Erzählungen aus dem Ries

Part 38

Chapter 38917 wordsPublic domain

Ein Gendarm trat herein, nicht einer von den gutmüthigen und volksfreundlichen, wie es deren giebt, sondern ein grimmiger, der als Repräsentant des Gesetzes das Gefühl hatte, daß sich eigentlich Alles vor ihm verkriechen müsse. Er hatte, im Freien spatzierend, erst jetzt von der Schlägerei Kenntniß erhalten und eilte herbei, die Schuldigen herauszufinden und Anzeige zu machen. »Wer hat hier geschlagen? Wie ist der Streit angegangen? -- Antwort!« Auf diese mit funkelnden Augen und vernichtender Miene herausgestoßene Rede, trat Michel großartig vor und sagte: »Ih ben's, der Streit ghett hot! -- i hab a halbs Dutzet Kerl zammgschlaga' die auf me loasganga' send -- ih alloe! Mei' Nam' ist Johann Michael Schwab, ond i ben vom Dorf. So, ietz woeß er, was er wissa' mueß. Ietz zoeg 'r me a', ond was m'r noch'm Rehcht ghöart, des will e haba'.« -- Der Gendarm, von dem riesigen Burschen etwas imponirt, aber von dem Stolz dieser Rede noch mehr indignirt, versetzte streng und mürrisch: »Was ist das für a Rüpelei -- Raufen!« -- Schon war Michel bereit, dem Gendarmen hinauszugeben, was ihm nach seiner Meinung gebührte, als auf einmal ein junger Bursche aus der Menge heraus mit schelmisch heller Stimme rief: »Der Schneider hot a'gfangt!«

Allgemeines schallendes Gelächter folgte dieser Erinnerung an eine komische Wahrheit und ließ sich nicht mehr beruhigen. Der Gendarm fand für gut, sein strenges Wesen, auf das niemand mehr achtete, bei Seite zu setzen und mit pflichtmäßiger Ruhe die zu seiner Anzeige nöthigen Erkundigungen einzuziehen. Während dem faßte die Gret den Michel bei der Hand und sagte im Ton herzlichen Bedauerns: »Ietz kommst no' en O'gelegenheit, Michel -- wega' mir! -- 'S duet m'r wärle recht von Herza' Loed (Leid)!« -- »Bah«, erwiederte der Bursche, -- »da' Kohpf kost des no' lang net! -- Ond wanns anderst ganga' wär' -- ond wanns 'n kosta' dät, -- 's dät me net ruia (reuen)!« -- Das war ein Compliment für die Gret! -- Das Mädchen fand, daß Michel auch besser reden könne, als alle Bursche, die sie bis jetzt gehört hatte -- und ihre Freude kannte keine Grenzen.

Nach einer Weile finden wir das Paar auf dem Weg zu dem Hause Michels. Die Fischotterkappe und der abgerissene Juppenflügel hatten sich wieder gefunden und dieser war von der Gret angegluft worden, so daß unser Held mit Ehren durch die Gasse gehen konnte. Eine Ueberraschung war der Mutter freilich nicht mehr zu bereiten, denn Kasper, der Getreue, hatte sich schon zu ihr verfügt und ihr Alles erzählt. Die gute Alte fühlte eine unendliche Liebe zu der Gret. Wäre sie eine gebildete Frau gewesen, sie wäre der Schönen, Lieben und Klugen mit den zärtlichsten Ausdrücken um den Hals gefallen. Als ein Weib aus dem Dorfe, wo Umarmungen weniger vorkommen, ergriff sie die Hände der künftigen Söhnerin und preßte sie, während die herrliche Erfüllung des so lange versagt gebliebenen und schon aufgegebenen Herzenswunsches ihr Freudenthränen in die Augen trieb. »No«, rief der Sohn ihr vergnügt zu, »hab e net gsakt, daß i ebbes durchsetz', wann i amol drauf ausgang'?« -- »Ja, des glob e«, erwiederte die Mutter, »wamma' des Glück hot, wo du ha'et ghett host; doh ka'n a'n ieder zu ebbes komma'!« -- »Ja, lieba' Mueter«, versetzte Michel, »Glück mueß ma'n allweil haba', wamma'n ebbes durchsetza' will en dear schlechta' Welt! Ohne des got nex!« --

Wir brauchen nicht zu sagen, daß der wackre Vater der Gret, zu dem man sich gleich nachher verfügte, unserm Paar kein Hinderniß in den Weg legte. Er mußte sich am Ende auch sagen, daß der Michel als Mann der Gret eine bessere Figur mache als der gute Jakob. Nachdem er seine Einwilligung ertheilt hatte, sah er übrigens die Tochter lächelnd an und sagte; »O uir Weibsbildr, en ui kennt se doch koe Mensch aus!« -- Michel, seinen Arm um die Geliebte schlingend, erwiederte heiter: »I moenet ietz doch, i dät me auskenna' en dear doh!« --

* * * * *

Unsere Geschichte ist zu Ende. Damals glaubte man nicht, daß die bürgerliche Gesellschaft in Gefahr sei, wenn bei einem Bauernfest eine kleine Schlägerei vorfiel. Man faßte bei Gericht die Sache von der heitern Seite auf und die Betheiligten kamen mit verhältnißmäßig leichten Strafen davon.

Auf den Schneider hatte die Erfahrung, die er machte, eine günstige Wirkung. Nachdem er als derjenige, welcher nachweislich zuerst geschlagen, auch noch am bedeutendsten gestraft worden war, fühlte er sich von dem »Spruhz«, der ihn bis dahin besessen hatte, so ziemlich geheilt. Er lernte sein Verhältniß zur Welt in richtigerem Lichte sehen und verzieh nach Art der gutmüthig eiteln Menschen nicht nur dem Michel, sondern auch der Gret, welche bei schicklicher Gelegenheit ihn herzlich um Verzeihung bat und hinzufügte: daß sie sich eine solche Freiheit nicht genommen hätte, wenn er nicht ihr Vetter und ihr außerdem als herzensguter Mensch bekannt gewesen wäre! -- Bald nachher sagte der Gute zu seinen Kameraden: »Am End isch mei' Glück', daß e die net kriegt hab!« Und die Kameraden stimmten ihm lachend bei. In der Folge heirathete er eine Kleine, Feine und Gutmüthige, die ihn respectirte, und lebte als Dorfschneider zufrieden und glücklich.

Unser Paar feierte den Ehrentag noch in demselben Jahre. In der Zwischenzeit hatte die Gret den Michel so weit gebracht, daß er nach dem Heimgang von der Kirche zu allgemeinem Beifall mit ihr tanzte. Unter dem Gemurmel desselben sang Kasper, der Hochzeitknecht, mit fröhlicher Miene das Liedchen, womit wir Erzählung und Buch beschließen wollen:

Die ersten drei Reihen Sind aus und vorbei, Und nun steht das Tanzen Jedem Anderen frei! --

Berlin, Druck von ~W. Büxenstein~.

Fußnoten:

[3] Von Düppel, einer Kopfkrankheit der Schafe, wobei sie sich wie blödsinnig benehmen.

[4] Er ist jetzt in eine hübsche Anlage verwandelt.