Part 35
Durch diese Bemerkung sah der Bursche seinen Argwohn bestätigt, er fühlte sich verkauft und verrathen und ließ eine »Schluap« herunterhängen, daß es die Alten Mühe kostete, ihm nicht geradezu ins Gesicht zu lachen. Nach einem Moment sagte der dritte mit ironischer Tröstung: »Was doh! Gspäß müssa' trieba' sei'! Sott jong Mädla' sticht manchmol der Uebermuth ond doh macha's eba' Norrheita'! A rechts Mannsbild verzürnt se desdawega net -- er kriegt's oh widder amol derfür!« -- »Ih« rief Michel in stolzem Unwillen, »ben d's erstmol ond d's letztmol von 'r a'gführt -- dohfür stand e guet!« -- Der erste bemerkte: »Ma' mueß nex verreda'!« Und vergnügt setzte er hinzu: »Wann ih no' mein Zwanzger hätt' (noch in den Zwanzigen wäre), nocht wißt' e, was e dät!« -- Michel versetzte: »I woeß oh, was e dua'!« -- Und mit einem scharfen Blick und entsprechender Kopfbewegung setzte er hinzu: »Globet 'r mers?« -- Der Alte lachte und sagte zu seinem Kameraden: »Was send des für jong Leut ietz! Glei da Kohpf verliera'! Doh hont se o's (haben wir uns) anderst gholfa' zu o'srer Zeit -- net wohr?« -- Er stieß mit ihm an; der Andre brachte eine Geschichte in Erinnerung, die dies bestätigen sollte -- Michel, dem das Vergnügen der »alten Narren« höchlich zuwider war, trat zu einem jungen Burschen, der ihn respektirte, und fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm wieder etwas beruhigt.
Der Abend kam heran -- man setzte sich an die Tafeln, um das letzte Mahl einzunehmen, das Interesse der Gäste wurde auf andre, wichtigere Dinge gelenkt, und nach dem feierlichen Schluß des eigentlichen Festes dachte mit Ausnahme der Nächstbetheiligten Niemand mehr an das Zwischenspiel auf dem Tanzboden.
Michel hatte wenig gegessen und demgemäß viel eingewickelt. Er blieb in dumpfer Stimmung sitzen und handhabte nur von Zeit zu Zeit den Bierkrug. Auf einmal erblickte er den Kasper an der Thür; er erhob sich, nahm sein Eingewickeltes und ging auf ihn zu. »No?« fragte Kasper, den die Neugier so früh zum Ansing geführt hatte, »wie stot's?« -- »Nor still!« versetzte Michel, »i will d'rs glei verzähla'!« -- Er führte ihn in ein gästeleeres Seitenstübchen, theilte ihm seine Erlebnisse mit und fragte mit der Miene der Unfehlbarkeit: »No, was sakst ietz? Hab' e Rehcht ghett -- hab' e O'glück mit deam Mädle?« -- Kasper hatte große Mühe gehabt, bei der Erzählung ruhig zu bleiben; aber auf diese Frage konnte er seine Meinung nicht zurück halten. »Brueder«, rief er, »bedenk doch --« -- »Still!« fiel Michel, der seine Absicht errieth, erzürnt ein, -- »red m'r nex zom Guata', oder du machst me böas! -- Mei' Lebteng sig' es nemmer a' -- ond mei' Lebteng gang e auf koe Hoaxet mea'!« -- »No, no«, erwiederte Kasper, der wohl sah, daß ihm heute mit Ernst und Vernunft nicht beizukommen war, lächelnd, »du wurscht doch auf dei' oegana' (eigene) ganga'?« -- »Halt's Maul« rief Michel in Verachtung solcher Späße und stand auf, um heimzugehen. Kasper fühlte die Pflicht, ihn zu begleiten.
Unterdessen hatte das Tanzen wieder begonnen. Der Schneider ging im Reihen, die Gret an der Hand, und sang ein lustiges Stückchen. Wie er den Michel mit seinem Päckchen an der Stiege sah, war er nicht sowohl schadenfroh als schadenselig, -- vom Siegesjubel hingerissen juxte er und tanzte er fortjuxend, bis ihm der Athem ausging. »Doh siksch!« bemerkte unser Bursche zu Kasper, während sie die Stiege hinuntergingen -- »so a miserabler Schneider, dear gar net he'falla' ka', weil 'r fliegt wie a Bettfeder -- des ist der recht Ma' für dia! -- No so mei'tweg -- dean soll's oh haba'.«
Ende gut, Alles gut.
Es ist eine eigenthümliche Sache um das Schicksal! -- -- Der Mensch will an einem schönen, glückverheißenden Ziel anlangen, aber der Weg, den er einschlägt, führt ihn nur weiter ab davon. Er nimmt die Lehre der Erfahrung an, er geht, die täuschende Bahn vorsichtig meidend, eine andere. Da gewahrt er, daß man durch Schaden immer nur sehr verhältnißmäßig klug wird: der erprobten Falle entgehend, stürzt er in eine andere. Er sieht den Zweck verloren. Wie sollte er ihn noch erreichen? So und so hat er ihn verfehlt. -- Auf einmal bringt ihn sein guter Genius in eine Situation, wo die Anwendung der ~ihm~ vorzugsweise verliehenen Gaben zum Siege führt! Und nun kann er sein Schicksal schmieden -- wenn er entschlossen ist, den Hammer zu schwingen und die von ihm geforderten Schläge zu führen.
Unser Bursche hatte ein Mädchen, die er liebte, foppen wollen -- und war von ihr gefoppt worden. Er hatte sie durch Ausführung ihrer Befehle erfreuen wollen -- und hatte sie durch Nichterfüllung ihrer Wünsche böse gemacht. Er hatte sich vor ihr und mit ihr auszeichnen wollen und hatte sich vor ihr und vor dem ganzen Dorfe mit Schande bedeckt. -- Was konnte für ihn das Schicksal noch bereit haben?
Zunächst stand seine Sache bei dem Mädchen so schlecht als möglich. Die Gret hatte in der That beschlossen, ihn aufzugeben, und der Unwille, der diesen Entschluß geboren, hatte ihn auch den Rest des Hochzeitabends aufrecht erhalten. Als sie am andern Morgen früh erwachte, war es ihr Erstes, das Geschehene zu überdenken. Und diesmal kam sie kein Lachen an -- ein tiefer Ernst nahm ihr Herz ein und blieb darin. »Es soll net sei'« -- das war das Ergebniß ihres Nachdenkens. »Er hot ebbes auf me ghalta', des will e net läugna'; aber er ist stolz wie a Reichsgrof, empfindlich wie a kloes Ke'd (Kind), grob wie Säuboanastroa' -- ond a Narr, wo ma'n a'sicht! -- Noe, noe!« rief sie. »Wann e sei' Weib wearat, hätt e me nex as z'schäma', ond wann e'm d'Worat saga' dät, wuhr'r (würde er) wüadeng ond --« -- Die Gret sah unwillkürlich die Arme Michels in einer gewissen Bewegung -- sie zuckte in ihrem Bette und sah mit weiblichem Stolz vor sich hin. »Des wurd m'r net passiera'«, rief sie zuletzt, -- »doh ben i guet derfür!«
Sie faßte mit Ernst und Ruhe den Entschluß, zu thun, als ob Michel nicht mehr auf der Welt wäre -- ihn nicht mehr anzusehen -- -- und zu überlegen, was sich für sie Anderes und Besseres schicken möchte.
Der Vorfall zwischen ihr und dem Burschen war gestern Abend noch in der untern Wirthsstube erzählt worden, und Niemand zweifelte daran, daß die Gret sich mit dem Ungeschickten einen Spaß gemacht habe. Als sie nun zu ihrem Vater hinunterging, stellte sie der Wackre ernstlich zur Rede und sagte zum Schluß: »Des loß nor onterwegs kenfteng, so'st dischgerier ih a Wöartle mit d'r! Der Michel ist a braver ond a fleißenger Mensch; ond wann 'r net danza' ka', so braucht m'n desdawega' net für da' Narra' zhalta'! -- I hoff«, setzte er mit aller Strenge hinzu, deren er fähig war, -- »i hoff, daß so ebbes nemmer fürkommt!« -- Das Mädchen, die ihrem Vater kein Bekenntniß ablegen wollte, begnügte sich zu erwiedern: »Doh hab koe Sorg! D' Schand ist für mi so groaß gwesa' wie für ihn -- i hab bodagmuag (bodengenug, genug bis auf den Boden) an dem oezengamol!«
Bald darauf kam der Schneider -- »em Vorbeiganga'«, wie er sagte. Er war vergnügt und sprach gemüthlich, indem er gewandt einige seiner städtischen Redensarten anbrachte. Das Mädchen sah ihn freundlich an und der Ernst wich im Geplauder mit ihm wenigstens aus ihrem Gesicht. -- Der Maurer schaute mit zufriedenen Blicken auf das Paar. Vetter Jakob hatte eine bessere Sölde als er, und mit der Nadel war's eine gute Mannsnahrung. Die jungen Leute gefielen sich und hatten ihre Freude an einander -- die Sache machte sich von selber. -- Als der Schneider wieder fort war, zeigte der Alte das Gesicht eines Vaters, der Aussicht hat, seine letzte Tochter nach Wunsch zu versorgen, und sagte: »Der Vetter ist a gueter ond a'n aufklärter Mensch! 'S hot doch ebbes Guet's, wamma'n a bisle en der Fremd gwesa'n ist! Dean hält gwihß koe Mädle für da' Narra'!« -- Die Gret sah für sich hin und ein leises Lächeln ging über ihr Gesicht. -- --
Wie das Mädchen, so war auch ihr bisheriger Liebhaber weiter als jemals von dem Punkte entfernt, den er so lang erstrebt hatte.
Michel war nach kurzem Abschied von Kaspar, der zum Ansing zurückverlangte, geräuschlos in sein Haus getreten und hatte der Mutter das Eingewickelte mit dem Bemerken übergeben: er sei müde und wolle gleich ins Bett gehen. Die Mutter wußte nicht, was sie aus dem ruhigen, aber durchaus unvergnügten Gesicht machen sollte, und fragte: ob er nicht getanzt habe! »Ond wia!« versetzte der Bursche mit einer Art von Humor, »daß se alle Leut' drüber gwondert hont! -- Aber ha'et ka'n e nemmer viel verzehla' -- morga' früa' ist oh no' Zeit! Guetnahcht!« -- Er ging in seine Kammer.
Vor Tagesanbruch erwachend hatte er das dumpfe Gefühl einer höchst widerwärtigen Geschichte. Als er sich das Vorgefallene deutlicher machte, verlor sich seine fatale Eigenschaft nicht -- es grinste ihn widerlich und peinlich und immer peinlicher an. Er seufzte tief auf -- und wollte davon wegsehen; aber das ging nicht. Seine Seele kam immer wieder darauf zurück, seine Gedanken liefen sonderbar hin und her. Einmal klagte er sich selbst an und wollte die Hauptschuld haben. Dann erinnerte er sich ihres »boshaften Lachens« und ihres Tanzens mit dem Schneider, und es schien ihm unzweifelhaft, daß die Gret falsch und er der Angeführte, der mit Fleiß Verhöhnte sei. Zuletzt rief er: »Was plog e me viel! -- 'S ist aus -- hab' Schuld dra' wer will!« --
Er stand auf und zog sich an. Der Mutter sein Versprechen wegen der Erzählung zu halten, fühlte er sich durchaus nicht in der Stimmung; deßwegen ging er sachte in die Stube, schnitt von dem Brotlaib in der Schublade des Tisches ein tüchtiges Stück ab, nahm eine Schaufel und ging auf's Feld, um an einem Graben weiter zu schaffen, den er herzustellen unternommen hatte. Er arbeitete »wie wild«. In körperlicher Anstrengung suchte er seinen Unstern mit Gewalt zu vergessen.
Als er um zehn Uhr heimwanderte, begegnete ihm in der Gasse -- die Gret. Hätte er beschlossen gehabt, sie zu grüßen, so würde er's nach einem Blick auf sie doch unterlassen haben. Seine scharfen Augen gewahrten in ihrem gespannten Gesicht einen Ernst und einen Trutz, der ihm auf's Deutlichste sagte, sie wolle ihn nicht ansehen, nichts mehr von ihm wissen. Er machte ein Gesicht, dem ihrigen ähnlich, und stumm gingen sie aneinander vorüber. -- Sollte er jetzt noch zweifeln, daß er der Genarrte war und der Schneider der Vorgezogene?
Als er -- man sagt sich, in welcher Laune -- nach Hause kam, war die Mutter von dem Ereigniß auf dem Tanzboden schon unterrichtet. Durch das Betragen des Burschen stutzig gemacht, war sie bald nach dem einsamen Frühstück zu einer Nachbarin gegangen, die auf der Hochzeit gewesen, und hatte Alles erfahren. Sehr unangenehm berührt von der Niederlage des Sohnes, urtheilte sie doch über die Gret anders als die Leute, und am fatalsten war ihr daher zuletzt Michels Grobheit gegen das Mädchen. Sie nahm sich vor, ihm tüchtig ihre Meinung zu sagen.
Nach einem leichten mütterlichen Tadel, daß er heute ohne etwas Warmes fortgegangen sei, erinnerte sie ihn, ihre Wissenschaft verbergend, an sein Versprechen. »Ach Gott«, erwiderte Michel ungeduldig, »'s ist gar net d'r Müa' wearth dervo' z'reda'!« -- »Ja, ja«, versetzte die Mutter, indem sie ihm sehr ernsthaft in's Gesicht sah, »i glob's scho', daß d' net geara' dervo' redst! Ist des a Benemma' für'n Menscha', der ballvoll (bald voll) semna zwanzg Johr alt ist! Ander Leut wearat gscheidter wann's älter wearat, ond du wurscht allweil o'gscheidter ond allweil dommer!« -- Von diesem Vorwurf der Mutter wenig berührt, entgegnete Michel: »Du woescht (weißst) also scho' Alles?« -- »Ja freile woeß e Alles!« erwiederte die Mutter. »Redt ma' ja überal dervo' em ganza' Doraf ond lacht de aus!« Und mit einer Miene zugleich der Bekümmerniß und der Anklage setzte sie hinzu: »'S ist also ganz zom Verzweifla' mit dir! So o'gschickt sei'! So grob sei' gega'n a Mädle, die's so guet mit oem moet« -- -- »So«, fiel Michel ein, »die moets guet mit mir? -- Wie hätt se's (sie es) denn zoegt (gezeigt)?« -- »Des sicht ma'n aus allem«, erwiederte die gute Frau. »Ond wannd' a gscheidter Kerl gwesa' wärst, nocht hättst a Weib kriega' könna', wie's koena' mea' git dohrom!«
Diese Versicherung mußte dem Burschen nach der von ihm gewonnenen Ueberzeugung durchaus haltlos vorkommen. In der vollen Gewißheit des Rechthabens entgegnete er: »I will d'r ebbes saga'! Wart no' a baar Wucha' ond dua' dei' Oga'n auf, nocht wurscht seha', mit weams ~dia'~ guet moet!« -- Durch den sichern Ton des Burschen etwas getroffen, aber sich nichts ansehen lassend, erwiederte sie: »Du bist a Mensch voller Ei'bildenga'! Ond ih sag: ha'et könntst no' alles guet macha', wann d' a Kerl wärst! Auf da' Sonnteng über vierzea' (vierzehn) Dag ist d' Kirwe (Kirchweih). Gang en d'Zech, führ de auf, wie's 'm rechta' Burscht ghöart, tanz nommol mit'r --« --
Das war dem guten Michel zu viel. Das Zureden der Mutter war mit Schuld an seinem Unfall auf der Hochzeit -- -- und nun sollte er wieder tanzen -- mit derselben, die ihn -- Er war in tiefster Seele verdrießlich und erwiederte mit gerechter Entrüstung: »Du host haba' wölla', i soll danza' -- i hab' danzt en d's Deufels Nama, ben he'schlaga' ond hab' me auslacha' lossa'. Ond ietz bist no' net z'frieda' ond willst, i soll me nommol für da' Narra' haba'n ond auslacha' lossa? A' -- doh möcht oen ja glei d's Donner onds Wetter -- -- -- Ietz lohs (höre), i will d'r ebbes saga'! I dua mei' Arbet ond leb wie's 'm ordentlicha' Menscha' ghöart -- ond em Uebrenga' bitt e m'r 'n Ruh' aus! Danza' mueß ma' net -- ond heiricha' mueß ma'n oh net! Was Sakerment! -- soll e denn grad allweil die Sacha' doa', die e net mag?« -- Die Mutter konnte hierauf nichts erwiedern als die Achseln zucken, wie über einen Verlorenen. Michel, der sich schon gewendet hatte, ging mit starken Schritten aus der Stube.
Im Verlauf der nächsten Woche kam der Schneider zum Maurer, eröffnete der Gret, daß er in die »Zech« gehen wolle, und fragte mit eben so großer Artigkeit als Zuversicht: ob er sie nicht auf die Kirchweih führen dürfe! -- Das Mädchen sah ihn schweigend an und sagte endlich: »I glob net, daß des got!«
Sich von einem Burschen auf die Kirchweih führen lassen und consequenterweise mit ihm auf dem Platz tanzen, hieß so viel als: ein bestehendes oder werdendes Verhältniß mit ihm offen bekennen. Zuweilen geschah es allerdings auch aus Freundschaft, daß man zusammen die Kirchweihfreuden genoß; allein das waren eben nur Ausnahmen und immer hatte das Eingehen auf einen Vorschlag, wie er dem Mädchen gemacht wurde, etwas Verpflichtendes und -- Verfängliches.
Das Bedenken der Gret werden unsre Leser nun besser begreifen, als der Schneider und ihr Vater. Der Bursche rief höchlich überrascht: »Worom denn net?« Und der Maurer setzte hinzu: »Ja, des möcht' e oh wissa'!« -- Die Gret wollte begreiflicherweise nicht sagen, was sie eigentlich für eine Empfindung hatte; sie erwiederte zögernd: »I muß d'r aufrichteng saga', Jakob, i hab m'r auf d'r letschta' Hoaxet gemuag danzt! -- i hab koen Luhst mea' derzue! -- Der Schneider fragte erstaunt: »Willst also gar net ens Wirthshaus ganga'?« -- »Beinah hab' e so ebbes em Send (im Sinn)«, erwiederte die Gret. -- Der Alte rief: »Gang weiter -- des ist widder so a'n Ei'fall! Morga' denkst anderst!« -- Die Gret, für jetzt zufrieden, nur Zeit zu gewinnen, versetzte: »'S ka' sei'! -- Reda'mer (reden wir) a'nandersmol dervo' -- 's hot ja no' Zeit!« -- Dem Schneider war es höchst fatal, einen Antrag halb ausgeschlagen zu sehen, der, wie er gemeint hatte, mit der größten Freude sollte aufgenommen werden. Allein er mußte sich in ihre Laune fügen und ließ die Sache fallen, in der Hoffnung, sie das nächstemal bereitwilliger zu finden.
Ein paar Tage später, an einem schönen, milden Septembermorgen, ging die Gret ins »Ohmed«. Nicht weit vom Dorfe sah sie den Michel gegen sich herankommen, mit einer Miene, die ihr auffallen mußte. -- Der gute Bursche hatte sich in der That Ruhe verschafft in seinem Hause -- weder die Mutter noch Kaspar sprachen mit ihm fernerhin über die Gret und über's Tanzen. Aber in dieser Ruhe war er traurig geworden; der Unmuth seiner Seele hatte sich in Schwermuth verwandelt. -- Ihm war's auch einmal eingefallen, glücklich sein zu wollen, wie andere Leute -- doch für ihn gab es kein Glück! Durch seine oder ihre Schuld -- sei's, wie's sei -- war er drum gekommen und nun hatte er ein Leben vor sich ohne Lust und ohne Liebe und ohne Freude. Dieser Gedanke drängte sich ihm auf, er kämpfte nicht dagegen an, er unterwarf sich -- und seine passiv ergebene Seele ward ein Raub der Melancholie.
Die Gret, wie sie ihn einem Träumenden ähnlich, die Miene traurig, aber ruhig und auch in der Trauer noch mannhaft, an sich vorübergehen sah, bekam eine Ahnung von seinem Zustande. Sie schaute ihm lange nach -- und ging tief in Gedanken weiter.
Als sie nach Hause kam, war der Vetter wieder erschienen und erneuerte seinen Vorschlag. Das Mädchen sah ihn mit glänzenden Augen, mit einer Art von wehmüthigem Lächeln an und sagte: »No mei'tweg! -- -- 'S wurd ja nex O'rechts sei, was e dua'!« -- Das Gesicht des Schneiders hatte der Schimmer des Triumphes überflogen und mit stolzem Behagen rief er aus: »Ebbes O'rechts? I möcht wissa', worom!« Dann sah er sie schlau an und bemerkte: »Du wurscht m'r doch net zutraua', daß ih ebbes O'rechts im Senn hab?« -- Die Gret konnte nicht umhin, ein wenig zu lachen und erwiederte heiter: »Des net.« Etwas ernster setzte sie hinzu: »No, du bist mei' Vetter, ond von 'm Vetter därf ma' scho'n a Gfälligkeit a'nemma! 'S got eba'n en d' Froedschaft!« -- Der Maurer sah vergnügt auf sie und murmelte: »Guet!« -- --
Der Inbegriff aller Fröhlichkeit und aller Genüsse des Dorfes -- das Hauptfest im ganzen Jahr -- die ~Kirchweih~ kam heran. -- In damaliger Zeit wurde dieses Fest ebenfalls anders gefeiert, als gegenwärtig; bevor wir daher in unsrer Erzählung weiter gehen, ist es nothwendig, auch hierüber einige Bemerkungen vorauszuschicken.
Zur Zeit des alten deutschen Reiches erhielt die Rieser Kirchweih außer der kirchlichen noch eine gerichtliche Sanction. Der Amtknecht der betreffenden Behörde verkündete feierlich das »Friedbot« und tanzte beim »Platzaufführen« die ersten drei Reihen allein -- damit erklärend, daß die Lustbarkeit einen Charakter haben müsse, der vor der Macht, die er vertrat, auch bestehen könne. In der Zeit, in welcher unsre Geschichte spielt, war dieß weggefallen, aber die Lustbarkeit verlief doch noch in einer Reihe bestimmter Formen. In gewissem Sinne war an die Stelle des Amtknechts ein Dorfbursche getreten, der »den Platz kaufte«, d. h. gegen Erlegung einer gewissen Summe an den Gerichtsdiener den Namen des »Platzmeisters« und eine Anzahl von Rechten erwarb. Er durfte am Kirchweihmontag und an dem darauf folgenden Sonntag, durch einen geputzten dreispitzigen Hut ausgezeichnet, im Verein mit andern Paaren einen Tanz im Freien, auf geebnetem Platz, wo möglich um einen Baum, aufführen und ihn durch dreimaliges Alleintanzen einleiten. Zur Vergütung seiner Auslagen und Bemühungen durfte er am ersten Sonntag eine Ente, am letzten einen Hut oder ein ähnliches Möbel herauspaschen lassen, wobei der Einsatz den Werth des Gegenstandes natürlich bei weitem überstieg; deßgleichen einen Kegelplatz anlegen, der gleichfalls gute Procente abwarf. Verstand der Platzmeister, der in der Regel noch einen zweiten als Gehülfen zur Seite hatte, die Leute recht zum Paschen und Setzen heranzukriegen, und wurde bei guter Witterung fleißig gekegelt, so fiel nicht nur der mäßige Kaufpreis des Platzes ab, sondern auch noch die Summe für die Zeche an den Kirchweihtagen. Daraus ergiebt sich, daß nur unbemittelte Bursche -- Söldnerssöhne oder Knechte -- Platzmeister wurden, indem Bauernsöhne derartige Erwerbungen unter ihrer Würde halten und sich vielmehr berufen sehen mußten, ungewöhnlich viel Geld springen zu lassen. Für das Dorf waren aber doch die Platzmeister die Hauptpersonen.
Genauer zu reden hätten wir nämlich sagen müssen: das Kirchweihfest ~konnte~ zu jener Zeit noch in bestimmten Formen verlaufen -- eben wenn die Stelle des Platzmeisters erworben wurde. Fand sich dazu Niemand bewogen, dann war die Kirchweih ein einfaches Tanzfest, zum wenigsten in unserm Dorfe. Nicht nur das Kegelspiel und das Tanzen auf dem Platz fiel weg, sondern auch das uralte Abholen der Mädchen mit Musikanten und das Tanzen in den Häusern derselben. Eine solche Kirchweih hatte aber »keinen rechten Ton«, jeder ächten Bauernnatur mußte dabei etwas fehlen -- und das Auftreten eines Platzmeisters, der auch nur ausnahmsweise mangelte, wurde daher immer mit Freude begrüßt.
Die letzten Jahrzehnte sind auch für die Kirchweihgebräuche kritisch gewesen -- das Platzaufführen mit allem, was damit zusammenhing, ist aus der Reihe der Festesfreuden gestrichen. Während die Alten diesen Brauch als moralisches Mittel benutzten -- denn Burschen und Mädchen, die nach dem Rieser Ausdruck »schon so vorgekommen«, d. h. nachweislich vom Wege der Ehrbarkeit abgewichen waren, durften nicht mit klingendem Spiel in's Wirthshaus ziehen und »auf den Platz gehen!« -- erschien in neuerer Zeit das Jauchzen, Spielen und Tanzen im Freien als ein nicht zu duldender Skandal, der zunächst wenigstens in einen geschlossenen Raum verwiesen werden müsse. In der jüngsten Zeit ist durch den Befehl, daß alle Kirchweihtänze des Kreises Schwaben und Neuburg an einem und demselben Tag abzuhalten seien, dem Rieser Kirchweihfest die letzte Zierde und Würde des Brauches genommen worden. Von andern prosaischen Uebelständen abgesehen ist dadurch nämlich die ~Gastfreundschaft~ unmöglich geworden, die in den Tagen des Festes von Befreundeten verschiedener Dörfer wechselseitig geübt wurde. Die Bauern können nun höchstens noch die Beamten aus der Stadt »auf die Kirchweih laden«, sich selbst aber nicht mehr -- die Feier ist auf die Bewohner eines Dorfes oder Dörfleins beschränkt und nichts weiter als ein gewöhnliches Essen und Tanzen ohne bräuchliche und poetische Weihe.