Part 37
Schallendes Gelächter erfolgte auf diesen gewaltigen Rückschlag, in welches der vermeintlich Getroffene herzlich mit einstimmte, während die Gret etwas erröthete und einen mitleidigen Blick auf ihren Tänzer warf. Der Schneider sah dies nicht. Würde ihm nicht schon das Lachen ein Beweis gewesen sein, daß er einen treffenden Reim gedichtet, so hätten ihn die lobenden Zurufe der Studenten davon überzeugen müssen. Triumphirend sah er umher und tanzte, von dem Hochgefühl des Sieges getragen, mit erneuter Kraft und Leichtigkeit. Während er das Vorsingen Andern überließ, dachte er bei sich: »Wann die Herra' an deana' Bauraliedla' scho' so a Freud hont, nocht will i ihna' doch beweisa', daß e andre oh no' ka'!« -- Als die Zeit, die auf dem Platz zugebracht zu werden pflegte, sich ihrem Ende zuneigte, ersah er seinen Moment, nahm eine Stellung, die etwas erwarten ließ, und sang, indem er den Studenten pfiffig zublinzelte, folgende anmuthige Variation eines Burschenliedes:
Der Herr Professer Liegt in Corretschiom, Drom wär' es besser, Man trinkt eins rom. Ebete, bebete, esse coralle! Was soll das Hepula? Bombau, holla!
Die Studenten horchten mit hochvergnügten Gesichtern, riefen Bravo und lachten königlich zusammen. -- Der Schneider war überzeugt, daß er die Palme davongetragen.
Als der Zug unter denselben Jubeltönen, mit denen er gekommen, obwohl etwas langsamer, ins Wirthshaus zurückging, stellten sich die Studenten an den Weg, und einer von ihnen, der in den Dorfverhältnissen genau unterrichtet zu sein schien, sagte fidel zu dem Siegesglücklichen: »Brav, Schneider! -- Du bist a Hauptkerl!« -- Der Angeredete erwiederte mit Würde: »I hab den Herren nur zeiga' wolla', daß man auf d'm Land auch manchmol ebbes ka', was man oem nicht zutraut hätt'!« -- Die Gret warf auf den Studenten einen Blick, der zu sagen schien: »Halt mich ja nicht für so dumm wie meinen Schneider!«
In der obern Wirthsstube gönnten sich Musikanten und Tänzer einige Zeit Ruhe, dann begann die Lustbarkeit auf dem Tanzboden von neuem. Der Schneider war unermüdlich und von einer Hüpflustigkeit, die nicht zu ersättigen schien; er forderte die Gret wieder zum Tanz auf. Das Mädchen, die mehr und mehr das Aussehen gewonnen hatte, als ob ihr etwas abginge, erwiederte, sie sei müde und möchte noch ausruhen. Der Schneider, im Gefühl seiner Würde als Mann und seinem Stolz als Kirchweihbursche, entgegnete: »Des hilft nex! I will amol danza', ond i wear' doch hoffentlich koen Korb kriega' von 'm Mädle, die e auf d' Kirwe gführt hab? -- Komm!« -- Er nahm sie bei der Hand und sie folgte, indem sie den Verdruß ihres Herzens in ernster Miene zu verbergen suchte. Nachdem sie sechs Reihen erduldet hatte, erklärte sie positiv: es liege ihr in den Gliedern wie Blei -- es ginge nicht mehr! -- Der Bursche mußte sie in die Stube führen. Während sie an der Tafel der Zechburschen Platz nahm, forderte der Schneider eine Andere auf und führte sie auf den Tanzboden.
Die Gret überließ sich ihren Gedanken. Sie hatte etwas unternommen -- es war die Frage, ob sie Recht gehabt hatte, es zu thun. Aber jedenfalls hatte sie es umsonst gethan: was sie gehofft hatte, war nicht eingetroffen. -- Ein Ernst erfüllte ihr helles Gesicht, der mehr und mehr den Charakter der Trauer annahm. Still und gedankenvoll sah sie für sich hin. -- Auf einmal erröthete sie: -- durch die Thüre, die kaum groß genug war, ihn einzulassen, trat Michel in die Stube, begleitet von dem treuen Kasper.
Unser Freund erschien in seinem besten Staat und mit einem Ausdruck der Würde in seinem Gesicht, den früher Niemand an ihm wahrgenommen hatte. Seit dem Versprechen, das er seiner Mutter gegeben, war eine neue Veränderung mit ihm vorgegangen. Der momentanen Erhebung, die der Anblick des an seinem Hause vorbeiziehenden Schneiders in ihm hervorgerufen, war eine Herabstimmung gefolgt, die sich in dem stillen, von nähern und fernern Jubeltönen umklungenen Hause zu erneuter, tiefer Schwermuth ausbildete. Der Trieb, glücklich zu sein, regt sich in dem Menschen immer wieder und nirgends stärker, als an einem Tag allgemeiner Freude. Hier ist das Herz von seinem Recht auf auch einen Antheil daran durchdrungen -- das Bild dessen, was man wünscht, tritt in höchstem Reiz vor die Seele, die Sehnsucht, es zu erlangen, wird feuriger und inniger -- und die Nothwendigkeit, es dennoch verloren geben zu müssen, wirft das Gemüth in Abgründe der Trauer. Was half dem guten Michel sein Entschluß, sich nach einer Andern umzusehen! So eine wie die Gret gab's doch nicht mehr -- so gern konnte er keine mehr haben -- so glücklich mit keiner mehr leben! Wie schön war sie heute wieder, als sie an seinem Hause vorüberging. Nein! Wenn dieses Mädchen ein Andrer bekam, dann wollte er überhaupt keine mehr, er wollte unglücklich sein mit Fleiß -- und sein Leben als Junggeselle beschließen.
In dieser Stimmung, in dem Nachdenken, das sie begünstigte, traten die Fehler, die er gemacht hatte, wieder vor seine Seele; aber sie regten keinen Zorn in ihm an. Er fühlte sich damit behaftet wie durch ein Verhängniß; ihm waren eben die Gaben, womit Andere etwas erreichten, nicht verliehen, er sollte kein Glück haben, er mußte entsagen. -- Nach und nach stieg der Muth, der die Frucht der Entsagung ist, in ihm auf. Der männliche Stolz rührte sich in ihm, und er faßte den Entschluß, jetzt wenigstens keinen armen Sünder mehr zu spielen, wie früher, sondern ruhig seines Weges zu gehen -- jetzt, wo doch nichts mehr zu verlieren war! -- -- In dieser Gemüthslage traf ihn Kasper. Michel fügte sich der Aufforderung, mit ihm ins Wirthshaus zu gehen, ohne Widerrede. Er zog seine neue Juppe von dunkelblauem Tuch an, steckte den reich mit Silber beschlagenen Ulmer Pfeifenkopf in den Mund, setzte die breite Fischotterkappe auf und folgte dem Kameraden. Die Mutter hatte mit der Ironie des Unglaubens »viel Vergnügen« gewünscht.
In der Stube setzten sich die Kameraden an einen Seitentisch, wo schon ein Lediger Platz genommen hatte. Kaspar ließ sich hier nicht halten; er hatte bald eine hübsche Braune an der Hand und tanzte mit dem Schneider um die Wette. -- Michel unterhielt sich mit dem Ledigen, der wie er ohne Schatz und vom Tanzen kein Liebhaber war. Die Gret hatte er, als er an der Tafel vorbeiging, auf eine ungezwungene Weise nicht gesehen; jetzt, im Gespräch mit dem Burschen, sah er einmal zu ihr hinüber -- er sah, daß sie nicht vergnügt war -- und eine sonderbare Empfindung regte sich in ihm.
Nach einer Weile kam der Schneider in die Stube. Er hatte einen jungen Mann an der Hand in spießbürgerlicher Kleidung und von einer Statur, die der seinen ähnlich war, -- trat mit ihm vor die Gret und sagte: »Des ist mei' Colleg, Herr Bügel, der zu Nörrleng (Nördlingen) arbeitet. Er möcht' gern mit d'r danza'n ond i hab gsakt, 's wär a'n Ehr'. Komm!« -- In ihrer jetzigen Stimmung dem Tanzen ohnehin gänzlich abgeneigt, wäre der »Colleg« der letzte gewesen, der ihr Lust dazu gemacht hätte. Und sich mit ihm zum Tanzen commandiren zu lassen! -- Vor Michel -- und in solchem Ton! -- Ein Widerwille stieg in ihr auf und wuchs zur entschiedensten Widerstandskraft. Sie erwiederte dem Stadtschneider: »I muß danka' für die Ehr'!« und zu dem ihrigen bemerkte sie: »I hab d'r scho' gsakt, i ben müed ond hab koen Luhst mea'. 'S ist seitdem net anderst woara' -- ond i wear' ha'et gar nemmer danza'!« -- Der Schneider runzelte die Stirn. »Des send Ei'bildenga'«, rief er, ehe der andre zu Worte kommen konnte; »du bist ja gruat (ausgeruht)! -- Mach'! Komm!« -- Das Mädchen rührte sich nicht und mit dem Nachdruck des Abweisens erwiederte sie: »I dank' schöa'!« -- Eine Wolke verfinsterte die Züge des Burschen. »Doh ist nex z'danka'«, entgegnete er schnell und heftig, -- »i hab' gsakt, du danzst mit 'm -- ond ietz danz!« -- »Ond i sag, i ka' net«, versetzte die Gret. Der Schneider warf einen Blick auf sie, als wollte er seinen Ohren nicht trauen. »Des send Dommheita'!« rief er entrüstet; -- und großartig setzte er hinzu: »Was ih sag, mueß gscheha'!« -- Die Gret sah ihn von der Seite an und sagte: »Aber Alles doch wohl net -- hoff e! A bisle ebbes wurd wohl no' ahganga' (abgehen)!« -- Der spöttische Ton dieser Entgegnung indignirte den Schneider auf's Höchste. Bebend vor Zorn rief er: »Zom letschtamol sag e d'r: danz! Auf der Stell! -- Oder 's got d'r schlecht!«
Reden und Gegenreden dieses Dialogs waren so rasch aufeinander gefolgt, daß der Schneidergeselle aus Nördlingen keine Zeit gefunden hatte, zu sagen, was ihm, von der Ehre geboten, auf der Lippe schwebte. Jetzt setzte er's endlich durch. Indem er sich vor der Gret ironisch verneigte, rief er mit höhnendem Ton: »Ich bitt' recht sehr -- ~ich~ dank' jetzt schön für's Tanzen -- und wünsch' der Jungfer gute Besserung!« -- Mit dem Bewußtsein, das »einfältige Weibsbild« nach Verdienst getroffen zu haben, verließ er die Stube.
Der Schneider stand da mit gefährlicher Miene. Seine Brust arbeitete, seine Lippen zitterten, seine Rechte gerieth in eine zuckende Bewegung. Das Schlimmste, Peinlichste war ihm widerfahren! Er war blamiert -- blamiert vor einem Collegen aus der Stadt! -- War ihm »vor den Leuten« Zurückhaltung geboten und konnte er nicht wie er wollte, so mußte er der impertinenten Person doch wenigstens die Wahrheit ~sagen~. Nachdem er sie eine Zeit lang angesehen, begann er: »Doh hab e Respekt! Des send Maniera'! Ih führ' de auf d'Kirwe, ond du duast von dem, was e sag, d's Gegendeil ond benemmst de gegen 'n Mann aus der Stadt wie a grobs Bauramädle, daß e an der Schand dohstanda' mueß? -- Pfui!« -- Die Wichtigkeit, womit der Bursche die Sache aufnahm, und die drohenden Blicke, die er ihr dabei zuwarf, waren dem Mädchen zum Lachen; aber sie hielt an sich und erwiederte ruhig: »I ben wärle müed gwesa', i hab net g'loga'! Soll e danza', wann e koen Luhst derzue hab?« -- »Ja«, entgegnete der Schneider wild, »wann ~ih's~ sag!« -- Das war dem Mädchen zu viel; unwillig und mit der geringschätzigen Miene des Unwillens erwiederte sie: »Ach was! -- i ka' doch net mit alla' Schneider danza'n em ganza Boerland?«
Diese Worte, nach welchen die Mienen der Gret überdieß sich etwas erheiterten, rissen die Schranken, die den Zornausbruch des Schneiders noch zurückgehalten hatten, nieder. Mit grimmiger Wuth, am ganzen Leibe zitternd, rief er: »Du bist a'n o'verschämta' Perso'! A frechs Lompamensch! Was? Ih führ' de auf d' Kirwe aus Erbarma', ond du willst me no' verspotta'? I hätt' 'n gueta' Luhst« --
Auf einmal ließen sich hinter ihm die streng betonten Worte hören: »Wie ka'st du de onderstanda', mit 'm Mädle, wie die Great ist, so z'reda'?« -- Der Schneider sah sich um -- und fuhr zusammen. Michel stand vor ihm in dem schreckeneinflößenden Ernst des Richters. -- Der Große und der Kleine sahen sich einen Moment an. Plötzlich, wie sich auf etwas besinnend, faßte sich der letztere und entgegnete keck: »Got des dih ebbes a'?« -- »Ja«, versetzte Michel mit Nachdruck. »A'n ordentlicher Kerl leidt's net, wann 'm Weibsbild ebbes gschicht -- und (setzte er geringschätzig hinzu) voara' (voran, noch dazu) von 'm Schneider!« -- Der Kleine zuckte; dann streckte er sich, sah zu dem Gegner mit vielsagendem Gesicht empor und erwiederte, indem er drohend den Zeigefinger erhob: »I will d'r ebbes rotha', Michel! -- mach de ha'et net z'mauseng!« -- Der Enakssohn lachte herzlich. -- »Ja«, fuhr der Schneider fort, »lach nor! -- für dih fend' ma'n oh no' 'n Moester!« -- »Bist am End du's?« fragte Michel heiter; und mit gemüthlichem Selbstgefühl setzte er hinzu: »Gang weiter, Schneiderle! Wann e de a'blos (anblase), no' fliegst zor Stub naus!«
Ein Kichern, das diesen Worten am untern Ende der Tafel folgte, und das unwillkürliche Lächeln der Gret, die aufgestanden und ein wenig zurückgetreten war, machte den Beleidigten rasend und raubte ihm den letzten Rest der Besinnung; -- die Zähne fletschend ging er auf Michel los, packte ihn am Arm und suchte ihn niederzureißen. Der Gewaltige schüttelte ihn ab und rief: »Schneider, Schneider! -- i roth dr's en Guetem -- höar auf!« -- Der Schneider, der diese Ruhe mißverstand, attakirte von neuem. Michel faßte ihn beim Arm, hielt ihn zurück und rief mit funkelnden Augen: »Ietz sei ruheng -- oder i stand für nex mea' guet!« -- Aber der Schneider, der einen Blick auf die Thüre geworfen hatte, machte sich mit wüthender Anstrengung los, packte den Gegner an der Juppe, riß -- und riß ein Stück davon herunter. Das war über allen Spaß. Michel nahm ihn und warf ihn zu Boden, daß es krachte.
Es war die erste wohlthätige Empfindung für den guten Burschen seit langer Zeit! -- Aber wie dehnte sich nun seine Brust! Welch eine Begier entstand in ihm, fortzufahren und sich durch eine großartige Uebung der Kräfte, die so lange geruht hatten, das gepreßte Herz zu erleichtern! -- Es war ihm wie einem Esser, der mit einem Riesenappetit auf dem Tisch nur ein Cotelettchen vorgefunden hat und nach dessen Verschlingung mit schmerzlichem Verlangen eine seiner würdige Mahlzeit herbeisehnt. »Mehr, mehr, mehr!« rief es in ihm, als der aufgestandene Schneider von neuem auf ihn losging. -- Sein Wunsch sollte erfüllt werden. Der Schneider, in Gefahr wieder auf den Boden zu fliegen, rief mit desperater, durchdringender Stimme: »Brüder, helft!!« -- und in kürzester Zeit fühlte sich Michel von einem halben Dutzend Burschen zugleich angefallen.
Es waren Gegner von ihm, Kameraden des Schneiders und zu Schutz und Trutz mit ihm verbunden, die von andern Tischen und vom Tanzboden herbeigeeilt waren und nun mit vereinten Kräften zu siegen hofften. Sobald der Enakssohn die Kerle an sich schlagen und zerren fühlte, athmete er tief auf und -- begann seine Arbeit.
Er verrichtete Thaten, die würdig wären, von einem Homer Zug für Zug geschildert zu werden. Seine ungeheure Körperkraft im gerechtesten Kampf -- der Trieb und die Lust, für ~sie~ etwas zu thun, vor ihr in seiner Glorie sich zu zeigen -- befähigten ihn zu wahren Wundern. Er schüttelte ab und schleuderte von sich, er drosch und schlug nieder, er ergriff ein paar Kerle, die just zu haben waren, und stieß ihnen die Köpfe zusammen -- kurz, er that Alles, was der Verlauf des Kampfes nothwendig machte, -- mit unwiderstehlicher Gewalt. Kein Hieb und kein Stoß ging daneben.
Die Unterstützung des Schneiders war zu schnell nöthig geworden, als daß seine Kameraden sich mit den bei solchen Händeln üblichen Waffen, als da sind: Stuhlfüße, Holzscheiter u. s. w. -- hätten versehen können. Der Kampf gegen den Unbewaffneten wurde darum ehrlich mit Fäusten geführt. Nur ein Bursch ergriff einen steinernen Maßkrug, um den Simson des Dorfes von hinten auf den Kopf zu schlagen, der nicht mehr von der Fischotterkappe bedeckt war. Er wurde von Kaspar weggerissen und auf die Seite gestoßen.
Der Kamerad Michels war auf den Hauptlärm auch vom Tanzboden hergeeilt und eben recht gekommen, diesen Hieb zu verhindern, der dem Schädel Michels, vielleicht aber auch nur dem Krug verderblich werden konnte. Der Treue war muthig und nervenkräftig und hätte dem Freund gerne ferner geholfen -- wenn es nur nöthig gewesen wäre. Allein er sah, wie dieser schaffte, -- er sah, was er schon geleistet hatte, und überließ ihm den Rest.
Das Getöse des Kampfes hatte bald auch Zuschauer herbeigezogen, und die drei Studenten waren nicht die letzten. Als sie einen Burschen erblickten, der seine Gegner, die sich wie Katzen an ihn anklammerten, immer wieder von sich schleuderte und inmitten eines ihn umdrängenden wüthenden Haufens fest auf den Beinen blieb, ließen sie Ausrufungen der Bewunderung hören und folgten der Scene mit größtem Interesse. Auch ein paar muthige Damen hatten sich an die Thüre der großen Stube gewagt und lugten mit Antheil auf den Kampf, hauptsächlich aber auf den Kämpfer, der, einen Kopf über die Andern hinausragend, so preiswürdige Dinge that.
Die theilnehmendste und zugleich antheilswertheste Zuschauerin von allen war aber die Gret. Ihr Herz wurde nach einander von Empfindungen ergriffen, die sie in durchaus unbekannte, wunderbar neue Regionen emporrissen. -- Die ersten Worte Michels, der so unerwartet und mit solchem Ansehen ihr zu Hülfe kam, hatten sie mit Wohlgefühl überrieselt. Sie starrte ihn an, erröthend, verlegen -- mit durchbrechender Freude. Als der Schneider den Gewaltigen anpackte, rief sie: »Bist du rasend?« -- und wollte ihn, von dem drohenden Streit erschreckt, in seinem Interesse zurückziehen. Wie sie nun aber den Vertheidiger umringt sah, da fühlte sie eine andere Regung; muthig stürzte sie auf einen der Bursche zu, ergriff ihn und wollte ihn wegreißen. Allein Michel stieß eben diesen Gegner auf die Seite, daß er über eine Bank taumelte -- -- und als sie die Riesenkraft sah, mit der er allein sich Aller erwehrte, und der Glaube, daß ihm keiner was anhaben könne, unwiderstehlich in ihrem Gemüth auflebte, da trat sie auf die Seite.
Mit klopfendem Herzen und wogender Brust sah sie auf den Kampf, der wie ein Sturm vor ihren Augen brauste. Sie sah die Uebermacht des Mannes, der ihr immer von allen der liebste gewesen war, mit Staunen, mit Entzücken. Was konnte es für sie Herrlicheres geben? Was konnte sie Schöneres und Rührenderes erblicken? Das that er für sie! Das that er, nachdem sie mit ihm getrutzt hatte wegen nichts und wieder nichts! Er, der größte und stärkste, aber auch der wackerste, der rechtschaffenste Bursche. Verschwunden war Alles, was ihr an ihm jemals lächerlich oder ärgerlich vorgekommen war -- verschlungen von der Flamme der Kraft und des Muthes, die vor ihr aufloderte. Sie sah nichts als den Helden, der um ihretwillen kämpfte und Alle niederstreckte! Sie sah ihn mit überströmendem Gefühl, mit wonnigem Stolz. Ihre Lippen zuckten; Thränen traten ihr in die Augen und rollten die glühenden Wangen hinab. -- --
Michel war fertig -- der Kampf geendet. Drei der Gegner lagen am Boden und versuchten aufzustehen, wozu ihre Mädchen, die sich vergebens bemüht hatten, auszuwehren, ihnen die Hände reichten. Ein paar andre konnten nicht mehr aus den Augen sehen und traten wankend zurück. Der Schneider und sein Nördlinger College, der ihm tapfer zu Hülfe geeilt war, hatten geschwollene, blutende Nasen, blaue Augenringe und zerrissene, rothbefleckte Kleider. Michel stand siegreich da! Starkathmend, das Gesicht erhitzt und schweißtriefend, die Haare in Unordnung, die Juppe ohne den linken Flügel -- aber aufrecht und in der ganzen Freude des Triumphs. Ins Gesicht hatte ihn keiner getroffen, dafür hatten seine Arme gesorgt -- und die blauen Flecke auf dem Leib sah man nicht.
Seine Blicke suchten die Gret. Er sah sie, die Wangen thränenfeucht, aber die Augen selig glänzend -- und schnell wie der Blitz erhellte seine Seele die Erkenntniß ihres Gemüthes. Mit stolzem Lächeln ging er auf sie zu und rief: »No, Margret, bist z'frieda' mit m'r desmol?« -- »O Michel«, erwiederte das Mädchen mit einem Ton aus tiefster Seele, -- -- »o Michel, was bist du für a Burscht!« -- Michel sah sie liebevoll an und nahm sie bei der Hand. »Ja« sagte er, »schwätza' ka'n e freile net wie a'n Anderer, ond danza'n ond sprenga' ka'n e net, wie se's ghöart -- aber ebbes ka'n e doch doa' für a Mädle, auf die e ebbes halt!« -- Die Gret schwieg und drückte ihm zärtlich die Hand.
In der Gewißheit seines Glücks und im Schwunge des Siegergefühls wandelte den Burschen eine heitere Laune an. Die Hand des Mädchens loslassend und einen Schritt zurücktretend sagte er: »Aber wärle -- i dua' grad als ob du mei' Schatz wärst, ond vergiß ganz, daß dei' Burscht doh ist, der de auf d'Kirwe gführt hot. Wamma' se von oem ens Wirthshaus führa' loßt ond gar mit 'm auf da' Plahtz got« -- -- Die Gret war bei den ersten Worten erröthet; nun fiel sie ihm in die Rede mit einem Blick zugleich der Liebe, der Scham und des Vorwurfs: »Ist m'r denn ebbes anderst's überblieba', om di z'ärgera' ond eifersüchteng zmacha?« --
Ein Seufzer ließ sich in der Nähe vernehmen. Er kam von dem unglücklichen Schneider, der an einem Seitentisch in eine wassergefüllte Schüssel sich wusch und nun hören mußte, daß er von der Gret nur als Mittel benutzt worden war. »Des oh no' (das auch noch)«, rief der arme Kerl, indem er mit tragikomischer Miene nickend in die Schüssel sah. Michel aber ging strahlenden Angesichts auf das Mädchen zu, ergriff ihre Hand und rief: »So isch gmoet gwesa'? -- No, nocht ghöarst mei' -- ond der Deufel en der Höll soll de mir net widder nemma'!« --
Die ganze Scene des Streites und der Verständigung unsres Paars war natürlich schneller vorübergerauscht, als wir sie zu schildern vermochten. Jetzt, nachdem sich Alles begreiflich gelöst und der Kampf durch die Reden der Liebenden Licht und Sinn erhalten hatte, drängte man sich theilnehmend zu diesen heran. Der treue Kasper gab erst dem Freunde die Hand, dann, mit heiterm Zunicken, dem Mädchen, und wurde von dieser durch einen herzlich dankbaren Blick belohnt. Die Studenten konnten nicht widerstehen -- sie mußten den Triumphator preisen und ihm gratuliren, was der Bursche mit wohlgefälliger Würde entgegennahm. -- Allgemeine Heiterkeit füllte die Stube. Sämmtliche Zuschauer hielten es mit dem Sieger und Glücklichen und warfen spöttische Blicke auf die Geschlagenen, die den Schaden hatten. -- In dieser Beziehung machen sie's im Ries gerade so, wie anderwärts! --
Michel, in der Höhe seiner Stimmung, wandte sich zu seinem sonstigen Nebenbuhler und sagte halb mit Laune, halb gutmüthig: »Schneider -- nex für o'guet! I sig ietz scho' daß eigentlich du an mei'm Glück Schuld bist -- ond i bedank' me schöa'!« -- Der Schneider, in welchem die Wuth verdampft war und einem gewissen desperaten Humor Platz gemacht hatte, erwiederte sich die Nase reibend: »I bedank' me oh schöa'!« -- Das Gelächter, das auf diese Art von Witz folgte, war die erste kleine Genugthuung, die dem armen Burschen nach seiner Niederlage zu Theil wurde. Michel fühlte einen Trieb, ihn wieder aufzurichten, und fuhr fort: »Onder o's gsakt, Schneider, du bist a Deufelskerl! Wann alle so gschwend ond so wüadeng gwesa' wäret wie du -- i hätt' wärle koe Fetzle Häs mea' auf'm Leib. Aber i will d'r ietz zoega', daß e oh ebbes für de doa' ka'. Weil d'mer mei' Jupp so schöa' verrissa host, ietz sollst m'r grad a nuia' macha' därfa'. Von ha'et a' loß e bei dir arbeta', ond i hoff, i ka' d'r bald meaner z'doa geba'!« -- »Ist m'r a'n Ehr'«, erwiederte der Schneider mit ironischer Höflichkeit.
Die Gret hatte dem Michel mit froher Verwunderung zugehört. Wie kam er plötzlich dazu, mit Andern Spaß zu machen und so nette Dinge zu sagen? -- Eine neue Tugend, die sie ihm nicht zugetraut hätte, und deren Hervortreten sie nun in große Freude versetzte.
Die Scene war friedlich, ja ergötzlich geworden. Sie hatte große Aehnlichkeit mit der Auflösung eines Lustspiels, wo Alles in Heiterkeit verschlungen und der heftigste der vorangegangenen Conflicte eben am pikantesten erscheint. Zum Glück hatte der Streit keine tragischen Folgen gehabt. Niemand war gefährlich verletzt. Die Geschlagenen und Betäubten erholten sich wieder, nahmen Trost an und hofften in wenigen Tagen geheilt zu sein. Alles fügte sich in seine Lage, und das Vergnügen wollte eben wieder seinen Lauf nehmen, als auf einmal von außen der entrüstet herrische Ruf erscholl: »Wo ist's? Wer hat die Frechheit gehabt« --