Erzählungen aus dem Ries

Part 36

Chapter 363,565 wordsPublic domain

Einem Autor, der sich die Darstellung des Volkslebens zum Ziel gesetzt hat, muß es gestattet sein, gelegentlich eine die Volkssitten und ihre administrative Behandlung angehende Bemerkung zu machen. -- Es fällt uns nicht ein, die Vortrefflichkeit der Absicht jenes Befehls, der ja auch in andern Staaten schon ergangen ist, irgend anzufechten. Man will, daß jeder Streit, der auf dem Kirchweihfest eines Dorfs zwischen eingebornen und fremden Burschen entstehen könnte, zuvor abgeschnitten sei, und -- daß der Bauer auf seine Vergnügungen möglichst wenig Geld verwende. Friedlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit sollen dadurch gefördert werden bis zu einem noch nie dagewesenen Grade. -- Allein im Ries darf man die früher üblichen Händel zwischen eingebornen und fremden Burschen recht eigentlich als aus der Mode gekommen ansprechen; und was Fleiß und Sparsamkeit betrifft, so übt die große Mehrzahl des dortigen Landvolks diese Tugend von alter Zeit her in einer Weise, die man geradezu musterhaft nennen kann. Ein Staat, der sich einer Beamtenschaft rühmen könnte, die in dieser Beziehung dem Rieser Landvolk ähnlich wäre, dürfte sich nach unserer Ueberzeugung glücklich preisen. Ist es nun gerathen, um einiger liederlicher Menschen willen, die überall vorkommen und bekanntermaßen nicht der Kirchweihen bedürfen, um sich zu ruiniren -- ist es gerathen, fragen wir, jener großen Mehrzahl ihre hergebrachte Lustbarkeit zu verkümmern und für die Söhne und Töchter wohlhabender, ja reicher Landleute die Tanzgelegenheiten auf ein Minimum herabzusetzen, während in Städten nicht nur die höhern Klassen, sondern auch die Massen der Handwerker und Proletarier vor Bällen und Tanzmusiken nicht wissen, wo aus und wo ein? Hält man etwa das Landvolk im Vergleich mit dem Städter für unmündig und für leichter zu verführen? Schreiber dieses kennt beide aus vieljähriger Erfahrung; er muß aber sagen, daß ihm keine Menschenklasse vorgekommen ist, die sich in ihren Vergnügungen und Geldausgaben mündiger und ordnungsmäßiger zu benehmen wüßte, als eben der Rieser Bauer! -- daß mithin Befehle, die sich auf die Annahme einer solchen Unmündigkeit gründen, in keiner Art nothwendig erscheinen.

Ein Schriftsteller, der sich in dieser Beziehung Autorität erworben hat, ~Riehl~, erklärt sich in seiner »bürgerlichen Gesellschaft« mit Entschiedenheit gegen die Vernichtung hergebrachter Bauernfeste durch Zusammenlegung der Kirchweihen auf Einen Tag. Er citirt zu seinen Gunsten den Ausspruch des anerkanntesten Volkskenners -- ~Justus Mösers~. -- Mögen diejenigen, die durch Einschränkung der gebräuchlichen und natürlichen Lustbarkeit das Beste des Landvolks zu fördern glauben, bescheidentlich mit uns erkennen, daß das in dieser Beziehung ~Beste~ in der That noch eine ~Frage~ ist, die nur in Erwägung gar mancher Verhältnisse definitiv entschieden werden kann! Steckt man auch dem Landvolk ein höheres Ziel im Leben und Streben, so wird es diesem Ziel nimmermehr durch Verbote, sondern nur durch die ihm entsprechende Bildung näher geführt werden. Das positive Mittel einer solchen Bildung wende man an -- dann wird Alles, was sich mit ihr nicht mehr verträgt, im Verhältniß ihrer Ausdehnung von selber zu Boden fallen. Mit Untersagung herkömmlicher Gebräuche sei man dagegen um so behutsamer, als die sich erhaltenden vielleicht eben das Material bieten sollen, welches die fortschreitende Bildung zu läutern und zu einer neuen Poesie des Lebens zu verklären haben wird. -- --

Unser Dorf hatte diesmal das Glück, eine »rechte Kirchweih« zu bekommen. Zwei Bursche hatten den Platz gekauft, die in jeder Hinsicht fähig waren, das Amt zu versehen: lustige Kerle, vortreffliche Tänzer und Liedersänger. Der Kegelplatz war schon errichtet; er prangte vor dem Wirthshause, allerdings auf einer etwas geneigten Ebene, was indeß nur zur Folge hatte, daß das Treffen darauf um so ehrenvoller war. Eine ziemliche Anzahl von Ledigen war »in die Zech gegangen,« d. h. sie ließen im Wirthshaus aufschreiben, was sie an Essen, Weißbier und Branntwein verzehrten, um nach den Festtagen zu gleichen Theilen zu bezahlen. Das ganze Dorf war angeduftet von der Poesie einer Feier, die, erinnerung- und hoffnungerweckend, ein lautes, fröhliches Leben vorführen sollte, und von den Torten, Ringen (Kränzen) und Bretzgen, die nach Maßgabe des Vermögens von allen Familien gebacken wurden. »Nach altem Brauch« waren nicht nur im Wirthshaus verschiedene Schweine geschlachtet worden, sondern je eines auch in bedeutenden Bauernhäusern, und eine erklekliche Anzahl befiederter Geschöpfe war aus den Reihen der Lebendigen gestrichen. Das Dorf brauchte nichts mehr als gutes Wetter -- und das kam. Schon am Freitag hatte ein die Gemüther sehr beunruhigender Regen aufgehört, der Kirchweihsamstag war trocken, und am Sonntag stieg die Sonne in einen Himmel mit nur einzelnen dünnen Wölkchen empor. Wer die Empfindungen kennt, die beim Anblick solchen Himmels an dem Hauptfeste des Jahres die genußfähigen Dorfbewohner erfüllt, der weiß, was Freude des Lebens ist!

Der Vormittag des Sonntags und ein Theil des Nachmittags ward in unserm Dorfe der geistlichen Feier gewidmet. Wer es irgend konnte, ging in die Kirche und horchte der Predigt, welche die höhere Bedeutung des Festes darlegte, mit Andacht. Sobald die nachmittägige Betstunde vorüber war, begann im Wirthshause das weltliche Fest. Die Mädchen der in der Zech befindlichen Bursche kamen sachte angeschlichen, thaten zuerst, als ob sie nur da wären, um ein wenig zuzuschauen, ließen sich dann aber von ihren Verehrern bereitwillig in die obere Stube oder gleich auf den Tanzboden führen.

Unter den »Kirchweihburschen« war auch der Schneider, unter den Mädchen, die sich zum Tanz einfanden, die Gret. Mit der Zuversicht, die man gegen die Seinige an den Tag zu legen pflegt, ging der Bursche dem Mädchen entgegen, tanzte mit ihr und führte sie nach einem Dutzend Reihen in die Stube. Als ein Anderer kam, und mit ihr zugleich ihn fragte: »Isch verlobbt (ist's erlaubt)?« erwiederte er würdevoll: »Du ka'st danza'!« -- und der Begünstigte führte die Gret hinaus. Ein Bekannter trat zu ihm und sagte vergnügt: »No, Schneider, hosch (hast du's) wirklich durchgsetzt bei deam Mädle -- send d'r oeneng?« -- Der Bursche erwiederte: »Vor der Hand gots wenigstens mit m'r auf d' Kirweih!« -- Dem Bekannten war das genug; er sagte: »Die Schöast em ganza' Dorf! Wie host ietz des a'gfangt, Schlengel?« -- Der Schneider zog statt der Antwort die Augenbraunen in die Höhe und sah mit tiefbedeutsamem Lächeln für sich hin. »Du bist a Hauptspitzbue«, rief der Kamrad und der Schneider machte ein Gesicht, als ob er sagen wollte: »Ich widerspreche nicht!«

Wie Michel -- bei dem sich's von selber verstand -- war auch Kasper nicht unter den Kirchweihburschen. An einem der letzten Tage war der treue Freund zu dem Traurigen und Düstern gegangen, um ihm eine Mittheilung zu machen und eine Aufforderung daran zu knüpfen. Er begann mit der gemüthlichen Frage: »Was isch, gommer oh en d'Zech desmol?« -- »Frog net so domm!« erwiederte Michel und drehte sich weg. Kasper lachte: »'S ist oh nor Gspaß! Was sottet o's (sollten wir) dren doa'? Du host koena', ond ih hab grad oh koena'! Doh mag d'r Deufel mitmacha'. -- Aber«, setzte er ernsthafter hinzu, »ens Wirthshaus wurscht doch ganga'?« -- »Sell verred'e net«, erwiederte Michel. -- Kasper, nachdem er eine Weile für sich hingesehen, begann wieder: »Ietz, wo dein' Pla' mit der Great aufgeba' host, wurd's d'r nex mea' macha', wann da' Schneider mit'r danza' sichst!« -- »Sell got me nex mea' a'«, versetzte Michel ernsthaft. -- »Wie e ghöart hab«, fuhr der Andre fort, »got's mit d'm Schneider auf da' Plahtz!« -- Michel zuckte. »Auf da' Plahtz?« rief er, während dunkle Röthe sein Gesicht übergoß. Kasper sah dem Betroffenen ins Gesicht und fragte: »Aergert de des?« -- »Noe«, versetzte der Bursche mit Anstrengung. Der Kamerad sagte: »So hab e's geara'! -- Am End, wer ka's dem Mädle verdenka', wann's da' Schneider nemmt ond ietz mit 'm auf d' Kirwe got? Zwea' oder dreia' (zweien oder dreien) hot sie selber da' Marsch gmacht; du bist ahgstanda' von 'r -- solls da' Schneider oh no' furtschicka?« -- »Sie hot Recht«, erwiederte Michel mit dumpfer Ruhe; aber auf einmal ballte sich seine Faust wie von selber, und er rief: »O i wott (wollte) --!« »Was wottst?« fragte der Kamerad, indem er ihn lächelnd ansah. -- »Nex«, erwiederte Michel mit Nachdruck, indem er die Finger zusammenpreßte, um sie dann auseinander gehen zu lassen.

Am Sonntag -- um dieselbe Zeit, als die Gret mit dem Burschen tanzte, der sich vom Schneider die Erlaubniß ausgebeten, verfügte sich Kasper zu Michel, um ihn in's Wirthshaus abzuholen. Er fand ihn in tief melancholischer Stimmung. Als er seinen Vorschlag machte, gab Michel zur Antwort: »Ha'et no' net -- morga'! -- Ha'et ben e net aufglegt!« -- Alle Mahnungen waren umsonst. Kasper sagte mit Ernst: »I will de net nöada' (nöthigen) -- mei'daweg duest, was d' willst. Aber ih moe, a Kerl wie du sott grad ens Wirthshaus ganga', en die ober' Stub', ond so'm Mädle zoega', daß 'r se nex draus macht, gots auf da' Plahtz mit weam's will! Die möcht'e net globa' lossa', doß e ihrdawega' von d'r Kirwe derhoemt blieb!« -- »Des gschicht oh net«, versetzte unser Bursche, -- »morga' gang' e drauf!« -- »Morga' host widder a'n andera'n Ausred!« -- Michel wurde ungeduldig. »Doh host mei' Ha'd«, rief er und streckte ihm fünf Finger entgegen, die ihres Gleichen suchten, -- »morga' gang e ens Wirthshaus -- Sakerment!« -- Kasper schied beruhigt und folgte den lockenden Tönen eines Drehers, der ihm vom Wirthshaus entgegenschallte.

Bei seiner Ankunft auf dem Tanzboden ging die Gret mit ihrem Tänzer eben im Reihen. Als sie Kaspers ansichtig wurde, zeigte sie eine gewisse Erregtheit -- und schaute sich weiter um. -- Der Kamerad hatte sie beobachtet, und nickte für sich.

Er beschloß, den Michel am folgenden Tage ins Wirthshaus zu bringen, koste es, was es wolle.

Kasper hatte ein Gefühl, was er im Sinn trug, könnte nützlich werden. Er sah nicht voraus, was kommen würde; aber er empfand eine lebhafte Genugthuung, als er sich sagte: »Desmol soll' r net derhoemt bleiba'!« -- Er handelte mit dem Instinkt der Freundschaft.

Der Kirchweihmontag brach so schön an wie der Sonntag. Die jungen Leute, die sich vorsichtigerweise früh zur Ruhe begeben hatten, erwachten fröhlich, und auch die andern, die erst der Morgen nach Hause wandern sah, hatten bald muntere Augen, um einem Tag entgegenzusehen, an welchem das Vergnügen allein regieren und zur farbigsten Blüthe sich entfalten sollte. -- Noch Vormittags, nach früh genossenem Mahle, begaben sich die Zechbursche in's Wirthshaus, und aus den Fenstern desselben erklang sofort stattliche Musik. Das Mädchenholen begann -- die Gassen ertönten von Spiel und Jauchzen, und die zinnernen Bierkannen, von rüstigen Armen in die Höhe gehalten, funkelten im Glanz der Sonne.

Vor allen und am feierlichsten -- mit sämmtlichen Musikanten -- wurden die Geliebten der beiden Platzmeister abgeholt. Sie stolzirten in absonderlichem Putz und trugen zur Auszeichnung vor den übrigen, die nur in der Kappe beim Tanz erschienen, die radförmige Spitzenhaube. Als diese beiden wichtigen Personen sich an der Tafel der Wirthsstube niedergesetzt hatten, theilten sich die Musikanten, und verschiedene Bursche zogen mit je zweien in die Häuser der Erwählten. Das ganze Dorf war bald in freudiger Aufregung: Singen und Springen, Zuschauen und Loben, Austauschen von guten Sachen und Höflichkeiten war die allgemeine Beschäftigung. Die Buben wuchsen in Gedanken beim Anblick der Vergnügungen, die ihnen auch einmal zu Theil werden sollten, und die Alten wurden jung und gedachten der Zeiten, wo sie's -- noch besser gemacht hatten.

Nur Ein Haus war ausgenommen von der allgemeinen Fröhlichkeit -- das der Familie Schwab. Unser Bursche, nachdem er gestern auch noch einer Ermahnung der Mutter widerstanden, war früh zu Bett gegangen und hatte einen tiefen Schlaf gethan. Wie gewöhnlich aufgestanden, machte er sich in Haus und Hof zu thun und sah nicht aus wie einer, der sich an dem Fest betheiligen wollte. Die Mutter betrachtete den düster Hin- und Hergehenden mit betrübter Miene. Sie gedachte an die Zeiten seines Knabenalters. Wie stolz war sie auf ihn gewesen! Wie viel hatte sie sich von ihm versprochen -- und wie wenig hatte er gehalten! Was half es, daß er fleißig war und ordentlich und das Vermögen in den letzten Jahren sich vermehrt hatte? -- Er hatte keine Freude, sie hatte keine, und zu hoffen war auch keine! -- Als draußen das lustige Spiel und das »Juxen« der Bursche anhub, erschienen ihr die Mängel des Sohnes in immer grellerem Licht. Ein Mensch, der nicht tanzen und sich nicht »aufführen« konnte, ein Mensch, der keinen Schatz und kein Weib zu kriegen verstand, ein solcher Mensch war gar nichts -- und sie die unglücklichste Mutter im ganzen Dorf.

Schon war auch der Schneider mit einem Geiger und Clarinettenbläser am Hause vorübergezogen und hatte einen Tenor gejuxt, wie ihn kein gewöhnlicher Bauernbursche herausgebracht hätte. Die Mutter war eben in der Kammer und hatte den Zug nicht gesehen. Nach einer Weile, als sie wieder in die Stube kam, trat Michel zu ihr, und als von der untern Gasse her ein Freudenlärm erscholl, nahm er sie bei der Hand und führte sie ans Fenster. Jauchzend, obwohl schon mit etwas angegriffener Stimme -- mit dem Deckel der leeren Kanne nach Kräften patschend kam der Schneider an der Spitze der Musikanten heran und hinter diesen die Gret mit sittigem Schritt und einem Angesicht, das durch höhere Röthe und einen eigenen feierlichen Ausdruck holder und bedeutender erschien als jemals. »Siksch ietz, mit weam die's guet moet?« fragte Michel in Rücksicht auf seine Rede von letzthin. Die Mutter erwiederte: »Des ist m'r oh nex Nuis mea'! Aber wear ist dra' Schuld?« Michel schwieg einen Moment; dann, indem er mit einer Art von Humor den Kopf in die Höhe warf, erwiederte er: »Bah, a Mädle, die mit 'm Schneider auf d'Kirwe got, doggt (taugt) net für 'n Kerl, wie'n ih ben. Ih trau m'r no' a'n andera' z'kriega', wann's amol gheiricht sei' mueß!« -- Mit halb schmerzlichem, halb spöttischem Lächeln versetzte die Mutter: »Du bist der Recht', ja!« Aber Michel fuhr fort: »Loß me nor macha'! Ho'et Nommedag (Nachmittag) gang e ens Wirthshaus -- doh passirt ebbes, des sag' d'r e! Ond wanns auf o'srer nex wurd -- gits net no' ander' Kirwena? I will doch seha', ob ih nex ausricht', wann e amol drauf ausgang!« --

Es war nicht nur der Geist des Widerspruchs, der Micheln, der anklagenden und ungläubigen Mutter gegenüber, diese herzhaften Worte in den Mund gab. Der Anblick der Gret, die dem Schneider folgte, hatte ihn zugleich gereizt und von der letzten Bürde der Ungewißheit befreit. Nun wars offenbar und nicht mehr zu läugnen! -- und nun mußte er entweder die Weibsbilder gehen lassen sein ganzes Leben lang -- oder sein Glück mit einer andern versuchen. Aus allen Gründen mußte er ins Wirthshaus gehen -- er mußte sehen und sich sehen lassen -- er mußte zeigen, daß er nicht der Mann war, darum, weil er ein Mädchen nicht gekriegt hatte, sein Leben zu vertrauern.

Das Fest hatte seinen Verlauf. Der Platz vor dem Wirthshause und die angrenzenden Gassentheile belebten sich mehr und mehr. Unter die Bauern und Bäuerinnen mischten sich »Herrn« und »Frauenzimmer«, die an dem schönen Tage hauptsächlich aus Nördlingen und Wallerstein herbeigekommen waren. Einige flotte Musensöhne im altdeutschen Rock und weiten blauen Hosen, das Mützchen keck auf die eine Seite des Kopfes geklebt, schauten mit vergnügtem Antlitz umher oder »schnitten« den schönsten und jüngsten der anwesenden »Florbesen« die Cour. Bauern und Handwerker mittleren Alters hatten schon das Kegelspiel begonnen und suchten auf verschiedene Weise die Ungunst des Lokales zu überwinden, einer davon auch noch durch nachträglich pantomimische Lenkung der schon hinausgerollten Kugel, wodurch er, wenn nicht mehr Kegel, doch die Erheiterung der Umstehenden erzielte. Schulkinder liefen hin und her, begafften Alles und erlabten sich bei den Weibern, die an der Schattenseite des Wirthshauses Obst feil boten. Die jungen Leute drehten sich auf dem Tanzboden und hielten gleichsam eine Vorübung zu der Production, die sie vor einer so großen Anzahl von Schaulustigen ausführen sollten.

Der feierliche, zuletzt sehnlich erwartete Moment erschien. Die Tanzmusik im Wirthshause war verstummt, und in die Ohren der bunten Menge, die sich davor angehäuft hatte, ertönte vom Hof her auf einmal ein kräftiger Marsch. »Sie kommen! Sie kommen!« rief man sich freudig zu und die Vorsichtigen eilten auf die Standpunkte, wo man die Aufführung am besten übersah. Unter einer wahren Kanonade von Juhschreien sämmtlicher Bursche, die zuweilen auch die Blechmusik übertönte, kam der Zug aus dem Hofe: zuerst die sechs Musikanten, dann der »Flur« (Flurschütz, Gemeindediener) mit einem Stuhl, der Aufwärter mit einer riesigen kupfernen Bierkanne und das Wirthsmädchen mit Krügen; endlich die Paare, geführt von dem ersten Platzmeister, der an der Seite seiner Schönen stattlich daherschreitend einen großen, bändergezierten, in blanker Scheide ruhenden Säbel trug! An der uralten Linde angekommen machte man Halt, die Musikanten stellten sich herum, der Aufwärter setzte die Bierkanne auf den Stuhl, und die Paare traten an die Seite. Unter allgemeiner Aufmerksamkeit zog der erste Platzmeister den Säbel aus der Scheide, hielt ihn in die Höhe, stellte sich vor die Musikanten und sang das herkömmliche Liedchen:

Ietz soll e halt danza' drei Roea'n alloe! I ka's ja kamm (kaum) danza' vor Staub ond vor Stoe.

Die Musikanten spielten und der Bursche tanzte allein um die Linde, indem er auf dem mäßig ebenen Boden seinem Titel Ehre machte. Zum zweitenmal sang er:

Der erst der ist danzt ond der ander' fangt a': Ietz will e halt seha', ob es nommol so ka'.

Die Zuschauer, die bei solchen Gelegenheiten, wenigstens eine Zeitlang, empfänglich und anspruchlos zu sein pflegen, nahmen diese allerdings mehr sachgemäßen als poetischen Reime mit heiterem Interesse auf, und da der Platzmeister wieder ohne zu stolpern und in schönem Kreisbogen um den Baum kam, so rief ein lustiger Studiosus ihm ein Bravo zu.

Zum Dritten sang er:

Ond oemol ond zwoemol ond nommol ist frei! Ond des mueß das Best' sei', denn ietz isch vorbei!

Nach glücklicher Vollendung auch dieses Reihens steckte der Bursche den Säbel in die Scheide, übergab ihn dem »Fluer«, sah auf die Paare und sang:

Danzt hab' e so gut als ma's ka'n ohne Schatz. Nemm jeder die Sei'n ietz ond rei' auf da' Platz!

Er holte sich die Geliebte, die mit Würde den Leistungen ihres Burschen zugesehen hatte, und begann mit ihr zu walzen. Alle Paare folgten nach.

Der Tanz -- die Trinkpausen mit eingeschlossen -- dauerte ungefähr eine Stunde. Da die Bursche und Mädchen von verschiedener Gestalt und Schönheit waren, und beim Tanzen verschiedene Manieren an sich hatten, die auf dem schwierigen Terrain um so charakteristischer hervortraten; -- da den Musikanten eine Reihe Lieder vorgesungen wurden, wovon etliche nicht ohne pikanten Reiz, andere aber in so fern »ächt lyrisch« waren, als nicht eine Spur von Gedanken darin vorkam -- so gab es für das Publikum, namentlich für das gebildete, gar vielerlei zu schauen und zu kritisiren. Einige der Herrn unterhielten ihre Damen mit mehr oder minder gelungener Verspottung und ironischer Belobung der ländlichen Künste. Andre lachten und nickten Beifall. Wieder andere stellten Vergleichungen an und suchten zu entscheiden, welche Mädchen den Preis der Schönheit verdienten, u. s. w.

Die größte Aufmerksamkeit hatte bald von allen Paaren ein uns wohlbekanntes auf sich gezogen -- der Schneider und die Gret. Die stattliche Größe des Mädchens und die zierliche Kleinheit des Burschen war zuerst aufgefallen. Bei näherer Betrachtung fand die Schönheit der Blonden lebhafte Anerkennung, besonders von Seiten dreier Studiosen, die ihre Augen so oft nach ihr wandten, daß eine daneben stehende junge Nördlingerin beinahe eifersüchtig geworden wäre. Nicht geringeres Interesse erweckte indeß bei eben diesen Studiosen der Schneider selbst. Glücklicher und selbstbewußter auszusehen als dieser, war nicht wohl möglich. Das schönste Mädchen von allen, die um die Linde tanzten, war die seine! Sie hatte sich erst ein bischen »geziert«, als er sie einlud, mit ihm auf den Platz zu gehen; aber wie bald hatte sie Ja gesagt! -- Mit welchem Vergnügen hatte sie's gesagt, und wie gern war sie mit ihm gegangen! Dumme Teufel mußten die gewesen sein, denen sie den Laufzettel gegeben! Er war gekommen, hatte gesprochen, und immer weicher war sie geworden und immer nachgiebiger, und jetzt konnte er mit ihr machen, was er wollte! Es lebe die Fremde! Wer nicht hinaus kommt, der kommt nicht heim, und bleibt ein Dummkopf, der überall das Nachsehen hat! -- Heute noch, beim Nachhauseführen, wollte er mit ihr reden wegen der Heirath, auf den Winter machte er Hochzeit, und damit basta!

Das Wohlgefallen, mit welchem die drei Studiosen zu ihm hersahen, schmeichelte unserm Dorfschneider ungemein. Er mußte freilich annehmen, daß ein Theil des Beifalls seiner Tänzerin galt -- aber war das nicht wieder eine Ehre für ihn? Sein Gesicht wurde vor Selbstgefälligkeit ordentlich runder, jedenfalls glänzte es »wie Wallerstein des Abends« (wenn die Sonne aus den Fenstern der terrassenartig aufsteigenden Häuser wiederstrahlt!) -- und seine Augen blickten beim Tanzen rechts und links, um nichts von den Eindrücken zu verlieren, die er hervorbrachte.

In solcher Stimmung ist man nicht geneigt, Andern Erfolge zu gönnen; und wenn einer dergleichen erzielt, fühlt man einen Trieb, ihn herunterzustechen. Die Heiterkeit, die ein paar von einem rüstigen Kerl gesungene lustige Liedchen hervorriefen, weckte des Schneiders Eifersucht. Er wollte auch ein Lied singen, das den »Herren« Spaß machte, und hatte schon den Mund dazu geöffnet -- als ihm derselbe Mensch zuvorkam. Verdrießlich hörte er zu, und wie in dem Text statt des Reims eine bloße Assonanz zum Vorschein kam, rief er, das Gesicht satyrisch-kritisch den Studenten zugewendet: »Reim de oder i friß de!« -- Der Sänger schaute den Burschen an und nach geendetem Reihen sagte er: »Desmol will e a bessers senga' -- paß auf!« Und er sang:

Doh droba'n auf dem Bergle bei dera' Kapell, Doh sitzen drei Schneider beir' Wasserbodell!

Allgemeine Heiterkeit war der Erfolg dieser Schnurre; auch die Gret, die im Verlauf des Tanzens etwas zerstreut geworden war, konnte sich nicht enthalten zu lächeln. Der Schneider ging auf Nadeln. Wie gern hätte er den Kerl zehnmal stärker getroffen! Aber es war ein Maurer, und er wußte kein Spottlied auf dieses Handwerk! Da half ihm die Entrüstung über die dumme Verhöhnung seines Metiers aus der Noth: sie gab ihm einen Reim ein, wodurch er den Hieb mit Zinsen wieder zurückzugeben hoffte. Er stellte sich resolut hin und sang:

Die Kleider der Leut' hat der Schneider gemacht, Und der ist a Narr, der die Schneider veracht'.