wagschale werfe, die sich zur Versöhnung neigt. Du weißt selber, Ludwig, daß dein alter Freund nicht zu denen gehört, die mit ihren Ermahnungen lästig werden, wo kein Wille und keine Fähigkeit ist, sie zu befolgen; aber dir muth' ich jetzt etwas zu, weil ich dir die Kraft zutraue, es zu thun. Um es offen zu sagen: du mußt zu deinen Eltern zurückkehren! Du mußt es freiwillig und sobald als möglich thun!«

»Ueber den Streit mit deinem Vater will ich jetzt nicht urtheilen. Ihr seyd aneinander gerathen und du hast das väterliche Haus verlassen -- es sind geschehene Dinge. Aber nehmen wir an, es sei an dem Bruche einer so gut Schuld wie der andere -- wem steht es zu, die Hand zum Frieden zu bieten, dem Vater oder dem Sohn? Die Antwort hierauf wirst du dir, wenn du unbefangen urtheilen kannst, selber geben. Der Sohn, der nachgiebt, erfüllt die Pflichten kindlicher Liebe und kindlichen Gehorsams; der Vater, der nachgiebt, verletzt die Pflichten der Herrschaft in seinem Hause und gibt sich unmännlich in die Hand des Kindes.«

»Wüßten deine Eltern nicht, daß sie dich aus dieser Ursache nicht zurückrufen ~dürfen~, sie hätten's wahrlich schon lange gethan. Denn sie kümmern und grämen sich, sie verzehren sich in Sorgen und Unruhe, wie wenig sie sich vor andern auch anmerken lassen. Die Freude und die schöne Zufriedenheit ist aus ihrem Hause gewichen. Darf nun der Sohn, der davon Kenntniß erhält, zaudern, seinen Eltern die verlorene Freude wieder zu geben? Darf er zaudern, auch wenn man ihm zeigt, daß es seine Pflicht ist und er allein es vermag? Wenn der natürliche Mensch in dir widerstrebt, wenn er sich dreht und windet und allerlei Ausflüchte macht -- um so besser, Ludwig! denn dann hast du Gelegenheit, in Ueberwindung desselben zu beweisen, daß du ein Christ und ein braver, sittlicher Mensch bist.«

»Ich wende mich an den Ludwig, der mir im Unterricht gar oft durch verständige und feine Antworten Freude gemacht. -- Wenn ein Sohn, der trotzig davongelaufen, in das Haus seiner Eltern zurückkehrt, weil es ihm draußen schlecht geht und er gern wieder besser essen und trinken möchte, so ist er ein armer Sünder, dem man allenfalls verzeihen, aber keine Achtung schenken kann. Wenn er aber heimkehrt aus Liebe zu den Seinen und in der großmüthigen Absicht, ihnen Freude zu bringen, wenn er heimkehrt, obwohl er sich sagen kann, daß er sich draußen selber zu helfen vermöchte, dann ist er ein braver, edler Mensch und handelt in dieser christlichen Selbstüberwindung viel männlicher, als wenn er trutzig weiter und weiter liefe; denn es gehört viel mehr Kraft dazu, seinen Willen zu brechen, als seiner Leidenschaft zu fröhnen. -- Das Christenthum, Ludwig, das ich dich gelehrt, ist nicht einem Gefäße gleich, das man in einen Kasten stellt, um es hie und da seinen Freunden zu weisen; es ist eine Sache zum Brauchen. Und je mehr und je fleißiger man diese Sache braucht, desto besser und schöner wird sie.«

»Erwäge noch etwas anderes! Du strebst nach einem eigenen, in deinen Verhältnissen ungewöhnlichen Preis. Du begehrst ein Mädchen zur Frau, die durch ihr Vermögen und ihre Stellung im Leben nach der hergebrachten Ansicht nicht deines Gleichen ist. Du verlangst, daß deine Eltern ihre Pläne opfern und ihre gewohnten Begriffe aufgeben sollen um deiner Leidenschaft willen. Womit hast du denn das verdient? Was hast du denn dafür gethan? Du forderst dem Vater seine Einwilligung ab, und wie er sie verweigert, brichst du mit ihm und gehst davon. Heißt das von seinen Eltern eine Gunst verdienen? Und wenn du nun ganz fortwandertest in die Fremde, könntest du von dem völlig geflohenen, doppelt gekränkten Vater erwarten, daß er dich dafür durch Erfüllung deiner Wünsche belohne? -- Wenn du aber selbst ein Opfer bringst, wenn du dich demüthigst und in freiem Entschluß als gehorsamer Sohn zurückkehrst, dann möchte das wohl die Herzen der Deinen rühren, sie möchten eine Anregung empfinden, nun ebenfalls ein Opfer zu bringen und da zu belohnen, wo ein Verdienst vorhanden ist.«

»Ich will dir keine Hoffnungen machen, denn ich habe kein Recht dazu; noch weniger kann ich für etwas der Art einstehen. Allein wenn du den Segen des Himmels haben willst, so mußt du durch edles Handeln dich seiner werth machen. Und wenn du bei deinem Vater etwas erreichen willst, so darfst du nicht auf eine Schwäche rechnen, die er nicht hat, sondern du mußt die Großmuth zu erwecken suchen, deren er fähig ist.«

»Und nun bedenke, was deine braven Eltern von jeher für dich gethan haben, und frage dich, ob die Aufrechthaltung eines im Zorn gesprochenen Wortes so schwer wiegen darf wie die Pflicht der Dankbarkeit für unberechenbare Wohlthaten. Denke an die Freude, welche du den Deinigen machen wirst -- und daneben auch ein wenig an die, welche dein alter Freund haben wird, der dich gar gern wieder in seiner Nähe hätte!«

Ob dieser Brief einen andern umgestimmt hätte? Ich weiß es nicht. Bei Ludwig erfüllte er seinen Zweck, und der alte Herr bewies hier, daß er seinen Schüler kannte. Der Verstand des jungen Burschen konnte den Gründen des Geistlichen nicht Unrecht geben und sein gutmüthiges Herz war empfänglich für die edlen Mahnungen, die er an sich gerichtet sah. Er erkannte klar: geschehen muß etwas, mein Vater thut's nicht, darum muß ich's thun. Er fühlte sich bei diesem Gedanken nicht kleiner als vorher, sondern größer, und deutlich rief es in seinem Herzen, daß der Gang nach Hause der Weg zu seinem Glück seyn werde. Er faßte seinen Entschluß und blieb dabei.